Historisch gewandet - Ausbau und Fassade

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1 Der Neue Landtag im
historischen Gewand schließt
eine langjährige Lücke im
Zentrum Potsdams.
Historisch gewandet
Im Zentrum Potsdams ist der neue Landtag eröffnet worden. Das komplett
neu errichtete Bauwerk erhielt sein Gewand unter Einbeziehung von
historisch überlieferten Materialien und Techniken. Mörtel und Putze auf
Basis von Trass-Kalk erwiesen sich als passende Baustoffe.
W
o jahrhundertelang inmitten Potsdams das
alte preußische Stadtschloss stand, tagt seit
Januar 2014 das Brandenburger Parlament.
Für Parlamentspräsident Gunter Fritsch schloss sich mit
dem Bau eine Wunde im Herzen der Stadt. Sie klaffte
dort, seit die letzten Überreste des Originals im Jahr
1960 abgetragen wurden. Fritsch betont, dass es sich
nun nicht mehr um ein Stadtschloss sondern um einen
modernen Landtag in historischer Hülle handelt.
Als Bauherren für das neue Landtagsgebäude fungierten das Land Brandenburg und eine extra gegründete
Projektgesellschaft des Bauunternehmens BAM. Sie
beauftragten den Dresdner Architekten Peter Kulka mit
dem Entwurf. Im Neuen Landtag Potsdam sah der
Architekt die einmalige Chance, die seit über 50 Jahren
unvollständige Mitte der Stadt wieder zu komplettieren.
Einzig das Fortunaportal, welches den Landtag nach
Norden zum Alten Markt hin abschließt, wurde schon
in den Jahren 2000 und 2001 wiederaufgebaut.
Von Knobelsdorffsche Fassade prägte das Schloss
Das Schloss an der Havel entstand in seiner ursprünglichen Form als frühbarockes Bauwerk nach dem
Dreißigjährigen Krieg. Mitte des 18. Jahrhunderts beauftragte Friedrich II., König von Preußen, den Architekten
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Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff mit umfassenden
Änderungen. Er gliederte die Fassade neu und versah sie
mit rötlichen Putzflächen, hellen Sandsteinbereichen
sowie einem Kupferdach. Diese Umgestaltung prägte
das Äußere des Schlosses jahrhundertelang, und es
diente als Grundlage für die aktuelle Rekonstruktion.
Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs traf ein schwerer Luftangriff das ehemalige Potsdamer Stadtschloss.
Es brannte bis auf die Außenmauern nieder. Ein Baugutachten bescheinigte zwar einem Großteil der verbliebenen Mauern die Tragfähigkeit. Das SED-Politbüro sah
jedoch andere Verwendungsmöglichkeiten vor, so dass
die Überreste der preußischen Geschichte 1960 endgültig gesprengt und abgetragen wurden. Lange Zeit fand
sich an der Stelle des Stadtschlosses nur eine große
Straßengabelung.
Fassaden nach historischem Vorbild
Während sich das Äußere des neuen Landtags eng an
die ursprüngliche Fassade des Schlosses anlehnt, gilt für
das Innere eine andere Priorität. Hier steht die Wandlung vom Schloss zu einem modernen Landtagsgebäude im Mittelpunkt. Um den erforderlichen Raumbedarf des neuen Landtags zu decken, war mehr Platz
erforderlich, als ihn das Gebäude in seinen ursprüng-
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PUTZ + TROCKENBAU
2 Die aus der Fassadenflucht zurückweichenden Flächen bilden mit
einem Quaderputz das Sandsteinmauerwerk nach.
lichen Proportionen bereit hielt. Architekt Kulka löste
das Problem, indem er die hofseitigen Fassaden komplett verschob, dabei aber die Gestalt und die Proportionen des historischen Innenhofs weitgehend erhielt.
Rund 900 Bauteile und Steinfragmente aus dem alten
Schloss konnten gerettet und an passender Position
wiederverwendet werden. Ihre Oberflächen blieben originalgetreu erhalten. Auch neue Sandsteinelemente an
den Sockelflächen sowie für die Gesimse und Pilaster
wurden originalgetreu aufbereitet. Abgerundet wurde
die Reminiszenz an die von Knobelsdorffsche Fassade
durch mit Kupferblech verkleidete Dachflächen und
Kastenfenster. Die äußeren Schalen der Fenster bestehen aus Holz mit einer Einfachverglasung, während die
inneren Schalen mit Mehrfachverglasung Schall- und
Wärmeschutzfunktionen übernehmen.
Ist der Neue Landtag Potsdam heute im Inneren ein
zeitgemäßes Bauwerk mit entsprechender Gebäudetechnik, so wurde bei der Rekonstruktion der Außenseite auf eine möglichst große Authentizität geachtet.
