16. Sonntag nach Trinitatis - Zentrum Verkündigung der EKHN

Werbung
16. Sonntag nach Trinitatis
Jahrgang 15/16
Reihe II – Nr. 58
(11.09.2016)
Predigtvorschlag
2. Timotheus 1, 7 - 10
Leitbild:
Gottes Macht über den Tod
Wochenspruch:
„Christus Jesus hat den Tode die Macht
genommen und das Leben und ein
unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch
das Evangelium.“
(2. Timotheus 1, 10 b)
Psalm:
68, 4 - 7a.20 - 21
Lesungen
Altes Testament:
Klagelieder 3, 22 – 26.31 – 32
Epistel:
2. Timotheus 1, 7 – 10
Evangelium:
Johannes 11, 1 (2) 3.17-27
Liedvorschläge
Eingangslied:
EG 162, 1 - 4 Gott Lob, der Sonntag kommt
herbei
Wochenlied:
EG 652
Christus spricht: Ich bin die
Auferstehung und das Leben
Predigtlied:
EG 398
In dir ist Freude in allem Leide
Schlusslied:
EG 347,4 - 6 Ach bleib mit deiner Gnade
Predigttext 2. Timotheus 1, 7 - 10
„Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht,
sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn
noch seiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit
mir für das Evangelium in der Kraft Gottes. Er hat uns selig
gemacht und berufen mit seinem heiligen Ruf, nicht nach
unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach
seiner Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der
Zeit der Welt, jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung
unseres Heilandes Christus Jesus, der dem Tode die Macht
genommen hat und das Leben und ein unvergängliches
Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium…“
Predigt
Liebe Gemeinde,
was wir gerade gehört haben, das sind Worte, die uns in
ihrer Vertrautheit wie Balsam auf die Seele herabfließen –
poetisch, wohl gesetzt, wahr und zeitlos;
Worte des Zuspruchs, die der Apostel Paulus für seinen
engsten Mitarbeiter Timotheus findet, um ihn in seinem Amt
als Gemeindeleiter und Seelsorger zu stärken;
Worte, die uns persönlich anrühren, wenn wir unsicher und
verängstigt sind, wenn wir uns bedrohlichen Entwicklungen
gegenüber sehen, die alles in Frage stellen, worauf wir
unser Vertrauen und unsere Hoffnung gesetzt haben;
Worte, die daran erinnern, dass ein vermeintliches Ende
nicht das Letzte ist, was Gott uns zugedacht hat.
Heute ist der 11. September – ein Datum, das
unauslöschlich mit dem Anschlag auf das World Trade
Center in New York im Jahr 2001 verbunden ist. Nicht nur
die Schreckensbilder von damals haben uns verstört,
sondern auch vieles, was danach folgte: Krieg in
Afghanistan und im Irak, Terror und Aufbegehren gegen
einen westlich geprägten Lebensstil, der seine Überlegenheit
beweisen wollte und dessen politische Repräsentanten sich
Jahrgang 15/16 – Nr. 58 – Seite 2
nichts anderes vorstellen konnten als eine Ausbreitung
seiner Werte und Normen weltweit. Mit der Explosion der
Türme durch die hinein rasenden Flugzeuge wurde nicht nur
ein symbolträchtiges Bauwerk erschüttert und zerstört und
mehr als 2 000 Menschen getötet. Unserem Selbstbild in
Amerika und Europa wurde eine Verletzung beigebracht, die
nicht verheilt ist, die uns wie ein verwundetes Tier immer
wieder zur Gegenwehr ausholen ließ.
Wir haben uns abgekämpft, sind kraft- und mutlos
geworden angesichts der Herausforderungen, die sich aus
einer veränderten weltpolitischen Situation ergeben haben.
Wir haben vieles lernen müssen in dieser einen,
globalisierten, vernetzten Welt, auf dieser einzigen Erde, die
mehr als 7 Milliarden Menschen Raum geben muss zum
Leben, zur Entfaltung ihrer Fähigkeiten und ihrer
Überzeugungen. Die Flüchtlinge aus den Kriegsregionen,
aus Perspektivlosigkeit, Gewaltherrschaft und bitterer Armut
haben uns in unserer nur scheinbar heilen Welt aufgerüttelt.
