Bauwelt, 08.03.2013, Auflage: 12.000 Bauwelt 10.13 WOCHENsCHau 2 Endlich: eine Debatte über Windenergie und Landschaft Florian Aicher 3 Walid Raad im Louvre. Der libanesische Künstler kommentiert den Museumsbau-Boom in der arabischen Welt | 4 Drucken in 3D. ausstellung im Museum für Gestaltung Zürich .de | Mythos architekturatelier. ausstellung in der architekturgalerie am Weißenhof in stuttgart BEtRifft 8 In der Schlossbäckerei Nils Ballhausen .de WEttBEWERBE 10 Grenzüberschreitend. Cour des Douanes in Straßburg und Zollhofareal in Kehl 12 Europäischer architekturpreis architektur + Energie 2012 Arne Barth tHEMa – sELfstORaGE 14 Editorial Doris Kleilein .de 18 Häuser für Dinge Petra Beck .de 26 Selfstorage – eine erste Typologie Doris Kleilein 28 „Man kann nicht an jedem Ort ein Standardbauprogramm durchziehen“ interview mit andreas Emminger RuBRiKEN 5 wer wo was wann | 7 Leserbriefe | 32 Kalender | 34 stellenanzeigen titel: Lagerabteil, Berlin-Wilmersdorf foto: Philipp Lohöfener, Berlin Redakteurin thementeil: Doris Kleilein abb.: dk Es gibt Räume | die gibt es gar nicht. auf einer Rundreise durch Berliner Mietlager sind Bauwelt-Redakteurin Doris Kleilein und der fotograf Philipp Lohöfener durch sehr viele Gänge gelaufen, sie sind viel aufzug gefahren, haben von fluchttreppenhäusern aus autobahnen inspiziert und mit vielen, durchwegs sehr freundlichen Mitarbeiterinnen gesprochen. Die flächen in selfstorage-Gebäuden werden effizient genutzt, in Berlin-Wilmersdorf (▸ seite 26) tatsächlich bis auf den letzten Zentimeter: auch der große Erker aus Profilglas (im Plan ganz unten) musste mit abteilen gefüllt werden, so dass nur noch ein Gang für den Heizkörper übrig war. am Rande bemerkt: architekten sind, wie auch bei anderen Entwicklungen, hier mal wieder weit vorn. Eine ganze Reihe Berliner Büros nutzt selfstorage, um Modelle einzulagern. so auch David Chipperfield. Mehr dazu auf ▸ www.bauwelt.de Red. BEGA – das gute Licht. Postfach 3160 58689 Menden www.bega.de Aufsatzleuchten mit symmetrischer Lichtstärkeverteilung mit LED oder für Leuchtstofflampen Schutzart IP 65 3000 – 8700 Lumen VORsCHau DiENstaG ONLiNE – 12. MäRZ Bauwelt 11.13 ▸ Bildstrecke: auf der Baustelle in Pamplona ▸ Bildstrecke: Die Marke Bauhaus fREitaG iM HEft – 15. MäRZ ▸ Bildstrecke: Die urbanisierung Monacos ▸ für die forschung 14 Thema Selfstorage Bauwelt 10 | 2013 Bauwelt 10 | 2013 15 Editorial Doris Kleilein Fotos Philipp Lohöfener Selfstorage | Eine neue Bautypologie zwängt sich in die Wohnviertel hiesiger Großstädte: das Mietlager für den persönlichen Gebrauch. An manchen Orten, wie an der Perleberger Brücke in Berlin, wird es zur städtebaulichen Dominante. 40.000 Autos fahren jeden Tag über die Perleberger Brücke, die die Berliner Stadtteile Moabit und Wedding verbindet. Ich fahre mit dem Fahrrad und habe einige hundert Meter Zeit, um über Stadtentwicklung nachzudenken. Der Neubau, der zusehends in die Höhe wuchs, flankiert die Brücke. Links ein Bürohaus, rechts ein Mietlager – so sieht jetzt das Tor nach Moabit aus, in Sichtweite der Hauptbahnhof, zu Füßen eines der größten innerstädtischen Entwicklungsgebiete Berlins, die „Heidestraße/Europacity“. Seit wann haben die Betreiber von Lagerhäusern die Genehmigung, städtebauliche Dominanten in Wohnvierteln zu er­richten? Keine flachen Lagerhallen, sondern sieben Geschosse hoch, mit grundlosen Fenstern und dem Fluchttreppenhaus an der prominentesten Ecke? Oder handelt es sich um eine Ausnahme, um die Speerspitze des dahinter liegenden Gewerbegebiets? Dienstleistung für Großstädter Das Berliner Mietlager ist keine Ausnahme, eher ein Vorgeschmack auf die nahe Zukunft. Selfstorage ist ein Geschäfts- Torbauten nahe des Berliner Hauptbahnhofs: links das „Blaue Haus“, ein Bürogebäude von Jörg Pampe (1996), rechts „MyPlace Selfstorage Berlin Mitte“ von Weickenmeier, Kunz + Partner (2012) modell, das seit einigen Jahren auch in Deutschland Kunden findet – eine Dienstleistung für Großstädter, die nicht wissen, wohin mit ihren Sachen und die bereit sind, dafür