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Berufsbild der sozialräumlichen
Sozialen Arbeit
In Anlehnung an das St.Galler Modell zur
Gestaltung des Sozialraums
Roman Niedermann
Masterthesis
Berufsbild der sozialräumlichen Sozialen Arbeit
In Anlehnung an das St.Galler Modell zur Gestaltung des Sozialraums
Rahmen:
Master in Sozialer Arbeit, Bern/ Luzern/ St.Gallen/ Zürich
Verfasser:
Roman Niedermann
[email protected]
Studienbeginn: September 2011
Fachbegleitung:
Prof. Dr. habil. Ulrich Otto
FHS St.Gallen
Hochschule für Angewandte Wissenschaften
Fachbereich Soziale Arbeit
Abgabe:
Herisau, 7. Januar 2014
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2!
Abstract!
Die Entwicklung in der Sozialen Arbeit von der Sozialraumorientierung hin zur Arbeit im und am
Sozialraum sowie die gesellschaftlichen Transformationen wirken auf die sozialräumliche Praxis
und Theorie zurück. In dieser Arbeit wird nach Selbst- und Fremdverständnissen bei
Professionellen und Verantwortlichen der sozialräumlichen Sozialen Arbeit gefragt. Das daraus
resultierende Berufsbild der sozialräumlichen Sozialen Arbeit beschreibt das heterogene
sozialräumliche Handlungsfeld der Sozialen Arbeit auf der Grundlage eines gemeinsamen
Nenners. Ausgangsbasis für diese Übersicht sind eine qualitative Inhaltsanalyse von
Organisationsunterlagen der sozialräumlichen Praxis und Experteninterviews mit Professionellen
der Sozialraumarbeit. Durch die Gegenüberstellung von empirischen und theoretischen
sozialräumlichen Fakten besteht eine breite Absicherung der Ergebnisse. Diese unterstützen die
sozialräumlichen Zugänge des St.Galler Modells zur Gestaltung des Sozialraums über
Menschen, Orte und Strukturen als Minimalstandard und betonen die hohe Relevanz
sozialpolitischer Transformationen und des Sozialkapitals in der Sozialraumarbeit. Das
sozialräumliche Interventionsverständnis ist dabei geprägt von der sozialen Produktion von Raum
nach Löw. Dass bestehende Berufsbilder der Sozialen Arbeit einer Ergänzung durch die
Sozialraumarbeit bedürfen, kann somit bestätigt werden. Unterstrichen wird zudem die
Notwendigkeit der transdisziplinären Herangehensweise in der Sozialraumarbeit und der
disziplinären Vertiefung der Arbeit an Sozialräumen in der Sozialen Arbeit.
Keywords: Sozialräumliche Soziale Arbeit, Sozialraumarbeit, Soziale Räume, Sozialräumliche
Gemeinwesenarbeit, Sozialkapital, St.Galler Modell zur Gestaltung des Sozialraums, Berufsbild
Soziale Arbeit, sozialraumorientierte Soziale Arbeit
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Inhaltsverzeichnis
Tabellen- und Abbildungsverzeichnis............................................................................ 6
1 Einleitung.... ............................................................................................................... 7
1.1 Aufbau der Arbeit ................................................................................................. 8
1.2 Begriffserklärungen ............................................................................................. 8
2 Ausgangslage ............................................................................................................. 9
2.1 Problemstellung ................................................................................................. 11
2.1.1 Das uneinheitliche sozialräumliche Verständnis ....................................................... 11
2.1.2 Unklare Funktion und Verortung der Sozialraumarbeit ............................................. 12
2.1.3 Fehlende Berufsbildentwicklung ............................................................................ 13
2.2 Fragestellungen ................................................................................................. 14
2.3 Arbeitsthesen ..................................................................................................... 14
2.4 Relevanz der Praxisforschung ........................................................................... 14
A Theoretischer Teil......................................................................................................15
3 Grundlagen der Sozialraumarbeit ............................................................................ 15
3.1 Definitionen ....................................................................................................... 15
3.1.1 Soziale Räume – Das St.Galler Modell .................................................................... 15
3.1.2 Sozialraumarbeit/ Sozialräumliche Soziale Arbeit ..................................................... 19
3.1.3 Sozialraumorientierte Soziale Arbeit ....................................................................... 22
3.1.4 Sozialräumliche Gemeinwesenarbeit ...................................................................... 23
3.1.5 Transdisziplinarität/ Transnationalität .................................................................... 25
3.1.6 Sozialkapital......................................................................................................... 28
3.2 Aktueller Fachdiskurs und Forschungsstand ..................................................... 30
3.2.1 Forschung zur sozialräumlichen Sozialen Arbeit ...................................................... 32
3.2.2 Berufsbildbezüge in der Fachliteratur der Sozialraumarbeit ...................................... 34
3.3 Sozialpolitische Transformationen .................................................................... 34
3.4 Kritisch-reflexive Theoriediskussion ................................................................. 35
3.4.1 Fokus der sozialräumlichen Praxis.......................................................................... 35
3.4.2 Fokus der Sozialen Arbeit...................................................................................... 37
3.4.3 Sozialpolitischer Fokus .......................................................................................... 38
4 Berufsbildentwicklung in der Sozialen Arbeit .......................................................... 40
4.1 Bezüge zur Berufsbildentwicklung .................................................................... 40
4.1.1 Berufsbild als berufspolitische Kategorie ................................................................ 40
4.1.2 Das Berufsbild in der Sozialen Arbeit...................................................................... 41
4.2 Sozialräumliche Paradoxien .............................................................................. 42
B Empirischer Teil.........................................................................................................43
5. Forschungsmethoden und Forschungsdesign ......................................................... 43
5.1 Das Sampling ..................................................................................................... 44
5.2 Inhaltsanalyse konzeptioneller Daten ............................................................... 45
Exemplarische Bildung der Unterkategorien .................................................................... 46
5.3 Erstellen des Interviewleitfadens ...................................................................... 46
5.4 Durchführung der Experteninterviews .............................................................. 47
5.5 Narrationsanalyse und Interviewauswertung ................................................... 47
6 Ergebnisse der Inhaltsanalyse und Experteninterviews .......................................... 48
6.1 Kategorien und Themen..................................................................................... 48
6.1.1 Typen von fokussierten Sozialen Räumen .............................................................. 48
6.1.2 Funktion und Wirkung der sozialräumlichen Tätigkeiten .......................................... 49
6.1.3 Methoden der Sozialraumarbeit ............................................................................. 49
6.1.4 Qualitätskriterien in der sozialräumlichen Sozialen Arbeit ......................................... 50
6.1.5 Qualifikation der in der Sozialraumarbeit Tätigen .................................................... 50
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4!
6.1.6 Sozialräumliche Zielsetzungen und Art der Ziele ..................................................... 50
6.1.7 Steuerungsprozesse und Bearbeitung des Sozialraumes .......................................... 51
6.1.8 Sozialräumliche Arbeit mit Personen und Netzwerken ............................................. 51
6.1.9 Verortung der Organisation/ Strukturen/ Ressourcen im Sozialraum ......................... 51
6.1.10 Bedarf und Legitimation der Sozialraumarbeit ....................................................... 52
6.1.11 Sozialräumliche Interdisziplinarität und Transdisziplinarität .................................... 52
6.1.12 Bearbeitung Sozialer Probleme im Sozialraum ....................................................... 53
6.2 Selbstverständnisse von Sozialraumarbeit ........................................................ 53
6.2.1 Entwicklungen und sozialpolitische Transformationen in Organisationen der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit .................................................................................... 53
6.2.2 Spannungsfelder und Dilemmata in der Sozialraumarbeit ........................................ 54
6.3 Fremdverständnisse von Sozialraumarbeit ....................................................... 54
6.3.1 Entwicklungen und sozialpolitische Transformationen in Organisationen der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit .................................................................................... 55
6.3.2 Spannungsfelder und Dilemmata in der Sozialraumarbeit ........................................ 55
6.4 Diskussion der Ergebnisse und der Forschungsmethoden ................................ 56
6.4.1 Kritische Reflexion des methodischen Vorgehens .................................................... 57
6.4.2 Kritische Beurteilung der empirischen Ergebnisse ................................................... 59
C Integrativer Teil .......................................................................................................61
7 Gegenüberstellung von Theorie und Empirie ........................................................... 61
7.1 Theorievergleich und Abstraktionen.................................................................. 64
7.1.1 Verständnis Sozialraumarbeit und Soziale Räume ................................................... 65
7.1.2 Funktion und Verortung der Sozialraumarbeit ......................................................... 66
7.2 Wirkung und Legitimation der Sozialraumarbeit .............................................. 68
7.3 Schnittstelle Sozialraumarbeit/ Soziale Arbeit .................................................. 69
7.4 Sozialpolitische Transformationen und Sozialraumarbeit ................................. 69
7.5 Zusammenfassung der Ergebnisse Theorie/ Empirie ........................................ 70
8 Berufsbild der sozialräumlichen Sozialen Arbeit ...................................................... 71
9 Schlussfolgerungen aus Theorie und Praxis ............................................................ 73
9.1 Kritische Bewertung des Berufsbildes der sozialräumlichen Sozialen Arbeit ... 73
9.2 Auswirkungen auf die Berufsbildentwicklung Sozialer Arbeit .......................... 74
9.3 Interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Gouvernementalität ...................... 74
9.4 Umgang mit sozialräumlichen Paradoxien ........................................................ 76
9.5 Sozialräumlichen Paradigmenwechsel gestalten .............................................. 77
9.6 Auswirkungen auf den Diskurs der sozialräumlichen Sozialen Arbeit .............. 77
10 Fazit.........................................................................................................................78
10.1 Theoretische Reflexion .................................................................................... 80
10.2 Zentrale Erkenntnisse ...................................................................................... 82
10.3 Berufsbildentwicklung ..................................................................................... 82
10.4 Ausblick ............................................................................................................ 83
10.5 Dank ................................................................................................................. 83
Literatur- und Quellenverzeichnis ............................................................................... 84
Anhang............ ............................................................................................................ 90
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5!
Tabellen- und Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: St.Galler Modell: Denkfigur zur Gestaltung des Sozialraums............... 19
Tabelle 2:
Theorien und Modelle sozialräumlicher Sozialer Arbeit...................... . 30
Abbildung 3: Soziale Produktion von Raum............................................................... 31
Tabelle 4:
Kategorisierung der Empirieergebnisse nach dem St.Galler
Modell .................................................................................................. 62
Abbildung 5: Berufsbild der sozialräumlichen Sozialen Arbeit...................................71
Abbildung 6: Modell eines erweiterten Quartiermanagements................................. 75
Abbildung 7: Erweitertes St.Galler Modell: Denkfigur zur Gestaltung des
Sozialraums.......................................................................................... 79
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6!
1 Einleitung
Der Soziale Raum ist ein Konstrukt, das analog einer Landkarte einen Überblick bietet, einen
Standpunkt oberhalb der Standpunkte, von denen aus die Akteure in ihrem Alltagsverhalten
ihren Blick auf die soziale Welt richten. (Bourdieu 1987, S. 277)
Wie die Menschen sozial zueinander stehen und wie sich diese Vernetzungen im Raum
manifestieren, interessiert Bourdieu und beschäftigt die Professionellen der Sozialen Arbeit. Wie
sich diese Verbindungen zwischen Individuen und damit auch Institutionen relativ aufeinander
beziehen und wie sich die daraus resultierenden sozialräumlichen Strukturen für die
Interventionen der Sozialen Arbeit nutzen lassen beziehungsweise ob überhaupt Sozialer Raum
produziert werden kann, sind Kernfragen in der Disziplin “Soziale Arbeit”. Diese Metaperspektive
– nach Bourdieu – auf die soziale Landschaft zieht sich durch die vorliegende Arbeit, wenn nach
dem aktuellen Bild zur sozialräumlichen Sozialen Arbeit (impliziert Sozialarbeit, Sozialpädagogik
und Soziokultur) und deren professionellen Fachpersonen gefragt wird. Die Masterthesis hat
nämlich die Aufgabe, nach einem gemeinsamen Nenner im Verständnis der sozialräumlichen
Sozialen Arbeit in der Praxis und in der Theorie zu suchen. Das daraus zu erarbeitende Berufsbild
wird im Vergleich zu bestehenden Berufsbildern der Sozialen Arbeit in Bezug auf sozialräumliche
Aspekte und Arbeitsfelder gesehen, welche im Anschluss daran auf allfällige Ergänzungen zu
überprüfen sind. Die Notwendigkeit der Fokussierung der Tätigkeiten der Sozialen Arbeit in
Sozialen Räumen begründet sich vorwiegend aus den verschiedenartigen Handlungsfeldern der
Sozialen Arbeit in Sozialräumen und den vielfältigen theoretischen und fachlichen Bezügen der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit in der Praxis und der Theorie.
Das Verständnis von Sozialraumarbeit und der sozialräumliche Zugang in der Praxis der Sozialen
Arbeit mit einer Praxisforschung zu ergründen und die Erkenntnisse mit sozialräumlichen
Theorien und sozialpolitischen Entwicklungen abzugleichen, bilden die Kernaufgaben dieser
Arbeit. Eigene Praxiserfahrungen in der sozialräumlichen Sozialen Arbeit und einen Beitrag zur
Berufsbildentwicklung in der Sozialen Arbeit zu leisten, sind des Weiteren persönliche,
einfliessende Aspekte. Die theoretischen Hintergründe der Bezüge von Sozialer Arbeit zu Sozialen
Räumen sind vielfältig. Eine sozialräumliche Soziale Arbeit lässt sich daher in der Theorie und
Praxis nur bedingt denken und umsetzen, da die Zugänge zu Sozialen Räumen unterschiedlich
und die Kausalitäten darin komplex sind. Ein gemeinsamer Nenner in der Beschreibung der
Praxen der sozialräumlichen Sozialen Arbeit ist daher wünschenswert. Die Breite des
Sozialraumdiskurses macht es notwendig, für die Forschungsfragestellung und Berufsbildentwicklung eine theoretische Eingrenzung vorzunehmen und ein geeignetes Modell für die
Untersuchung des Berufsverständnisses auszuwählen. Das St.Galler Modell wurde mit Blick auf
die Praxis entwickelt und trägt durch die drei Zugänge “Ort”, “Mensch” und “Struktur“ eine
Mehrdimensionalität bezüglich des Sozialraums bereits in sich (vgl. Reutlinger & Wigger 2010, S.
46). Das Modell ist aus dem Fokus der Sozialen Arbeit heraus entstanden und unterstreicht die
Transdisziplinarität der sozialräumlichen Arbeit. Konkret bedeutet dies, dass die Ergebnisse der
Berufsbilderforschung in erster Linie in Bezug zum St.Galler Modell reflektiert und differenziert
werden. Im theoretischen Teil erfolgt die entsprechende sozialräumliche Diskussion. Die
Anschlussfähigkeit für eine Praxisforschung ist beim St.Galler Modell zudem gegeben, da dieses
von Experten der Lehre und Forschung erarbeitet wurde.
!
7!
Eine Berufsbildbeschreibung für ein heterogenes Tätigkeitsgebiet der Sozialen Arbeit zu erstellen,
im Bewusstsein, dass es die explizite Organisation der sozialräumlichen Sozialen Arbeit höchstens
in der Theorie gibt, ist dabei eine besondere Herausforderung. Der offene Forschungsprozess,
mit dem Ziel, den Stand der Berufsbildentwicklung festhalten zu können, beinhaltet überdies das
Risiko, nicht genügend oder keine passenden Ergebnisse für die Berufsbildbeschreibung zu
erhalten. Die Chance der qualitativen Forschung liegt hingegen im offenen, ungefilterten Erfassen
des Feldausschnittes, so dass die Ergebnisse eine dezidierte Gegenüberstellung mit den
sozialräumlichen Theorien ermöglicht. Des Weiteren kann dadurch eine gewisse Qualität des
Berufsbildes erreicht werden, welches somit eine Gültigkeit über die untersuchten Fälle hinaus
haben kann. Den Professionalisierungsprozess der sozialräumlichen Sozialen Arbeit mit zu formen
und eine Diskussionsgrundlage für die Berufsentwicklung und Einordnung in der Landschaft der
Sozialen Arbeit zu geben, kann ausserdem als sinnvoller Beitrag zum sozialräumlichen Diskurs
und der Ausgestaltung der Praxis gesehen werden. So ist ein Plädoyer für das Sich-Einbringen
der Sozialen Arbeit in eben diesen Prozess, gleichberechtigt mit anderen Disziplinen, durchaus
mit dieser Studie verbunden und bildet gleichsam den Abschluss der Thesis.
1.1 Aufbau der Arbeit
Die Masterthesis gliedert sich im Anschluss an die Beschreibung der Problem- und Fragestellung
und die Gegenstandsklärung in drei Teile, die jeweils mit einer Zusammenfassung starten. Im
Teil A erfolgt die theoretische Erarbeitung der Definitionen und Inhalte sowie der für die
Praxisforschung und deren Auswertung notwendigen Schwerpunkte, Kategorien und
Eingrenzungen. Der Teil B beschreibt den qualitativen Forschungsprozess und liefert eine erste
Zusammenschau der Ergebnisse. Der abschliessende Teil C widmet sich der Zusammenführung
der Forschungsergebnisse mit den theoretischen Erkenntnissen. Daraus wird die Berufsbildbeschreibung entwickelt und weiterführende Themen bezüglich der sozialräumlichen Sozialen
Arbeit werden diskutiert. Die jeweiligen Kapitel sind so gestaltet, dass sie nicht zwingend in
dieser Reihenfolge gelesen werden müssen. Die folgenden Hauptthemen ziehen sich durch die
Arbeit und bilden den roten Faden: Sozialer Raum, Sozialraumarbeit, Sozialraumorientierung,
St.Galler Modell, Berufsbild und Sozialkapital.
1.2 Begriffserklärungen
Sozialräumliche Soziale Arbeit
Der Terminus sozialräumliche Soziale Arbeit bezeichnet die Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit, die
explizit im und am Sozialen Raum arbeiten. Die Fundamente der sozialräumlichen Sozialen Arbeit
sind die Grundelemente der Demokratie: Partizipation, Kooperation und Dialog sowie eine
verlässliche Finanzierungskultur (vgl. Biesel 2007, S. 166). Als Adressaten werden Personen,
Netzwerke, Organisationen und Verantwortliche für strukturelle und materielle Gestaltung im
entsprechenden Sozialraum. In dieser Arbeit wird die Funktion der sozialräumlichen Sozialen
Arbeit in der Optimierung der Konstitutionen und Verhältnisse im Sozialen Raum zur Bearbeitung
von sozialen Problemstellungen gesehen. Interventionen hierfür erfolgen oft durch
Prozesssteuerung, Empowerment, Initiierung von Projekten und Konfliktmanagement.
Sozialraumarbeit
Die Sozialraumarbeit wird wie die sozialräumliche Soziale Arbeit betrachtet, nur dass sie erweitert
inter- und transdisziplinär ausgestaltet ist. Jegliche Akteure im entsprechenden Sozialraum
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8!
können Funktionen der Steuerung des Sozialraums übernehmen. Dieser Ansatz wird in der
vorliegenden Arbeit nicht ausformuliert und differenziert. Wenn jedoch ausdrücklich die
Sozialraumarbeit angesprochen wird, wird dieser Begriff verwendet.
Berufsbild
Beschreibt in dieser Arbeit das Bild, das sich aus einem Beobachtungsfokus über einen Beruf
ergibt. Dieses Bild hat in einem gesellschaftlichen Kontext eine weitreichende Allgemeingültigkeit
und es verändert sich prozesshaft, bedingt durch die Faktoren, die auf den Beruf und die
Beobachtenden einwirken. Auch die berufspolitische Kategorie bestimmt das Berufsbild mit. In
der Praxisforschung geht es um die Erhebung des Berufsbildes der sozialräumlich tätigen
Fachpersonen und eine theoretische Untermauerung desselben.
Sozialer Raum
Der Sozialraumbegriff wird in Anlehnung an Bourdieu (1987) verwendet: Der Sozialraum ist
dementsprechend abhängig vom Beobachtungsstandort und der Wahrnehmung der
Beobachtenden des Raumes, von den sozialen Vernetzungen im Raum und von der
Manifestierung des Sozialen im Materiellen und den Strukturen im Raum. Diese gegenseitige
Positionierung der in Relation zueinander stehenden Faktoren bildet den Sozialen Raum (vgl.
Barlösius 2011, S. 119-120). Das Sozialkapital wird als die Messgrösse von Sozialen Räumen
bezeichnet: Die Menschen und Institutionen besitzen soziales Kapital (Ressourcen), das
untereinander in Beziehung gebracht wird und somit verschiedenste Formen von
gesellschaftlichem Sozialkapital entstehen lässt (vgl. Putnam 2001).
Sozialraumorientierung
Die Sozialraumorientierung wird in der Fachdiskussion der Sozialen Arbeit oft als
Handlungsmethode und Fachkonzept bezeichnet. Folgende Bedeutungszusammenhänge werden
in der Fachliteratur wiederholt genannt: Sozialraumorientierung als Arbeitsprinzip des
sozialräumlichen fachlichen Handelns, als Lernfeld für Partizipationsprozesse, als Ausrichtung auf
nachhaltige Stadtentwicklung und zur Steuerung von Angeboten und Lebenswelten (vgl.
Spatscheck 2009, S. 33). Alle sozialen Organisationen können daher sozialraumorientiert
handeln, was aber nicht die explizite Tätigkeit in und am Raum bezeichnet.
2 Ausgangslage
Räume sind immer Soziale Räume. Sie sind das Ergebnis sozialer Praktiken verschiedenster
Akteure. Gesellschaftliche Entwicklungen wie die stärkere Mobilität, Zersiedelungstendenzen,
der demografische Wandel oder die veränderte Thematisierung des öffentlichen Raums
setzen neue Herausforderungen und fordern proaktive Gestaltungsformen. Um nachhaltige
Lösungen zu entwickeln, vermag ein erweiterter Blick auf räumliche, soziale und
steuerungslogische Dimensionen sozialräumliche Herausforderungen vollumfänglich zu
erfassen. (FHS St.Gallen 2013, Kompetenzzentrum Soziale Räume, ¶1)
Im geschichtlichen Ursprung der Sozialen Arbeit steht mit der Settlement-Bewegung das Quartier
im Zentrum (vgl. Biesel 2007, S. 23). Im aktuellen Umgang der Sozialen Arbeit mit Sozialen
Räumen sind ein wachsender Fachdiskurs und eine Zunahme an Interventionen im Sozialraum zu
beobachten. Die Sozialraumorientierung entwickelt sich damit tendenziell zu einer Tätigkeit im
!
9!
Sozialen Raum. Diese Sozialraumarbeit hat viele Facetten, erfolgt interdisziplinär und etabliert
sich mehrheitlich in urbanen Gebieten und im ländlichen Kontext in Projekten. In der
vorliegenden Arbeit wird daher die Frage nach der Berufsidentität und dem Berufsbild der
Fachkräfte der Sozialen Arbeit in der Sozialraumarbeit und nach ihrer Funktion und Legitimation
im interdisziplinären Setting gestellt. In bestehenden Berufsbildern der Sozialen Arbeit fehlt
nämlich diese Ausrichtung auf den Sozialen Raum hin noch weitgehend. Die Intensivierung der
Sozialraumarbeit im fachlichen Diskurs hingegen veranschaulicht das Beispiel Schweizerischer
Fachhochschulen, für die gilt:
Die internationale und interdisziplinäre neuerliche und explizite Hinwendung zum Raum
zeigt
sich
in
verschiedenen
strategischen
Ausrichtungen
Schweizerischer
Fachhochschulen, die Raummetaphern wie Community Developement, Sozialplanung,
Soziale Stadtentwicklung für übergeordnete Querschnittthemen und Schwerpunktbildungen regionaler, nationaler und internationaler Themensetzungen nutzen (Reutlinger
& Wigger 2010, S. 7f).
Sozialraumarbeit wird dabei durch Organisationen geleistet. Eine Annäherung an die
Funktionsweise der sozialräumlichen Sozialen Arbeit kann versucht und der Optimierungsbedarf
benannt werden, auch wenn es die klassische Organisation dafür nicht gibt. Mit Hilfe von
Praxisbefragungen und dem Vergleich der Ergebnisse mit der Theorieentwicklung, im Sinne einer
Präzisierung der sozialräumlichen Arbeit, lässt sich dieses Handlungsfeld der Sozialen Arbeit
jedoch entsprechend analysieren.
Der sozialräumliche Fachdiskurs beschreibt die Sozialraumorientierung und die Sozialraumarbeit
in der Sozialen Arbeit. Das Handlungsfeld ‚Sozialer Raum’ ist von transdisziplinären und
transnationalen Prozessen geprägt. Mit der sozialräumlichen Sozialen Arbeit stehen der Einbezug
des Sozialraums ins sozialarbeiterische Verständnis und das professionelle Wirken im Sozialraum
im Mittelpunkt der Betrachtung. Die Wichtigkeit des sozialräumlichen Denkens und Handelns in
der Sozialen Arbeit zeigt sich in der interdisziplinären Zugangsweise zum Raum und der
Ungleichverteilung der Disziplinen in den Entscheidungsstrukturen über die Gestaltung von
Sozialen Räumen. Die Soziale Arbeit könnte sich daher vermehrt an der räumlichen
Erkenntnisgewinnung und den Entwicklungsprozessen beteiligen und die Anliegen der Sozialen
Arbeit, wie die Prävention, die Integration und die Netzwerkbildung einbringen. Die
Globalisierung und die Aufweichung von nationalen Grenzen sowie die weltweiten
Kommunikationstechnologien bedingen für die Soziale Arbeit eine Überprüfung der Definition und
Sichtweise auf Soziale Räume, deren Funktion und Beschaffenheit. Die Beschaffenheit der Räume
und die sozialen Vernetzungen verändern sich fortwährend und fordern eine Definition in
Richtung ‚fliessender Räume’ oder ‚sich öffnender Räume’. Der Soziale Raum bildet durch die
vielfältigen Dimensionen eine sinnvolle Grundlage und einen Zugang, um soziale und
gesellschaftliche Entwicklungen zu beobachten und zu verstehen. In Organisationen, die eine
sozialräumliche Soziale Arbeit anstreben, sind daher auch die Tätigkeiten sowie die Berufsrollen
der Professionellen vielfältig. Je nach Einbezug des Sozialen Raums und den gewählten
Zielsetzungen in der Sozialraumarbeit formieren sich die Anforderungen und methodischen
Vorgehen daher unterschiedlich.
Eine breite, differenzierte sozialräumliche Praxis ist in der Sozialen Arbeit nicht vorhanden.
Einerseits ist eine Förderung dieser im Sinne der sozialen Integration sinnvoll. Andererseits gibt
es in den verschiedenen Disziplinen sehr unterschiedliche berufliche Umsetzungen für die
Sozialraumarbeit. Eine Vernetzung unter Professionellen und eine interdisziplinäre Funktions-
!
10!
bestimmung ist daher unabdingbar für eine nachhaltige Praxis. Die Untersuchung der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit im Rahmen dieser Arbeit ist eine Annäherung an das
entsprechende Berufsbild, das kontinuierlich überprüft werden muss. Dabei steht die Soziale
Arbeit ausgerichtet auf Netzwerke, das Gemeinwesen, Soziale Räume und Gruppen im Fokus,
aber nicht die ausschließlich auf diese Klientel orientierte Praxis.
2.1 Problemstellung
Nach einer einleitenden Benennung von grundlegenden sozialräumlichen Aspekten werden,
ausgehend von der Literaturrecherche, drei Problemfelder beschrieben. Das Sozialraumverständnis und die Funktion und Verortung der Sozialraumarbeit sind wichtige
Komponenten der Berufsbildbeschreibung der sozialräumlichen Sozialen Arbeit. In den
Fachtexten zur sozialräumlichen Sozialen Arbeit von Christian Reutlinger (vgl. Reutlinger 2011,
¶8) wird daher folgende Transformation als Paradigmenwechsel in der Praxis und Forschung der
Sozialen Arbeit bezeichnet: Die Sozialraumorientierung bezogen auf die Klientel oder ein Thema
entwickelt sich zur Sozialraumarbeit mit der Ausrichtung auf den Sozialraum an sich mit dessen
verschiedenen Längs- und Querschnittdimensionen. Die Gemeinwesen- oder Quartierarbeit in
ihrer ursprünglichen Form scheint an ihren Ansprüchen der Sozialraumbezogenheit gescheitert zu
sein (vgl. Schubert 2011, ¶1). Die Sozialraumorientierung hat somit in den meisten
Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit Einzug gehalten und eine Verwässerung an expliziter
Fachlichkeit
erfahren.
Die
Sozialraumarbeit
als
Handlungsfeld
steht
in
einem
Institutionalisierungsprozess mit grossem Entwicklungspotenzial, wobei neue Praxisformen
entstehen oder angedacht werden. Die theoretischen Konzepte der Gemeinwesenarbeit, der
Sozialraumorientierung und der Sozialraumarbeit funktionieren in der Praxis parallel und
ineinander verwoben. Dieser Wechsel der Denkweise ist begründet in sozialpolitischen
Transformationen,
wie
demographischen
Veränderungen
oder
wohlfahrtsstaatlichen
Deformationen und einer zusätzlichen Ausrichtungsoption der Sozialen Arbeit auf die Bevölkerung
als Ganzes mit ihren Bewältigungsleistungen.
2.1.1 Das uneinheitliche sozialräumliche Verständnis
Mit dem transdisziplinären Zugang (vgl. 3.1.5) ist die Reflexion des gegebenen Kontextes mit
vorherrschenden Normen in der Sozialraumarbeit wichtig. Von Bedeutung ist für die Praxis, den
sozialräumlichen Diskurs interdisziplinär zu führen und über das notwendige theoretische und
methodische Werkzeug zu verfügen. Diese Notwendigkeiten brauchen eine Thematisierung in der
Praxiserforschung und eine entsprechende Benennung im Berufsbild. Kessl und Reutlinger (2009,
¶4) vertreten diesbezüglich die Ansicht, dass „im Mittelpunkt ... der Sozialraumarbeit ... [bei den]
Fachkräften die Ausbildung einer reflexiven räumlichen Haltung [steht] als Realisierung einer
reflexiven Professionalität im Fall raumbezogener Vorgehensweisen“ und die Förderung dieser bei
sozialen Organisationen und politischen Verantwortungstragenden auf allen Ebenen. Die von
Reutlinger und Wigger (2007) in der Ostschweiz untersuchten Praxen haben Anspruch darauf,
den Sozialraum zu gestalten, wobei hier das Fehlen eines relationalen Raumverständnisses oder
des Verständnisses von Struktur- und Prozessdimensionen des Sozialen oft in einer Verkürzung
oder Vereinfachung der Raumwahrnehmung endet (vgl. Reutlinger & Wigger 2010, S. 51). Dieses
Defizit an einem differenzierten Verständnis und der einheitlichen Definition der Funktion der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit ist eine der Herausforderungen dieser Praxisforschung. Es gilt
somit, mit der vorliegenden Studie Klarheit zwischen Berufspraxis und Fachdiskurs bezüglich der
Sozialraumarbeit zu schaffen. Der Transfer im Sinne der Theorieentwicklung in der
!
11!
Sozialraumarbeit von der Wissenschaft in die Praxis könnte durch die Beteiligten überprüft und
von der Praxis zur Wissenschaft vorangetrieben werden. Selbst- und Fremdeinschätzungen der
Sozialraumarbeit durch Professionelle interessieren dabei besonders in Bezug auf das Berufsbild
und die Entwicklungen in der Profession der Sozialen Arbeit.
Für eine erfolgreiche sozialräumliche Soziale Arbeit und deren Verständnis braucht es eine
Einbindung in gesellschaftliche Entwicklungs- und Entscheidungsprozesse. Im sozialräumlichen
Denken und Handeln wird somit Gouvernementalität (Foucault 2005) wichtig. Die folgenden
Auszüge aus der Fachliteratur zeigen dabei die Spannweite dieser Vernetzung: Die Etablierung
von sozialräumlichen Governance-Strukturen wird sinnvollerweise von einem kollektiven
Lernprozess begleitet, „in dem die Beteiligung der Bürger als Bereicherung und nicht als
Kompetenzverlust oder als Gefährdung der Routinen wahrgenommen wird“ (vgl. Holtkamp &
Bogumil 2007; zitiert nach Schubert 2011, ¶4). „Durch den Netzwerkcharakter von GovernanceStrukturen verschiebt sich sukzessive das Interventionsgefüge“ (Schubert 2011, ¶4). Das
politische Mandat der Sozialen Arbeit, der Einsatz für sozialverträgliche Strukturen, ist gefordert.
Gleichzeitig sind solche Mitwirkungsmöglichkeiten begrenzt und von politischen Tendenzen und
Regierungsformen abhängig: „Das heißt für Soziale Arbeit insgesamt, dass gleichzeitig eine
kritische Reflexion der aktuellen Möglichkeiten und Grenzen der Bearbeitung des Sozialen Raums
durch die Soziale Arbeit im Sinne der Gestaltung sozialer Prozesse notwendig ist“ (Reutlinger
2011, ¶8). Denn präzise gesehen, gehören Governance-Strukturen, als Teil des Sozialraums, zu
den durch die sozialräumliche Soziale Arbeit zu bearbeitenden Systemen. Gemäss Foucault meint
die Gouvernementalität das Gesamtsystem der Regierungsinstitutionen mit allen Komponenten
und Facetten der Machtausübung. In seinem Konzept der Gouvernementalität bezieht Foucault
sich dabei auf drei verbundene Erscheinungen: die politische Rationalität, den Machttypus und
die historischen Prozesse (vgl. Foucault 2005, S. 177-179). Mit Blick auf Gemeindestrukturen
geht aus Praxisberichten der sozialräumlichen Sozialen Arbeit hervor, dass es sozialräumliche
Ansätze schwer haben, sich nachhaltig zu verbreiten, da in Verwaltungen noch immer das
territoriale Denken herrscht. Die aktuelle politische Rationalität und historische Prozesse scheinen
somit mehr Bedeutung zu haben als gesellschaftliche Entwicklungen im Sozialraum.
2.1.2 Unklare Funktion und Verortung der Sozialraumarbeit
Die Funktionen Sozialer Arbeit sind aus der Sicht des Autors: (Re-) Integration in die Gesellschaft
zu fördern, Prävention und stellvertretende Bewältigung von Sozialen Problemen; im Sinne der
Gemeinwesenentwicklung die Förderung von Vernetzung und Mitwirkung und die Gestaltung von
sozialverträglichen Strukturen und Räumen. Diese gelten grundsätzlich auch für die sozialräumliche Soziale Arbeit. Es stellt sich daher die Frage, ob die Arbeit mit Sozialen Räumen eine
neue Funktion erfüllt oder anders gefragt: Wie begegnet die Praxis der Sozialen Arbeit den
vielfältigen Zugängen, der Beschaffenheit und den Anforderungen von Sozialen Räumen und wie
interveniert sie bei Sozialraumproblemen?
In Sozialen Räumen wirken gesellschaftliche und politische Prozesse und prägen die Partizipation
der Bevölkerung an Raumentwicklungen, die im schweizerischen Raumplanungsgesetz verankert
ist. Ein politischer Auftrag, diese Mitbeteiligung herzustellen, schwingt daher für die
Sozialraumarbeit mit. Die Soziale Arbeit mit ihrem Auftrag der stellvertretenden Inklusion von
Individuen ist doppelt oder mehrfach adressiert und gefordert. Ob das Ziel der sozialräumlichen
Sozialen Arbeit politisch ist oder u.a. in der Moderation, Initiierung oder Gestaltung der
Sozialraumentwicklung liegt, sind in der Ausgestaltung der Praxis zentrale Entscheide. Um die aus
diesen Zielen herleitbaren Funktionen auch kontrollieren und weiterentwickeln zu können, muss
!
12!
auch ein Wirkungsmessungsprozess etabliert werden. Denn die Messung von sozialer Vernetzung
oder das Mass der Partizipation könnten damit vorangetrieben und benannt werden. Ist das
Sozialkapital (vgl. Bourdieu 2007, S. 63) eine dafür verwendbare Grösse? Der Zusammenhang
vom Sozialkapital zur Solidarität im Sozialraum wäre sicherlich ein lohnender Ansatz, der in einer
separaten Studie untersucht werden müsste. Für die Berufsbildbeschreibung ist eine Annäherung
an diese funktionalen Faktoren in jedem Fall von wichtiger Bedeutung.
Durch die Verbindung verschiedenster Orte und Kontexte rückt die Verortungsfrage ins
Zentrum der Sozialen Arbeit. Menschen in transnationalen und transdisziplinären Gesellschaften
sind immer mehr an verschiedene und wechselnde Orte gebunden. Diesem Dilemma kann die
Praxis nicht ausweichen und eine Lösung ist immer an sozialräumliche Prozesse gebunden.
„Verortungsprozesse stellen insofern soziale Praktiken dar, mit denen spezifische räumliche
Kontexte, die das Ergebnis vormaliger sozialer Praktiken sind, verändert, bestätigt oder
verworfen werden“ (Kessl & Reutlinger 2009, ¶5). Ob dieses Bewusstsein und Vorgehen in der
Praxis thematisiert wird, ist zu untersuchen. „Nicht weniger, aber auch nicht mehr als eine
explizite und transparente Positionierung innerhalb dieser Prozesse ist die Aufgabe einer
raumbezogenen Sozialen Arbeit im Sinne der Sozialraumarbeit. Die (Weiter-) Entwicklung einer
solchen Sozialraumarbeit steht allerdings erst am Anfang“ (ebd., ¶5). Durch die virtuelle
Vernetzung entstehen zudem Sozialräume mit unbegrenzten Optionen. Dabei stellt sich die
Verortungsfrage nochmals ganz neu und ortsunabhängig: Die Verortung der Sozialen Arbeit in
virtuellen Räumen verschiebt sich tendenziell zum Individuum und dessen aktuellem Standort
hin. Durch die Wechselwirkung zwischen realen und virtuellen Sozialräumen entstehen des
Weiteren völlig neue Handlungs- und Vernetzungsoptionen und diese lösen gesellschaftliche
Prozesse mit weitgehend unbekannten Entwicklungen aus. Deutlich wird hierbei, dass „das
Internet entscheidenden Einfluss auf gesellschaftliche Bezüge nimmt und virtuelle Räume vor
diesem Hintergrund als eine Ausweitung des gesellschaftlichen Sozialraums anzusehen sind, da
hier in gleicher oder ähnlicher Weise Funktionen bedient werden, die dem (realen) Sozialraum
zuzuordnen sind“ (Kress 2012, ¶13).
2.1.3 Fehlende Berufsbildentwicklung
Die dritte Kernfrage der Studie lautet: Wieso braucht die sozialräumliche Soziale Arbeit ein
Berufsbild? Die Antwort darauf lautet: Weil sie im Berufsbild der Professionellen Sozialer Arbeit
von Avenir Social weitgehend fehlt. Eine solche Berufsbildbestimmung wäre aber ein lohnender
Versuch, dieses heterogene Handlungsfeld greifbar zu machen und den gemeinsamen Nenner zu
betonen. In dieser Arbeit werden daher die Auswirkungen des sozialräumlichen Verständnisses
auf die Profession, Berufsrolle, Qualifikationen und Ausbildung der Sozialen Arbeit und die
Interdisziplinarität im Handlungsfeld fokussiert. Die Ausgestaltung der Praxis und das
Berufsverständnis der sozialräumlichen Sozialen Arbeit können nämlich durch eine differenzierte
Benennung transparenter werden. Eine Funktionsbeschreibung und ein mehrheitlich getragenes
Verständnis von Sozialraumarbeit sind zudem für Legitimationsprozesse der Sozialen Arbeit in
transdisziplinär geprägten Kontexten der Sozialraumarbeit existentiell. Denn eine räumliche
Haltung erfordert eine spezifisch fachliche und damit eine berufspolitische Positionierung. „Damit
schließt eine solche Sozialraumarbeit an ein reflexives Methodenverständnis an, das davon
ausgeht, dass sozialpädagogische Fachkräfte prinzipiell über ein ganzes Spektrum an Methoden
verfügen müssen, über deren Einsatz situationsspezifisch zu entscheiden ist und die zu
legitimieren sind“ (Kessl & Reutlinger 2009, ¶1). Die Problematik der Berufsbildbeschreibung der
Sozialarbeitenden in Sozialen Räumen besteht in den komplexen, pluralistischen, inter-
!
13!
disziplinären und interkulturellen Anforderungen an die Kompetenzen. Diese Beschreibung ist
somit abhängig von Sozialen Räumen und den entsprechenden Tätigkeitsfeldern mit den
sozialpolitischen Rahmenbedingungen.
2.2 Fragestellungen
Die leitenden Fragen, die daraus für die vorliegende empirische Forschung abgeleitet werden
können sind somit folgende:
Wie lässt sich das Berufsbild der sozialräumlichen Sozialen Arbeit beschreiben?
• Wie wird die sozialräumliche Soziale Arbeit in Organisationsunterlagen umrissen?
• Wie ist das Selbstverständnis von Professionellen der Sozialen Arbeit in der
Sozialraumarbeit bezüglich Sozialen Räumen, der Verortung, Funktion, erzielten Wirkung,
Legitimation und dem inter- und transdisziplinären Setting?
• Wie ist das Fremdverständnis bei Verantwortungstragenden der Sozialen Arbeit und
interdisziplinären Partnerorganisationen bezüglich Sozialen Räumen, der Verortung,
Funktion, erzielten Wirkung und Legitimation der Sozialen Arbeit in der Sozialraumarbeit?
• Welche aktuellen Entwicklungsthemen und sozialpolitischen Transformationen prägen die
Sozialraumarbeit?
2.3 Arbeitsthesen
Das St.Galler Modell zur Gestaltung des Sozialraums, über die Gestaltung von Orten,
Steuerungsprozessen und die Arbeit mit Personen und Gruppen, lässt sich in Praxen der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit erkennen.
Das Berufsbild der Sozialen Arbeit bedarf einer Ergänzung durch die sozialräumliche Ausrichtung.
2.4 Relevanz der Praxisforschung
Der Nutzen dieser Praxiserforschung liegt im Beitrag zum Berufsverständnis in der Sozialen
Arbeit. Mit der Berufsbildbeschreibung der sozialräumlichen Sozialen Arbeit wird eine Klärung und
Positionierung im interdisziplinären Tätigkeitsfeld gefördert. Mit der Transparenz des
vereinheitlichten sozialräumlichen Verständnisses und der expliziten Determinierung des
Berufsverständnisses im Bezug zu anderen Disziplinen können die Rollenidentität und das
Professionsbewusstsein in der Sozialraumarbeit wachsen. Grundsätzlich ist in der Praxis ein
Bedarf an Reflexion und Abgleich von Selbst- und Fremdverständnis im Sinne der
Qualitätsentwicklung gegeben. Dieser Beitrag zur Berufsentwicklung der Sozialen Arbeit durch
Ergebnisse aus der Verständniserforschung der Praxis der Sozialraumarbeit richtet sich an
Professionelle in der Praxis, politische Verantwortungstragende, an Interessenverbände der
Sozialraumarbeit und an die Lehre und Forschung der Sozialen Arbeit. Mit dieser Arbeit ist es
folglich möglich, einen Beitrag zum Wissenschaft-Praxis-Transfer im Definitions-, Funktions- und
Legitimationsverständnis der sozialräumlichen Sozialen Arbeit, bezogen auf die aktuellen
gesellschaftlichen Transformationen, zu leisten.
!
14!
A Theoretischer Teil
Zusammenfassung
Durch das Platzieren von sozialen Gütern und Menschen, die in bestimmten Verhältnissen
zueinander stehen, bildet sich der Sozialraum. Soziale Räume werden aus einer Betrachtungsperspektive mit einem thematischen Fokus wahrnehm- und beschreibbar. Das Sozialkapital
beschreibt zwischenmenschliche Vernetzung, gegenseitiges Vertrauen und Normen
generalisierter Wechselwirkungen innerhalb von Gemeinschaften und macht den Sozialraum
bedingt messbar. Die soziale Produktion von Raum bezeichnet den Generierungsprozess von
Sozialräumen mit den grundlegenden Faktoren und Prozessen. Das St.Galler Modell zur
Gestaltung des Sozialraums fusst auf den Zugängen ”Mensch“, ”Struktur“ und ”Ort“, an denen
auch die sozialräumlichen Interventionen ansetzen. Sozialräumliche Soziale Arbeit hat dabei die
Funktion, die ursächlichen Bedingungen von Sozialen Problemen mit Interventionen in und an
Sozialen Räumen zu bearbeiten. Eine reflexive räumliche Haltung bildet die Grundlage für
professionelle Sozialraumarbeit. Die Abgrenzung zur sozialraumorientierten Sozialen Arbeit liegt
in deren Ausrichtung der Klientelarbeit auf Soziale Räume. Transdisziplinarität und -nationalität
prägen dabei zunehmend die Gestaltung der sozialräumlichen Tätigkeiten und verlangen neue
Praxisformen und Konzepte für die virtuelle Sozialraumgestaltung. Sozialpolitische Transformationen treffen die sozialräumliche Soziale Arbeit im Kern und fordern Innovation. Das
Berufsbild als berufspolitische Kategorie beschreibt die Ist-Situation von sozialräumlicher
Praxisgestaltung und ist ein Beitrag zur Berufsentwicklung.
3 Grundlagen der Sozialraumarbeit
3.1 Definitionen
Im sozialräumlichen Diskurs gibt es unterschiedliche theoretische Ansätze und Modelle, die in
Kapitel 3.2 als Übersicht dargestellt werden. Es wird dabei jedoch kein Anspruch auf eine
vollständige und differenzierte Diskursanalyse zur sozialräumlichen Sozialen Arbeit erhoben.
Vielmehr geht es um die Einordnung der hier verwendeten grundlegenden Theorie nach Bourdieu
und des St.Galler Modells zur Gestaltung Sozialer Räume. Entscheidendes Kriterium für diese
Auswahl sind die vorzügliche Praxistauglichkeit und die Eignung für die Denkweise der Sozialen
Arbeit. Das Generieren von sozialem Kapital nach Bourdieu durch die Akteure im Sozialraum
unterstützt die Wirksamkeitsfrage in der Sozialraumarbeit. Die Auswahl der zu klärenden Themen
ist dabei ausgerichtet auf den empirischen Teil und die Fragen, die gemäss der
Kernfragestellungen (Kapitel 2.2) bearbeitet werden sollen. Die Kategorien für die Erfassung
des Berufsbildes werden hierfür im Folgenden kontinuierlich erarbeitet und sind kursiv
markiert.
3.1.1 Soziale Räume – Das St.Galler Modell
Konkrete Sozialräume können sein: Aktionsraum, Aneignungsraum, Brennpunkt, Feld, Heimat,
Kontext, Lebensraum, Lebenswelt, Medienwelt, Milieu, Nahraum, Ort, Platz, Quartier, Region,
Revier, Situation, Transitraum, Umwelt, Viertel, usw. (vgl. Reutlinger & Fritsche 2010, 5f.). Der
begrenzten Definitionsmöglichkeit von Sozialen Räumen wird folglich mit aktuellen Theorien
begegnet und mit einem vielschichtigen Verständnis.
!
15!
Das Konzept des Sozialen Raums wurde zunächst von Pierre Bourdieu entwickelt. Es dient der
Darstellung
und
Analyse
sozialer
Strukturen
und
individueller
Positionen.
Die
Verteilungsstrukturen des gesamtgesellschaftlichen und des individuellen Kapitals (soziales,
kulturelles und ökonomisches Kapital) zeichnet Bourdieu in einem konstruierten
dreidimensionalen Sozialen Raum nach. Orientierung im Sozialen Raum entsteht dabei durch den
Habitus (Verhältnis von Raum und sozialem Verhalten) (vgl. Manderscheid 2008, S. 157f). Hierbei
ist der Raum mit den zu denkenden Zugängen und Facetten und dem Fokus des Sozialen
gemeint. Für zentral bei diesem Ansatz erachte ich folgende Aussage: Nicht das Räumliche ist
von Relevanz, sondern das sich im Räumlichen gründende Soziale. Jeder Sozialraum
ist von Menschen bestimmt und fokussiert. Bedeutend sind dadurch die
Handlungsmöglichkeiten, die sich aufgrund der räumlich-baulichen Struktur, der Ausstattung und
der Lage ergeben und das sinnliche Raumleben beeinflussen sowie die subjektiven
Interpretationen des Raums als Lebensraum (vgl. Grimm 2007, S. 78). Dabei stellt sich die Frage,
wie Soziale Räume (re-)produziert und räumliche Dimensionen sozialer Zusammenhänge z.B. von
der Sozialen Arbeit erfasst werden.
„Raumordnungen ... stellen wirkmächtige Materialisierungen sozialer Prozesse dar, das heisst
bestimmter Redeweisen vom Raum“ (Kessl & Reutlinger 2010). Für die Soziale Arbeit ist die
Erkennbarkeit von Sozialen Räumen mit ihren Strukturen relevant, um in und an ihnen arbeiten
zu können. „Der Einfluss von Räumen im Sinne physikalischer Zusammenhänge zielt nicht direkt
auf die Formation sozialer Praktiken, sondern bildet eine symbolische Ordnung, in der sich
historische Gestaltungspraktiken eingeschrieben haben“ (ebd. 2010, S. 129). Dies zeigt die
Wechselwirkungen sozialer Prozesse mit den tradierten Werten und Normen und weist auf die
zeitliche Dimension von Sozialen Räumen hin. Folgende Dimensionen charakterisieren den
Sozialen Raum: Eine historische, eine physisch-materielle, eine symbolische (z.B. Macht- und
Entscheidungsstrukturen), eine lebensweltliche und Alltagsdimension, eine finanziellorganisatorische und eine inhaltlich-methodische Dimension (vgl. Grimm 2007, S. 77). Wie der
Raum methodisch erfasst und mit welcher inhaltlichen ‘Brille’ er betrachtet wird, ist ein weiterer
Aspekt des Raumverständnisses. Je nachdem, welche sozialen Prozesse oder Akteure man
fokussiert oder welches Thema interessiert, werden Räume nämlich unterschiedlich
wahrgenommen. Der Betrachtungsort der Raumdimensionen ist ein gewählter und
auswechselbar. In diesem Sinne können hier nur einige Betrachtungen der sozialräumlichen
Theorie einfliessen, denn diese müssen als ein nie endendes Kontinuum gesehen werden, das
zum Weiterdenken und neu Betrachten anregt.
Zur Frage der Konstituierung von Sozialen Räumen ist festzuhalten: Der Raum entsteht durch das
Platzieren von sozialen Gütern und/ oder Menschen. Durch eine Syntheseleistung über
Wahrnehmungs-, Erinnerungs- und Vorstellungsprozesse werden Güter und Menschen zu
Räumen zusammengefasst. Die Bauteile des Sozialen Raumes sind materielle Ressourcen,
Wissen, Rang und Zugehörigkeit, Einschluss und Ausgrenzung. Raum ist Zuschreibung und
Vermachtung (vgl. Früchtel, Cyprian & Budde 2007, S. 199-202). Dieser praktische Ansatz
beschreibt die Wandlungsfähigkeit und Gestaltbarkeit eines Sozialen Raumes, aber geht vom
fixen Baukonzept aus und nennt soziale Wertschöpfung im ökonomischen Sinn Kapital. Die
Gestaltung Sozialer Räume durch Menschen kann jedoch auch als ‚Spacing’-Prozess bezeichnet
werden, in welchem Menschen sich materiell vorgefundene Räume aneignen, dabei Beziehungen
eingehen und dadurch Orte zu Räumen mit eigener Qualität machen (vgl. Deinet 2006 zit. nach
Spatscheck 2009, S. 34). Es gilt deshalb, die „relationale Anordnung von Menschen und sozialen
!
