So lernen Pferde - Ethologieschule

Werbung
HINTERGRUND
20 23. April 2008
PferdeWoche
Ethologischule-Seminar «Fertig geflüstert»
So lernen Pferde
Wie lernen Pferde? Wann
macht Strafen Sinn? Führt
Belohnung zum Lernerfolg? Antworten darauf
und auf viele weitere interessante Fragen erarbeiteten sich die Kursteilnehmenden des Ethologieschule-Seminars «Fertig geflüstert» im NPZ Bern wie
auch im Health Balance
Center in Uzwil während
einer Woche.
durch: hoch erhobener
Kopf, zeigt Galopp und
schnelle Richtungswechsel, respektive, steht still,
schreitet und wälzt sich.
Um anschliessend das gezeigte Verhalten richtig interpretieren zu können, ist
es unerlässlich zu wissen,
wie sich Pferde in der Wildnis benehmen.
Yvonne Wickart
«Mein Pferd scharrt immer
in der Boxe und ist eifersüchtig auf seinen vierbeinigen Nachbarn.» Eine
Aussage, wie sie in so manchem Pensionsstall zu
hören ist. Aus der Sicht der
Verhaltungsforschung sind
solche Angaben ungenügend. Die Zeitangabe «immer» beschränkt sich bei
den meisten Pferdebesitzer
auf ihre rund zweistündige
Anwesenheit im Stall pro
Tag. Scharrt das Pferd auch
in den 22 restlichen Stunden? Und scharrt das Pferd
nur, bevor der Besitzer ein
Begrüssungsleckerli verabreicht, gibt es noch weitere
Auslöser oder scharrt das
Pferd tatsächlich zwei
Stunden ohne Unterbruch
Seminarleiterin Jeannine Berger setzt sich gleich selber in den Sattel und setzt die
Fotos: Yvonne Wickart
Theorie in die Praxis um.
bei Anwesenheit seines Besitzers? Bezüglich Eifersucht muss die Frage gestellt werden, welche Verhaltensweisen des Pferdes
zu dieser subjektiven Interpretation des Besitzers
führten.
Dieses alltägliche Beispiel
macht deutlich, wie unex-
akt und vermenschlicht
viele Pferdebesitzer das
Verhalten ihrer Vierbeiner
wahrnehmen. Doch wenn
man am Verhalten interessiert ist, ist es unumgänglich, zuerst die objektiven
Fakten zu sammeln, bevor
man sich auf eine Diskussion einlässt. Und mit Verhalten setzten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Lerntheorie-Seminars der Ethologieschule
von Andreas Kurtz während einer Woche intensiv
auseinander. Als Referentin konnte er die Schweizer
Tierärztin Dr. med. vet. Jeannine Berger gewinnen,
welche seit zehn Jahren an
der University of California, Davis (USA) in einer
speziellen Abteilung tätig
ist, welche verhaltensauffällige Pferde beobachtet
und behandelt. Als erster
Schritt in ihrem Seminar
schärfte sie die Beobachtungsgabe der Teilnehmenden und die Fähigkeit, die
Verhaltensweise des Pferdes objektiv und ohne zu
interpretieren zu beschreiben. Eine Anforderung,
welche ein Umdenken und
eine andere Sichtweise
verlangt. Beschreibungen
wie ängstlich oder fühlt
sich wohl, wurden ersetzt
Ethologischule
An der klassischen Dressur führt kein Weg vorbei.
(pd) Die Ausbildung beabsichtigt, interessierte Menschen auszubilden, welche der angewandten Ethologie zur Verbreitung verhelfen oder für sich mehr Informationen zum
Thema Pferd erfahren wollen. Ein begleitendes Lehrmittel mit vielen Arbeitsblättern bilden die Grundlage für den Unterricht. Der
Unterricht findet in Kleinklassen (maximal
acht Personen) statt. Die Schüler erhalten Videocamera und Laptop, um eigene Studien zu
erfassen und diese auszuwerten. Dazu werden
Sie in den Filmschnitt eingeführt und gestalten selber Unterrichtsmaterial in Form einer
DVD.
