NACH DEM ZUSAMMENBRUCH DES „DRITTEN REICHES“

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Nach dem Zusammenbruch
___________________Die Ausgangslage______________________
NACH DEM ZUSAMMENBRUCH DES „DRITTEN
REICHES“
Die Ausgangslage
Um die spannende Geschichte von der Gründung der Christlich Demokratischen Union zu verstehen, muss man zunächst die damaligen Zustände im besiegten und weithin zerstörten Lande kennen. Denn Deutschland war in einer Situation, die nur mit den Erfahrungen der heutigen Generation nicht zu begreifen
ist. Im Mai 1945 war es „Fünf Minuten nach 12 Uhr“. Das jetzt tragisch zerstückelte Deutsche Reich gab es nicht mehr, es gab keine Regierung, keine Verwaltung, außer der britischen Militärregierung keine politische Autorität mehr. Und
die Überlebenden fragten sich, wie ein neuer Anfang gemacht werden kann.
Es gab ja Männer und Frauen, die über ihre eigene persönliche Existenz
hinaus blickten und das öffentliche Leben wieder ordnen wollten. Sie wurden politisch aktiv. Aber dazu brauchten sie eine Partei, die ihren jeweiligen Vorstellungen entsprach. Und als Lehre aus den letzten Jahrzehnten wollten viele christlich
orientierte Menschen nun eine neue christlich orientierte Partei
Die Gründung dieser neuen Partei vollzog sich von unten, und zwar - mit
kleinen zeitlichen Unterschieden - überall in Rest-Deutschland. Also auch -und
nicht zuletzt- in der Sowjetzone, der späteren DDR. Sie war dabei nicht zuerst das
Werk von Führungspersönlichkeiten, die aufgrund ihrer Stellung vor der Nazizeit
zur Gründung einer neuen Partei hätten aufrufen können. Das wäre ohnehin
schwierig gewesen.
Denn es gab ja im zerstörten Deutschland nur noch wenige Verkehrs- und Telefonverbindungen, und es fehlten anfangs auch entsprechende Presseorgane. Viele bewährte Demokraten waren im Krieg umgekommen oder noch
nicht wieder aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt. Der Kampf ums Überleben fesselte nun alle in einem heute kaum vorstellbaren Maße. Wohnung, Familie,
Arbeit und Brot standen im Vordergrund. Und für die Sorgen der Allgemeinheit,
für den Aufbau einer neuen Gemeinde, eines neuen Staates, blieb bei den meisten
nur wenig Raum. Wir Heutigen können nur staunend nachlesen, welche Lasten
diejenigen auf sich nahmen, die über die eigene Not hinaus sich sorgten um Ge-
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meinde, Demokratie und einen neuen Staat, der auf christlichen Grundwerten aufgebaut sein sollte.
Bei der Feier des Goldenen Jubiläums des CDU-Kreisverbandes im Jahre
1995 zitierte Ehrenvorsitzender Dr. Anton Gerdemann in seiner Festrede das „Alliierte Nachrichtenblatt Nr.2“ vom 19.5.1945:
„Es ist eine furchtbare Prüfung, durch die ihr durchgehen müsst, deutsche
Menschen. Eine Prüfung ohne Muster und Beispiel in der Weltgeschichte. Nicht
dass eure deutschen Armeen zerschlagen und gefangen sind, nicht dass eure blühenden Städte in Trümmern liegen, nicht dass Millionen von euch aus ihren verkohlten Wohnstätten vertrieben, obdachlos und hungrig über die Landstraßen
wanden. Nicht in all diesem Elend, wie grauenhaft es auch ist, liegt die furchtbare
Prüfung, der ihr unterworfen seid. Dasselbe Elend, das euch jetzt hohläugig
durch Ruinen jagt, habt ihr den anderen Völkern Europas kalten Herzens bereitet.
Und habt euch nicht einmal umgesehen nach dem Jammer, der euer Werk war.