16!
Gütern und Strukturen an bestimmten Orten“ (Spatscheck 2009, S. 34) in den Blick zu nehmen.
Soziale Räume sind somit gleichzeitig lebensweltliche Aneignungskontexte (vgl. Deinet 2006, S.
57), in denen sich verschiedene Formen von gesellschaftlicher Teilhabe unter je spezifischen
Bedingungen verwirklichen lassen oder welche diese auch verunmöglichen können. Dass sich der
physische und Soziale Raum ergänzen, konkurrenzieren, ein- oder ausschliessen und bereichern
können, könnte als die Qualität der Prozesse im Raum bezeichnet werden. Folglich kann
festgehalten werden, dass materielle und Soziale Räume nie kongruent sein können, weder aus
individueller noch aus gesellschaftlicher Sicht. Die Wahrnehmung des Sozialraums wird versucht
in Bilder zu fassen:
Raumbilder
Innerhalb des sozialräumlichen Diskurses werden vier Raumbilder immer wieder benannt (vgl.
Kessl & Reutlinger 2010, S. 91-120):
• Der Global/ Lokale Raum entsteht aus den Prozessen der Globalisierung,
Internationalisierung und Transnationalisierung. Es ist somit heute ein neuer Raum für die
Rekonstruktion sozialer Zusammenhänge zu finden, der im Lokalen liegt.
• Der Abgekoppelte/ Aufgewertete Raum hat die Ursachen in sozialen
Polarisierungsprozessen verschiedener Bevölkerungsgruppen mit ungleich verteilten
Verfügungs- und Zugangsmöglichkeiten.
• Der (De-) Regulierte Raum ist begründet in einer Deregulierung sozialer
Zusammenhänge und einer Regulierung in Form einer Territorialisierung des Sozialen in
Folge von post-wohlfahrtsstaatlichen Arrangements.
• Der Riskante/ Sichernde Raum entsteht in post-wohlfahrtsstaatlichen Strategien mit
zunehmender Behandlung, Tatvermeidung und Bestrafung des Verhaltens von Personen
und weniger deren Rehabilitation.
Die Thematisierung von Raumordnungen ist ein sich entwickelnder Prozess und die Justierung
von Raumbildern ist mit der Suche von Handlungssicherheit verbunden. Die Typen von
fokussierten Sozialen Räumen sind damit eine Kernfrage in der Beurteilung der Praxis. Der
disziplinäre Zugang zur Raumfrage ist insofern für die Soziale Arbeit interessant als vom gleichen
Raum gesprochen werden kann oder vom gleichen Raumverständnis, aber der Fokus ein anderer
ist und somit die Wahrnehmungsergebnisse und auch die Interventionen unterschiedlich sind.
Dies zeigt, dass der interdisziplinäre Dialog und Entscheidungsprozess die Grundbedingung ist.
Dabei kommt eine ganz neue Sicht auf Räume zum Zuge: “Das Dorf oder der Stadtteil als Ort
lokaler sozialer Austauschbeziehungen ist nur einer der interessanten Räume – und nicht
notwendigerweise der wichtigste. Soziale Austauschbeziehungen leben weiterhin mit der face-toface-Situation, sind aber nicht mehr sklavisch an sie gebunden“ (Grimm 2007, S. 78). Die
Herausforderung vom Raumverständnis liegt in der Erfassung von effektiven Räumen, d.h. von
Sozialen Räumen, die von Individuen, Organisationen oder Programmen ergründet oder erreicht
werden. Sozialräume können sich über mehrere geographische Räume aufspannen oder wie
russische Puppen ineinander verschachtelt sein. Geographisch-physische Flächenräume
und Sozialräume menschlicher Verflechtungsbeziehungen sind ‚doppelt exklusiv
ineinander verschachtelt’. Dauerhafte Sozialräume benötigen daher immer genau einen
kohärenten Flächenraum (vgl. Pries 2011, S. 33).
!
17!
Das St.Galler Modell
Zentral in dieser Arbeit ist das St.Galler Modell zur Gestaltung des Sozialraums:
Ein erster Zugang fokussiert die Gestaltung von Orten, d.h. die Veränderung der
psychisch-materiellen Welt. Ein zweiter Zugang zum Sozialraum vollzieht sich über die
Gestaltung von Steuerungsprozessen auf verschiedenen organisatorischen Ebenen von
der Veränderung von Heim- oder Schulstrukturen bis hin zur Veränderung von traditionellen
Verwaltungsstrukturen. Der dritte Zugang zum Sozialraum wird in der Arbeit mit
Einzelpersonen oder Gruppen an Orten sichtbar. (Reutlinger & Wigger 2010, S. 16)
Das Modell wurde aus dem Projekt ‚Vermessung der Sozialraumlandschaft’ gestützt und auf der
Grundlage von Experteninterviews mit Forschenden und Dozierenden durch die FHS St.Gallen
entwickelt. Dabei sind Blickwinkel der Sozialen Arbeit und der Sozial- und Gemeindeplanung
berücksichtigt. Diese mehrdimensionale Perspektive versteht sich als grundlegend für die
sozialräumliche Soziale Arbeit. Virtuelle Räume als spezifische Ausformung des Sozialen Raumes
sind von denselben drei Determinanten bestimmt. Sie sagen zudem über die Qualität und Form
der Kommunikation etwas aus und werden bedingt als eigenständige Räume gesehen.
Sozialräume werden im genannten Projekt als nicht-absolute Einheiten, die das Ergebnis sozialer
Prozesse sind, beschrieben (ebd 2010). Sie sind ein ständig (re-) produziertes Gewebe sozialer
Praktiken, gezeichnet durch heterogene historische Entwicklungen, kulturelle Prägungen,
politische Entscheidungen und bestehende Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Dieses Gewebe
wirkt wiederum auf die Handlungen (vgl. Kessl & Reutlinger 2010, S. 253). Diese
Prozesshaftigkeit kommt im St.Galler Modell zum Ausdruck und ist damit für die Beschreibung
sozialräumlicher Arbeit geeignet. Es lassen sich die Methodenwahl und professionellen Haltungen
der Sozialen Arbeit ableiten und Wechselwirkungen der Sozialen Arbeit zu anderen Disziplinen
und Akteuren rekonstruieren. Gestaltungsoptimismus prägt den Charakter des Modells:
Aktivierung in Form von gesellschaftlicher Mitwirkung und proaktive Gestaltung von Sozialen
Räumen (vgl. Reutlinger & Wigger 2010, S. 22-23). Das Modell fokussiert die Sozialraumorientierung und die Sozialraumarbeit mit dem Aneignungsraum von Menschen und die
Aktivierung des sozialen Kapitals. Die systematischen Wechselwirkungen der drei Zugänge zum
Sozialraum und Interventionsansätze im Sozialraum sind noch wenig erforscht und bedingen eine
sensible Beobachtung in der Anwendung des Modells. Schlussendlich interessieren gerade diese
Prozesse im Sozialraum und sind der Gegenstand der Intervention durch die Soziale Arbeit.
Sozialraumarbeit begreift sich im Bourdieu’schen Sinne in Bezug auf die eingeschriebenen Machtund Herrschaftsverhältnisse in die sie eingewoben ist und die sie gleichzeitig mit formt (vgl. ebd.,
S. 50-51). Weiter ermöglichen es die interdisziplinären Zugänge zum Sozialen Raum der Sozialen
Arbeit, herausgefordert durch die multiplen Sichtweisen, ihre Methoden und ihr
Kompetenzspektrum weiter zu entwickeln. Das St.Galler Modell unterstützt durch seinen
Charakter die Aufgabe, die Steuerungsprozesse und die Bearbeitung des Sozialraumes in
der folgenden Praxisuntersuchung genauer zu betrachten.
!
18!
Gestaltung struktureller Steuerung
Sozialraum
Gestaltung von Orten
Arbeit mit Menschen
Abbildung 1: St.Galler Modell: Denkfigur zur Gestaltung des Sozialraums (ebd., S. 46)
3.1.2 Sozialraumarbeit/ Sozialräumliche Soziale Arbeit
Die Sozialraumarbeit und die sozialräumliche Soziale Arbeit werden hier im Sinne der Sozialen
Arbeit gleichbedeutend verstanden. Die Sozialraumarbeit kann aber zusätzlich inter- oder
transdisziplinär ausgestaltet sein. Dies zu untersuchen sprengt den Rahmen dieser Arbeit. Die
geringe Verbreitung der Sozialraumarbeit hängt mit der sich entwickelnden Wahrnehmungspraxis
von Sozialen Räumen und der politischen Prioritätensetzung zusammen. Im theoretischen Diskurs
lässt sich mit den verschiedenen sozialräumlichen Zugängen ein grobmaschiges Verständnisnetz
der Sozialraumarbeit feststellen. Gemäss Kessl (2010, S. 133) beschränken sich sozialraumorientierte Ansätze auf raumbezogene Strategien Sozialer Arbeit in Bezug auf die
dominierenden, oben beschriebenen Raumbilder. Hingegen „versteht sich Sozialraumarbeit
explizit als Arbeit am Sozialen Raum, d.h. sie begreift sich selbst als aktive Gestalterin sozialer
Zusammenhänge, als deren bewusste Ausgestalterin“ (Kessl, Reutlinger & Deinet 2010, S. 133).
Diese ‚Arbeit am Sozialen Raum und die Soziale Arbeit als Ausgestalterin’ werden hier
als zentrale Definition betrachtet. Im systemischen Sinn nach Luhmann (1987), frei übertragen
auf die Sozialraumarbeit, werden intervenierende Organisationen selbst Teil des Sozialen Raumes
mit ihren Macht- und Entscheidungsstrukturen. Jede Gestaltung des Sozialen Raumes betrifft die
sozialräumlichen Akteure mit. Die Wirkung der sozialräumlichen Arbeit ist Teil des Sozialraums
und verändert die sozialarbeiterische Organisation. Zur Systemtheorie von Luhmann werden in
dieser Arbeit aus Kapazitätsgründen nur mögliche Anschlusshinweise gegeben.
Die Plausibilität für den Sozialen Raum als zentralen Bezugspunkt Sozialer Arbeit lässt sich
gemäss Grimm über die soziologische Theoriebildung des Raumbegriffs und aus der
sozialarbeiterischen Theoriebildung mit Ursprung in der Settlement-Bewegung ableiten (vgl.
Grimm 2007, S. 91). Neben der auf den Einzelfall der Sozialen Arbeit ausgerichteten
Unterstützung bedarf es jedoch professioneller Interventionen zur Verbesserung der konkreten
sozialräumlichen Bedingungen. Der Bedarf und die Legitimation der Sozialraumarbeit
können nicht per se geklärt werden. Die dem Sozialraum entsprechende Bedarfserhebung kann
als ein Teil der Intervention betrachtet werden, indem sich die Akteure als Teil des Sozialraums
begreifen und externer und interner Bedarf bezüglich der Organisation erhoben wird. Die
sozialräumlichen Dimensionen sind dabei auf die operative Umsetzung der Sozialraumarbeit zu
übertragen: Auf der Mikroebene die individuellen Bezüge, auf der Mesoebene (System von
Mikrosystemen) die ökosozialen Ausstattungen und auf der Makroebene (alle Systeme im
Sozialraum) die globalen Wechselwirkungen (vgl. Bronfenbrenner 1989, S. 42). Die Bearbeitung
Sozialer Probleme im Sozialraum interessiert aus Sicht der Sozialen Arbeit und der
!
19!
gesellschaftlichen Entwicklungen. Der Blick auf nicht-individuelle Problemstellungen kann
Auskunft geben über den Charakter von sozialräumlichen Problemstellungen. Die Ressourcen der
im Sozialraum lebenden Menschen, der sozialen Dienste, der professionellen und ehrenamtlichen
Akteure sowie die vorhandenen materiellen Ressourcen werden hierbei wahrgenommen und
erfasst und sind Ausgangspunkt von Sozialplanung im Sinne eines umfassenden
Sozialraummanagements (vgl. Handschuck 2013, S. 15).
Funktion und Methoden der sozialräumlichen Sozialen Arbeit
Für die Annäherung an die Funktion der Sozialraumarbeit kommt in dieser Arbeit folgendes, in
der Reihenfolge korrigiertes, methodisches Vorgehen zum Einsatz: Die Planung, Organisation und
Steuerung im Sozialraum, als ein kreisförmig-prozesshaftes Handeln, beinhaltet folgende Phasen:
− Die Formulierung des Handlungsbedarfs,
− die Beschreibung und Bewertung des Sozialraums,
− die Zielentwicklung,
− die Entwicklung, Koordination und Steuerung von Projekten und Massnahmen und
− die Evaluation der Sozialraumarbeit (vgl. Rostock 2009, S. 59).
Da diese Phasen verwandt sind mit anderen Modellen zur Prozesssteuerung, werden
Querplanungen oder Vergleiche zu anderen gesellschaftlichen Entwicklungen möglich. Einige
häufig in der Fachliteratur genannte Methoden der Sozialraumarbeit sind die Instrumente
des Projekt-, Netzwerk- und Kontraktmanagements. Beim Netzwerk- und Kontraktmanagement
werden Verbindungen zwischen Personen begleitet oder animiert. Sozialraum- und
Lebensweltanalysen haben das Ziel, Eigenschaften von Sozialen Räumen sowie Potenziale und
Probleme in diesen zu erkennen und sie durch die Soziale Arbeit im Sinne einer Problemlösung
nutzbar zu machen (vgl. Spatscheck 2009, S. 37). Die Frage nach der Entwicklung, Verteilung,
Ausgestaltung und Verfügbarkeit des Sozialkapitals und das Einbeziehen dieser Ressourcen
bekommt eine funktionale Komponente in sich und kann auch als eine mögliche
Wirkungsmessung der Sozialraumarbeit gesehen werden. Weiter sind virtuelle Welten mit realen
verbindbar: Durch Multimediaprojekte kann die Vernetzung und Vertiefung von virtuellen zu
realen Sozialräumen gefördert werden. Dadurch lassen sich neue Handlungs- und
Erfahrungsmöglichkeiten durch ein soziologisches (Geographie und Sozialraum), narratives
(Sozialraum und Geschichten) oder wahrnehmungsorientiertes (Reflexion und Sozialraum)
Konzept (vgl. Röll 2009, S. 270-271) eröffnen.
An wen sich die sozialräumliche Soziale Arbeit richtet, ist entscheidend für die Funktionsdefinition. Das sozialpolitische Adressat wird mit unter wichtig.
Der Begriff der Sozialraumarbeit verdeutlicht, dass sich eine solche raumbezogene Soziale
Arbeit nicht nur als stadtteil- oder quartiersbezogene, sondern immer als (sozial)politische
Aktivität versteht. Sozialraumarbeit begreift den Bezug auf Soziale Räume insofern immer im
Bourdieu'schen Sinne als Bezug auf die eingeschriebenen Macht- und Herrschaftsverhältnisse, in die sie eingewoben ist und die sie damit unweigerlich mit formt. (Kessl &
Reutlinger 2009, ¶1)
Bourdieu (1997) bezeichnet die Theoreme Kapital, Habitus und Divergenz der Felder als
Konstruktionsprinzipien des Sozialen Raumes, die als Grundlage für die sozialräumliche Arbeit
dienen. Die Interventionen der Sozialraumarbeit liegen mehrheitlich auf der Makroebene und im
Mesosystem, d.h. die Arbeit an und mit den gesellschaftlichen Strukturen und Akteuren steht im
Zentrum. Die Methoden und Merkmale dieser Arbeit richten sich dabei auf ein demokratisches
!
20!
Verständnis aus, so dass Partizipation, Kooperation und Dialog zu den praktizierten und
geförderten Kerntechniken gehören. Jedes Netzwerk ist aus einzelnen Personen gebildet. In der
Praxisuntersuchung macht es daher Sinn, den Blick auf die sozialräumliche Arbeit mit
Personen und Netzwerken zu richten.
„Sozialraumarbeit meint die Einnahme einer reflexiven räumlichen Haltung. Diese konkretisiert
sich durch eine systematische Kontextualisierung des jeweiligen Handlungsraumes, das heißt eine
systematische und möglichst umfassende Inblicknahme des Erbringungszusammenhangs“ (Kessl
& Reutlinger 2009, ¶5). Schlussendlich kann die Sozialraumarbeit immer als ein Handeln im und
am Ort, mit und für Menschen betrachtet werden. Die kontinuierliche Inblicknahme der
zugrundeliegenden Raumbilder, das Bestimmen von Methoden und die Einnahme der
reflexiven
räumlichen
Haltung
ist somit
der
eigentliche
professionelle
Handlungsprozess. Sozialräumliche Zielsetzungen und die Art der Ziele entscheiden
sich dabei im lokalen Kontext im Aushandlungsprozess der Akteure. In der Praxisuntersuchung ist
der Fokus daher auf die Zielentwicklung und Überprüfung zu legen und darauf, ob sich dazu ein
‚sozialräumliches Vorgehen’ beschreiben lässt.
Ebenso wie Menschen den Sozialen Raum gestalten, beeinflusst der Soziale Raum
wiederum die Menschen. Diese Wechselwirkung könnte als der zu bearbeitende
Gegenstand der sozialräumlichen Sozialen Arbeit bezeichnet werden. Diese und die
nachfolgend vorgestellten Beobachtungen und Tendenzen werden in der Fachliteratur wiederholt
in diesem Zusammenhang hervorgehoben: Quartierarbeit oder Stadtteilentwicklung können
Beispiele für die Sozialraumarbeit sein, aber keineswegs alleinige Referenzformen. So gewinnt in
der strategischen Planung beispielsweise die Gestaltung von Versorgungssystemen zwischen
Organisationen im Rahmen von Sozialplanungen als Antwort auf Soziale Probleme an Bedeutung.
Für eine Begrenzung von Sozialen Räumen wiederum sind nicht örtliche Beschreibungen sinnvoll,
sondern vielmehr das Zusammenspiel von Akteuren und Aktivitäten, die Soziale Räume
konstituieren. Die konzeptuelle Ausgestaltung der Sozialraumarbeit hängt daher von den
Wahrnehmungen der Sozialen Räume durch die Akteure und Professionellen vor Ort und der
interdisziplinären Beteiligung dieser ab. Eine These für die Praxisforschung kann daher lauten: Als
Minimalstandard sind die Qualitäten des St.Galler Modells umgesetzt. Denn die Funktion und
Wirkung der sozialräumlichen Tätigkeiten sind das Kernelement der Arbeit im Sozialraum
und in der Forschungsauswertung.
Im Zentrum der Funktion sozialräumlichen Handelns steht daher folgende Aufgabe:
„Sozialraumarbeit ist die professionelle Arbeit an und mit diesen Sozialräumen. Ihren
Ausgangspunkt sucht die Sozialraumarbeit ... an den konkreten, aber heterogenen und
dynamischen Orten und dem Zusammenspiel der unterschiedlichen Aktivitäten, die Räume (re-)
konstruieren“ (Kessl & Reutlinger 2008, S. 3). Die Verortung der Organisation mit ihren
Strukturen und Ressourcen im Sozialraum interessiert in Bezug auf die konkrete Gestaltung
der sozialräumlichen Sozialen Arbeit. Sozialräumliche Arbeit setzt nämlich bei den Bedingungen
an und versucht diese zu verändern und zu gestalten. Das konkrete Handeln und die Beteiligung
im Sozialraum werden dabei von den räumlich-materiellen und kommunikativen Bedingungen
beeinflusst (vgl. Hinte 2009, S. 18). Der Soziale Raum kann damit als die Welt der Vernetzung
mit spezifischem Thema und gewähltem Fokus gesehen werden. Sind Netzwerke Struktur,
Ressource und Verortung im Sozialraum? Eine adäquate Verortung dürfte der Schlüssel zur und
das Aushängeschild für die sozialräumliche Soziale Arbeit sein. Dabei haben Strukturen und
Ressourcen mindestens einen Einfluss auf die Wahrnehmung der Verortung im Sozialraum. Um
!
21!
jedoch die notwendige Überprüfung von Qualitätskriterien in der sozialräumlichen
Sozialen Arbeit vornehmen zu können, sind zuvor Kriterien der Qualität und Indikatoren zur
Prüfung in der Praxisforschung möglichst zu eruieren.
3.1.3 Sozialraumorientierte Soziale Arbeit
In der fachlichen Diskussion ist zwar die Idee der sozialraumorientierten Sozialen Arbeit
verbreitet, ein klares, einheitliches Fachkonzept ist hingegen nicht vorhanden. Ein
sozialraumorientiertes Verständnis in der Fallarbeit und eine abgeleitete Arbeitsweise und
Haltung sind heute Voraussetzungen für professionelle Soziale Arbeit. Eine detaillierte Übersicht
über den Diskurs der Sozialraumorientierung sprengt allerdings diesen Rahmen. Der Fokus liegt
daher nur auf dem Berner Modell der Ressourcen- und Sozialraumorientierung. Dieses zeigt
zusätzlich zu der im Fachkonzept ‚Sozialraumorientierung’ nach Hinte beschriebenen
sozialraumorientierten Klientenarbeit auch die Aktivitätengestaltung im Sozialraum und die lokale
Sozialpolitik als Aufgaben der Sozialen Arbeit an.
Die sozialraumorientierte Soziale Arbeit umfasst folgende Handlungsprinzipien: Orientierung
an den Interessen der Wohnbevölkerung, Unterstützung von Eigeninitiative, Nutzung
der Ressourcen der Individuen, des Quartiers und der Stadt, Zielgruppen- und
bereichsübergreifendender Ansatz und Kooperation und Vernetzung (vgl. Grimm 2007,
S. 78). Dieser Ansatz ist heute in vielen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit konzeptionell
entwickelt und kann in beliebigen Handlungszugängen und Disziplinen integriert werden. Er gilt
im Grundsatz auch für die Sozialraumarbeit, nur geht diese viel weiter und setzt bei
sozialräumlichen Interventionen an. Hier wird der Unterschied von sozialraumorientierter Sozialer
Arbeit und Sozialraumarbeit deutlich: In den Feldern der Sozialen Arbeit verschiebt sich die
Perspektive sozialräumlich erweitert von den sozialen Beziehungen zwischen Menschen auf die
Befähigung von Einzelnen und Gruppen zur Gestaltung des Sozialen in ihrem Umfeld (vgl.
Reutlinger & Wigger 2010, S. 35). Neben der individuellen Sichtweise in der
Sozialraumorientierung ist hier der Blick auf Gruppen, Organisationen und Netzwerke wichtig. Die
sachspezifische Arbeit und die Orientierung an Gesetzen, Programmen und Traditionen sind
weitere Facetten. „Die Trias von personenzentriert, personenübergreifend und personenunspezifischer Arbeit ergibt zusammen erst ein komplettes Verständnis sozialraumorientierter
Sozialer Arbeit“ (Pantucek 2009, S. 46). Sozialraumorientierung meint damit eine kleinräumige
Justierung sozialpädagogischer Handlungsabläufe zur Überwindung von institutionellen
Differenzierungen, die bürgernahe, effiziente und effektive Gestaltung von Sozialer Arbeit und der
Beteiligung der Betroffenen. Die Ungenauigkeit der Sozialraumorientierung liegt oft in der
fehlenden Kontextualisierung des Raumbezuges. Die in Raumbildern eingelagerten Vorstellungen
von Ordnungen verweisen auf Handlungsintentionen der Verantwortlichen. Mit der Benennung
dieser wird den Beteiligten ermöglicht, Interventionen, Machtverhältnisse und Zielsetzungen zu
erfassen und diesen transparent zu begegnen (vgl. Kessl & Reutlinger 2010, S. 44-51).
Das Berner Modell
Als eine Form der sozialräumlichen Arbeit versteht sich die Initiierung und Umsetzung der
Ressourcen- und Sozialraumorientierung (RSO) in der Organisationsentwicklung und der
Fallbearbeitung nach dem Berner Modell welches auf der Theorie von Hinte fusst (vgl. Kummer
2007, S. 220). Das Modell propagiert! in den Gemeinden ein sozialräumlich ausgerichtetes
Entwicklungskonzept und das Leitbild einer vernetzten Sozialplanung. Das Modell (ebd., S. 220ff.)
bezeichnet folgende Aufgabenfelder:
!
22!
Direkte Einzelfallarbeit unter Miteinbezug der Ressourcen aus dem Sozialraum;
Fallunspezifische Erkundung, Mobilisierung, Inventarisierung und Pflege von Ressourcen
im Sozialraum;
• Sozial- und Lebensraum gestaltende Aktivitäten;
• Beförderung von Initiativen zu einer RSO ausgerichteten lokalen Sozialpolitik,
Sozialplanung und Verwaltungsorganisation.
Folgende personelle Kompetenzen werden daher in der Sozialen Arbeit u.a. vorausgesetzt:
Ressourcenorientierung, Orientierung an den Zielen der Klientel, Fallberatung im Team und
Sozialraumorientierung (vgl. Welbring & Springer 2007, S. 235).
•
•
Im Vergleich zum Berner Modell ist das Fachkonzept ‚Sozialraumorientierung’ nach Hinte in der
Fachliteratur heftig diskutiert und es wird als ‚sozialräumlich unvollständig’ bezeichnet. Folgende
fünf Prinzipien prägen dabei dieses Konzept (vgl. Hinte 2007, S. 101-112):
• Wille und Interessen der leistungsberechtigten Menschen als Ausgangspunkt;
• Vorrang von aktivierender Arbeit vor betreuender Tätigkeit;
• Personale und sozialräumliche Ressourcen spielen bei der Gestaltung von Hilfe eine
wesentliche Rolle;
• Aktivitäten sind zielgruppen- und bereichsübergreifend angelegt;
• Vernetzung und Integration der sozialen Dienste als Grundlage für funktionierende
Einzelhilfe.
Sozialraumorientierung als fachliches Konzept wird dabei als ‚Gebäude’ dauernd renoviert, aber
sein Charakter bleibt erhalten: Die Bereiche Aufbaustrukturen, Verfahren, Führungskultur sowie
die konkrete Interaktionssituation zwischen Professionellen und der Klientel benötigen ständige
Bearbeitung, um eine Nachhaltigkeit zu erreichen (vgl. ebd, S. 112). Wie sich Soziale Räume,
Organisationen, Individuen und Institutionen kontinuierlich verändern, braucht die
Sozialraumorientierung an sich ebenfalls die Ausrichtung auf die Gestaltung und Entwicklung der
Prozesse, um wirksam zu bleiben.
3.1.4 Sozialräumliche Gemeinwesenarbeit
In der Praxis und in der Fachliteratur wird die sozialräumliche Interventionsform der
Gemeinwesenarbeit als verbreitet und aktuell beschrieben. Für die geplante Zuordnung der
empirischen Ergebnisse macht die Beschreibung der sozialräumlichen Gemeinwesenarbeit daher
sehr viel Sinn.
Im Rückblick ist festzuhalten, dass die Möglichkeiten, Minderheiten im Gemeinwesen zum
Widerstand zu motivieren, in den 70er Jahren überbewertet worden sind. ... Der Glaube, die
Gemeinwesenarbeit [GWA] könne die Ursachen von Benachteiligung und Unterdrückung
durch politische Aktivierung vor Ort beseitigen, erwies sich als Illusion. Aber das marxistisch
orientierte Konzept hatte die Programmatik, das Vokabular und das Image der GWA
insgesamt auf Jahre hinaus geprägt. (Schubert 2011, ¶1)
Die Vernachlässigung von professioneller Kompetenz in der GWA wird im Fachdiskurs als
entscheidender Grund für den Verlust an Relevanz benannt. „GWA wurde zu einem
undifferenziert benutzten und schwammigen Begriff – gleichzeitig schien es so, wie wenn
Kommunen Projekte der GWA ignorierten oder gar bekämpften. GWA Projekte wurden (zu)
kurzzeitig angelegt oder von freien Trägern wohlfahrtsstaatlich funktionalisiert. Das Resultat: die
GWA fristete meist ein ‚Randgruppendasein’“ (Hinte 2007, S. 24). Hingegen gewinnt die Theorie
!
23!
der GWA an Bedeutung in der allgemeinen Sozialarbeit. GWA wurde als politisches,
emanzipatorisches, die ungerechten Strukturen bekämpfendes Mittel institutionalisierter Sozialarbeit zu etablieren versucht. Die Ursachen Sozialer Probleme wurden
dafür in erster Linie gesellschaftspolitisch und überindividuell gesehen. Für die daraus
resultierenden notwendigen Veränderungen der gesellschaftlichen Strukturen wurden parteiliche,
konfliktorientierte Strategien entwickelt und als die geeignetsten Mittel zur tatsächlichen und
langfristigen Verbesserung der Lebensbedingungen gesellschaftlich benachteiligter Bevölkerungsgruppen und zu deren Einbindung in politische Entscheidungsprozesse favorisiert (vgl.
Reutlinger 2011, ¶6).
Mittlerweile steht die Gemeinwesenarbeit, als ein methodischer Strang der Sozialen Arbeit, in
einem weitgreifenden und grundlegenden Wandel, der sowohl die Praxis als auch die
theoretische Aufarbeitung betrifft. Da die GWA als sozialraumorientierte Arbeit oder als
Sozialraumarbeit gestaltet sein kann, ist die Grundhaltung durch die Wahl einer der beiden
Perspektiven bereits determiniert und kann anhand der vorstehenden Ausführungen abgeleitet
werden. Ihr Handlungsfeld wird hier zukunftsgerichtet thematisiert. Damit kann
Gemeinwesenarbeit als eine spezifische Perspektive der Arbeit am Sozialen Raum bzw. der Arbeit
an Sozialen Räumen definiert werden (vgl. Reutlinger 2011, ¶8). Dieser Vorschlag von Reutlinger
ergibt die Querverbindung zur sozialräumlichen Entwicklung in der Sozialen Arbeit: Die
Interventionen sind explizit auf den Sozialraum ausgerichtet und werden darin
ausgeführt. „Eine zeitgemäße GWA-Perspektive muss deshalb den Zugang zu den heutigen
Sozialen Räumen über die derzeitigen sozialen Prozesse bzw. die aktuellen sozialen Qualitäten
suchen und nicht über die Analyse der physisch-materiellen Strukturen (wie beispielsweise die
komplexen städtischen Strukturen)“ (Reutlinger 2011,¶7).
Im Sinne dieses Wandels steht diese Arbeit für den professionellen und aktuellen Diskurs von der
Gemeinwesenarbeit in ihrer Entwicklung hin zur Sozialraumarbeit und mit der Wechselwirkung
von Praxis und Theorie. Der oben beschriebene Paradigmenwechsel wird dementsprechend als
notwendig erachtet, will man weiterhin am Sozialen Raum arbeiten. Denn es gilt erneut an den
unsichtbar gewordenen Bewältigungsleistungen aller Menschen anzusetzen, da die dahinter
stehenden Leistungen, Potenziale und Bedürfnisse durch die gängigen Einheiten der GWA
(territorial, funktional und/ oder kategorial) verdeckt sind und nicht wahrgenommen werden.
Engagementstrukturen der Menschen verändern sich von formalisierten Beteiligungen z.B. hin zu
Nachbarschaftshilfe oder zu nicht-formalisierten Netzwerken (vgl. Reutlinger 2011, ¶8). Mit der
Bevölkerung als Ganzes im Zentrum gelingt es, eine soziale Entwicklungsperspektive
aufzuschließen, in der auch benachteiligte Menschen nicht als Opfer benachteiligender Strukturen
gesehen werden, sondern als aktive Gestalter ihres Bewältigungshandelns.
Das Arbeitsprinzip GWA als Qualitätsmerkmal wird mit den Pfeilern mehrdimensionale
Netzwerkarbeit, Alltags- und Lebensweltorientierung, Arbeit von und mit bürgerschaftlichen
Organisationen, Methodenintegration, Arbeit an Leitungsebenen von Institutionen, kommunale
Quartierspolitik, Gemeinwesen Ökonomie, Qualifizierung und Evaluation beschrieben (vgl. Klöck
2004, S. 163-172). Nach Oelschlägel ist GWA eine sozialkulturelle Interventionsstrategie, die sich
durch folgende Merkmale charakterisiert: Bearbeitung von Sozialen Problemen in ihren
vielschichtigen Dimensionen, Verwendung von interdisziplinären Theorien, integratives Handeln,
Problem-Diversität, Ortsbezogenheit, Empowerment und Aktivierung von Individuen zu Subjekten
(vgl. Oelschlägel 2007, S. 211-212). Bei den theoretischen Abhandlungen erscheint oft eine
Aufzählung verschiedener Qualitäten der GWA; ein roter Faden im gesamten GWA-Verständnis ist
!
24!
aber schwer auszumachen, denn zu vielfältig sind die Zugänge und Hintergründe. Oder besteht
das Gemeinsame einfach in der Tätigkeit am und im Gemeinwesen? Eine solche Sichtweise
verlangt aber mehr Differenzierung und Eingrenzung.
Schubert versteht unter einer sozialräumlichen GWA die Rekonstruierung der Sozialen Arbeit hin
zu einem vernetzten Zusammenwirken der Organisationen über Ressortgrenzen hinweg, eine
Ankoppelung an die kommunale Sozialpolitik und den Aufbau sozialräumlicher Netzwerke,
Erzeugung von Sozialraumkapital und Sicherstellung der Partizipation. „... die GWA ist im
modernen Governance- Modell ein Gatekeeper, der interdependent zwischen der Bevölkerung
und dem sozialwirtschaftlichen System vermittelt“ (Schubert 2011, ¶5). Dieser Funktionswechsel
der GWA mit der spezifischen Grundausrichtung auf Soziale Räume ist bemerkenswert und
ausbaubar. Gerade in globalisierten Gesellschaften bekommt diese Vermittlungsfunktion in Bezug
auf Orte und in Sozialräumen eine zunehmend wichtige Bedeutung.
3.1.5 Transdisziplinarität/ Transnationalität
Für die sozialräumliche Soziale Arbeit ist der Einbezug von Transnationalität und
Transdisziplinarität in Bezug auf Soziale Räume notwendig. Dies gilt sowohl als
Forschungsverfahren, das sich auch in der integrierten Praxisforschung manifestieren kann, als
auch als konkrete Praxismethode, nur mit dem Unterschied, dass sich dort die Begrifflichkeit zu
international/ interdisziplinär ändert. Die Sozialraumarbeit wird von verschiedenen Disziplinen
geprägt und Soziale Räume werden von Menschen unterschiedlicher Nationen gestaltet bzw.
Soziale Räume erstrecken sich über Nationen.
Mit Transdisziplinarität ist in der Wissenschaft eine andauernde Kooperation zwischen
Disziplinen gemeint, die zu einer wissenschaftssystematischen Ordnung führt, welche die
fachlichen und disziplinären Orientierungen verändert. Transdisziplinarität ist ein Forschungs- und
Wissenschaftsprinzip, das dort wirksam wird, wo eine fachliche oder disziplinäre Definition von
Problemlagen und -lösungen nicht möglich ist (vgl. Mittelstrass 2007, ¶3). Das Prinzip integrativer
Forschung ist ein methodisches Vorgehen, das wissenschaftliches und praktisches Wissen
verbindet. Innerhalb dieses Konzeptes geht transdisziplinäre Forschung von Problemstellungen
aus, jedoch nicht von Fragen, die ausschließlich wissenschaftsinternen Diskursen entspringen. Ein
anderer Gesichtspunkt für das Verständnis von Transdisziplinarität ist der Grad der Integration
der beteiligten Disziplinen, der als Unterscheidungsmerkmal zwischen Trans-, Inter- und
Multidisziplinarität dient. Die Interdisziplinarität erbringt hierbei Lösungen durch das
Zusammenführen von gemeinsamen und getrennt erzielten Ergebnissen und die
Multidisziplinarität durch das Zusammenführen von getrennt erzielten Ergebnissen (ebd. 2007).
Die Wechselwirkungen der Zugänge zum Sozialen Raum über Orte, strukturelle Steuerung und
Personen oder Gruppen bedarf inter- und transdisziplinärer Diskussions- und Aushandlungsprozesse. Ein transdisziplinärer Blick ermöglicht es, Spannungsverhältnisse zwischen
den Polen und Achsen des Modells zu erkennen und Sozialraumarbeit in einem umfassenden Sinn
zu betreiben (vgl. Reutlinger & Wigger 2010, S. 50). Die Positionierung der Sozialen Arbeit in den
inter- und transdisziplinären Prozessen und Vernetzungen steht in einer Entwicklung und
Aushandlung und bedarf einer Steuerung und Überprüfung. Die folgenden Fragen stellen sich
daher aus der interdisziplinären Sicht: Was macht das Spezifische der Sozialen Arbeit in der
Sozialraumarbeit aus? Kann sie ohne andere Disziplinen agieren?
Im transdisziplinären Zugang der Sozialraumarbeit ist die Gestaltung von Macht– und
Herrschaftsverhältnissen zentral.
!
25!
Eine normative Orientierung der Sozialraumarbeit, die sich auf Grund der vielschichtigen
Gestaltungsverhältnisse auf verschiedene disziplinäre Wissen abstützen müsste, könnte
neben den aus der demokratischen Tradition stammenden Werten von Freiheit, Gleichheit,
Sicherheit und Sozialer Gerechtigkeit auf der Ebene des Sozialen die Ermächtigungsperspektive von Einzelnen, Gruppierungen und Organisationen sein – Ermächtigung
verstanden als die Erweiterung von individuellen und kollektiven Handlungs- bzw.
Gestaltungsspielräumen. (Reutlinger & Wigger 2010, S. 51)
Die kontinuierliche Evaluation von Chancen, Grenzen, Möglichkeiten und der normativen
Ausrichtung der Sozialraumarbeit und ihrer Transdisziplinarität ist im Sinne einer wirksamen und
realistischen Umsetzung in der Praxis sinnvoll.
Wissenschaftliche Verfahren der integrierten Praxisforschung (vgl. Maier & Sommerfeld 2005, S.
209) berücksichtigen empirische Forschung, systematische Theorieentwicklung und praxisbezogene Konzeptentwicklung in Projekten, die Forschung und Praxis gemeinsam durchführen.
Die Sozialraum- und Lebensweltanalysen spielen dabei eine zentrale Rolle und werden oft
interdisziplinär durchgeführt. Da die Soziale Arbeit eine grosse Nähe zu inter- und
transdisziplinärem Vorgehen aufweist, wird die integrative Praxisforschung in sozialräumlichen
Zugängen als sehr fruchtbar angesehen (vgl. Spatscheck 2009, S. 40). In diesem Zusammenhang
werden auch systemtheoretische Ansätze nach Luhmann (1987) interessant, die hier nicht
weiterverfolgt werden können: Verschiedene Funktionssysteme der Disziplinen treffen
aufeinander und es stellt sich die Frage nach der Durchlässigkeit der Systemgrenzen und der
gegenseitigen Verträglichkeit der unterschiedlichen Systemcodes. Der Einzelaspekt der
Verträglichkeit wird weiterverfolgt. In der Praxisforschung bekommt die sozialräumliche
Interdisziplinarität und Transdisziplinarität folglich eine zentrale Bedeutung.
Transnationalität
Die Durchlässigkeit der nationalen und internationalen Kontexte fördert die transnationale Kultur
und Mobilität. Trans verweist dabei auf die Bewegung über Grenzen hinweg und auf quer zu
tradierten Einheiten liegende Prozesse. Soziale Arbeit bedarf, um Soziale Probleme bewältigen zu
können, einer Öffnung hin zu transnationalen Kontexten, denn „neue pluri-lokal verortete
Vergesellschaftungsformen manifestieren sich“ (vgl. Reutlinger 2011, S. 54). Transnationale
Sozialräume können z.B. durch internationale Migrationsprozesse, durch eine Divergenz von
Stadt/ Land Verhältnissen oder durch international tätige Organisationen mit ihrer enormen
räumlichen Ausdehnung, zeitlichen Verknüpfung und inhaltlichen Verschränkung von
Produktionsprozessen und Wertschöpfungsketten entstehen. „Supra-nationale, globale, internationale, re-nationalisierte, glokale, diasporische und transnationale Beziehungen bestehen
nebeneinander und sind ineinander verwoben“ (Pries 2011, S. 34). Damit entstehen weltweite
Netze sozialer Interaktionen. Der tiefgreifende Wandel im Verhältnis von Gesellschaft und Raum
macht somit ein neues Raumverständnis notwendig: zwischen, durch und über Nationen hinweg.
Lokale Wirkungen transnationaler Prozesse zeichnen sich dadurch aus, dass Differenzen erkannt
und bestehen gelassen werden und jede auf Konsens zielende Politik unterlassen wird. Die
Intervention in diese Prozesse geschieht stattdessen durch die Wissenstransformation (vgl.
Kniffki 2011, S. 77). Folgende begründeten Thesen stellt Kniffki zu den Folgewirkungen von
Transnationalisierungsprozessen dar:
• „Transnationalisierung und ihre lokalen Folgen können ohne eine entsprechende
Transkulturalisierung nicht wahrgenommen werden“ (ebd., S. 71).
!
26!
•
•
•
•
„Transnationale Wirkungen sind durch ‚Inkommensurabilität’ (Nichtvergleichbarkeit)
gekennzeichnet, beinhalten Konflikte und sie sind nicht macht- oder herrschaftsneutral“
(ebd., S. 72).
„Transkulturalität und Transnationalität müssen doppelt kontextualisiert werden“ (ebd., S.
73).
„Transnationale und transkulturelle Prozesse finden in Netzwerken statt“ (ebd., S. 74).
„Transnationale Prozesse sind nur steuerbar durch Beschreibung sowie Bewertung und
bedürfen deshalb einer strategischen Positionierung“ (ebd., S. 74).
Für die Soziale Arbeit besteht die grosse Herausforderung, solche meist globalen Prozesse für
den sozialräumlichen Kontext greifbar zu machen. Das doppelte Kontextualisieren öffnet den zu
bearbeitenden Sozialraum über globale Territorien und die transnationale Gestaltung der Sozialen
Arbeit wird zu einer kaum zu lösenden Herausforderung. Es stellt sich daher die Frage, ob solche
Entwicklungen überhaupt realistisch und nachhaltig gestaltbar sind. Aktuell scheint die
transnationale Soziale Arbeit noch in den Kinderschuhen zu stecken, obwohl sich einzelne
Projekte im Migrationsbereich bereits in diese Richtung vorwagen.
Internet und Crowdsourcing
An dieser Stelle erfolgt ein kleiner Exkurs zur Schwarmintelligenz in Kombination mit virtuellen
Räumen im Sinne einer Zeitdiagnose. Denn zur Veranschaulichung der Nutzung von virtuellen
Räumen über Disziplinen und Nationen hinaus scheint dieses Beispiel gut geeignet zu sein. Aus
der Sicht des Autors prägt eine spezifische Transform zunehmend Soziale Räume: Virtuelle
Räume bekommen in der Postmoderne enorme Bedeutung und eröffnen neue Sozialräume mit
der spezifischen Eigenschaft, Raum und Zeit überwinden zu können. Das Internet kann dabei als
der Soziale Raum per se gesehen werden. Um es als Vernetzungsmedium zu nutzen, braucht
man eine Perspektive, die sozialräumlich orientiert ist. Die nicht nur nach geographischen oder
fachlichen Gemeinsamkeiten sucht, sondern auch die sozialen Austauschbeziehungen im Blick hat
(soziales Kapital). Dabei kann das bewährte Phänomen der Schwarmintelligenz ins Spiel gebracht
werden. Als unfassbar grosse Ressource bekommt die Masse ein Gewicht und verleiht der
Sozialraumdiskussion eine neue Facette und zukünftiges Potenzial. Durch das Internet verändert
sich die Qualität und Konstruktion von Sozialen Räumen an sich. Für Begegnung, Entwicklung
von Identitäten und Bildung werden durch die virtuelle Kommunikation ergänzende Möglichkeiten
eröffnet. „Dadurch entstehen Wechselwirkungen zwischen dem realen und dem virtuellen
Sozialraum, welche in vielerlei Hinsicht neue Handlungsmöglichkeiten implizieren und einen
Zugewinn an Gestaltungsfreiheit bedeuten. ... eine strikte Trennung zwischen dem realen und
dem virtuellen Raum [kann] damit nicht mehr vorgenommen werden ... [so] dass die Grenzen
fliessend werden“ (Kreß 2012, ¶13). Für die sozialräumliche Diskussion wird die Summe des
sozialen Kapitals und der Ressourcen in virtuellen und realen Räumen interessant und wie die
Schnittstellen kapitalfördernd gestaltet werden können. Diese synergetische Qualität der
Schwarmintelligenz kombiniert mit virtuellen Räumen wird in Projekten der Wirtschaft und
Wissenschaft gelegentlich erfolgreich umgesetzt. Auch in der Problemlösungsfindung im Internet
lassen sich zahlreiche Foren mit diesem Ansatz beobachten.
Christian Papsdorf (2009, S. 69) beschreibt methodisch die Dimension des ‚ideellen und
finanziellen Networking’ mit folgender Definition: "Crowdsourcing ist die Strategie des Auslagerns
einer üblicherweise von Erwerbstätigen entgeltlich erbrachten Leistung durch eine Organisation
oder Privatperson mittels eines offenen Aufrufes an eine Masse von unbekannten Akteuren, bei
dem der Crowdsourcer und/oder die Crowdsourcees frei verwertbare und direkte wirtschaftliche
!
27!
Vorteile erlangen.“ Für die sozialräumliche Soziale Arbeit stellt sich die Frage, wie diese
technologischen Entwicklungen für die Gestaltung der Sozialen Räume und die Bewältigung von
Sozialen Problemen explizit genutzt werden können. Das Internet stellt die Grundlage
mannigfaltiger Kommunikation und Interaktion dar und fördert darüber hinaus die Ausbildung
von Netzwerken und Communities. Es entstehen neue Beziehungsformen, die losgelöst von der
eigenen sozialräumlichen Verortung bestehen. Diese werden nach Reiser in Wissens- und
Kommunikationsnetzwerke, Partizipationsnetzwerke, Koproduktionsnetzwerke, Ressourcennetzwerke und räumliche Netzwerke über verschiedene Ebenen kategorisiert (vgl. Reiser 2012,
¶1). Auch wenn die virtuellen Räume und die Potenziale der Vernetzung und der Masse nicht den
Schwerpunkt dieser Arbeit stellen, lohnt sich der Blick auf diese Phänomene, da sie sehr
zukunftsweisend sind und enormes Problembewältigungspotenzial beinhalten. Bei den
Interventionsformen der Sozialen Arbeit gibt es nur wenige, die in den virtuellen Kontexten oder
bei den Verknüpfungen dieser mit den realen Sozialräumen ansetzen. Diese Innovation in
virtuellen Räumen könnte daher im Sinne der Sozialraumarbeit eine Trendwende bewirken,
indem sich ganz neue Copingsysteme und -qualitäten entwickeln.
3.1.6 Sozialkapital
Der Blick auf die Bedeutung des Sozialkapitals in der Sozialraumarbeit ist notwendig und geht
weitgehend mit der Frage der Messbarkeit von Sozialen Räumen und sozialarbeiterischen
Interventionen einher. Die zentrale Stellung von Netzwerken im Sozialraum stellt die Frage nach
dem ‚sozialen Produkt’, das diese hervorbringen. Der Begriff des Sozialkapitals wurde von
verschiedenen Personen in unterschiedlichen Kontexten und Dekaden entwickelt, was eine
Erklärung für die definitorische Vielfalt und nicht vorhandene klare Operationalisierung des
Begriffs sein kann (vgl. Haug 1997, S. 9). Klar unterscheidet sich das Sozialkapital vom
Humankapital, von kulturellem und von finanziellem Kapital. Nach Bourdieu (vgl. 1997, S. 63)
handelt es sich beim Sozialkapital um Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe
beruhen. Das Gesamtkapital der Gruppenmitglieder dient als Sicherheit und verleiht ihnen
Kreditwürdigkeit. Das Beziehungsnetz des Individuums basiert auf einer fiktiven Sozialkapitalschuld und auf dem Prinzip des Gebens und Nehmens. Der Soziale Raum wird durch die
drei Grunddimensionen Kapitalvolumen, Kapitalstruktur und die zeitliche Entwicklung dieser
konstruiert (vgl. Bourdieu 1996, S. 196). Gemäss Manderscheid lassen sich die Positionen der
Akteure im Sozialraum entlang dieser Faktoren angeben. Diese Kapitaltypen bestimmen als
Machtressourcen die Chancen im Sozialraum (vgl. Manderscheid 2008, S. 157). In der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit sind diese Qualitäten äusserst brauchbar für die Wirkungs- und
Ressourcenerfassung der Interventionen.
Das Habituskonzept nach Bourdieu (1996, S. 279) nimmt eine Scharnierfunktion zwischen den
objektiven Strukturen im Sozialraum und der individuellen Lebenspraxis ein (vgl. Manderscheid
2008, S. 158). Mit Habitus ist nach Bourdieu die Haltung des Individuums in der sozialen Welt
gemeint. Wertvorstellungen, Einstellungen, die Lebensweise, Gewohnheiten und die
Dispositionen des Einzelnen zeigen sich darin. „Die Gehalte und Potenziale des Habitus bleiben in
der Regel unbewusst. Um an der sozialen Praxis teilhaben und um soziale Praxis hervorbringen
zu können, sei mehr auch nicht nötig.“ (Fuchs & König 2011, S. 115) Da der Habitus durch die
Sozialisationsprozesse eines Menschen gebildet wird, entsteht ein Zusammenhang mit dem
sozialen Kapital. Je nach der Menge und Qualität des zur Verfügung stehenden und verwertbaren
Sozialkapitals für die Habitusbildung ist auch das Handeln des Individuums, geprägt vom eigenen
Habitus, mehr oder weniger bzw. unterschiedlich sozialkapitalbildend. Diese These der
!
28!
Wechselwirkung des Sozialkapitals mit dem Habitus von Menschen oder Gruppen wird indirekt
damit gestützt, dass das soziale Kapital ständig erneuert werden muss (vgl. ebd., S. 168). Weiter
dient das soziale Kapital dazu, „die Chancen der Erhaltung und Vermehrung des ökonomischen
und kulturellen Kapitals zu sichern“ (ebd., S. 169). Die Vernetzungen der Menschen, die das
Sozialkapital grundlegend bestimmen, sind somit abhängig von der Fähigkeit, aufbauend auf dem
Habitus, diese herstellen zu können. Anderseits bestimmen die aktuellen ökomischen, kulturellen
und sozialen Begebenheiten, welche sozialen Vernetzungen möglich sind und welche Qualität von
Sozialkapital entsteht.