In enger Anlehnung an das preußische Original wurden
die Außenfassaden wiederhergestellt. Als Basis dienten
zeitgenössische Pläne und Fotos sowie historisch überlieferte Materialien und handwerkliche Techniken. Auch
die inneren, hofseitigen Fassaden entstanden weitgehend nach historischem Vorbild.
Trass-Mörtel für Ziegel- und Sandstein-Mauerwerk
Auch wenn die Fassade aus einer anderen Zeit zu stammen scheint, kommt sie der aktuellen Energieeinsparverordnung nach. So enthält die Wandkonstruktion
Betonelemente und eine Mineralwolle-Dämmung. Die
äußere Schale der Außenwand besteht wie im ursprünglichen Schloss aus einem verputzten VollziegelVerblendmauerwerk. Im Erdgeschoss wechseln sich
zwei verschiedene Fassadengestaltungen ab. Abschnitte aus Sandstein reihen sich an zurückgesetzte
Ziegelbereiche, die mit einem Quaderputz in Sandsteinoptik versehen sind.
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Als Mauer- und Fugenmörtel für das Ziegelmauerwerk und die Sandsteine kam ein mineralisch gebundener Mörtel mit Trass-Kalk als Bindemittelbasis zum Einsatz. Der Trass-Werksteinmörtel TWM von Tubag ist ein
Produkt, das häufig bei Restaurierungsarbeiten von
Denkmalpflegeobjekten eingesetzt wird. Auch für den
Potsdamer Landtag brachte er die passenden Produkteigenschaften mit. Durch den Einsatz von Trass-Kalk ist
der Mörtel optimal auf die Belange von historischem
Mauerwerk eingestellt. Er verfügt über eine passende
Druckfestigkeit und Klebkraft sowie einen für historisches Mauerwerk optimierten Erhärtungsverlauf. Er
wird durch die Trassbeigabe geschmeidig und ist entsprechend gut zu verarbeiten. Viele moderne Bindemittel beinhalten zudem lösliche Mineral-Salze. Diese Alkalien sind für chemische Reaktionen verantwortlich, die
besonders bei Natursteinmauerwerk nachträglich zu
Ausblühungen und Schädigungen führen können. Der
Tubag Trass-Werksteinmörtel vermindert diese Gefahr
mit einem niedrigen Alkaligehalt unter 0,1 M.-%.
Entsprechend der Ausschreibung wurden für die
steinsichtigen Flächen neben den technischen Anforderungen auch ästhetische Eigenschaften in die Mörtelwahl einbezogen. In Bezug auf Farbigkeit, Oberflächenstruktur und Korngröße musste der Mörtel variabel sein.
Insgesamt verwendeten die Fachhandwerker der Sächsischen Sandsteinwerke, die einen Großteil der Fassadenarbeiten ausführten, fast 450 Tonnen Trass-Werksteinmörtel.
Putze für die historischen Fassaden
Auch für die Putzflächen der Fassade kamen an den verschiedenen Bereichen Trass-Kalk Produkte zum Einsatz
und zwar sowohl Grund- als auch als Feinputz. Angelehnt an die historische Optik wurde zwischen Bereichen mit Quader- und solchen mit Glattputz unterschieden. Der Glattputz findet sich im gesamten
Oberwandbereich. Alle glatt geputzten Flächen sind mit
einem rötlichen Farbanstrich versehen. Im Sockelbereich wechseln sich Fassadenabschnitte ab, die aus
der Fassadenflucht vor- und zurückspringen. In den vorspringenden Bereichen findet sich Sandsteinmauerwerk. Die zurückspringenden Fassadenabschnitte wurden als Ziegelmauerwerk mit einem linearen
Quaderputz ausgebildet, der in der Farbigkeit an den
Sandstein angepasst ist. In den Quaderputz eingearbeitet sind Quadernuten nach historischem Vorbild.
Um für diese Putzbereiche die richtigen Rezepturen
zu finden, legten die Experten der Sächsischen Sandsteinwerke eine zwei Meter breite Probeachse über die
komplette Höhe der Fassade an. Sie entschieden sich
schließlich für einen Leicht- und einen Feinputz von
Tubag, die beide als Sonderrezepturen extra für den
Landtag angepasst wurden und sowohl im Quader- als
auch im Glattputzbereich zum Einsatz kamen.
ausbau + fassade 03.2015
3 Die Fassadenflächen werden durch Pilaster und einen Wechsel von
hervorspringenden und zurückweichenden Achsen strukturiert.
Diffusionsoffen und feuchteregulierend
Als Grundputz diente der Trass-Kalk-Leichtputz TKP-L.
