Detlev Glanert
„Fluss ohne Ufer“ für
großes Orchester (2008)
RSO Konzertzyklus 5
Do 14. Januar 2016, 19.30 Uhr
Fr 15. Januar 2016, 19.30 Uhr
Konzerteinführung jeweils 18.30 Uhr
Stuttgart, Liederhalle, Beethoven-Saal
außerdem im Programm:
Ravel, „Le Tombeau de Couperin“ (Unterrichtsmaterial verfügbar)
Mozart, Klavierkonzert Nr. 24 (Unterrichtsmaterial verfügbar)
Roussel, Sinfonie Nr. 3
Piotr Anderszewski, Klavier
Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR
Dirigent: Stéphane Denève
(Live-Übertragung zeitversetzt ab 20.03 Uhr auf SWR2 am
15.01.2016)
Autorin: Anja Renczikowski
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Inhalt
I. Detlev Glanert – Komponist, Erforscher und musikalischer Bildhauer .............................. 3
II. „Fluss ohne Ufer“ – düster und geheimnisvoll .................................................................. 5
III. Ausführende ..................................................................................................................... 7
Stéphane Denève............................................................................................................... 7
Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR...................................................................... 8
IV. Quellen / Wo gibt es mehr? ........................................................................................... 10
V. Unterrichtsmaterial ......................................................................................................... 11
Ein Leben in Stichworten ................................................................................................. 11
Daten zum Werk .............................................................................................................. 13
VI. Unterrichtliche Hinweise ................................................................................................ 14
1. „Fluss ohne Ufer“ ist quasi eine orchestrale Vorstufe zu Detlev Glanerts Oper „Das
Holzschiff“. ........................................................................................................................... 14
2. Die literarische Vorlage von „Fluss ohne Ufer“ – die Romantrilogie von Hans Henny
Jahnn. ................................................................................................................................... 17
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I. Detlev Glanert – Komponist, Erforscher und musikalischer Bildhauer
Warum sollte man eigentlich in den Konzertsaal gehen? Warum sich ein neues Stück anhören, das für den vermeintlich höchst „antiquierten“ Orchesterapparat, den es schon vor
weit mehr als 150 Jahren gab, anhören? Für Detlev Glanert ist die Antwort: „Wenn man genügend Neugier mitbringt, kann man viel mitnehmen und ganz neue Erfahrungen machen“.
Er selbst begeisterte sich als Teenager für die Musik u.a. von Gustav Mahler. Erst viel später
im Alter von 30 Jahren interessierte er sich auch für die sogenannte populäre Musik. Als Junge fesselte ihn „Die Zauberflöte“. Ganz klar, das war schöne Musik für ihn. Zwei Wochen
später hörte er Bernd Alois Zimmermanns „Die Soldaten“ und war zunächst irritiert. Doch
dann ließ er sich auf das Abenteuer ein und hörte das Stück immer und immer wieder und
war schließlich beeindruckt und hingerissen. Ähnliches rät er seinen Zuhörern heute auch.
„Am besten man hört so viel wie möglich, geht vielleicht schon in die Proben oderspäter in
eine zweite Aufführung. Es gibt viel zu entdecken und das erkennt man meist erst beim wiederholten Hören.“
Detlev Glanert selbst hat viele verschiedene Lehrer gehabt, darunter Diether de la Motte
und Hans Werner Henze. Probleme sich abzugrenzen hatte er nicht. „Wenn junge Komponisten anfangen zu arbeiten, kopieren sie alle. Das ist ganz normal. Erst mit der Zeit lernt man
sich selbst zu finden.“ Glanert hat seinen ganz eigenen Stil gefunden. Expressiv ist seine Musik, strukturell und philosophisch – aber immer auch greifbar. Das mag auch daran liegen,
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dass er sehr viel mit optischen Eindrücken arbeitet. „Ich würde das mit einem Bildhauer vergleichen. Bildnerische Eindrücke sind für mich sehr wichtig. Ich sammele sie und dann entwickeln sich daraus Ideen. Das passiert zu ganz unterschiedlichen Gelegenheiten. Mal sehe ich
ein Bild oder ich beobachte ein Gespräch zwischen zwei Menschen.“ Um all diese Eindrücke
einzufangen, führt Detlev Glanert eine Art Sammelbuch, wo er alles festhält. „Das Leben der
meisten Komponisten würde nicht reichen, wenn sie alle ihre Ideen auch verwenden würden“,
erklärt Detlev Glanert lachend. Doch wie verwandeln sich Ideen zu ganzen Musikstücken?