Verhalten
unwesentlich verändert
Zudem stellt sich die Frage,
welche Verhaltensweisen
angeboren sind und welche
erlernt werden müssen?
Trinken, stehen und wiehern beispielsweise können Fohlen umgehend
nach der Geburt. Hufe geben hingegen müssen sie
lernen. Das gezeigte Verhaltensrepertoire setzt sich
demnach aus angeborenem
und erlerntem Verhalten
zusammen. Obwohl das
Pferd seit rund 5000 Jahren
domestiziert ist, hat es
seine seit 60 Millionen Jahren etablierten Verhaltensweisen unwesentlich verändert. «Die Domestikation führt zu quantitativer
jedoch nicht qualitativer
Veränderung im Verhalten», erklärt Jeannine Berger, die den Titel ACVB
(Diplomate of the American College of Veterinary
Behavior) trägt. «Wenn ein
Pferd erschrickt, zeigt es
dasselbe Verhalten, wie ein
Wildpferd, allerdings ist die
Schwelle bis es erschrickt
höher, als beim wilden Verwandten.»
Weiterbildungen:
• Stallbauberatung
• Klassische Lerntheorie in der Praxis mit Dr.
med. vet. Jeannine Berger
Vorträge:
• Auf Pferdespuren mit Professor Dr. Ewald
Isenbügel zum Thema: «Vom Wildpferd zum
Reitpferd» im Tiergesundheitszentrum Uzwil,
Freitag, 27. Juni 08 um 19 Uhr (Eintritt 40
Franken an der Abendkasse)
• «Die wilden Verwandten des Pferdes Kiang,
Kulan, Onager,Wildesel, Przewalski», Professor Dr. Ewald Isenbügel im Nationalen Pferdezentrum Bern, Donnerstag 10. Juli 08 19
Uhr (Eintritt 40 Franken an der Abendkasse)
Anmeldung: www.ethologieschule.ch
HINTERGRUND
PferdeWoche
23. April 2008 23
reichen können», fordert Jeannine Berger. Eine besonders klare und durchdachte
Vorgehensweise ist angebracht, wenn ein unerwünschtes Verhalten behandelt werden soll.
Die operante
Konditionierung
Bei der operanten Konditionierung kann ein ursprünglich unbedeutendes
Spontanverhalten
durch Belohnung bevorzugt werden. Spielt ein
Pferd an der Boxentürverriegelung und diese
springt plötzlich auf, woraufhin das Pferd auf die
Weide gelangt, wird das
Pferd immer wieder versuchen, die Türe zu öffnen
und dabei immer geschickter und schneller
werden. Ein wohl klassischer Fall operanter Konditionierung im Pferdestall. Im Unterschied zur
klassischen Konditionierung wird bei der operanten Konditionierung nicht
nur ein Reflex, sondern
ein Bewegungsablauf ausgelöst. In der Ausbildung
zeigt das Pferd oft Bewegungsabläufe, die unter
Umständen
momentan
noch gar nicht gefragt
sind – beispielsweise der
fliegende Galoppwechsel
– doch sollte der Trainer
so flexibel sein, und dieses
Angebot trotzdem dankend annehmen.
Lob und Strafe
Die
Bestrafung/Belohnung bildete einen weiteren interessanten The-
Health Balance
Center
(pd) Zeitgemässe Tiermedizin ist für das Team von
HealthBalance eine sinnvolle Kombination von alternativen und klassischen
Diagnose- und Therapieverfahren. Im Health Balance
Center wird die individuellen Bedürfnisse jedes einzelnen Tieres als Voraussetzung
für die Erhaltung beziehungsweise
Wiedererlangung der Gesundheit berücksichtigt. Dabei wird
auch die Beziehung zwischen Mensch-Tier berücksichtigt.
KOMMENTAR
Denn sie wissen
nicht, was sie tun
Neue Umweltreize wie beispielsweise ein Regenschirm kann Abwehr und Stress
oder einen Lernprozess auslösen.
menblock des Seminars.