Die Völker haben diesen Jammer überdauert. Auch ihr werdet den Jammer überdauern. Unter einer einzigen Bedingung freilich: Dass ihr eure Seele rettet. Und
dies ist die furchtbare Prüfung und die große Frage:
Wird Deutschland seine Seele retten?
Und Dr.Gerdemann stellte dann fest: „Die mutigen Frauen und Männer der ersten
Stunde gaben die Antwort.“
Und warum nicht das bewährte Zentrum wieder beleben?
Auch nach 12 Verbotsjahren unter den Nazis gab es noch viele frühereZentrumsleute, die bereit waren, am Wiederaufbau mitzuwirken. Da gab es beispielsweise in Rheine den von den Nazis 1933 sofort aus der Schule entfernten
Studienrat und letzten Zentrumsvorsitzenden Wilhelm Hilgenberg, der nach dem
Kriege Oberstudiendirektor und Leiter des Gymnasiums Dionysianum in Rheine
wurde. Er kannte aus der gemeinsamen Zentrumszeit seinen Berufskollegen Johannes Brockmann in Münster. Beide waren sich im Grunde darin einig, was jetzt
zu geschehen habe in Staat und Gesellschaft. Doch Brockmann verharrte dabei im
Hergebrachten, während Hilgenberg die Idee der politischen Union aller Christen,
eine Christlich Demokratische Union wollte.
Unvergesslich für die damals Aktiven war wohl eine große Veranstaltung im Paulushaus zu Rheine, wo beide miteinander über diese Frage öffentlich diskutierten. - Es fanden unzählige Gespräche und Verhandlungen statt, ohne
dass es zu einer Annäherung kam. Übrigens wurde Wilhelm Hilgenberg fast
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selbstverständlich der erste Vorsitzende der CDU in Rheine, und auch der erste
Vorsitzende der Ratsfraktion.
Sicher wäre es leichter gewesen, die Strukturen der alten Zentrums-Partei
wieder aufzubauen als eine völlig neue Partei zu schaffen. Zumal bei uns, denn
das Münsterland gehörte zu den Hochburgen des Zentrums. Tatsächlich wurde ja
auch schon am 24.10.1945 in Soest das Zentrum wieder neu gegründet. Namen
von Zentrumsgrößen wie Johannes Brockmann und Dr. Reismann waren noch bekannt und hatten einen guten Klang. Auch stand anfangs die katholische Geistlichkeit meist auf der Seite des alten Zentrum, und das bedeutete damals schon eine Menge. Und dieser Zentrumsneugründung war auch die Kritik im Rundschreiben Nr.1 der „Landesgeschäftsstelle der CDP“ in Dortmund gewidmet.
Am Zentrum klebte nun einmal das Etikett „katholisch“, obwohl die Führung sich in den letzten Jahren vor 1933 und auch nun bei der Wiederbegründung
viel Mühe gegeben hatte, das zu ändern. Die zentrale Überlegung unserer Gründerväter war nicht nur, wie wir nach den unsäglichen Ereignissen unter den Nazis
ein Staat auf christlichen Grundwerten aussehen müsste. Sondern: Wie kann gegen die Linksparteien eine Mehrheit erreicht werden? Denn die verhängnisvolle
politische Zersplitterung während der Weimarer Republik steckte den Politikern
noch in den Knochen. Die christlichen Kräfte beider Konfessionen sollten in einer
starken Partei zusammen arbeiten und so Mehrheiten für die Gestaltung des neuen
Staatswesens erreichen. Gemessen an der Zeit vor 1933 war dies geradezu revolutionär, denn damit würde die Spaltung unter den Christen, die bei uns eine 500jährige leidvolle Geschichte hatte, wenigstens auf der politischen Ebene endlich
beendet.