Detlev Glanerts große Liebe gilt der Oper. Dort verarbeitet er Geschichten aus der Historie
oder verwendet literarische Vorlagen, etwa die Kammeroper „Leviathan“ nach Thornton
Wilders „Dreiminutenspielen“, die Oper „Der Spiegel des großen Kaisers“, in der ein Kaiser
im Jahre 1235 in Palermo eine Vision von der Zukunft hat. „Caligula“ basiert auf Albert Camus‘ Abhandlung über die Tyrannenherrschaft eines römischen Kaisers (und die Tyrannen
heute) und „Solaris“ – spannend für alle Science Fiction -Liebhaber – beruht auf dem berühmten Roman von Stanislaw Lem. Aber alle Opernstoffe interessieren ihn nur, wenn sie
mit heutigen Ereignissen und Problemen zusammenhängen.
Im Ausland wurde Detlev Glanert in erster Linie durch seine Kammermusik und Orchesterwerke bekannt. Einige Sinfonien hat er geschrieben, aber auch viele Ensemblestücke. Der
Komponist ist ein Sammler, der auch das Handwerk des Komponierens einfach liebt. Viele
Werke müssen langsam wachsen und so trägt Glanert Ideen, Eindrücke zusammen. Manchmal braucht es einfach Zeit, sich in die jeweils neue Klangsprache einzuarbeiten und so entstehen im Vorgriff auf das Musiktheater auch einzelne Orchesterwerke, wie etwas das Orchesterstück „Theatrum bestiarum“, quasi als sinfonische Vorstufe seiner Oper „Caligula“.
Dann wiederum ergeben sich Verbindungen zwischen Oper und Orchesterwerken. „Fluss
ohne Ufer“ ist beispielweise quasi eine Studie zu seinem Operneinakter „Das Holzschiff“.
Klänge, die eine bestimmte Atmosphäre erzeugen können, stehen dabei im Mittelpunkt.
„Auch bei Giuseppe Verdi ist es so. Viele denken, er hätte erst das Libretto gehabt. Heute
weiß man, dass er viele Partiturseiten ohne einen existierenden Text komponiert hat, er
kannte nur den Stoff, die Geschichte.“ Wie eine Partitur ein bestimmtes Klangmaterial behandelt und damit eine Geschichte erzählt ist ihm wichtiger als die eigentliche Erzählung
oder Handlung zu verdoppeln. Vielleicht macht diese Loslösung vom konkreten Inhalt die
Tiefe der Musik aus, und so kann man immer wieder neu in das Material eindringen und
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Dinge entdecken. „Wahrscheinlich ist es das, was ein echtes Kunstwerk ausmacht“, so
Glanert.
Was den Akt des Komponierens betrifft, ist der Komponist etwas altmodisch. „Ich liebe es
zu schreiben. Ich bin ein Hand- und Vielschreiber, deshalb komponiere ich nicht am Computer. Die Hand weiß oft besser, was gut ist und was zu tun ist und hört alle Fehler“. Und er
arbeitet kaum mit dem Klavier, wie es viele Komponisten getan haben. „Ich habe erst spät
das Klavier entdeckt. Ich habe mit dem Kontrabass angefangen. Die Musik muss im Kopf sein
und dann direkt zu Papier gebracht werden.“
II. „Fluss ohne Ufer“ – düster und geheimnisvoll
Der Musikwissenschaftler Guy Rickards schrieb über Detlev Glanert, er sei ein „musikalischer Erforscher“, für den die Zeit eine wichtige Dimension habe. „Für ihn ist jedes Ende ein
neuer Anfang.“ Wie eine Art Domino-Stein setzten und reihen sich oft seine Werke aneinander, gibt es Querverbindungen und facettenreiche Beziehungen. „Viele Stoffe sind so interessant, vielfältig und fast unerschöpflich, dass es sich lohnt, immer wieder darüber zu arbeiten“. So ist auch sein Stück „Fluss ohne Ufer“, das 2009 in der Kölner Philharmonie vom
WDR Sinfonieorchester Köln uraufgeführt wurde, ein schönes Beispiel für die reichhaltige
Auseinandersetzung mit einem Thema. Für dieses Orchesterstück hat sich Detlev Glanert
ausgiebig mit der gleichnamigen Romantrilogie beschäftigt, die der Schriftsteller und Orgelbauer Hans Henny Jahnn zwischen 1949 und seinem Tod Jahr 1959 verfasst hat. Ein