Sozialkapital beschreibt zusammenfassend zwischenmenschliche Vernetzung, gegenseitiges
Vertrauen und Normen generalisierter Reziprozität innerhalb von Gemeinschaften. Je höher der
Bestand an Sozialkapital eines Kollektivs, desto besser seine demokratische und ökonomische
Performanz (vgl. Koob 2007, S. 16). Je zahlreicher die Bürgerinnen und Bürger vernetzt sind, je
stärker das Vertrauen, das die Menschen sich untereinander und den politischen Institutionen
entgegenbringen und je mehr Normen effektiv auf kooperatives Handeln hinwirken, desto
grösser das soziale, politische und ökonomische Handeln. In der Debatte um politische Kultur
wird das Sozialkapital oder Vertrauensniveau einer Gesellschaft als positiv bewertete Ressource
der Gemeinschaft betrachtet, die zur Lösung von Kollektivproblemen beiträgt (vgl. Haug 1997).
Sozialkapital ist damit eine Summenbezeichnung für mindestens drei verschiedenartige, soziale
Gegenstandsbereiche: Netzwerke, Normen und Vertrauen. Verschiedene Antagonistenpaare
werden dabei ausgewiesen, die die vorhandene Vielfalt des Sozialkapitals aufzeigen (vgl. Putnam
2001):
• individuelles/ kollektives Sozialkapital (Bildung und Wirkungen von Netzwerken);
• formelles/ informelles Sozialkapital (Vereine/ spontane Zusammentreffen);
• dichtes/ dünnes Sozialkapital (Beziehungen/ Begegnungen);
• innen-/ aussenorientiertes Sozialkapital (Selbsthilfegruppen/ Gewerkschaften);
• brückenbildendes/ bindendes Sozialkapital (Hilfebeziehungen/ Familie).
Für Putnam verfügt die Zivilgesellschaft über ein gewisses Ausmass an Sozialkapital. Dieses
Sozialkapital hat positive Auswirkungen auf die Funktionsfähigkeit von Ökonomie und Politik (vgl.
Putnam 2001). Jegliches durch menschliche Interaktion entstandene Sozialkapital bildet das
gesellschaftliche Sozialkapital und ist messbar. Dieses muss in negatives und positives
Sozialkapital unterschieden werden. Beim Handeln in sozialen Netzwerkbeziehungen entsteht
gesellschaftliches Sozialkapital, das für die Ausgestaltung der Sozialpolitik von Relevanz ist. Im
Vergleich zum Begriff von sozialem Kapital bei Bourdieu sind die folgenden Schwachpunkte zu
benennen: die Vermischung von Ursachen und Wirkungen sozialen Kapitals, so dass Putnam
zirkulär argumentiert; die theoretisch unausgearbeitete Ausdehnung des Begriffs sozialen Kapitals
auf Regionen und Staaten; die Idealisierung der positiven und die weitgehende Ignorierung der
negativen Effekte sozialen Kapitals, sofern man von einem normativen Begriffsverständnis
ausgeht, das soziales Kapital mit Demokratie und ‚Gemeinwohl’ assoziiert (vgl. Braun 2003, S.
11).
!
29!
3.2 Aktueller Fachdiskurs und Forschungsstand
Die Theorien und Modelle, die in der aktuellen Fachdiskussion zur sozialräumlichen Sozialen
Arbeit verwendet werden und eine Relevanz für diese Praxisforschung haben, wurden vorgängig
beschrieben und sind hier in der Übersicht dargestellt.
Sozialraumarbeit
Theorie
Bourdieus Konzept des
Sozialen Raums, Habitus und
des Sozialkapitals 1996
Putnams Konzept des
Sozialkapitals 2001
Soziale Produktion von Raum
nach Löw 2001
Sozialer Raum als Handlungs-,
Beziehungs- und Herrschaftsraum nach Weber 1972, S. 13
Sozialraumorientierung
Fachkonzept
Sozialraumorientierung nach
Hinte 2007
Konzept der
Gouvernementalität nach
Foucault 2005
Gemeinwesenarbeit
Sozialräumliche Gemeinwesenarbeit nach Schubert
2011
Modell
St.Galler Modell zur Gestaltung
Sozialer Räume nach
Reutlinger & Wigger 2010
Raumbilder und –ordnungen
nach Kessl & Reutlinger 2007/
2010
Dimensionen des Sozialraums
nach Grimm 2007
Sozialer Raum als relationaler
Raum nach Löw 2001
Fundamente sozialräumlicher
Sozialer Arbeit nach Biesel
2007
Berner Modell der Ressourcenund Sozialraumorientierung
nach Kummer 2007
Sozialraumorientierung als
Arbeitsprinzip nach Spatscheck
2009
Handlungsprinzipien der
sozialräumlichen Sozialen
Arbeit nach Grimm 2007
Spezifische Perspektive der
Arbeit am Sozialen Raum nach
Reutlinger 2011
Sozialkulturelle
Interventionsstrategie nach
Oelschlägel 2007
Tabelle 2: Theorien und Modelle sozialräumlicher Sozialer Arbeit (eigene Darstellung; R.N.)
Sehr anschaulich und für diese Praxisuntersuchung gut geeignet ist die Theorie der ‚sozialen
Produktion von Raum’ nach Löw (2001). Die Faktoren des St.Galler Modells sind darin enthalten
und der Prozess der Raumentstehung und -wahrnehmung kommt deutlich zum Ausdruck. Denn
Löw versteht Raum als ‚relationale Anordnung von sozialen Gütern’: von materiellen Elementen
und Menschen. Raum ist nicht gegeben, sondern wird über das Anordnen von Elementen also
über Handlungen erst hervorgebracht. Die Konstitution von Raum ist als Prozess zu verstehen
und ist vom Handlungskontext abhängig (vgl. Löw 2002, S.24). All die beteiligten Akteure eines
Gemeinwesens produzieren somit ‚ihre’ Sozialraumvorstellungen. Die Kunst in der
interdisziplinären Tätigkeit liegt also im Finden des identischen Sozialraumes oder in der
differenzierten Benennung desselben.
!
30!
Abbildung 4:
Soziale Produktion von „Raum“
Habitus
soziale
Güter
Position
Syntheseleistung
(An-)
Ordnung
Spacing
Ort
Menschen
Quelle: eigene Darstellung nach Löw 2001.
Abbildung 3: Franke 2013, S. 39
Wesentliche Grundlagen dafür sind der Habitus der Raumproduzentinnen und -produzenten, also
ihre sozialisations-, kultur-, religions-, bildungsbedingten Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsdurch
ihresowie
eigene
Präsenzihrer
bis hin
zu
5. „Doppelter
Gebietsbezug“
–
schemata
diekörperliche
räumliche Position
‚Raumproduktion’.
Zu den Wahrnehmungen
zählen
Handlungen
wie
die
Errichtung
eines
GartenGegenüber
Verwaltungsdie Atmosphäre eines Raumes bzw. damit zusammenhängende
Gefühle wievon
Zugehörigkeit
oder und
zauns
„Orte“Wohlbefinden
(„Spacing“) (vgl.
2001: 195 -Sicherheit
216).
Fremdheit,
oderLöw
Unbehagen,
oderAlltagsräumen
Angst. Auf dieser
BasisPraxis
ordnen
in der
Menschen
Bauten (soziale
Güter)
und Personen
So
zial konstituierte
Räume
entstehen
also zu
je räumlichen Kontexten an (Synthese) oder
produzieren
durch ihre eigene
körperliche
Präsenz
zu Handlungen
‚Orte’
(Spacing)
(vgl.
nach
Handlungskontext
und sind
wie dieser
selbstbis hin
Diese
Überlegungen
sind
nicht nur
theoretische
Löw
2001,
zit.
nach
Franke
2013,
S.
39).
Es
wird
hieraus
deutlich,
dass
es
sinnvoll
ist,
in
der
wandelbar (Löw 2001: 195 - 216; Werlen 1997:
Art, sondern finden sich durchaus auch in de
Sozialraumdiskussion den Fokus verstärkt auf die Prozesse der Raumproduktion und die Vielfalt
168 - 172).
Praxis, wie die Ergebnisse einer Untersuchung
der Raumeinschätzungen zu legen und die Beschreibung der Sozialen Räume als relativ zu
So kann die These formuliert werden, dass
zeigen, die der Autor in den Jahren 2003 und
betrachten. Als Ergänzung zum St.Galler Modell oder konkretes proaktives Handlungsverstehen
„Raum“
immer
nur als
denkbar
2004
in den Gebieten
Berlin-Schöneberg-Nord
eignet sich
das Modell
der„Raumvielfalt“
‚sozialen Produktion
von Raum’
ausgezeichnet,
denn es
gibt für die
ist,
weshalb esSoziale
weniger
darauf
Dortmunder
Nordstadt, Essen-Altendorf und -Ka
sozialräumliche
Arbeit
eine ankommt,
Annäherung(indian das konkrete
Interventionsverstehen.
viduell konstatierte) Raum-„Charakteristika“ zu
ternberg, Leipziger Osten sowie Leipziger Westen
Zu
den
aufgezeigten
Facetten
des
Fachdiskurses
der
Sozialraumarbeit
kommen
identifizieren, sondern sich vielmehr auf das
durchgeführt
hat (Franke
2011).einige
Hier zeigte sich
Ergänzungen.
Bewusstsein von „Raum“ und raumkonstituierende
dass die Ausweisung insbesondere von Programm
Die Tendenz zur Verräumlichung des Sozialen ist ein allgemeines Phänomen in vielen OECDProzesse zu konzentrieren. Betrachtet man vor diegebieten der Sozialen Stadt tatsächlich mehr ode
Staaten. Dieser spatial turn wird in den nationalen Traditionen unterschiedlich diskutiert. Die
sem Hintergrund den Anspruch des Programms
weniger eine reine Verwaltungsangelegenhei
Rede vom Sozialraum und von der Sozialraumorientierung bildet die spezifisch
Soziale
Stadt, die Lebensbedingungen
Ort zu
warSozialen
– dies schon
allein
aus zu
dem
Grund, dass de
deutschsprachige
Form, die aktuellevor
Neuordnung
des
Raumes
fassen
wollen.
verbessern
Zielgruppenbezug
Einsatz von Fördermitteln aus der Städtebauför
(Kessl &(mit
Reutlinger
2010, S. 58) gilt dies letztlich auch für den „sozialräumlichen“ Ansatz der
derung an definierte Programmgebiete gebunden
Im internationalen
stellt
sichdies
daher
Frage, wie
Sozialraumarbeit
gemeinsam
Jugendhilfe),
wirdKontext
deutlich,
dass
vordieallem
ist,sich
wir die
es hier
also zwangsläufi
g mit einer „Raum
benennen
lässt.
Der beschriebene
Paradigmenwechsel
zur Arbeit
an der
Sozialen
Räumen wird „Raumviel
mit
den hier
lebenden
Menschen und
ihren eigeeinheit“
statt
eben hergeleiteten
gelegentlich damit gleichgesetzt, dass der Raum in der Sozialen Arbeit sich global öffnet und
nen Vorstellungen und Perspektiven realisiert
falt“ zu tun haben. Die Umsetzung des Pro
aufgebrochen wird. Welches Sozialraumverständnis der Sozialraumarbeit hierfür vorausgesetzt
werden sollte. Zielgruppen „sozialräumlicher“
gramms Soziale Stadt bzw. die hierbei gewonne
ist, entscheidet die fachspezifische Diskussion. Dieser Wechsel des Paradigmas, des Denkmusters
Handlungsansätze
sind dann nicht länger Träger
nen Arbeitserfahrungen weisen jedoch darau
oder der Modellvorstellung bedarf in Theorie und Praxis somit eines Differenzierungsprozesses.
von
Merkmalen
Raum, sondern
müssen
dass diese
„Raumvielfalt“
innerhalb der von
Die Qualitäten
der im
sozialräumlichen
Sozialen
Arbeitalssollen hin,
verglichen
werden
können, unabhängig
raumproduzierende
Individuen stärker
ins Zen-wird.der
„gesetzten
Raumeinheit“
faktisch
von welchem Sozialraumverständnis
ausgegangen
DieVerwaltung
Fragen nach
Verortung,
Funktion
trum
der Betrachtung
rücken. Dabeibrauchen
stoßen eineexistiert:
Die Abgrenzungen
und Netzwerken
in der Sozialraumarbeit
permanente
Thematisierung,von
um Programmgebie
den
gesellschaftlichen
und politischen „RaumproduktioTransformationen gerecht
werden.
zwangsläufi
g unterschiedliche
tenzuund
„Sozialräumen“ entsprechen meist nich
nen“ aufeinander: beispielsweise diejenigen von
den alltagsweltlichen Zusammenhängen ihre
„sozialraum“-externen
Akteuren aus Politik und
Bewohnerinnen und Bewohner,31!unterschied
!
Verwaltung sowie individuelle Binnenperspekliche Akteursgruppen produzieren unterschiedli
tiven von Quartiersbewohnerinnen und -bewohche Raumbezüge, es gibt in den Gebieten ein
Eine entscheidende und für diese Arbeit wichtige Diskussion ist die Frage nach dem bearbeiteten
Gegenstand der Sozialen Arbeit und der Ausrichtung auf Klientel und nach Sozialen Räumen oder
der Frage nach dem Fall. Die Integration der Sozialraumarbeit in der Disziplin der Sozialen Arbeit
scheint sich nach diesen Thematiken zu richten. Dass sozialräumliche Soziale Arbeit jedoch noch
immer eine zweitrangige Bedeutung in der Praxis der Sozialen Arbeit haben könnte, zeigt der
schwache Institutionalisierungsgrad, das Fehlen in Berufsbildern und die kontroverse Debatte in
der Disziplin um eine traditionelle Ausrichtung auf Beziehung und Klientel sowie einer Ausrichtung
auf Netzwerke, Strukturen, Soziale Räume oder Sozialpolitik. Die aktuellen Fachdiskurse lassen
auf einen reflektierten Change Prozess in der Praxis- und Theorieentwicklung Sozialer Arbeit zu
Gunsten sozialräumlicher Ansätze schliessen, so die Einschätzung des Autors. Dieser zeigt sich in
der Debatte um Versorgungssysteme oder auch Sozialfirmen, da diese die Soziale Arbeit
herausfordern und teilweise komplett zurückwerfen. Die Grundsatzfragen der Wirksamkeit und
Effizienz der sozialarbeiterischen Interventionen werden dabei neu gestellt.
3.2.1 Forschung zur sozialräumlichen Sozialen Arbeit
Es sind kaum Forschungsergebnisse zur Berufsbild- oder Professionsentwicklung der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit vorhanden. Daher macht diese Praxisforschung Sinn. Hingegen
gibt es zur Stichwortsuche ‚Sozialer Raum’ einige ältere und neuere, meist noch nicht
veröffentlichte Forschungsergebnisse. Exemplarisch folgt ein grober Überblick über die
wichtigsten Ergebnisse der Suche in der SOFIS-Datenbank (SOFIS 2013). Diese beziehen sich auf
Konstruktions- und Ausstattungsthemen Sozialer Räume oder Bedarfserhebungen und Analysen
in konkreten Sozialräumen, betreffen aber nur indirekt die Soziale Arbeit. Einzelne Ergebnisse aus
diesem Themenkreis sind jedoch in die in dieser Arbeit verwendete Fachliteratur miteinbezogen
worden. So wurde im empirischen Projekt ‚Kompetenzentwicklungsprozesse in Berufsfeldern
Sozialer Arbeit’ der Blick auf das sozialräumliche Unterstützungsmanagement gerichtet und das
Ergebnis erarbeitet, dass von den im Berufsfeld tätigen Professionellen zunehmend die
Entwicklung neuer Kompetenzen, vornehmlich in den Bereichen Management und
Kommunikation gefordert ist (vgl. Hinte 1999, S. 20). Drei sehr verschiedenartige, ausgewählte,
exemplarische Forschungsprojekte, die die Sozialraumarbeit unterschiedlich untersucht haben,
werden ebenfalls erkenntnisstiftend eingearbeitet und hierfür zusammenfassend vorgestellt.
Durch die Fachhochschule Köln wurde eine breite Evaluation der Stadtentwicklung in Köln
angelegt. Um eine Verbesserung der Lebensbedingungen zu erzielen, finden dort
Handlungsformen einer nachhaltigen Stadterneuerung und Stadtentwicklung Anwendung, in
denen der bauliche und der soziale Bestand von Stadtquartieren behandelt werden. „Für die
Umsetzung der integrierten Sicht- und Handlungsweise in eine integrierte Praxis wird vielfach der
Begriff des Managements benutzt: Das interdisziplinäre Zusammenwirken der verschiedenen
Akteure und ihrer fachlichen Handlungsansätze erfordert ein neues Management“ (Schubert
2005, ¶1). In der sozialen Stadterneuerung zeigen das die Handlungsansätze des
‚Stadtteilmanagements’, des ‚Quartiermanagements’ und in der Jugendhilfe das Modell der
‚Sozialraumorientierung’ sowie eine wirkungsvolle Abstimmung unter den Professionellen von
Stadtplanung und Sozialer Arbeit, um so den Einbezug von Bürgerinnen sowie Bürgern in den
lokalen Entwicklungsprozess effektiv zu gestalten. Für eine übergreifende Kooperation,
Kommunikation und Koordination müssen die beteiligten Fachleute somit über ‚interdisziplinäre
Kompetenz’ verfügen. Die grundverschiedenen Orientierungen auf den Raum einerseits und auf
soziale Zielgruppen andererseits sind in der sozialen Stadterneuerung jedoch kaum vermittelbar.
Mit einer interdisziplinären Kompetenz lassen sich die soziale und die räumliche Perspektive so
!
32!
zusammenführen, dass die praktischen Anforderungen auf der städtebaulichen, sozialpädagogischen, soziokulturellen und ökonomischen Ebene der sozialen Stadterneuerung
effizienter und effektiver bewältigt werden können. Dafür wurde an der Fachhochschule Köln ein
sozialräumlich ausgerichtetes, interdisziplinäres Qualifikationsangebot erprobt durch Kooperation
der Fakultäten für Angewandte Sozialwissenschaften und Architektur (vgl. Schubert 2005, ¶1).
Dort werden wissenschaftliche Grundlagen für eine integrierte Professionalisierung von
Stadtplanung, Sozialplanung, Sozialpädagogik und Sozialarbeit bei der Erneuerung und der
Entwicklung von Stadtteilen und Wohnquartieren erarbeitet und im Rahmen der Studiengänge
Architektur und Sozialpädagogik/ Sozialarbeit Qualifizierungsmodule aufeinander bezogen. „Ziel
des Lehrangebotes ist die Erhöhung der interdisziplinären Fach-, Methoden- und Sozialkompetenz
beider Professionen“ (ebd. 2005, ¶1).
Die Diplomarbeit Gemeinwesenarbeit – Methoden in der Stadt Zürich von Matacic Z. (2008)
veröffentlicht die Befragung von 18 Zürcher Gemeinwesenarbeitenden in 26 Organisationen.
Diese Ergebnisse, wenn auch nicht qualitätsgeprüft, haben Relevanz für die
Berufsbildbeschreibung, da die Tätigkeitsfelder der Gemeinwesenarbeit als ein Teil der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit gesehen werden und da die Beurteilung des Methodeneinsatzes
und die Bewertung der eigenen Arbeit Aussagen zur Selbsteinschätzung der Professionellen
beinhaltet. Die zentralen für die Berufsbildentwicklung bedeutenden Ergebnisse werden daher
nachfolgend zusammengefasst (vgl. Matacic 2008, S. 94-98):
• Das Verständnis von der Gemeinwesenarbeit wird sehr breit angelegt: von Partizipation
über Vernetzung und Unterstützung der Initiative der Bevölkerung bis zur Verbesserung
der Lebensqualität. Es fehlen aber in einigen Organisationen reflektierte Verständnisse
und Methoden für die konkrete Arbeit und die konzeptionelle Grundlage ist unausgereift.
• Die Vorstellungen über Methodenansätze divergieren zwischen Gemeinwesenarbeit und
Soziokultureller Animation. Als operative Methoden werden nur wenige, z.B. das
Projektmanagement oder die Grossgruppenmethoden genannt. Es wird der Schluss
gezogen, dass Methoden weitgehend unbewusst und unreflektiert eingesetzt werden und
dass der Transfer von der Theorie zur Praxis nur marginal stattfindet.
• Die Mitarbeitenden in den Organisationen verfügen über einen hohen Ausbildungs- und
spezifischen Weiterbildungsgrad, wobei Anschlüsse in Soziokultureller Animation
zunehmend sind.
• Eine einheitliche Grundlage im Berufs- und Fachverständnis in den Organisationen der
Gemeinwesenarbeit ist zu fördern und die Mitarbeitenden in konzeptionelle, operative und
strategische Prozesse miteinzubeziehen, so lautet zumindest die Forderung von Matacic
im Sinne einer theoretischen Differenzierung in den Arbeitsfeldern der Gemeinwesenarbeit
und Soziokulturellen Animation.
Ein qualitatives Forschungsprojekt der FHS St.Gallen widmete sich den Maßnahmen im
öffentlichen Raum bei Phänomenen wie Littering, Vandalismus oder Unsicherheitsempfinden. Auf
diese Formen der Unordnung reagieren Städte und Gemeinden mit Hilfe von Massnahmen, die
eine Problemlösung herbeiführen sollen. Hinzu kommt, dass es im Konkurrenzkampf der Städte
und Gemeinden notwendig ist, sich zu positionieren. Ein unverwechselbares Image, zu dem auch
Stellungnahmen zu den vielen Formen von Unordnung im öffentlichen Raum beitragen, ist
nämlich entscheidend. Dabei sind es nicht nur Städte, sondern auch mittlere und kleinere
Gemeinden, in denen es Diskussions- und Handlungsbedarf gibt. Hier setzt das
Forschungsprojekt an, indem der Zusammenhang zwischen Massnahmen, Formen der
!
33!
Unordnung und Sicht der verschiedenen Beteiligten entschlüsselt wird. Die Ergebnisse zeigen
unter anderem auf, dass es keine starren Reiz-Reaktions-Muster in Bezug auf Unordnung im
öffentlichen Raum gibt, sondern der lokale Kontext die entscheidende Rolle spielt. Dabei
erweisen sich interdisziplinäre Arbeitsgruppen als zentrale Gremien, die den Zusammenhang
wesentlich beeinflussen und lenken (vgl. Reutlinger, Fritsche, Lingg & Bronner 2012).
Für den sozialräumlichen Ansatz und den Lösungsfindungsprozess wird damit der Einbezug der
Akteure im Sozialraum und die sozialraumbezogene Problembewältigung unterstrichen.
Respektive es wird durch die Aktivierung von sozialräumlichen Ressourcen kollektives
Sozialkapital generiert, das zur Stärkung der sozialen Sicherheit beiträgt.
3.2.2 Berufsbildbezüge in der Fachliteratur der Sozialraumarbeit
Grundsätzlich muss festgestellt werden, dass in den letzten Jahren in den renommierten
Fachzeitschriften der Sozialen Arbeit äusserst wenig Beiträge zur sozialräumlichen Sozialen Arbeit
veröffentlicht wurden. Die meisten Publikationen sind in der Form von Sammelbänden und auf
Onlineportalen erschienen. Es lässt sich hierfür die These aufstellen, dass die sozialräumliche
Diskussion noch zu wenig ausgereift ist, um in der Theorie der Sozialen Arbeit ihren Platz
einzunehmen. Gleichzeitig steht zu vermuten, dass die Sozialraumarbeit in der Sozialen Arbeit
historisch gesehen immer ein Schattendasein hatte.
Im Fieldbook zu Methoden und Techniken Sozialer Raum und Soziale Arbeit (Früchtel, Budde &
Cyprian 2007) wird ein Kompetenzprofil für Sozialarbeitende mit Tätigkeit im sozialräumlichen
Arbeitsfeld skizziert. Die praxisorientierten Methoden und Techniken sind dabei summarisch den
Handlungsfeldern Individuum, Netzwerk, Organisation und Sozialstruktur zugeordnet. Das
Methodenbuch Sozialraum (Deinet 2009) beinhaltet diverse Beiträge zur Sozialen Arbeit in
Sozialen Räumen, theoretisch fundiert und konkret methodisch, z.B. für ländliche oder virtuelle
Sozialräume, aufgearbeitet. Durch den methodischen Einblick werden Verständnisse und
Zielsetzungen der sozialräumlichen Sozialen Arbeit bekannter gemacht. Ausgewählte
Literaturelemente hieraus und die Forschungsbezüge des Vorkapitels werden in den C-Teil
eingearbeitet.
3.3 Sozialpolitische Transformationen
Sozialpolitische Transformationen, die die Sozialraumarbeit betreffen, werden in der
Ergebnisverarbeitung im integrativen Teil reflektiert und auf Relevanz geprüft. Auswirkungen auf
die Sozialraumarbeit werden in die Berufsbildbeschreibung integriert. In diesem Diskurs sind als
grundsätzliche Themen die Transnationalisierung, die wohlfahrtsstaatlichen Deformationen, der
Abbau des Sozialstaates, die Verschärfung von wirtschaftlichen und ökologischen Problematiken
und die demographischen Veränderungen bezüglich der Alterspyramide, den Verschiebungen
vom Land in die Stadt und der Mobilität genannt. Diese Einschätzung der sozialpolitischen
Transformationen stützt sich auf die aktuelle Fachliteratur und Entwicklungen in der Praxis der
Sozialen Arbeit. Der Autor formuliert diesbezüglich folgende Thesen, die anhand der Ergebnissen
der Forschung im Teil C überprüft werden:
• Die Menschen werden verstärkt zur Eigenverantwortung und Solidarität in Netzwerken
angehalten oder von den Lebensumständen dazu gezwungen. Gestützt wird diese These
durch die Liberalisierung der Sozialpolitik: „Eine globale Sozialpolitik, die dem Kapitalismus
weltweit Grenzen steckt und ihm soziale Mindeststandards auferlegt, ist angesichts
!
34!
•
•
•
•
•
klaffender Wohlfahrtsunterschiede und widerstreitender Interessenlagen [...] nicht
absehbar“ (Labitzke 2010, S. 113).
Die sozialräumliche Soziale Arbeit muss vermehrt Kompensationsleistungen und
Plattformen anbieten, um der Segregation in der Bevölkerung vorzubeugen. In
segregierten Quartieren können durch die starke Sozialintegration dichte soziale Netze
existieren, die aber weitgehend homogen sind. „Aus der Netzwerkforschung ist bekannt,
dass dichte und homogene Netze bei der systemischen Integration benachteiligend
wirken im Gegensatz zu lockeren und heterogenen Netzen“ (Häussermann 2008, ¶5).
Die virtuellen Räume werden für die sozialräumliche Entwicklung und die Funktion der
Sozialen Arbeit ein unterstützender Ort des Lernens, der Beratung, der Vernetzung, der
Projektsteuerung der transnationalen Zusammenarbeit, der Finanzierung, der Innovation
und der Wissensteuerung.
Die sozialräumliche Soziale Arbeit bekommt in der Entwicklung der Inter- und
Transdisziplinarität eine Schlüsselfunktion innerhalb der Sozialen Arbeit. Denn die
disziplinäre Vernetzung konzentriert sich im sozialräumlichen Verständnis und Handeln.
Mit integrierter Praxisforschung im Sozialraum können transdisziplinäre Forschungsvorgehen unterstützt werden.
Versorgungssysteme und intelligente Hilfesysteme werden entwickelt, effektiver gestaltet
und den lebensweltlichen Bedingungen der Bedürftigen angepasst. Die grossen Vorteile
sind: „Profi-Netzwerke öffnen den Sozialen Raum, machen das soziale System
beweglicher für die Anforderungen in einem komplexen Feld von Bedarfslagen und
dynamischen sozialen Entwicklungen“ (Früchtel, Cyprian & Budde 2007, S. 102).
Kooperative Systeme der Hilfe in der Bevölkerung werden zu einer weiteren Säule der
sozialen Sicherung, bei der die Sozialraumarbeit eine Entwicklungs- und
Koordinationsfunktion übernimmt. Hollstein (vgl. 2007, S. 55) spricht in diesem
Zusammenhang von einer Schlüsselrolle, die ‚institutionelle Gatekeeper’ wie die
sozialräumliche Soziale Arbeit einnehmen können, um bei der Aktivierung und
Übersetzung von Sozialkapital in Statuspositionen zu unterstützen. In den
deutschsprachigen Ländern Europas werden Projekte zur Bildung einer non-monetären 4.
Säule der Sozialen Sicherheit vorangetrieben (vgl. Schweizweit geldfreie 4. Vorsorgesäule
2013, ¶1). Dadurch entstehen Börsen für Zeitgutschriften basierend auf freiwilligem
Engagement, die für eigene Bedürfnisse genutzt werden können.
3.4 Kritisch-reflexive Theoriediskussion
Die aufgezeigten theoretischen Aspekte der sozialräumlichen Sozialen Arbeit bestimmen die
Ausprägung und das Verständnis dieser mit. Eine Prüfung der Belastbarkeit dieser theoretischen
Grundlagen interessieren die sozialräumliche Praxis selbst, die Soziale Arbeit als Disziplin und das
sozialpolitische Umfeld. Aus diesen drei Fokussen erfolgt hier eine kritisch-reflexive
Theoriediskussion.
3.4.1 Fokus der sozialräumlichen Praxis
Welcher Sozialraumbegriff ist für die Praxis der sozialräumlichen Arbeit dienlich? Die
Anforderungen liegen bei einem Verständnis- und Handlungsmodell und für die
Wirkungsbeschreibung von Interventionen sollte es ebenfalls verwendet werden können. Die
Theorie der ‚sozialen Produktion von Raum’ nach Löw (2001) nimmt als Bausteine des Raums
!
35!
soziale Güter, den Menschen und ihre Beziehung zueinander in den Blick. Dass Sozialer Raum bei
Löw durch Syntheseleistung und Spacing entsteht, ist für das Verstehen und Handeln in der
Praxis hilfreich. Denn die Arbeit an den Sozialraumprozessen steht damit im Zentrum, nicht die
Ausgestaltung des Raums. Dieses relationale Raumkonzept löst Sozialräume von ihrer
territorialen Eingrenzung und lässt Raumkonstruktion zu. Für die Wirkungsbeschreibung gibt das
Modell nach Löw differenzierte Anhaltspunkte, denn der Beobachtungsfokus im Sozialraum ist mit
der Position und dem Habitus mitbezeichnet und Teil des sozialräumlichen Produktionsprozesses.
Das St.Galler Modell zur Gestaltung des Sozialraums lässt sich somit als eine Verkürzung des
Modells nach Löw lesen, weil die Faktoren Habitus und Position fehlen. Da die Betonung aber auf
der Gestaltung des Sozialraums liegt, kann es als explizites Handlungsmodell gesehen werden.
Hingegen als Verständnis- und Wirkungsbeschreibungsmodell ist es wenig ergiebig, da die
prozessuale
Komponente
des
Sozialraumverstehens
mit
dem
Einbezug
des
Beobachtungsstandpunktes fehlt. Die Relationsqualität der Raumfaktoren ist hingegen in beiden
Modellen wiederzufinden. Sie ermöglichen sozialräumliche Dekonstruktion und Neukonstruktion.
Mit der spezifischen Perspektive der Arbeit am Sozialen Raum (Reutlinger 2011) werden
verschiedene sozialräumliche Interventionsformen möglich. Mit der Gemeinwesenarbeit ist ein
verbreiteter Ansatz angesprochen, der das Spezifische in der Arbeit an Strukturen des
Gemeinwesens meint. Einem sozialräumlichen Ansatz kann die Gemeinwesenarbeit aber nur
gerecht werden, wenn sie die sozialen Prozesse im Gemeinwesen evaluiert und bearbeitet. Auf
die Arbeit an und mit Netzwerken wurde bis jetzt nur am Rande eingegangen. Diese weisen eine
sozialräumliche Komponente der Vernetzung auf, entsprechen aber nur in Teilen dem
Sozialraumverständnis. Dennoch geht es meist um Netzwerke in der sozialräumlichen Sozialen
Arbeit. Diese als Ressource für die sozialarbeiterischen Interventionen und in der
Sozialraumarbeit als Grundstruktur für Prozessinterventionen zu sehen und der Klientel und den
Gruppen zugänglich zu machen, ist in den sozialräumlichen Ansätzen grundlegend mitgedacht. In
der Verbindung mit dem Sozialkapital kommen ebenfalls Netzwerkstrukturen zum Tragen
(Putnam 2001). Gut veranschaulicht wird der Zusammenhang in den Ergebnissen einer
Migrations- und Integrationsforschung in Deutschland, die Netzwerke und soziales Kapital in
einen Zusammenhang bringt (Haug 2007, S. 104):
• Je grösser das Netzwerk, desto mehr soziales Kapital.
• Je stärker die Beziehungen, desto mehr soziales Kapital.
• Je dichter das Netzwerk der Familie bzw. der ethnischen Gemeinschaft, desto mehr
soziales Kapital.
• Je homogener das Netzwerk, desto mehr soziales Kapital (bezüglich Zugriffschancen).
• Je mehr nützliche Kontakte, desto mehr soziales Kapital.
• Je mehr Kontakte ausserhalb der ethnischen Nische, desto mehr soziales Kapital.
• Je heterogener das Netzwerk, desto mehr soziales Kapital (bezüglich Ressourcen).
Diese Zusammenhangsbefunde können für die sozialräumliche Soziale Arbeit als Impuls für das
Interventionsdenken bezüglich der Netzwerkqualitäten und -grenzen oder für die
Wirkungsmessung als Denkrichtung für einen Indikatorenkatalog gesehen werden. In der
sozialarbeiterischen Sozialraumarbeit dürfte in erster Linie das individuelle Sozialkapital
interessieren. Falls das soziale Kapital vor allem dem ökonomischen Kapital dienen sollte, ist für
das sozialräumliche Denken das Potenzial der Sozialkapitalentwicklung schnell ausgeschöpft.
Folglich wird ein Sozialkapitaldenken gefordert, das einen gesellschaftlichen Sinn erfüllt und
Lebensqualität beschreibt und nicht nur einer Leistung gerecht wird. Das Sozialkapitalverständnis
!
36!
von Putnam wird weitgehend dieser Forderung gerecht, stösst aber im Vergleich zu Bourdieu an
die Grenzen der geforderten Bewertungsmöglichkeiten des Kapitals. Da wiederum kann das
Habitusverständnis von Bourdieu (1996) eine Leitlinie sein, indem es die Bewertungsmatrix an
individuelle Lebenspraxen ankoppelt und so eine qualitative Wechselwirkung zwischen
Individuum und Gesellschaft herstellt.
Die sozialräumlich notwendige Interdisziplinarität in den intervenierenden Organisationen oder
die entsprechende Vernetzung der Organisationen manifestiert sich in den theoretischen
Grundlagen. Der Zusammenhang der interdisziplinären Arbeitsweise mit der umgebenden
Gouvernementalität der sozialräumlichen Sozialen Arbeit wird in der Theorie wenig betont. Die
drei Erscheinungen der Gouvernementalität nach Foucault (2005) rücken aber ins Zentrum des
Interesses bei der Ausgestaltung der Interventionen. Die einheitliche Wahrnehmung des
Sozialraums, geprägt durch die politische Rationalität, scheint dadurch eine Voraussetzung zu
sein für eine gemeinsame Strategieentwicklung mit politischen Akteuren. Nicht jeder Machttypus
lässt sich jedoch mit dem sozialräumlichen Partizipationsverständnis zusammenbringen. Da es um
politische Prozesse geht im Sozialraum, muss dieser Zusammenhang zwingend reflektiert sein.
Letztlich prägen historische Prozesse die aktuellen Prozesse in der Gesellschaft und dies erfordert
die Thematisierung dieser Kausalitäten und ein gezieltes normatives Vorgehen in der
Ausgestaltung der Sozialraumarbeit.
3.4.2 Fokus der Sozialen Arbeit
Wie verhält sich die sozialräumliche Soziale Arbeit in Bezug auf ihre Funktion und den zu
bearbeitenden Gegenstand zu anderen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit? Die Ausrichtung
auf den Sozialraum und die Soziale Arbeit an diesem stellt sich über die Arbeit am Individuum.
Dieses Spannungsfeld gilt es argumentativ gut zu gestalten und begründen. Die Theoreme nach
Bourdieu (1997), Kapital, Habitus und Divergenz der Felder, als Konstruktionsprinzipien des
Sozialen Raumes sind soziologischer Herkunft. Die Soziale Arbeit interessiert das soziale Kapital,
der Habitus der potenziellen Klientel und neben dem eigenen Feld die Schnittmenge der Felder,
der Disziplinen, die am Sozialen Raum arbeiten. Diese wissenschaftliche Einordnung der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit kann mit Bourdieu gewagt werden.
Mit dem St.Galler Modell ist die Erweiterung der klassischen Sozialen Arbeit zur Sozialraumarbeit
aufgezeigt: Zur Arbeit mit Menschen kommen die Gestaltung von Orten und der strukturellen
Steuerung hinzu. Dass dieser Paradigmenwechsel in der Disziplin der Sozialen Arbeit und
voraussetzend auch in der sozialpolitischen Fundierung nur ansatzweise stattgefunden hat, mag
an der Etabliertheit der traditionellen, auf das Individuum ausgerichteten sozialen Hilfe liegen.
Hier ist aber anzumerken, dass die sozialräumliche Erweiterung auch die tragenden (politischen)
Organisationen der Sozialen Arbeit in das zu intervenierende Blickfeld rückt. Der daraus
resultierende Interessenskonflikt verdient folglich eine besondere Thematisierung im Sinne einer
gemeinsamen strategischen sozialräumlichen Ausrichtung. Im erweiterten Zusammenhang kann
die Transdisziplinarität als wissenschaftliche Strategie der Ungleichgewichtung der
sozialräumlichen Akteure begegnen. Nach Mittelstrass (2007) bekommt dieses Forschungs- und
Wissenschaftsprinzip Bedeutung, wo disziplinäre Lösungen unmöglich gemacht werden. In der
interdisziplinär gestalteten Sozialraumarbeit schieben meist ökonomische Grenzen einem
transdisziplinären Vorgehen den Riegel vor. Die Wissenschaft, im Speziellen die Soziale Arbeit, ist
somit herausgefordert, dies jenseits derartiger Grenzen einzulösen.
Die Funktionsdiskussion der sozialräumlichen Sozialen Arbeit umfasst von der Inklusion nach
Luhmann (1987) in gesellschaftliche Teilsysteme zur Prävention von sozialen Problemen bis hin
!
37!
zur Herstellung von sozialer Gerechtigkeit in der Gesellschaft ein weites Feld. Diese Eckpunkte
können als grundlegende Funktionsverständnisse der Sozialen Arbeit verstanden werden. Im
Sozialraumverständnis kommt überdies die Funktion der Generierung von sozialem Kapital dazu.
Hier kann der Zusammenhang zur Inklusion in Netzwerke hergestellt werden. Das
Präventionsverständnis scheint sozialräumlich die hohe Bewertung der Bearbeitung von sozialen
Problemen im klassischen Verständnis der Sozialen Arbeit abzulösen. Hierfür sprechen die
Prävention im Hinblick auf gerechte Lebensverhältnisse und eine belastbare soziale Infrastruktur,
die Partizipation aller Bevölkerungsgruppen am gesellschaftspolitischen Diskurs, die
Thematisierung und Moralisierung sozialer Probleme und die Forderung einer effektiven
Sozialplanung. Diese Einschätzungen des Autors sind in der Reflexion der theoretischen
sozialräumlichen Grundlagen erkennbar. Die soziale Gerechtigkeit herzustellen, mit dem
impliziten politischen Qualitätsanspruch, bekommt in der sozialräumlichen Arbeit neue Zugänge
über die Gestaltung von Orten und Steuerungsprozessen. Soziale Gerechtigkeit in der baulichen
Gestaltung umzusetzen ist daher eine grosse Chance.
Folgendes Zitat bringt das Wesen der sozialraumorientierten Soziale Arbeit nochmals auf den
Punkt: „Sozialraumorientierte Ansätze richten ihr Augenmerk immer auf die Stärken der
Menschen, die sich oft sogar in den vermeintlichen Defiziten abbilden. (...) Räume,
Nachbarschaften, Plätze, Natur, Straßen, aber auch die vorhandene Unternehmens- und
Dienstleistungsstruktur im Quartier und darüber hinaus sind bedeutsame Ressourcen, die man
nutzen und durch kluge Vernetzung effektivieren kann“ (Hinte, Lüttringhaus & Oelschlägel 2001,
S. 78). Diese Qualitäten haben in einigen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit bereits Einzug
gehalten. Kaum evaluiert ist aber ihre Wirkung bezüglich der Frage: Wie interveniert die
sozialraumorientierte Soziale Arbeit schlussendlich? Die Gemeinwesenarbeit geht an dieser Stelle
weiter und macht sich gesellschaftliche Strukturen und Schauplätze zum Handlungsfeld. Den
sozialräumlichen Gegebenheiten auf den Grund gehen und Prozesse im Sinne einer ‚sozialen
Optimierung’ der umfassenden sozialräumlichen Systeme zu steuern, möchte die sozialräumliche
Soziale Arbeit leisten. Kritisch bleibt jedoch festzuhalten, dass in der ganzen Konsequenz dies
weder in der Theorie und noch weniger in der Praxis möglich ist, zu komplex und kausal sind die
Strukturen, Prozesse und Netzwerke.
3.4.3 Sozialpolitischer Fokus
Wie verlaufen die Wechselwirkungen der sozialräumlichen Interventionen mit den
sozialpolitischen Strukturen? Einzelne, für die sozialräumliche Soziale Arbeit wichtig erscheinende
Aspekte werden nachfolgend beleuchtet. Soziale Arbeit und Sozialpolitik haben die Funktion,
zwischen Individuum und Gesellschaft zu vermitteln. Es wäre daher gewinnbringend,
wissenschaftliche Diskurse und die Praxis der Sozialpolitik und Sozialen Arbeit verstärkt
aufeinander zu beziehen (vgl. Benz 2010, S. 317). Der transdisziplinäre Ansatz wird an dieser
Schnittstelle wichtig. Grundlegend für die Sozialpolitik ist dabei Folgendes: „Die sozialstaatliche
Idee ist eine Idee der Revolte, eine Revolte, die letztlich mittels Reformen zu Veränderung führt“
(Früchtel, Cyprian & Budde 2007, S. 93). Voraussetzungen dafür sind die breite Erfahrung von
Not und Gerechtigkeit in der Gesellschaft sowie die Solidarität. Im Kern ist dabei der Sozialraum
angesprochen und Netzwerke, die sich bilden und erstarken und damit die Basis legen für die
Sozialpolitik. Die generierten Netzwerke der Solidarität und Netzwerke des Empowerment
erzeugen Vertrauen in der Gesellschaft. Im St.Galler Modell ist die Gestaltung der strukturellen
Steuerung herausgefordert. Dabei wird die zentrale Kritik am St.Galler Modell sichtbar, nämlich
die der fehlenden Prozessqualität. Sozialräumliche Soziale Arbeit tut daher gut daran, sich auf die
!
38!
sozialpolitischen Transformationen auszurichten und den Sozialraum in eine Weiterentwicklung zu
begleiten. Das Ziel der Akteure im Sozialraum ist die Generierung von gesellschaftlichem
Sozialkapital sein. Damit könnte die sozialpolitische Logik erfüllt werden, Vertrauen zwischen
Individuum und Gesellschaft zu schaffen. Exemplarische, aufwendige und vielschichtige Messung
von sozialem Kapital könnte anhand folgender Qualitäten ebenfalls erfolgen (vgl. Putnam 2000,
S. 291 und 487):
• Organisiertes zivilgesellschaftliches Leben (Vereine, Verbände, Ehrenämter).
• Interesse an öffentlichen Angelegenheiten (Wahlbeteiligung, öffentliche Veranstaltungen).
• Ziviles Engagement (Freiwilligenleistungen).
• Informelle soziale Kontakte (Zeit mit Freunden, Gäste bewirtet).
• Soziales Vertrauen (Gesellschaftliches Vertrauen und Ehrlichkeit).
„Raum entsteht durch Macht und Besitzverhältnisse, die sich zeigen, indem Menschen sich
positionieren“ (Löw 2001, S. 158). Hier entsteht die Erwartung, dass die Sozialpolitik regulierend
wirkt und sozialräumliche Gleichgewichte herstellt im Sinne der sozialen Sicherheit und des
Zugangs zu Lebensqualität für alle. Die Gouvernementalität in der Regierungsform, die sich in der
Sozialpolitik manifestiert, ist für die Sozialraumarbeit wie ein Fundament, auf dem die
Interventionen aufbauend erfolgen und aus welchem sie resultieren. Die sozialpolitischen
Organisationen haben grosses Interesse daran und die Mitverantwortung dafür, dass die
sozialräumliche Gestaltung optimal verläuft. Denn Missstände im Sozialraum bedingen mehr
sozialpolitische Massnahmen, die ökonomisch zu bewältigen sind. Denn Solidaritätsnetzwerke in
der Bevölkerung können in finanzieller Art oder mit gegenseitiger Hilfe ausgestattet werden,
geleistet durch Freiwillige, die Sozialpolitik mittragen. Solche Netzwerke zu fördern gehört damit
zur Kernaufgabe der sozialräumlichen Sozialen Arbeit.
Die Handlungsstrategien der Integration in die Gesellschaft und die nachhaltige Aktivierung der
Bevölkerung sind zwei aktuelle Schlagworte in der Sozialpolitik bei einer zunehmend heterogenen
Bevölkerungszusammensetzung und individualistischen Lebensstilen. Zusammen mit der
Prävention von sozialräumlichen Problemen bilden diese drei Funktionstypen die Trias im
sozialräumlichen Handeln der Sozialen Arbeit. Kritisch ist dem zu begegnen, wenn Aktivierung als
Beschäftigungsprogramme angelegt, Integration nur als Anpassungsleistung gesehen und
Prävention als Information verbreitet wird. Vielmehr liegt der Anspruch auf dem Erlernen der
entsprechenden individuellen Handlungskompetenzen und der Steuerung der gesellschaftlichen
Rahmenbedingungen.
Durch den Anspruch der sozialräumlichen Gemeinwesenarbeit (Schubert 2011) einer
Ankoppelung an die Sozialpolitik scheint dieses sozialräumliche Praxismodell explizit die
Schnittstelle der Sozialen Arbeit zur Sozialpolitik zu gestalten. Für die sozialpolitische Sichtweise
ist der Einbezug der Transnationalität ins Verstehen und Handeln naheliegend und sinnvoll. Dabei
besteht der Entwicklungsbedarf im Finden von Modellen und Formen der transnationalen
(sozialräumlichen) Sozialen Arbeit.
!
39!
4 Berufsbildentwicklung in der Sozialen Arbeit
4.1 Bezüge zur Berufsbildentwicklung
Die Professionsentwicklung in der Sozialen Arbeit wird hier nur am Rande gestreift. Der Rahmen
der Masterthesis ist zu klein, um die Professionsdebatte auf die sozialräumliche Soziale Arbeit zu
beziehen. Das Berufsverständnis in der Sozialen Arbeit im deutschsprachigen Raum ist in den
letzten Jahren geprägt worden von der Standardisierung der Ausbildung auf Hochschulebene und
der Entwicklung der wissenschaftlichen Disziplin. Der eingesetzte Differenzierungsprozess im
Dialog mit anderen Disziplinen ist wahrzunehmen und dies ist für die Sozialraumarbeit ein
Brennpunkt. Doch wie nimmt die sozialräumliche Soziale Arbeit unter allen im Raum tätigen
Professionen ihre Funktion ein und wie gestaltet sich eine interdisziplinäre Ressourcen- und
Synergiennutzung konkret? Dafür ist die Qualifikation der in der Sozialraumarbeit Tätigen
ein entscheidender Faktor. Diese misst sich an der Disziplin Soziale Arbeit und an den weiteren
Professionen, die am Sozialraum arbeiten. Die Überprüfung und Entwicklung der
Schlüsselqualifikationen hat dabei in der Professionsentwicklung einen Generatoreffekt als
Schnittstelle von Praxis, Lehre und Wissenschaft und auch die gesellschaftliche Wirkung der
Sozialen Arbeit hängt weitgehend davon ab. Da die Soziale Arbeit zudem interdisziplinär tätig ist,
gehört die Transdisziplinarität zur sozialräumlichen Sozialen Arbeit und dem sollte in der
Professionsentwicklung verstärkt Rechnung getragen werden. Spezifische Professionsentwicklungsthemen sind in der sozialräumlichen Sozialen Arbeit in der Zusammenarbeit mit
Freiwilligen, der Kompensationsfunktion zu den durch die Politik oder Wirtschaft vernachlässigten
Themen und der Hilfe zur Selbsthilfe bereits gegeben. Innerhalb der Handlungswissenschaft
Soziale Arbeit nimmt die Sozialraumarbeit die Schlüsselstellung ein, durch die die Anforderungen
von Sozialen Räumen eingeschätzt, bearbeitet und geprüft werden können. Diese Forderung
passt sehr gut in die Wahrnehmung der Entwicklungsoptionen Sozialer Arbeit: Die Perspektiven
der Wissenschaft der Sozialen Arbeit sind hervorragend und sie ist das grösste berufliche
Anwendungsfeld sozialwissenschaftlichen Wissens mit einer unbegrenzten Anzahl von offenen
Fragen (vgl. Sommerfeld 2010, S. 39).
4.1.1 Berufsbild als berufspolitische Kategorie
Mit der Berufsbildbeschreibung wird ein erster Schritt geleistet, auf den weitere
Professionsentwicklungsbestimmungen folgen können. Vorausgesetzt werden Kriterien für eine
professionelle Soziale Arbeit bei der Organisationsauswahl für die Praxisforschung in der
Sozialraumarbeit. Diese Kriterien orientieren sich an der Begriffsklärung der sozialräumlichen
Sozialen Arbeit aus Kapitel 1.2. Nicht die abschliessende Benennung in der Auswahl von
Arbeitsfeldern ist gemeint, sondern Organisationen müssen mindestens dieses zentrale Kriterium
erfüllen: Arbeit explizit im und am Sozialraum und somit an Orten, Strukturen und mit Menschen
zu leisten. Ein Berufsbild lässt sich im folgenden Forschungsvorgehen aus Selbst- und
Fremdwahrnehmungen der Professionellen synthetisieren und dient einer Vereinheitlichung der
Tätigkeit. Die berufspolitische Kategorie meint dabei das aktuelle Bild der Profession in der
Gesellschaft und in den Medien. Eine prozesshafte Differenzierung des Berufsbildes aus
verschiedenen Wahrnehmungsperspektiven ist Bedingung, um dem Istzustand der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit gerecht zu werden.
!
40!