Sie haben uns neu vor die Frage gestellt, wie wir eigentlich
leben wollen in diesem 21. Jahrhundert … Als Christinnen
und Christen im Gegenüber zu anderen Religionen und
Wertvorstellungen suchen wir nach Vergewisserung in
einem Glauben, dessen Bedeutung im Alltag geschwunden
ist und der doch die Wurzel darstellt, aus der unsere
Weltanschauung von Freiheit und Selbstbestimmung
erwachsen ist: Wo ist die Quelle, die uns belebt und
erfrischt und uns zuversichtlich weitergehen lässt –
aufeinander zu und gemeinsam mit anderen?
Die Worte des Apostels Paulus, die heute als Predigttext in
unsere Ohren und Herzen dringen, die werden vor diesem
Hintergrund mehr als Balsam und Trost für die
angefochtene Seele. Sie fassen auf einzigartige Weise
zusammen, was uns mit dem Evangelium von Jesus
Christus geschenkt ist. Sie klingen unerschrocken und
programmatisch. Sie spiegeln eine ungeahnte Gewissheit.
Jahrgang 15/16 – Nr. 58 – Seite 3
Dabei waren die Verhältnisse damals, noch am Anfang
unserer Zeitrechnung, als das Christentum noch nicht zwei
Jahrtausende Tradition mit sich trug, die es allzu
selbstverständlich erscheinen lassen, ebenso im Umbruch.
Paulus schreibt aus der Gefangenschaft in Rom. Er hat am
eigenen Leib erfahren, was es heißt, für seine
Glaubensüberzeugung einzustehen, so wie es mit und nach
ihm vielen anderen Frauen und Männern ergangen ist, die
um ihres Glaubens willen verfolgt, bedroht, gefoltert und
getötet wurden und werden.
Nachfolge auf dem Weg Jesu heißt immer wieder auch
Nachfolge im Leiden, in der Ablehnung und Verachtung.
Nachfolge ist nichts, was Ehre und Anerkennung verschafft.
Schamhaftes Verschweigen ist nur dort angesagt, wo der
Weg des geringsten Widerstandes gesucht wird. Doch der
Apostel beschwört Timotheus geradezu, sich nicht aus der
Verantwortung zu stehlen, sondern seine Sendung in
Erinnerung zu rufen, nachzuspüren, welche Ermutigung ihm
durch Handauflegung zuteil geworden ist.
Nein, einen Geist der Furcht haben wir als Christinnen und
Christen wahrhaftig nicht von Gott erhalten. Es gibt zahllose
Beispiele eines furchtlosen Engagements für die Botschaft
des Friedens und der Versöhnung, der Toleranz und der
Mitmenschlichkeit, die uns gerade die Angst nehmen und zu
einem erfüllten Leben beitragen will. Kein Terror und Hass
kann diese Botschaft zum Schweigen bringen. Sie wird
immer neu als zartes Hoffnungsgrün die Schwere des
Alltags durchbrechen!
Wenn es aber der Geist der Furcht vor manchen
Ungewissheiten der Zukunft nicht ist – welcher Geist ist uns
denn stattdessen verheißen?
Der Geist der Kraft ist es – der hat nichts mit Krafttraining
der Sportler zu tun, sondern lässt uns an Bevollmächtigung
und Stärkung durch Zuspruch und Segen denken, wie wir
ihn in der Kirche immer wieder empfangen und
weitergeben.
Jahrgang 15/16 – Nr. 58 – Seite 4
Kraft
wird
wirksam
durch
Vergewisserung,
durch
gemeinsame Besinnung auf das, was uns trägt.
Kraft zeigt sich als Widerstandskraft, als Standhaftigkeit –
durchaus im Sinne unseres Reformators Martin Luther.
Der Geist der Liebe ist es, der uns verheißen ist – ohne
Liebe wäre alles, was wir tun, seelenlos und leer. Die Liebe
zum Nächsten neben uns, wer immer er oder sie sein mag,
lässt
uns
über
uns
hinauswachsen,
macht
alle
Anstrengungen um ein friedliches Zusammenleben, um
Integration erst möglich und steht im Zentrum unseres
Glaubens. Die Liebe hilft uns, mit Verschiedenheiten in den
eigenen Reihen umzugehen und sie zur gegenseitigen
Bereicherung weiter zu entwickeln.
Und der Geist der Besonnenheit ist es, auf den wir
vertrauen dürfen – er kann uns bei Entscheidungsfindungen
leiten, uns vor Überreaktionen und Schuldzuweisungen
bewahren. Er lässt uns durchatmen und noch einmal neu
anfangen, wo eine Situation verfahren ist.
