Medical Network Herbst-Special September 2014

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P R E M IU M L I N SEN
Additive Intraokularlinsen
EIN ÜBERBLICK
Von Dr. Günal Kahraman und Dr. Franz Prager
Die Implantation einer zusätzlichen Intraokularlinse stellt eine reversible Methode zur Korrektur
­postoperativer Refraktionsfehler bei Pseudophakie dar.
A
dditive Intraokularlinsen wurden
erstmals zur Korrektur höherer Hyperopien und Myopien verwendet.
Ursprünglich wurden beide IOLs
in den Kapselsack implantiert, um die gewünchte IOL-Stärke zu erreichen. Im postoperativen Verlauf kam es sehr häufig zu
einer therapierefraktären „interlentikulären
Opazifizierung“. Grund dafür war eine zentripedale Epithelzellmigration aus dem
Kapselsack (Abb. 1). Diese Komplikation
kann vermieden werden, indem die erste
IOL in den Kapselsack und die zweite IOL
in den Sulkus ciliaris gesetzt wird.
Eine weitere Komplikation, welche durch
diese Implantationstechnik nicht vermieden werden kann, ist die Entstehung zweier Brennpunkte, bedingt durch eine Abflachung der Linsenoberflächen im Bereich
des Kontaktes beider bikonvexer Linsen.
Dadurch kommt es zur Abnahme der Gesamtbrechkraft im Bereich der Kontaktzone der beiden konkaven Linsen.
Ein noch schwerwiegenderes Problem
stellen durch die IOL induzierte Pigmentdispersionsglaukome dar. Durch die Positionierung der IOL im Sulcus ciliaris findet
bei Standardintraokularlinsen eine Berührung mit dem Irisendothel statt. Sind Optikkante, Haptikkanten und IOL-Materi-
Abb. 1: Epithelzellenmigration im Bereich des Linseninterfaces. Gayton JL. J Cataract Refract Surg. 2000 Mar; 26(3): 330-36
al nicht entsprechend optimiert, kommt
es zum Pigmentabrieb. Diese Ergebnisse
führten zur Entwicklung spezieller Linsendesings. Ein konvex-konkaves Optikdesign
verhindert eine Berührung mit der kapselsackgestützten Linse, eine große Linsenoptik umgeht ein „iris capture“ der Optik,
abgerundete Haptik- und Optikkanten sowie eine Angulation der Haptik vermeiden
ein Reiben am Irispigmentepithel und somit eine Pigmentdispersion.
Derzeit sind drei unterschiedliche pseudophake additive Intraokularlinsen von
Rayner (Sulcoflex), Human Optics
(Add-on) und 1stQ (Additive IOL)
erhältlich. Alle Hersteller bieten
sowohl sphärische als auch torische und multifokale Linsen an.
1stQ Add-on
OA Dr. Günal Kahraman, FA Dr. Franz Prager
Akademisches
Lehrkrankenhaus der
Barmherzigen Brüder Wien,
Augenabteilung
Johannes von Gott Platz 1, 1020 Wien
116 MEDICAL NETWORK 2014
Die 1stQ A4W-Add-on hat eine
6-mm-Optik und einen Gesamtdurchmesser von 13,5 mm. Sie
besitzt vier weiche Haptikflügel.
Die Linse besteht aus hydrophilem Acryl (Abb. 2). Die Implantation wird über einen 2,2 mm
Clear-Cornea-Schnitt mittels Injektor durchgeführt.
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Abb. 2: 1stQ Add-on Linse,
mit vier Haptiken
Human Optics Add-on
Die dreiteilige Human Optics Add-On-Linse
besteht aus einer Silikonoptik mit einer
PMMA-Haptik. Die Add-on-Linse hat einen
14-mm-Gesamtdurchmesser mit einer konkaven Linsenhinterfläche (Abb. 3). Die Add-onLinse kann mittels einer Implantationspinzet­te
in den Sulcus eingesetzt werden. Bei niedrigen
Dioptrienwerten ( 6 Dpt.) kann die Linse
auch mittels Injektor implantiert werden.
Rayner Sulcoflex
Die single-piece Sulcoflex IOL-Linse besteht
aus hydrophilem Akrylat mit einem Gesamtdurchmesser von 14 mm. Die Linsenhaptiken
sind unduliert und 10 Grad vorne anguliert.
Die Linsenoptik hat eine konkave Linsenhinterfläche und einen Durchmesser von 6,5 mm
(Abb 4, 5). Die Sulcoflex kann durch eine
korneale 2,75-mm-Inzision mittels Injektor
implantiert werden. Da die Linse keinen Nachstar zu verhindern braucht, ist die Optikkante
rund, um Dysphotopsien zu vermeiden.
Implantation
Die Implantation einer additiven Intraokularlinse erfolgt in topischer Anästhesie nach
PREMIUM LI NS E N
medikamentöser Mydriasis. Nach entsprechender Clear-Cornea-Inzisions-Größe wird
der Sulcus ciliaris mit Viscoelasticum gestellt und anschließend die additive Intraokularlinse mittels Injektor oder mit Pinzette
in den Sulcus ciliaris implantiert und positioniert. Zur Endophthalmitisprophylaxe
wird am Ende der Operation ein intrakamerales Antibiotikum appliziert.