Im Attributemodell werden die folgenden Merkmale von Professionen benannt (vgl. Kurtz 2005,
S. 36):
1. Wissenschaftlich fundiertes Sonderwissen, spezielle Fachterminologie.
2. Langandauernde, theoretisch fundierte Ausbildungsgänge auf akademischem Niveau.
3. Berufsständische Normen, Eigeninteressen gesetzlich beschränkt (non-profit).
4. Exklusives Handlungskompetenzmonopol.
5. Tätigkeitsbereich besteht aus gemeinnützigen Funktionen grundlegender Bedeutung.
6. Autonomie bei der Berufsausübung (Fach- und Sachautorität).
7. Selbstkontrolle durch Berufsverbände, Interessenvertretungen.
Das zu entwickelnde Berufsbild dieser Arbeit beschäftigt sich am Rande mit diesen Merkmalen,
dient aber vornehmlich den Punkten vier bis sechs. Die sozialräumliche Soziale Arbeit steht somit
in doppelter Weise in einer sozialpolitischen Wechselwirkung: Einerseits sind sozialpolitische
Rahmenbedingungen, wie Gesetze, Ressourcen, strategische oder politische Ausrichtungen die
Grundlage und Leitplanken der Organisationen im Sozialraum. Andererseits sind sozialpolitische
Strukturen Teil des Sozialraums und gehören somit zum Handlungsfeld der sozialräumlichen
Sozialen Arbeit. Beide Gegebenheiten setzten eine positive sozialräumliche Haltung der
Sozialpolitik voraus und prägen das Berufsbild mit.
4.1.2 Das Berufsbild in der Sozialen Arbeit
Das Berufsbild der Sozialen Arbeit wird vom Schweizerischen Zentrum für Berufsbildung und
Laufbahnberatung SDBB (2012) wie folgt umschrieben: „Sozialarbeiter /innen FH unterstützen
Menschen in erschwerten Lebenssituationen bei der Bewältigung von Alltag und Freizeit. Zudem
beteiligen sie sich am Aufbau sozialer Strukturen und an sozialpolitischen Projekten.“ In der
Schweiz ist zudem von AvenirSocial (2006) das Berufsbild der Professionellen Sozialer Arbeit
definiert: Die Befriedigung von biologischen, psychischen, sozialen, ökonomischen sowie
kulturellen Bedürfnissen für Individuen und Gruppen soll ermöglicht werden. Die Handlungsfähigkeit von betroffenen Menschen und Teilen der Bevölkerung soll wiederhergestellt werden.
Sozialarbeiter /innen sind befähigt zur Beurteilung und Analyse von Prozessen und Situationen
von Individuen, Gruppen und gesellschaftlichen Systemen. Angesetzt wird gemäss AvenirSocial
auf drei Ebenen, nämlich auf der mikro-, der meso- und der makrosozialen Ebene. Unter dem
Berufsbild wird in dieser Arbeit die Beschreibung spezifischer Merkmale eines Berufs verstanden,
durch die er sich von anderen Berufen abgrenzt. Um die Herausarbeitung der Besonderheiten der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit, als Ergänzung des Berufsbildes der Sozialen Arbeit, geht es
daher im Teil C. Da die sozialräumliche Soziale Arbeit keine breite Praxis hat, ist eine Erhebung
über das Berufsbild nicht bei der Bevölkerung, sondern nur bei Professionellen und
Verantwortlichen in der Sozialen Arbeit sinnvoll. Der explizite sozialräumliche Ansatz fehlt im
Berufsbild von AvenirSocial, so dass die These formuliert werden kann, dass es mit der
sozialräumlichen Funktion ergänzt werden muss.
!
41!
4.2 Sozialräumliche Paradoxien
Für die sozialräumliche Soziale Arbeit und diese Praxisuntersuchung ist der Blick auf
Grundprobleme unumgänglich. Die Problematik der Dilemmata besteht in der Sozialraumarbeit
u.a. in diesen Bereichen (vgl. Kessl & Reutlinger 2009, ¶2-5):
• Das Milieudilemma meint, dass innerhalb der Bevölkerung oft nur die bereits vernetzten
Gruppen erreicht werden, aber dadurch die bedürftigen Gruppen aussen vor bleiben. Die
Sozialraumarbeit hat daher die Aufgabe, die bestehenden Milieugrenzen zu überwinden.
• Das Vernetzungsdilemma benennt die Gefahr, dass die bereits bestehenden
Netzwerkstrukturen reproduziert werden und es den Nicht-Beteiligten erschwert wird, sich
zu beteiligen. Für die Sozialraumarbeit geht es folglich darum, Netzwerke, die quer zu den
dominierenden liegen, zu unterstützen oder deren Aufbau anzuregen.
• Das
Präventionsdilemma
besteht
darin,
dass
mit
einer
allgemeinen
sozialraumorientierten Vorgehensweisen die Zielgruppen in der Gefahr stehen, aufgrund
der Zugehörigkeit zu einem potentiellen Problemkreis, überkontrolliert oder -betreut zu
werden. In welcher Weise können sozialräumliche Angebote konkret implementiert
werden, die Nutzerinnen und Nutzern fehlende Handlungsoptionen eröffnen, ohne
gleichzeitig Zuschreibungen und Stigmatisierungen zu leisten?
• Das Homogenisierungsdilemma meint, dass raumbezogene Vorgehensweisen immer
in der Gefahr stehen, bereits vorliegende Homogenitätsunterstellungen zu reproduzieren
und damit das prinzipielle Problem symbolischer Ausschließung bestimmter
Bevölkerungsgruppen zu verlängern. Die Sozialraumarbeit muss sich somit mit Strategien
gegen Homogenisierungsprozesse wenden.
Bei diesen meist paradoxen Ansprüchen ist ein hoher professioneller Handlungshabitus vonnöten
und der Handlungsbedarf bezüglich der Dilemmata besteht in der realistischen Bewertung von
Strategien und Zielen der Arbeit im Sozialraum. Für die berufliche Identität der in der
Sozialraumarbeit Tätigen bekommt die unter 3.1.2 behandelte reflexive räumliche Haltung
zentrale Bedeutung, um dieser Problematik zu begegnen. Dabei spielen Interessens- und
Machtkonstellationen eine zentrale Rolle, um mögliche Vorgehen zu planen und Unmögliches zu
thematisieren. Die politische Positionierung kommt damit, bedingt durch die sozialräumlichen
Gegebenheiten, implizit oder explizit zum Ausdruck. „Sozialraumarbeit ist nicht per se gut oder
auf der richtigen Seite. Ihre Position hat sie zu legitimieren – kommunalpolitisch, fachlich und
gegenüber den Nutzerinnen und Nutzern“ (Kessl & Reutlinger 2009, ¶5). Diese lokale, konkrete
Positionierung im Sozialraum ist entscheidend für die Ermöglichung der Partizipation der
Bevölkerung.
!
42!
B Empirischer Teil
Zusammenfassung:
Die Inhaltsanalyse von Organisationsunterlagen mit Tätigkeitsbereichen in der sozialräumlichen
Sozialen Arbeit ergibt fundierte Ergebnisse, die mit leitfadengestützten Experteninterviews
überprüft und differenziert sind. Zwölf deduktiv aus der Theorie gebildeten Kategorien, die die
sozialräumliche Soziale Arbeit benennen, sind induktive Unterkategorien zugeordnet. Das
umfassende Bild des Praxisverständnisses und der sozialräumlichen Tätigkeiten der Sozialen
Arbeit hat einen heterogenen Charakter und orientiert sich an den Grundsätzen der Sozialen
Arbeit, der Gemeinwesenentwicklung und der Partizipation der Bevölkerung. Die Selbst- und
Fremdverständnisse von Professionellen und Akteuren der sozialräumlichen Sozialen Arbeit
divergieren unwesentlich und beschäftigen sich mit Ressourcen- und Legitimationsfragen und
innovativen sozialräumlichen Lösungen. Die anstehenden Entwicklungen sind auf Versorgungssysteme der Sozialen Arbeit, Solidaritätsnetzwerke und die generationengerechte
Quartiergestaltung fokussiert. Grosse Spannungsfelder sind in der Kulturdivergenz von der
Verwaltung zur Sozialraumarbeit, der Zuständigkeit für sozialräumliche Entwicklungen und in der
zunehmenden Individualisierung in der Gesellschaft auszumachen.
5. Forschungsmethoden und Forschungsdesign
Das Erkenntnisinteresse für den empirischen Teil liegt in der Einschätzung und dem Verständnis
der sozialräumlichen Sozialen Arbeit durch die Professionellen der sozialräumlichen Praxis. Für die
Beantwortung der Fragestellungen ist eine qualitative Forschungsmethode geeignet. Spezifische
und differenzierte Ergebnisse sind notwendig für die Berufsbildentwicklung. Quantitative
Vorgehen gehen nicht tief genug, um diese komplexe Thematik zu ergründen. Es sollte daher ein
möglichst breites und fundiertes Datenmaterial generiert werden, das Details aus der konkreten
sozialräumlichen Praxis beinhaltet, so dass folgende Methodenwahl getroffen wurde: „Die
qualitative Inhaltsanalyse muss anknüpfen an alltäglichen Prozessen des Verstehens und
Interpretierens sprachlichen Materials“ (Mayring 2002, S. 38). Das Forschungsfeld ist die Praxis
der sozialräumlichen Sozialen Arbeit. Die empirische Relevanz für eine Selbst- und
Fremdeinschätzung der Professionellen in der Sozialraumarbeit ist für diese Praxisforschung
gegeben. Für die Berufsbildentwicklung kann daraus eine vertiefte Qualität resultieren, die dem
interdisziplinären Charakter der sozialräumlichen Sozialen Arbeit gerecht wird. Die
Fragestellungen werden daher mit einer qualitativen Inhaltsanalyse von konzeptionellen
Organisationsunterlagen und leitfadengestützten Experteninterviews in ausgewählten sozialräumlichen Organisationen der Sozialen Arbeit bearbeitet und beantwortet. Der
Forschungsprozess richtete sich dabei nach den klassischen Gütekriterien der Validität, Reliabilität
und der Objektivität.
• Die Validität meint, dass die qualitativen Methoden an den Common-SenseKonstruktionen der Untersuchten anknüpfen und auf den alltäglichen Standards der
Verständigung aufbauen (vgl. Przyborski 2010, S. 38).
• Die Reliabilität wird durch qualitative Methoden gesichert mit dem Nachweis von
Reproduktionsgesetzlichkeit der herausgearbeiteten Strukturen und dem systematischen
Einbeziehen von alltäglichen Standards der Kommunikation (vgl. Przyborski 2010, S. 40).
!
43!
Die Objektivität qualitativer Methoden lässt sich steigern durch die intersubjektive
Überprüfbarkeit. Auf der Basis alltäglicher Standards lassen sich Schritte der Erhebung
und Auswertung im Sinne von Forschungsprinzipien formalisieren (vgl. Przyborski 2010, S.
42).
Das Vorgehen im Forschungsprozess wird durch das Sampling, die Dokumentenanalyse und die
Expertenbefragung mit der Analyse der Interviews beschrieben.
•
5.1 Das Sampling
„Fragen des Samplings sind in qualitativen Untersuchungen entscheidend. [...] Daher entscheidet
das Sampling mit darüber, ob Befunde verallgemeinert werden können“ (Przyborski 2010, S.
174). Im Sinne einer breiten Abstützung ist die Auswahl von Organisationen und Projekten sowie
Professionellen in der Sozialraumarbeit für die Datenanalyse und Interviews der
Selbstverständnisse in ihrer Berufsrolle, ihrem Auftrag und ihrem Handlungsfeld heterogen. Die
Anfrage für Organisationsunterlagen richtete sich an 25 Organisationen mit Arbeitsfeldern in der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit der Schweiz (Schwerpunkt Ostschweiz), Vorarlberg, Baden
Württemberg und Bayern. Die Beurteilung der Zuordnung der Organisationen zur
sozialräumlichen Sozialen Arbeit erfolgte durch den Autor, ausgerichtet auf die Kriterien der
Begriffsdefinition aus Kapitel 1.2. Für das selektive Sampling waren die folgenden Kriterien
grundlegend:
• Gleichmässige Verteilung der verschiedenartigen Organisationen der sozialräumlichen
Sozialen Arbeit.
• Dokumente geben mindestens Auskunft über den Auftrag, die Wirkung, die angewandten
Methoden und die personellen Qualifikationen der Organisation.
• Es sind Organisationen aus der Sozialarbeit, der Sozialpädagogik und der Soziokulturellen
Animation vertreten.
Der Rückfluss an verwertbaren, schriftlichen, von den Professionellen der Organisationen
verfassten Dokumenten erfolgte von 19 Organisationen der Quartierentwicklung,
Gemeinwesenarbeit, Online-Beratung, Koordination von Versorgungssystemen, mobilen
Sozialarbeit und internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Diese sind in die Analyse
einbezogen worden, soweit die Texte Aussagen zur Sozialraumarbeit zuliessen.
Die Auswahl der interviewten Experten erfolgte entlang den häufigsten Handlungsfeldern in der
genannten Organisationsauswahl: Gemeinwesenarbeit, Versorgungssystem und Gemeindeentwicklung. Damit kann eine, auf die Ressourcen dieser Arbeit abgestimmte, gute
Ergebnisqualität erreicht werden. Konkret wurden für die Selbsteinschätzung zwei
Experteninterviews mit Professionellen der Sozialen Arbeit in unterschiedlichen sozialräumlichen
Tätigkeitsfeldern (Gemeinwesenarbeit und Koordination Versorgungssystem) und für die
Fremdeinschätzung mit je einer verantwortungstragenden Person der Sozialraumarbeit in der
Stadtentwicklung und der Gemeinwesenarbeit geführt. Das Interview in der Gemeinwesenarbeit
erfolgte direkt mit beiden Personen. Dies hatte das Ziel, die beiden Sichtweisen in der Diskussion
zu beobachten und die thematischen Wechselwirkungen zu ergründen. Die Koordinierungsperson
des Versorgungssystems hatte gleichzeitig eine Fremdsicht, da sie mit einigen Organisationen der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit zusammenarbeitet. Da die Ergebnisse der Datenanalyse aus
qualitativer Sicht differenziert ausfielen und aussagekräftig sind, dienten die Interviews zur
Ergänzung und Korrektur dieser.
!
44!
5.2 Inhaltsanalyse konzeptioneller Daten
Die Strukturierung ist die zentralste inhaltsanalytische Technik der qualitativen Inhaltanalyse
nach Mayring 2002 (vgl. Diekmann 2011, S. 609). Dabei werden Strukturmerkmale eines Textes
unter Verwendung eines Kategoriensystems herausgefiltert. Da zum Berufsbild bestimmte
Themen zwingend dazugehören, entspricht die Strukturierung diesem empirischen Vorgehen. In
der Auswertung von konzeptionellem Textmaterial interessieren daher inhaltliche Merkmale in
Bezug auf die Untersuchung eben dieser vorbestimmten Themen wie: Leitbilder, Konzepte,
Leistungsverträge und -nachweise, Stellenbeschriebe und Angebotsbeschreibungen von
Organisationen der sozialräumlichen Sozialen Arbeit. Das Ziel dieses Vorgehens war es, von
verschiedenartigen Organisationen, die einer sozialräumlichen Sozialen Arbeit nahe kommen,
konzeptionelles Material auszuwerten, mit dem Fokus, für eine Berufsbildbeschreibung
bedeutende und/oder sich wiederholende Merkmale zu entdecken. Alle relevanten, d.h. mit
mindestens einer der zwölf Kategorien korrelierenden Merkmale sind abgebildet und in der
Darstellung zusätzlich nach Häufigkeit des Auftretens geordnet. Die Datenaufbereitung erfolgte
hierfür in acht Schritten: 1. Bestimmung der Analyseeinheit, 2. Festlegung der
Einschätzungsdimensionen, 3. Bestimmung der Ausprägungen, 4. Bestimmung der Definitionen
und Kodierregeln, 5. Fundstellenbezeichnung, 6. Einschätzung, 7. Überarbeitung und 8.
Ergebnisaufbereitung (vgl. Mayring 2002, S. 89ff). Bei der inhaltlichen Strukturierung wurde eine
deduktive Kategorienbildung vorgenommen, indem für das Berufsbild der sozialräumlichen
Sozialen Arbeit relevante Themen aus der erarbeiteten Theorie im Teil A einflossen. Diese zwölf
Kategorien kamen somit bei der Inhaltsanalyse zur Anwendung:
• Typen von fokussierten Sozialen Räumen.
• Funktion und Wirkung der sozialräumlichen Tätigkeiten.
• Methoden der Sozialraumarbeit.
• Qualitätskriterien in der sozialräumlichen Sozialen Arbeit.
• Qualifikation der in der Sozialraumarbeit Tätigen.
• Sozialräumliche Zielsetzungen und Art der Ziele.
• Steuerungsprozesse und Bearbeitung des Sozialraums.
• Sozialräumliche Arbeit mit Personen und Netzwerken.
• Verortung der Organisation/ Strukturen/ Ressourcen im Sozialraum.
• Bedarf und Legitimation der Sozialraumarbeit.
• Sozialräumliche Interdisziplinarität und Transdisziplinarität.
• Bearbeitung Sozialer Probleme im Sozialraum.
Es wurden rund 400 Seiten verwendbarer Organisationsunterlagen durchgearbeitet und relevante
Textstellen zu diesen Kategorien bezeichnet. Dabei wurden die Kodierregeln (s. Anhang)
entwickelt und in einem zweiten Durchlauf überprüfend auf die Textstellen angewendet. Über
1000 Textstellen konnten dadurch kodiert und erstaunlich gleichmäßig den Kategorien
zugeordnet werden. Die Ergebnisse sind in induktiven Unterkategorien zusammengefasst und
nach ihren Ausprägungen (Häufigkeit und Relevanz) in den Dokumenten bewertet. Dieses
zusätzliche Kombination von qualitativem und quantitativem Vorgehen (s. Tabellen Anhang) liegt
begründet in der Verwendung der Ergebnisse für die Berufsbildbeschreibung: Es interessiert
nämlich für eine Tendenzerfassung weiterführend, welche Unterkategorien häufiger in den
Dokumenten abgebildet sind. Auffallend und fordernd waren die uneinheitlich verwendeten
Fachbegriffe in den Dokumenten und die entsprechende Interpretation dieser. Die
Zusammenfassung der Ergebnisse pro Kategorie berücksichtigt die Unterkategorien,
Ausprägungen, beschriebenen Inhalte und Qualitäten in den Textstellen.
!
45!
Exemplarische Bildung der Unterkategorien
Das interpretative Vorgehen bei der induktiven Unterkategorienbildung soll anhand folgender
Beschreibung veranschaulicht werden: In der Kategorie ‚Steuerungsprozesse und Bearbeitung
des Sozialraumes’ kommt die Förderung und Herstellung von sozialer Vernetzung und
Begegnungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum in den Ankerbeispielen zum Ausdruck:
„Begleitung durch tragfähige soziale Netzwerke; die Förderung infrastruktureller und
konstruktiver Begegnungsmöglichkeiten“. Dabei wird sowohl die Vernetzung in der Bevölkerung,
als auch die Vernetzung zur Bewältigung von Sozialen Problemen fokussiert. In „raumbezogene
Identität und zivilgesellschaftliches Engagement stehen in Wechselwirkung zueinander“ wird der
sich durch die Dokumente ziehende rote Faden der Förderung und Steuerung des
gesellschaftlichen Engagements und damit der sozialräumlichen Identifikation sichtbar. Mit
„fördert die öffentliche Freizeitgestaltung mit Angeboten, Leistungsvereinbarungen und
Subventionen“ in „Aushandlungsprozessen zwischen den Akteuren“ ist die zentrale und
verbreitete Kontraktform der sozialräumlichen Steuerung, der von den Stakeholdern gemeinsam
entwickelte Leistungsvertrag angesprochen. „Einbezug aller Ansprechsgruppen und NonprofitOrganisationen, mit denen das Sozialzentrum im Sozialraum zusammenarbeitet, Kooperation und
gemeinsame materielle und personelle Ressourcennutzung fördern“ als Beispiele für die
Koordination in Versorgungssystemen als Ressourcen- und Angebotsoptimierung, könnte auch
als gemeinsame Interessenvertretung im öffentlichen Diskurs zu sozialen Themen gesehen
werden. Die Sensibilisierung der „subjektiven Sicht auf Sozialräume als individuelle Bedeutungsund Handlungsorte“ ist ein anderer Aspekt dieses Diskurses. „Fragen und Optionen der
Raumgestaltung“ drückt die marginale Position der Sozialen Arbeit in der baulichen
Sozialraumgestaltung aus – als explizite Partnerin für andere Disziplinen wird sie nirgends in den
Dokumenten genannt.
5.3 Erstellen des Interviewleitfadens
Die Interviews für die Selbst- und Fremdverständnisse werden mit einem offenen Leitfaden
geführt. Bei Experteninterviews kann u.a. Deutungswissen eines Akteurs in einer Diskursarena
zum Ausdruck kommen (Przyborski 2010, S. 134). Darauf liegt der Fokus für diese Untersuchung.
Der narrative Anteil bei den Selbstverständnissen beträgt die Hälfte der Interviewzeit. Diese
unterschiedliche Herangehensweise lässt den Professionellen der Sozialraumarbeit die
Möglichkeit, offen und selbstgesteuert zu reden. Hingegen erhalten die Fachpersonen für die
Fremdverständnisse eine unterstützende Führung mit Fragen und können nach eigener Wahl
selbstgesteuert reden. Das Ziel der Interviews ist die Validierung der Ergebnisse der
Datenanalyse und die Generierung zusätzlicher Informationen bezüglich des Berufsbildes. Die
Ergebnisse der Datenanalyse wurden den Interviewten im Voraus zugestellt. Folgende Fragen
standen dabei im Fokus:
• Wie definieren Sie in Ihrer Organisation die Arbeit im Sozialraum?
• Wie bewerten Sie die Zusammenfassungen der Ergebnisse zu den zwölf Kategorien der
Datenanalyse? Welche Ergänzungen gibt es?
• Welche aktuellen Entwicklungen und sozialpolitischen Transformationen prägen die
Organisationen sozialräumlicher Sozialer Arbeit?
• Welche konkreten Spannungsfelder, Dilemmata oder Debatten beeinflussen die
Sozialraumarbeit?
• Was bewegt Sie zum Thema sozialräumliche Soziale Arbeit?
!
46!
5.4 Durchführung der Experteninterviews
Befragt wurde zum Gegenstand ‚sozialräumliche Soziale Arbeit’ gemäss Fragestellungen und nach
notwendigen Kompetenzen für die professionelle Ausführung der sozialräumlichen Sozialen
Arbeit. In allen Interviews wurde im ersten Teil mit demselben unterstützenden Leitfaden
gearbeitet, der eine gewisse Vollständigkeit herstellt. Der zweite Teil wurde mit einem narrativen
Setting gestaltet. Die Interviews dauerten je eine Stunde und wurden aufgezeichnet. Die
Interviewten waren äusserst engagiert in den Ausführungen und es brauchte nur zur Herstellung
der Vollständigkeit ein gelegentliches Nachfragen. Der Redefluss zu den Fragestellungen war
ausreichend gut. Die einzelnen Phasen waren jedoch in der Länge beschränkt, um dem Leitfaden
folgen zu können.
Fritz Schütze geht bei narrativen Interviews davon aus, dass man bei der Erzählung von selbst
erlebten Geschichten dem Schema der Sachdarstellung am nächsten kommt. Dies hat mit der
Reproduktion der kognitiven Aufarbeitung des erlebten Ereignisablaufs zu tun. Über narrative
Stehgreiferzählungen können Prozesse und Gestalten erschlossen werden. Zugzwänge des
Erzählens und Beschreibens sind: „... der Detailierungszwang, der Gestalterschliessungszwang,
der Relevanzfestlegungszwang und der Kondensierungszwang“ (Kallmeyer & Schütze 1977, zit.
nach Przyborski 2010, S. 93). Bei Argumentationen sind die Zugzwänge: Behaupten, Begründen,
Belegen, Bezweifeln und Bestreiten (vgl. Schütze 1978). Diese zu ergründen, analysieren und zu
beschreiben ist die eigentliche Forschungsleistung. Stehgreiferzählungen sind bei Experten nicht
spontan möglich und brauchen einen erzähldynamischen Stimulus, wie etwa mit der Frage nach
organisationsgeschichtlichen Erfahrungen oder den Erfahrungen zur Verwobenheit in Projekten.
Nur beschränkt ist daher ein narratives Setting im Rahmen von leitfadengestützten Interviews
umsetzbar. Durch die narrativen Teile soll und kann jedoch die Qualität der Ergebnisse eine
grössere Breite und Tiefe erhalten.
5.5 Narrationsanalyse und Interviewauswertung
Die geführten Interviews entsprechen der für eine Auswertung benötigten Qualität und können
vollumfänglich verwendet werden. Die Antworten zu den individuellen Verständnissen der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit und die Bewertungen und Ergänzungen der Ergebnisse der
Datenanalyse sind bei den zwölf Kategorien zusammengefasst ergänzt. Der Hauptteil der
Interviews mit den Fragen zur Entwicklung und den Spannungsfeldern in der Sozialraumarbeit
wurde dabei der Narrationsanalyse unterzogen. Durch die kürzeren Erzählphasen sind die
Gestalten jedoch nicht immer klar erkennbar. Daher liegt der Fokus vorwiegend auf den Inhalten
und diese werden durch die erkennbaren Prozesse im Interview differenziert. Die Auswertung der
digitalisierten Interviews erfolgte durch Transkribieren und – soweit möglich – durch eine
Struktur- und Themenbildung im Sinne einer Erzähl- und Narrationsanalyse nach Schütze (1978).
Die Konstruktion theoretischer Modelle richtet sich auf die Herausarbeitung von Prozessstrukturen (vgl. Przyborski 2010, S. 240). Der Leitfadenteil der Interviews wurde mit der
qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet. „Objektivität liegt darin begründet, dass
nicht innere Wirklichkeiten untersucht werden, sondern das, was sich objektiviert und
protokollierbare Spuren hinterlässt“ (Przyborski 2010, S. 245). Das Kodieren erfolgte entlang der
Argumentation und sich wiederholende Themen wurden zu Haupthemen zusammengefasst sowie
induktiv den Kategorien ‚Entwicklungen und sozialpolitische Transformationen’ und
‚Spannungsfelder und Dilemmata’ zugeordnet. In den Memos sind ferner pro Interview nur die
Hauptthemen dokumentiert.
!
47!
6 Ergebnisse der Inhaltsanalyse und Experteninterviews
Dieses qualitative Forschungsvorgehen dient der Generierung von fundiertem und qualitativ
hochwertigem Ergebnismaterial. Die im Anhang dargestellten Ergebnisse werden konzentriert
und bezüglich des Forschungskontexts reflektiert in der Folge dargestellt. Dabei sind die
Ergebnisse der Datenanalyse und der Interviews synthetisiert. Konkret sind die Beschreibungen
das Produkt der in den Organisationunterlagen und Interviews genannten Themen und
Einschätzungen und im Wortlaut nahe an der Ursprungsformulierung wiedergegeben. Die
Interpretationsleistung durch den Forscher beschränkte sich damit auf das Kodieren, die
Zuordnung der Themen zu den Kategorien und das Zusammenfassen. Der Fokus richtete sich in
erster Linie auf häufig wiederkehrende Themen in den Forschungsergebnissen. Für die
Berufsbildgestaltung interessieren die Gemeinsamkeiten stärker als die Unterschiede. In den
einzelnen Kategorien nimmt die Relevanz der qualitativ erhobenen Themen im Verlauf der
Zusammenfassung ab. Dies entspricht den Ausprägungen der Unterkategorien gemäss Anhang
‚stark – mittel – schwach’. Das quantitative Vorgehen spiegelt sich schlussendlich nur in der
Themenanordnung wieder. Die Wiedergabe der Ergebnisse in dieser Blockform entspricht der
Anforderung einer Berufsbildbeschreibung: Diese Textform zieht sich von den Beschreibungen im
Datenmaterial und den Interviews durch bis zu den Zusammenfassungen und schlussendlich zum
Berufsbild selbst.
Die Interviewergebnisse sind den Selbst- und Fremdverständnissen zugeordnet. Grosses
Interesse ist in der Praxis an der theoretischen Bearbeitung der sozialräumlichen Sozialen Arbeit,
an der Berufsbildentwicklung und an der inhaltlichen Auseinandersetzung mit Theorie und Praxis
vorzufinden. Ein gutes sich Wiederfinden der alltäglichen Praxis in den Kategorien der
Datenanalyse ist ein übergeordnetes Ziel. Diese Inhalte sind aber oft Zieldenken und Vision. Die
Alltagsdefinitionen der sozialräumlichen Sozialen Arbeit durch die Interviewten sind vielfältig und
von der konkreten Arbeit abhängig. Eine fachliche Auseinandersetzung hat damit punktuell
bereits in den Organisationen stattgefunden. Einige Spannungsfelder, die auch in der
Datenanalyse wahrnehmbar sind, wurden durch die Interviewten entsprechend
explizit
angesprochen und sind unter 6.2 und 6.3 aufgenommen. Die am häufigsten genannten Themen
(hervorgehoben) aus den Ergebnissen der Interviews sind im Anhang beschrieben.
6.1 Kategorien und Themen
Leseführung: Die auftretenden Themen in der Ergebnisvorstellung sind in den einzelnen
Kategorien entsprechend ihrer abnehmenden Wichtigkeit und Häufigkeit geordnet.
6.1.1 Typen von fokussierten Sozialen Räumen
Der traditionelle durch geographische Grenzziehung definierte Raum dominiert das Verständnis
von Sozialen Räumen. Organisationen der sozialräumlichen Sozialen Arbeit setzen somit den
Fokus auf Soziale Räume bezogen auf ihre Zielgruppe. Dabei geschieht die Eingrenzung durch
langfristige Themen, die Ziele oder die Problemstellung, womit ein erfassbares Konstrukt
entsteht, an dem Interventionen ansetzen. Soziale Räume bekommen durch die sozialräumlichen
Interventionen die Funktion von neu generierten sozialen Vernetzungen und entstandenem
!
48!
Lebensraum. Diese Funktion der Entwicklung und dem Neubespielen Sozialer Räume wird in den
Organisationen als die zentrale Aufgabe gesehen. Durch positive Raumbeeinflussungen wird in
der Bevölkerung Identifikation und Verantwortung gestärkt, würdiger Lebensraum geschaffen
und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Virtuelle Räume werden ebenfalls zunehmend durch
die Soziale Arbeit genutzt. Die Nachfrage in der Bevölkerung nach virtuellen sozialarbeiterischen
Dienstleistungen ist jedoch weitaus grösser als das Angebot.
6.1.2 Funktion und Wirkung der sozialräumlichen Tätigkeiten
Organisationen der sozialräumlichen Sozialen Arbeit bezeichnen die Funktion ihrer Tätigkeiten als
Prävention von Sozialen Problemen und Integration von benachteiligten Gruppen in die
Bevölkerung. Die konkrete Arbeit ist oft nicht problemfokussiert, sondern meint die Befähigung
der Bevölkerung, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen oder die Förderung von
Zufriedenheit, sozialem Zusammenhalt, Integrität und Sicherheit. Eine weitere Funktion ist die
Koordination und Vernetzung sozialer Dienstleistungen im Sozialraum im Sinne der
Synergiennutzung. Soziale Organisationen entsprechen mit einer sozialraumorientierten
Arbeitsweise im Idealfall dem Bedarf an Hilfestellung und Unterstützung im entsprechenden
Gebiet. Dabei wird die komplexe und entscheidende Schnittstelle zwischen der Bevölkerung und
der Verwaltung durch die sozialräumliche Soziale Arbeit bearbeitet. In dieser Funktion werden die
Ressourcen in der Bevölkerung und die staatlichen Ressourcen subsidiär aufeinander
abgestimmt. Mit gezielten Interventionen in den Sozialräumen, der Vermittlung in
Konfliktsituationen und der Partizipation der Bevölkerung bei sozialräumlichen Entscheidungen
werden nachhaltige Wirkungen erzielt. Die Gemeinwesenarbeit, die Quartierkoordination oder die
Online-Beratung, als mögliche Formen der Sozialraumarbeit, fördern Identifikation und
Verantwortung bezüglich des sozialen Umfelds, der Ressourcennutzung sowie der Problembewältigung von Personen und Gruppen.
6.1.3 Methoden der Sozialraumarbeit
Die unterschiedlichsten, oft aktivierenden Methoden geben breite Zugangsmöglichkeiten zur
Bevölkerung und eine Flexibilität für die Arbeit auf den verschiedenen Tätigkeitsebenen von der
Basis bis zu den Behörden. Die Kernmethoden sind die Prozesssteuerung, die Arbeit mit
Netzwerken, das Projektmanagement und die Informationsvermittlung. Die Leitung und
Moderation von Gruppen und Veranstaltungen und die Vermittlung bei Konflikten haben ebenfalls
eine wichtige Bedeutung. Eine methodische Herausforderung ist die Aufweichung des
bürgerschaftlichen Engagements als Gegenpol zu einer Verwaltungskultur. Das Coaching der
freiwillig engagierten Personen und die Beratung bei individuellen und sachspezifischen
Problemstellungen sind dabei jedoch zentral. Die soziokulturelle Animation bekommt in einigen
Tätigkeitsfeldern der sozialräumlichen Sozialen Arbeit überdies eine Schlüsselfunktion für die
Arbeit mit der Bevölkerung und das Initiieren von Entwicklungsmöglichkeiten. Alle Tätigkeiten
sind dabei von einer Bedarfserhebung und der Evaluation der Leistungen abhängig, wobei
sozialwissenschaftliche Methoden der Analyse und Expertise zum Einsatz kommen.
Rahmenbedingungen zur Verfügung zu stellen für die Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens
ist dabei eine Steuerungsmethode, die von der sozialräumlichen sozialen Arbeit angewendet wird.
!
49!
6.1.4 Qualitätskriterien in der sozialräumlichen Sozialen Arbeit
In den Organisationen wird nach den berufsethischen Standards der Sozialen Arbeit gearbeitet
und fachliche Entwicklungen fliessen ein. Kriterien der Verwaltung, wie öffentliche
Kommunikation, Öffentlichkeitsarbeit, politische Unabhängigkeit und die Ausrichtung nach
politischen Prozessen haben eine hohe Bedeutung. Das Qualitätsmanagement wird in Richtlinien
und operativen Zielen beschrieben. Teilweise kommen Gesamtevaluationen zum Einsatz. Bei der
Prozessqualität besitzen die Ergebnisoffenheit, die öffentliche Zugänglichkeit und eine minimale
Reglementierung oberste Priorität. Diese sind der Schlüssel des Zugangs zur Bevölkerung und
Grundlage für Sozialraumentwicklung. Struktur- und Führungsqualitäten werden vereinzelt
beschrieben. Die Organisationen durchlaufen oft strukturelle Veränderungen. Für die politische
Legitimation ist es notwendig und höchst anspruchsvoll, eine Messbarkeit herzustellen. Konkret
werden Wirkungsindikatoren (Nutzungsintensität, Zufriedenheit der Beteiligten, Kostendeckungsgrad, Prozessverlauf, Projektstand,...) für die Messung der Quartierarbeit eingesetzt.
Die breite politische Anschlussfähigkeit zur und Sensibilität für die Praxis fehlt der fachlichen
Sozialraumarbeit. Der Einbezug der Politik in die Messung als Teil des Sozialraums wird zudem
vorgeschlagen. Damit könnte der fehlende Einbezug von sozialräumlichen Aspekten in
Legislaturziele nachgearbeitet werden.
6.1.5 Qualifikation der in der Sozialraumarbeit Tätigen
Überwiegend wird ein tertiärer Bildungsabschluss in Sozialer Arbeit oder einem verwandten
Gebiet vorausgesetzt. In basisorientierten Teilprojekten ist eine soziale Berufsbildung mit
sekundärem Bildungsabschluss vorzufinden. Eine Weiterbildung ist meist Bedingung,
vorzugsweise in den Themen Gemeinwesenentwicklung, Soziokultur, Erwachsenenbildung,
Management oder Supervision/ Coaching. Sozial- und Führungskompetenzen, bezogen auf eine
öffentlich-rechtliche Organisation, und fundierte Erfahrungen in einigen Methoden der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit sind des Weiteren unerlässlich. Betont werden die biographische
Eignung, berufliche Erfahrungen in systemischer Arbeitsweise und eine Kommunikations-,
Beziehungs- und Persönlichkeitsstärke. In der Praxis sind zudem administrative Fähigkeiten
unabdingbar. Bei der Online-Beratung rücken Beratungskompetenzen ins Zentrum sowie
Softwarekenntnisse und die Vernetzung mit einer ambulanten Beratungsstelle.
6.1.6 Sozialräumliche Zielsetzungen und Art der Ziele
Die Ziele in den Organisationen sind langfristig ausgerichtet und teilweise von politischen
Legislaturzielen abgeleitet. Strategisch gibt es ambitionierte Zielsetzungen, bei der
Ausformulierung der operativen Ziele besteht viel Freiraum. Zentrales Ziel ist die Etablierung
einer Mitwirkungskultur, die insbesondere das Zusammenwirken von Bewohnerschaft und
Verwaltung erleichtert. Die Bearbeitung von Sozialen Problemen im Sozialraum richtet sich auf
die Förderung von Lebensqualität, einer guten Dialogstruktur, einer nachhaltigen
Gemeinwesenentwicklung und der sozialen Sicherheit. Soziales und kulturelles Kapital werden
gefördert und die Lebensbedingungen für zukünftige Generationen nachhaltig verbessert. Die
meisten Ziele sind sozialen Charakters. Wirkungsziele in Bezug auf die Bevölkerung und den
Sozialraum sind die dominante Form sozialräumlicher Zielformulierungen. Es werden selten
Leistungsziele kommuniziert. Versorgungsstrukturen, als optimal abgestimmtes Hilfesystem,
werden angestrebt. Die Abstimmung der Zielsetzungen auf die Akteure im Sozialraum gilt als
eines der höchsten Ziele im Sinne der gemeinsam zu bearbeitenden Themen. Land-StadtUnterschiede prägen vor allem die langfristigen Ziele, da in Landregionen weniger Professionelle
!
50!
in der Politik agieren. Die Weiterbildung für strategische, politische Führungspersonen im
sozialräumlichen Verständnis und in der Partizipation ist überdies notwendig. Die sozialräumliche
Soziale Arbeit hat eine Netzwerkfunktion und ist Informationsstelle für Innen und Aussen.
Handlungsbedarf besteht in der Einflussnahme auf bauliche Massnahmen und strukturelle
Veränderungen auf Grund des sozialräumlichen Bedarfs.
6.1.7 Steuerungsprozesse und Bearbeitung des Sozialraumes
Die sozialräumliche Soziale Arbeit nimmt ergänzend zu anderen Institutionen, die am Raum
arbeiten, ihren spezifischen Fokus der Sozialraumbearbeitung ein. Die Herstellung von sozialer
Vernetzung im öffentlichen Raum spielt dabei die wichtigste Rolle. Das Sozialkapital in der
Gesellschaft zu fördern und soziale Ressourcen zu erschliessen, wird mit der Stärkung des
Engagements der Bevölkerung angestrebt. Es geht auch um eine Sensibilisierung der Sichtweise
auf Sozialräume und deren Potenzial. Der öffentliche Diskurs zu Sozialen Problemen wird in
Sozialräumen gefördert. Bei der Online-Arbeit entstehen durch virtuelle Themenveranstaltungen
neue temporäre Sozialräume. Die Steuerung im Sozialraum wird oft mit Leistungsverträgen
zwischen den Akteuren geregelt. Dabei wird die Ausrichtung der Angebote auf das gesamte
Versorgungssystem zentral gesehen und ist regelmässig zu koordinieren. Bei der materiellen
Raumgestaltung ist die Sozialraumarbeit in anderen Disziplinen wenig gefragt. Die
Mitbestimmung der Bevölkerung bei der Gestaltung von Orten hängt von deren Nutzung und
Funktion ab. Eine generationengerechte Gestaltung der Räume ist ein Anliegen mit grossem
Umsetzungsbedarf. Einige mögliche Facetten der Steuerung: Politikerinnen und Politiker bieten
eine Plattform der Auseinandersetzung und veranstalten Quartierbegehungen, die Bevölkerung
mit Migrationshintergrund findet eine differenzierte Mitwirkungskultur vor und die
Quartierentwicklung wird als Fachstelle für Partizipation, Moderation und Mitwirkung betrieben.
Die soziale Stadtentwicklung als politisches Instrument mit Sozialraumanalysen, Planung und
Information bietet eine gute Grundlage für die Sozialraumarbeit.
6.1.8 Sozialräumliche Arbeit mit Personen und Netzwerken
Die Netzwerkarbeit hat eine Kernfunktion in der sozialräumlichen Sozialen Arbeit. Netzwerke mit
Anbietern sozialer Dienstleistungen oder sich ergänzenden Angeboten im Sozialraum sind
verbreitet und die Aufgabe besteht folglich vornehmlich in deren Koordination oder Initiierung.
Eine weitere Form sind soziale Netzwerke in der Bevölkerung, die meist ehrenamtlich geführt
werden und von sozialräumlichen Organisationen unterstützt, initiiert oder finanziert werden. Für
benachteiligte Gruppen solche zu entwickeln, gehört zu den Kernaufgaben Sozialer Arbeit. Die
Arbeit mit Einzelpersonen hat in der Sozialraumarbeit den Charakter der Vermittlung von Klientel
zu Beratungsstellen bei individuellen Problemstellungen und ist geprägt durch die Gewinnung,
Entwicklung und Begleitung von freiwillig Engagierten in der Bevölkerung für die Netzwerkarbeit.
Dabei bekommen Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die es zu gewinnen und coachen gilt, in
der Bevölkerung für sozialräumliche Anliegen eine entscheidende Bedeutung. Vor allem
generationen-übergreifende Projekte bedingen neue Netzwerke.
6.1.9 Verortung der Organisation/ Strukturen/ Ressourcen im Sozialraum
Die sozialräumliche Soziale Arbeit bedingt eine optimale Verortung im Sozialraum als Teil der
Vernetzung. Die Organisationen platzieren sich an neuralgischen Punkten und sind
niederschwellig zugänglich. Dies gilt auch für die Onlineberatung, nur geschieht die Verortung
!
51!
dort mit Links auf themenverwandten Homepages, die von der Zielklientel gefunden werden.
Eine weitere Form ist die Anpassung der Verortung gemäss der Veränderung des Sozialraums:
mobile Soziale Arbeit mit mobilen Räumlichkeiten. Dezentrale Verortungen in Agglomerationen
bringen den Vorteil, nahe bei der Bevölkerung zu sein. Leitbilder und Konzepte für die
Sozialraumarbeit werden abgestimmt auf die Sozial- und Raumplanung der Gemeinde. Von den
Beteiligten wird die konzeptionelle Grundlage gemeinsam getragen. Diese braucht grossen
Handlungsspielraum, um prozessorientiert arbeiten zu können. Oft geschieht Sozialraumarbeit in
befristeten Projekten. Die langfristigen Ressourcen sind ungeklärt und lassen die sozialräumlichen
Interventionen schwer nachhaltig gestalten. In einigen Organisationen besteht ein
Sozialraumbudget, das gemeinsam von allen Akteuren sozialraumorientiert eingesetzt wird.
Strukturell ist die sozialräumliche Soziale Arbeit als Stiftung oder als Teil der Verwaltung
organisiert und oft mit Leistungsverträgen gesteuert. Die Führungskultur ist weitgehend der
Arbeitskultur angepasst und ist partizipativ, aber strategisch straff. Die Organisationen sind
wissenschaftlich begleitet oder gehören einem Fachgremium an.
6.1.10 Bedarf und Legitimation der Sozialraumarbeit
Zwei Hauptauslöser für die sozialräumliche Soziale Arbeit sind die Gemeindeentwicklung oder die
Verbesserung der Lebensqualität und die Imagepflege bei einer Konzentrierung von
Problemstellungen. Die positive Kodierung von Lebensräumen und Gesellschaftsprozessen ist das
Ziel politischen Handelns und ergibt die Grundlage der Implementierung von Sozialraumarbeit.
Die Partizipation der Bevölkerung an Entscheiden im Gemeinwesen wird gefordert und für diese
Vermittlungsfunktion gegenüber der Gemeindeverwaltung wird sozialräumliche Soziale Arbeit
eingesetzt. Da Soziale Probleme in Bevölkerungskreisen die soziale Kohäsion gefährden,
bekommt die Soziale Arbeit eine weitere Legitimation für das Wirken in Sozialen Räumen.
Versorgungssysteme zu ergänzen und zu optimieren, ist bei zunehmend komplexeren
Hilfesystemen eine weitere Notwendigkeit, bei der die Soziale Arbeit teilweise koordinierende
Funktionen übernimmt. Demographische Entwicklungen verlangen Anpassungen bei den sozialen
Dienstleistungen. Der Bedarf an Online-Angeboten ist zudem wegen des veränderten
Kommunikationsverhaltens in der Bevölkerung gross. Dabei sind diese zielgruppenspezifisch und
wertorientiert einzusetzen.
6.1.11 Sozialräumliche Interdisziplinarität und Transdisziplinarität
In kleinräumigen Kontexten wird punktuell interdisziplinär zusammengearbeitet zwischen
Verwaltung, Architektur, Wirtschaft, Bildung, Gesundheitsbereich, Soziale Arbeit, u.a. Dabei
werden Angebote und Leistungen aufeinander abgestimmt. Die gemeinsame strategische
Planung von Sozialraumgestaltung und Entwicklung von Versorgungssystemen wird thematisiert,
hat aber in der Umsetzung eine marginale Bedeutung. Der interdisziplinäre fachliche Austausch in
überregionalen Gremien wird punktuell gepflegt im Sinne der konzeptionellen Entwicklung der
Sozialraumarbeit. Eine Aufweichung von Gemeinde- und Verwaltungsgrenzen zu Gunsten von
regionalen Versorgungssystemen und sozialräumlicher Kooperation ist wahrnehmbar. Vereinzelt
werden Sozialraumkonferenzen durchgeführt. Kaum vorhanden ist bei den Organisationen jedoch
eine transnationale und transdisziplinäre Arbeitsweise. Diese Entwicklung hängt von
übergeordneten politischen und wissenschaftlichen Prozessen ab, die von der Praxis der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit nur bedingt beeinflusst werden können. Parallel dazu ist die
verwaltungsinterne und -externe Kommunikationskultur zu fördern, wofür die Sozialraumarbeit
die Legitimation der Politik braucht. In der sozialen Stadtentwicklung gibt es die Departements-
!
52!
übergreifende Zusammenarbeit zwischen Polizei, Quartierarbeit, Schule, Sport, Jugendberatung,
Integrationsförderung und Alter. Die Mitwirkung der Politiker in Partizipationsprozessen wäre
notwendig. Oft geht es in interdisziplinären Prozessen um gegenseitige Interessensicherung und
eine Stärkenausrichtung.
6.1.12 Bearbeitung Sozialer Probleme im Sozialraum
Soziale Probleme von Bevölkerungsgruppen und die Ursachen im Sozialraum von Sozialen
Problemen stehen im Fokus der sozialräumlichen Sozialen Arbeit. Oft geht es um die
Wiederherstellung, wenn Hilfe in Anspruch genommen wird. Die verschiedensten Faktoren, die
einen Einfluss auf das Zusammenleben und die Lebensqualität haben, werden von der
Sozialraumarbeit präventiv oder bewältigend bearbeitet. Negative Phänomene wie destruktives
Verhalten von Personen und benachteiligten Gruppen werden in der Öffentlichkeit thematisiert,
an deren Ursachen gearbeitet und notwendige unterstützende Ressourcen gefördert.
Umweltbelastungen und fehlende Sicherheit im Quartier haben grossen Einfluss auf das
Wohlbefinden der Bevölkerung und den Gemeinsinn. Diese Vermittlungsfunktion der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit zur Gemeindeverwaltung für Verbesserungen ist verbreitet. Die
Verschiebung von Sozialräumen durch die virtuelle Kommunikation und Informationsflut durch
Medien sowie die zunehmende Segregation in der Bevölkerung werden wahrgenommen, es gibt
aber kaum explizite Massnahmen dagegen. Folgende Themen bekommen ausserdem
zunehmende Bedeutung: Alter und Migration, Verwahrlosung und die aufsuchende Beratung.
6.2 Selbstverständnisse von Sozialraumarbeit
Die Interviews stellten einige bisher nicht weiter fokussierte Themen in den Vordergrund und der
Altersfokus in einem Interview thematisierte Aspekte, die in jedem anderen Handlungsfeld der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit vorhanden sein können. Dass für das Funktionieren der
Sozialraumarbeit eine Gemeindestrategie Bedingung ist, kommt äusserst klar zum Ausdruck. Das
weitere Interview beleuchtet den Standpunkt aus der Pionierarbeit und einer befristeten
Projektsituation heraus.
Die Prozessthemen in den Interviews bezwecken, die vielen Ideen und Visionen trotz
Ressourcenknappheit umzusetzen und weiterzuverfolgen. Der institutionellen Linie dabei treu zu
bleiben und eine unsichere Arbeitsfeldzukunft zu gestalten, gehört zum Tagesgeschäft. Weiter
stehen in der Praxis geographische Räume (Verwaltungssicht) versus Sozialraum (Sicht Soziale
Arbeit) im Konflikt. Die Gestalterschliessung zeigt sich in den Interviews zu folgenden Themen:
fachliche Kompetenz, Erfolg in der Sozialraumarbeit, Engagement für Altersfragen und das
Gemeinwesen, Begeisterung fürs Networking und eine andauernde Experimentierfreudigkeit.
6.2.1 Entwicklungen und sozialpolitische Transformationen in Organisationen der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit
Die Nachbarschaftshilfe oder regionale Solidaritätsnetzwerke als eine weitere Säule der
sozialen Sicherheit, beruhend auf freiwilligem Engagement, werden in Zukunft mehr gefördert
werden und können den finanziellen Generationenvertrag entlasten und ergänzen. ‚Da sich die
Alten sehr engagieren und viel an das gesellschaftliche Kapital beitragen’, werden zusätzliche
Ressourcen gesehen, die im Sinne einer Selbstverwirklichung der Bürgerinnen und Bürger
genutzt werden sollten. Die sozialräumliche Soziale Arbeit kann in diesen Prozessen professionell
!
53!
steuern sowie auch in der Freiwilligenarbeit/ Netzwerkbildung und in der sozialen
Quartiergestaltung. Die generationengerechte Quartiergestaltung wird intensiviert werden
müssen, wobei die Sozialraumarbeit eine Schlüsselrolle übernehmen könnte. Dass die
sozialräumliche Soziale Arbeit verstärkt Kompensationshandlungen zwischen Personen
und Gruppen anstossen muss, wird betont, denn: ‚Begegnung im Quartier und von Jüngeren zu
Älteren werden seltener’. Dieser Dialog und diese Vernetzung werden jedoch fundamental
gesehen für die soziale Sicherheit.
6.2.2 Spannungsfelder und Dilemmata in der Sozialraumarbeit
Ein grosses Spannungsfeld ist die differente Kultur in der Verwaltung und in der
Sozialraumarbeit: ,die Schwierigkeit liegt in den verschiedenen Systemen der Hierarchie und
der Mitwirkung’. Die beiden Systeme anzunähern, in Richtung einer Mitwirkungskultur der
Bevölkerung und einer Vermittlungskultur zwischen den Interessengruppen, ist eine unglaubliche
Herausforderung. Das Kerngeschäft der Sozialraumarbeit ist die Mobilisierung des
Engagements von Bürgerinnen und Bürgern. Die Aufgabe ist es hier, dies professionell zu
steuern, damit die Effektivität zu steigern und Modelle der Selbstverwaltung zu fördern: ,das
Mehrgenerationenhaus ist selbstverwaltet, entstand aus Bürgerinitiative’. Sehr sinnvoll wird die
sozialräumliche Thematisierung in der Fachwelt bewertet und es wird gefragt: ,wie kann die
sozialräumliche Soziale Arbeit im Alltag benennt werden?.’ Eine praxis- und alltagsnahe
Debatte des brisanten Themas wird gewünscht.