Und schließlich hatten gemeinsame Schicksale vieler Katholiken und Protestanten in den Jahren der Naziherrschaft manche Trennungslinie beseitigt. In
Widerstandskreisen waren während des Krieges hierzu bereits Grundlinien besprochen und teilweise konkrete Planungen ausgearbeitet worden. Es darf sogar
festgestellt werden, dass die Gründung der CDP/CDU „unmittelbar aus dem Kreise der Männer und Opfer des 20.Juli erwachsen ist und sich weitgehend auf die
geistige Vorarbeit dieses Kreises stützt.“ (so schrieb Peter Hermes, der Sohn des
Gründungsvorsitzenden in Berlin.) Dass angesichts der überörtlich fast nicht mehr
vorhandenen Kommunikationsmöglichkeiten in den ersten Monaten nach dem totalen Zusammenbruch so spontan und an so vielen Orten gleichzeitig die Gründung der neuen christlichen Partei stattfand, beweist auch, dass die Erwartungshaltung bei den meisten christlichen Politikern auf diese Neugründung hinauslief.
Die Zeit war reif.
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Größtes Hindernis: „Von Politik die Nase voll!“
Die Männer der ersten Stunde hatten nicht nur mit den äußeren Zerstörungen sowie der existentiellen Not zu kämpfen. In der Bevölkerung entwickelte sich
durch die bitteren Erfahrungen der Nazizeit eine heftige Abneigung gegen alles,
was mit Politik zu tun hatte, man „hatte die Nase gründlich voll“. Aber die Wurzeln dieser Abneigung lagen wohl auch schon in den Erfahrungen mit der Weimarer Republik und in deren Unfähigkeit, mit den Folgen des 1.Weltkrieges fertig zu
werden. Und es hatte 1933 viele gegeben, die sich gerade deshalb mehr oder weniger blauäugig dem Nationalsozialismus zugewandt hatten. Und viele waren der
NSDAP - oder auch nur einer der vielen Unterorganisationen beigetreten.
Diese Unterorganisationen erschienen vielen ja auch recht attraktiv: Kraftfahrt-, Segelflug-, Marine- und Schießsport-Anhänger fanden hier Möglichkeiten
zur Ausübung ihrer Hobbys. Sie fühlten sich nicht als „in der Partei“, und das
„bisschen lästigen NS-Parteikram“ nahm man beim Hobby in Kauf. Die Jugend
beispielsweise fand bei der Hitlerjugend durchaus auch Jugendgemäßes vor.
Schließlich hatte die Hitlerjugend zunächst vieles aus den bestehenden Jugendverbänden übernommen, nicht zuletzt das Fahrtenleben und einen großen Teil des
Liedgutes der Jugendbewegung. Sogar einige kurzsichtige Kirchenführer hatten ja
eingewilligt, die katholischen Jugendverbände in die Hitlerjugend zu überführen.
Dass die Hitlerjugend von Jahr zu Jahr stärker auf Ideologie und vormilitärische
Ausbildung hinauslief, „das war nun einmal so“. – Und von der Mitgliedschaft in
der Partei hing für viele Erwerbstätige ja schließlich der Erhalt oder die Entwicklung ihrer beruflichen Existenz ab.
Etwa seit 1935 gab es außerhalb der Partei weder eine Vereins- oder Jugendarbeit und kaum noch eine sportliche Betätigung. Die einzige Alternative wäre der totale Rückzug auf die eigenen vier Wände gewesen. Das konnten sich
nicht alle leisten. (Nur wenige konfessionelle Jugendgruppen auch in unserem
Kreisgebiet führten, begleitet von mutigen Geistlichen, ein gefahrvolles Gruppenleben im Verborgenen.) Dann kam der fürchterliche Krieg und sein Ende. Und
nun, nach dem totalen Zusammenbruch 1945, mussten viele Menschen erkennen,
dass sie von ihren Führern ausgenutzt worden waren. Sie fühlten sich jetzt an den
Pranger gestellt, wurden angefeindet, für den Krieg und dessen Folgen verantwortlich gemacht - und viele fühlten sich auch einfach blamiert. Für diejenigen,
die an herausgehobener Stellung in der Partei gearbeitet hatten, gab es nun ganz
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erhebliche Beschränkungen, die bis zum Verlust ihrer bürgerlichen Existenz gingen. - Die Zahl der Enttäuschten war also riesig.