Belohnt wird, indem etwas Angenehmes hinzugeführt wird (positive Belohnung) – beispielsweise
Belohungswürfel
oder
durch Entfernen von etwas Unangenehmen (negative Belohnung) wie
das Weglassen des Sporeneinsatzes. Die pferdefreundlichen Klassischen
Reitmeister waren Spezialisten im Belohnen
durch blitzschnelles Reduzieren des ausgeübten
Druckes auf das Pferd. Sie
verstanden es zudem, die
Pferde zuerst Klassisch
und dann operant zu konditionieren – die Voraussetzung, um mit reduzieren des Kontaktes belohnen zu können. Diese Art
Kurs:
• SRS - Schulter und
Rückenschule für Pferde.
Die Beziehung zwischen Reiter und Pferd ist etwas ganz besonderes. Jeder Reiter sollte
spüren, wie sensibel das Pferd
auf ihn und seine Art es zu
führen reagiert. Um dies zu erreichen, braucht es zuerst einmal die Balance des Pferdes
durch das Freimachen der
Pferdeschulter. Wie macht
man es nun richtig? Wie bringt
man die Potenziale von Reiter
und Pferd zusammen? Zwei
wichtige Fragen, die unter anderem bei dieser Ausbildung
ein zentrales Thema sind.
www.healthbalance.ch
der Belohnung braucht
sehr viel reiterliches Verständnis, um im richtigen
Moment unmittelbar reagieren zu können.
Positiv und negativ
Bei der Bestrafung wird
ebenfalls zwischen positiver und negativer Bestrafung unterschieden. Bei
der positiven Bestrafung
wird etwas Unangenehmes
hinzugefügt – beispielsweise der Einsatz der Peitsche. Bei der negativen Bestrafung hingegen wird etwas Angenehmes entfernt,
wie beispielsweise Futter.
«Wenn sich ein Verhalten
mit Einsatz von Bestrafung nicht reduziert, handelt es sich nicht mehr
um Bestrafung, sondern
um Tierquälerei», betont
Jeannine Berger. Zudem
kann positive Bestrafung
zu zusätzlichem unerwünschten Verhalten führen, so fängt ein Pferd unter Umständen nach Bestrafung mit der Gerte an
zu steigen. Die Bestrafung muss unmittelbar erfolgen. Doch die Bestrafung muss immer wieder
hinterfragt werden. Denn
oft stellt sich heraus,
dass die Bestrafung bloss
eine
Belohnung
für
den Bestrafer ist. Die positive Bestrafung erfordert keine Planung –
Gerte und Sporen sind je-
derzeit
einsatzbereit.
«Die schlechten Eigenschaften unserer Pferde
erkennen wir schnell und
nehmen die guten als
selbstverständlich hin»,
warnt die Tierärztin.
Durch die Bestrafung teilen wir dem Pferd zwar
mit, was es nicht tun soll,
aber zeigen ihm nicht, was
wir von ihm möchten. Zudem verbindet das Pferd
die Bestrafung schnell
mit dem Reiter, was zu
einem Vertrauensbruch
führen kann. «Um ein
Verhalten zu ändern,
müssen wir uns zuerst
überlegen, wie sich unser
Pferd zeigen sollte. Dann
muss die Ursache für die
Widersetzlichkeit gefunden und ein Plan erstellt
werden, der dem Pferd erlaubt, eine gewünschte
Reaktion zu zeigen. Die
Anforderungen müssen
so gestellt werden, dass
das Pferd sie problemlos
und ohne Widersetzlichkeit bewältigen kann. Das
Pferd hat meist kein Problem mit seinem Verhalten. Wir sind das Problem.»
Bei allen Verhaltensauffälligkeiten sollte ein Tierarzt
einen Gesundheitscheck
durchführen. «In unserer
Praxis zeigen rund 30 Prozent der so genannten Problempferde medizinische
Ursachen.»