Mammutwerk, in dem viel drin steckt: Krimi, Lebensbericht, Drama, Naturepos, Seefahrtsund Reisebericht und in alledem die tiefen Abgründe der menschlichen Seele zeigt. Jahnn
erzählt die Geschichte seines Helden Gustav Anias Horn, ein Komponist, der als blinder Passagier auf einem Schiff unterwegs ist. Mit der Tochter des Kapitäns ist er verlobt. Sie wird im
Verlauf der Geschichte ermordet, das Schiff kentert am Ende. Wohin die Reise des Schiffes,
der „Lais“, geht, ist die ganze Zeit unklar, ebenso, was das Schiff geladen hat. Dafür häufen
sich rätselhafte Geschehnisse an Bord. Das Schiff steckt voller Geheimgänge und wird angeblich von einem ihm folgenden Schiff ferngesteuert. Es kommt zu einer Meuterei und schließlich öffnet die Mannschaft eine vermeintliche Tür, aber Wasser stürzt herein und das Schiff
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sinkt. „Das Holzschiff“ ist der erste Teil der gewaltigen Romantrilogie „Fluss ohne Ufer“. „Ich
bekam vor vielen Jahren ein antiquarisches Exemplar in die Hände. Der Stoff hat mich einfach fasziniert. Aber erst zehn Jahre später habe ich ihn in meinem Werk verwendet.“ Der
zweite Teil dieses über 2.000 Seiten umfassenden Romanprojekts heißt „Die Niederschrift
des Gustav Anias Horn nachdem er neunundvierzig Jahre alt geworden war“ und der dritte
kurz „Epilog“. Umfangreich ist der Lesestoff, doch auch vielfältig und spannend.
Mit seinem knapp zwanzigminütigen Orchesterwerk war für Glanert die Beschäftigung
mit dem Stoff noch nicht abgeschlossen. Wie so oft, ging seine Arbeit weiter. Ein Jahr nach
„Fluss ohne Ufer“ erschien im Jahr 2010 sein Operneinakter „Das Holzschiff“ – nach eben
jenem ersten Teil der Trilogie. Aber auch ohne Libretto schafft Glanert, Bilder im Kopf des
Zuhörers zu projizieren und eine dunkle, wie geheimnisvolle Welt zu kreieren. Am Beginn
stehen acht leise Glockenschläge, aus denen sich ein üppiges Klangszenario entwickelt. Drastisch werden die verschiedenen Stationen der Geschichte mit viel Schlagwerk und Blechbläsern nachgezeichnet, etwa die Ermordung der Verlobten Gustavs oder der Untergang des
Schiffs. Neben klanggewaltigen Passagen gibt es auch schwelgerische Streicherkantilenen,
die so ganz so scheinen, als seien sie aus der Zeit gefallen. Dmitri Schostakowitsch, Maurice
Ravel oder Gustav Mahler sind nur einige Vorbilder des Komponisten. Hier zeigt sich Glanert
auch als jemand, der Musik zu verknüpfen weiß, bei ihm scheint sich Vergangenes und Zeitgenössisches zu verschmelzen. „Ich bin kein Komponist, der die Vergangenheit zerstört, um
seine eigene Welt zu erschaffen“, erklärte er einmal. „Ich möchte immer wissen, woher ich
komme, wo meine Wurzeln liegen. Das macht mich frei.“
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III. Ausführende
Stéphane Denève
Seit September 2011 ist Stéphane Denève Chefdirigent beim Radio-Sinfonieorchester
Stuttgart des SWR. Mit Beginn der Spielzeit 2014/15 ist zudem er Principal Guest Conductor
des Philadelphia Orchestra, und von September 2015 an ist er Chefdirigent der Brüsseler
Philharmonie und Direktor des dortigen Centre for Future Orchestral Repertoire (CffOR). Von
2005 bis 2012 war Denève Music Director des Royal Scottish National Orchestra (RSNO) in
Glasgow. International wird Denève als Dirigent von höchstem Rang anerkannt und von Publikum und Kritik einhellig für seine Auftritte und seine Programme gelobt. Er tritt regelmäßig
in international bedeutenden Konzertsälen mit weltweit führenden Orchestern und Solisten
auf. Seine besondere Vorliebe gilt der Musik seiner französischen Heimat, zudem ist er ein
leidenschaftlicher Fürsprecher für die Musik der Gegenwart.
