Grundlagen von motivational interviewing

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Folien Vortrag Forum
Psychotherapie Steinburg
Fortbildung "Aktueller Stand und
Richtlinienverfahrensweise bei
Abhängigkeitserkrankungen in der ambulanten
Psychotherapie" am 14.11.12
Dr. Jean Hermanns
Ambulante Psychotherapie bei
Abhängigkeitserkrankungen
Aktueller Stand, Möglichkeiten und
praktische Umsetzung
Forum Psychotherapie Steinburg
Vortrag am 14.11.2012
Jean Hermanns
Ausgangspunkte I
• Entscheidung des Bundesausschusses zu
abhängigkeitserkrankten PatientInnen
• Vertragspsychotherapeutische Behandlung
auch bei (noch) fehlender Abstinenz
• Voraussetzungen: Abstinenzbemühungen und
Erreichbarkeit von Abstinenz innerhalb von
max. 10 Therapiestunden
• bei (opiat-)substituierten PatientInnen:
Zusammenarbeit mit substituierenden
ÄrztInnen und Beikonsumfreiheit
Ausgangspunkte II
• bisherige Voraussetzung: PatientIn musste sich in
(stabiler) Entwöhnungsphase befinden
• bzw. stabile Abstinenz Voraussetzung
• für suchtkranke und v.a. komorbide Pat. oftmals
unmöglich
• bei Rückfälligkeit im Prinzip keine Weiterbehandlung möglich
• Behandlung der Rückfälligkeit selbst war
problematisch
• u.a. sehr fragliches Krankheitsverständnis
Ausgangspunkte III
• Anerkennung von Sucht als Krankheit
• Problem der Finanzierung: Empfehlungsvereinbarung von 1978
• überkommene Sichtweisen von Sucht bzw.
• Trennung von körperlicher und psychischer
Suchtsymptomatik nicht sachgerecht
• Kostenträgerschaft verhinderte die eigentliche
kurative psychotherapeutische Behandlung von
Suchtkranken
• im Prinzip nur körperlicher Entzug und
medizinische Rehabilitation
Ausgangspunkte IV
• Aufbau eines differenzierten Sucht-Rehabilitationssystems
• sozialarbeiterisch und sozialmedizinisch
geprägt
• Veränderung durch Interesse am komorbiden
psychischen Störungen
• keine ausreichenden stationären und
ambulanten Behandlungsmöglichkeiten
• Konzentration auf eine Störung
• serielle statt parallele bzw. integrative
Behandlung
Struktur moderner Suchtbehandlung Was hat sich (schon) geändert?
• „Ideal“ der Abstinenz keineswegs immer erreichbar
harm-reduction, bes. bei Komorbidität
• Aufbau einer tragfähigen Motivation zentrale
Aufgabe der Therapie
• Sucht-Entwicklungen und -verläufe sind uneinheitlich Individualisierung der Therapie
• nicht jeder suchtkranke Pat. bedarf einer Sucht-Reha
• Systematische Nutzung von Verstärkern aus der
sozialen Umwelt  community reinforcement
approach
Struktur moderner Suchtbehandlung was muss sich (noch) ändern?
• Abbau der Dominanz der Kostenträger
• ‚Behandlung‘ der Störung Sucht als ‚normale‘
seelische Störung
• keine ‚Bestrafung‘ des Vorliegens von
Krankheitszeichen
• Einbindung der sozialpädagogischen
SuchttherapeutInnen in SGB V-Leistungen
• Vorgehen analog den psychosomatischen
Behandlungen bei affektiven und Persönlichkeitsstörungen?