So lange mein Pferd brav
ausführt, was ich von ihm
verlange, werde ich kaum
hinterfragen, weshalb es
meinen Anforderungen
so freundlich nachkommt. Erst wenn es
anfängt, sich zu widersetzen schaltet sich – hoffentlich – mein Reiterhirn
ein. Doch anstatt in solchen Momenten die
Ursache in der ReiterPferd-Beziehung zu
suchen, entscheiden sich
viele, das Pferd in der
Boxe stehen zu lassen
und das Problem eingehend im Reiterstübli mit
den Stallkollegen zu diskutieren. Und ich
schliesse mit Ihnen eine
Wette ab, dass Kommentare wie «du musst dich
durchsetzen», «schmier
ihm eine», «der ist einfach frech», «mach so
lange weiter, bis er willig
wird» in die Runde
geworfen werden.Wurde
Ihnen in solchen Situationen mal die Frage
gestellt: «Welche Aktionen gehen der Widersetzlichkeit voraus?» Oder
den Rat gegeben: «Vermeide vorerst Konfliktsituationen, bis das
Vertrauensverhältnis
Pferd-Mensch genügend
stabilisiert ist.» Nein,
denn das tönt schwer
nach «Warmduscher».
Und vor allem müsste
man sich hinsetzen, sein
eigenes Handeln und das
des Pferdes reflektieren
und verstehen sowie
einen Korrekturplan ausarbeiten – das hat doch
nichts mit echtem Reiten
zu tun. Doch.Auf jeden
Fall mit echtem Pferdeverstand. Übrigens: nicht
nur Pferde sind äusserst
lernfähig, auch Reiter
und Reiterinnen verfügen
über diese Ressource,
welche es ihnen erlaubt,
sich Neuem gegenüber
zu öffnen.
Yvonne Wickart,
Redaktorin
HINTERGRUND
22 23. April 2008
Spass muss sein – setzt allerdings ein solides Vertrauensverhältnis zwischen Pferd und Reiter voraus.
spielsweise in Form einer
Blache – hinzu. Kam das
Pferd ins Stocken und widmete seine ganze Aufmerksamkeit der Blache,
Bombenalarm
(pd) Ein weiteres Beispiel
der klassischen Konditionierung: Das Fallen der Bomben
im Zweiten Weltkrieg hat bei
den Menschen Angst und
Schrecken ausgelöst. Meistens jedoch ertönte vor dem
Fallen der ersten Bomben
der Fliegeralarm. Bei vielen
Menschen hat nach der zweiten Wiederholung jener Signalabfolge schon der Fliegeralarm selbst Angst und
Schrecken verursacht. «Auch
in Friedenszeiten löst die Sirene bei zahlreichen Menschen Angst aus, selbst wenn
es sich nur um einen Probealarm handelt.» (Edelmann,
1996, S. 63) Für den unkonditionierten Menschen würde
der Alarm alleine keine signi-
wurde es zurück in die
Komfortzone geführt und
musste die Grundfragen
beantworten. So konzentrierte es sich wieder auf
fikante Reaktion auslösen.
Erst durch die Kombination
von Fliegeralarm und dem
Fallen der Bomben wird
die Reaktion (Angst und
Schrecken) konditioniert.
Hätten diese beiden Reize
nicht in einem zeitlichen Verhältnis zueinander gestanden, hätte man den Fliegeralarm nicht mit dem Fallen
der Bomben assoziiert, und
die unbedingte Reaktion,
Angst bei dem Ertönen des
Heulens zu verspüren, wäre
nie zu einer bedingten Reaktion geworden. Das Modell
der klassischen Konditionierung ist noch erweitert worden, nachdem festgestellt
wurde, dass allein die Vorstellung des Ertönens des Fliegeralarms zu Angstzuständen
führte.
seinen Führer, der es immer wieder ausgiebig
lobte. Ganz nebenbei
näherten sich Zwei- und
Vierbeiner der Blache, die
erstaunlich schnell ihre
Schreckwirkung verloren
hatte. Auch jene Teilnehmer, welche während der
Theorie noch überzeugt
waren, mit dem Pferd
schnurstracks auf die Blache zuzulaufen, eventuell
mit leichtem Gerteneinsatz, um dort so lange stehen zu bleiben bis das
Pferd diese akzeptiert hat,
waren nach diesen Übungen bekehrt. Denn das so
genannte Fluten – das
Pferd wird dem als gefährlich wahrgenommenen
Umweltreiz so lange ausgesetzt, bis es darauf nicht
mehr reagiert – bedeutet
Stress für Mensch und Tier.