Im April 2013 gastierte Stéphane Denève mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des
SWR im Rahmen der 10. Asientournee des RSO in China, Taiwan und Japan. Stéphane
Denève hat aktuell als Gastdirigent in Europa u. a. das Royal Concergebouw Orkest Amsterdam, das Symphonieorchester des BR, die Münchner Philharmoniker, die Wiener Symphoniker, das Orchestra Sinfonica dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia, das London
Symphony Orchestra, das Philharmonia Orchestra, das DSO Berlin und das Schwedische Radio-Sinfonieorchester geleitet. In Nordamerika hat er 2012 mit dem Boston Symphony
Orchestra sein Debüt in der Carnegie Hall gegeben, mit diesem Orchester verbindet ihn bereits eine langjährige intensive Zusammenarbeit, sowohl in Boston wie auch beim
Tanglewood Festival. Darüber hinaus arbeitet Denève regelmäßig mit den Orchestern in Phi-
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ladelphia, Chicago, Cleveland, Los Angeles und San Francisco zusammen. 2015 gibt er sein
Debüt bei den New Yorker Philharmonikern.
Stéphane Denève pflegt enge Beziehungen zu vielen der weltbesten Solisten wie JeanYves Thibaudet, Leif Ove Andsnes, Yo-Yo Ma, Leonidas Kavakos, Frank Peter Zimmermann,
Nikolaj Znaider, Gil Shaham, Piotr Anderszewski, Emanuel Ax, Lars Vogt, Nikolai Lugansky,
Paul Lewis, Joshua Bell, Hilary Hahn, Vadim Repin und Nathalie Dessay.
Im Bereich der Oper hat Denève Produktionen am Royal Opera House Covent Garden,
beim Glyndebourne Festival, an der Mailänder Scala, beim Saito Kinen Festival, im Gran
Teatro de Liceu, bei der Netherlands Opera, im Théatre La Monnaie und an der Opéra National de Paris geleitet.
Als Absolvent des Pariser Konservatoriums wurde Denève mit einem ersten Preis ausgezeichnet. Seine Karriere begann er als Assistent von Sir Georg Solti, Georges Prêtre und Seiji
Ozawa. Ihm ist es ein großes Anliegen, die nächste Generation Musiker und Zuhörer zu inspirieren und für klassische Musik zu begeistern. Sehr gerne arbeitet Denève mit jungen Menschen im Rahmen von Musikvermittlungsprojekten zusammen.
Seine erste CD mit dem RSO Stuttgart mit Werken von Francis Poulenc erhielt im Frühjahr
2013 den bedeutenden französischen CD-Preis "Diapason d'Or". Denève war 2012 als Artist
oft he Year der Zeitschrift Gramophone nominiert, seine CD-Einspielungen mit Werken von
Debussy, Roussel, Franck und Connesson sind von der Presse in höchsten Tönen gelobt worden. Im Herbst 2014 erscheint die zweite CD der Gesamtaufnahme aller Orchesterwerke von
Maurice Ravel mit dem RSO Stuttgart.
Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR
Das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR - gegründet 1945 - ist einer der bedeutendsten musikalischen Botschafter des Landes. Hauptaufgabe ist einerseits die Pflege des
großen klassisch-romantischen Repertoires der sinfonischen Tradition, zum anderen setzt
sich das Orchester mit Nachdruck für die zeitgenössische Musik und selten gespielte Werke
und Komponisten ein. Viele bedeutende Komponisten, darunter Strawinsky, Hindemith,
Henze, Penderecki, Kagel, Ruzicka, Eötvös und Pintscher, haben ihre eigenen Werke in RSOKonzerten dirigiert, weit mehr als 500 Kompositionen hat das RSO Stuttgart bislang uraufgeführt.