Moderne ambulante Suchtpsychotherapie
• Behandlungsnetzwerk bzw. sozialpsychiatrische Orientierung
• psychotherapeutische Behandlung als
durchgehende Intervention
• auch und gerade bei komorbiden Pat. und
chronisch-rezidivierendem Verlauf
• parallel zu Maßnahmen der Eingliederungshilfe und Gesundheitsvorsorge ( harm
reduction)
• Sucht als bio-psycho-soziale Störung
Einschub: Methoden zur Reduzierung/Beendigung
von Konsum/Rückfälligkeit
• Repertoire der Methoden der kog. VT, speziell:
• Identifizierung von Risikosituationen und
Anfälligkeitsfaktoren
• Rückfalltagebuch/„Trockenjubiläen“
• Verhaltens-Verträge (nicht Erfolgsverträge)
einschl. Selbstbelohnung bei erreichten Teilzielen
• Selbstinstruktion
• Notfallpläne/Telefonketten
• Identifizierung von selbsterlaubenden Gedanken/
dysfunktionalen Kognitionen
• Ausrutscher-Beendigung
• Cue-exposure/Expositionstraining
Stichwort: familiäre Interaktion
•
•
•
•
unabhängig von therapeutischer Schule
„Sucht ist eine Familienkrankheit“
dysfunktionale Interaktionsmuster
Einbeziehung der Familie/Ehepartner
Evidenzbasierte Psychotherapie der
Sucht: Was wirkt? (Rist, 2008)
• Förderung von Eigenaktivität, Konsum zu
reduzieren
• Self management skills, Ermutigung zur
Nutzung eigener Möglichkeiten
• Intrinsische Motivationsförderung
• Verhaltenskontrakte
• Soziale Kontingenzsetzung
• Verbesserung der Beziehungen zu
Bezugspersonen
Evidenzbasierte Psychotherapie der
Sucht: Was wirkt nicht? (Rist, 2008)
•
•
•
•
•
•
•
•
Erziehen
Belehren
Konfrontieren
Einsicht fördern
Entspannen
Forcierter Selbsthilfegruppenbesuch
Ermahnen, Warnen vor neg. Folgen
Unspezifische Beratung und allgemeine
Unterstützung
Zurück zum…
…motivational interviewing als
Grundansatz
als evidenzbasiertes, z.Zt.
erfolgversprechendstes therapeutisches
Verfahren bei Abhängigkeitserkrankungen
Was sagt motivational interviewing (über
erfolgreiche Therapie)? - einige Beispiele  Pat. muss sich seinem Selbstbild/Selbsterleben
verstanden fühlen
 …er muss einen Vorteil der Therapie für sich
erkennen und erleben
 er muss selbst Diskrepanzen zwischen seinem
(Sucht-)Verhalten und seinen (Lebens-)Zielen
feststellen
 …er muss sich als Mensch anerkannt und
verstanden fühlen
 er muss Änderungskompetenz und –zuversicht
aufweisen und sich dessen bewusst sein
 Pat. muss selbstmotivierende Aussagen treffen
und sich selbst auf Änderungen verpflichten
Wie geht MI vor??
Grundlagen von motivational interviewing
Berücksichtigung der Merkmale der Sucht
• Kaum Lernen aus „Bestrafung“
• Lernen aus Belohnung
• Erhöhung Impulsivität
• „Kurzsichtigkeit“ für die Zukunft
(ventromedialer Kortex)
• Nachlassen rationales Denken
• kognitiv Ambivalenz
Grundlagen von motivational interviewing
Was ist Widerstand ???
…
Grundlagen von motivational interviewing
…
Widerstand ist normal !!!!!
Widerstand ist eine übliche und angemessene
sog. Defensivstrategie !!!
… gerade auch angesichts Ihrer Position als
Mediziner/Psychotherapeut
Grundlagen von motivational interviewing
…und vor allem:
"It requires at least two people to not cooperate !"
(Miller&Rollnick)
d.h.
Widerstand ist ein interaktionelles Phänomen, kein
Persönlichkeitsmerkmal !
Folge von Übergriffigkeiten bzw. Autonomieverletzungen des Therapeuten
Offenheit für Sichtweisen, Ziele und Handlungspräferenzen des Klienten mindert Widerstand
"Rechthaber-Reflex" muss gebändigt werden !!
Grundlagen von motivational interviewing
Ambivalenz …
… ist der Regelfall !!
und ist normal !!
Grundlagen von motivational interviewing
Quellen der Ambivalenz
Diagnosestellung
Verhaltensänderung
Inanspruchnahme von Hilfe
Grundlagen von motivational interviewing
Warum Ambivalenz im
Vordergrund von MI ?
• Vor- und Nachteile des Konsums/
der Abstinenz
• Ambivalenz ist ein natürlicher Teil
jeder Veränderung
• auch nach Entscheidungen
Grundlagen von motivational interviewing
Definition MI
"…a client-centered, directive
method for enhancing intrinsic
motivation to change by
exploring and resolving
ambivalence" (Miller&Rollnick)
Grundlagen von motivational interviewing
Ambivalenz bedeutet
jede abhängige Person besitzt
Veränderungspotential
trägt in der Pro-Veränderungsseite die
Gründe für Veränderung in sich
Betroffener kann so zum Fürsprecher der
eigenen Veränderung gewonnen werden
nur so ist eine stabile Verhaltensänderung
ohnehin nur möglich
Grundlagen von motivational interviewing
Intrinsische Motivation und
Ambivalenz
 "Eigenmotivation zur Veränderung
wird gefördert, wenn die Motive pro
Veränderung gestärkt und gleichzeitig die Motive kontra Veränderung
wertgeschätzt werden !" (Veltrup)
(dies geschieht in Phase I des MI)
Grundlagen von motivational interviewing
Wann ändert sich der Mensch ??