Geld zu zahlen: sauber, sicher, videoüberwacht. Selfstorage ist keine Randerscheinung, vielmehr sind für die kommenden Jahre Neubauten in fast allen Städten mit über 200.000 Einwohnern geplant. In Hamburg, München und Berlin gehören sie bereits zum Stadtbild – bevorzugt in Wohngebieten, um die Wege der Kunden kurz zu halten ( ▸ ab Seite 18). Architekturwettbewerb? Kein einziger Bei aller Banalität – Mietlager haben, gerade wenn sie in Wohngebieten geplant werden, auch gewisse Vorteile: Sie verursachen selbst kaum Verkehr und stehen im Gegenzug wie Schallschutzwände an befahrenen Straßen, die Gebäudehöhe ist flexibel. Die Bauherren setzen diese Argumente offensiv bei der Auseinandersetzung mit den lokalen Bauverwaltungen ein, die nicht selten froh sind, Wohngebiete von Verkehrstrassen abschirmen zu können. In Wien, wo der Marktführer MyPlace seinen Firmensitz hat, sind bereits acht der grau-rot-blauen Filialen an strategischen Punkten der Stadt platziert: „In Deutschland gibt es einen sehr starken Einfluss von der Stadt, wie das ausschauen soll. Nicht immer zum Besseren. In Wien 16 Thema Selfstorage Bauwelt 10 | 2013 Bauwelt 10 | 2013 17 Bildunterschrift Zusatzangaben Die Bauaufgabe wird unterschätzt. Warum hat noch niemand das Sammeln, das Lagern zum Thema der Architektur gemacht? ist man freier, dort wird einem gar nicht hinein geredet“, berichtet Geschäftsführer Martin Gerhardus. Die rege Wiener Architekturszene hat Selfstorage bislang nicht zur Kenntnis genommen, schon gar nicht als Bauaufgabe. Resignation? Ein weiterer dekorierter Schuppen in der Masse der Gewerbebauten, die Ausfallstraßen, Bahnstrecken und Autobahnen ohnehin belagern? Unvermeidlich wie der Discounter, das Möbelhaus, das Logistikzentrum? Für die Architekten, die bis heute ausschließlich im Direktauftrag für die Unternehmen bauen, sind Selfstorage-Gebäude nicht unbedingt die Highlights im Portfolio: Man versucht, innerhalb der Vorgaben das Schlimmste zu verhindern. Man plant die Hülle, die Position der Treppenhäuser, eine kleine Variation auf die Standardfassade. Graubrot. Den Innenausbau mit Abteilen erle­digt eine der international auf dieses Geschäftsfeld spezialisierten Firmen. Sich über die aggressive Corporate Identity des Unternehmens hinwegzusetzen, wie es ein Nürnberger Architekt in Zusammenarbeit mit dem Stadtbaukunstbeirat getan hat ( ▸ Seite 25), stößt bei den Bauherren auf Unverständnis. Einen Architekturwettbewerb gab es in keinem einzigen Fall. Häuser voller Kellerabteile Doch die Bauaufgabe wird unterschätzt. Mimese um jeden Preis war bislang die Strategie der Stadtverwaltungen, und so sind Fake-Wohnhäuser und Fake-Bürogebäude gebaut worden (▸ Seite 25), immer krampfhaft darauf bedacht, die großen Volumina in die Umgebung einzufügen. Selfstorage in der Bau­ lücke? Lochfassade und zwei Höfe, wie die Nachbarn. Selfstorage im Einfamilienhausgebiet? Satteldach, egal wie groß. Warum hat noch niemand das Sammeln zum Thema der Architektur gemacht, das Lagern, das Sortieren? Warum wird maskiert, versteckt, verniedlicht, um am Ende das Gegenteil zu erreichen? Die Selfstorage-Branche wirbt damit, eine hochindividualisierte Dienstleistung anzubieten – und baut Häuser mit grauen Alufassaden, die im Inneren aussehen wie eine endlose Ansammlung von Kellerabteilen, die Türen je nach Anbieter blau, grün oder orange. Die Branche fällt auf durch clevere Marketingstrategien, bis hin zum Betreiben eines Blogs (platzprofessor.myplace.eu) der sich wissenschaftlich mit dem Thema „Platz“ auseinandersetzt – und doch bleiben die Ansprüche an die Architektur funktional, auf dem Niveau des mit Werbung behängten Industriebaus. Die Branche versucht, eine gewisse Street Credibility zu erreichen, indem sie beispielsweise leerstehende Geschosse kostenfrei zur Zwischennutzung der „Berliner Tafel“ überlässt und Tauschbörsen für ihre Kunden anbietet – doch eine wirkliche Mischung mit anderen Nutzungen findet kaum statt. Auch die serielle und kühle Ästhetik der Gänge und Türen, die der Fotograf Philipp Lohöfener für