Und unter Stress lässt sich
schlecht lernen. Zudem
darf das Pferd auf keinen
Fall fliehen können, ansonsten zeigt es unter Umständen das nächste Mal verstärkt Angst. Die Lektion
muss unter allen Umständen zu Ende geführt werden. Diese Methode birgt
ein hohes Gefahrenpotential für Mensch und Tier.
Häufig hat sich das Pferd
durch das Fluten nicht an
einen Furcht einflössenden
Gegenstand gewöhnt, sondern ergibt sich vor Erschöpfung. So bald es sich
erholt hat, reagiert es wieder auf denselben Umweltreiz. So erstaunt es
nicht, dass viele Pferdebesitzer jeden Sommer wieder das selbe oder gar verstärkte Theater beim Einsprayen ihrer Pferde mit
Antifliegenmittel erleben
wie im Jahr zuvor. Das
Pferd hat nie gelernt, den
Antifliegen-Spray als ungefährlich zu akzeptieren.
Die klassische
Konditionierung
Ein weiterer Schwerpunkt
des Seminars war die Erarbeitung der klassischen
Konditionierung. Lernen
durch klassische Konditionierung wurde von Iwan Petrowitsch Pawlow beschrieben. Der Mediziner beobachtete eher beiläufig, dass
einige der Hunde,mit denen
PferdeWoche
Nachgefragt
Lehrmeister bedienten sich
der Bodenarbeit. Unter an(yw) Ab Januar 2008 trat die
derem verbessert sie die
Neuorganisation der PferKommunikation zwischen
deberufe in Kraft. Diese setzt
Pferd und Mensch.»
unter anderem neue Akzente
in der Lehrplangestaltung.
«PferdeWoche»: Neu wurde Stehen den Auszubildenden
die Ethologie in den Ausbil- in den Pferdeberufen entdungsplan integriert. Was be- sprechende Fachpersonen
wegte die OdA (Organisa- zur Verfügung?
tion der Arbeitswelt) zu die- «Wir scheuen uns nicht, auch
externe Experten hinzuzusem Schritt?
Patrick Rüegg, Präsident der ziehen. In überbetrieblichen
OdA Pferdeberufe: «Die Kursen lernen die AuszubilOdA legt Wert darauf, die denden beispielsweise die
Pferdeberufe marktgerecht Grundlagen der Bodenarzu gestalten. Die Nachfrage beit. Zudem werden auch die
nach Pferdefachleuten mit Lehrmeister wieder die
Ethologiekenntissen nimmt Schulbank drücken und sich
Neuem gegenüber öffnen.
stetig zu.»
Die Lehre ist jedoch nur eine
Ebenfalls fand die Bodenar- Grundausbildung. Die Spebeit Einzug in den Stunden- zialisierung erfolgt anschliessend – beispielsweise in der
plan. Weshalb?
«Bereits die alten klassischen höheren Berufsausbildung.»
er experimentierte, um
Näheres über die Speichelsekretion herauszufinden,
schon vor Beginn des Experimentes Speichel absonderten. Eine genauere Betrachtung ergab, dass dies
nur bei jenen Hunden auftrat, die schon länger im Labor waren und den Ablauf
der Experimente kannten.
Dieser Speichelfluss konnte
daher nicht auf den Geruch
oder den Anblick des Futters zurückgeführt werden,
sondern musste eine andere
Ursache haben. Um dies zu
analysieren, liess Pawlow in
einem Versuch kurz vor
dem Vorsetzen von Futter
einen Glockenton ertönen.