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Pro Saison spielt das RSO rund 80 Konzerte in Stuttgart und im Sendegebiet des SWR; es
gastiert in nationalen und internationalen Musikzentren und weltweit bei Festspielen, darunter seit über 50 Jahren bei den Schwetzinger SWR Festspielen. Ergänzt wird die Konzerttätigkeit durch zahlreiche Studioproduktionen für Radio und Fernsehen sowie für den Tonträgermarkt. Auf dem Label SWRmusic sind die Ergebnisse der Arbeit aus Gegenwart und
Vergangenheit umfangreich dokumentiert und mehrfach mit renommierten Preisen ausgezeichnet worden, u. a. mit dem ECHO Klassik 2012, mehrmals mit dem "Preis der Deutschen
Schallplattenkritik" und mit dem französischen "Diapason d'or".
Die Förderung junger Künstler gehört zum Selbstverständnis des Radio-Sinfonieorchesters
Stuttgart. Konzerte mit internationalen Preisträgern und die RSO Orchesterakademie der
Musikhochschule Stuttgart stehen beispielhaft für dieses Tätigkeitsfeld. Ein ganz zentrales
Anliegen des RSO ist die Erschließung anspruchsvoller Musik für ein junges Publikum. Mit
dem auf Nachhaltigkeit angelegten Musikvermittlungsprogramm SWR Young CLASSIX bietet
das RSO ein umfangreiches und vielfältiges Angebot für alle Altersstufen und Publikumsschichten. Innovative Formate wie z. B. "Mittagskonzerte" sprechen neue Publikumsschichten an.
Seit der Saison 2011/12 ist der Franzose Stéphane Denève Chefdirigent beim RadioSinfonieorchester Stuttgart des SWR. Er ist damit Nachfolger von Sir Roger Norrington, der
seit 1998 in gleicher Position das RSO Stuttgart leitete und nun Ehrendirigent des RSO ist.
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IV. Quellen / Wo gibt es mehr?
Weblinks:
Nähere Informationen zu Detlev Glanert findet man im Internet auf der Seite des Verlages
Boosey & Hawkes. www.boosey.com
Hörtipps:
Von „Fluss ohne Ufer“ ist eine Aufnahme mit dem Royal Concertgebouw unter der Leitung des Dirigenten Markus Stenz erschienen (RCO Live 11001).
Der Deutsche Musikrat hat Detlev Glanert in seiner Edition „Zeitgenössische Musik“ mit
einigen CDs bedacht. Hier kann man einen guten Einblick in das Werk des Komponisten bekommen.
Seine Oper „Caligula“ ist bei Oehms erschienen mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester, dem Chor und der Oper Frankfurt unter der Leitung von Markus Stenz. Das
WDR Sinfonieorchester Köln hat unter dem Dirigat von Semyon Bychkov sein Orchesterwerk
„Theatrum bestiarum“ aufgenommen (AVIE).
Literatur:
Neugier wecken auf die Musik Detlev Glanerts möchte das vor einigen Jahren erschienene
Buch über den Komponisten, das von Stefan Drees herausgegeben wurde. Darin finden sich
vor allem Aufsätze und Reflexionen des Komponisten zu seinen eigenen Werken, aber auch
über Komponistenkollegen oder über das Theater und die Oper. Dazu gibt es einige Aufsätze
zu Glanerts Opern- und Kammer- wie Orchesterwerk:
Neugier ist alles: Der Komponist Detlev Glanert
Herausgegeben von Stefan Drees, Wolke Verlag, Hofheim 2012
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V. Unterrichtsmaterial
Ein Leben in Stichworten
1960: Am 6. September wird Detlev Glanert in Hamburg-Bergedorf geboren.
1972: Erste Kompositionsversuche und erster Instrumentalunterricht.
1981: Glanert beginnt sein Studium, das ihn u. a. zu Diether de la Motte, Günter Friedrichs
und Frank Michael Beyer führen wird. Außerdem studiert er für vier Jahre bei Hans Werner
Henze in Köln.
1985: Glanerts 1. Sinfonie op. 6 wird uraufgeführt.
1986: Teilnahme an den Sommerkursen in Tanglewood. Premiere des Orchesterwerks
„Aufbruch“; konzertante Uraufführung der Kammeroper „Leviathan“ nach Thornton Wilder
(szenische UA Hamburg 1991).
1987: Glanert erhält das Bachpreis-Stipendium der Hansestadt Hamburg.
1988: Stipendium des Berliner Senats für Berliner Künstler in der Türkei. Die „Vier Fantasien
für Klavier“ werden erstmals öffentlich gespielt.