dieses Heft herausgearbeitet hat, ist für die Bauherren nur ein Zufallsprodukt. Dabei könnte sie, neben dem Sozialen, ein Ansatzpunkt für die Gestaltung sein. Schaulager mit Publikumsverkehr Depots, Archive – in der Architekturgeschichte gibt es viele Beispiele für städtische Lagerhäuser, man denke nur an die Speichergebäude in Hafenanlagen, die heute weltweit umgenutzt und aufgestockt werden. Das Geschäftsmodell des Self­ storage verbindet das Lagern mit der persönlichen Präsenz, da es, wie der Name schon sagt, die Kunden nicht nur zahlen, sondern auch noch selbst die Arbeit verrichten lässt: Sie lagern eigenhändig ein, sie stehen im engen Gang, sie sortieren aus. Als städtischer Bautyp ist es also, anders als eine Spedition mit Mietcontainern, ein Hybrid, für den noch keine passende Form entworfen wurde. Im Kunstbereich gibt es Schaulager; eines der bekanntesten, das Schaulager der Laurenz-Stiftung von Herzog & de Meuron in Basel (Bauwelt 33.03), präsentiert sich mit dem Slogan: „Kein Museum, kein traditionelles Lagerhaus.“ Ein geschlossener Kubus, der die Einblicke inszeniert und nicht banalisiert, und an der Straßenseite eine öffentliche Einbuchtung für Skulpturen herausschält. Es mag weit hergeholt sein, und natürlich sind die Budgets geringer als bei einer Schweizer Stiftung – doch das Mietlager als eine Erweiterung der Wohnung und des Arbeitsplatzes, als ein dritter Standort, ist für viele inzwischen zum Alltag geworden und damit zu einer noch zu gestaltenden Bauaufgabe: „Keine Wohnung, kein klassisches Kellerabteil.“ Es sollte im Sinne der Betreiber sein, dieses Potenzial auszuschöpfen und sich von der Logik des Gewerbebaus zu verabschieden, die nur kurzfristig Profit bringt. Ein ebenfalls in der Hauptstadt geplantes Mietlager für Kunstwerke könnte ein Exempel statuieren, auch und gerade weil es ein bestehendes Verwaltungsgebäude nutzen will. Der Blick in die Zukunft In 20 Jahren wird das Mietlager nicht nur an der Perleberger Brücke, sondern direkt am neuen S-Bahnhof der S 21 stehen, angebunden an das fertiggestellte Stadtviertel gegenüber dem Hauptbahnhof. Das 2009 günstig erworbene Restgrundstück, ein Dreieck zwischen Straße und Bahngleisen, ist längst ein Filetstück mit bester Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr; ein Grundstück, das der Bezirk jetzt gut gebrauchen könnte. Spätere Umnutzung? Für die Bauherren kein Thema, denn die Gewinnspanne pro Quadratmeter ist bei Selfstorage höher, als würde man Büroflächen vermieten; vorausgesetzt, das Haus ist voll. ▪ Dazu auf Bauwelt.de | Interview und Bildstrecke: Auch David Chipperfield lagert seine Modelle im Selfstorage Ein Wohnhaus, das keines ist, aber mit engen Höfen direkt an zwei Wohnhäuser angebaut wurde Berlin-Friedrichshain, Landsberger Allee 63 18 Thema Selfstorage Bauwelt 10 | 2013 Bauwelt 10 | 2013 19 Häuser für Dinge Selfstorage ist eine Dienstleistung, die boomt. Allein in Deutschland sind in den letzten Jahren mehr als 70 urbane Depots entstanden. Wie funktionieren diese Häuser? Und wer nutzt sie? Die Ethnologin Petra Beck hat sich monatelang zur Feldforschung in die Welt des Selfstorage begeben und 14 Standorte in München und Berlin unter die Lupe genommen. Fotos Philipp Lohöfener In deutschen Großstädten entstehen seit einiger Zeit Häuser, deren Räume ausschließlich den Dingen gehören. Es sind meist mehrgeschossige Neubauten an hochfrequentierten Straßen in innerstädtischen Lagen. Sie sind bis zu sieben Geschosse hoch, mehrere tausend Quadratmeter groß und durch die Außenwerbung von Weitem erkennbar. Im Inneren dieser Häuser gibt es uniforme Räume unterschiedlicher Größe. In ihnen herrscht die Ordnung der Dinge, die dort, aus dem Gebrauch genommen, hausen. Die Flut von Material hat eigene Regeln des Aufbaus, der Leere und der Dichte. Der Raum wird anders als gewohnt besetzt. Eine der Firmen wirbt mit dem Slogan: „Wie ein Hotel, aber für Sachen!