Die Not und dieses Gefühl der Enttäuschung wirkten auf das Bewusstsein
der Bevölkerung entscheidend ein. Und manch einer der Gründer der CDP/CDU
bezeichnete in späteren Jahren diese daraus entstandene innere Politikverweigerung der Deutschen schlimmer als alle äußeren Hindernisse. Kandidaten für die
ersten kommunalen Vertretungskörperschaften zu finden, war darum sehr
schwer, vor allem, wenn sie gleichzeitig ja auch der neuen Partei beitreten sollten.
Und wie sollte mit beitrittswilligen ehemaligen NSDAP-Mitgliedern verfahren werden? Die Empfehlungen lauteten, sie nicht in führende Positionen gelangen zu lassen. Aber „eine einfache Parteizugehörigkeit sollte kein Grund sein,
eine ehrlich gemeinte Mitarbeit oder Mitgliedschaft zurückzuweisen“ hieß es. Die
Entscheidung wurde in die Hände der jeweiligen Vorstände gelegt. Diese „Vergangenheitsbewältigung“ war ein schweres Stück Arbeit, und menschlich oft sehr
schmerzhaft. Unverdächtige Persönlichkeiten, z.B. die Pfarrer, erteilten vielen „Ehemaligen“ eine Ehrenerklärung, den sog. „Persilschein“. Manchmal vielleicht zu
großzügig, wie viele meinten.
Hier sei eine Anmerkung erlaubt: Man kann viele Vergleiche ziehen zwischen den
beiden „Wenden“ 1945 und 1989. Aber die riesigen Unterschiede liegen auf der
Hand: Die Naziherrschaft dauerte „nur“ zwölf Jahre, und bewährtes Personal
aus der Zeit vor 1933 stand, noch zur Verfügung, darunter ehemalige Minister,
hohe Beamte und Politiker, wenn auch durch Verfolgung und Krieg stark dezimiert. - In der Sowjetzone/DDR aber lagen zwischen 1933 und 1989 rund 55 lange Jahre.
Auch ein Problem: Die britische Besatzungsmacht
Eine andere Sache war es, mit der britischen Besatzungsmacht klar zu
kommen. Diese hatte aus Sorge um Nachwirkungen des Nazismus zunächst jegliche politische Tätigkeit verboten. Man brauchte ja, so dachte man, vor allem Zeit
für eine „politische Umerziehung“ der Deutschen. Aber bereits die Potsdamer
Konferenz vom 17.7. bis 23.8.1945 legte fest, dass demokratische Parteien, Versammlungen und öffentliche Diskussionen zu erlauben sind. Einige Wochen später erließ die britische Militärregierung für den Bereich ihrer Zone die Verordnungen Nr. 8 bis 12, mit denen dies konkretisiert wurde. Es zeigte sich, dass die Sozialdemokratie, die man ja noch aus der Zeit vor 1933 kannte, eindeutig von der Mi-
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litärregierung bevorzugt wurde. Schließlich war in Großbritannien ja auch die Labor-Partei, eine Schwesterpartei der SPD, an die Regierung gelangt. Neue Parteien, wie auch die CDP/CDU, wurden dagegen von ihr recht argwöhnisch betrachtet. Als verhängnisvoll stellte sich dabei auch die Vorliebe der Besatzungsmacht
für links ausgerichtete Presseorgane heraus. Mancher Zeitungsherausgeber trat aus
diesem Grunde damals kurzerhand der SPD bei. Und diese hatten einen weit
leichteren Start als andere Zeitungen.
FK Leser mit Hut und Pfeife, und ein Soldat
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Wie schwierig es war, Flugblätter oder gar Plakate herstellen zu lassen,
geht auch aus einer Mitteilung der Stadtverwaltung Münster vom 10.12.1945 hervor: Der Druck von Plakaten und Blättern für zugelassene politische Parteien sei
zwar nunmehr erlaubt. Voraussetzung sei aber, dass die Arbeiten von einem registrierten Drucker auf „vorrätigem und nicht gesperrtem Papier“ ausgeführt werden. Und vor dem Aushang müssten noch Probeexemplare zur Genehmigung vorgelegt werden.
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