Prinzipiell können additive Linsen primär,
im Rahmen der Kataraktoperation unmittelbar nach Implantation der ersten Linse (Duett-Implantation, v. a. bei multifokaler Addi-
Abb. 3: Human Optics
Add-on Torica
Abb. 4: Rayner
Sulcoflex Aspheric (653L)
tivlinse) oder sekundär bei bereits bestehender Pseudophakie implantiert werden.
Indikationen
Als eine wichtige Indikation für diese Linsen ist wohl die sekundäre Implantation
nach einer „biometrischen Überraschung“
zu nennen. Vor allem bei refraktiver Linsenchirurgie sind die postoperativen Erwartungen enorm hoch und man sollte zumindest durch einen Zweiteingriff die post­
operativ gewünschte Refraktion garantieren
können. Neben dem Ausgleich postoperativen Ametropien, als primäre Indikation,
ergaben sich in den letzten Jahren durch
die Einführung von torischen, sowie multifokalen Optiken weitere Indikationen für
pseudophake additive IOLs.
Aber auch die primäre Implantation, gemeinsam mit der ersten Linse, stellt bei extremen Intraokularlinsenwerten (z. B. über
35 Dpt.) eine potenzielle Indikation dar. So
kann der Patient sofort operiert werden und
wir können Bestellung und Wartezeit teurer
Linsensondermodelle vermeiden.
Refraktive hornhautchirurgische Maßnahmen wie PRK oder Lasik (Laser-Enhancement) sind irreversible Verfahren. Ein IOL-
Austausch nach länger zurückliegender
Implantation oder bei Kapseldefekten (Kapselruptur oder nach Nd:YAG-Kapsulotomie)
ist traumatisierender und birgt ein höheres
Risiko für Glaskörperverlust und konsekutive Netzhautkomplikationen. Im Gegensatz
dazu ist die Implantation einer zweiten IOL
mit Sicherheit weniger traumatisch als ein
Linsentausch und kann einen refraktiven
Hornhauteingriff ersparen.
kulaödem entwickeln. Auch aus diesem
Grund stellt die Implantation einer zusätzlichen multifokalen Linse in Rahmen der
Kataraktchirurgie eine gute Alternative dar.
Sollte nämlich ein Patient aufgrund einer
später auftretenden Augenerkrankung optimales Kontrastsehen brauchen, so kann
auch nach vielen Jahren die sulcusgestützte multifokale IOL atraumatisch entfernt werden.
Torische Additivlinsen ermöglichen heutzutage die Korrektur von postoperativen Astig-
Ein weiteres Einsatzgebiet von additiven
IOLs sind Fälle von dynamischen Refrakti-
Abb. 6: Pentacam-Aufnahme, kein
Kontakt der beiden Optiken
Abb. 5: Sulcoflex Toric, vier Jahre nach der
Implantation
matismen, insbesondere bei pseudophaken
Patienten nach perforierender Keratoplastik.
Großer Vorteil im Vergleich zu einem refraktiven Lasereingriff ist vor allem die Reversibilität dieses Verfahrens (Abb. 6).
onsänderungen, wie zum Beispiel bei
kindlichen Katarakten oder bei Patienten
nach Pars-plana-Vitrektomie mit Silikon­
ölfüllung und daraus resultierender Hyper­
opisierung.
Multifokale Intraokularlinsen bieten Patienten, die eine postoperative Brillenunabhängigkeit wünschen, eine Alternative zu
monofokalen IOLs.
Dieser Vorteil der Brillenunabhängigkeit muss jedoch mit den bekannten potentiellen Nachteilen multifokaler IOLs, wie
reduzierter Kontrastempfindlichkeit und
­Dysphotopsien (Halos, Lichtkränze) abgewogen werden. Trotz genauer Indikationsstellung und Patientenselektion kann es daher
zu subjektiven Beschwerden kommen, die
eine Explantation der IOL erforderlich machen. Die Implantation einer additiven IOL
mit multifokaler Optik ermöglicht daher
eine reversible Option zur Presbyopiekorrektur und kann im Fall einer Unverträglichkeit
jederzeit relativ einfach ohne „Kapselchirugie“ wieder entfernt werden.
Ein Problem bei kindlicher Katarakt ist die
durch das weiterhin bestehende Augen­
wachstum sich ändernde postoperative
Refraktion, die zu einer Myopisierung des
Auges führt. Aus diesem Grund wird das
Auge meist altersabhängig hyperopisiert.
Dies ist kein idealer Zustand für die postoperative Entwicklung des Auges, sollte
doch Emmetropie oder sogar eine leichte
Myopie postoperativ angestrebt werden.
Unter Anwendung einer additiven Sulkuslinse kann nunmehr versucht werden,
während der gesamten Augenentwicklung
eine möglichst optimale Refraktion zu erhalten. So kann die Sulkuslinse primär mit
einer Kapselsacklinse implantiert werden
(Duett-Implantation) oder sekundär im Fall
einer zu korrigierenden Refraktionsänderung zu einem späteren Zeitpunkt. Da es
sich bei dieser Technik um einen reversib­
len Eingriff handelt, kann die Sulkuslinse
entsprechend den Refraktionserfordernissen jederzeit entfernt oder ausgetauscht
werden.w
Selbst bei gesunden Augen kann man nie
sagen, ob diese Augen in einem späteren
Lebensabschnitt pathologische Änderungen,
wie z. B. AMD oder ein diabetisches Ma-
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