In der Sozialraumarbeit ist örtliche Gestaltung von den verschiedenen Interessen
geprägt, die teilweise diametral zueinander stehen. Entsprechende Räume anbieten zu können,
ist dabei auch eine Ressourcenfrage. Die Aussage ‚Herausforderung ist, die abzuholen, die es
brauchen, und offen sein für die andern’ bringt zudem die methodische ‘Knacknuss’ zum
Ausdruck, allen Bevölkerungsgruppen gerecht werden zu sollen und mit bestehenden Konflikten
umgehen zu können. Die Legitimationsfrage aus der politischen Beurteilung der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit zeigt sich permanent auf allen Ebenen und ist oft massiv
einschneidend bei den finanziellen Ressourcen und der strategischen Planung.
6.3 Fremdverständnisse von Sozialraumarbeit
In den Interviews waren Organisationen im Hintergrund, die aus privater Initiative heraus auf
Quartierarbeit beruhen oder einen langen, fundierten Institutionalisierungsprozess durchlaufen
haben. Ein hoher Standard der Sozialraumarbeit ist bei zwei Organisationen vorzufinden, die Teil
der sozialen Stadtentwicklung sind. Der berufliche Hintergrund der Interviewten geht von
Ökonomie über Gesundheit bis hin zur Sicherheit, der Tätigkeitskontext liegt jedoch stets an
Schnittstellen mit der Sozialen Arbeit.
Folgende Prozessthemen kamen dabei zum Vorschein: Der politische Kampf für die
Sozialraumarbeit, Ohnmachtserfahrungen und offene Fragen bezüglich der Institutionalisierung
der sozial-räumlichen Sozialen Arbeit, die Grenzen der Sozialraumarbeit und eine hohe
Komplexität in den Anforderungen und Umsetzungen. Die sozialräumliche Soziale Arbeit hat die
Chancen der Quartierentwicklung zu nutzen. Diese sind oft nicht problematisiert, sondern
präventiv und ressourcenorientiert geprägt. Die Gestalterschliessung durch die Interviewten
kommt zum Ausdruck durch Optimismus haben, Visionen verfolgen, Realismus pflegen und
Pragmatismus anwenden.
!
54!
6.3.1 Entwicklungen und sozialpolitische Transformationen in Organisationen der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit
Der grosse Trend wird in Richtung Zunahme der Selbstverantwortung und individueller
Lebensstile wahrgenommen. Versorgungssysteme müssen zunehmend, nicht nur im
Altersbereich, darauf ausgerichtet werden: ‚so lange wie möglich zu Hause [zu] unterstützen, mit
guter Infrastruktur im Quartier, mit der Nachbarschaftshilfe und all den professionellen
Dienstleistern’. Dass dabei die finanzielle Effizienz ein wichtiger Faktor ist, erstaunt nicht.
Ambulante Systeme sind kostengünstiger: ‚wir bieten Unterstützung und es kommt der Stadt
finanziell zugute’. Um den Generationendialog zu fördern und das Versorgungssystem im
Sozialraum optimal zu gestalten, wird an der Entwicklung eines ‚Generationenhauses mit
Begegnungsmöglichkeiten und einer Schnittmenge mit [der] Verwaltung sowie z.B.
Sozialer Arbeit’ gearbeitet. Dabei werden zentrale und dezentrale Strukturen vorgeschlagen. Da
die finanziellen Ressourcen knapp sind und diese soziale Investition als äusserst wirksam
eingeschätzt wird, wird ein gemeinsamer ,frühzeitiger Plan mit den verschiedenen Akteuren als
Realisierungschance’ entwickelt. Die Konsensfindung und die Optimierung des
sozialräumlichen Versorgungssystems der Sozialen Arbeit gemeinsam mit anderen
Disziplinen zu gestalten, kommt immer mehr in den politischen und fachlichen Fokus.
Die Subsidiaritätsleistungen des Staates ergänzen das bürgerschaftliche Engagement und
es ist ‚eine grundsätzliche gesellschaftliche Frage, wie weit Freiwilligenarbeit’ gehen kann und
soll. Das Potenzial wird als sehr gross eingeschätzt, aber die sozialräumlichen Einrichtungs- und
Unterstützungsstrukturen haben einen enormen Entwicklungsbedarf, um diese Ressourcen zu
nutzen. Mit Quartierprojekten kann das Bürgerengagement gesteuert werden. ‚Es gibt
die politischen Prozesse mit politisch legitimierten Personen, die indirekt Bedürfnisse der
Bevölkerung einbringen sollten.’ Die Klärung der Abstimmung von politischer
Entscheidung mit einer Mitwirkungs- und Mitbestimmungskultur in der Bevölkerung
steht an. Je nach Interessen und Gegenstand ist ein Verfahren auszuwählen, zwischen ,mehr
Information anstatt Mitwirkung und im anderen Fall bis Mitbestimmung’ durch die Bevölkerung.
‚Konkurrenzsituation gegenüber den politisch legitimierten Prozessen’ entstehen mit der
Partizipation der Bevölkerung und führen zu grundlegenden Konflikten. ‚Nicht Schlimmeres, als
wenn Erwartungen der Bevölkerung nicht erfüllt werden oder gar nie erfüllt werden konnten.’
Eine durch die Bevölkerung in partizipativen Prozessen zu beurteilende Vorlage muss daher
zwingend zuerst auf ihre Erfüllung der Partizipationseignung geprüft werden.
6.3.2 Spannungsfelder und Dilemmata in der Sozialraumarbeit
Die Gemeinde erachtet die Quartierentwicklung nicht als ihre Aufgabe und überlässt sie
weitgehend Bürgerinitiativen. Der Blick in die ‚Gemeindeverfassung [zeigt]: hohe Werte und Ziele
der Bevölkerungszufriedenheit und Identifikation mit dem Quartier’ werden gestützt und diese
gilt es einzufordern. Da die Tradition von Sozialraumarbeit in der untersuchten Gemeinde fehlt,
bleibt dieser Institutionalisierungsprozess bis jetzt weitgehend ein Dilemma. Zusammenhängend
damit ist die Kultur in der Verwaltung, als Teil des Sozialraums, gefordert: ‚Gemeinde
verwalten oder innovativ entwickeln?’ Wenn soziale Innovation und interdisziplinäre
Zusammenarbeit keine Beachtung finden, haben es sozialräumliche Anliegen schwer, die
sozialräumliche Soziale Arbeit verpufft ihre Energie und kann Ziele nicht nachhaltig umsetzen.
Dies wird noch verstärkt, solange der gemeinsame Nenner der sozialen Organisationen die
Konkurrenz ist.
Die zentrale Funktion der Quartierentwicklung liegt daher in der Vermittlung und der
Gewährleistung des Informationsflusses zwischen den Behörden/ der Verwaltung
!
55!
und der Bevölkerung. Sie ist angesiedelt ‚zwischen Verwaltung und Bevölkerung und von wem
soll sie Anwalt sein?’ stellt sich die berechtigte Frage. Es geht um die differenzierte Bearbeitung
von Spannungsfeldern durch die sozialräumliche Soziale Arbeit: ‚Könnte Ihnen 1000
Spannungsfelder aufzählen, in jedem Quartier ist es anders’, lautet daher auch eine
Expertenaussage. Auch Rollenkonflikte gehören dazu und daher gilt sinnvollerweise: ‚Konflikte
sind politisch zu bewerten’. Grundsätzlich kann bei baulichen Projekten gelten: ‚bei der
Detailgestaltung macht eine Mitsprache Sinn’. Die Relation zum Projekt und der Mitwirkung
muss unbedingt bewahrt werden, sonst können keine politischen Ziele erreicht werden. Eine
tendenzielle Entwicklung der Gesellschaft zu Eigentümern und Individualisten kann zu
Dilemmata führen: ‚Eigeninteresse steht oft über dem Quartierinteresse’. Die grosse
Herausforderung auch der sozialräumlichen Sozialen Arbeit ist es folglich, an der Frage zu
arbeiten: ‚Wie lassen sich Interessen in Zukunft bündeln?’ Wichtig, um an solchen Projekten
erfolgreich zu arbeiten ist es daher, dabei die ‚Steuerung durch Präsenz und Verortung im
Quartier’ herzustellen.
6.4 Diskussion der Ergebnisse und der Forschungsmethoden
Um ein Einordnung dieser empirischen Ergebnisse vorzunehmen, erfolgt eine Beleuchtung aus
verschiedenen Blickwinkeln. Die Reflexion der Grenzen der gewählten empirischen Methoden
liegt in der Fragestellung nach der Interpretation, Vollständigkeit und Anwendung bez. des
Forschungsmaterials. „Eine Interpretation sprachlichen Materials auch durch qualitative
Inhaltsanalyse ist immer prinzipiell unabgeschlossen. Sie birgt die Möglichkeit der ReInterpretation“ (Mayring 2002 S. 38). Interessant wäre es daher, die erfolgte Interpretation,
z.B. von einer Person aus einer anderen Disziplin, wiederholen zu lassen. Je mehr
Interpretationen vorliegen, umso näher kommen die Forschungsergebnisse der Wirklichkeit des
untersuchten Gegenstandes. Im Sinne der reflektierten Subjektivität bestand kein
gegenseitiges Kennen zwischen dem Forscher und der Interviewten. Die biographischen Bezüge
des Forschers zum Thema dienen lediglich einem differenzierten Vorgehen und wurden möglichst
objektiv eingesetzt. Die positive und fördernde Haltung des Autors zur sozialräumlichen Sozialen
Arbeit wurde in der Datenauswertung möglichst in den Hintergrund gestellt.
Die Vollständigkeit des Forschungsmaterials kann theoretisch gesehen nie erreicht werden. Im
vorliegenden Vorgehen ist die Breite in der Datenanalyse recht gut, bei den Interviews würde das
Einholen von weiteren, aus differenzierten Positionen kommenden Meinungen, eine nachhaltige
Vertiefung ermöglichen. Der Aufwand dafür ist aber hoch. Interessant ist, dass der verwendbare
Rücklauf bei den Dokumentenanfragen durch die Organisationen bei 80% liegt und bei den
Interviewanfragen bei 100%. Dies lässt auf den Bedarf der Praxis an berufsspezifischem Wissen
schliessen. Die Anwendung der Forschungsmethoden hat ihre Grenze vor allem bei der
Umsetzung der Narrationsanalyse erreicht. Durch das eingeschränkte Ressourcensetting konnten
die Interviews wenig auf einen ausgedehnten Erzählfluss ausgerichtet werden. Daher ist die
methodische Auswertung der Interviews eine Mischform mit der Inhaltsanalyse. „Letztlich muss
die Gegenstandsangemessenheit wichtiger genommen werden als die Systematik [...]“ (Mayring
2002, S. 124). Da die Themen klar zum Ausdruck kamen, können die Ergebnisse jedoch als
qualitativ gut bewertet werden.
Eine weitergehende Methode zur Sicherung der Reliabilität und Validität wäre die
ausschließliche induktive Kategorienbildung aus dem Datenmaterial und dem Vergleich der
Ergebnisse auf Übereinstimmung. Die Validität der Ergebnisse kann hierzu material-, ergebnisund prozessorientiert überprüft werden (vgl. Mayring 2002, S. 119). Überprüfungen wären
!
56!
sinnvoll z.B. mit der Auswahl der Organisationen aus anderen geographischen Gebieten oder
durch das Führen von Interviews mit Experten aus Arbeitsfeldern der klassischen Sozialen Arbeit
wie Beratungsstellen oder stationären Einrichtungen. Experten der Online-Beratung wurden hier
nicht befragt, würden aber neue Hinweise auf die Tätigkeit in virtuellen Sozialräumen geben. Der
Einbezug der Online-Beratung in die Dokumentenanalyse kann in dieser empirischen
Untersuchung als Erweiterungsperspektive des sozialräumlichen Denkens interpretiert werden
und als eine gewisse ‚Kontrollmarke’ für die Beurteilung der klassischen sozialräumlichen Sozialen
Arbeit gelten. Die Ergebnisse dazu können aber nicht als gesichert verwendet werden. Diese
beschriebenen Tendenzen bräuchten eine eigene spezifische empirische Untersuchung. Die
Ergebnisse des Einflusses von sozialpolitischen Transformationen auf die Sozialraumarbeit haben
ebenfalls nur punktuell Aussagekraft. Auch hier müssten weitere vertiefende Interviews mit
verschiedensten Experten in interdisziplinären Arbeitsfeldern geführt werden. Die
Transdisziplinarität stösst in der Praxis auf wenig Resonanz, da sie schwer zu erfassen ist und
meist auf der Ebene von theorieprägenden Institutionen thematisiert ist. Trotzdem können einige
Tendenzen in den Ergebnissen interpretiert werden. Die Grenzen der Ergebnisse zu den Selbstund Fremdverständnissen liegen in der engen Auswahl und kleinen Anzahl der Interviews. Je
nachdem, wo die theoretische Eingrenzung bei der Definition der sozialräumlichen Sozialen Arbeit
gezogen wird, verschieben sich diese Verständnisse jedoch. Die hier vorgenommene Abgrenzung
zwischen Sozialraumarbeit und Sozialraumorientierung hat natürlich in der Praxis viele
Überschneidungen.
Eine Vertiefung der Empirie wäre aufgrund der Ausrichtung der Organisation interessant sowie zu
fragen, wo und weshalb welcher Interventionsansatz zum Einsatz kommt und wie dieser von
Praktikerinnen und Praktikern definiert wird. Dieses Forschungsvorgehen könnte wiederholt
werden mit dem Fokus auf der Differenzierung und den Widersprüchlichkeiten in den
Handlungsfeldern der sozialräumlichen Sozialen Arbeit. In diesem sehr heterogen geprägten
Arbeitsfeld ist ein auf eine Konsensfindung ausgelegtes Forschungsvorgehen jedoch immer eine
Herausforderung und ein Wagnis. Interessanterweise zeigen sich jedoch prägnante und weit
verbreitet auffindbare gemeinsame Themen durch alle Organisationen der sozialräumlichen
Sozialen Arbeit hindurch, was der Benennung eines Berufsbildes der Sozialen Arbeit Legitimation
verschafft.
6.4.1 Kritische Reflexion des methodischen Vorgehens
Das in dieser Arbeit gewählte forschungsmethodische Vorgehen erfolgte selektiv. Die
naheliegenden Methoden für eine Dokumentenanalyse und eine Experteninterviewauswertung
wurden dabei eingesetzt. „Die Generierung gegenstandsbezogener, empirisch fundierter Theorien
setzt die Verankerung der Methoden in einem metatheoretischen Zusammenhang voraus“
(Przyborski 2010, S. 45). Da es in dieser Arbeit in erster Linie um eine Berufsbildentwicklung geht
und weniger um Theorieentwicklung, ist dieser Anspruch nicht absolut. Unter den
inhaltsanalytischen Methoden geniesst die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring eine breite
Fundierung und Verwendung. Und auch das narrative Interview gehört nach Przyborski (2010) zu
den prominentesten und fundiertesten qualitativen Erhebungsverfahren. Für die
Dokumentenanalyse und die leitfadengestützten Interviewteile erwies sich die qualitative
Inhaltsanalyse mit der Technik der Strukturierung als äusserst effektiv. Die deduktive
Kategorienbildung aus den theoretischen Grundlagen und die induktive Kategorienbildung aus
dem Textmaterial mit gegenseitiger Zuordnung haben ebenfalls gut funktioniert. Dabei besteht
die Gefahr, dass die Unterkategorienbildung mit einem bereits von den Kategorien geprägten
Blick vorgenommen wird. Eine gewisse Selektion wurde überdies vorgenommen durch das
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57!
Zuordnen der Textstellen und Unterkategorien zu nur der Kategorie, die die grösste Relevanz
aufwies.
Die narrativen Elemente in den leitfadengestützten Experteninterviews einzusetzen war ein
Experiment, aber kein Wagnis, denn ein sehr guter Erzählfluss wurde erreicht. Hingegen ist das
Erkennen der verschiedenen Zugzwänge des Erzählens nach Schütze in den Daten schwierig oder
nur hypothetisch möglich. Zu kurz sind die Erzählphasen. Hier liegt eine qualitative Schwachstelle
in der Ergebnisinterpretation, aber nicht in der Berufsbildbeschreibung, da nur klar ersichtliche
Gestalterschliessungen weiter verwendet wurden. „Narrative Interviews sind als
Erhebungsverfahren nur dort geeignet, wo selbst erlebte Prozesse erzählt werden können“
(Przyborski 2010, S. 96), wie bereits im Vorfeld deutlich gemacht wurde. In den
Stehgreiferzählungen der Interviews kommen auch tatsächlich einige solcher arbeitsfeld- und
berufsspezifischer Prozesse zum Ausdruck, die sich in den andern Interviews wiederholen.
Die Verwendung quantifizierender Elemente im qualitativen Vorgehen der Inhaltsanalyse kann
kritisch beurteilt werden und entspricht nicht der Regel. Da dieses Vorgehen aber zusätzlich zum
qualitativen erfolgte und die Darstellung der rein qualitativen Ergebnisse nicht verändert, ist es
unproblematisch. Es kann somit eine zusätzliche Information über die Verbreitung der Themen in
den Unterkategorien im Datenmaterial gegeben werden. In gewisser Weise können sogar
umgekehrt die Ausprägungen als Teil der Strukturierungstechnik nach Mayring mit quantitativem
Charakter gesehen werden.
Für die Beurteilung der Reliabilität der Ergebnisse ist die Reproduktionsgesetzlichkeit der
herausgearbeiteten Strukturen wichtig. Strukturbeschriebe der sozialräumlichen Sozialen Arbeit
im Datenmaterial wurden einbezogen. Wenn diese wiederholt in verschiedenen Organisationen
zur Sprache kamen, wurden diese in den Kategorien beschrieben. Der Nachweis der
Reproduktionsgesetzlichkeit dieser ist in den Ergebnissen jedoch nur teilweise nachvollziehbar.
Um diesen Punkt daher auszubauen, wären Rückkoppelungen der Ergebnisse in sozialräumlichen
Praxisorganisationen zu anderen Zeitpunkten sinnvoll. Weiter ist zur Sicherung der Reliabilität der
Einbezug alltäglicher Standards der Kommunikation notwendig. Die Anschlussfähigkeit auf die
Interviewfragen bezüglich des Kommunikationsstils funktionierte gut. Es wurde durchgehend in
der Ergebnispräsentation versucht, den Standard der vorgefundenen ‚sozialräumlichen’
Kommunikation und Begrifflichkeit abzubilden.
Die Validität muss an den Common-Sense-Konstruktionen, also dem ‚gesunden
Menschenverstand’ der Untersuchten anknüpfen. Durch die Überprüfung der Ergebnisse der
Datenanalyse durch die Interviewten hat dazu ein Abgleich stattgefunden. Der Aufbau auf den
Standards der Verständigung ist zudem notwendig. Es wäre interessant, diese Standards in den
Organisationen der sozialräumlichen Sozialen Arbeit zu erforschen. „Dieselben Strukturen, die
Verständigung ermöglichen, sorgen auch für die Möglichkeit einer reflexiven Selbstkontrolle des
Verständigungsvorgangs“ (Habermas 1981 zit. nach Przyborski 2010, S. 37). Demnach kann nur
begrenzt nachgewiesen werden, ob die Ergebnisse auf den adäquaten Standards der
Verständigung in den untersuchten Praxen aufbauen.
Eine Objektivität der Ergebnisaussagen herzustellen, ist bei qualitativen Verfahren
anspruchsvoll. Die notwendige intersubjektive Überprüfbarkeit und Nachvollziehbarkeit der
vorliegenden Forschungsergebnisse ist jedoch gegeben. Die erforderliche Standardisierung der
Schritte der Erhebung und Auswertung basieren auf den Prinzipien der eingesetzten
Forschungsmethoden. Hier wäre eine fundierte Überprüfung der Analyseschritte durch eine
unbeteiligte Drittperson sinnvoll. „Die Rekonstruktion bzw. Explikation der kommunikativen
Regeln, der alltäglichen Standards der Verständigung, gibt Aufschluss darüber, wie sich der
!
58!
Verständigungsprozess zwischen Erforschten und Forschenden und der Erforschten
untereinander vollzieht“ (Przyborski 2010, S. 41). Auch bei der Objektivität sind wir bei den
Standards der Verständigung angelangt, die für diese Praxisforschung differenziert generiert
werden müssten. Allgemein lässt sich festhalten, dass bei der Verständigung im
Forschungsprozess keine grösseren Kommunikationsprobleme aufgetreten sind. Einzelne, direkt
relevante Verständigungsschwierigkeiten zwischen den Untersuchten wurden ausgewiesen.
„Die Möglichkeit der Generalisierung empirischer Befunde wird in der Regel mit der Möglichkeit
des Erklärens von Sachverhalten verbunden. Dabei lassen sich als zwei Grundmodelle das
deduktive Erklären einerseits und das verstehende Erklären ... andererseits unterscheiden.“
(Przyborski 2010, S. 318). Dem Anspruch einer Generalisierung der Ergebnisse der
Praxisforschung kann weitgehend entsprochen werden. Einerseits ist eine breite Streuung der
Organisationen mit den jeweiligen Daten gegeben, ergänzt mit fundierten spezifischen
Expertendaten. Andererseits können die entscheidenden Themen der sozialräumlichen Sozialen
Arbeit fundiert abgebildet werden und eine Anschlussfähigkeit zum Berufsbild der Sozialen Arbeit
und den theoretischen Grundlagen ist herstellbar. Die Schwierigkeiten der Generalisierung liegen
in der Frage der internationalen Übertrag- und Anwendbarkeit und dem undefinierten
Handlungsfeld der sozialräumlichen Sozialen Arbeit.
Die Darstellungsproblematik der empirischen Ergebnisse liegt in deren Fülle und Vielschichtigkeit.
In erster Linie interessieren für die Berufsbildbeschreibung deskriptive und sich wiederholende
Informationen. Alle berufs- und sozialraumrelevanten Themen benötigen eine Beschreibung. Eine
nach der Relevanz gegliederte Textform pro Kategorie macht Sinn und ergibt sich kontinuierlich
aus dem Forschungsprozess. Bei den Interviewergebnissen zu den Spannungs- und
Entwicklungsfeldern interessieren die Prozesse. Ein gegliederter Fliesstext mit dem Einbezug von
Interviewzitaten liefert daher aus der Sicht des Autors die verständlichste Verdichtungsform.
Zuviel Gliederung nach der Häufigkeit der Befunde würde kaum der qualitativen Thematik
‚Berufsbildbeschreibung’ gerecht werden. Die Anzahl der auftretenden Themen könnte sich im
Zeitverlauf verändern.
6.4.2 Kritische Beurteilung der empirischen Ergebnisse
Die ersten Einschätzungen der Qualität der empirischen Ergebnisse und die Erstellung eines
Bezuges zu den Gütekriterien erfolgte in den zwei vorhergehenden Kapiteln. Das weitere
Beurteilungsvorgehen richtet sich nach dem Anspruch an die Ergebnisse, der
Berufsbildbeschreibung der sozialräumlichen Sozialen Arbeit zu genügen. Mit diesem Fokus
handelt es sich dabei um eine Ist-Erhebung der sozialräumlichen Handlungsfelder, die einem
Entwicklungsprozess ausgesetzt sind. Die Vielfältigkeit und Differenziertheit der Ergebnisse
resultiert aus der umfangreichen und fundierten Datenmenge. Die erfolgten punktuellen
Vergleiche weiterer sozialräumlicher Organisationsunterlagen und Gespräche mit sozialräumlichen
Experten mit den Ergebnissen zeigen, dass keine gravierenden Abweichungen oder Ergänzungen
zu verzeichnen sind. Die offenen Diskussionen unter Experten beziehen sich auf Definitionen und
Eingrenzungen der sozialräumlichen Sozialen Arbeit und die breiten Funktionsverständnisse. In
diesem funktionellen Zusammenhang können die Ergebnisse dieser Arbeit als ein Vorschlag
gesehen werden, wobei die Funktionsdebatte der sozialräumlichen Sozialen Arbeit nach
Fundierung und Differenzierung verlangt. Die Wirkungserfassung sozialräumlicher Interventionen
ist in den Ergebnissen nicht aussagekräftig. Eine solche empirische Erweiterung wäre jedoch
sinnvoll, um die Funktionalität detaillierter zu erfassen. Einige weitere Brennpunkte zur
Beurteilung der Ergebnisse sind:
!
59!
•
•
•
•
•
!
Die Ergebnisse der narrativen Elemente in den Experteninterviews sind geprägt von den
Spannungsfeldern
von
‚Idealismus
zu
Realismus’,
‚Fachlichkeit
zu
Experimentierfreudigkeit’
und
‚politischem
Kampf
zu
Pragmatismus’.
Die
Unterschiedlichkeit der Themen in den Organisationen kommt dabei zum Ausdruck. Als
ein gemeinsames Funktionsprinzip kann die Suche nach der optimalen sozialräumlichen
Sozialen Arbeit gesehen werden.
Durch die quantitative und qualitative Ergebnisdarstellung können divergierende Themen
benannt werden zwischen der Relevanz und der Verbreitung in der sozialräumlichen
Sozialen Arbeit. Die Belastbarkeit der Daten für eine Analyse dieser Divergenz ist durch
die Nichtfokussierung dieser Thematik in der Arbeit nur bedingt gegeben.
Die Entwicklung der sozialräumlichen Sozialen Arbeit ist stark und läuft in verschiedene
Richtungen. Eine klare Erhebung und Eingrenzung der bezeichnenden Handlungs- und
Arbeitsfelder könnte durch eine empirische Untersuchung verstärkt werden. In dieser
Arbeit wurden offensichtliche sozialräumlich-tätige Organisationen der Sozialen Arbeit
einbezogen.
Bei der Auswertung der Dokumente wurde durch das Weglassen von Textstellen ohne
offensichtliche Relevanz für die Praxisforschung eine Filterung vorgenommen. Für andere
Fragestellungen zur sozialräumlichen Sozialen Arbeit könnten diese nicht einbezogenen
Informationen allenfalls eine Relevanz bekommen.
Durch die Kenntnisse der Analyse und das Fachwissen des Autors zur sozialräumlichen
Sozialen Arbeit ist die Perspektive auf die sozialräumliche Praxis geprägt von einem
differenzierten und subjektiv tiefgründigen Fokus, der Spannungsfelder benennt.
Hingegen ist der Blick auf das Forschungsfeld und die -daten objektiv geprägt. Trotz einer
positiven Haltung des Autors zur Sozialraumarbeit sollten die Ergebnisse keine positive
oder negative Einfärbung erhalten haben.
60!
C Integrativer Teil
Zusammenfassung
Der Vergleich der Empirieergebnisse mit den sozialräumlichen Theorien zeigt, dass das St.Galler
Modell in der Praxis als Minimalstandard umgesetzt ist, die Bearbeitung des Sozialraums zudem
stark mit den sozialpolitischen Transformationen korreliert und das Mass an generiertem
Sozialkapital interessiert. Die soziale Produktion von Raum ist das Grundverständnis in der
Konzeptionierung von sozialräumlichen Interventionen der Sozialen Arbeit. Prävention Sozialer
Probleme und Integration von Gruppen in die Bevölkerung für eine gute soziale Kohäsion prägen
die sozialräumliche Arbeitsweise. Die gezielte Verortung von sozialräumlichen Organisationen und
die Tätigkeit in virtuellen Räumen finden eine zunehmend grosse Beachtung in der
sozialräumlichen Praxis. Das transdisziplinäre Denken und das interdisziplinäre Handeln sind
Kernkompetenzen in der Sozialraumarbeit. Mit der Entwicklung und Formulierung des
Berufsbildes der sozialräumlichen Sozialen Arbeit als Syntheseleistung bekommt die Tätigkeit der
Sozialen Arbeit in und an Sozialräumen ein Gesicht. Die grossen Herausforderungen in der
Sozialraumarbeit umfassen einerseits die Aufgabe, an paradoxen sozialräumlichen Situationen zu
arbeiten und andererseits den Einbezug von und die Arbeit an Regierungs- und
Verwaltungsstrukturen. Für die Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft bedeutet der
sozialräumliche Paradigmenwechsel eine neue Positionierung innerhalb der Disziplin und zu den
anderen Disziplinen, die am Sozialraum arbeiten. Integrierte Praxisforschung kann dabei die
Brücke zu den sozialräumlichen Akteuren bilden.
7 Gegenüberstellung von Theorie und Empirie
Die mit der Inhaltsanalyse der Organisationsunterlagen und der Narrationsanalyse der Interviews
erarbeiteten Themen werden nun im Folgenden im Vergleich von Theorie und Empirie
aufgearbeitet mit dem Fokus der Sozialen Arbeit. Die empirischen Verständnisse der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit werden mit den theoretischen aus dem Teil C verglichen. Der
Vergleich zielt auf das Aufdecken von Vorhandensein und Nichtvorhandensein gemeinsamer
Kategorien zur Berufsbildbeschreibung in den Analysedaten, den Interviewergebnissen und in der
Fachliteratur ab. Das Berufsbild der Sozialraumarbeit wird dabei wie ein Puzzle aus den
Ergebnissen zusammengesetzt. Die konzentrierten und auf eine allgemeine Ebene gebrachten
Interviewergebnisse werden als Abstraktionen bezeichnet und mit den Theorien und Methoden
der Sozialraumarbeit und den die Sozialraumarbeit betreffenden sozialpolitischen und
gesellschaftlichen Transformationen verglichen. Professionsentwicklungsthemen wie ‚mit
Paradoxien arbeiten’ oder ‚den sozial-räumlichen Paradigmenwechsel gestalten’ und die
Berufsbildbeschreibung sind abschliessend dargestellt.
Die zwei Bezugspunkte der Integration sind das St.Galler Modell und das Berufsbild. Die Daten
könnten unter anderen Blickwinkeln betrachtet werden, eine solche Multiplikation der
Interpretationsansätze sprengt aber den Rahmen dieser Arbeit. Eine erste Zuordnung der
empirischen Ergebnisse zum St.Galler Modell ergibt eine Übersicht, welche Qualitäten der
Sozialraumzugänge sich in der untersuchten Praxis wiederfinden. Die Unterkategorien pro
Kategorie sind geordnet nach Häufigkeit des Auftretens in den Dokumenten. Die Wahl der
Zuordnung zu Ort, Struktur oder Mensch erfolgt nach der grössten Übereinstimmung. Rein
!
61!
quantitativ fällt auf, dass die Nennungen bei Struktur und Mensch am häufigsten sind. Diese
Beobachtung ist eigentlich charakteristisch für einen Sozialraum, aber auch bedenkenswert, da
schlussendlich Materialisierungen und Verortungen einen Sozialraum erst greifbar machen. Die
Verortungsfrage der sozialräumlichen Organisation ist in den Ergebnissen als permanenter
Prozess ersichtlich und die Sicht der fliessenden Grenzen des Sozialraums wird bei den
Praxisorganisationen eher problematisiert gesehen, vor allem im Widerspruch zu territorialen
Grenzen.
Empirische Kategorien mit Ergebnissen
Typen von fokussierten Sozialen Räumen
Geographischer/ regulierter Raum
Thematischer Raum
Sozialraum
Virtueller Raum
Lebensraum
Gesteuerter Raum
Netzwerk
Funktion und Wirkung der sozialräumlichen Tätigkeiten
Sozialraumorientierung
Prävention
Integration
Sozialraumarbeit
Gemeinwesenarbeit
Stellvertretende Inklusion
Methoden der Sozialraumarbeit
Partizipationsprozesse steuern
Netzwerkarbeit
Projekt-/ Kontraktmanagement
Moderation/ Vermittlung
Analysen/ Evaluation/ Expertisen
Beratung/ Coaching
Soziokulturelle Animation
Qualitätskriterien in der sozialräumlichen Sozialen Arbeit
Prozessqualität
Kommunikation/ Öffentlichkeitsarbeit
Ergebnisqualität
Fachliche Standards
Führung/ Controlling
Strukturqualität
Qualifikation der in der Sozialraumarbeit Tätigen
Studium Soziale Arbeit
Berufserfahrung
Sozialkompetenz
Weiterbildung/ MAS
Führungskompetenz
Verwaltungserfahrung
Sozialräumliche Zielsetzungen und Art der Ziele
Wirkungsziele
Langfristige Ziele
Soziale Ziele
Politische Ziele
Finanzielle Ziele
Leistungsziele
Kurzfristige Ziele
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Ort
Struktur
Mensch
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Steuerungsprozesse und Bearbeitung des Sozialraumes
Gesellschaftliches Engagement
Vernetzung
Leistungsvertrag
Versorgungssystem
Raumgestaltung
Öffentlicher Diskurs
Sozialräumliche Arbeit mit Personen und Netzwerken
Akteure/ NPO/ Vereine
Freiwillige
Multiplikatoren
Benachteiligte Gruppen
Themengruppen
Einzelberatung
Verortung der Organisation/ Strukturen/ Ressourcen im Sozialraum
Organisation im Sozialraum
Vielfalt der Verortung
Definierte Ressourcen und Strukturen
Sozialraumbudget
Leitbild/ Konzept
Führungshierarchie
Bedarf und Legitimation der Sozialraumarbeit
Gemeindeentwicklung
Standortimage/ Lebensqualität
Partizipation der Bevölkerung
Hohe soziale Kohäsion
Nachhaltigkeit
Soziale Probleme
Sozialräumliche Inter- und Transdisziplinarität
Interdisziplinäre Zusammenarbeit
Leistungskoordination
Über Gemeinde- und Ämtergrenzen hinweg
Transnationalität
Transdisziplinäres Vorgehen
Sozialraumkonferenzen
Bearbeitung Sozialer Probleme im Sozialraum
Benachteiligte Gruppen
Destruktives Verhalten
Emissionen/ fehlende Sicherheit
Schwindender Gemeinsinn
Segregation in Bevölkerung
Medien/ Informationsflut
Total
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31
Tabelle 4: Kategorisierung der Empirieergebnisse nach dem St.Galler Modell
Sämtliche Kategorien lassen sich den drei Zugängen im St.Galler Modell zuordnen. Bei Prozessund Zielsetzungsthemen kann die Zuordnung teilweise zu allen drei Zugängen vorgenommen
werden. Durch die Empirieergebnisse kommt jedoch die Frage auf, ob gesellschaftliche und
sozialpolitische Transformationen als weitere querwirkende Faktoren auf alle drei Zugänge zum
Modell gehören würden.
Im Folgenden werden die Ergebnisse zu den Kategorien ‚Typen von fokussierten Sozialen
Räumen’, ,Funktion und Wirkung der sozialräumlichen Tätigkeiten’, ,Qualifikation der in der
Sozialraumarbeit Tätigen’, ,Steuerungsprozesse und Bearbeitung des Sozialraumes’, ,Verortung
!
63!
der Organisation/ Strukturen/ Ressourcen im Sozialraum’, ‚Bedarf und Legitimation der
Sozialraumarbeit’ und ,Sozialräumliche Inter- und Transdisziplinarität’ breiter bearbeitet und
integriert. Die Begründung für diese Auswahl liegt im Fokus und in der Relevanz dieser
Kategorien für die Berufsbildbeschreibung und in der Begrenztheit dieser Arbeit. Die Themen vier
bis sechs des Attributemodells nach Kurtz und übergeordnete Themen der sozialräumlichen
Sozialen Arbeit sind zudem für das Berufsbild vornehmlich relevant und weniger die Instrumente
der Praxisgestaltung, was diese Auswahl ebenfalls unterstützt.
7.1 Theorievergleich und Abstraktionen
Die dem St.Galler Modell durch Reutlinger und Wigger zugeschriebene proaktive Gestaltung des
Sozialraums kommt als Vision in der sozialräumlichen Praxis explizit zum Ausdruck. In den
Interviews werden in erster Linie die Grenzen dazu aufgezeigt und dass die Arbeit an Sozialen
Räumen meist eine Vermittlungsaufgabe zwischen den verschiedenen Akteuren und den
Bevölkerungsgruppen ist. Nachhaltige sozialräumliche Prozesse anzustossen, würde ein breites
sozialräumliches Bewusstsein in der Gesellschaft voraussetzen, das jedoch noch weitgehend
fehlt. Die relationale Anordnung von Menschen und Strukturen an bestimmten Orten (vgl.
Spatscheck 2009, S. 34) ist der gängige Zugang zum Sozialraum in den untersuchten Praxen.
Dies ist eine materielle Denkweise, an dem der Spacing-Prozess nach Deinet (2006) ansetzt und
nach welcher die Bevölkerung den Raum gewissermassen ‚sozialisiert’. Dass
sozialräumliche Prozesse die Gestaltung der Orte beeinflussen und Orte als Materialisierungen
des Sozialraums gesehen werden, ist nur teilweise ein Praxis- und Verwaltungsdenken, da die
Bevölkerung nur in Ausnahmefällen grundlegend in die Raumplanung einbezogen ist.
Nach Grimm prägt der Mensch mit den subjektiven Interpretationen des Raums den Lebensraum
(vgl. Grimm 2007, S. 78). Diese Wechselwirkungen kommen in der untersuchten sozialräumlichen
Sozialen Arbeit oft als Verständnismuster zum Ausdruck und sie werden als Grundlage für
Mitwirkung und Engagement im Sozialraum oder die Entstehung von Sozialen Problemen
gesehen. Die Praxis der sozialräumlichen Sozialen Arbeit sieht sich primär in der Rolle, die
Ressourcen den Bürgerinnen und Bürgern zugänglich zu machen und die Vernetzung
in der Bevölkerung zu fördern. Dies entspricht explizit der Förderung des Sozialkapitals. Für
die strukturelle Steuerung im Sozialraum sind die in den Forschungsergebnissen genannten
Faktoren: Versorgungssystem, Leistungsvertrag, interdisziplinäre Arbeit und gesellschaftliche
Mitwirkung zentrale Instrumente. „Steuerungsprozesse werden selbst im Hinblick auf optimalere
Zugriffe auf den Sozialen Raum zum Gegenstand der Gestaltung“ (Reutlinger & Wigger 2010, S.
47). An sozial(raum)verträglichen Strukturen arbeiten und dafür sensibilisieren scheint
damit die grosse Herausforderung der sozialräumlichen Praxis zu sein, da die unterschiedlichen
Herrschafts- und Steuerungskulturen im Sozialraum aufeinanderprallen.
Der in Kapitel 3.1.2 angesprochene zu bearbeitende Gegenstand der Sozialraumarbeit – die
Wechselwirkung zwischen Mensch und Sozialraum – zeigt sich in den Ergebnissen als grundlegendes Verständnis. Die Förderung der Lebensqualität und die Gewährleistung der sozialen
Sicherheit sind die wichtigsten Zielsetzungen. Soziale Problemstellungen werden meist mit
Interventionen bearbeitet, die der Einzelperson übergeordnet sind: Gruppenanimation,
Netzwerkbildung, Integrations- und Präventionsprogramme sind häufige Formen dieser Eingriffe.
Soziale Arbeit im virtuellen Raum oder sozialräumliche Interventionsmodelle wie Quartierarbeit
und Gemeinwesenarbeit, die Steuerung von Versorgungssystemen im Sozialraum sowie die Arbeit
in und an Migrationsräumen werden im interdisziplinären sozialräumlichen Kontext praktiziert.
Der Begriff ”Sozialkapital“ wird in der Praxis der sozialräumlichen Sozialen Arbeit kaum
!
64!
verwendet. Die qualitativen Umschreibungen der Leistungen und Zielsetzungen bezeichnen
jedoch ziemlich genau dieses. Eine mögliche Wirkungsmessung der sozialräumlichen
Interventionen in Form des Sozialkapitals ist nicht vorzufinden. Wenn Sozialkapital
zwischenmenschliche Vernetzung, gegenseitiges Vertrauen und Normen generalisierter
Reziprozität innerhalb von Gemeinschaften beschreibt (vgl. 3.1.6), dann ist damit das immer
wieder in der Praxisuntersuchung ausgedrückte Kerngeschäft der Sozialraumarbeit
angesprochen: Die Praxisorganisationen arbeiten an der Nutzung dieser Ressourcen im
Sozialraum, um dieses Potenzial für die Gesellschaft verfügbar zu machen.
Als Minimalstandard der Beschreibung der Praxis der sozialräumlichen Sozialen Arbeit kann in der
Praxis das St.Galler Modell mit den drei Zugängen gesehen werden. Eine Entsprechung der
Theorien und Modelle im sozialräumlichen Fachdiskurs (vgl. Tabelle 3) ist in den verschiedensten
Ausprägungen in den empirischen Daten vorzufinden. Es sind diesbezüglich keine Theorie-PraxisWidersprüche festzustellen. Die meisten Entsprechungen im Verständnis der sozialräumlichen
Sozialen Arbeit in der Praxis bestehen mit Putnams Konzept des Sozialkapitals, der sozialen
Produktion von Raum nach Löw, dem Berner Modell der Ressourcen- und Sozialraumorientierung
nach Kummer und mit der sozialräumlichen Gemeinwesenarbeit nach Schubert.
Mit dem Fakt, dass der Auftraggeber der sozialräumlichen Sozialen Arbeit selbst Teil des zu
bearbeitenden Sozialraums ist, gewinnt das Konzept der Gouvernementalität nach Foucault mit
den mit zu bearbeitenden Machtstrukturen an Bedeutung. Dieses Paradox wird in der Praxis
permanent beleuchtet und ist gelegentlich ein grosses Hindernis für Sozialraumentwicklungen.
Weiter fliessen ausgewählte Forschungs- und Literaturbezüge des Teil A in diese Integration ein.
Dem Anspruch einer breiteren Vergleichsleistung von Fachliteraturhinweisen der Sozialraumarbeit
zu diesen empirischen Daten kann diese Arbeit nicht gerecht werden. Eine vertiefte Rückbindung
an die Autorensichten des A-Teils wird in den folgenden Kapiteln geleistet.
7.1.1 Verständnis Sozialraumarbeit und Soziale Räume
In den in Kapitel 6.1.1 ‚Typen von fokussierten Sozialen Räumen’ beschriebenen Raumvorstellungen kommen, wie bei Bourdieu und im St.Galler Modell, die Faktoren Ort, Mensch und
Struktur zum Ausdruck. Der definierte Beobachtungs- und Wahrnehmungsstandort und der
thematische Betrachtungsfilter des Sozialraums werden dabei als Voraussetzungen für eine
Beschreibung gesehen. Der Soziale Raum wird durch die drei Grunddimensionen Kapitalvolumen,
Kapitalstruktur und die zeitliche Entwicklung dieser konstruiert (vgl. Bourdieu 1996, S. 196). Im
Sinne der sozialräumlichen Interventionen, die das Kapitalvolumen verwenden, die
Kapitalstrukturen beeinflussen und die sozialräumlichen Prozesse langfristig begleiten, wird dies
in der Praxis internalisiert verstanden. Die in den empirischen Ergebnissen vorhandenen
Raumordnungen und Raumbilder (vgl. Kessl & Reutlinger 2010, S. 91f) beziehen sich vorwiegend
auf lokale/ globale Räume und abgekoppelte/ aufgewertete Räume. Doch wird der
Sozialraumbegriff nicht immer exakt verwendet. Oft ist damit die Lebenswelt oder der territoriale
Raum gemeint. Hingegen ist die Unterscheidung von Netzwerk zu Sozialraum präzise. In der
sozialräumlichen Praxis stehen Menschen, die Strukturen schaffen und den Raum materialisieren,
im Zentrum. Damit kommt Löw (2001) mit der ,sozialen Produktion von Raum’ in den Fokus. Die
ständige Neubildung von Sozialen Räumen durch Menschen beschäftigt die Sozialraumarbeit im
Kern. Auch das Sozialraumverständnis mit der ‚relationalen Anordnung von Gütern’ (vgl. Löw
2002, S. 24) ist in der Praxis ein Grundverständnis, mit welchem die interdisziplinäre
Zusammenarbeit begründet und gefordert wird.
!
65!
In der folgenden Zuordnung sind Entsprechungen der jeweiligen Theorieaspekte und der
empirisch erstellten Unterkategorien als Kriterium ausschlaggebend. Wie in Tabelle 4 ersichtlich,
hat in den untersuchten Praxen die Sozialraumorientierung einen hohen Stellenwert. Schwierig ist
hier, wie schon im fachlichen Diskurs, bei den empirischen Daten eine klare Grenze zur
Sozialraumarbeit zu ziehen. Beide Ansätze sind fliessend verbunden und das Modell der
Handlungsprinzipien der sozialräumlichen Sozialen Arbeit nach Grimm (2007) setzt aus meiner
Sicht an dieser Schnittstelle an. Die sozialräumliche Soziale Arbeit fokussiert ihre Tätigkeit gezielt
auf Interventionen im Sozialraum. Die Auswahl der untersuchten Organisationen ist mit dem
Fokus Sozialraumarbeit erfolgt und es lassen sich bei allen Organisationen Handlungsprinzipien
nach Grimm erkennen. Mit Ausnahme der Online-Beratung arbeiten die Organisationen mit
Einzelpersonen übergeordneten Methoden und haben die drei Zugänge zum Sozialraum gemäss
St.Galler Modell integriert. Die Organisationen berufen sich in ihren Konzepten meist explizit oder
implizit bezüglich der Sozialraumorientierung auf das Berner Modell der Ressourcen- und
Sozialraumorientierung nach Kummer (2007) oder das Fachkonzept der Sozialraumorientierung
nach Hinte (2007). Bezüglich der sozialräumlichen Sozialen Arbeit sind die Ansätze nach Löw mit
der ‚sozialen Produktion von Raum’ und das St.Galler Modell in den Organisationen internalisiert.
Die Abhängigkeit der Raumproduktion von den Raumeinschätzungen der sozialräumlichen
Akteure und deren Positionen wurde in den Interviews wiederholt als zentrale Schwierigkeit und
grösste interdisziplinäre Herausforderung bezeichnet. Ein entscheidender Teil der Sozialraumarbeit besteht in der Sensibilisierungsleistung bezüglich der Wahrnehmung und des
Verständnisses von Sozialen Räumen.
Es lässt sich in der Gesamtbeurteilung keine favorisierte Tendenz der theoretischen Ausrichtung
feststellen. Da es in dieser Arbeit um die explizite Tätigkeit in und an Sozialen Räumen geht, ist
ein Differenzierungsbedarf sowohl im sozialräumlichen Diskurs als auch in der sozialräumlichen
Praxis auszumachen. Die Sozialraumarbeit beschäftigt sich durchgehend mit dem Neubespielen
der Sozialräume mit den Akteuren und Beteiligten. Die untersuchten Organisationen der
Gemeinwesenarbeit richten ihre Tätigkeit durchaus nach der sozialräumlichen Gemeinwesenarbeit nach Schubert (2011) aus. Eine Vermittlungsfunktion zwischen der Bevölkerung und
der Verwaltung und Wirtschaft lässt sich in den sozialräumlichen Praxen finden. Diese
Gatekeeperfunktion nach Schubert bekommt in sozialräumlichen Aufbauprojekten eine hohe
Bedeutung und wird als der Schlüssel zum Erfolg gesehen.
Bei der Online-Beratung werden virtuelle Räume den realen gleichgestellt. Dabei sind die
Qualitäten der Orts- und Zeitunabhängigkeit, die Vernetzungsvielfalt und die Steuerung von
Identitäten der Akteure benannt, wie auch bei Kress (2012) beschrieben. Nicht in allen
Organisationen werden virtuelle Räume als Erweiterung der sozialräumlichen Tätigkeiten
gesehen. Die zunehmende Bedeutung von virtuellen Räumen und die Verschachtelung und
Überschneidung dieser mit realen Räumen wird in der sozialräumlichen Sozialen Arbeit eher als
grosse Blackbox eingeschätzt, als eine längst zur Wirklichkeit gewordene Entwicklung. Die
Bewertung auf Sinnhaftigkeit von virtuellen Räumen beschäftigt in der Praxis mehr als die
Nutzung und Betreuung dieser. Ein immenses Entwicklungsgebiet wartet hier darauf, von der
Sozialen Arbeit untersucht, genutzt und gesteuert zu werden.
7.1.2 Funktion und Verortung der Sozialraumarbeit
Zugespitzt ausgedrückt hat die sozialräumliche Soziale Arbeit, aus Sicht des Autors mit Blick auf
die Empirieergebnisse, die Funktion, verhärtete Verwaltungsstrukturen aufzuweichen und die
herkömmliche methodische Ausrichtung der Sozialen Arbeit auf den Prüfstand zu stellen. Dabei
!
66!
stellt sich die Frage, welche gesellschaftlichen Strukturen für die Bewältigung von Sozialen
Problemen hilfreich sind und wie soziales Kapital erschlossen werden kann. Die Ergebnisse der
Praxisuntersuchung zielen in diese Richtung, zudem ist die sozialräumliche Soziale Arbeit wenig
verbreitet. Dies macht im Sinne der breiten Wirksamkeit einen Institutionalisierungsprozess
sozialräumlicher Praxisformen notwendig. Die in Kapitel 6.1.2 beschriebene Abstimmung der
Ressourcen im Sozialraum zwischen den Akteuren und der Bevölkerung und der Intervention bei
Problemstellungen und Konflikten bezieht sich auf den Gegenstand der sozialräumlichen Sozialen
Arbeit und die Wechselwirkung der Akteure zum Sozialraum. Die gesellschaftliche Anordnung der
Sozialraumarbeit zwischen Mesoebene und Makroebene gemäss Bronfenbrenner (1989),
intervenierend in beide Richtungen, ist in der Praxis ebenfalls vorzufinden. Nach Kessl, Reutlinger
& Deinet (2010) wird die Soziale Arbeit im Sozialraum zur aktiven Gestalterin sozialer
Zusammenhänge, zu deren bewusster Ausgestalterin. Teilweise sehen sich die Praxisorganisation
in dieser Rolle, sind aber massiv mit der Problematik konfrontiert, strukturelle und bauliche
Veränderungen kaum mitgestalten zu können. Die Praxis der sozialräumlichen Sozialen Arbeit
sieht sich den sozialräumlichen Prozessen unterworfen, kann aber meist aus Ressourcenknappheit nur bedingt mit organisatorischen Veränderungen reagieren. Die Prozesssteuerung und
die Bearbeitung des Sozialraumes erfolgen über Sozialraumanalysen, Netzwerke, Sozialplanungen
und soziale Stadtentwicklung. Das Kerngeschäft der Sozialraumarbeit ist jedoch die
Mobilisierung des Engagements von Bürgerinnen und Bürgern.