1989: Manfred Trojahn leitet die Uraufführung von „Mahler/Skizze“ op. 20. Glanert wird
ständiger Mitarbeiter des „Cantiere Internazionale d’arte“ in Montepulciano (Italien) und
Leiter der dortigen Musikschule, unter anderem gibt er hier Kompositionsunterricht (bis
1993).
1990: Uraufführung der Passacaglia aus der Oper „Leyla und Medjnun“ für fünf Bläser,
Schlagzeug, Harfe, Klavier und Streichquintett. Drei Gesänge aus „Carmen“ von Wolf
Wondratschek (Sinfonie Nr. 2) für Bariton und großes Orchester.
1992: Vier Lieder nach Graffiti-Texten für Sopran und Ensemble.
1993: Die zweiaktige Oper „Der Spiegel des großen Kaisers“ wird in Mannheim uraufgeführt.
Dafür erhält Glanert den Rolf-Liebermann-Opernpreis.
1995: Zwei weitere Kammeropern nach Wilder werden in Bremen uraufgeführt: „Der Engel,
der das Wasser bewegte“ und „Der Engel auf dem Schiff“. Weiteres Werk: „Gestalt“, Kammersonate Nr. 2 für Flöte, Klarinette, Klavier, Schlagzeug, Violine, Viola, Violoncello und
Kontrabass.
1996: „Miserere“ für gemischten Chor a cappella. Die „Musik für Violine und Orchester“
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op. 3 wird in Darmstadt uraufgeführt.
1997: Uraufführung des Orchesterwerks „Katafalk“ in Mannheim.
1999: Die Oper „Joseph Süß“ wird am 13. Oktober in Bremen uraufgeführt.
2000: Kompositionskurse und Workshops in Melbourne und Jakarta.
2001: Glanerts komische Oper „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ nach Grabbes
Schauspiel wird am 2. Februar in Halle uraufgeführt. Für dieses Werk erhält Glanert im November den Bayerischen Theaterpreis.
2003: „Composer in Residence“ in Mannheim.
2004: Glanert bearbeitet die „Vier ernsten Gesänge“ von Brahms für Bariton und Orchester.
2005: Uraufführung von „Theatrum bestiarum“ in London. „Composer in Residence“ in
Sapporo.
2006: Im Juli findet die britische Erstaufführung seiner „Vier Präludien und ernste Gesänge“
bei den BBC Proms statt, am 7. Oktober die Uraufführung seiner neuen Oper „Caligula“ mit
Markus Stenz am Pult an der Oper Frankfurt. Das Libretto stammt von dem Schriftsteller
Hans-Ulrich Treichel, nach dem Theaterstück von Albert Camus. Ab dem 30. November ist
diese Produktion auch an der Kölner Oper zu erleben.
2008/2009:
„Composer
in
Residence“
beim
WDR
Sinfonieorchester
Köln
2009 - 2011: künstlerischer Leitung des Cantiere Internazionale d’Arte in Montepulciano
ab 2011 für 10 Jahre Hauskomponist des Concertgebouw Orchesters Amsterdam
Detlev Glanert lebt seit 1987 in Berlin.
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Daten zum Werk
Detlev Glanert: Fluss ohne Ufer
Uraufführung:
19.06.2009,
Philharmonie,
Köln
WDR Sinfonieorchester Köln / Semyon Bychkov
Besetzung
Orchesterbesetzung
3(III=picc).2.corA.3(III=bcl).3(III=dbn)-4.3.3.1-timp.perc(4-5):t.bells/gongs/3tamt/BD/crot/5tom-t/glsp/susp.cym/vib/SD/water gong-2harp-strings.
Dauer: ca. 20 Minuten
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VI. Unterrichtliche Hinweise
1. „Fluss ohne Ufer“ ist quasi eine orchestrale Vorstufe zu Detlev Glanerts
Oper „Das Holzschiff“.
Detlev Glanert führte mit Nora Eckert zur Aufführung seiner Oper „Das Holzschiff“ ein
Gespräch:
Ihre neuste Oper Das Holzschiff wird Anfang Oktober in Nürnberg uraufgeführt. Wer Hans
Henny Jahnns ungefähr zweitausend Seiten umfassenden Roman Fluss ohne Ufer kennt, wird
dabei vielleicht nicht gleich an eine Oper denken. Was hat Sie dazu gebracht, dann doch eine
daraus zu machen?