Mit einer leicht erhöhten Festigkeit und einer
reduzierten Wasseraufnahme wurde er auf den Landtag
eingestellt und wirkt gleichzeitig diffusionsoffen und
feuchteregulierend. Schon ab Werk ist der TKP-L leicht
und widerstandsfähig. Durch einen niedrigen E-Modul
weist er eine erhöhte Verformungswilligkeit auf und
kann Spannungen gut aufnehmen. Aufgrund der Größe
des Gebäudes und der langen Fassaden erwarteten die
Fachleute hier entsprechend höhere Spannungen zwischen Putzgrund und Putz als bei kleineren Flächen.
Auch der Trass-Kalk-Feinputz TKFP wurde entsprechend
eingestellt.
In der Standardrezeptur sind beide Putze nicht wasserabweisend. Die Anforderungen sprachen allerdings
dafür, die Rezeptur für den neuen Landtag anzupassen.
Durch seine Höhe und ohne Schutz durch umliegende
Gebäude ist das Parlament der Witterung besonders
stark ausgesetzt, so war eine hohe Schlagregenbelastung der Putzflächen zu erwarten. Zudem weisen die
Putzflächen im Erdgeschoss eine leichte Neigung auf
und verstärken sich zum Boden hin. Dadurch laufen die
auftreffenden Niederschläge nicht nur langsamer ab,
die leichte Neigung verstärkt die Schlagregenbelastung
deutlich. Sie erhöht sich schon bei einer Neigung von 5°
um den Faktor 4 im Vergleich zu einer vertikalen Fassade (Quelle: Hartwig M. Künzel und Cornelia Fitz, Bauphysikalische Eigenschaften und Beanspruchung von
Putzoberflächen und Anstrichstoffen in WTA-Schriftenreihe Heft 28: Ganzheitliche Bausanierung und Bauwerkserhaltung nach WTA, Seite 60).
Erhöhte Festigkeit
Dementsprechend wurde eine »wasserhemmende«
Rezeptur entwickelt und die Wasseraufnahme gegenüber der Standardrezeptur reduziert. Auf der anderen
Seite konnten die Putze aber nicht komplett wasserabweisend eingestellt werden, da das nicht zu dem vorge-
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4 Wie im Original bildet ein Verblendmauerwerk aus Ziegeln im oberen Wandbereich die äußere Fassadenschicht.
Fotos: Tubag
sehenen Kalkanstrich gepasst hätte, der selber nicht
wasserabweisend ist. Zusätzlich erhielten beide Putze
eine leicht erhöhte Festigkeit, um sie gegen den FrostTau-Wechsel abzuhärten. So wird verhindert, dass die
Wasseraufnahme bei Frost zu Putzschäden führt. Der
Grundputz kam in leicht aufgerauter Form und in einer
Schichtdicke von 12 - 15 mm auf die Wand. Der Feinputz
wurde in 3 mm Dicke aufgetragen.
Im ursprünglichen Stadtschloss gab es an einigen
Stellen Versprünge in der Fassade, damals mauerte man
diese Versprünge im Verband noch direkt aus dem Mauerwerk. In der modernen Adaption wurde dies rein über
den Putz gelöst. Dort wo historisch ein Versprung zu finden war, passte man die Fassade an, indem der Grundputz mehrlagig aufgebracht wurde. Den Abschluss der
oberen Wandbereiche bildete dann schließlich ein Farbanstrich. Ihre rötliche Färbung bekamen die Wände
durch eine Kalkfarbe, die nach Tests in der Klimakammer eines Dresdner Prüflabors den Vorzug vor einer
Silikatfarbe erhielt.
Spende ermöglichte originalgetreue Rekonstruktion
Dass der neue Landtag sich heute wieder originalgetreu
in Szene setzen kann, verdankt er nicht nur den Fähigkeiten der Fachhandwerker und den passend auf die
Bausubstanz eingestellten Baustoffen. Einen maßgeblichen Anteil hat der Unternehmer Hasso Plattner. Mit
einer Spende von 20 Millionen Euro sicherte er die vollständige Rekonstruktion der historischen Fassaden.
Hinter der historischen Fassade sind insgesamt vier
moderne Bürogeschosse angeordnet, auf denen auf
einer Bruttogrundfläche von fast 35 000 m² über 400
Büros zur Verfügung stehen. Von Außen hat man nicht
das Gefühl, einem komplett neuen Gebäude gegenüberzustehen. Dank der sorgfältig ausgeführten Fassaden erweckt der Neue Landtag den Eindruck, als hätte
die Lücke in der Stadtmitte in den vergangenen 50 Jahren gar nicht existiert.
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