Nach einigen Wiederholungen floss der Speichel bei
diesen «Pawlowschen Hunden» schon beim Glockenton, obwohl kein Futter gegeben wurde. Bei der Ausbildung des Pferdes nimmt
die klassische Konditionierung eine wichtige Stellung
ein. Beispielsweise bei den
treibenden Hilfen. Für ein
rohes Pferd hat ein feines
Anspannen der Wadenmuskulatur des Reiters keine
Bedeutung. Ein gut ausgebildetes Reitpferd wird hingegen auf diese Anforderung hin energischer und
trotzdem kontrolliert vorwärts gehen. Am Anfang
der Ausbildung wird der
Reiter mit Hilfe angepassten Gerteneinsatzes das
Pferd zum Vorwärtsgehen
motivieren und bei der richtigen Reaktion wird er es sofort loben. Mit einer Gerte
kann jeder – auch pferdeunkundige Personen – einen
Vierbeiner zum Vorwärtsgehen bewegen. Genau so
wie Futter beim Hund reflexartig Speichel auslöst.
Die Reitweise auf diesem
Niveau wird auch Signalreiten genannt. Um jedoch einen feineren Reitstil zu erlangen, kommt nun die klassische Konditionierung ins
Spiel. Zuerst erfolgt der
Schenkeldruck – der für das
Pferd anfänglich keine Bedeutung hat – unmittelbar
danach kurz die Gerte, das
Pferd geht nach vorn und
nun wird gelobt. Innert kürzester Zeit wird das Pferd
den Schenkeldruck als Zeichen zum Vorwärtsgehen
verstehen und der Gerteneinsatz wird auf ein Minimum reduziert. Genauso
wie die «Pawlowschen
Hunde» das Glockenzeichen – welches anfänglich
ebenfalls kein Speichel auslöste – mit Futter in Verbindung setzten. Um die klassische Konditionierung effektiv einzusetzen, muss sich
der Ausbilder stets bewusst
sein, welche Hilfsmittel er in
welcher Reihenfolge einsetzt. «Bevor wir mit einem
Pferd arbeiten, müssen wir
einen Plan ausarbeiten, was
wir von ihm wollen und wie
wir das Ziel auf einem guten
Weg für alle Beteiligten er-
HINTERGRUND
PferdeWoche
23. April 2008 21
Martin Aeschlimann (Uzwil)
Corina Burkhardt
(Uzwil)
«Der Kurs war eine grosse
Bereicherung und zeigte
andere Wege auf, um das
Pferd zu spüren und zu verstehen. Die Bindung zu
meinem Pferd wurde intensiviert.»
«Der Kurs mit Jeannine
Berger hat mir sehr gut gefallen. Sie hat uns einerseits
klar und verständlich das
theoretische Wissen zum
Thema Verhalten Pferd und
Lerntheorie vermittelt, andererseits hat sie uns praktisch demonstriert und beigebracht wie man sich auf
ganz feine, klare Weise mit
einem Pferd verständigen
kann. Die Pferde und wir
alle bedanken uns von
ganzem Herzen.»
Um eine Beziehung zum Pferd aufbauen zu können, muss eine pferdegerechte
Kommunikation stattfinden.
Verhaltensprobleme
verhindern
In der Gefangenschaft bestimmt der Mensch, mit
welchen Tieren gezüchtet
wird. Im Gegensatz zur
freien Wildbahn, wo das
Prinzip gilt «Survival of the
fittest» – der Lebenstüchtigste überlebt. Das hat zur
Folge, dass sich sowohl das
Aussehen wie auch die Genetik der Hauspferde gegenüber den Wildpferden
verändert haben. So ist die
Hirngrösse geschrumpft,
die Tiere zeigen länger ein
jugendliches
Verhalten,
die Fellfarbe hat sich verändert und die Tiere wurden zahmer. Diese künstliche Selektion für Zahmheit ist jedoch gleichzeitig
eine Verpflichtung für den
Menschen, die natürlichen
Bedürfnisse trotz Gefangenschaft zu berücksichtigen. «Wenn wir einen 24Stunden-Tag eines frei lebenden Pferdes mit dem
eines Pferdes in einer Boxe
vergleichen, finden wir einen signifikanten Unterschied in Hinsicht auf die
Zeit, die ein Pferd in den
zwei verschiedenen Haltungsarten mit Laufen und
mit Nahrungsaufnahme
verbringt», betont die
Tierärztin. Während ein
frei lebendes Pferd etwa 60
Prozent seiner Zeit frisst
und 20 Prozent seiner Zeit
still steht, verbringt ein
Pferd in seiner Boxe ohne
Kontakt zu anderen Pferden, 65 Prozent seiner Zeit
still stehend und nur 15
Prozent seiner Zeit mit
Fressen. «Der enorme Unterschied im Tagesablauf
ist für viele Verhaltensprobleme bei Pferden verantwortlich. Wenn wir anstreben, die Bedingungen den
Verhältnissen der freien
Wildbahn so gut wie möglich anzupassen, sind wir
einen Schritt näher, gewisse Verhaltensprobleme
zu verhindern.»
