Eichenprozessionsspinner, DEGA 31/2004

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PFLANZENSCHUTZ
■ Eichen-Prozessionsspinner
Die April bis Anfang Mai
(etwa zum Austrieb der Eichenblätter) aus den Eiern
schlüpfenden Raupen durchlaufen sechs Larvenstadien.
Dabei unterscheiden sich die
einzelnen Stadien sowohl in
ihrem Verhalten als auch
ihrem optischen Erscheinungsbild – insbesondere in Bezug
auf die Ausbildung der Brennhaare – deutlich. Alle Stadien
treten gesellig auf, wobei die
ersten Stadien die Blätter und
Triebe der Eichen zu einem
lockeren Gespinst verbinden,
ältere Larvenstadien (etwa ab
L5; Mitte Juni) bilden größere
Gespinstnester aus, die ähnlich
wie die frühen Gespinste als
Ruhestätte fungieren, jedoch
reichlich mit Kot und Häutungsresten gefüllt sind. Die
ersten Gespinste treten entsprechend der Eiablage eher
im oberen Kronenbereich auf,
die fußballgroßen und bis zu
einem Meter langen Gespinstnester rutschen dann in tiefere
Bereiche und finden sich meist
in Astgabelungen, am Stamm
oder unterhalb dicker Seitenäste. Der Fraß der Larven erfolgt nachts, wobei die typischen Prozessionen gebildet
werden. Vereinzelt sind auch
Wanderungen am Tage zu beobachten, hierbei handelt es
sich meist um Larven, die sich
gerade gehäutet haben. Typisch für den Eichenprozessionsspinner sind mehrreihige
Prozessionen. Im Schutz der
Massenbewegung grasen die
Raupen Wirtsbäume und deren
Nachbarn ab.
Die Idee, einmal die Larven
im Kreis laufen zu lassen, hat
der Entomologe Jean Henri Fabre bereits vor 100 Jahren umgesetzt. Das erstaunliche Ergebnis
war, dass die Tiere weiter unbeeindruckt ihren Weg gehen: Belegt ist für den Kiefern-Prozessionsspinner eine Wanderung um
eine Vase (Umfang 1,35m) über
einen Zeitraum von sieben Tagen, wobei die Tiere in der
Nacht geruht haben und am Tag
ihren Weg wieder aufgenommen haben; über 335mal haben
sie dabei ihre Runden gedreht.
Ein Kontakt mit den Brennhaaren führt auf Grund mechanischer Reizung in Verbindung
mit einem in den Brennhaaren
gelagerten Stoff (Thaumetopein)
zu vielfältigsten allergischen und
pseudoallergischen Reaktionen.
Auf der Haut führt ein Kontakt
binnen kurzer Zeit zu schmerzhaftem Brennen und Jucken, zu
Rötungen und Schwellungen
und zur Quaddelbildung (lässt
innerhalb einer Woche nach).
Auch Schleimhautreizungen treten auf (Mund, Nase, Auge). Anfällige Personen können einen
Asthma-Anfall erleiden, auch ist
im Extremfall ein allergischer
Schock möglich. Unspezifische
Begleiterscheinungen äußern
sich in Form von Fieber, Müdigkeit oder auch Schwindel. In allen Fällen sollte stets der Arzt
aufgesucht werden mit dem
Hinweis auf einen Kontakt mit
den Prozessionsspinnerraupen.
Die Behandlung erfolgt bei-
spielsweise auf der Basis von
Kortisonpräparaten und Antihistaminika.
Bedingt durch die Langlebigkeit der Brennhaare in den alten
Gespinstnestern,
beschränkt sich der kritische Zeitraum nicht nur auf die Raupenzeit. Auch dies sollte beim Auftreten von verdächtigen Hautsymptomen oder anderen Reaktionen berücksichtigt werden.
Die direkten Maßnahmen
reduzieren sich auf rein mechanische Verfahren zur Entfernung der Raupen und der
Gespinstnester (Schutzkleidung und Atemschutz erforderlich) sowie den Einsatz von
Pflanzenschutzmitteln. Das
Entfernen kann über ein Absammeln oder auch Absaugen
erfolgen. Bewährt hat sich ein
vorheriges Abspritzen der
Nester mit Wasserglas (= Natriumsilikat), um die Brennhaare zu binden.