“ Diese schlummern verborgen, gestapelt, ineinander verschlungen hinter tausend gleichen Türen. Was ist das für eine Gesellschaft, die in ihrer Mitte gigantische Häuser für Dinge errichtet? Anders gefragt: Was würden wir über eine solche Gesellschaft denken, wenn es nicht unsere eigene wäre? Was wäre, wenn etwa Claude Lévi-Strauss oder Bronislaw Malinowski nach einer langen Reise über fremde Ozeane und durch tropische Wälder dieser Praktik begegnet wären? Sie hätten sicher Anlass zum Staunen gehabt: Die Größe der Häuser und ihre kleinteilige innere Parzellierung; die Wahrnehmung als öffentlicher Ort durch riesige Werbeflächen, die dazu einladen, private Räume in diesen Häusern zu mieten; die Entrichtung eines nicht geringen Obolus’, für einen profanen Zweck; der Ausschluss alles Lebenden; eine gemeinsame geübte Praktik, die keine Gemeinsamkeit erzeugt; eine Gesellschaft, die den Konsumismus propagiert und sich zugleich von den Dingen beschwert und eingeschränkt fühlt. Die Dachböden bewohnt, die Keller verschwunden Selfstorage ist ein Wirtschaftszweig, der von einer erhöhten Beschleunigung in allen Lebensbereichen, von veränderten Lebensstilen und auch von Einschnitten in Biographien profitiert. Ein neuer Job in einer anderen Stadt, das Zusammenziehen mit dem Partner oder der Partnerin, Scheidung, Auszug, Umzug und Todesfälle in der Familie sind Situationen, die immer auch Dinge freisetzen, in Umlauf bringen oder überflüssig machen. Der zunehmenden Beschleunigung des Dingkarussells halten wir nur zaghafte Drosselungsversuche entgegen. Dinge konkurrieren mehr und mehr mit den Menschen um ihre Räume, und die Menschen sind der Flut der Dinge kaum noch gewachsen. In den Häusern sind die Dach- böden hell und bewohnt und die Keller verschwunden. Ganze Straßenzüge werden heute aus Kostengründen ohne Unterkellerung gebaut. Im effizient geschnittenen Apartment gibt es keine Speise- und Rumpelkammern. Gleichzeitig besitzen die meisten Menschen so viele Dinge wie nie zuvor in der Geschichte. Häuser für Dinge sind da die konsequente Fortsetzung der Konsumgesellschaft, es sind Orte der Ent-Sorgung, die eine Distanz schaffen zwischen den Dingen und ihren Besitzern. Ein amerikanisches Phänomen Selfstorage ist ein originär US-amerikanisches Phänomen, eine Dienstleistung, die in Europa erst nach und nach adaptiert wird. Die kulturelle Übersetzung dieses Phänomens ist noch nicht abgeschlossen, sie ist jedoch auf dem besten Weg. Die Selfstorage-Branche in den USA hat seit über 35 Jahren die schnellsten Wachstumsraten der Gewerbeimmobiliensparte. 40 Millionen Amerikaner ziehen jedes Jahr um. Die Analysten der Wall Street haben die Branche zudem als rezessionsresistent eingestuft: Wer sein Haus verliert, rettet die letzten Habseligkeiten. In den USA werden bereits rund 210 Millionen Quadratmeter in etwa 50.000 Gebäuden allein von Dingen bewohnt, das sind etwa 0,65 Quadratmeter Fläche für jeden Amerikaner. Jeder zehnte ist Mieter eines Selfstorage-Raumes. Überträgt man diese Zahlen auf Deutschland, entspricht das circa 12.000 Lagerhäusern. Allein in Berlin müsste es über 500 geben. Bisher sind es zwanzig. Eines der ersten US-amerikanischen Unternehmen zur Lagerung persönlicher Dinge war Day & Meyer, Murray & Young. Seit 1896 bewahrt das New Yorker Unternehmen Dinge der Upper Class auf. Um die Jahrhundertwende war eine aufwendige saisonale Einlagerung üblich, berichtet die heutige Firmenchefin Robin Young in der New York Times: „Als die Leute in die Sommerfrische fuhren, rollten sie ihre Teppiche zusammen, nahmen ihr Silber und packten es ins Lager.“ Das setzte eine komplexe Logistik zwischen Sommerhäusern, Wohnungen und Lagerräumen in Gang. Viele Dinge zogen auch endgültig zu Day & Meyer, Murray & Young. 