Das Prinzip ‚Subsidiaritätsleistungen des Staates ergänzen das bürgerschaftliche Engagement’ ist
in modernen Gesellschaften meist gesetzlich und damit für die Soziale Arbeit vorausgesetzt. Dazu
ist die Vermittlung und die Gewährleistung des Informationsflusses zwischen den Behörden/ der
Verwaltung und der Bevölkerung eine zentrale, äusserst herausfordernde Aufgabe der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit. Zum methodischen, professionellen Handeln gehört zudem die
Einnahme der reflexiven räumlichen Haltung, um den vielschichtigen Problemstellungen
begegnen zu können. In den Interviews kamen teilweise Überforderungssettings zum Ausdruck:
Die sozialräumliche Soziale Arbeit muss zunehmend Kompensationshandlungen zwischen
Personen und Gruppen in Problemkonstellationen vornehmen, um die soziale Kohäsion zu
gewährleisten – ein hoher Anspruch, allen Bevölkerungsgruppen gerecht werden zu sollen und
mit bestehenden Konflikten umgehen zu können. Im ländlichen Raum verschieben sich die
Anforderungen an die Sozialraumarbeit: Entscheidende Anforderungen sind hier die
grundlegende Akzeptanz von bestehenden politischen Strukturen und die öffentliche Bewertung
der in der Sozialraumarbeit Tätigen. Für die Soziale Arbeit heisst dies verstärkt Beziehungsarbeit
und zielgerichtete Vernetzung leisten, aber auch Abgrenzung von Beobachtung und ‚Klatsch’
vollziehen (vgl. Wagner 2011, S. 23-24).
Im St.Galler Modell sind die drei Zugänge miteinander verbunden und im Sozialraum abhängig
voneinander. In den Empirieergebnissen kommt bezüglich der Funktion und der räumlichen
Verortung der sozialräumlichen Sozialen Arbeit auch wirklich durchgehend der Einbezug dieser
Faktoren zum Ausdruck. Die Syntheseleistung von sozialen Gütern und Menschen und die durch
das Spacing entstandenen Orte nach Löw (2001) sind in der Praxis zielgerichtete Platzierungen
der Institutionen. Oft hat aber die Tradition der Organisation bei der Verortung im Sozialraum
Vorrang. Sozialräumliche Organisationen formieren sich daher vor allem um die herkömmlichen
Örtlichkeiten. Durch die sozialräumlichen Prozesse entstehen aber auch neue örtliche Bedürfnisse
und die neuralgischen Schnittpunkte verlagern sich. Die mobile dezentrale Verortung
ergänzend zur fixen Verortung bewährt sich bei einigen Praxisorganisationen. In
!
67!
transnationalen Migrationsräumen stellt sich die Verortungsfrage der Sozialen Arbeit komplex und
es sind sinnvollerweise mehrere internationale Örtlichkeiten anzustreben. Entscheidend ist für die
Praxis, dass Verortungen gemeinsam mit den sozialräumlichen Akteuren geplant und gestaltet
werden. Ein Generationenhaus mit Begegnungsmöglichkeiten und einer Schnittmenge von
Verwaltung
mit
sozialen
Organisationen,
usw.
birgt
solche
Möglichkeiten
der
Kulturdurchmischung und Zusammenarbeit. Die Verortung in virtuellen Sozialräumen wird mit der
benutzerfreundlichen Portalgestaltung gelöst. Wo die Soziale Arbeit physisch verortet ist, wird
irrelevant. In der Kombination beider Raumtypen, z.B. bei Online-Beratung mit realen
Selbsthilfegruppentreffen, kann es sinnvoll sein, eine dezentrale Verortung anzustreben.
7.2 Wirkung und Legitimation der Sozialraumarbeit
In Kapitel 6.1.10 werden die Gemeindeentwicklung, die Verbesserung der Lebensqualität und die
Imagepflege als Hauptauslöser für sozialräumliche Soziale Arbeit genannt. Aus politischer Sicht
liegen der Bedarf und die Legitimation der Sozialraumarbeit in der Förderung der
Standortattraktivität. Der Blick in eine Gemeindeverfassung zeigt, dass ‚hohe Werte und Ziele der
Bevölkerungszufriedenheit und Identifikation mit dem Quartier’ bereits von den politischen
Akteuren propagiert werden, und diese gilt es durch die sozialräumliche Soziale Arbeit nun
einzufordern. Nach Kurtz (2005) ist ein Merkmal dieser Profession: Der Tätigkeitsbereich besteht
aus gemeinnützigen Funktionen grundlegender Bedeutung. Aus Sicht der Sozialen Arbeit hat die
Gestaltung von Sozialräumen im Sinne der Prävention von Sozialen Problemen und der
Bearbeitung der strukturellen und örtlichen Rahmenbedingungen für eine hohe soziale
Kohäsion und soziale Verantwortung in der Bevölkerung grosse Bedeutung. Der konkrete Bedarf
ist zwingend im entsprechenden Sozialraum zu eruieren und die sozialräumliche Arbeit mit
Netzwerken, Gruppen und in Versorgungssystemen vor Ort zu definieren. Die in Kapitel 3.2.1
beschriebenen Forschungsergebnisse der FHS St.Gallen unterstützen diese Einsicht und betonen
den Prozess der Konstituierung als einen Teil der Lösung. Dabei werden immer wieder Netze
ausgeworfen, um Informationen über den Sozialraum zu erhalten: Struktur, Angebotsstruktur,
Kooperationen, Konflikte, Aneignungsräume und Schlüsselpersonen im Sozialraum werden erfasst
(vgl. Deinet 2009, S. 56).
Dass die sozialräumliche Soziale Arbeit für ihre Legitimation kämpfen muss, hängt zum Teil mit
der geringen Verbreitung und mit der schlechten Messbarkeit der Wirkungen zusammen. Oft wird
zwar mit Wirkungszielen gearbeitet, aber die Indikatoren und Messinstrumente dieser Ziele
sind nicht definiert. Bezogen auf die Praxisaussage: Bei der Vermittlung in Konfliktsituationen und
der Partizipation der Bevölkerung bei sozialräumlichen Entscheidungen werden nachhaltige
Wirkungen erzielt. Ein Herunterbrechen der Interventionen in Teilschritte und deren Messung, ist
folglich eine Möglichkeit weiterzukommen. Die Wirkungsmessung im Sozialraum wäre eine
umfassende, ressourcenintensive Evaluation, wozu keine Praxisstudien bekannt sind. Eine
Sozialraumanalyse nach gezielten Interventionen zu wiederholen, wäre jedoch eine weitere
Möglichkeit, sozialräumliche Soziale Arbeit messbar zu machen. Mit den Typenpaaren des
Sozialkapitals (Putnam 2001) sind Qualitäten gegeben, auf die Quantitäten im Sozialraum
zutreffen. Das Sozialkapital als Wirkungsmessgrösse der sozialräumlichen Interventionen würde
beispielsweise eine praxistaugliche Aufarbeitung verdienen. Die integrative Praxisforschung
könnte hier zum Zuge kommen und mehrere Interessen verbinden.
!
68!
7.3 Schnittstelle Sozialraumarbeit/ Soziale Arbeit
In der vorliegenden Arbeit geht es mit der sozialräumlichen Sozialen Arbeit um diese
Schnittstellenbearbeitung. Das gemeinsame Interesse könnte mit der sozialen Integrität der
Bevölkerung und der Identität dieser mit dem öffentlichen Raum beschrieben werden. Das St.
Galler Modell beinhaltet die Sozialraumarbeit und die Soziale Arbeit. Je nach Fokus, Zugang oder
Verhältnis zwischen den Zugängen können Aspekte der Sozialen Arbeit beleuchtet werden. Der
Lebensweltbegriff bezogen auf eine Person ist eine solche Schnittstelle. Für die sozialräumliche
Soziale Arbeit sind die Lebenswelten der Bürgerinnen und Bürger im Vergleich miteinander
relevant und es interessieren vor allem die Gemeinsamkeiten. Aus systemtheoretischer Sicht
bekommen die Schnittstellen der Funktionssysteme der Disziplinen Bedeutung sowie die Frage
der Inklusion/ Exklusion. Dass es dabei um Orte, Menschen und Strukturen geht, zeigen
Beratungssettings: Die soziale Hilfe für Personen beschäftigt sich immer mit diesen drei
Zugängen/ Faktoren.
Nach Reutlinger & Wigger (2010) ermöglicht ein transdisziplinärer Blick, Spannungsverhältnisse
zwischen den Polen und Achsen des Modells zu erkennen und Sozialraumarbeit in einem
umfassenden Sinn zu betreiben. In den untersuchten Praxen ist die Denkweise und Nutzung der
Transdisziplinarität jedoch erst wenig fortgeschritten. In Kapitel 6.1.11 kommen einzelne
gemeinsame Planungs- und Kooperationsbestrebungen zum Ausdruck. Es ist eine abwartende
Haltung feststellbar, bis die Soziale Arbeit als Disziplin verstärkt respektiert wird. Der Eindruck
entsteht, dass Ort und Ebene der Herstellung von Transdisziplinarität innerhalb der Sozialen
Arbeit ungeklärt sind. Angebotskoordination zwischen den Akteuren der Disziplinen und
vereinzelte Sozialraumkonferenzen sind bis jetzt die einzigen praktizierten Formen.
Die Qualifikation der in der Sozialraumarbeit Tätigen unterscheidet sich nach 6.1.5 von den in der
klassischen Sozialen Arbeit Tätigen in der Art der Weiterbildung und einer noch höheren Sozialund Personalkompetenz. Vor allem im Praxisinstrumentarium sind fundierte Kenntnisse und
Erfahrungen notwendig wie: Projektmanagement, Erwachsenenbildung, Supervision/ Coaching,
Konfliktmanagement, Forschungsmethoden und Soziokulturelle Animation. Das Case
Management kann in beiden Handlungsfeldern eingesetzt werden und die Online-Beratung
gehört zur klassischen Sozialen Arbeit, bekommt aber mit der Sozialraumausrichtung eine neue
Qualität. Klar zum Ausdruck kommt in der Untersuchung, dass die Angebote in der
Niederschwelligkeit und in der Erreichbarkeit stark sind und eine sehr hohe Nachfrage
verzeichnen. In den virtuellen Angeboten und kombinierten Formen der sozialräumlichen Sozialen
Arbeit scheint ein grosses Potenzial brach zu liegen. Die transnationale Arbeitsweise betrifft die
Soziale Arbeit und die Sozialraumarbeit gleichermassen und beinhaltet weiteres Potenzial, da die
Migration stetig zunimmt. Auch hier gibt es wenig entwickelte Praxisformen und professionelle
Netzwerke über Landesgrenzen hinaus.
7.4 Sozialpolitische Transformationen und Sozialraumarbeit
Die Thesen aus Kapitel 3.3 zu den sozialpolitischen Transformationen werden durch die
empirischen Ergebnisse unterstützt und präzisiert:
• Durch die Zunahme der Selbstverantwortung und individuellen Lebensstile in modernen
Gesellschaften werden die Menschen verstärkt zu individueller Hilfe und Solidarität in
Netzwerken angehalten.
• Durch die Separierung der Kulturen und die Divergenz der Schichten in der Bevölkerung
muss die sozialräumliche Soziale Arbeit vermehrt Kompensationsleistungen und
Plattformen anbieten, um der Segregation vorzubeugen und Durchmischung zu fördern.
!
69!
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•
•
•
Durch die Verlagerung von Netzwerken in virtuelle Räume werden diese für die
sozialräumliche Entwicklung und die Funktion der Sozialen Arbeit ein unterstützender Ort
des Lernens, der Beratung, der Vernetzung, der Projektsteuerung, der transnationalen
Zusammenarbeit, der Finanzierung, der Innovation und der Wissenssteuerung im Sinne
von Crowdsourcing.
Durch die Etablierung der sozialräumlichen Sozialen Arbeit besteht für diese die Chance,
in der Entwicklung der Inter- und Transdisziplinarität eine Schlüsselfunktion innerhalb der
Sozialen Arbeit übernehmen zu können. Auch die Thesen zur Transnationalisierung nach
Kniffki (2011) in Kapitel 3.1.5 können aus Sicht der sozialräumlichen Sozialen Arbeit
unterstützt werden.
Durch die politischen Effizienzanstrengungen und die positiven Erfahrungen mit
Pilotsystemen werden vermehrt Versorgungssysteme und intelligente Hilfesysteme
erdacht und entwickelt und diese präziser den lebensweltlichen Bedingungen der
Bedürftigen angepasst. In der Altersplanung, bei sozialpädagogischen stationären
Angeboten, bei der Online-Beratung und in der Stadtentwicklung werden gemäss der
Praxisuntersuchung interdisziplinär und zwischen Organisationen Synergien genutzt und
mit einer sozialräumlichen bedarfsorientierten Steuerung ausgestattet.
Durch demographische Entwicklungen und den zunehmenden gesellschaftlichen Abschied
von der sozialen Marktwirtschaft werden kooperative Systeme der Hilfe in der
Bevölkerung, wie Nachbarschaftshilfe oder regionale Solidaritätsnetzwerke, zu einer
weiteren Säule der sozialen Sicherung, bei der die Sozialraumarbeit eine Entwicklungsund Koordinationsfunktion übernehmen kann.
In Bezug auf das St.Galler Modell muss regelmässig die Frage gestellt werden, welchen Einfluss
die gesellschaftlichen Entwicklungen auf die Stabilität im Sozialraum haben und wie die Zugänge
im gegenseitigen Gleichgewicht stehen. Hier zeigt sich, dass das Modell nicht per se den
funktionierenden Sozialraum beschreibt, sondern nur dann, wenn eine gewisse Qualität der
Faktoren und Wechselwirkungen gewährleistet ist. Die Benennung des Masses an generiertem
Sozialkapital könnte die Funktionalität des Sozialraums präzisieren und dem Modell eine höhere
Effektivität bringen.
7.5 Zusammenfassung der Ergebnisse Theorie/ Empirie
Das St.Galler Modell zur Gestaltung des Sozialraums mit den Zugängen ”Arbeit mit Menschen“,
”Gestaltung von struktureller Steuerung“ und ”Gestaltung von Orten“ kann als Minimalstandard
für die sozialräumliche Soziale Arbeit gesehen werden. Eine weiterführende Präzisierung ist mit
dem Einbezug der sozialpolitischen Transformationen und mit dem Mass des generierten
Sozialkapitals sinnvoll. Nachhaltige sozialräumliche Prozesse auszulösen bedingt eine Förderung
sozialräumlichen Bewusstseins in der Gesellschaft und bei den Institutionen. Das Verständnis, mit
der relationalen Anordnung von Menschen und Strukturen an Orten den Raum ‚sozial zu
produzieren’, ist in der sozialräumlichen Praxis vorherrschend. Primäre Aufgabe der sozialräumlichen Sozialen Arbeit ist es, die Bestandteile des Sozialraums und deren Wechselwirkungen
zu bearbeiten und die sozialräumlichen Ressourcen für die Bevölkerung zu erschliessen. Die
Vernetzung fördern, Mitwirkung herstellen, Versorgungssysteme steuern, Leistungsverträge
einrichten und interdisziplinär arbeiten sind dabei zentrale Instrumente. Der Einbezug der
Bevölkerung in die Raumplanung ist zu differenzieren und auszubauen. Die Förderung der
Lebensqualität und die Gewährleistung der sozialen Sicherheit sind weitere wichtige
Zielsetzungen. Die Prävention Sozialer Probleme und die Integration von Gruppen in die
!
70!
Bevölkerung für eine gute soziale Kohäsion prägen die sozialräumliche Arbeitsweise. Verbreitete
Praxisformen sind die sozialräumliche Gemeinwesenarbeit und die Quartierentwicklung.
Sozialraumanalysen und -planungen werden zunehmend eingesetzt. Als enorm wichtig erscheint
die Wahl der Verortung der sozialräumlichen Organisation im Sozialraum, um damit
sozialräumliche Brennpunkte erschliessen zu können. Eine Sozialraumorientierung kann
durchwegs in jeglichen sozialen Organisationen gelebt werden, die Sozialraumarbeit bedingt aber
das ‚Neubespielen’ der Sozialräume gemeinsam mit den Akteuren im Sozialraum. Die Nutzung
virtueller und die Verknüpfung dieser mit realen Sozialräumen beinhaltet enormes
Entwicklungspotenzial mit einem ungedeckten Bedarf an sozialen Fragestellungen. Professionelle
der sozialräumlichen Sozialen Arbeit verfügen über eine Ausbildung in Sozialer Arbeit, fundierte
Qualifikationen im sozialräumlichen Instrumentarium und über hohe Sozial- und
Persönlichkeitskompetenz. Unterschiedliche Herrschafts- und Steuerungskulturen im Sozialraum
prallen jedoch aufeinander und das territoriale Verwaltungsdenken liegt quer zum Sozialraumdenken. Das Sozialkapitel als Wirkungsmessgrösse der sozialräumlichen Interventionen
könnte verstärkt etabliert und eingesetzt werden. Die Zukunft der sozialräumlichen Sozialen
Arbeit wird zunehmend durch die Entwicklung intelligenter Hilfesysteme und regionaler
Solidaritätsnetzwerke sowie der Intensivierung der transdisziplinären und -nationalen Sozialen
Arbeit geprägt sein.
8 Berufsbild der sozialräumlichen Sozialen Arbeit
Das Berufsbild der sozialräumlichen Sozialen Arbeit setzt sich aus den überschneidenden
Ergebnissen der bearbeiteten Theorie und Empirie gemäss Kapitel 7 zusammen. Das Ergebnis
hieraus ist im Folgenden dargestellt und bildet das zentrale Produkt dieser Arbeit. Dabei ist die
Beschreibung ergänzend zu grundlegenden Informationen im Berufsbild der Professionellen
Sozialer Arbeit von AvenirSocial (Anhang) zu sehen. Mit ‚überschneidend’ sind zentrale Aussagen
in der Theorie und in der Praxisforschung gemeint, die häufig erwähnt werden und mit grossem
Gewicht in der Beschreibung der sozialräumlichen Sozialen Arbeit versehen sind.
Gegenstand
Die sozialräumliche Soziale Arbeit widmet sich der Wechselwirkung zwischen Menschen und
Sozialraum. Der Sozialraum wird gebildet von Menschen, Strukturen und Orten, die in
Wechselwirkungsprozessen miteinander verbunden sind. Durch den bewussten Wahrnehmungsstandort und die thematische Eingrenzung können Soziale Räume erfasst werden. Die
Summe der sozialen Vernetzungen und Ressourcen sowie Werthaltungen und das
Vertrauensniveau im Sozialraum bilden das soziale Kapital. Soziale Probleme mit ihren
gesellschaftlichen Bezügen sind der Bearbeitungsgegenstand der sozialräumlichen Sozialen
Arbeit. Eine Förderung der Lebensqualität und Gewährleistung der sozialen Sicherheit sind die
wichtigsten sozialräumlichen Zielsetzungen.
Funktion
Die Aufgabe der sozialräumlichen Sozialen Arbeit ist es, die Bestandteile des Sozialraums und
deren Wechselwirkungen zu bearbeiten, die sozialräumlichen Ressourcen für die Bevölkerung zu
erschliessen und die soziale Verantwortung zu erhöhen. Die Vernetzung fördern, Mitwirkung
!
71!
herstellen, sozialräumliche Akteure einbeziehen, Versorgungssysteme steuern, Leistungsverträge
einrichten und interdisziplinär arbeiten sind zentrale Instrumente hierfür. Die Prävention Sozialer
Probleme und die Integration von Gruppen in die Bevölkerung für eine gute soziale Kohäsion
prägen die Arbeitsweise. Mit der Verortung der Organisation werden möglichst sozialräumliche
Brennpunkte erschlossen. Die sozialräumlichen Projekte werden auf ihre Partizipationseignung
geprüft und die Bevölkerung entsprechend einbezogen. Dabei steht das Subsidiaritätshandeln des
Staates zu bürgerschaftlichem Engagement im Zentrum. Durch den sozialen Wandel ist die
Soziale Arbeit permanent gefordert auf sozialräumliche Risiken einzugehen und die Schnittstellen
zu anderen Institutionen zu bearbeiten. Das Sozialkapital gilt als Wirkungsmessgrösse der
sozialräumlichen Interventionen.
Methoden
Das sozialräumliche Methodenrepertoire ist vielfältig und wird je nach Setting eingesetzt:
Projektmanagement, Prozesssteuerung, Mediation, Kommunikation im partizipativen Prozess,
Netzwerkbildung, Moderation, Ressourcenerschliessung, Instrumente der Prävention und
Integration, Sozialraumanalyse, Evaluation und Steuerung von Informationsprozessen sind
häufige Instrumente.
Arbeitsfelder
Aktuelle sozialräumliche Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit sind die Quartierentwicklung, die
Gemeinwesenarbeit, die Steuerung von Versorgungssystemen der sozialen Hilfe, die Soziale
Arbeit in virtuellen Räumen und die mobile Soziale Arbeit.
Qualifikationen
Professionelle der sozialräumlichen Sozialen Arbeit verfügen nebst einer Ausbildung in Sozialer
Arbeit über diese beruflichen Grundlagen:
• Qualifikationen in Projektmanagement, Erwachsenenbildung, Supervision/ Coaching,
Konfliktmanagement, Forschungsmethoden und Soziokultureller Animation.
• Grosses Repertoire an sozialräumlichen Methoden und Instrumenten.
• Hohe Sozial- und Personalkompetenzen und Berufserfahrung in der Sozialen Arbeit.
• Dem Arbeitsfeld entsprechende Kompetenzen in Führung, Administration oder Fundraising.
Grundsätze
Die sozialräumliche Soziale Arbeit richtet sich nach den formulierten Prinzipien im Berufsbild der
Professionellen Sozialer Arbeit, im Berufskodex der Sozialen Arbeit von AvenirSocial und der
Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Die Qualitätskriterien der öffentlichen Kommunikation, der demokratischen Grundrechte und der institutionellen Gegebenheiten sind
eingehalten.
Abbildung 5: Berufsbild der sozialräumlichen Sozialen Arbeit (Roman Niedermann)
!
72!
9 Schlussfolgerungen aus Theorie und Praxis
Grundsätzlich zeigt sich im Vergleich der Empirieergebnisse mit dem theoretischen Diskurs der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit, dass dieser im Fachdiskurs differenzierter geführt ist als in der
Praxis. Die Denkweise zur Sozialraumarbeit ist in den Konzepten der Praxisorganisationen zwar
teilweise erkennbar, die Konzeptumsetzungen werden aber nicht allen theoretischen
Konstruktionen gerecht. Dies zeigt sich in den in Kapitel 6.3.2 beschriebenen Schwierigkeiten.
Dieser Sachverhalt kann als sinnvoll und natürlich eingeschätzt werden. Er unterstützt aber die
These, dass die sozialräumliche Soziale Arbeit in der theoretischen Grundlage nicht über die
notwendige Klarheit und Praxisbezogenheit verfügt und sich die Praxis in einem
Institutionalisierungsprozess befindet, der eine breite theoretische Sensibilisierungsarbeit
erfordert. Auf einige Brennpunkte wird nachfolgend noch eingegangen.
9.1 Kritische Bewertung des Berufsbildes der sozialräumlichen Sozialen Arbeit
Mit einer theoretischen Aufzeichnung der Aufgaben der (sozialräumlichen) Sozialen Arbeit nach
Früchtel, Cyprian & Budde (vgl. 2007, S. 180-181) wird nachfolgend noch ein prüfender Blick auf
das Berufsbild der sozialräumlichen Sozialen Arbeit geworfen und die Belastbarkeit auf im
Berufsbild fehlende Aspekte überprüft:
• Machtstrukturen als zentrale analytische Kategorie des beruflichen Handelns benutzen.
Über die Einbindung der sozialräumlichen Sozialen Arbeit in und das Nutzbarmachen von
Machtstrukturen im Sinne der Gouvernementalität im Sozialen Raum ist wenig gesagt.
• In Situationsanalysen die gegen das Wachstum von Adressaten wirkenden Machtblocker
ausfindig machen. In der Theorie stehen einige Methoden hierfür zur Verfügung; für die
Praxis müssten jedoch Instrumente benannt werden, die gegen Machtblocker anzugehen
helfen.
• Machtstrukturen und Machtlosigkeit als dynamische Prozesse erkennen, die veränderbar
sind. Über den konkreten Umgang damit und die Erfolgschancen sowie die Grenzen davon
muss sinnvollerweise unter Einbezug der Politik und Wirtschaft debattiert werden und
Schnittstellen im sozialräumlichen Verständnis sind zu benennen.
• Menschen helfen, sich selbst als zentrale Akteure der Problemlösung statt als Ursache des
Problems zu sehen. Dieser Empowermentansatz überschneidet sich mit der Sozialen
Arbeit in der Ausrichtung auf einzelne Personen. Die Abgrenzung zur sozialraumorientierten Sozialen Arbeit ist im Berufsbild nicht benannt.
• Eine nutzbare Ressource für Adressaten sein, in Arbeitsbündnissen auf Augenhöhe
agieren. Im sozialräumlichen Kontext können die Bedürfnisse sehr unterschiedlich sein.
Die konkrete Ressourcenerschliessung müsste daher genauer definiert werden.
• Strukturen für gegenseitige Hilfe und für die Selbstorganisation von Benachteiligten
aufbauen. Zur Netzwerkbildung gehört auch die Entwicklung von unterstützenden
Rahmenbdingungen als sozialräumliche Kompetenz.
• Lokale Ökonomie fördern. Dazu sind unternehmerische Kompetenzen wichtig und die
Schnittstelle zur Wirtschaft braucht eine Benennung im Berufsbild.
• Die Kontrolle von Menschen über ihr Leben und die politische Teilnahme im Gemeinwesen
maximieren. Partizipation als Recht ist benannt aber nicht als Leistung. Eine ethische
Richtlinie über Freiheit und Pflichten im Sozialraum kann hierfür dienlich sein.
!
73!
9.2 Auswirkungen auf die Berufsbildentwicklung Sozialer Arbeit
Die Entwicklung der Sozialen Arbeit zu einer Disziplin und Handlungswissenschaft erfolgt für die
sozialräumliche Soziale Arbeit zeitlich und inhaltlich optimal. Die Perspektiven der Wissenschaft
der Sozialen Arbeit sind hervorragend und letztgenannte ist gemäss Sommerfeld (2010) das
grösste
berufliche
Anwendungsfeld
sozialwissenschaftlichen
Wissens.
Denn
die
Transdisziplinarität scheint die Grundlage für erfolgreiche und nachhaltige Sozialraumarbeit zu
sein. Das gemeinsame Arbeiten am Sozialraum durch alle Akteure vereinfacht und verstärkt sich,
wenn eine Verständnisgrundlage gegeben ist, die auch gemeinsam erarbeitet und finanziert ist.
Wenn dabei nach Maier & Sommerfeld (2005) wissenschaftliche Verfahren der integrierten
Praxisforschung zum Einsatz kommen, können die Praxis und die Wissenschaft näher
zusammenrücken und damit auch das theoretische und praktische sozialräumliche Handeln. Ein
exklusives Handlungskompetenzmonopol nach Kurtz (2005) ist ein Merkmal von Professionen.
Die Soziale Arbeit mit ihrem Methodenrepertoire und Handlungswissen bringt für das
sozialräumliche Handeln extrem fundierte und eben exklusive Grundlagen mit. Gerade auch für
die Moderation zwischen den Akteuren und gewissen Pionierleistungen in der Sozialraumarbeit
hat die Soziale Arbeit das Rüstzeug. Dies bedingt aber eine hohe Akzeptanz und Legitimation der
Sozialen Arbeit bei anderen Disziplinen für diese Rolle. Dieses Handlungskompetenzmonopol
kann gesichert werden durch qualifizierte, nachhaltige Sozialraumarbeit und prägende
sozialräumliche Sensibilisierungsleistungen bei gesellschaftlichen Verantwortungsträgern,
untermauert mit wirksamen Forschungsleistungen.
Eine sozialräumliche Haltung einnehmen meint auch eine Beobachter- und Forschungsperspektive einzunehmen. Professionelle Haltungen sind ‚Beobachten und Verstehen’,
‚Einschränkungen und Möglichkeiten der Raumgestaltung wahrnehmen’ und ‚Experten ihrer
Lebenswelten erkennen’ und – erst in zweiter Instanz – auch ‚Kontaktaufnahme und Intervention’
(vgl. Deinet 2009, S. 47ff). Diese Kompetenzen bedingen einen Differenzierungsbedarf bei den
Grundlagen der sozialräumlichen Sozialen Arbeit, um exakt intervenieren zu können und nicht die
Autonomien im Sozialraum zu gefährden. Soziale Arbeit befähigt zur Selbstständigkeit und wird
nur dort zur Akteurin, wo sich die Gegebenheiten im Sozialraum gegenseitig blockieren. Die
Entwicklung dieser hohen Professionalität und des Raumverstehens bedingen fundierte
sozialräumliche Ansätze in der Ausbildung der Sozialen Arbeit und eine breite Integration der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit in die Bachelor- und Masterstudiengänge. Für eine Stärkung der
Fachautorität sind transdisziplinäre Lehrsettings und Wissensvermittlung zu prüfen. Dieses
Postulat wird von der Untersuchung zu Methoden in der Gemeinwesenarbeit von Matacic (2008)
unterstützt. Seine Forderung nach mehr Methodenreflexivität und Fachverständnis der
Sozialarbeitenden und nach Eingebundensein in fachliche Aushandlungsprozesse kann an dieser
Stelle nur unterstrichen werden.
9.3 Interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Gouvernementalität
Machtstrukturen im Sozialraum und die Zusammenarbeit der Disziplinen scheinen in einem
Zusammenhang zu stehen – oder wie könnte die Ungleichverteilung der Disziplinen in der
Sozialraumarbeit sonst verstanden werden?
Neben der interdisziplinären Leistungskoordination durch die sozialräumlichen Akteure kommen
gelegentlich Sozialraumkonferenzen zum Einsatz. Nach den Ergebnissen ,Sozialräumlicher Interund Transdisziplinarität’ haben die meisten Handlungen zwischen den Akteuren nicht transdisziplinären, sondern interdisziplinären Charakter. Dabei kommt die Optimierung des
sozialräumlichen Versorgungssystems der Sozialen Arbeit gemeinsam mit anderen Disziplinen
!
74!
ätigten. Anders ausgedrückt
sive, „echte“ Beteiligungsprozesse steht.
realen Quartiersentwicklung
die Frage, welche Akteure in
oduktionen und damit ver6. „Doppelter Gebietsbezug“ und
mehr
und
mehr
in
den
politischen und fachlichen Fokus. Eine Pionierrolle in der Moderation der
eine entsprechende Definiein erweitertes Verständnis von
Interdisziplinarität
punktuell erkennbar. Des Weiteren wird die sozialräumliche Soziale
d Handlungsmacht
verfügen. ist nur Quartiermanagement
Arbeit
als GrupFachpartnerin im Sozialraum und gleichwertige Akteurin zunehmend konsultiert.
Akteure zu den
beiden
Gemässmit
Spatscheck
(2009)
die Soziale
Arbeit ohnehin eine
grosse Nähe zu inter- und
nd Vor-Ort-Akteure
ihren
Ein so weist
verstandener
„Sozialraumbezug“
erfordert
transdisziplinärem
auf. Die Adressaten
in der sozialräumlichen
mproduktionen
in der „Ver- Vorgehen
ein komplexes,
vernetzungsorientiertes
Organi- Sozialen Arbeit sind
meist
der
Staat
und
die
Partner
im
Sozialraum.
Die
Abstimmung
von
politischer Entscheidung mit
r „Alltagswelt“ zusammen,
sations- und Managementmodell (vgl. Abbileiner MitwirkungsMitbestimmungskultur
in der
Bevölkerung
wird
dabei angestrebt. Dass die
pelte Gebietsbezug“
(Franke unddung
6): Zu den Aufgaben
der
Verwaltung
gehört
politische
derdabei,
Machttypus
und dieund
historischen
Prozesse
diese partizipativen Prozesse
g 5) zwangsläufi
g eineRationalität,
„Solles
Fachwissen
finanzielle
Ressourcen
bestimmen,
unterstreicht
Foucault (2005). Quellen
Die Gouvernementalität
bestimmt gemäss der
auf: Zwar kann
die Komaus unterschiedlichen
im Rahmen einer
Praxisforschung massiv
die Formen und Arbeitsorganisation
Qualitäten der Sozialraumarbeit
mit. Dass
erritoriale Zuständigkeitsräuressortübergreifenden
geammgebiete,sozialräumliche
„Sozialräume“),Soziale
Arbeit auch zu
diebündeln.
Bearbeitung
Regierungsstrukturen als Teil des
bietsbezogen
Im von
Aufgabenbereich
amit kaum möglich
sein,meint,
die wird
derinlokalen
Quartiermanagements
liegt jedoch
es unter
Sozialraums
politischen
und Verwaltungskreisen
noch kaum verstanden.
nden Verräumlichungen
des
anderem,
die in
Interessen
und Bedarfe
der Gebiets- zu erkennen, würde
Diese Wechselwirkung
als Scharnier
der demokratischen
Sozialraumarbeit
andelns der einen
Quartiersbevölund anderer Handelns
Vor-Ort-Akteure
zuDer Netzwerkcharakter
grossen Teil derbevölkerung
Wirkungen sozialräumlichen
ausmachen.
er lokaler Akteure
ebenfalls
identifi
zieren
sowie
eine
allgemeine
„Motorenvon Governance-Strukturen nach Schubert (2011) kommt hier der Sozialraumarbeit in die Quere
Im Sinne eines
funktion“muss
für Kommunikation,
Aktivierung,
Be- Ein differenziertes,
und integrativen
das Interventionsgefüge
analysiert und angepasst
werden.
Beitrages zur kritisches
Gestaltung
von
teiligung,
Vernetzungen
auf der Quartiersebene
Abwägen
der
Möglichkeiten
der Interventionen
und Verortungen in den gegebenen
n und zur Entwicklung
raumzu
übernehmen.
Schließlich
muss
auch im
„in- Arbeit. Dazu gehören
Machtstrukturen bestimmen daher den Erfolg der sozialräumlichen
Sozialen
auch die Vorlieben von Disziplinen im Regierungssystem, die den Sozialraum bearbeiten sollen.
Abbildung 6:
bezug“
Modell eines erweiterten
„Quartiermanagements“
•
„Verwaltungswelt“
„Alltagswelt“
Verwaltung
Ressourcenbündelung,
ressortübergreifende
Zusammenarbeit
Verwaltung
•
„intermediärer Bereich“:
Vermittlung zwischen
Verwaltungs- und
Quartiersebene
•
lokales QM:
Aktivierung und Beteiligung,
Identifizierung von
lokales
Interessen, Identifizierung
Quartiermanagement
von „Orten“
Abbildung 6: Franke 2013, S. 40
Quelle: eigene Darstellung (Grundlage: Franke/Grimm 2006).
Ein häufig genanntes Spannungsfeld ist die differente Arbeitskultur in der Verwaltung und in der
Sozialraumarbeit. Es ist daher Aufgabe des Quartiermanagements (s. Abbildung 6), die
Interessen der Bevölkerung und Akteure zu identifizieren sowie eine ‚Motorfunktion’ für
Kommunikation, Aktivierung, Beteiligung und Vernetzungen auf der Quartiersebene zu
übernehmen. Schließlich muss im ‚intermediären Bereich’ zwischen ‚Verwaltungs-‚ und
‚Alltagswelt’ moderiert bzw. müssen beide Ebenen zusammengebracht werden (vgl. Franke 2013,
S. 41). Aus Sicht von Luhmann (1987) treffen hier verschiedene Funktionssysteme aufeinander,
wobei diese zur Selbstreferenz neigen. Beide Systeme haben ihre (sozialräumlichen) Kodierungen
und die Kunst der Sozialraumarbeit liegt in deren Erkennung und Übersetzung. Wenn die
!
75!
Anschlussfähigkeit hergestellt werden kann, stehen die Chancen gut, die Ressourcenerschliessung im Sozialraum optimal gestalten zu können. Eine gute Sensibilisierungsarbeit zur
Fachlichkeit und zum theoretischem Handeln der sozialräumlichen Sozialen Arbeit unterstützt
dabei die Autonomie bei der Berufsausübung der Sozialen Arbeit ganz im Sinne des
Attributemodells nach Kurtz (2005).
9.4 Umgang mit sozialräumlichen Paradoxien
Die in der Praxis vorhandenen Problemfelder wurden weitgehend angesprochen. Die
Spannungsfelder und Dilemmata werden in den Selbst- und Fremdverständnissen in den
Interviews ähnlich eingeschätzt, was auf einen weitgehend offenen Umgang mit Schwierigkeiten
hinweisen könnte. Nachfolgend werden Paradoxien behandelt, die von der Natur der Sache her
kaum auflösbar sind:
• Die Ressourcenknappheit für die Einrichtung der Sozialraumarbeit wird wiederholt
aufgeführt. Neben der fachlichen Sensibilisierungsarbeit ist die Entwicklung der
konkreten, dem Sozialraum entsprechenden Konzeption mit benannten Wirkungserwartungen eine Möglichkeit dem zu begegnen. Eine Sozialraumanalyse zur Bedarfserhebung
kann Klarheit schaffen.
• Dass sozialräumliche Projekte die Partizipationseignung erfüllen müssen, wird in den
Praxisuntersuchungen betont. Für eine Mitwirkung der Bevölkerung ist entscheidend, bei
der Planung die Möglichkeiten für eine solche zu eruieren und vorab zu definieren.
• Die tendenzielle Entwicklung der Gesellschaft zu Eigentümern und Individualisten ist ein
nicht nur die Sozialraumarbeit betreffendes Phänomen. Mit weiteren sozialräumlichen
Akteuren und den Betroffenen an neuen Modellen für gesellschaftliche Solidarität zu
arbeiten, kann hierbei sinnvoll sein.
• Die Professionellen der sozialräumlichen Sozialen Arbeit sind Spezialisten in der Steuerung
von innovativen Prozessen und in der Lösungsfindung. Das Ziel, eine Gemeinde vom
Verwalten zum innovativ Entwickeln zu führen, ist dabei hoch gesteckt. Der daraus
resultierenden Spannung sind politisch Verantwortliche und folglich auch die sozialräumliche Soziale Arbeit fortwährend ausgesetzt.
• Bezüglich des Homogenisierungsdilemmas rückt in der Praxisuntersuchung die Arbeit mit
Freiwilligen, die Multiplikationsfunktionen übernehmen können, in den Fokus. Damit
werden neue Formen der Vernetzung teilweise steuerbar.
• Das Präventionsdilemma ist in der Sozialen Arbeit verbreitet und thematisiert. In der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit besteht die Möglichkeit, Gruppen partizipativ in die
Lösungsfindung einzubeziehen. Von einer Betreuung der Klientelen muss der Prozess hin
zu einer Beteiligung und Mitverantwortung führen.
• Gute Beispiele, dem Vernetzungsdilemma zu begegnen, sind die Einrichtung von Job- und
Zeitbörsen oder regelmässige Quartierbegehungen mit unterschiedlichen Themenfokussen.
• Das Milieudilemma wird in der Praxisuntersuchung angesprochen und ist ein die
sozialräumliche Arbeit begleitendes Thema. Der Mittelweg mit multioptionalen Räumen
und optionalen Projekten verbunden durch übergeordnete Zielsetzungen und
Veranstaltungen wird praktiziert. Die niederschwellige Wahlmöglichkeit zwischen
verschiedenen, die ‚Lebensqualität fördernden Sozialräumen’ ist dabei entscheidend.
Bei allen paradoxen Situationen steht die beschriebene reflexive räumliche Haltung im Zentrum:
Es gilt, möglichst im interdisziplinären Dialog reflexiv Lösungen und Strategien zu suchen, die
!
76!
neue Herangehensweisen und vielleicht ‚Paradox-Interventionen’ beinhalten. Die sozialräumliche
Position hat sich bei den Vorgehensweisen zu legitimieren (Kessl & Reutlinger 2009) und die
Sinnhaftigkeit und erwünschte Wirksamkeit ist jeweils zu überprüfen. Nichtintervenieren kann
dabei sehr sinnvoll sein, um die soziale Verantwortung und die Solidarität zu stärken.
9.5 Sozialräumlichen Paradigmenwechsel gestalten
Der nach Reutlinger (2011) beschriebene Paradigmenwechsel von der Sozialraumorientierung hin
zur Arbeit am und im Sozialen Raum kommt in den untersuchten Praxisorganisationen zum
Ausdruck. Es sind auch Mischformen zu beobachten, die sich zwischen Organisationstradition und
dem Experimentieren mit dem Sozialraum bewegen. Die Gemeinwesenarbeit und die OnlineBeratung entsprechen diesem Bild und entwickeln zunehmend authentische Formen der
Sozialraumarbeit. Aus Sicht der Sozialen Arbeit kann sich dieser Paradigmenwechsel jedoch noch
kaum vollzogen haben. Verschwindend wenige Organisationen sind in der Sozialraumarbeit
angesiedelt. Hingegen ist die Sozialraumorientierung in einigen Leitbildern der klassischen
Sozialen Arbeit zu finden. In der Lehre und Forschung der Sozialen Arbeit ist nicht die
umfassende Unterstützung dieser Praxisentwicklung zu erkennen. Es ist jedoch eine nachhaltige
Gestaltung dieses sinnvollen Übergangs notwendig mit einem praxisorientierten sozialräumlichen
Diskurs und der Entwicklung von Standards zur Ausgestaltung der Sozialraumarbeit, die aus
integrativer Praxis- und Wirkungsforschung begründet sind. Die Sicht der politischen
Verantwortlichen auf die Sozialraumarbeit und deren Unterstützung bei derselben gilt es zu
steuern und die entsprechenden Akteure abzuholen sowie eine gemeinsame strategische
Zielrichtung ist zu bestimmen. Dieser Aushandlungsprozess bildet das Fundament der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit. Bei der Bevölkerung hingegen herrscht kaum eine Vorstellung
davon und es stellt sich die Frage, wie die sozialräumliche Soziale Arbeit im Alltag kommuniziert
werden kann. Diese Übersetzungsarbeit beschäftigt die sozialräumliche Praxis.
9.6 Auswirkungen auf den Diskurs der sozialräumlichen Sozialen Arbeit
Zusammenfassend werden ausgewählte zentrale Themen dieser Arbeit mit dem Fokus der
fachlichen Anschlussfähigkeit beleuchtet:
• Soziale Probleme mit der sozialräumlichen Herangehensweise zu bearbeiten und diese in
Wechselwirkung zu weiteren Problemfeldern im Sozialraum zu sehen, eröffnet die Chance,
fundierte und nachhaltige Ressourcenerschliessung und systemische Ursachenbekämpfung zu ermöglichen. Sozialräumliches Denken und Handeln kennt kaum Grenzen
und fordert die Soziale Arbeit heraus die Wirksamkeit ihrer Interventionen dauernd zu
überprüfen und adäquate Rahmenbedingungen einzufordern.
• Die hohe Komplexität der sozialräumlichen Denk- und Handlungsweise birgt Risiken der
Beschreibungsunmöglichkeit von differenzierten sozialräumlichen Prozessen und durch
das Einnehmen des politischen Mandats des Aneckens bei weiteren sozialräumlichen
Institutionen in sich. Die notwendigen differenzierten kommunikativen Kompetenzen für
die Sozialraumarbeit und das strategisch koordinierte Einstehen der Sozialen Arbeit zu
sozialpolitischen Fragen sind gefordert.
• Der Anschluss im theoretischen Diskurs an die spezifischen Fundamente der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit mit den Grundelementen der Demokratie: Partizipation,
Kooperation und Dialog, sowie eine verlässliche Finanzierungskultur (Biesel 2007) sind mit
den Ergebnissen dieser Arbeit bestätigt. Darüber hinaus ist der Einfluss der
Gouvernementalität auf die interdisziplinäre Vernetzung und Strukturen im Sozialraum zu
!
77!
•
•
•
prüfen, im Sinne der Gewährleistung einer objektiven Handlungsgrundlage und ausgewogenen Machtverteilung.
Mit diesen vorliegenden empirischen Ergebnissen kann der punktuelle Forschungsstand
zur sozialräumlichen Sozialen Arbeit aus berufspolitischer Sicht ergänzt werden. Dass
Management im Sozialraum und interdisziplinäre Kompetenz zu den in der Kölner Studie
geforderten Grundqualifikationen in der Sozialraumarbeit gehören (Schubert 2005) wird
durch diese Berufsbildentwicklung unterstützt, ganz im Sinne, die soziale und die
räumliche Perspektive zusammenzuführen.
Die Lehre der Sozialen Arbeit ist herausgefordert, gemeinsam mit der Architektur und der
Städteplanung interdisziplinäre Kernkompetenzen auszubilden und den praktischen
Anforderungen auf der städtebaulichen, sozialpädagogischen, soziokulturellen und
ökonomischen Ebene der sozialen Stadterneuerung gerecht zu werden.
In der Arbeitsfeldentwicklung der sozialräumlichen Sozialen Arbeit stellt sich die Frage, ob
die Sozialraumarbeit zunehmend von der Sozialen Arbeit mitgeprägt oder führend
gestaltet wird. Die angesprochene Verknüpfung von Sozialräumen mit virtuellen Räumen,
die Etablierung von Versorgungssystemen oder die Thematisierung transnationaler
Räume, gerade in urbanen und nichturbanen Gebieten, sind nur einige potenzielle
Entwicklungsfelder.
10 Fazit
Werfen wir den Blick zurück auf die Ausgangslage dieser Arbeit und auf die Fragestellung sowie
die Arbeitsthesen. Zunächst kann festgehalten werden, dass ein Berufsbild beschrieben wurde,
das der sozialräumlichen Praxis und Theorie weitgehend gerecht wird. Die Schwierigkeiten einer
solchen Berufsbildbeschreibung liegen jedoch in der Allgemeingültigkeit, da das sozialräumliche
Arbeitsfeld sehr breit gestaltet ist und Differenzierungen im Berufsbild fehlen. Ein Bild kann sich
zudem ändern und somit unterliegt das Berufsbild der sozialräumlichen Sozialen Arbeit einem
Wandel und braucht permanente Überprüfung. Kritisch ist in diesem Zusammenhang zu
beurteilen, dass im theoretischen Fundament nur ausgewählte sozialräumliche Theorien
berücksichtigt sind. Die Überprüfung der Empirieergebnisse mit weiteren Theorien könnte daher
dem Berufsbild eine grössere Allgemeingültigkeit verleihen und die Qualität erhöhen. Die
ursprüngliche Fragestellung konnte jedoch weitgehend beantwortet werden. Bei den Selbst- und
Fremdverständnissen zur sozialräumlichen Sozialen Arbeit gibt es nicht zu allen Themen der
Fragestellung fundierte Informationen. Dies war ein hoher Anspruch an die Interviewten. Gerade
das Verständnis von Sozialen Räumen und die Funktion und Wirkung der sozialräumlichen
Sozialen Arbeit sind hochkomplexe Themen, die nicht einmal im theoretischen Diskurs klar
beantwortet sind. Eine Annäherung hieran ist jedoch gemacht und Hinweise zum Weiterdenken
sind beschrieben. In der Praxis herrscht ein hoher Auseinandersetzungsgrad mit sozialpolitischen
Einwirkungen auf Soziale Räume.
Die These, dass das St.Galler Modell in der sozialräumlichen Praxis wiedererkannt werden kann,
wird ausdrücklich unterstützt. Die Anlehnung des Berufsbildes an dieses Modell war in der
Bearbeitung jedoch teilweise einengend. Es entstanden daraus die Erweiterungsoptionen des
generierten Sozialkapitals und der sozialpolitischen Transformationen (Abbildung 7), da in den
Ergebnissen der vorhergehenden Praxisforschungen diese zwei Faktoren zum Verständnis der
Sozialraumarbeit dazugehören. Sozialpolitische Transformationen werden dabei als einwirkende
!
78!
Bedingungen auf das Verständnis, die Sichtweise und die Rede vom Sozialraum konzipiert. Das
generierte Sozialkapital wird verstanden als Qualitätsindikator für und soziales Produkt von
sozialräumlichen Prozessen. Es meint das zusätzliche soziale Kapital, das aus dem investierten
Sozialkapital in den Sozialraum im Idealfall resultiert. Aus den Ergebnissen der Praxisforschung
lässt sich folgende empirisch zu überprüfende These bilden: Das generierte Sozialkapital
beeinflusst wiederum die Gestaltung des Sozialraums und hat Einfluss auf sozialpolitische
Transformationen.
Auch die soziale Produktion von Raum kommt in der Qualität der geleisteten Sozialraumarbeit
zum Ausdruck. Sie ist vorwiegend im St.Galler Modell über die drei Zugänge/ Raumfaktoren als
Funktion für die Gestaltung des Sozialraums enthalten. Die ursprüngliche Sicht der Autoren des
St.Galler Modell, dass die Soziale Arbeit vorwiegend bei der ‚Arbeit mit Menschen’ ansetzt, wird
aufgrund der Empirieergebnisse erweitert gesehen: Auch Interventionen bei der ‚Gestaltung von
Orten’ und der ‚Gestaltung struktureller Steuerung’ sind notwendig und werden praktiziert, um
Nachhaltigkeit im Sinne der Sozialen Arbeit zu erreichen.
Gestaltung struktureller Steuerung
Sozialpolitische
Transformationen
generiertes Sozialkapital
Sozialraum
Gestaltung von Orten
Arbeit mit Menschen
Abbildung 7: Erweitertes St.Galler Modell: Denkfigur zur Gestaltung des Sozialraums (eigene
Darstellung; R.N.)
Folgende Beispiele aus den vorhergehenden Praxisforschungsergebnissen verdeutlichen dieses
Prozessgefüge von den sozialpolitischen Transformationen zum generierten Sozialkapital. „Das
Potenzial von Freiwilligenarbeit wird als sehr gross eingeschätzt, aber die sozialräumlichen
Einrichtungsstrukturen haben einen enormen Entwicklungsbedarf, um diese Ressourcen zu
nutzen (S. 55)“ oder „es werden zusätzliche Ressourcen gesehen, ‚da sich die Alten sehr
engagieren und viel an das gesellschaftliche Kapital beitragen’ (S. 53)“. Solche und ähnliche
Aussagen stehen exemplarisch für das Denken und Handeln in der sozialräumlichen Sozialen
Arbeit. „Der grosse Trend wird in Richtung Zunahme der Selbstverantwortung und individueller
Lebensstile wahrgenommen. ... ‚unterstützen mit Infrastruktur im Quartier und mit der
Nachbarschaftshilfe’ ... dabei ist die finanzielle Effizienz ein wichtiger Faktor“ (S. 55). Dieses
Interviewergebnis zeigt, dass sozialräumliche Programme auch wirtschaftlich sein können und
neben dem Gewinn an Sozialkapital auch ein finanzieller Gewinn resultieren kann im Vergleich
mit herkömmlichen stationären Massnahmen.
Die Folgen für die sozialräumliche Soziale Arbeit aus dieser Modellerweiterung zeigen sich in der
sensiblen Beobachtung von sozialpolitischen Entwicklungen und der Bilanzierung des investierten
Sozialkapitals mit dem generierten. Diesem anspruchsvollen Unterfangen der Messung und
Erfassung des Sozialkapitals kann in der Praxis nur begrenzt Rechnung getragen werden. Denn
!