Für einen unser Denken und Glauben prägenden Theologen
wie Paulus muss sich wahrhaftig niemand schämen. In nur
wenigen Versen entfaltet er, auf welche Gewissheit wir uns
stützen können, wenn wir in Bedrängnis geraten: Keiner
kann uns etwas anhaben oder uns von Gottes Liebe
trennen, da wir durch Jesus Christus gerettet und
herausgerufen sind. Es ist Gottes erklärter Wille, uns dies
allein aus Gnaden und nicht abhängig von eigenem
frommen Bemühen zuteilwerden zu lassen. Was er vor aller
Zeit beschlossen hat, offenbart sich im Glauben an Jesus
Christus. Durch seinen Tod am Kreuz hat er die Macht des
Todes gebrochen. Das Leben, die Unvergänglichkeit ist ans
Licht gekommen, ist unzerstörbar geworden, unzerstörbar
auch durch menschliche Machtanmaßung. Daraus erwächst
die christliche Freiheit, die sich nicht einschüchtern lässt,
was auch jetzt oder zukünftig geschieht.
Jahrgang 15/16 – Nr. 58 – Seite 5
Seit mehr als 70 Jahren leben wir in Frieden und haben
unser Auskommen. Zum Glück fehlt den meisten von uns
die Erfahrung existentieller Bedrohung von außen. Was uns
in Angst versetzt, ist die Gefährdung der eigenen
Gesundheit oder der Verlust lieber Menschen. Sorgen macht
uns, wenn die materielle Lebensgrundlage schwindet. Das
große Versprechen der Rettung vom Tod durch unseren
Heiland Jesus Christus muss sich auch in den
unspektakulären
Situationen
des
Lebensalltages
bewahrheiten, damit wir ihm trauen können, wenn es ernst
wird.
So ist schon etwas im Glauben gewonnen, wenn wir weniger
angstvoll die Veränderungen um uns herum wahrnehmen
und uns nicht einreden lassen, dass wir uns abschotten und
einigeln müssen gegen alles Fremde und Unverständliche.
Gottes Geist ist schon am Wirken, wenn wir im Streit keine
Fäuste ballen, sondern einen Schritt innerlich zurücktreten
können und dem anderen etwas zugutehalten, seine
Position zu verstehen versuchen.
Der Tod hat schon seine Macht verloren, wenn wir uns in
Krankheit und Leid nicht allein gelassen fühlen müssen,
sondern aufgehoben sind in liebevoller Zuwendung in der
Familie,
im
Krankenhaus
oder
in
einer
Betreuungseinrichtung.
Wir erfahren die Unvergänglichkeit des Lebens, wenn nach
einer Zeit der Trauer oder der Depression wieder Zuversicht
aufkeimt und nicht mehr alles in uns wie gelähmt erscheint.
Wenn wir auf Jesus sehen, der um der Liebe zu den
Menschen willen den Tod nicht gescheut hat, kann uns Mut
zuwachsen, sobald uns etwas zugemutet wird, was wir uns
nicht selbst ausgesucht haben. Dann singen wir getrost und
mit Leichtigkeit wie im nächsten Lied: „Wenn wir dich haben
kann uns nicht schaden Teufel, Welt, Sünd oder Tod. Du
Jahrgang 15/16 – Nr. 58 – Seite 6
hast’s in Händen, kannst alles wenden, wie nur heißen mag
die Not.“
Und der Friede Gottes, höher als unsere Vernunft, bewahre
unsere Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen
Verfasserin: Dekanin Barbara Alt
Ludwigsburg 1, 35423 Lich
Herausgegeben vom Referat Ehrenamtliche Verkündigung:
Pfarrerin Dr. Christiane Braungart, Markgrafenstraße 14,
60487 Frankfurt/Main
 069 71379-140   069 71379-131
E-Mail: [email protected]
in Verbindung mit dem
Gemeindedienst der
Evangelischen Kirche
in Mitteldeutschland
Pfarrer Dr. Matthias Rost
Zinzendorfplatz 3 (Alte Apotheke), 99192 Neudietendorf
 036202 7717-97
Jahrgang 15/16 – Nr. 58 – Seite 7
Die „Predigtvorschläge“ sind auch auf CD-ROM (Text- und WINWORD-Datei) erhältlich
und im Internet abrufbar (http://www.zentrum-verkuendigung.de/predigten.html )
E-Mail: [email protected]
Jahrgang 15/16 – Nr. 58 – Seite 8
Herunterladen