…
Welche Rolle können Therapeuten
beim Veränderungsprozess
spielen ?
…
Therapeutische Prinzipien
• Express empathy
• Develop discrepancies
• Avoid argumentation
• Roll with resistance
• Support self-efficacy
Grundlagen von motivational interviewing
- Techniken des MI Förderung von Änderungsbereitschaft I
Offene Fragen
Aktiv zuhören
Bestätigen
Verstärkung selbstmotivierender
Aussagen
Grundlagen von motivational interviewing
Aktiv zuhören
Allgemein:
nonverbale Aufmerksamkeit
die 3 „V“: Vermitteln, dass man am
anderen interessiert ist
Verstehen, was der andere meint
Verspüren, was der andere sagt
Reflexionen gestalten
Grundlagen von motivational interviewing
Anhaltendes aktives Zuhören
Einfaches Wiederholen
Neuphrasieren (leichte Änderung)
Paraphrasieren (erweiterte Neuformulierung)
Reflexion der Gefühle
Grundlagen von motivational interviewing
Bestätigen
Anerkennen des bisherigen Bemühens
Verständnis für die Ambivalenz und die
Notlage
Bewunderung für die Lebens-(Arbeits-)
leistung
Grundlagen von motivational interviewing
Bestätigen
… hier gilt ganz besonders: Nur
selbstbildkompatible Information
wird verwertet (und wirkt !).
Motviational interviewing
Methoden zur Förderung von Änderungszuversicht
("confidence talk")
offene Fragen
Zuversichtsrating (Skala 1-10, mit Diskussion)
Rückblick auf vergangene Erfolge ("Wie haben Sie das
gemacht ?")
Ansprechen persönlicher Stärken und Unterstützungsmöglichkeiten
brainstorming (alle auch abwegigen Ideen sammeln lassen, die
eine Veränderung erleichtern)
Weitergabe von Informationen und Empfehlungen
Umdeuten (z.B. von Misserfolgen)
Thematisieren hypothetischer Änderungen ("Wie haben Sie es
geschafft ?")
Motviational interviewing
Methoden zur Förderung veränderungsbezogener
Äußerungen ("change talk")
offene Fragen
Wichtigkeitsrating (Skala 1-10, mit Diskussion)
4-Felder-Entscheidungsmatrix/Waage-Modell
Veränderungsmotive genau erkunden ("wie stellen Sie sich
einen Tag ohne Alkohol genau vor ?")
Extrementwicklungen erfragen ("Was sind Ihre schlimmsten
Befürchtungen, was wird passieren, wenn Sie so
weitermachen wie bisher ?")
Rückschau halten (Zeiten, in denen der Konsum noch kein
Problem war, was war anders ?)
Zukunft nach Konsumreduktion imaginieren
Lebensziele explorieren und Dissonanzen zum
Suchtmittelkonsum eruieren
Grundlagen von motivational interviewing
- Techniken des MI Förderung von Änderungsbereitschaft II
Diskrepanzen entwickeln
Förderung von Selbstverpflichtung
Widerstand aufnehmen
Selbstwirksamkeit stärken
Was hat sich geändert ?
Aktuelle Zahlen
Problematischer Konsum bei
ca. 20 %
aller Cannabiskonsumenten
(Konsum an mehr als 20 von 30 Tagen im Monat)
10 % aller Cannabiskonsumenten bezeichnen
sich selbst als abhängig !