1927 eröffnete die Firma einen spektakulären 15-geschossigen Art-décoBau auf der Upper East Site, in dem das Unternehmen bis heute beheimatet ist. Speziell temperierte Räume sind auf die Lagerung von Teppichen, Bildern, Weinen oder Möbel ausgerichtet, es gibt ein eigenes Geschoss für Klaviere und Flügel. Galeristen können in einem Showroom eingelagerte Bilder Februar 2013. Der Fotograf Philipp Lohöfener, Jahrgang 1974, hat für dieses Heft Selfstorage-Gebäude in Berlin dokumentiert. Standardausstattung: Lastenaufzüge, Stahlwände, Stoßbleche aus Aluminium Berlin-Lichtenberg, Landsberger Allee 321 20 Thema Selfstorage Bauwelt 10 | 2013 Bauwelt 10 | 2013 potenziellen Käufern zeigen. Ein eigens entwickeltes Containersystem gleitet auf Schienen durch das Gebäude. Ein Container fasst in etwa den Inhalt eines kleinen Apartments und kann bei Bedarf mit Speziallastwagen zum Kunden gefahren, vor Ort befüllt und verschlossen werden. Das Unternehmen nahm die Idee der Selfstorage-Industrie vorweg, und auch das Containersystem war den ersten Standard-Fracht-Containern um zwei Jahrzehnte voraus. Day & Meyer, Murray & Young ist Selfstorage-Avantgarde. In Deutschland gibt es Selfstorage-Anlagen bisher ausschließlich in Großstädten. In den USA hingegen sind nur 32 Prozent der Anlagen in Städten zu finden, sogenannte „Urban Storage Facilities“. 52 Prozent der Anlagen sind „suburban“, weitere 16 Prozent befinden sich in ländlichen Gebieten. „Rural Storage Facilities“ sind garagenartige Anlagen, die oft kilometerweit die Landschaft prägen. Sie waren der Ausgangspunkt der Selfstorage-Industrie. In den 1960er Jahren erkannten die ersten Unternehmer den wachsenden Bedarf und errichteten mehr und mehr Lager für den privaten Gebrauch. In Europa fasste das Konzept zunächst in Großbritannien Fuß. Großbritannien ist mit etwa 800 Selfstorage-Häusern bis heute europäischer Spitzenreiter. Über Frankreich und Belgien kam die Idee nach Deutschland. Das erste deutsche Gebäude eröffnete 1997 in Düsseldorf. Seither wächst die Branche kontinuierlich um jährlich 20 bis 25 Prozent. Beleuchtet sind die Abteile nur im Schauraum des Foyers. In den vermieteten Etagen kommen Licht und Wärme vom Gang. Berlin-Lichtenberg, Lands­ berger Allee 321; Berlin-Neukölln, Karl-MarxStraße 92–98 DIN-normierte Millioneninvestments Um sich von Speditionen und Lagerhäusern abzugrenzen, haben sich in Deutschland einige Firmen zum Verband Deutscher Selfstorage Unternehmen e.V. (VDS) zusammengeschlossen und die Entwicklung einer Selfstorage-Norm forciert. Der DIN-Standard 15 696, der seit 2009 definiert ist, entspricht in etwa der Bauweise, dem Geschäftsmodell und dem gängigen Vorgehen der großen Selfstorage-Unternehmen und verwandelt ihre Praktiken in normative Setzungen. Nicht alle Unternehmen können oder wollen sich die Mitgliedschaft im Verband leisten. Die Bandbreite des Angebots reicht schon jetzt von standardisierten, DIN-normierten Millioneninvestments bis zu individualisierten Adaptionen in privaten Wohnungen und Kellern. So hat etwa die Firma „Selfstorage Discount“ in Berlin-Lichtenberg einen leerstehenden Plattenbau umgestaltet. Dabei wurden die Innenräume Geschoss für Geschoss unterteilt und in Abteile verwandelt. Auch einige andere Standorte entstanden durch Umnutzung und Entkernung bestehender Gebäude. So wurden bereits ein Hertie-Kaufhaus in Berlin, eine Polizeiwache in Frankfurt am Main und ein Fabrikgebäude in Hamburg zu Häusern für Dinge umfunktioniert. Bisher sind dreizehn Unternehmen im deutschen Self­ storage-Verband organisiert. Sie betreiben insgesamt 74 An­ lagen. Der europäische Dachverband Fedessa rechnet in den kommenden zehn Jahren mit einem Investitionsvolumen von 350 bis 500 Millionen Euro allein in Deutschland. Mit 21 Investitionen dieser Größenordnung geht eine Vielzahl an Bauanträgen, Bauauflagen und eine intensive Kommunikation mit Stadtverwaltungen, Anwohnern und Banken einher. Der VDS erklärt auf seiner Webseite: „Je mehr Selfstorage-Bauanträge bei den Behörden der großen Städte eingingen, um so mehr wurde dieses für die Gesetzgebung bisher wenig bekannte Thema zu einem Betätigungsfeld der Ämter und somit eines der Hauptaufgabengebiete des Verbandes: Die Schaffung von uniformen Standards bei der Begriffsbestimmung und der Auslegung dieser Begriffe im täglichen Umgang mit den Behörden.