16. Sonntag nach Trinitatis

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Nr.
Datum
53
11.09.2016
TITEL
Untertitel
Wochenlied
Predigtlied
Anlass
16. Sonntag nach
Trinitatis
Predigttext
Autor
2 Tim 1, 7-10
EKHN
Gottes Macht über den Tod
EG 652, Christus spricht: Ich bin die Auferstehung
und das Leben
EG 398, In dir ist Freude in allem Leide
Hinweis: Dieser Predigtvorschlag stammt aus dem Predigtportal des Zentrum Verkündigung der
EKHN.
Liebe Gemeinde,
was wir gerade gehört haben, das sind Worte, die uns in ihrer Vertrautheit wie Balsam auf die
Seele herabfließen – poetisch, wohl gesetzt, wahr und zeitlos;
Worte des Zuspruchs, die der Apostel Paulus für seinen engsten Mitarbeiter Timotheus findet,
um ihn in seinem Amt als Gemeindeleiter und Seelsorger zu stärken;
Worte, die uns persönlich anrühren, wenn wir unsicher und verängstigt sind, wenn wir uns
bedrohlichen Entwicklungen gegenüber sehen, die alles in Frage stellen, worauf wir unser
Vertrauen und unsere Hoffnung gesetzt haben;
Worte, die daran erinnern, dass ein vermeintliches Ende nicht das Letzte ist, was Gott uns
zugedacht hat.
Heute ist der 11. September – ein Datum, das unauslöschlich mit dem Anschlag auf das World
Trade Center in New York im Jahr 2001 verbunden ist. Nicht nur die Schreckensbilder von
damals haben uns verstört, sondern auch vieles, was danach folgte: Krieg in Afghanistan und
im Irak, Terror und Aufbegehren gegen einen westlich geprägten Lebensstil, der seine
Überlegenheit beweisen wollte und dessen politische Repräsentanten sich nichts anderes
vorstellen konnten als eine Ausbreitung seiner Werte und Normen weltweit. Mit der Explosion
der Türme durch die hinein rasenden Flugzeuge wurde nicht nur ein symbolträchtiges Bauwerk
erschüttert und zerstört und mehr als 2 000 Menschen getötet. Unserem Selbstbild in Amerika
und Europa wurde eine Verletzung beigebracht, die nicht verheilt ist, die uns wie ein
verwundetes Tier immer wieder zur Gegenwehr ausholen ließ.
Wir haben uns abgekämpft, sind kraft- und mutlos geworden angesichts der
Herausforderungen, die sich aus einer veränderten weltpolitischen Situation ergeben haben.
Wir haben vieles lernen müssen in dieser einen, globalisierten, vernetzten Welt, auf dieser
einzigen Erde, die mehr als 7 Milliarden Menschen Raum geben muss zum Leben, zur
Entfaltung ihrer Fähigkeiten und ihrer Überzeugungen. Die Flüchtlinge aus den Kriegsregionen,
aus Perspektivlosigkeit, Gewaltherrschaft und bitterer Armut haben uns in unserer nur
scheinbar heilen Welt aufgerüttelt. Sie haben uns neu vor die Frage gestellt, wie wir eigentlich
leben wollen in diesem 21. Jahrhundert … Als Christinnen und Christen im Gegenüber zu
anderen Religionen und Wertvorstellungen suchen wir nach Vergewisserung in einem Glauben,
dessen Bedeutung im Alltag geschwunden ist und der doch die Wurzel darstellt, aus der unsere
Weltanschauung von Freiheit und Selbstbestimmung erwachsen ist: Wo ist die Quelle, die uns
belebt und erfrischt und uns zuversichtlich weitergehen lässt – aufeinander zu und gemeinsam
mit anderen?
Die Worte des Apostels Paulus, die heute als Predigttext in unsere Ohren und Herzen dringen,
die werden vor diesem Hintergrund mehr als Balsam und Trost für die angefochtene Seele. Sie
fassen auf einzigartige Weise zusammen, was uns mit dem Evangelium von Jesus Christus
geschenkt ist. Sie klingen unerschrocken und programmatisch. Sie spiegeln eine ungeahnte
Gewissheit.
Dabei waren die Verhältnisse damals, noch am Anfang unserer Zeitrechnung, als das
Christentum noch nicht zwei Jahrtausende Tradition mit sich trug, die es allzu
selbstverständlich erscheinen lassen, ebenso im Umbruch.
Paulus schreibt aus der Gefangenschaft in Rom. Er hat am eigenen Leib erfahren, was es heißt,
für seine Glaubensüberzeugung einzustehen, so wie es mit und nach ihm vielen anderen
Frauen und Männern ergangen ist, die um ihres Glaubens willen verfolgt, bedroht, gefoltert
und getötet wurden und werden.
Nachfolge auf dem Weg Jesu heißt immer wieder auch Nachfolge im Leiden, in der Ablehnung
und Verachtung. Nachfolge ist nichts, was Ehre und Anerkennung verschafft. Schamhaftes
Verschweigen ist nur dort angesagt, wo der Weg des geringsten Widerstandes gesucht wird.
Doch der Apostel beschwört Timotheus geradezu, sich nicht aus der Verantwortung zu stehlen,
sondern seine Sendung in Erinnerung zu rufen, nachzuspüren, welche Ermutigung ihm durch
Handauflegung zuteil geworden ist.