Das Holzschiff ist wie ein Vorspiel zum großen Roman und als Geschichte in sich abgeschlossen. Es besitzt eine Eigenheit, die mich interessiert hat, und zwar die „closed room“Situation. Niemand kann weg, und niemand kann rein. Das ist eine äußerst bühnenpraktische Situation.
Interessiert hatten mich auch die Metaphern des Meeres und die Transit-Situation. Durch
die strenge Schiffsordnung wird das Schiff zum Relikt der alten Ordnung, während das Meer
den Zeitfluss bedeutet und in die Zukunft weist. Überleben werden im Grunde nur zwei:
Gustav und Tutein. Die anderen sind sozusagen nur die Reste einer abgelebten Zeit.
(…)
In Ihrem Werkverzeichnis habe ich ein Orchesterstück mit dem Titel des Romans, Fluss ohne Ufer, gefunden. Was hat das mit der Oper zu tun?
Es handelt sich um eine Vorstudie, wie ich sie zu fast allen Opern bisher gemacht habe.
Sie dient mir dazu, eine Klangwelt auszuprobieren. Den Romantitel erhielt das Stück, weil ich
die Idee eines Flusses ohne Ufer besonders imaginativ fand. Einiges daraus taucht in der
Oper wieder auf – die Anfänge beispielsweise sind identisch.
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(…)
Sie haben im Alter von zwölf Jahren zu komponieren begonnen. Wie kommt man als junger Mensch dazu?
Die Faszination für die Musik war immer da, doch genau betrachtet ist das Interesse
durch die Notenschrift geweckt worden. Sie hat eine gewisse Magie auf mich ausgeübt. Anfangs habe ich sie nur imitiert, ohne richtig zu wissen, was das ist. Aber ein zweiter Schritt
hat sich unmittelbar angeschlossen, und der bestand darin, wissen zu wollen, wie das Geschriebene klingt. Vielleicht ist das ein merkwürdiger Zugang zur Musik. Jahre später habe
ich erfahren, dass Benjamin Britten als Junge denselben Weg zur Musik gegangen war, was
ich wiederum beruhigend fand. Und als ich den Zusammenhang zwischen der Schrift und
dem Klang begriffen hatte, habe ich auch nur noch Noten geschrieben.
(…)
Heute schreiben Sie Opern auf Bestellung?
Ja. Es muss so sein. Die Arbeit an der Komposition muss mir das Opernhaus bezahlen.
Wahrscheinlich würde ich, auch wenn die Bestellungen ausblieben, trotzdem Opern schreiben. Wobei ich natürlich ungern für die Schublade schreiben würde. Die Schublade sit doch
ein sehr unbequemer Ort für ein Werk.
Wissen Sie gleich beim Lesen eines Romans, was eine Oper werden könnte?
Ja, ein Stoff springt mich förmlich an und kommt auch in Träumen immer wieder zurück.
Es gibt bei mir immer noch das alte Skizzenbuch, in dem ich musikalische Einfälle notiere.
Das ist praktisch und schneller als jede Elektronik. Auf diese Weise entstehen in den Notizbüchern Vorformen meiner Opern.
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Das bringt mich zu der Frage, wie Sie zu den vielen verschiedenen Stoffen kommen. Oder
ist es eher so, dass die Stoffe zu Ihnen kommen als Opernbestellung?
Fast immer ist es mein Vorschlag. Und immer sind es Stoffe, die ich mir angelesen habe
und meistens schon lange mit mir herumtrage. Auf diese Weise ist eine Liste mit inzwischen
vierzig oder fünfzig Stoffen entstanden, die noch für mehrere Komponistenleben reichen.
Zweimal sind mir von Intendanten Themen angeboten worden, die bereits auf meiner Liste
standen – ein wunderbarer Zufall.
(…)
Noch einmal zurück zur Stoffwahl. Wäre es für Sie reizvoll, und zwar mit Blick auf den in
den 1920er Jahren entstandenen Begriff der „Zeitoper“, einen Gegenwartsstoff zu vertonen?
Merkwürdigerweise nicht. Ich bin davon überzeugt, dass Oper schon in sich eine Metaphorik trägt und damit eine Distanzierung. Allein die simple Tatsache, dass gesungen wird,
bekräftigt die Distanzierung. Deshalb halte ich auch eine zeitliche Distanz in der Stoffwahl für
erforderlich.