“ „Wo wir sind, herrscht Totenstille. Das ist die Natur dieses Geschäfts“ Martin Gerhardus In Deutschland kennt man Selfstorage bisher meist nur aus amerikanischen Filmen, vorwiegend als Orte des Verbrechens, des Mysteriösen, Verdrängten und Geheimnisvollen. In „Das Schweigen der Lämmer“ findet Agent Clarice Starling dort den Kopf eines Mordopfers. Die Gewichtung von Lebendem und „Nicht-Belebtem“ ist tatsächlich eindeutig. „Wo wir sind, herrscht Totenstille. Das ist die Natur dieses Geschäfts“, so Martin Gerhardus, Eigentümer von „MyPlace-SelfStorage“, in der Süddeutschen Zeitung. Anwohner, Bauausschüsse und Lokalpolitiker hingegen fürchten Verkehr, Lärm, ständige An- und Ablieferungen. Sie stellen sich unter Selfstorage ein klassisches Logistikunternehmen mit hoher Besuchsfrequenz vor. Bei den geplanten Neubauten in den Münchner Vierteln Giesing, Laim und Berg am Laim kam es in den Bezirksauschüssen zu intensiven Debatten. Allein die Größe der geplanten Lagergebäude schürte Unbehagen. Die Anwohner wollten keinen „Funktionsklotz“. Für Selfstorage-Unternehmen ist die innerstädtische Lage jedoch wichtigstes Standortkriterium. Gesucht werden Objekte in Wohnvierteln an hochfrequentierten Straßen, die hohe Sichtbarkeit garantieren, so der für Infrastruktur zuständige „MyPlace-SelfStorage“-Geschäftsführer Paul Visotschnig. Diese speziellen Standortkriterien kamen der Firma letztlich sogar bei der Argumentation für den Bau der Filiale in Berg am Laim zugute: „Das Grundstück hatte einen Bebauungsplan, der eigentlich allgemeines Wohngebiet vorgesehen hat. Die Ecklage war allerdings problematisch: Die Kreillerstraße hat um die 40.000 Fahrzeuge pro Tag, die St.-Veit-Straße 10.000. Diese Ecklage ist nicht unbedingt die attraktivste Wohnlage. Wir haben argumentiert, dass wir den Schallschutz für die dahinter liegende Wohnbebauung bauen.“ Der Bau wurde schließlich genehmigt. Als Auflagen wurden allerdings eine belebte Fassadengestaltung und die Vermietung von Gewerbeeinheiten in den straßenseitigen Erd­ geschossen des Gebäudes vorgeschrieben. „Wir wissen, dass wir dort keinen Lagerkasten hinstellen können, sondern wol- 22 Thema Selfstorage Bauwelt 10 | 2013 len städtebaulich mithalten. Also Fenster zeigen, Gesicht zeigen“, so Paul Visotschnig. Die Dingwelten im Inneren verlangen die Fenster nicht. Transparenz ist nicht notwendig: Die Abteile sind fensterlos und reichen bis an die Außenwände. Für die Betreiber bedeuten Fenster Schwachpunkte. Sie lassen das Einbruchsrisiko wachsen und stellen andere Anforderungen an Dämmung und Klimatisierung. Nur aufgrund der Bauauflagen werden die Neubauten mit unterbrochenen, belebt wirkenden Fassaden erstellt. Sie ahmen urbane Häuserfronten nach. Die aufgesetzten Fensterfronten sind Kulissen für das städtische Leben. Die Häuser passen sich ihrer Umgebung an, sie betreiben architektonische Mimese. So werden diese Ding­ orte zu urbanen Titanen. Kontrolle und Diskretion Ein Spaziergang durch ein Selfstorage-Gebäude hat einen monotonen Rhythmus, immer gleiche Fluchten mit immer gleichen Türen. Die Gänge aus Beton und Stahlblech sehen identisch aus und sind nur durch ihre Nummerierung zu unterscheiden. Im Winter ist es in den meisten Häusern kühl. Die Abteile haben kein Licht und keinen Stromanschluss. Sie sind nicht dazu gedacht, als Aufenthaltsräume benutzt zu werden, obwohl sie rechtlich vielfach der Wohnung gleichgestellt und nicht billig sind: Ein Quadratmeter kostet pro Monat ungefähr 30 Euro. Die Preise sind gestaffelt nach Abteilgrößen, Stadtteilen und Vertragslänge und variieren von Firma zu Firma stark. Grundsätzlich gilt: Je länger man anmietet und je größer der Die Betreiber haben die gigantischen Häuser erbaut und kartographiert. Was in den Abteilen vor sich geht, bleibt ihnen verborgen Raum ist, desto billiger wird der Quadratmeter. Die Abteile sind sofort beziehbar und meist wöchentlich kündbar, der Trend geht zur taggenauen Kündigung. Es ist diese Flexibilität, die Selfstorage so teuer macht. Zwar strahlen die Häuser selbst eine gewisse Kühle und die Fremdheit von „Nicht-Orten“, wie Autobahnen, Rasthöfen und Shopping-Centern aus. Im Inneren finden sich jedoch tausende identitäre