TL
Eine haarige Angelegenheit
er Eichenprozessionsspinner gehört zu den Schädlingen, deren Auftreten
manchmal auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.
Das ist zum Beispiel dieses Jahr
wieder der Fall.
Prozessionsspinner kommen
in Mitteleuropa nur mit drei
wichtigen Arten vor, nämlich
dem Eichen-Prozessionsspinner (Thaumetopoea processionea), dem Kiefern-Prozessionsspinner (T. pinivora) und dem
Pinien-Prozessionsspinner (T.
pityocampa). Charakteristisch
ist für alle drei Arten die Prozessionsbildung bei den Larven, das Vorhandensein von
Brennhaaren und die Ausbildung von Gespinstnestern.
D
Entwicklungsstadien
Der Eichen-Prozessionsspinner durchlebt wie jeder andere
Schmetterling die Stadien Ei,
Larve, Puppe und Imago (holometabole Entwicklung), wobei
eine Generation pro Jahr gebildet wird. Die Überwinterung
erfolgt als Ei.
Die nur 1 mm großen Eier
werden als Gelege (circa 150
Stück) im oberen Kronenbereich junger Eichenzweige
(ein- bis dreijährige Triebe),
bevorzugt auf der Südseite abgelegt. Sie werden vom Weibchen mit einem Sekret abgedeckt, sodass das Gelege nur
schwer zu erkennen ist. Es ist
als einschichtige Platte aus bis
zu acht, jeweils bis 30 Eier
umfassenden Reihen aufgebaut. Bevorzugte Eiablageplätze der Wärme liebenden Art
sind sonnige Waldränder sowie besonnte Einzelbäume,
wobei in der Nähe stehende
Lichtquellen eine Eiablage fördern (zum Beispiel Straßenbeleuchtung, Hausbeleuchtung,
Flutlicht).
■ Prozessionsspinner
Brennhaare und deren
Auswirkungen auf den Menschen
D
ie Raupen des Eichenprozessionsspinners besitzen zwei
Typen von Haaren. Zum einen
die auf Warzen sitzenden, auffälligen und recht langen Haare
(die jedoch für den Menschen
unschädlich sind) sowie sehr
kurze, nur etwa 0,1 bis 0,2 mm
langen Spiegelhaare, die auf
dem Rücken der Larven in den
so genannten Spiegelfeldern
ausgebildet werden. Deren Anzahl nimmt mit dem Larvenstadium zu: So besitzen die beiden
ersten Larvenstadien keine
Brennhaare, das dritte Stadium
bildet bereits einige auf dem 11.
Hinterleibssegment aus und im
sechsten Larvenstadium tragen
die Segmente vier bis elf deutliche Spiegelfelder. Die Zahl der
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Brennhaare ist enorm: Schätzungen für eine ausgewachsene
Prozessionsspinnerraupe gehen
von 600 000 Brennhaaren aus.
Diese Haare werden von den
Larven abgegeben und mit dem
Wind weiter verbreitet. Sie sind
am unteren Ende zugespitzt,
mit Widerhaken versehen und
dringen so leicht in die Haut
ein. Ein Kontakt ist auf direktem Wege (Larvenkontakt),
über die vom Wind verbreiteten
Haare oder über die Gespinstnester möglich, die auf Grund
von Häutungsresten ein nicht
zu unterschätzendes Potenzial
darstellen. Beim Pinien-Prozessionsspinner wird über eine
Wirkungsdauer der Haare von
über zwölf Jahren berichtet.
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Die langen Haare der Raupen
sind ungefährlich
Bild: Perny
Bild: Steiner
In „Prozessionen“ wandern die
Raupen von Baum zu Baum
Die Eier
sitzen in
einem
mehrreihigen Gelege
Bild: Perny
Ende Juni/Anfang Juli, etwa
zur Blütezeit der Robinie,
kommt es zur Bildung von Puppe, die sich innerhalb der Gespinstnester befinden. Nach
etwa 3 bis 5 Wochen schlüpfen
die Falter. Ein Teil der Puppen
(3 %) kann in Diapause gehen,
sodass die Falter erst nach ein
oder zwei Jahren schlüpfen.