Nein, einen Geist der Furcht haben wir als Christinnen und Christen wahrhaftig nicht von Gott
erhalten. Es gibt zahllose Beispiele eines furchtlosen Engagements für die Botschaft des
Friedens und der Versöhnung, der Toleranz und der Mitmenschlichkeit, die uns gerade die
Angst nehmen und zu einem erfüllten Leben beitragen will. Kein Terror und Hass kann diese
Botschaft zum Schweigen bringen. Sie wird immer neu als zartes Hoffnungsgrün die Schwere
des Alltags durchbrechen!
Wenn es aber der Geist der Furcht vor manchen Ungewissheiten der Zukunft nicht ist –
welcher Geist ist uns denn stattdessen verheißen?
Der Geist der Kraft ist es – der hat nichts mit Krafttraining der Sportler zu tun, sondern lässt
uns an Bevollmächtigung und Stärkung durch Zuspruch und Segen denken, wie wir ihn in der
Kirche immer wieder empfangen und weitergeben.
Kraft wird wirksam durch Vergewisserung, durch gemeinsame Besinnung auf das, was uns
trägt.
Kraft zeigt sich als Widerstandskraft, als Standhaftigkeit – durchaus im Sinne unseres
Reformators Martin Luther.
Der Geist der Liebe ist es, der uns verheißen ist – ohne Liebe wäre alles, was wir tun, seelenlos
und leer. Die Liebe zum Nächsten neben uns, wer immer er oder sie sein mag, lässt uns über
uns hinauswachsen, macht alle Anstrengungen um ein friedliches Zusammenleben, um
Integration erst möglich und steht im Zentrum unseres Glaubens. Die Liebe hilft uns, mit
Verschiedenheiten in den eigenen Reihen umzugehen und sie zur gegenseitigen Bereicherung
weiter zu entwickeln.
Und der Geist der Besonnenheit ist es, auf den wir vertrauen dürfen – er kann uns bei
Entscheidungsfindungen leiten, uns vor Überreaktionen und Schuldzuweisungen bewahren. Er
lässt uns durchatmen und noch einmal neu anfangen, wo eine Situation verfahren ist.
Für einen unser Denken und Glauben prägenden Theologen wie Paulus muss sich wahrhaftig
niemand schämen. In nur wenigen Versen entfaltet er, auf welche Gewissheit wir uns stützen
können, wenn wir in Bedrängnis geraten: Keiner kann uns etwas anhaben oder uns von Gottes
Liebe trennen, da wir durch Jesus Christus gerettet und herausgerufen sind. Es ist Gottes
erklärter Wille, uns dies allein aus Gnaden und nicht abhängig von eigenem frommen Bemühen
zuteilwerden zu lassen. Was er vor aller Zeit beschlossen hat, offenbart sich im Glauben an
Jesus Christus. Durch seinen Tod am Kreuz hat er die Macht des Todes gebrochen. Das Leben,
die Unvergänglichkeit ist ans Licht gekommen, ist unzerstörbar geworden, unzerstörbar auch
durch menschliche Machtanmaßung. Daraus erwächst die christliche Freiheit, die sich nicht
einschüchtern lässt, was auch jetzt oder zukünftig geschieht.
Seit mehr als 70 Jahren leben wir in Frieden und haben unser Auskommen. Zum Glück fehlt
den meisten von uns die Erfahrung existentieller Bedrohung von außen. Was uns in Angst
versetzt, ist die Gefährdung der eigenen Gesundheit oder der Verlust lieber Menschen. Sorgen
macht uns, wenn die materielle Lebensgrundlage schwindet. Das große Versprechen der
Rettung vom Tod durch unseren Heiland Jesus Christus muss sich auch in den unspektakulären
Situationen des Lebensalltages bewahrheiten, damit wir ihm trauen können, wenn es ernst
wird.
So ist schon etwas im Glauben gewonnen, wenn wir weniger angstvoll die Veränderungen um
uns herum wahrnehmen und uns nicht einreden lassen, dass wir uns abschotten und einigeln
müssen gegen alles Fremde und Unverständliche.
Gottes Geist ist schon am Wirken, wenn wir im Streit keine Fäuste ballen, sondern einen
Schritt innerlich zurücktreten können und dem anderen etwas zugutehalten, seine Position zu
verstehen versuchen.
Der Tod hat schon seine Macht verloren, wenn wir uns in Krankheit und Leid nicht allein
gelassen fühlen müssen, sondern aufgehoben sind in liebevoller Zuwendung in der Familie, im
Krankenhaus oder in einer Betreuungseinrichtung.
Wir erfahren die Unvergänglichkeit des Lebens, wenn nach einer Zeit der Trauer oder der
Depression wieder Zuversicht aufkeimt und nicht mehr alles in uns wie gelähmt erscheint.
Wenn wir auf Jesus sehen, der um der Liebe zu den Menschen willen den Tod nicht gescheut
hat, kann uns Mut zuwachsen, sobald uns etwas zugemutet wird, was wir uns nicht selbst
ausgesucht haben. Dann singen wir getrost und mit Leichtigkeit wie im nächsten Lied: „Wenn
wir dich haben kann uns nicht schaden Teufel, Welt, Sünd oder Tod. Du hast’s in Händen,
kannst alles wenden, wie nur heißen mag die Not.“
Und der Friede Gottes, höher als unsere Vernunft, bewahre unsere Sinne in Christus Jesus,
unserm Herrn. Amen
Verfasserin: Dekanin Barbara Alt
Ludwigsburg 1, 35423 Lich
Herausgegeben vom Referat Ehrenamtliche Verkündigung:
Pfarrerin Dr. Christiane Braungart, Markgrafenstraße 14,
60487 Frankfurt/Main
 069 71379-140   069 71379-131
E-Mail: [email protected]
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