Kammern, kleine Nischen des Selbst. Das Kernstück des „doing selfstorage“ ist der Innenausbau mit Stahlwänden und -türen. Das Stahlblech unterteilt die Gebäude in Räume. Der Einbau des Systems erfolgt sukzessiv: Wird ein Standort eröffnet, sind meist nur ein bis zwei Geschosse unterteilt. Nach und nach erfolgt, am Bedarf orientiert, der restliche Ausbau. In vielen Häusern stehen ganze Geschosse leer. Entlang des Stahlblechs verlaufen Grenzen, räumliche und rechtliche. An der Grenzlinie des Abteils stoßen die Territorien der Kunden und die der Betreiber aufeinander. Die Kunden mieten zwar nur einen winzigen Raum, eignen sich aber Bauwelt 10 | 2013 23 das Haus an und nehmen es als einen Teil ihrer Identität wahr. Sie öffnen das Tor mit ihrem Pincode, fahren auf ihren Parkplatz, gehen durch ihren Gang, bahnen sich ihre Wege. Nur wenn die Gänge allzu gleich aussehen und man sich verläuft, kippt diese Erfahrung ins Unheimliche. Für die Betreiber ist die Raumwahrnehmung eine andere. Sie haben die gigantischen Häuser erbaut, kartographiert, die Abteile bis auf den Zentimeter genau vermessen, und doch bleiben ihnen große Flächen unzugänglich und undurchsichtig. In den von ihnen erbauten Hüllen finden sich verborgene Gebiete. Selfstorage als gesellschaftliche Praktik ist ein Marker in der urbanen Landschaft. Als individuelle Praktik verkörpert es einen eher diskreten Ort. Was in den Abteilen vorgeht, bleibt im Verborgenen. Hier entsteht ein Spannungsfeld zwischen dem speziellen Dienstleitungscharakter der Branche – diskret auf die Bedürfnisse des Kunden einzugehen – und der Verantwortung, das Gemeinwohl und die Sicherheit im Auge zu behalten. Immer wieder findet man in den Abteilen Gefährliches oder Verbotenes. Ähnlich wie in Hotels ist das Verhältnis geprägt von Kontrolle auf der einen und Dienstbarkeit auf der anderen Seite. Rechtlich haben die Betreiber keinen Zugang zu den Abteilen, kontrollieren können sie nur die Gänge und die öffentlichen Bereiche ihrer Anlagen. Eine neue urbane Praxis Beobachtet man die Kunden dabei, wie sie ihre Räume nutzen, erweist sich Selfstorage als hochindividualisierte Praxis. Die Mehrheit der Kunden mietet spontan und für kurze Zeit, andere für einige Monate, für Jahre oder „für immer“. Manche nutzen die Räume notgedrungen, andere betrachten sie als Luxus. Einige sind froh, während eines Auslandsaufenthalts ihr Zuhause in nuce einlagern zu können, andere machen aus ihrem Abteil eine Erweiterung des Hauses oder eine sentimentale Schatzkammer. Es gibt Geschäftskunden und Privatkunden. Manche kommen nur ein einziges Mal, andere besuchen ihr Abteil täglich. Da Selfstorage in Deutschland eine ausschließlich urbane Praxis ist, erhält man ein kaleidoskopisches Bild vom Leben in der großen Stadt. Die Nutzungen, Aushandlungen und Verflechtungen mit diesem Ort sind in­ dividuell, die Transformationsprozesse, denen die Akteure – und ihre Dinge – unterliegen, oft intim. Selfstorage lässt sich nur schwer sozialen Schichten zuordnen. Faktoren wie Abteilgröße oder Mietdauer lassen keinen unmittelbaren Rückschluss auf die sozioökonomische Lage der Nutzer zu. Das ein Quadratmeter große Abteil kann die letzten Habseligkeiten einer prekären Existenz ebenso beherbergen wie die Opernkleider für die Salzburger Festspiele. Selfstorage als Praktik – als „Selfstoring“ – schafft individuelle Funktionen der neutralen, zur vertraglichen Nutzung überlassenen Räume. Jeder Raum hat seine eigene Bedeutung. Es gibt theatralische Räume ebenso wie pragmatische. Es gibt Räume die privaten Charakter haben, neben Räumen, die beruflich von mehreren genutzt werden. Es gibt leere Räume, die darauf warten, gefüllt zu werden und volle Räume, die geleert werden wollen. Fläche, die auf ihre Parzellierung wartet: Die offenen Geschosse der Neubauten werden nach und nach mit Ab­ teilen zugebaut. Manche stehen jahrelang leer. Berlin-Mitte, Ellen-EpsteinStraße 2 24 Thema Selfstorage Bauwelt 10 | 2013 Ein Kunde beschreibt es so: Selfstorage ermögliche es, „zu besitzen und doch nicht zu besitzen, zu besitzen und nicht wirklich belastet zu werden mit dem Besitz. Das ist so eine Art, sich zu befreien, ohne sich komplett zu trennen, eine Scheintrennung. Und ich glaube, das ist der Grund dafür, dass ganz viele Leute das benutzen.