Veränderung der Konsumgewohnheiten
• Applikationsformen
• Substanzqualität
• Konsummuster
Veränderung…
der Applikationsformen
Substanzqualität
moderate Zunahme des THC-Anteil im
Haschisch
Hochzüchtung des THC-Anteils durch
Hochleistungsgewächshäuser
Genmanipulation noch ungesichert
„Wegzüchtung“ von teilweise antagonistisch
wirkenden Cannabinoiden (z.B. Cannabidiol)
Konsummuster und -motivation
•
•
•
•
„Pegel“kiffer
von der Peace- zur „Kick“-Droge
„Eimer“-Rauchen
Kombination mit anderen Halluzinogenen
Typische psychische Wirkungen des Kurzzeitkonsums I
Euphorie
gehobene Stimmung, grundlose
Heiterkeit, Gelassenheit
als Folge Ausgelassenheit, Fröhlich-keit,
Lach- und Witzellust
auch Gefühl der Erfüllung und
Zufriedenheit
gelegentlich vorher kurze Phase
ängstlicher, agitierter Verstimmung
Typische psychische Wirkungen des Kurzzeitkonsums II
Verminderter Antrieb





globale Passivität und Apathie
Empfinden einer „wohligen Mattigkeit“
Gefühl der Leichtigkeit
gleichzeitig verlangsamte Bewegungen
frgl. verminderte Aggressivität
Typische psychische Wirkungen des Kurzzeitkonsums III
Denkstörungen:
o bruchstückhaftes Denken
o Herabsetzung der gedanklichen
Speicherungsfähigkeit
o Verlust der Erlebniskontinuität
o Ordnung des Denkens nach assoziativen
Gesichtspunkten (erhöhte Phantasie)
o ideenflüchtiges Denken
o Abnahme abstrakt-schlussfolgender
Denkprozesse zugunsten bildhaft-konkreter
Vorstellungen
Zweiphasiger Ablauf des Cannabisrausches
1. Phase der Stimulation: verstärkte Wahrnehmung,
Euphorie, Angst
2. Phase der Sedierung: Dämpfung, Beruhigung,
Schläfrigkeit
Erklärung für
 Unterschiedlichkeit der Konsummotivation
 „Doppelwirkung“ motiviert doppelt
 differentielle Wirkung bei Psychotikern
Haschisch macht
gleichgültig --aber das ist mir
egal !
•
•
•
•
Amphetamine: ca. 2 Mill. (min. 1x im Leben)
ca. 1 Mill. Ecstasy oder LSD
ca. 400 Tsd. Spice-Produkte
Trends:
Ecstasy
LSD
Amphetamine
Spice und Co.
Konsumenten neuer synthetischer
Drogen (Centre for Drug Research, Uni Frankfurt)
• nahezu 100% Cannabiserfahrung
• ca. 80% Erfahrung mit anderen illegalen
Drogen
• d.h. keine Rekrutierung neuer Konsumentenkreise
Konsumenten neuer synthetischer
Drogen (Centre for Drug Research, Uni Frankfurt)
1. Probierer/ gelegentliche Konsumenten:
Konsummotiv vor allem Neugierde
2. Regelmäßige Räuchermischungs-Konsumenten:
Konsum entweder anstatt Cannabis oder zusätzlich
zu Cannabis; zum Teil aus rechtlicher Motivation
heraus („sauber bleiben“)
3. Regelmäßige Konsumenten von Research
Chemicals: zumeist erfahrene, experimentierfreudige Konsumenten unterschiedlicher Drogen
(Partyszene, „Psychonauten“); legaler Status weniger
wichtig
Legal Highs
• psychoaktiv wirksame Substanzen, die noch
nicht von der Drogengesetzgebung erfasst sind
• Piperazine, synthetische Cathinone,
synthetische Cannabinoide
• rechtliche Grauzone (zwar legal, aber irreführende
Gebrauchsinformationen und –warnungen)
• Ersatzstoffe für illegale Substanzen (MDMA)
• getarnte Produkte (Badesalze, Pflanzendünger,
Kräutermischungen, Düngerpillen)
Räuchermischungen
• unterschiedliche pflanzliche und synthetische
Bestandteile
• Werbung mit rein natürlichen Inhaltsstoffen
(z.B. blaue Lotosblume, sibirischer Löwenschwanz)
• Lava Red, Monkees go bananas, Bonzai,
Jamaican Gold, Forest Green, Maya
Research Chemicals I
• RC‘s, früher Designerdrogen genannt
• Variationen von vorhandenen illegalen
Substanzen (molekulare Struktur)
• oder neue chemische Struktur mit ähnlicher
Wirkung wie illegale Substanzen
• Vermarktung als legaler Ersatz (z.B. des EcstasyGrundstoffes MDMA)
• oder mit zweckentfremdeten Begriffen (z.B.
Dünger für Kakteen, Badesalz)
Rush Hour
Dieses Badesalz übertrifft in seinem
prickeln sogar das beliebte Charge+
und das zu einem unschlagbar
günstigen Preis !
29,95 €
inkl. 0% MwSt., zzgl
Ecko Badesalz, der neuste Renner aus der
Badesalz Familie :)
Research Chemicals II
• Umgehung der Gesetze
• falsche Sicherheit/legaler Status sagt nichts
über Gefährlichkeit aus
• weitgehend unerforscht (nur in 16% der als Ecstasy
verkauften Pillen ist der Wirkstoff MDMA enthalten, in 84%
Research Chemicals)
• „Versuchskaninchen“
• Notwendigkeit von ‚safer use‘
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