79!
der abgeschlossene Sozialraum existiert nicht und lässt sich nicht erfassen und die komplexen
Wechselwirkungen auf das Sozialkapital lassen sich nicht umfänglich benennen. Vielmehr sind
Tendenzen von sozialräumlichem Sozialkapitalgewinn und best practice-Modelle zu fokussieren.
Mit integrierter Praxisforschung und Sozialraumanalysen könnten solche dann evaluiert und
generiertes Sozialkapital qualitativ und quantitativ bezeichnet werden.
Die These der Ergänzung des Berufsbildes der Sozialen Arbeit mit der sozialräumlichen
Ausrichtung erfährt eine klare Unterstützung. Im schriftlichen Berufsbild der Professionellen
Sozialer Arbeit von AvenirSocial in der Schweiz wird die Arbeit mit sozialen Systemen im
Gemeinwesen angedacht, es fehlt aber die konkrete Umsetzung in allen Faktoren des
Berufsbildes. Folglich ist es sinnvoll, das Berufsbild der sozialräumlichen Sozialen Arbeit in dieses
bestehende der Sozialen Arbeit zu integrieren. Diese Überprüfung gilt auch für das
Schweizerische Zentrum für Berufsbildung und Laufbahnberatung SDBB und alle weiteren
Berufsbilder der Sozialen Arbeit. Die geleistete Betrachtung und Analyse der sozialräumlichen
Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit und des sozialräumlichen Fachdiskurses erbrachte die erhofften
Ergebnisse und es war überraschend feststellen zu können, dass sich diese heterogene
sozialräumliche Landschaft der Sozialen Arbeit tatsächlich mit einem gemeinsamen Nenner
beschreiben lässt. Im Sinne einer breit fundierten Sozialen Arbeit kann daher mit dieser
Masterthesis hoffentlich ein Beitrag zur Profilierung der sozialräumlichen Sozialen Arbeit geleistet
werden.
10.1 Theoretische Reflexion
Einige in dieser Arbeit verwendete Theorien, die sich bewährt haben für den theoretischen
Abgleich der Praxisforschungsergebnisse, sollen abschliessend kritisch reflektiert werden:
Die Theorie der sozialen Produktion von Raum (Löw 2001) hat sich gut bewährt für die
Beschreibung der Funktion der sozialräumlichen Sozialen Arbeit. Die dazugehörige
Prozesshaftigkeit von Raumentwicklung lässt sich in den untersuchten Organisationen
wiederfinden, wie auch die Konstitution von Raum durch die beteiligten Akteure. Dieser Theorie
zuzuweisen sind die Förderung von Verantwortung und der notwendige Wahrnehmungsabgleich
des Raumes zwischen den Akteuren. Im Sinne einer Haltung des Empowerment in der Sozialen
Arbeit unterstützt diese Theorie die proaktiven Strategien und Interventionen auf der Ebene der
Klientel und im Handlungsfeld der sozialräumlichen Sozialen Arbeit.
Die dieser Arbeit zugrundeliegende Theorie, das Konzept des Sozialen Raums (Bourdieu
1996), hat vielschichtige Dimensionen. Nur eingeschränkt kann dieser theoretische Ansatz jedoch
in den empirischen Ergebnissen nachvollzogen werden. Dafür wären vertiefende Interviews
notwendig, denn zu umfassend ist diese. Positiv kann jedoch angemerkt werden, dass keine
Widersprüche zu diesem Konzept erkennbar sind. Die Theoreme nach Bourdieu – Kapital, Habitus
und Divergenz der Felder – bräuchten zusätzliche Feldbeobachtungen. Mit dem Habitus kommen
die Sozialisationshintergründe der Akteure der sozialräumlichen Sozialen Arbeit ins Zentrum, die
durchwegs eine entscheidende Bedeutung auf den Beobachtungsfokus und die Interventionshaltung haben. Äusserst interessant wäre dieser Habitus im Vergleich der
interdisziplinären Akteure zu durchleuchten. Die Divergenz der Felder ist ein Thema in der
sozialräumlichen Praxis. Dieser Aspekt wird vorerst aber oft aus der Sicht von Macht und Einfluss
der verschiedenen Disziplinen mit Tätigkeit am und im Raum betrachtet. Der Sozialraumbegriff
nach Bourdieu ist durchwegs vertreten in den Ergebnissen. Unterstrichen wird dabei die
!
80!
Wichtigkeit des Beobachtungsstandortes auf den Raum, die sozialen Vernetzungen und die
Manifestierung des Sozialen im Materiellen.
Der Begriff Sozialkapital bekommt eine wichtige Bedeutung in dieser Arbeit. Die anfänglich
eingeführte These, das Sozialkapital als ‚Messgrösse’ in der Sozialraumarbeit zu verwenden,
erweitert sich durch die Ergebnisse der Praxisforschung zur eigentlichen sozialräumlichen
Prozessgrösse. In den Interpretationsleistungen zu den kodierten Textstellen ist die Häufigkeit
von Beschreibungen, die dem Begriff des Sozialkapitals nahekommen signifikant. Denn
verständlicherweise stellt sich auch im Sozialraum immer die Gewinnfrage. Wie sich solche WinWin-Situationen für die Akteure bilden, scheint sozialkapitalabhängig zu sein. Die Schwierigkeit
der Beschreibung und Messbarkeit des Sozialkapitals im Sozialraum aufgrund der komplexen
Wechselwirkungen ist ungelöst. Als theoretisches Modell scheint das Sozialkapital geeigneter zu
sein als in der Praxis als Instrument und Messgrösse für ‚sozialräumliche Effizienz’. Das Ergebnis
dieser Arbeit in Bezug auf das Sozialkapital ist zu sehen in der für die sozialräumliche Soziale
Arbeit wichtigen Frage nach dem sozialräumlichen und gesellschaftlichen Gewinn ihrer
Interventionen. Das im erweiterten St.Galler Modell integrierte ‚generierte Sozialkapital’ ist als
Legitimationsfaktor und Qualitätsmerkmal äusserst entscheidend für die Sozialraumarbeit und
scheint der theoretischen Linie von Bourdieu (1996) zu folgen. Die Vielfalt der Beschreibung von
Sozialkapital (Putnam 2001) kann dabei als gutes Differenzierungsvorgehen in der Erfassung vom
sozialem Kapitel gesehen werden.
Die Gouvernementalität (Foucault 2005) bekommt nur eine sehr eingeschränkte Beleuchtung
in dieser Arbeit, nämlich in Bezug auf das Verhältnis der sozialräumlichen Sozialen Arbeit und ihre
Einbindung
in
gesellschaftliche
Entwicklungsund
Entscheidungsprozesse.
Die
Praxisforschungsergebnisse betonen besonders die Wichtigkeit dieses Verhältnisses und dass
sozialräumliche Interventionen nicht Halt vor Regierungsstrukturen machen dürfen. Gerade die
‚historischen Prozesse’ gemäss dieses Konzepts haben entscheidenden Einfluss auf die
sozialräumlichen Denk- und Handlungsweisen. Die Gouvernementalitätsfragen brauchen aber
dringend eine weiterführende Analyse und Thematisierung, um die Wirkungen der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit zu differenzieren und die Effektivität herzustellen.
Die Theorie der sozialräumlichen Gemeinwesenarbeit (Schubert 2011) konnte im Bezug auf
die Ergebnisse der Praxisforschung gut für die Unterscheidung von klassischer
Gemeinwesenarbeit und sozialräumlicher Sozialer Arbeit verwendet werden. Diese
Entwicklungslinie, die dem Paradigmenwechsel zur Sozialraumarbeit entspricht, ist erkennbar und
die Frage der Begrifflichkeit für Praxisformen stellt sich. Die Thematisierung der unterschiedlichen
Begrifflichkeiten in der Praxis und Fachliteratur bewegt sich von einem ursprünglichen
Konkurrenzdenken hin zu einem differenzierten Verständnis ausgerichtet auf die jeweiligen
Qualitäten in den Handlungsfeldern. Ob diese Vielfalt der Verständnisbildung in der Bevölkerung
zur sozialräumlichen Sozialer Arbeit dient, ist eine andere Frage.
In den untersuchten Organisationunterlagen kommt die Sozialraumorientierung häufig zum
Ausdruck. Ob das hier verwendete Fachkonzept nach Hinte (2007) oder das Berner Modell
(Kummer 2007) damit gemeint wird, ist nicht nachvollziehbar. In den Experteninterviews war
explizit nicht von Sozialraumorientierung die Rede. Dies liegt daran, dass bei den Organisationen
für die Dokumentenanalyse eine breitere Streuung vorlag als bei den Interviews, sowie an der
differenzierten sozialräumlichen Sprache in der sozialräumlichen Praxis. In dieser Arbeit wurde
!
81!
der Fokus ausschliesslich auf die Sozialraumarbeit gerichtet. Über die vielfältig angelegte und
diskutierte Sozialraumorientierung lassen sich daher keine Aussagen machen.
10.2 Zentrale Erkenntnisse
Neben dem in Kapitel 8. entwickelten Berufsbild der sozialräumlichen Sozialen Arbeit sollen hier
noch einmal die wichtigsten Erkenntnisse dieser Arbeit zusammenfassend dargestellt werden:
• Die Gestaltung des Sozialraums über die Zugänge: ”Arbeit mit Menschen“, ”Gestaltung
von struktureller Steuerung“ und ”Gestaltung von Orten“, mit dem Einbezug der sozialpolitischen Transformationen und dem generierten Sozialkapital kann als Standardmodell
für die sozialräumliche Soziale Arbeit gesehen werden.
• Die sozialräumliche Soziale Arbeit zielt auf die Befähigung der Bevölkerung ab, am
gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, und auf die Förderung von Zufriedenheit, sozialem
Zusammenhalt, Integrität und Sicherheit. Eine weitere Funktion ist die Koordination und
Vernetzung sozialer Dienstleistungen im Sozialraum im Sinne der Synergiennutzung.
• Die Nutzung virtueller Sozialräume und die Verknüpfung dieser mit realen Sozialräumen
beinhaltet enormes Entwicklungspotenzial mit einem ungedeckten Bedarf an sozialen
Fragestellungen.
• Die Adressaten in der sozialräumlichen Sozialen Arbeit sind meist der Staat und die
Partner im Sozialraum. Die Abstimmung politischer Entscheidungen mit einer Mitwirkungsund Mitbestimmungskultur in der Bevölkerung wird dabei angestrebt.
• Die sozialräumliche Soziale Arbeit hat eine Netzwerkfunktion und ist Informationsstelle
nach Innen und Aussen. Das sozialräumliche Verständnis in der Politik und Verwaltung
hat eine Schlüsselfunktion. Handlungsbedarf besteht in der Einflussnahme auf bauliche
Massnahmen und strukturelle Veränderungen aufgrund des sozialräumlichen Bedarfs.
• Die sozialräumliche Soziale Arbeit bedingt eine optimale Verortung im Sozialraum als Teil
der Vernetzung. Die Organisationen platzieren sich an neuralgischen Punkten und sind
niederschwellig zugänglich.
• Es zeichnen sich zwei Hauptauslöser für die sozialräumliche Soziale Arbeit ab: die
Gemeindeentwicklung oder die Verbesserung der Lebensqualität und die Imagepflege bei
einer Konzentrierung von Problemstellungen. Die positive Kodierung von Lebensräumen
und Gesellschaftsprozessen ist das Ziel politischen Handelns und ergibt die Grundlage der
Installation von Sozialraumarbeit.
• Die sozialräumliche Soziale Arbeit ist ein eigenes Standbein der Sozialen Arbeit im Bezug
auf die Funktion, den Auftrag, die Klientel und die Interventionen. Sie unterscheidet sich
im Wesentlichen in der Ausrichtung auf Bevölkerungsgruppen, gesellschaftliche Systeme
und Netzwerke.
10.3 Berufsbildentwicklung
Das verwendete Attributemodell nach Kurtz (2005) ermöglicht die Einordnung des Berufsbildes
der sozialräumlichen Sozialen Arbeit in die Professionsentwicklung der Sozialen Arbeit. Die in
Kapitel 9.1 aufgezeigten Perspektiven der Entwicklungen fragen nach der weiteren Entwicklung
des Berufsbildes der sozialräumlichen Sozialen Arbeit. Als Vision kommen in den Ergebnissen der
Praxisforschung dieser Arbeit folgende strategische Ziele zum Ausdruck:
• Die Zukunft der sozialräumlichen Sozialen Arbeit wird zunehmend durch die Entwicklung
intelligenter Hilfesysteme und regionaler Solidaritätsnetzwerke sowie der Intensivierung
der transdisziplinären und -nationalen Sozialen Arbeit geprägt sein.
!
82!
•
•
•
Das Sozialkapitel als Wirkungsmessgrösse und Legitimationsargument der sozialräumlichen Interventionen wird verstärkt etabliert und eingesetzt.
Durch die Etablierung der sozialräumlichen Sozialen Arbeit in den interdisziplinären
Kontexten besteht für sie die Chance, in der Entwicklung der Inter- und Transdisziplinarität eine prägende Rolle innerhalb der Sozialen Arbeit übernehmen zu können.
Sozialräumliches Verstehen und eine entsprechende Denkweise etablieren sich bei
Professionellen der Politik, Verwaltung, Wirtschaft und weiteren Akteuren im Sozialraum.
Die sozialräumliche Soziale Arbeit wirkt dabei brückenbauend und zeigt präventive Erfolge
und generiert soziale, kulturelle und finanzielle Gewinne im Sozialraum mit
Ressourcenerschliessung und Synergiennutzung.
10.4 Ausblick
Im Sinne einer Weiterführung und Neuverwertung dieser Ergebnisse werden einige Optionen
aufgeführt. So könnte zur Präzisierung der Thematik das entwickelte Berufsbild der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit in einem Evaluationsverfahren bei Fachpersonen überprüft
werden. Eine andere Option wäre, eine breit angelegte Datenanalyse von sozialräumlicher
Fachliteratur mit Inhalten der sozialräumlichen Professionsentwicklung durchzuführen und in den
Vergleich mit den hier erarbeiteten Ergebnissen zu stellen. Weitere Forschungsperspektiven, die
in dieser Arbeit nicht behandelt werden konnten und sich folglich an diese anschliessen sind
beispielsweise: Professionelle Werthaltungen, ethische Grundsätze der sozialräumlichen Sozialen
Arbeit, Instrumente der Wirkungsmessung, die Messung des Sozialkapitals, Bewertung der
Sozialraumarbeit in der Bevölkerung. Die generierten Praxisdaten könnten zudem aus anderen
Blickwinkeln der Empirieauswertung heraus betrachtet werden: So könnten weitere Theorien der
Sozialraumarbeit, die klassischen Theorien der Sozialen Arbeit, die Sicht von Partnerdisziplinen im
Sozialraum oder der Klientel zum Ausgangspunkt gewählt werden, um nur einige Möglichkeiten
zu nennen. Die hier als Querthema verwendete Online-Beratung ergab ebenfalls wertvolle
Hinweise auf die Bearbeitung von virtuellen Räumen. Die sozialräumliche Arbeit in virtuellen und
kombiniert in realen Räumen sollte daher in künftigen Arbeiten genau untersucht und die
Möglichkeiten für die Soziale Arbeit eruiert werden. Die beschriebene Einschätzung, dass sehr
grosses Potenzial für die Soziale Arbeit in virtuellen Räumen liegt, braucht eine empirische und
theoretische Untermauerung. Die virtuelle Entwicklung schreitet rasant voran und prägt die
Bevölkerung zunehmend. Grund genug, sich als Soziale Arbeit verstärkt in virtuelle Welten zu
begeben, sich entsprechender Problemstellungen anzunehmen und ‚zeitgenössisch zu
kommunizieren’.
10.5 Dank
Bei den Berufspersonen in der sozialräumlichen Sozialen Arbeit möchte ich mich bedanken für die
Experteninterviews und das zur Verfügung Stellen von Organisationsunterlagen. Ich bedanke
mich ausserdem herzlich bei Herrn Prof. Dr. habil. Ulrich Otto für die engagierte und kritische
Fachbegleitung. Des Weiteren gilt ein grosser Dank Roger Signer für das ausführliche Lektorat
und die wertvollen Anregungen.
!
83!
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!
89!
Anhang
Ergebnisse der Inhaltsanalyse der Organisationsunterlagen der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit...................................................................91
Ergebnisse der Interviews mit Expertinnen und Experten der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit...................................................................113
Berufsbild der Professionellen Sozialer Arbeit von AvenirSocial...................116
!
90!
Ergebnisse der Inhaltsanalyse der Organisationsunterlagen der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit
Kodierregeln
,
,
,
,
,
,
,
,
Wenn Textstellen mehreren deduktiv gebildeten Kategorien und induktiv gebildeten
Unterkategorien zugeordnet werden können, sind sie bei der Kategorie mit der stärksten
Zustimmung.
Die minimale Grösse der Kodiereinheit richtet sich nach der Verständlichkeit des Satzteils.
Die Ankerbeispiele sind unbearbeitet aus den Dokumententexten übernommen.
Die Unterkategorien entsprechen der thematischen Häufigkeit des Auftretens der Themen
bei den Fundstellen (nicht bei den Ankerbeispielen).
Bei den Ausprägungen weisen der Grossteil der Fundstellen Richtung ‚stark’ für diese
Bezeichnung.
Besteht bei einer Textstelle keine Relevanz für die Zuordnung zu einer Kategorie wird sie
weggelassen.
Zuordnungen werden bei wörtlicher oder thematischer Übereinstimmung mit der
Kategorie vorgenommen.
Bei den Ausprägungen entspricht die Anzahl wörtliche oder synonyme Nennung von
Unterkategorien im gesamten Datenmaterial über 100 dem Prädikat ‚stark’, unter 30
entspricht ‚schwach’ und dazwischen liegt ‚mittel’.
Leseführung
In den einzelnen Kategorien nimmt die Wichtigkeit und Häufigkeit der auftretenden Themen in
den Zusammenfassungen der Ergebnisse im Lesefluss ab.
Die auftretenden Themen in der Ergebnisvorstellung sind in den einzelnen Kategorien
entsprechend ihrer abnehmenden Wichtigkeit und Häufigkeit geordnet.
Die konzentrierte Darstellung der Ergebnisse der Kategorien A – L ist bei 6.1 wiedergegeben.
Durch die Darstellung der Ergebnisse in den Qualitäten Zusammenfassung, Bewertung,
Unterkategorien, Ausprägungen und Ankerbeispiele werden die Befunde aus fünf verschiedenen
Fokussen beleuchtet.
Die Bewertung in den Experteninterviews bezieht sich auf die Zusammenfassung der
Datenanalyse pro Kategorie.
A Typen von fokussierten Sozialen Räumen
Zusammenfassung Datenanalyse
Der traditionelle durch geographische Grenzziehung definierte Raum dominiert das Verständnis
von Sozialen Räumen. Organisationen der sozialräumlichen Sozialen Arbeit setzen den Fokus
verstärkt auf Soziale Räume bezogen auf ihre Zielgruppe, meist die Bevölkerung. Dabei geschieht
die Eingrenzung häufig durch das Thema, das Ziel oder die Problemstellung. Der Soziale Raum
mit dem gewählten thematischen Fokus bezogen auf die Zielgruppe ergibt ein erfassbares
Konstrukt, in dem Interventionen ansetzen können. Soziale Räume bekommen durch die
sozialräumlichen Interventionen die Funktion von neu generierten sozialen Vernetzungen und
entstandenem Lebensraum. Diese Funktion der Entwicklung neuer Sozialräume wird in den
Organisationen als die zentrale Aufgabe gesehen. Dieser somit gesteuerte Soziale Raum
beeinflusst die Räume über die Wahrnehmung und Reaktion der Bevölkerung. Durch positive
!
91!
Raumbeeinflussungen wird in der Bevölkerung Identifikation und Verantwortung gestärkt,
würdiger Lebensraum geschaffen und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Virtuelle Räume
werden zunehmend durch die Soziale Arbeit genutzt. Diese Nachfrage in der Bevölkerung nach
virtuellen sozialarbeiterischen Dienstleistungen ist grösser als das Angebot. Die Sozialraumarbeit
beschäftigt sich im Kern mit dem Prozess der ständigen Neubildung von Sozialen Räumen.
Bewertung in Experteninterviews
Grundsätzlich werden diese Ergebnisse sehr unterstrichen. In der Praxis stehen geographische
Räume (Verwaltungssicht) versus Sozialraum (Sicht Soziale Arbeit) im Konflikt. Prozesse von
geographischer Grenzziehung zu einer Sozialraumorientierung werden wahrgenommen. Dass
Sozialraum erst durch klare Eingrenzung und Benennung greifbar wird, scheint der entscheidende
Punkt in der Sozialraumdiskussion der Praxis zu sein. Dabei müssen langfristige Themen zur
Eingrenzung gewählt werden, damit eine Entwicklung einschätz- und beschreibbar wird. Das
Neubespielen der Sozialräume mit den Beteiligten steht oft im Fokus der sozialräumlichen
Sozialen Arbeit.
Unterkategorien
Ausprägungen
schwach
mittel
stark
Sozialraum
Geographischer/
regulierter
Raum
Virtueller
Raum
Thematischer
Raum
Netzwerk
Lebensraum
Gesteuerter
Raum
x
x
x
x
x
x
x
Ankerbeispiele
Sozialraum
, Sozialraum überlappt Ortsgrenzen
, Aufgrund sozialer Strukturen auf mehrere Quartiere ausgeweitet
, Lokal als auch regional orientiert und hat zudem überregionale Bedeutung
, Sozialräume der Bewohnerinnen und Bewohner
, Begriff Sozialraum, dessen soziokultureller Kontext bisher nicht präzise geklärt werden
konnte
, Einen sozial konstruierten Raum, einen Lebensraum und sozialen Mikrokosmos, in dem
sich gesellschaftliche Entwicklungsprozesse manifestieren. Dabei definiert sich der Soziale
Raum ständig neu.
, Ressourcen und Defizite Sozialer Räume und individuelle Kompensation – materielle
Struktur des Sozialraums
, Der Sozialraum hält im besten Fall förderliche Bedingungen für verschiedene Formen
gesellschaftlicher Teilhabe bereit.
Geographischer/ regulierter Raum
, Konkrete Anliegen im dafür ausgewählten räumlichen Kontext
, Quartier als Unterstützungsrahmen und zentraler Punkt der Versorgung
, Grössere Identifikation mit Quartieren als mit der Stadt als Ganzes
, Räumliche Gliederungen der Stadt: z.B. Schulkreise, Stadtteile, Kirchkreise, politische
Kreise, die Raumplanungseinteilung, die Einteilung in Postkreise
, Klärung der räumlichen Gliederungen und Quartiergrenzen überschreitende Lösungen
!
92!
Virtueller Raum
, Beratung an dem Ort angeboten, an dem sie sich bewegen, dem Internet
, Virtuellen Raum eröffnen, der individuell betreten werden kann
Thematischer Raum
, Lokale Bildungslandschaft oder Sozialraum der Arbeitsstelle
, Gleichermassen Wohnraum, Wirtschaftsraum, Versorgungsraum, Bildungsraum, Kulturund Freizeitraum
Netzwerk
, Ausrichtung nicht geographisch, sondern auf Interessengemeinschaften
, Ressource zur Lebensbewältigung der dort lebenden Menschen
Lebensraum
, Würdiger Lebensraum durch aktivierenden und nahräumlich orientierten Ansatz
, Öffentlicher Raum als Ort des Zusammenseins steht allen Nutzenden offen
, Entsprechende Ermöglichungsräume, Ressourcen und Handlungsspielräume
, Zukunft Quartier - Lebensraum für alte Menschen
, Soziokultur ist in der Lebenswelt verortet und untersteht dem gesellschaftlichen Wandel
, Raumbezüge haben eine hohe Bedeutung für die Stabilisierung der eigenen Identität und
für das soziale System
Gesteuerter Raum
, Ermöglichungsräume, um Ideen zu entwickeln und umzusetzen und darüber Soziales
entstehen und wachsen zu lassen
, Werden als dezentrale Lebensräume in der Stadt gestärkt und weiterentwickelt
, Sozialräumliche Altersarbeit, Jugendarbeit, Suchtarbeit
, Quartiere sind in Bezug auf die gesellschaftliche Zusammensetzung und die örtliche Lage
höchst unterschiedlich und bedürfen daher unterschiedlicher Massnahmen
B Funktion und Wirkung der sozialräumlichen Tätigkeiten
Zusammenfassung Datenanalyse
Organisationen der sozialräumlichen Sozialen Arbeit bezeichnen die Funktion ihrer Tätigkeiten
meistens mit Prävention von Sozialen Problemen und Integration von benachteiligten Gruppen in
die Bevölkerung. Eine weitere zentrale Funktion ist die optimale Koordination und Vernetzung
sozialer Dienstleistungen im Sozialraum. Soziale Organisationen entsprechen mit einer
sozialraumorientierten Arbeitsweise im Idealfall dem Bedarf an Hilfestellung und Unterstützung
im entsprechenden Gebiet. Dabei wird die Schnittstelle zwischen der Bevölkerung und der
Verwaltung durch die sozialräumliche Soziale Arbeit bearbeitet. Diese Funktion wird als Prozess
gesehen bei dem die Ressourcen in der Bevölkerung und die staatlichen Ressourcen möglichst
optimal aufeinander abgestimmt werden. Mit gezielten Interventionen in den Sozialräumen, der
Vermittlung in Konfliktsituationen und der Partizipation der Bevölkerung bei sozialräumlichen
Entscheidungen werden nachhaltige Wirkungen erzielt. Die Gemeinwesenarbeit, die
Quartierkoordination oder die Online-Beratung, als einige mögliche Formen der Sozialraumarbeit,
!
93!
fördern Identifikation und Verantwortung bez. dem sozialen Umfeld, die Ressourcennutzung und
Problembewältigungskompetenz von Personen und Gruppen.
Bewertung in Experteninterviews
Praxisorganisationen sehen sich darin wiedergegeben und beschreiben ihre Tätigkeiten
vorwiegend Themen- und Zielgruppen bezogen. Die konkrete Arbeit ist oft nicht
problemfokussiert, sondern meint z.B. die Befähigung der Bevölkerung am gesellschaftlichen
Leben teilzunehmen oder die Förderung von Zufriedenheit, sozialem Zusammenhalt und
Sicherheit. Die Integritätsförderung der Bevölkerung wird durch professionelle Kompensationshandlungen unterstützt. Dabei steht das Subsidiaritätshandeln des Staates zu
bürgerschaftlichem Engagement im Zentrum. Der direkte Kontakt der Verwaltung zur
Bevölkerung wird entscheidend für Erfolg und ist äusserst schwierig bewertet. Die Überprüfung
der Angebote im Sozialraum ist meist eine Schnittstellenbearbeitung und die Nutzung der
Schnittmenge eine Synergie.
Unterkategorien
Ausprägungen
schwach
mittel
stark
Sozialraumorientierung
Sozialraumarbeit
Gemeinwesenarbeit
Prävention
Integration
Stellvertretende
Inklusion
x
x
x
x
x
x
Ankerbeispiele
Sozialraumorientierung
, Koordination, Vernetzung und Weiterentwicklung von Dienstleistungsangeboten in den
Gemeinden
, Baut auf Ressourcen der Menschen und deren soziales Umfeld
, Versorgung der Grundbedürfnisse trägt zur Verminderung der Mobilitätserfordernisse und
zur Nachhaltigkeit bei
Sozialraumarbeit
, Erheben und überprüfen den Bedarf, planen und evaluieren die Prozesse
, Quartierentwicklung ist Kontaktschiene und Frühwarnsystem
, Erhöht die Identifikation der Bevölkerung mit den öffentlichen Räumen und führt zu einer
positiven Sozialkontrolle
, Die Entwicklung von Quartierkultur ist ein partizipativer Prozess mit allen Beteiligten und
Interessierten.
, Bürgerinnen bezeichnen die Beteiligungsmöglichkeiten, ihre Meinung einbringen und
selbst am Geschehen mitarbeiten zu können als Novum.
, Macht Defizite in den Umgebungsbedingungen ausfindig und entwickelt Massnahmen und
Projekte für Entwicklung und Innovation
Gemeinwesenarbeit
, Projektleitung arbeitet eng mit den lokalen Behörden, Vereinen und weiteren Akteuren
zusammen
, Realistische Projektideen sind aus dem Prozess hervorgegangen.
!
94!
Prävention
, Vermittlung bei Konflikten und konkurrierenden Ansprüchen
, Prävention und Frühintervention sowie allgemeine Stärkung des sozialen Zusammenhalts
im Nahraum
, Online-Beratung eröffnet neue Möglichkeiten der Selbstpräsentation der Ratsuchenden
und verändert die Beziehung zu Beraterin oder Berater
, Leistet einen präventiven Beitrag zur Bekämpfung sozialer Isolation
Integration
, Beitrag zum sozialen Frieden, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Wertekonsens
, Fördert den soziokulturellen Austausch und stellt die Partizipation und Integration der
Quartierbevölkerung sicher
, Niederschwellige Unterstützung- und Integrationsfunktion bez. allen Anspruchsgruppen
und dem Sozialraum
, Orte des Austausches geschaffen, bei denen Jugendliche mit anderen Eltern und Eltern
mit Jugendlichen, die nicht ihre eigenen Kinder sind, ein gegenseitiges Verständnis
erarbeiten
, Wirkungsfaktoren für Integrationserfolge in mehrfachproblematischen Situationen
Stellvertretende Inklusion
, Beratung erhält damit die einmalige Chance, zeitnah intervenieren zu können, wenn
Probleme auftreten
, Gelingt es uns, das friedliche Zusammenleben von Gemeinschaften mit sehr
unterschiedlichen Identitäten, Erwartungen und Lebensentwürfen zu fördern
C Methoden der Sozialraumarbeit
Zusammenfassung Datenanalyse
Die Methodenvielfalt in der sozialräumlichen Sozialen Arbeit ist gross. Die unterschiedlichsten
Methoden geben breite Zugangsmöglichkeiten zur Bevölkerung und eine Flexibilität für die Arbeit
auf den verschiedenen Tätigkeitsebenen von der Basis bis zu den Behörden. Die Kernmethoden
sind die Prozesssteuerung, die Arbeit mit Netzwerken und das Projektmanagement. In den
konkreten Tätigkeiten haben die Leitung und Moderation von Gruppen und Veranstaltungen und
die Vermittlung bei Konflikten eine wichtige Bedeutung. Das Coaching der freiwillig engagierten
Personen und die Beratung bei individuellen und sachspezifischen Problemstellungen sind weiter
zentral. Die soziokulturelle Animation als Grossmethode bekommt in einigen Tätigkeitsfeldern der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit eine Schlüsselfunktion für die Arbeit mit der Bevölkerung und
dem Initiieren von Entwicklungsmöglichkeiten. Alle Tätigkeiten sind von einer Bedarfserhebung
und der Evaluation der Leistungen abhängig, wobei sozialwissenschaftliche Methoden der Analyse
und Expertise zum Einsatz kommen.
Bewertung in Experteninterviews
Das Projektmanagement als Kernaufgabe wird sehr unterstrichen und aktivierenden Methoden
eine grosse Bedeutung zugesprochen. Die Herausforderungen sind die Prozesssteuerung, das
Konfliktmanagement und die methodische Knacknuss: Aufweichung des bürgerschaftlichen
Engagement versus Verwaltungskultur. Weiter gewinnen die Informationsvermittlung und eine
dem Thema und der Zielgruppe entsprechende Methodenwahl an Bedeutung. Rahmen-
!
95!
bedingungen für die Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens zur Verfügung stellen ist eine
Steuerungsmethode.
Unterkategorien
Ausprägungen
schwach
mittel
stark
Partizipationsprozesse
steuern
x
Netzwerkarbeit
x
Projekt-/
Kontraktmanagement
Analysen/
Evaluation/
Expertisen
Soziokulturelle
Animation
x
x
x
Moderation/
Vermitt
-lung
Beratung/
Coaching
x
x
Ankerbeispiele
Partizipationsprozesse steuern
, Partizipationsprozesse organisieren und begleiten
, Grundprinzipien des zivilgesellschaftlichen Handelns
, Partizipation ist nie als Selbstzweck, sondern immer in Relation zu ihren Zielwerten zu
sehen, als Mittel zur Erweiterung der Demokratie.
Netzwerkarbeit
, Kontaktpflege mit Organisationen und Anbietern im Sozialraum
, Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit
, Handlungs- und Deutungsmuster der Beteiligten entschlüsseln
Projekt-/Kontraktmanagement
, Projekt- und Quartiermanagement sowie Dokumentation dieser
, Führen von Sozialzeit-Einsatzmöglichkeiten
Analysen/ Evaluation/ Expertisen
, Sozialraumanalyse unter Einbezug der Bevölkerung
, Sozialwissenschaftliche Evaluation
, Aktivierende Interviewführung und Leitfadenentwicklung
, Bedarfsabklärungen zu Infrastruktur, Freizeitangeboten,...
Soziokulturelle Animation
, Soziokulturelle Animation und Gemeinwesenarbeit zur nachhaltigen Verbesserung Sozialer
Probleme
, Auseinandersetzung mit den Charakteren der Zielgruppen
Moderation/ Vermittlung
, Gruppensitzungen leiten und Anlässe organisieren, Grossgruppenmoderation
, Fachinputs und –referate sowie Workshops
Beratung/ Coaching
, Befähigung zur Selbsthilfe und Empowerment
, Beratung zu Integrationsthemen, Grundstückkonflikten, Freizeitgestaltung
, Aufsuchende Beratung im lebensweltlichen Kontext
!
96!
D Qualitätskriterien in der sozialräumlichen Sozialen Arbeit
Zusammenfassung Datenanalyse
In den Organisationen der sozialräumlichen Sozialen Arbeit wird nach den berufsethischen
Standards der Sozialen Arbeit gearbeitet. Gleichzeitig fliessen Kriterien der Verwaltung ein, wie
öffentliche Kommunikation und politische Unabhängigkeit und die Ausrichtung nach politischen
Prozessen. Das Qualitätsmanagement wird in Richtlinien und operativen Zielen beschrieben und
meist punktuell umgesetzt. Teilweise kommen Gesamtevaluationen zum Einsatz. Bei der
Prozessqualität sind die Ergebnisoffenheit, die öffentliche Zugänglichkeit und eine minimale
Reglementierung im Fokus. Die grössten qualitativen Anforderungen werden an die
Kommunikationskultur und Öffentlichkeitsarbeit gesetzt. Diese sind der Schlüssel des Zugangs zur
Bevölkerung und Grundlage für Sozialraumentwicklung. Das Bewusstsein, fachliche
Entwicklungen und Standards kontinuierlich in die Tätigkeiten einfliessen zu lassen, ist
weitgehend vorhanden. Da Ergebnisse nicht das alleinige Ziel der Sozialraumarbeit sind, werden
diese Qualitätskriterien sehr unterschiedlich bewertet: Erfolg bei Events, Zufriedenheit der
Beteiligten, Zustimmung in der Bevölkerung sind Beispiele für Indikatoren. Struktur- und
Führungsqualitäten sind vereinzelt beschrieben. Die Organisationen durchlaufen oft andauernde
strukturelle Veränderungen und passen sich den Entwicklungen an.
Bewertung in Experteninterviews
Dies wird als ein hoch anspruchsvolles Thema eingeschätzt. Dabei geht es auch um das
Bekanntmachen von qualitativen Messmethoden der Sozialen Arbeit bei politischen
Entscheidungsträgern. Für die politische Legitimation ist es notwendig eine Messbarkeit
herzustellen. Konkret werden Wirkungsindikatoren (Nutzungsintensität, Kostendeckungsgrad,
Projektstand,...) für die Messung der Quartierarbeit eingesetzt. Wichtig scheint, Settings und
Ziele so zu wählen, dass Ergebnisse möglich werden. Z.B. kann die Ergebnisdefinition auf
Prozessqualitäten und den Grad der Zufriedenheit ausgeweitet werden. Die breite politische
Anschlussfähigkeit und Sensibilität fehlt zur fachlichen Sozialraumarbeit. Der Einbezug der Politik
in die Schnittmenge und Messung als Teil des Sozialraums wird vorgeschlagen. Damit könnte der
fehlende Einbezug von sozialräumlichen Aspekten in Legislaturziele intensiviert werden.
Unterkategorien
Ausprägungen
schwach
mittel
stark
Strukturqualität
Prozessqualität
Ergebnisqualität
Fachliche
Standards
x
x
Kommunikation/
Öffentlichkeitsarbeit
Führung/
Controlling
x
x
x
x
Ankerbeispiele
Strukturqualität
, Ist eine glaubwürdige, verbindliche und zuverlässige Partnerin
, Virtuelle Beratungsstelle bietet eine muttersprachliche Beratung
, Niederschwelligen Zugang zu den sozialen Versorgungsdienstleistungen
!
97!
Prozessqualität
, Grundsatzpapiere zur internen Projektbearbeitung und -auswertung zum Abschluss von
Vereinbarungen, zur Bearbeitung von Anfragen und zu Anträgen für Projektbeiträge
, Fachliche Steuerung in der Konzept- und Umsetzungsphase
, Vorgängige Klärung, wie Kontinuität von Prozessen gewährleistet werden kann
, Prozesse sind innerhalb des gesetzten Rahmens grundsätzlich ergebnisoffen
, Prozesse sind grundsätzlich öffentlich zugänglich
, Kultur des sozialen Lernens, der Partizipation, des Gemeinschaftlichen in der Stadt
, Respektvollen, sorgfältigen und achtsamen Umgang mit allen Beteiligten
, Unabhängig davon, ob sie das politische Stimmrecht besitzen
Ergebnisqualität
, Laufend evaluiert und Massnahmen zur Verbesserung der Nachhaltigkeit
, E-Mail-Beratung mit einer Signatur versehen, die bestätigt, dass die Antwort von einer
qualifizierten Fachkraft erstellt worden ist
, Staatliche Planungsprozesse und öffentliche Versorgungsangebote sind nur dann
nachhaltig , wenn diese auch von der Bevölkerung mitgetragen werden.
Fachliche Standards
, Kreis der Beteiligten ist aufgrund nachvollziehbarer Kriterien definiert
, Zur Sicherung der Leistungsfähigkeit und der Qualität eine externe Supervision
, Fachliche Leitlinien und Qualitätsstandards für die Beratung im Internet
, Schaffen ein verständliches Modell, welches aufzeigt, wie wir die Qualität unserer
Tätigkeit kontinuierlich verbessern und achten darauf, unsere Arbeit nicht zu stark mit
Richtlinien und Prozessen zu reglementieren
, Berufsethische Grundätze der Sozialen Arbeit (Berufskodex)
Kommunikation/ Öffentlichkeitsarbeit
, Budgetiert Betrag für die Ausweisung und Wertschätzung der Freiwilligenarbeit
, Regelmässige koordinierte, für alle nachvollziehbare Kommunikation schafft Transparenz
, Ständige Präsenz im Internet
, An alle Bevölkerungsschichten und ist dementsprechend nicht schicht-, alters- und
kulturspezifisch
, Monitoring, um Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, Erwartungen offenzulegen und
Erfahrungen quartierübergreifend nutzbar zu machen
Führung/ Controlling
, Entscheidungen fällen aufgrund gültiger Kriterien der Quartierentwicklung
, Realistische Projektziele setzen und geeignete Indikatoren und Verfahren entwickeln, mit
deren Hilfe sich aufzeigen lässt, wie sich unsere Tätigkeit auf die Begünstigten auswirkt
, Eine qualifizierte Planung und Wirkungsmessung quartierbezogener Massnahmen
E Qualifikation der in der Sozialraumarbeit Tätigen
Zusammenfassung Datenanalyse
Mehrheitlich wird ein tertiärer Bildungsabschluss in Sozialer Arbeit oder einem verwandten Gebiet
vorausgesetzt. In basisorientierten Teilprojekten ist eine soziale Berufsbildung vorzufinden. Eine
!
98!
Weiterbildung ist meist Bedingung, vorzugsweise in den Themen Gemeinwesenentwicklung,
Soziokultur, Erwachsenenbildung, Management oder Coaching. Sozial- und Führungskompetenzen, bezogen auf eine öffentlich-rechtliche Organisation, und fundierte Erfahrungen in
einigen Methoden der sozialräumlichen Sozialen Arbeit sind unerlässlich. Bei der Online-Beratung
kommen Beratungskompetenzen ins Zentrum, sowie Softwarekenntnisse und die Vernetzung mit
einer Beratungsstelle.
Bewertung in Experteninterviews
Der Grad der Ausbildung wird zwiespältig gesehen. Ein Bachelor- oder Masterabschluss ist
teilweise nicht Bedingung für die Sozialraumarbeit, sondern es wird eine spezifische
Weiterbildung in der Gemeinwesenentwicklung vorausgesetzt. Auch eine soziale Berufsausbildung
mit sekundärem Bildungsabschluss ist in der Praxis möglich. Sehr betont werden die
biographische Eignung, berufliche Erfahrungen in systemischer Arbeitsweise und eine
Kommunikations-, Beziehungs- und Persönlichkeitsstärke. Als sehr wichtig werden Zusatzausbildungen in der Erwachsenenbildung und in Supervision für die Arbeit mit den heterogenen
Zielgruppen und komplexen Settings gesehen. In der Praxis sind zudem administrative
Fähigkeiten unerlässlich.
Unterkategorien
Ausprägungen
schwach
mittel
stark
Studium
Soziale
Arbeit
Weiterbildung/
MAS
Berufserfahrung
Sozialkompetenz
Führungskompetenz
Verwaltungserfahrung
x
x
x
x
x
x
Ankerbeispiele
Studium Soziale Arbeit
, Ausbildung auf Stufe Universität/ Fachhochschule oder höhere Fachschule (Sozialarbeit/pädagogik, Soziokultur) mit Zusatzausbildung z. B. in Gemeinwesenarbeit/ Projektmanagement/ Organisationsberatung/ Erwachsenenbildung/ Coaching/ Eventmanagement/
Qualitätsmanagement
Weiterbildung/ MAS
, Beherrschung der jeweiligen für die Aufgabe erforderlichen Software
, Bereitschaft für regelmässige Weiterbildung
Berufserfahrung
, Erfahrung in der Gemeinwesenentwicklung/ -arbeit
, Erfahrung in der Projektleitung oder der Führung von Arbeitsgruppen
, In einer Erziehungs- und Familienberatungsstelle tätig
Sozialkompetenz
, Offene und kommunikative Persönlichkeit mit zeitlicher Flexibilität
, Sozialkompetenz, interaktive Alltagskompetenz und interkulturelle Kompetenz
, Kombiniert professionelles Engagement und qualifizierte Freiwilligenarbeit
!
99!
Führungskompetenz
, Innovatives, ressourcen-, ziel-, wirkungs- und prozessorientiertes Arbeiten
, Praxisanleitung von Studierenden
Verwaltungserfahrung
, Flair für organisatorische und administrative Aufgaben
, Erfahrung im Umgang mit Behörden und Gemeindestrukturen
F Sozialräumliche Zielsetzungen und Art der Ziele
Zusammenfassung Datenanalyse
Die Ziele in den Organisationen sind meist langfristig ausgerichtet und teilweise von politischen
Legislaturzielen abgeleitet. Strategisch gibt es breite und hohe Zielsetzungen, bei der
Ausformulierung der operativen Ziele besteht viel Freiraum. Zentrales Ziel ist die Etablierung
einer Mitwirkungskultur, die insbesondere das Zusammenwirken von Bewohnerschaft und
Verwaltung erleichtern. Die Bearbeitung von Sozialen Problemen im Sozialraum richtet sich auf
die Förderung von Lebensqualität, einer guten Dialogstruktur, einer nachhaltigen
Gemeinwesenentwicklung und der sozialen Sicherheit im breiten Sinn aus. Soziales und
kulturelles Kapital sollen gefördert und die Lebensbedingungen für zukünftige Generationen
nachhaltig verbessert werden. Die meisten Ziele sind sozialen Charakters. Wirkungsziele in Bezug
auf die Bevölkerung und den Sozialraum, scheinen die Form für sozialräumliche Zielformulierungen zu sein. Hingegen werden kaum Leistungsziele kommuniziert. Versorgungsstrukturen,
als optimal abgestimmtes Hilfesystem, werden angestrebt. Dem steht als Zielsetzung der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit entschieden die Entwicklung der Bevölkerung zur
Mitwirkungsgesellschaft gegenüber. Die Abstimmung der Zielsetzungen auf die Akteure und
Vernetzungspartner im Sozialraum gilt als hohes Ziel im Sinne der gemeinsam zu bearbeitenden
Themen.
Bewertung in Experteninterviews
Primär wird die Problematik erwähnt, dass die Verwaltung nicht in der Mitwirkungskultur steht
und die Überwindung von Hierarchien ein gewünschter Entwicklungsbedarf ist. Das Verändern
und Schaffen von strukturellen Bedingungen, als Zielsetzung auf allen Ebenen im Sinne der
Durchlässigkeit, wird von der Sozialraumarbeit angestrebt. Stadt-Land-Unterschiede prägen in
Bezug auf langfristige Ziele, da in Landregionen weniger Professionelle in der Politik agieren. Die
Weiterbildung für strategische, politische Führungspersonen im sozialräumlichen Verständnis und
der Partizipation sei notwendig, denn teilweise wird die Politik als massive Bremse in der
sozialräumlichen Arbeit wahrgenommen. Die sozialräumliche Soziale Arbeit hat eine
Netzwerkfunktion und ist Informationsstelle gegen Innen und Aussen (z.B. für die Verwaltung mit
Wirkung gegen Innen). Handlungsbedarf besteht in der Einflussnahme auf bauliche Massnahmen
und strukturelle Veränderungen aufgrund des sozialräumlichen Bedarfs.
!
100!
Unterkategorien
Ausprägungen
schwach
mittel
stark
Wirkungsziele
Leistungsziele
Kurzfristige
Ziele
x
x
Langfristige
Ziele
Politische
Ziele
Soziale
Ziele
x
x
x
Finanzielle
Ziele
x
x
Ankerbeispiele
Wirkungsziele
, Setzt sich für eine sozialverträgliche und nachhaltige Quartierentwicklung ein
, Unterstützt die Bevölkerung beim Einwickeln innovativer Lösungen zur Verbesserung der
Lebensqualität und Identifikation mit dem Quartier
, Vermittelt gesellschaftlich relevante Themen sowie gesellschaftskritische Ansätze
Leistungsziele
, Neuzugezogene zu erreichen und Quartierkultur auf dem freien Feld zu etablieren
, Verbesserung der Lebensbedingungen und Stabilisierung der Sozialstrukturen
, Tägliche Präsenz an den wichtigsten Treffpunkten im öffentlichen Raum
, Soziodemografische Daten zu den Quartieren (Monitoring) erarbeiten
Kurzfristige Ziele
, Quartierentwicklung koordiniert die Medienarbeit
Langfristige Ziele
, Soziale Angebote im Sozialraum aufbauen, vernetzen und aufeinander abstimmen sowie
eine gute Dialogstruktur entwickeln
, Ausgestaltung und Entwicklung des Angebotes der Quartierkoordination
, Gemeinwohlorientiert, öffentlich, gemeinschaftlich, selbstorganisiert und kooperativ
, Soziales und kulturelles Kapital zu fördern und die Lebensbedingungen für zukünftige
Generationen nachhaltig zu verbessern
Politische Ziele
, Ermitteln der Bedürfnisse im Sozialraum und dessen Gestaltung
, Erhöhung der sozialen Sicherheit im Sozialraum
, Von der Versorgungs- zur Mitwirkungsgesellschaft
, Nachbarschaftshilfe zu entwerfen und darüber auch eine Mitwirkung in der Quartierentwicklung
, Eine solidarische Gemeinschaft mit lebenswerter Umwelt
, Setzen wir Akzente bei der sozialen Integration, Chancengleichheit und der Anwaltschaft
für sozial benachteiligte Menschen.
, Öffentliche Räume werden aufgewertet und Strategien für den Umgang mit Nutzungskonflikten entwickelt
Soziale Ziele
, Baut auf Ressourcen der Menschen und deren soziales Umfeld
, Fördern und wertschätzen das freiwillige Engagement und die aktive Mitwirkung der
Bevölkerung und Organisationen
!
101!
,
,
Neuaneignung des sozialen Nahraumes
Setzen uns ein, dass Menschen ihre bürgerlichen, politischen, wirtschaftlichen, sozialen
und kulturellen Rechte kennen und in der Lage sind, diese einzufordern
Finanzielle Ziele
, Erhaltung und Verbesserung der städtebaulichen Qualität, Stärkung der Wohnattraktivität,
Verbesserung der städtischen Infrastruktur, Integration benachteiligter Gruppen,
Unterstützung selbsttragender Strukturen
G Steuerungsprozesse und Bearbeitung des Sozialraumes
Zusammenfassung Datenanalyse
Die sozialräumliche Soziale Arbeit nimmt ihren spezifischen Fokus der Sozialraumbearbeitung ein,
ergänzend zu all den Institutionen, die am Raum arbeiten. Die Förderung und Herstellung von
sozialer Vernetzung und Begegnungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum spielen dabei die
wichtigste Rolle. Das Sozialkapital in der Gesellschaft zu fördern und soziale Ressourcen zu
erschliessen, wird mit der Stärkung des Engagements der Bevölkerung angestrebt. Es geht auch
um eine Sensibilisierung der Sichtweise auf Sozialräume und deren Potenzial. Der öffentliche
Diskurs zu Sozialen Problemen wird in Sozialräumen gefördert. Bei der Online-Arbeit entstehen
durch virtuelle Themenveranstaltungen neue temporäre Sozialräume. Die Steuerung im
Sozialraum wird oft mit Leistungsverträgen zwischen den Akteuren geregelt. Dabei wird die
Ausrichtung der Angebote aufs ganze Versorgungssystem zentral gesehen und ist regelmässig zu
koordinieren. Bei der materiellen Raumgestaltung ist die Sozialraumarbeit als Fachpartnerin bei
anderen Disziplinen wenig gefragt. Eine generationengerechte Gestaltung der Räume ist ein
Anliegen mit grossem Umsetzungsbedarf.
Bewertung in Experteninterviews
Es besteht eine grosse Zustimmung. Schnittstellen in der Sozialraumarbeit zu andern Akteuren
sind bewusst und sensibel zu gestalten. Einige Facetten der Steuerung werden ergänzt:
Politikerinnen und Politiker bieten eine Plattform der Auseinandersetzung und
Quartierbegehungen, die Bevölkerung mit Migrationshintergrund beansprucht eine differenzierte
Mitwirkungskultur und die Quartierentwicklung als Fachstelle für Partizipation, Moderation und
Mitwirkung. Die soziale Stadtentwicklung als politisches Instrument mit Sozialraumanalysen,
Planung und Information bietet eine gute Grundlage für die Sozialraumarbeit. Bei der Gestaltung
und Mitbestimmung der Bevölkerung von Orten ist die Unterscheidung von Nutzung und
Gestaltung im Sinne einer Nutzungsorientierung zentral, um der Funktion der Orte gerecht zu
werden. Eine Bedürfnisorientierung und Mitwirkung in Kleinprojekten (z.B. Spielplatz) ist sinnvoll.
Die sozialräumliche Soziale Arbeit hat die Chancen der Quartierentwicklung zu nutzen. Diese sind
oft nicht problematisiert, sondern sehr präventiv und ressourcenorientiert geprägt.