Nun hat die Oper selbst ja keine eigenen Themen, außer Liebe, Hass und Tod. Der entscheidende Punkt ist, dass die Oper in der Lage ist, diese Grundthemen ganz intensiv in die
Tiefe zu treiben, ein Gefühl bis in Letze auszuloten. Sie erreicht dies durch die Musik. Dieser
Umstand lässt es für mich notwendig erscheinen, eine Geschichte im Ganzen zu überblicken,
eben durch die zeitliche Distanz. Ich bin einmal gefragt worden, ob ich Angst vor der Gegenwart hätte. Meine etwas freche Antwort war dann, ich hätte genauso viel Angst vor der Gegenwart wie Verdi, für den die Gegenwart nur ein einziges mal den Stoff für eine Oper geliefert hat, nämlich bei La Traviata.
Aus: Neugier ist alles: Der Komponist Detlev Glanert
Herausgegeben von Stefan Drees, Wolke Verlag, Hofheim 2012, S. 109-114.
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2. Die literarische Vorlage von „Fluss ohne Ufer“ – die Romantrilogie von
Hans Henny Jahnn.
»Man hat mich nicht soweit verstanden, um mich misszuverstehen.«
Hans Henny Jahnn
Der 1894 in Hamburg geborene Hans Henny Jahnn war ein unbequemer, ein streitbarer
Kopf, der ein bedeutendes Werk geschaffen hat, das e zu entdecken gilt. Sein Opus Magnum,
die 2000 Seiten starke Romantrilogie „Fluss ohne Ufer“ wurde 2014 neu herausgegeben. Auf
der Seite des Verlags gibt es mehr Informationen zu Leben und Werk des Autors.
http://www.hoffmann-und-campe.de/autoren-info/hans-henny-jahnn/
Ulrich Greiner zur Neuauflage Artikel in der „Zeit“:
http://www.hoffmann-und-campe.de/autoren-info/hans-henny-jahnn/
Der markante Beginn des Romans „Das Holzschiff“ von Hans Henny Jahnn:
Wie wenn es aus dem Nebel gekommen wäre, so wurde das schöne Schiff plötzlich sichtbar. Mit dem breiten gelbbraunen, durch schwarze Pechfugen gegliederten Bug und der
starren Ordnung der drei Masten, den ausladenden Rahen und dem Strichwerk der Wanten
und Takelage. Die roten Segel waren eingerollt und an den Rundhölzern verschnürt. Zwei
kleine Schleppdampfer, hinten und vorn dem Schiff vertäut, brachten es an die Kaimauer.
Sogleich waren drei sachverständige Herren zur Stelle, die genau ausdrücken wussten, um
was es sich handelte. Ein dreimastiges Vollschiff. Ein paar tausend Quadratmeter Segelfläche. Der alte Lionel Escott Macfie Esq. aus Heburn on Tyne hatte es aus Teak- und Eichenholz
gebaut. Ein Sonderling, ein Mann, der in einem anderen Jahrhundert wurzelte. Aber ein Genie der Kurven. Mithilfe von ein paar Tabellen und riesenhaften selbstgeschnitzten Kurvenlinealen ritzte er die Form der Spanten auf dickes, weißes Papier. Und es war ein vollkommenes Bild, wie sich die eine Konstruktion aus der anderen entwickelte. Es streckte beim Arbeiten die Zunge heraus, zwinkerte prüfend mit den Augen, vermerkte sogleich mit schönen
Stempeln, wo Kupferbolzen anzubringen waren, wo eine Planke zu schwänzen und mit einer
anderen zu verzapfen sei. Die sachverständigen Herren konnten dergleichen erzählen. Man
erkannte, und so beschrieben sie denn, hier war ein Kielgefüge von unvergleichlicher Zimmerarbeit angewendet worden. Die schweren Hölzer, noch wie Stämme anzuschauen, keil17
ten sich ineinander, schmiegten sich aneinander, fast nahtlos verbolzt; mit ausladenden
Knaggen, um die geschwungenen Bäume der Rippen aufzunehmen.
Aus: Hans Henny Jahnn: Das Holzschiff, Hoffmann und Campe, ISBN 978 3 455 103199
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