Lernen ohne Angst
Der Reiter ist bestrebt,
dass sein Pferd möglichst
nur gewünschtes Verhalten
zeigt. Doch kommt der
Vierbeiner nicht als perfekt ausgebildetes Reitpferd auf die Welt, sondern
muss diese Qualitäten lernen. Lernen heisst, Situationen einschätzen, sich
daran anpassen und daraus
Schlüsse für die Zukunft
ziehen. Lernen ist das Resultat von Erfahrung.
«Pferde zeigen bereits alle
Verhalten, die wir abfragen
können. Wir trainieren mit
ihnen, damit sie diese länger zeigen als sie es in der
Natur tun», hält Jeannine
Berger fest. Die einfachste
Form des Lernens ist die
Gewöhnung und die Sensibilisierung. Bei der Sensibilisierung reagiert das
Pferd immer stärker auf einen Umweltreiz – zeigt
sich beispielsweise zunehmend ängstlicher bei entgegenkommenden Lastwagen. Bei der Gewöhnung tritt das Gegenteil
ein: Das Pferd zeigt keine
Reaktion mehr, wenn ein
Lastwagen
vorbeifährt.
Bei der Gewöhnung stehen zwei verschiedene Methoden zur Verfügung: die
Desensibilisierung und das
Fluten. Bei der Desensibilisierung wird das Pferd
Schritt für Schritt an den
ungewohnten Gegenstand
oder an die ungewohnte
Situation
herangeführt.
Das Pferd darf dabei in
keinem Moment Angst
zeigen. Dies setzt voraus,
dass Anzeichen für Angst
richtig und schnell erfasst
werden können. «Diese
Methode funktioniert immer. Zudem kann die Lektion jederzeit unterbrochen werden, da das Pferd
immer unter Kontrolle ist
und für sein gutes Verhal-
Siegfried
Schneider (Uzwil)
«Sehr kompetenter, professioneller Unterricht begleitet von viel Einfühlungsvermögen, sowohl für die
Pferde, als auch für die Teilnehmer. Insbesondere beeindruckte mich wie fein
man Reaktionen und beziehungsweise Verhalten des
Pferdes lesen (wahrnehmen) gelernt hat und somit
mit wenig veränderten Positionen seitens des Ausbilders auf das jeweilige Pferd
einwirken kann.»
ten belohnt werden kann.»
Ein Pferd, das sich entspannen kann, ist auch
fähig zu lernen.
Was in der Theorie als sehr
tiergerecht daherkommt,
muss sich auch im täglichen Umgang mit dem
Pferd bewähren. Als erste
Aufgabe mussten die Teilnehmer zeigen, dass sie
ihre Pferde im Round-Pen
in jede gewünschte Richtung in allen Tempi leiten
konnten und dass die Vierbeiner auf Anfrage zu ih-
Peter Tester
(Jonen)
«Der Kurs hat mir sehr gut
gefallen, auch wenn ich mir
für den umfangreichen
Stoff etwas mehr Zeit gewünscht hätte.»
nen hin kamen und willig
hintendrein marschierten –
selbstverständlich
ohne
Strick. Die Basis für eine
vertrauensvolle Zusammenarbeit war gelegt. Nun
wurde an der Kommunikation gefeilt. Kann der Führer die Schulter und die
Hinterhand des Pferdes
zur Seite schicken? Geht
das Pferd rückwärts und
willig wieder nach vorn?
So bald diese paar Grundfragen in gewohnter Umgebung vom Pferd gut beantwortet wurden, kam ein
neuer Umweltreiz – bei-
Herunterladen