!
102!
Unterkategorien
Ausprägungen
schwach
mittel
stark
Leistungsvertrag
x
Versorgungssystem
Raumgestaltung
Öffentlicher
Diskurs
x
x
Gesellschaftliches
Engagement
Vernetzung
x
x
x
Ankerbeispiele
Leistungsvertrag
, Fördert die öffentliche Freizeitgestaltung mit Angeboten, Leistungsvereinbarungen und
Subventionen
, Aushandlungsprozesse zwischen den Akteuren
Versorgungssystem
, Zu sozialen Versorgungsdienstleistungen in Workshops den Handlungsbedarf identifiziert
und Projektideen erarbeitet
, Einsetzung einer interdirektionalen Steuergruppe Quartierkoordination
, Fachperson initiiert in den Quartieren einen Entwicklungsprozess zur Ausarbeitung eigener
Modelle und Strukturen
Raumgestaltung
, Quartier-, Freizeit- und Werkräume zur Verfügung stellen
, Förderung infrastruktureller und konstruktiver Begegnungsmöglichkeiten
, Die Gestaltung der Stadt, der urbanen Räume für alle Generationen und für ein aktives
und eingebundenes Älterwerden
, Einzel-/ Gruppenchat, Themenchat, Diskussionsforum, virtuelle Veranstaltung
, Öffentlicher Raum, den heute eine Vielzahl vom Staat mehr oder weniger unabhängiger
Vereinigungen mit unterschiedlichem Organisationsgrad und -form bilden – etwa
Initiativen, Vereine, Verbände
, Bedeutung des öffentlichen Raumes wird weiterhin zunehmen
, Quartierbezogene Strategien reflektieren und kontrollieren
Öffentlicher Diskurs
, Perspektivenänderung von Problemsicht zur Sicht der Gemeinwesenarbeit
, Fragen und Optionen der Raumgestaltung
, Öffentlicher Diskurs zu sozialen Problemstellungen
, Subjektive Sicht auf Sozialräume als individuelle Bedeutungs- und Handlungsorte
Gesellschaftliches Engagement
, Vereine und Organisationen, deren Leistungen den Bedürfnissen der Allgemeinheit
entgegenkommen, werden projektbezogen unterstützt und regelmässig überprüft
, Subsidiarität als eine politische und gesellschaftliche Maxime, die Eigenverantwortung vor
staatliches Handeln stellt
, Raumbezogene Identität und zivilgesellschaftliches Engagement stehen in Wechselwirkung zueinander
!
103!
Vernetzung
, Einbezug aller Ansprechsgruppen und Nonprofit-Organisationen mit denen das
Sozialzentrum im Sozialraum zusammenarbeitet
, Kooperation und gemeinsame materielle und personelle Ressourcennutzung fördern
, Begleitung durch tragfähige soziale Netzwerke
, Mit neuen temporären Begegnungsorten eröffnen wir Erfahrungshorizonte, bringen
Bewohnerinnen und Bewohner zusammen und unterstützen sie bei der Umsetzung ihrer
Veränderungswünsche.
H Sozialräumliche Arbeit mit Personen und Netzwerken
Zusammenfassung Datenanalyse
Die Netzwerkarbeit hat eine Kernfunktion in der sozialräumlichen Sozialen Arbeit. Netzwerke mit
Akteuren und Anbietern sozialer Dienstleistungen oder sich ergänzenden Angeboten im
Sozialraum sind eine verbreitete Form und die Aufgabe besteht in deren Koordination oder
Initiierung. Eine weitere Form sind soziale Netzwerke in der Bevölkerung unterschiedlichster Art,
die meist ehrenamtlich geführt werden und von sozialräumlichen Organisationen unterstützt,
initiiert oder finanziert werden. Für benachteiligte Gruppen solche zu entwickeln, gehört zu den
Kernaufgaben Sozialer Arbeit. Die Arbeit mit Einzelpersonen hat in der Sozialraumarbeit kaum
den Charakter der Beratung zu individuellen Problemstellungen, sondern ist geprägt durch die
Gewinnung, Entwicklung und Begleitung von freiwillig Engagierten in der Bevölkerung für die
Netzwerkarbeit. Dabei bekommen Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die es zu gewinnen und
coachen gilt, in der Bevölkerung für sozialräumliche Anliegen eine entscheidende Bedeutung.
Bewertung in Experteninterviews
Diese Ergebnisse treffen gut die sozialräumliche Praxis. Die Triagefunktion bei der Beratung von
Einzelpersonen wird hinzugefügt und die Beziehungsarbeit zu Einzelpersonen als äusserst wichtig
betont. Vor allem Generationen übergreifende Projekte bedingen neue Netzwerke. Professionelle
der Sozialraumarbeit injizieren Projekte als Akteure, um Synergien zu nutzen.
Unterkategorien
Ausprägungen
schwach
mittel
stark
MultiplikatorInnen
Benachteiligte
Gruppen
Einzelberatung
Themengruppen
Akteure/
NPO/
Vereine
Freiwillige
x
x
x
x
x
x
Ankerbeispiele
MultiplikatorInnen
, Phase der Gewinnung von Multiplikatoren und Multiplikatorinnen
, Ressourcen zu investieren, sowie im eigenen Netz als Botschafter und Botschafterin
aufzutreten
, Mitwirkung wird in allen Phasen des Prozesses gewährleistet
!
104!
Benachteiligte Gruppen
, Vernetzungstreffen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen
, Die räumliche Umgebung in Verbindung mit dem sozialen Handeln zu bringen
, Einbezug schwer erreichbarer Zielgruppen
, Weniger Einzellösungen, mehr gesamtgesellschaftliche Lösungen (Synergien nutzen)
Einzelberatung
, Wird mit der Internetberatung ein Ort geboten, wo sie unter der fachlichen Moderation
von Beratern sich ihren Problemen und Krisen stellen und Lösungsperspektiven erarbeiten
können
, Eröffnet die Onlineberatung Einblicke in die Gefühlswelten der Jugendlichen, wie sie in der
örtlichen Beratung nicht möglich sind
, Die Menschen wissen selber am besten, was sie brauchen und besitzen Fähigkeiten, ihre
Ideen und Wünsche umzusetzen.
Themengruppen
, Aufbau und Pflege von Netzwerken und Unterstützung von Einzelpersonen
Akteure/ NPO/ Vereine
, Quartierfonds mit aktivierender Funktion zur Bildung von Netzwerken
, Schnittstelle zwischen Verwaltung, Quartierbevölkerung und Akteuren
, Benachteiligte Bevölkerungsgruppen in Netzwerken zusammenbringen und strategische
Allianzen mit spezialisierten Institutionen auf nationaler und internationaler Ebene bilden
Freiwillige
, Mit den Ressourcen von Freiwilligen vorsichtig umgehen und Anerkennung gewährleisten
I Verortung der Organisation / Strukturen/ Ressourcen im Sozialraum
Zusammenfassung Datenanalyse
Die sozialräumliche Soziale Arbeit bedingt eine optimale Verortung im Sozialraum als Teil der
Vernetzung. Die Organisationen platzieren sich an neuralgischen Punkten und sind
niederschwellig zugänglich. Dies gilt auch für die Onlineberatung, nur geschieht die Verortung mit
Links auf themenverwandten Homepages, die vom Zielklientel gefunden werden. Eine weitere
Form ist die Anpassung der Verortung gemäss Veränderung des Sozialraums: mobile Soziale
Arbeit mit mobilen Räumlichkeiten. Dezentrale Verortungen in Agglomerationen bringen den
Vorteil, nahe bei der Bevölkerung zu sein. Leitbilder und Konzepte für die Sozialraumarbeit
werden meist abgestimmt auf die Sozial- und Raumplanung der Gemeinde geschrieben. Von den
Beteiligten und Akteuren wird die konzeptionelle Grundlage möglichst gemeinsam getragen.
Diese braucht grossen Handlungsspielraum, um prozessorientiert arbeiten zu können. Oft
geschieht Sozialraumarbeit in befristeten Projekten. Die langfristigen Ressourcen sind ungeklärt
und diese lassen die sozialräumlichen Interventionen schwierig planen und nachhaltig gestalten.
In einigen Organisationen besteht ein Sozialraumbudget, das gemeinsam von allen Akteuren
sozialraumorientiert eingesetzt wird. Strukturell ist die sozialräumliche Soziale Arbeit als Stiftung
oder als Teil der Verwaltung organisiert und oft mit Leistungsverträgen gesteuert. Die
Führungskultur ist weitgehend der Arbeitskultur angepasst und ist partizipativ, aber strategisch
straff. Die Organisationen sind wissenschaftlich begleitet oder gehören einem Fachgremium an.
!
105!
Bewertung in Experteninterviews
Es besteht eine grosse Zustimmung. Die Verortung der Organisation ist zielgruppen- und
projektabhängig. Die dezentrale Verortung ist auch in anderen Disziplinen (Polizei, Spitex,...)
sinnvoll. Eine kleinräumige und niederschwellige Ausrichtung ist abgestimmt auf die
Mobilitätsfähigkeit des Klientels. Die Ressourcen sind in starker politischer und finanzieller
Abhängigkeit. Der Ausbau der sozialräumlichen Sozialen Arbeit erfolgte in den letzten Jahren und
aktuell gilt es meist den Istzustand zu halten.
Unterkategorien
Ausprägungen
schwach
mittel
stark
Organisation im
Sozialraum
Vielfalt der
Verortung
Definierte
Ressourcen
und
Strukturen
Führungshierarchie
Sozialraumbudget
Leitbild/
Konzept
x
x
x
x
x
x
Ankerbeispiele
Organisation im Sozialraum
, Intermediäre Koordination des Versorgungssystems wird durch eine ausserhalb der
Verwaltungsstruktur angesiedelte Person wahrgenommen
, Bedarf einer institutionalisierten, langfristig ausgerichteten Zusammenarbeit mit klaren
Ansprechpersonen und Verlässlichkeit
, Mit Projekten im Sozialraum erreichen wir mehr Menschen, die sich wenig aktiv im
Lebensumfeld engagieren.
Vielfalt der Verortung
, Pro Sozialregion ein Sozialzentrum für ambulante Dienste und Soziokultur
, Niederschwelligen und raschen Zugang zu Informationen und Beratung
, Dezentralisierung der Quartierarbeit
, Anlaufstelle für die Bevölkerung und Sprechstunden im Quartier
, Regelmässige Präsenz an den öffentlichen Treffpunkten und sozialen Brennpunkten
, Beratungsangebote im Internet sind nicht auf örtliche Zuständigkeiten begrenzbar
, Beratung im Internet wird durch örtliche Beratungseinrichtungen erbracht
Definierte Ressourcen und Strukturen
, Die Stadtbehörden sind verantwortlich für die Rahmenbedingungen und das gute
Funktionieren eines Quartiers.
, Projekte verfügen über gesicherte personelle und finanzielle Ressourcen
, Je 1 Mio Einwohnerinnen und Einwohner in Deutschland ein/e Berater/in, die je für 10
Stunden pro Woche mitwirken; Total sind 82,5 Fachkräfte zur Leistungserbringung
erforderlich.
, Soziokulturelle Arbeit ist fest verankert im Stadtteil, der Nachbarschaft oder im Dorf
Führungshierarchie
, Straffe und effiziente Führung mit Stabstelle als wissenschaftliche Begleitung
, Auf welcher Ebene Prozesse einer Sozialen Stadtentwicklung installiert werden
, Quartierentwicklung als strategische Führungsaufgabe
!
106!
Sozialraumbudget
, 10% der Kontraktsumme des Sozialraumbudgets wird durch die Sozialraumkonferenz
flexibel nach Bedarf im Sozialraum eingesetzt
, Leistungsabhängige Grundleistung mit Indikatoren und sozialraumorientierte Leistung mit
Bericht
, Dauerhafte Bereitstellung der erforderlichen personellen und materiellen Ressourcen
Leitbild/ Konzept
, Hat ein abgesichertes, transparentes Budget und eine offene Rechnungsführung
, Fachkräfte unterschiedlicher Fachrichtungen bilden das multidisziplinäre Team der
virtuellen Beratungsstelle.
, Online Beratung: Barrierefreie Zugänge für Menschen mit Behinderungen
, Quartierentwicklung als eine Querschnittsaufgabe, die kontinuierlich gesehen und über
ein übergeordnetes Handlungskonzept gesteuert wird
, Integriertes Handlungskonzept, das sich stadtweit auf die Quartiere ausrichtet und die
Quartierorganisationen sowie Quartierstrukturen stärkt
J Bedarf und Legitimation der Sozialraumarbeit
Zusammenfassung Datenanalyse
Es zeichnen sich beim Bedarf zwei Hauptauslöser für die sozialräumliche Soziale Arbeit ab: die
Gemeindeentwicklung oder die Verbesserung der Lebensqualität und die Imagepflege bei einer
Konzentrierung von Problemstellungen. Die positive Kodierung von Lebensräumen und
Gesellschaftsprozessen ist das Ziel politischen Handelns und ergibt die Grundlage der Installation
von Sozialraumarbeit. Die Partizipation der Bevölkerung an Entscheiden im Gemeinwesen wird
gefordert und für diese Vermittlungsfunktion zu der Gemeindeverwaltung wird sozialräumliche
Soziale Arbeit eingesetzt. Da Soziale Probleme in Bevölkerungskreisen die soziale Kohäsion
gefährden, bekommt die Soziale Arbeit eine weitere Legitimation für das Wirken in Sozialen
Räumen. Versorgungssysteme zu ergänzen und zu optimieren, ist bei zunehmend komplexeren
Hilfesystemen eine Notwendigkeit, bei der die Soziale Arbeit teilweise koordinierende Funktion
übernimmt. Demographische Entwicklungen verlangen Anpassungen bei den sozialen
Dienstleistungen. Weiter ist der Bedarf an Online-Angeboten gross, wegen verändertem
Kommunikationsverhalten in der Bevölkerung.
Bewertung in Experteninterviews
Die Ergebnisse werden als treffend und wichtig gesehen. Entscheidend ist, dass die politische
Wahrnehmung auf Langfristigkeit und die Prozessqualitäten gelenkt werden kann. Schlussendlich
sind finanzpolitische Entwicklungen Gradmesser für die Legitimation. Positive persönliche
Erfahrungen mit Angeboten der Sozialraumarbeit sind oft entscheidend für die Unterstützung. Bei
Online-Angebote ist es sinnvoll, diese zielgruppenspezifisch und wertorientiert einzusetzen.
!
107!
Unterkategorien
Ausprägungen
schwach
mittel
stark
Partizipation
der
Bevölkerung
Gemeindeentwicklung
x
x
Hohe
soziale
Kohäsion
Nachhaltigkeit
x
x
Standortimage/
Lebensqualität
Soziale
Probleme
x
x
Ankerbeispiele
Partizipation der Bevölkerung
, Partizipative Prozesse sind aufwendig und bedürfen Ressourcen
, Stadtentwicklung mit partizipativem Ansatz setzt den politischen Willen voraus
, Bei der Umsetzung von staatlichen Planungs- und Versorgungsaufgaben ist die
Verwaltung auf die Kooperation mit der Bevölkerung angewiesen.
Gemeindeentwicklung
, Begleitete Quartierprozesse haben langfristig positive Auswirkungen auf die Entwicklung
, Zu einer Grundversorgung eines Stadtteils gehören u.a. Begegnungsräume, Sozialarbeitende und Soziokulturelle Animation
, Angebotslücke im Versorgungssystem zu füllen
, Die nächste Elterngeneration gehört zur ‚digitalen Generation’. Aus Sicht der Fachkräfte
liegt nichts näher, als die Funktionalitäten der sozialen Netzwerke zu Beratungszwecken
zu nutzen.
, Der Grund für eine Intervention im Sozialraum ist immer die Feststellung einer Lücke oder
eines Bedarfs.
, Strukturen in den Quartieren und in der Verwaltung sind oft nicht geeignet, den
gewachsenen Anforderungen der heterogenen Quartierbevölkerung zu genügen.
Hohe soziale Kohäsion
, Mit einem permanenten gesellschaftlichen Wandel konfrontiert
, Soziale Kohäsion ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass ein Gemeinwesen
Einwirkungen von Aussen und Störungen im Innern verarbeiten kann.
, Für altersgerechte sozialräumliche Entwicklungen spricht die demografische Entwicklung.
, Jugendliche oder Randgruppen erleben oft geringe Akzeptanz im eigenen Lebensraum
und flüchten in die anonymeren und aufgrund der intensiven Nutzung belasteteren Zonen
der Stadtzentren.
Nachhaltigkeit
, Stärkere Identifikation mit und Verantwortlichkeit für das Gemeinwesen
, Beratung im Internet bietet auch Möglichkeiten der Information/ Konsultation/ Beratung
für Fachkräfte in sozialen und pädagogischen Aufgabenfeldern
, Staatliches Engagement in der Quartierarbeit ist ein nachhaltiger Ansatz zur Verbesserung
des Verantwortungsbewusstseins.
, Quartiere erhalten Support, die Vielfalt in der Bevölkerung zu managen um
Benachteiligungen zu kompensieren.
!
108!
Standortimage/ Lebensqualität
, Tugendkreis: Funktionale Ziele – Gutes Image – Interesse von aussen – Investitionen –
Gute Lebensqualität – Sozialer Mix – Zufriedenheit – BewohnerInnen als Botschafter
, Aneignung des Sozialraumes und die Erkenntnis, dass der öffentliche Raum für alle
Lebensraum ist
, Quartierarbeit zur Stärkung des Gemeinwesens und als Teil der Stadtentwicklung hat in
Schweizer Städten Tradition.
Soziale Probleme
, Beratung im Internet wird insbesondere von Gruppen in Anspruch genommen, die von
sich selbst bekunden, dass sie eine örtliche Beratungsstelle nicht oder noch nicht
aufgesucht hätten.
K Sozialräumliche Interdisziplinarität und Transdisziplinarität
Zusammenfassung Datenanalyse
In kleinräumigen Kontexten wird interdisziplinär zwischen Verwaltung, Architektur, Wirtschaft,
Bildung, Gesundheitsbereich, Soziale Arbeit, u.a. zusammengearbeitet. Dabei werden Angebote
und Leistungen aufeinander abgestimmt. Die gemeinsame strategische Planung von
Sozialraumgestaltung und Entwicklung von Versorgungssystemen wird thematisiert, hat aber in
der Umsetzung eine marginale Bedeutung. Der interdisziplinäre fachliche Austausch in
überregionalen Gremien wird punktuell gepflegt im Sinne der konzeptionellen Entwicklung der
Sozialraumarbeit. Eine Aufweichung von Gemeinde- und Verwaltungsgrenzen zu Gunsten von
regionalen Versorgungssystemen und sozialräumlicher Kooperation ist wahrnehmbar. Vereinzelt
werden Sozialraumkonferenzen durchgeführt. Kaum vorhanden ist bei den Organisationen eine
transnationale und transdisziplinäre Zusammenarbeitsweise. Diese Entwicklung hängt von
übergeordneten politischen und wissenschaftlichen Prozessen ab, die von der Praxis der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit nur sehr bedingt beeinflusst werden können.
Bewertung in Experteninterviews
Die sozialräumliche Interdisziplinarität nimmt zu, bleibt aber ein hohes und visionäres Ziel.
Parallel dazu ist die verwaltungsinterne Kommunikationskultur zu fördern, wofür die
Sozialraumarbeit die Legitimation der Politik braucht. In der sozialen Stadtentwicklung gibt es die
Departements übergreifende Zusammenarbeit zwischen Polizei, Quartierarbeit, Schule, Sport,
Jugendberatung, Integrationsförderung und Alter. Grundsätzlich bleibt dies ein politisches
Führungsthema, worauf die Sozialraumarbeit bedingt Einfluss nehmen und mitgestalten kann.
Die Sozialraumarbeit müsste an der Dialogbereitschaft der Verwaltung zur Bevölkerung arbeiten,
was ein Dilemma ist. Dabei steht eine minimale Verwaltung im Widerspruch zur Förderung einer
Mitwirkungskultur. Die Mitwirkung der Politiker in Partizipationsprozessen ist gewünscht und
notwendig. Oft geht es in interdisziplinären Prozessen um gegenseitige Interessensicherung und
eine Stärkenausrichtung, je nach Disziplin und gegenseitigem Respekt und punktuellem Einbezug
nach Kompetenzen.
!
109!
Unterkategorien
Ausprägungen
schwach
mittel
stark
Transnationalität
Interdisziplinäre
Zusammenarbeit
x
Transdisziplinäres
Vorgehen
Über
Gemeindeund Ämtergrenzen
x
Sozialraumkonferenzen
x
Leistungskoordination
x
x
x
Ankerbeispiele
Interdisziplinäre Zusammenarbeit
, Unparteiisches, partnerschaftliches und transparentes Zusammenarbeiten mit diversen
Akteuren
, Offene Partizipationsprozesse bedingen ein integriertes (interdisziplinäres und ämterübergreifendes) Vorgehen
, In Zusammenarbeit mit dem Bereich Bau und Stadtentwicklung ein Konzept, sowie
konkrete Umsetzungsvorschläge erarbeitet
Transdisziplinäres Vorgehen
, Bei der Quartierentwicklung geht es um übergeordnete gesellschaftliche Planungs- und
Steuerungsaufgaben, die nur interdisziplinär und mit einer hohen Intensität an
Zusammenarbeit und Koordination gelöst werden.
Über Gemeinde- und Ämtergrenzen
, Mitarbeit in Fachgremien und regionalen, nationalen und internationalen Netzwerken
, Berät Verwaltungsstellen bei Mitwirkungsprozessen und Entwicklungsaufgaben
, Zusammenarbeit mit Mitbewerbenden und Ausbildungsstätten
, Die Schule ist vermehrt mit gemeinwesenorientierten Herausforderungen konfrontiert.
Sozialraumkonferenzen
, Jeweilige Strukturen anpassen an partizipative Prozesse und Schnittstellen entwickeln
, Einbindung der öffentlichen Organe und erarbeiten von Lösungsvorschlägen und
sozialpolitisches Entscheidungsargumentarium
, Sozialräumliche Interventionen zu fördern und mittels Sozialraumkonferenzen die Arbeit
der subventionierten Leistungserbringer aufeinander abzustimmen
Leistungskoordination
, Im Netzwerkmanagement grösstes Potential für die Erhöhung der Wirkung von sozialen
Leistungen im Sozialraum
, Einbezug der verschiedenen Anspruchsgruppen zur Erlangung von Steuerungsinformationen
, Funktion und Rolle des/ der KoordinatorIn muss von allen Beteiligten im
Unterstützungssystem anerkannt werden, damit die Umsetzung optimal funktioniert
, Leistungskoordination der im Netzwerk beteiligten Institutionen
, Bezeichnung von zuständigen Stellen innerhalb der Direktionen und Dienststellen mit
ausgewiesenen Serviceleistungen gegenüber den Quartieren
!
110!
L Bearbeitung Sozialer Probleme im Sozialraum
Zusammenfassung Datenanalyse
Soziale Probleme von Bevölkerungsgruppen und die Ursachen im Sozialraum von Sozialen
Problemen stehen im Fokus der sozialräumlichen Sozialen Arbeit. Die verschiedensten Faktoren
im Sozialraum, die einen Einfluss auf das Zusammenleben und die Lebensqualität haben, werden
von der Sozialraumarbeit präventiv oder bewältigend bearbeitet. Negative Phänomene wie
destruktives Verhalten von Personen und benachteiligte Gruppen werden in der Öffentlichkeit
thematisiert, an deren Ursachen gearbeitet und notwendige unterstützende Ressourcen
gefördert. Umweltbelastungen und fehlende Sicherheit im Quartier haben grossen Einfluss auf
das Wohlbefinden der Bevölkerung und den Gemeinsinn. Diese Vermittlungsfunktion der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit zur Gemeindeverwaltung für Verbesserungen ist verbreitet. Die
Verschiebung von Sozialräumen durch die virtuelle Kommunikation und Informationsflut durch
Medien, sowie die abnehmende Segregation in der Bevölkerung werden wahrgenommen. Es gibt
aber kaum explizite Massnahmen dagegen.
Bewertung in Experteninterviews
Oft geht es um die Wiederherstellung, dass Hilfe in Anspruch genommen wird. Folgende Themen
bekommen zunehmende Bedeutung: Alter und Migration, Verwahrlosung und die aufsuchende
Beratung. Die sozialräumliche Soziale Arbeit ist weniger problemorientiert, als die Soziale Arbeit
insgesamt.
Unterkategorien
Ausprägungen
schwach
mittel
stark
Benachteiligte
Gruppen
Segregation
in
Bevölkerung
x
Emissionen/
fehlende
Sicherheit
Schwindender
Gemeinsinn
Medien/
Informationsflut
Destruktives
Verhalten
x
x
x
x
x
Ankerbeispiele
Benachteiligte Gruppen
, Marginalisierte und stigmatisierte Bevölkerungsgruppen
, Vernachlässigte Quartiere mit beeinträchtigter Lebensqualität
Segregation in Bevölkerung
, Soziale Probleme im Quartier, die das Zusammenleben betreffen
, Segregation in den Quartieren, und der Zusammenhalt in der Bevölkerung schwindet
, Quartiere mit dichter Bebauung und sozioökonomischer Entmischung
Emissionen/ fehlende Sicherheit
, Littering, Vandalismus, Lärmemissionen, Migration, Verkehr/ Wohnqualität, bauliche
Hindernisse, Erziehungsprobleme, Ghettoisierung, Wertelosigkeit, mangelnder sozialer
Austausch und Vernetzung, Verständnis und Respekt
, Übernutzung führt zu negativen Folgeerscheinungen im öffentlichen Raum
, Sozialkontrolle nimmt ab als Folge der Individualisierung, der modernen Wohnformen und
der soziodemografischen Zentrumslasten
!
111!
Schwindender Gemeinsinn
, Mangel an Handlungskompetenz der Bevölkerung
, Fortschreitende Erosion des Gemeinwesens und des Gemeinsinns
, Entfremdung im eigenen Lebensraum und Verschiebung des Bezugsrahmens nach Aussen
, Im Sozialraum spiegeln sich eine Polarisierung und eine soziale Entmischung ab.
Medien/ Informationsflut
, Fehlende Transparenz der Behörden und Verwaltung
, Die unglaublich vielseitige multimediale Welt des Internet und der sozialen Netzwerke
erzeugt große Unsicherheiten.
, Innensicht eines Quartiers oft positiver als die Aussensicht
Destruktives Verhalten
, Negative Situationen genau erfassen und verstehen
, Deviantes, dissoziales und destruktives Verhalten
!
112!
Ergebnisse der Interviews mit Expertinnen und Experten der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit
Kodierregeln
,
,
,
,
Ziehen sich durch die Interviewtypen hindurch:
I1 – Koordination Versorgungssystem (Selbst- und Fremdverständnis)
I2 – Gemeinwesenarbeit (1 Person Selbst- und 1 Person Fremdverständnis)
I3 – Stadtentwicklung (Fremdverständnis)
Hauptthemen (Codes mit Mehrfachnennungen) sind fett markiert und werden in den
Memos beschrieben.
Ankerbeispiele aus dem Interview sind kursiv dargestellt.
Die minimale Grösse der Kodiereinheit richtet sich nach der Verständlichkeit des Satzteils.
Entwicklungen und sozialpolitische Transformationen in Organisationen der
sozialräumlichen Sozialen Arbeit
I1: Selbstverantwortung und Individualität, finanzielle Effizienz, Normalität in allen
Lebenslagen, Nachbarschaftshilfe, steuern mit Projekten im Quartier, Generationenhaus,
Professionalität
und
Freiwilligenarbeit,
generationengerechte
Quartiergestaltung,
Umverteilungsmechanismen, Ideenvielfalt versus finanzielle Ressourcen, Solidarität und
soziale Sicherheit
Memo: Der grosse Trend wird wahrgenommen in Richtung wachsender Selbstverantwortung
und individueller Lebensstile. Versorgungssysteme müssen zunehmend, nicht nur im
Altersbereich, darauf ausgerichtet werden: ‚so lange wie möglich zu Hause unterstützen, mit
guter Infrastruktur im Quartier, mit der Nachbarschaftshilfe und all den professionellen
Dienstleistern’. Dass dabei die finanzielle Effizienz ein wichtiger Faktor ist, erstaunt nicht.
Ambulante Systeme sind kostengünstiger: ‚wir bieten Unterstützung und es kommt der Stadt
finanziell zu Gute’. Die Nachbarschaftshilfe oder regionale Solidaritätsnetzwerke, beruhend auf
freiwilligem Engagement, als eine weitere Säule der sozialen Sicherheit werden in Zukunft mehr
gefördert werden und können den finanziellen Generationenvertrag entlasten und ergänzen. Da
werden zusätzliche Ressourcen gesehen, ‚da sich die Alten sehr engagieren und viel an das
gesellschaftliche Kapital beitragen’, die im Sinne einer Selbstverwirklichung der Bürgerinnen und
Bürger genutzt werden sollte. Die sozialräumliche Soziale Arbeit kann in diesen Prozessen
professionell steuern, auch in der Freiwilligenarbeit/ Netzwerkbildung und in der sozialen
Quartiergestaltung.
I2: Kompensation Begegnung im Quartier, Nachbarschaftshilfe, Generationendialog
fördern, Ideenvielfalt versus finanzielle Ressourcen, Generationen- und Gemeinschaftshaus,
Visionen verwirklichen, soziale Investitionen, Strukturen überprüfen und optimieren,
Versorgungssystem Soziale Arbeit
Memo: Dass die sozialräumliche Soziale Arbeit verstärkt Kompensationshandlungen zwischen
Personen und Gruppen injizieren muss, wird betont: ‚Begegnung im Quartier und von Jüngeren
zu Älteren werden seltener’. Dieser Dialog und diese Vernetzung sind fundamental für die soziale
Sicherheit. Um den Generationendialog zu fördern und das Versorgungssystem im Sozialraum
optimal zu gestalten, wird an der Entwicklung eines ‚Generationenhauses mit
Begegnungsmöglichkeiten und einer Schnittmenge mit Verwaltung und z.B. Sozialer Arbeit’
gearbeitet. Dabei werden zentrale und dezentrale Strukturen vorgeschlagen. Da die finanziellen
!
113!
Ressourcen knapp sind und diese soziale Investition als äusserst wirksam eingeschätzt wird, wird
ein gemeinsamer ,frühzeitiger Plan mit den verschiedenen Akteuren als Realisierungschance’
entwickelt. Die Konsensfindung und die Optimierung des sozialräumlichen Versorgungssystems
der Sozialen Arbeit gemeinsam mit anderen Disziplinen kommt immer mehr in den politischen
und fachlichen Fokus.
I3: Bewertung von Freiwilligenarbeit, Nachbarschaftshilfe, Subsidiarität des Staates,
Individualismus, Mehrgenerationenhäuser, Mitwirkung/ Mitbestimmung versus politische
Entscheidung, soziale Quartieraufwertung, den Interessen angepasste Partizipation, steuern
mit Projekten im Quartier, soziale Investitionen, Kaderschulung zu Partizipation/ Mitwirkung,
Erfüllung Partizipationseignung
Memo: Die Subsidiaritätsleistungen des Staates ergänzen das bürgerschaftliche Engagement und
es ist ‚eine grundsätzliche gesellschaftliche Frage, wie weit Freiwilligenarbeit’ gehen kann und
soll. Das Potenzial wird als sehr gross eingeschätzt, aber die sozialräumlichen Einrichtungs- und
Unterstützungsstrukturen haben einen enormen Entwicklungsbedarf, um diese Ressourcen zu
nutzen. Mit Quartierprojekten kann das Bürgerengagement gesteuert werden. ‚Es gibt die
politischen Prozesse mit politisch legitimierten Personen, die indirekt Bedürfnisse der Bevölkerung
einbringen sollten.’ Die Klärung der Abstimmung von politischer Entscheidung mit einer
Mitwirkungs- und Mitbestimmungskultur in der Bevölkerung steht an. Je nach Interessen und
Gegenstand ist ein Verfahren auszuwählen, zwischen ,mehr Information anstatt Mitwirkung und
im anderen Fall bis Mitbestimmung’ durch die Bevölkerung. ‚Konkurrenzsituationen gegenüber
den politisch legitimierten Prozessen’ entstehen mit der Partizipation der Bevölkerung und führen
zu grundlegenden Konflikten. ‚Nichts schlimmeres, als wenn Erwartungen der Bevölkerung nicht
erfüllt werden oder gar nie erfüllt werden konnten.’ Eine durch die Bevölkerung in partizipativen
Prozessen zu beurteilende Vorlage muss zwingend zuerst auf ihre Erfüllung der
Partizipationseignung geprüft werden.
Spannungsfelder und Dilemmata in der Sozialraumarbeit
I1: Projektfinanzierung, finanzielle Effizienz, Zugänglichkeit zu Hilfe, Migration und Alter,
Mitwirkungskultur versus Verwaltung, Qualität und Finanzstärke des Staates,
bürgerschaftliches Engagement und Effektivität, Sozialraumdiskussion und
Bevölkerung
Memo: Ein grosses Spannungsfeld ist die differente Kultur in der Verwaltung und in der
Sozialraumarbeit: ,die Schwierigkeit liegt in den verschiedenen Systemen der Hierarchie und der
Mitwirkung’. Die beiden Systeme anzunähern, in Richtung einer Mitwirkungskultur der
Bevölkerung und einer Vermittlungskultur zwischen den Interessengruppen, ist eine unglaubliche
Knacknuss. Das Kerngeschäft der Sozialraumarbeit ist die Mobilisierung des Engagements von
Bürgerinnen und Bürgern. Dies professionell zu steuern, ist die Herausforderung, damit die
Effektivität zu steigern und Modelle der Selbstverwaltung zu fördern: ,das Mehrgenerationenhaus
ist selbstverwaltet, entstand aus einer Bürgerinitiative’. Sehr sinnvoll wird die sozialräumliche
Thematisierung in der Fachwelt bewertet und gefragt: ,wie kann die sozialräumliche Soziale
Arbeit im Alltag benennt werden?.’ Eine praxis- und alltagsnahe Debatte des brisanten Themas
wird gewünscht.
!
114!
I2: Mitwirkungskultur versus Verwaltung, Quartierentwicklung als Gemeindeaufgabe,
Legitimation der Sozialraumarbeit, soziale Innovation versus Verwaltung, Konkurrenzkampf
Soziale Organisationen, Problemzentrierung und Sozialraumarbeit, Offenheit für alle
Bevölkerungsgruppen, Räume für verschiedene Bedürfnisse, Organisationsform und Auftrag,
der Gemeinde angepasste Sozialraumarbeit
Memo: Die Gemeinde erachtet die Quartierentwicklung nicht als ihre Aufgabe und überlässt sie
weitgehend Bürgerinitiativen. Der Blick in die ‚Gemeindeverfassung: hohe Werte und Ziele der
Bevölkerungszufriedenheit und Identifikation mit dem Quartier’, gilt es einzufordern. Da die
Tradition
von
Sozialraumarbeit
in
dieser
Gemeinde
fehlt,
bleibt
dieser
Institutionalisierungsprozess bis jetzt weitgehend ein Dilemma. Zusammenhängend damit ist die
Kultur in der Verwaltung, als Teil des Sozialraums: ‚Gemeinde verwalten oder innovativ
entwickeln’. Wenn soziale Innovation und interdisziplinäre Zusammenarbeit keine Beachtung
finden, haben es sozialräumliche Anliegen schwer und die sozialräumliche Soziale Arbeit verpufft
ihre Energie und kann Ziele nicht nachhaltig umsetzen. Dies wird noch verstärkt, solange der
gemeinsame Nenner der sozialen Organisationen Konkurrenz ist. Die örtliche Gestaltung der
Sozialraumarbeit ist von den verschiedensten Interessen geprägt, die teilweise diametral
zueinander verlaufen. Entsprechende Räume anbieten zu können ist eine Ressourcenfrage.
‚Herausforderung ist, die abzuholen, die es brauchen, und offen sein für die andern’ bringt zudem
die methodische Knacknuss zum Ausdruck, allen Bevölkerungsgruppen gerecht zu werden und
mit bestehenden Konflikten umgehen zu können.
I3: Mitwirkungskultur versus Verwaltung, Vermittlung und Informationsfluss zwischen
Behörden und Bevölkerung, Relationen der Mitwirkung, finanzielle Ressourcenknappheit,
Eigentümergesellschaft - Individualismus, Bürgerbewegungen - Vereinskultur, KnowhowTransfer Städte zu Gemeinden, Dezentralisierung Sozialraumarbeit, Theorie versus Praxis
Sozialraumarbeit
Memo: Die zentrale Funktion der Quartierentwicklung liegt in der Vermittlung und der
Gewährleistung des Informationsflusses zwischen den Behörden/ der Verwaltung und der
Bevölkerung. Sie ist angesiedelt ‚zwischen Verwaltung und Bevölkerung und von wem soll sie
Anwalt sein?’ stellt sich die berechtigte Frage. Es geht um die differenzierte Bearbeitung von
Spannungsfeldern durch die sozialräumliche Soziale Arbeit: ‚Könnte Ihnen 1000 Spannungsfelder
aufzählen, in jedem Quartier ist es anders’. Auch Rollenkonflikte gehören dazu und daher
sinnvoll: ‚Konflikte sind politisch zu bewerten’. Grundsätzlich kann bei baulichen Projekten gelten:
‚bei der Detailgestaltung macht eine Mitsprache Sinn’. Die Relation zum Projekt und der
Mitwirkung muss unbedingt bewahrt werden, sonst können keine politischen Ziele erreicht
werden. Eine tendenzielle Entwicklung der Gesellschaft zu Eigentümern und Individualisten kann
zu Dilemmata führen: ‚Eigeninteresse steht oft über dem Quartierinteresse’. Die grosse
Herausforderung auch der sozialräumlichen Sozialen Arbeit ist, an der Frage zu arbeiten: ‚Wie
lassen sich Interessen in Zukunft bündeln?’ Wichtig um an solchen Projekten zu arbeiten ist,
dabei die ‚Steuerung durch Präsenz und Verortung im Quartier’ herzustellen.
!
115!
informiert
engagiert
vernetzt
Berufsbild
der Professionellen Sozialer Arbeit
Professionelle Soziale Arbeit Schweiz
Professionnels travail social Suisse
Professionisti lavoro sociale Svizzera
Allgemeines
Dieses Berufsbild der Professionellen Sozialer Arbeit1 wurde von AvenirSocial entwickelt2.
Es stützt sich auf Unterlagen des Internationalen Verbandes für Soziale Arbeit (IFSW) und
die Berufsbilder der Schulen für Soziale Arbeit sowie auf einschlägige Fachliteratur.
Zusammen mit den normativen Grundlagen der Profession (Berufskodex von AvenirSocial)
bildet es für die Mitglieder von AvenirSocial das Profil ihrer Professionalität ab.
Dieses Berufsbild richtet sich an alle Professionellen der Sozialen Arbeit, an ihre Arbeitgeber
und Arbeitgeberinnen, an die Verantwortlichen in den Ausbildungsstätten Sozialer Arbeit
sowie an die interessierte Öffentlichkeit. Es hält in knapper Form zentrale Merkmale der
Profession Soziale Arbeit und ihrer Wirkungsweise im schweizerischen Sozialwesen fest.
Ausgangspunkt der Beschreibung der Sozialen Arbeit ist die internationale Definition,
welche im Jahre 2000 von rund 70 Nationalverbänden verabschiedet wurde. Sie lautet:
«Die Profession Soziale Arbeit fördert den sozialen Wandel, Problemlösungen in menschlichen Beziehungen sowie die Ermächtigung und Befreiung von Menschen, um ihr Wohlbefinden zu heben. Unter Nutzung von Theorien menschlichen Verhaltens und sozialer
Systeme vermittelt Soziale Arbeit am Punkt, wo Menschen und ihre sozialen Umfelder
aufeinander einwirken. Dabei sind die Prinzipien der Menschenrechte und sozialer Gerechtigkeit für die Soziale Arbeit fundamental.»3
1
Die Profession Soziale Arbeit umfasst die Berufsgruppen Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Soziokulturelle Animation,
Kindererziehung und Arbeitsagogik. Die Professionellen Sozialer Arbeit haben an einer höheren Fachschule, einer
Fachhochschule oder einer Universität eine Grundausbildung absolviert, welche mindestens drei Jahre dauert.
2
Das vorliegende Berufsbild entstand aus den Berufsbildern der bisherigen Berufsverbände SBS und SBVS und wurde
am 5.5.2006 vom Vorstand Schweiz von AvenirSocial verabschiedet.
Die so genannte Montrealer Definition der Profession Soziale Arbeit wurde nach einem rund fünfjährigen Diskussions- und Aushandlungsprozess aufgrund der Vernehmlassungen in über 70 Nationen in fast doppelt so vielen
Verbänden anlässlich der Joint International Conference of IASSW (Internationale Assoziation der Schulen für Soziale
Arbeit) und IFSW (Internationale Föderation der Berufsverbände) in Montreal/Québec (CAN) von rund 2000
anwesenden Konferenzteilnehmern und -teilnehmerinnen aus allen fünf Kontinenten im Juli 2000 unter dem Titel
Promoting Equitable Societies in a Global Economy – Social Work in the 21st Century proklamiert.
3
Gegenstand der Sozialen Arbeit
Die Profession Soziale Arbeit umfasst ein heterogenes Konglomerat von differenzierten
fachspezifischen Tätigkeiten. Sie alle drehen sich um das Vorbeugen, Lindern und Lösen
von Problemen, welche im Zusammenhang mit der Einbindung von Menschen in die
Sozialstruktur – am Punkt, wo Menschen und ihre sozialen Umfelder aufeinander einwirken – entstehen können. Die Konsequenz solcher «sozialen» Probleme besteht darin,
dass die Befriedigung biologischer, psychischer, sozialer, ökonomischer und kultureller
Bedürfnisse für Individuen, Gruppen, Gemeinwesen und gesellschaftliche Systeme be- oder
verhindert wird. Diese Probleme entstehen aus vielerlei Gründen: durch unterschiedliche
persönliche und/oder soziale Voraussetzungen, durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe, durch den gesellschaftlichen, politischen oder ökonomischen Wandel,
aber auch durch behindernde Machtprozesse und -strukturen.
Die Aufgabe der Profession ist es, mit ihrer Tätigkeit und in Kooperation mit anderen
Professionen die Handlungsfähigkeit der betroffenen Menschen und Bevölkerungsgruppen (wieder) herzustellen, damit diese selber diejenigen sozialen Beziehungen eingehen
und pflegen können, welche ihnen die Befriedigung ihrer Bedürfnisse und die Gestaltung
ihrer Lebensverhältnisse erst ermöglichen. Die Professionellen Sozialer Arbeit intervenieren
deshalb auf drei Ebenen:
• auf der individuellen Ebene, d.h. mit den direkt Betroffenen und ihren Bezugspersonen
(mikrosoziale Ebene);
• im Rahmen von Gruppen und spezifischen Kollektiven (mesosoziale Ebene);
• auf gesellschaftlicher Ebene mit ganzen sozialen Systemen, d.h. in Bezug auf Organisation, Strukturierung und Entwicklung von Gemeinwesen (makrosoziale Ebene).
Weil ihre Interventionen immer Menschen betreffen, sind die Professionellen der Sozialen
Arbeit verpflichtet, die «sozialen» Probleme mit den betroffenen Individuen, Gruppen und
gesellschaftlichen Systemen gemeinsam anzugehen. Sie achten auf grösstmögliche Selbstbestimmung und vermeiden neue Verletzungen der Menschenwürde und der Prinzipien
von Gerechtigkeit und Gleichheit aller Menschen.
Ziele der Sozialen Arbeit
Die Professionellen der Sozialen Arbeit streben für ihre Klientinnen und Klienten die grösstmögliche Autonomie (maximale Selbstständigkeit und Selbstbestimmung) an, welche ihnen
erlaubt, an gesellschaftlichen Prozessen teilzuhaben, um sich besser zu integrieren und um
bessere Entwicklungsmöglichkeiten in allen Belangen zu erhalten. Damit wird bezweckt,
dass alle Menschen ihre Bedürfnisse befriedigen und selbstbestimmt Verantwortung für
das eigene Handeln und für andere Menschen übernehmen können. Die professionelle
Begleitung geht dabei so weit, bis die vorhandenen psychischen und sozialen Ressourcen
gesichert und aktiviert werden, die betroffenen Menschen (wieder) an den kulturellen und
materiellen Ressourcen der Gesellschaft partizipieren (Teilhabe) und diese auch mitgestalten
(Teilnahme) können.
Diese spezifische Gestaltung des Sozialen verbindet zwei Interventionsrichtungen gleichzeitig: vom Individuum oder der Gruppe hin zur Gesellschaft und von der Gesellschaft hin
zum Individuum oder zur Gruppe. Auf der Ebene des Individuums und der Gruppe zielen
Professionelle der Sozialen Arbeit bei der Unterstützung der Klientinnen und Klienten auf
Veränderung und Entwicklung, die es ihnen ermöglichen, sich besser an die sie umgebende
soziale Umwelt anzupassen. Gleichzeitig arbeiten sie auf der gesellschaftlichen Ebene
auf denjenigen sozialen Wandel hin, der den Einzelnen die Befriedigung der biologischen,
psychischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Bedürfnisse und ihre Entfaltung
ermöglicht. Somit wird offensichtlich, dass sich die Professionellen der Sozialen Arbeit
im Spannungsfeld von gesellschaftlichen Erwartungen und individuellen Bedürfnissen
bewegen.
Methoden und Ressourcen
Die Professionellen der Sozialen Arbeit wählen ihre Methoden differenziert je nach der Lage
der Situation, den individuellen Gegebenheiten und spezifischen Aufgabengebieten der
Organisationen, in deren Dienst sie stehen. Sie gründen ihre Interventionen auf wissenschaftliche Erkenntnisse, die ihnen erlauben, Situationen richtig zu analysieren, zu beurteilen und methodisch zielgerichtet und wirkungsvoll zu gestalten. Sie tun dies vorbeugend,
erziehend, stützend, ergänzend oder ersetzend, je nachdem, was die Situation erfordert.
Ihrer Tätigkeit liegt eine reflektierende und systematische Herangehensweise zugrunde, die
vom Respekt der Menschenwürde und den berufsethischen Normen geleitet ist.
Zu ihren Methoden zählen:
• die Erschliessung von Ressourcen, Animation, Beratung, pädagogische Begleitung,
Handlungstraining, Bewusstseinsbildung, welche zur Verbesserung der Handlungskompetenz von Einzelnen, Gruppen und Gemeinschaften geeignet sind,
• Betriebsführung, welche auf die Leitung sozialer Einrichtung zugeschnitten ist,
• die Nutzung von Verfahren zur sozialen und organisatorischen Vernetzung, zur
Veränderung von behindernden Machtstrukturen und zur Gestaltung der Abläufe
und Kommunikation innerhalb sozialer Organisationen.
Professionelle Sozialer Arbeit sind insbesondere Spezialist/innen für soziale Beziehungen.
Es ist daher unerlässlich, dass die Professionellen der Sozialen Arbeit mindestens über
folgende Kernkompetenzen verfügen:
• Situationen und Prozesse von Individuen, Gruppen und gesellschaftlichen Systemen
systematisch analysieren und beurteilen zu können,
• Problemlösungs- bzw. Veränderungsprozesse zielgerichtet, empathisch und in
Kooperation mit den Klient/innen steuern zu können,
• externe Ressourcen erschliessen und verwalten zu können,
• mit Angehörigen, anderen Fachleuten, Mitgliedern u.a.m. konstruktiv kooperieren
zu können,
• die einzigartigen Einblicke in prekäre Lebenssituationen und -verhältnisse in sozialpolitisches Engagement umlenken zu können,
• das eigene berufliche Handeln aufgrund fachlicher Qualitätskriterien der Profession
reflektieren, beurteilen und gegebenenfalls verändern sowie dokumentieren zu können.
Die Professionellen Sozialer Arbeit verbessern ihre Handlungsweise und erweitern ihr
operatives Handlungswissen durch kollegiale Kontrolle, regelmässige Intervision und
Supervision und indem sie sich innerhalb institutionell angebotener Schulung und
Forschung kontinuierlich weiterbilden. Um «soziale» Probleme zu vermeiden, zu lindern
oder zu lösen, müssen die Professionellen Sozialer Arbeit über die dazu nötigen und
angepassten menschlichen, zeitlichen, materiellen und finanziellen Ressourcen und über
eine geeignete Infrastruktur verfügen können. Fehlen diese, setzen sie sich öffentlich
dafür ein, dass diese Mittel zur Verfügung gestellt werden.
Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit
Die Professionellen der Sozialen Arbeit sind in unterschiedlichen Bereichen tätig. Ihre Tätigkeitsbereiche können beispielsweise nach folgenden Merkmalen gegliedert werden:
• Trägerschaften und Organisationen, die Professionelle anstellen: öffentliche und private
Einrichtungen aus dem Bildungs-, Sozial- und Gesundheitsbereich wie Schulen, Heime,
Freizeit- und Kulturzentren usw,
• Betroffenen bzw. adressierten Personen: Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene,
Erwachsene, ältere Menschen; Frauen, Männer; Familien, die Bevölkerung eines
Quartiers usw,
• zu bearbeitenden Problemkreisen: Armut/Existenzsicherung, Gesundheit, Behinderung,
Migration, Gewalt, Bildung/Sozialisation, Diskriminierung usw.
Grundhaltung, Werte, Menschenbild
Für Professionelle der Sozialen Arbeit sind in erster Linie Werte wie Menschenwürde,
Gerechtigkeit, Gleichheit, Demokratie und Solidarität zentral. Das zugrunde liegende
Menschenbild ist humanistisch und orientiert sich an den Menschenrechten und den daraus
abgeleiteten ethischen Prinzipien. Die Professionellen Sozialer Arbeit handeln im Dienste
eines Lebens, in dem die physischen, psychischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der
Menschen anerkannt und befriedigt werden und die unveräusserliche Würde und der Wert
jeder einzelnen Person Anerkennung und Schutz finden.
Die Professionellen der Sozialen Arbeit sind solidarisch gegenüber den gesellschaftlich Ausgeschlossenen. Durch ihren Einsatz tragen sie dazu bei, Not zu lindern und die Entfaltung
von Einzelnen und Gruppen zu fördern. Sie verteidigen die demokratischen Prinzipien in
jeder gesellschaftlichen Organisation, und sie fordern von Staat und Gesellschaft, dass auch
sie sich an den Menschenrechten orientieren und diese anwenden.
In dem Masse, wie die Handlungsfähigkeit der Individuen bzw. Gruppen gestärkt und ihre
Teilnahme und Teilhabe an der Gesellschaft ermöglicht wird, zeigt sich, wie «sozial» diese
Gesellschaft ist. Die professionelle Soziale Arbeit ist eine konkrete Leistung dieser Gesellschaft, ein Handlungsinstrument und zugleich Ausdruck ihrer Solidarität. Die ethischen
Prinzipien der Sozialen Arbeit als einer Menschenrechtsprofession aber sind in den internationalen Normen der IFSW und davon abgeleitet in den nationalen normativen Grundlagen
(Berufskodex) von AvenirSocial definiert.
AvenirSocial
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