Die Schmetterlinge sind
vergleichsweise unscheinbar
(grau-braune Farbe, Spannweite 3 cm) und werden vom
Laien, da die Tiere auch gerne
vom Licht angezogen werden,
als Motten angesprochen. Ihre
Hauptaktivität liegt in den
Nachmittags- bis Abendstunden, sie können dabei auch
größere Strecken zurücklegen.
Die Lebensdauer der Falter ist
kurz, nach der Begattung erfolgt die Eiablage.
Schadwirkung
Das Nahrungsspektrum des
Eichenprozessionsspinners
beschränkt sich auf Eichen,
nämlich hauptsächlich Stiel-
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Eiche (Quercus robur), Trauben-Eiche (Q. petraea) und
Rot-Eiche (Q. rubra). In der Literatur wird zusätzlich Naschfraß an Hainbuche (Carpinus
betulus) beschrieben.
Da der Schlupf der Raupen
mit dem Austrieb der Eichen
einhergeht, treten bereits
frühzeitig Fraßschäden auf, also an schwellenden Knospen
und jungen Blättern. Für eine
einzelne Raupe wird eine Fraßleistung von etwa sieben bis
acht Blättern aufgeführt. Auf
Grund der hohen Individuenanzahl der Larven ist ein
Kahlfraß möglich, der jedoch
durch einen Neuaustrieb im
gleichen Jahr („Johannistrieb“)
meist ausgeglichen wird. Ohne
zusätzliche Stressfaktoren ist
ein einmaliger Befall nicht weiter beunruhigend. Kritisch ist
hingegen ein mehrjähriger
Kahlfraß in Verbindung mit anderen Störeinflüssen (zum Beispiel Eichenmehltau, Eichenprachtkäfer). Die Schäden können dann bis zum Absterben
der Bäume reichen.
Bild: Tomiczek
Eine Prozession kann aus
Tausenden Raupen bestehen
Bekämpfung
Beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist darauf zu achten, dass die Gefahr in erster
Linie von den Brennhaaren
ausgeht und Maßnahmen, die
erst nach dem dritten Larvenstadium greifen, wenig sinnvoll
sind. Einsetzbar wären beispielsweise bis Anfang Mai
Präparate auf der Basis von Bacillus thuringiensis (= B.t.).
Günstig für einen hohen Wirkungsgrad ist hier eine warme
Witterung sowie niederschlagsfreie Zeit in den Tagen nach einer Applikation. Neben den
B.t.-Produkten
sind
auch
Neem-Produkte und klassische
Kontaktmittel (Pyrethroide)
einsetzbar. Pheromonfallen,
ausgestattet mit Sexuallockstof-
fen zum Abfangen der männlichen Falter, sind ebenfalls bekannt. Sie dienen jedoch
primär einem Monitoring, eine
echte Bekämpfung ist auf diesem Weg nicht möglich. Über
die erfolgreiche Stamminjektion mit Hilfe von systemisch
wirksamen Produkten wird in
Versuchen berichtet. Daraus
abgeleitete praktische Maßnahmen sind aber zumindest in
Deutschland nicht legal. Eine
Prognose für den Befall im
nächsten Jahr ist über die Erfassung der Eigelege im Kronenspitzenbereich möglich.
Vor jeder Anwendung ist zu
klären, ob der Einsatz der jeweiligen Pflanzenschutzmittel
legal möglich ist. Dies gilt insbesondere bei gärtnerisch
nicht genutzten Flächen, bei
denen eine Ausnahmegenehmigung nach §6 (3) Pflanzenschutzgesetz erforderlich ist.
Ansprechpartner in Sachen Eichenprozessionsspinner sind
je nach ihrem Auftreten in erster Linie die Forstbehörden beziehungsweise die Pflanzenschutzämter der Länder.
Thomas Lohrer, Forschungsanstalt
für Gartenbau, Institut für Gartenbau,
Freising
Bilder: Perny (2), Steiner, Tomiczek,
Bundesamt und Forschungszentrum
für Wald, Wien
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