“ Man kann seine Wohnung entrümpeln, Platz für Neues schaffen, mobil sein – und zugleich das Alte, das Mehr, die Sammlung bewahren. Selfstorage-Räume können auch ein Mittel sein, sich vorübergehend aller persönlichen Dinge zu entledigen. Sie sind Einladung zur Reise und zugleich Orte der Rückkehr, sehn- Das ein Quadratmeter große Abteil kann die Habseligkeiten einer prekären Existenz beherbergen oder die Opernkleider der Festspiele suchtsbeladener Zwischenraum. Selfstorage-Räume sind Generatoren und Teil der Infrastruktur globalisierter Gesellschaften, sie bilden strategische Kerne für künftige Expansionen des entgrenzten Individuums. Dabei schaffen sie Inseln der Unentfremdbarkeit, Reservate in einer unübersichtlich gewordenen Welt. Auf subjektiver Ebene sind Selfstorage-Räume nicht nur Arsenale der Mobilität, sondern auch Garanten der eigenen Ordnung. Die Friseurin packt ihr „Zuhause in die Box“ und heuert auf einem Kreuzfahrtschiff an. Der Altenheimbewohner sucht bei seinen kleinen Fluchten aus dem Heim immer wieder sein Abteil auf und setzt sich zu seinen Sachen. Über das Gesicht des Bankers huscht ein Lächeln, wenn er an sein Abteil zu Hause in Montréal denkt, und an die Sachen, die es enthält. Die Studentin kann sich den Auslandsaufenthalt leisten, weil sie ihr WG-Zimmer auf zwei Quadratmetern zusammenfaltet. Raumkondensate „Guten Tag, ich möchte eine kleine Wohnung einlagern“, beginnen manche Kunden ihre telefonischen Anfragen. Selfstorage-Abteile sind Raumkondensate und werden nicht wie Wohnungen in der Fläche gedacht, sondern wie Container in Volumen. Flächen, wie eben jene Wohnung, werden zusammen­ gelegt, ineinander gestapelt und wie Landkarten ins Abteil eingefaltet. Für eine fünfzig Quadratmeter große Wohnung braucht man fünf Quadratmeter Lagerfläche. Selfstorage-Räu­me sind geschichtete Orte von „veränderlicher Dichte“, wie Michel de Certeau es nennt, zusammengesetzt, undurchsichtig, bruchstückhaft, „Basteleien, Improvisationen, die aus den Trümmern der Welt gebildet werden.“ Immer im Verhältnis 1:10. Immer in der Hoffnung, dass diese Landkarten eines Ta­ ges wieder aufgefaltet werden. Selfstorage-Häuser sind erinnerungskulturelle Orte, vergleichbar mit Museen, Friedhöfen, Bibliotheken und Archi- ven. Wie diese können sie wichtiger Bezugs- und Erinnerungsort und identitäre Ressource sein – oder ungeliebte Objektleichen beherbergen. Dabei gilt, was der japanische Schriftsteller Kamo no Chomei schon im 12. Jahrhundert feststellt: Es scheint, „als ob Herr und Haus darüber stritten, wer von den beiden denn wohl zuerst vergehe“. Das wird besonders deutlich, wenn etwa eine Kundin im Interview sagt: „Wenn ich könnt’, würde ich die Sachen hundert Jahr’ aufheben.“ Das Aufbewahren ist ebenso eine Identität stiftende Praxis wie das Aussortieren, der Gebrauch ebenso wie der Tausch. Was gehört zu unserem Selbstbild, zu unserer Biographie, was ist ein Teil von uns? Was nicht oder nicht mehr? Was bewahren wir wo auf? Was nutzen wir, was lagern, was entsorgen wir? Dinge sind der Nährboden unseres alltäglichen Lebens und sie sind, so der Anthropologe Daniel Miller, „ein integraler und unverzichtbarer Bestandteil unserer Beziehungen“. Gerade während des Aussortierens spannt der Umgang mit den Dingen ein komplexes Netz zwischen uns, unseren Beziehungen, Erinnerungen und der Zukunft. Gedanklich wird in diesen Prozess die ganze Umwelt miteinbezogen: „Vielleicht kann es noch jemand brauchen?“ Neben einem Mehr an Mobilität und an Dingen basiert das Prinzip Selfstorage also auch darauf, dass die meisten Menschen sich nicht einfach von ihren Dingen trennen können. Es fällt schwer, die Kategorie eines Gegenstandes, mit dem man die eigene Biographie geteilt hat, ohne Übergang von „Objekt in Gebrauch“ zu „Müll“ zu ändern. Sich von Dingen zu trennen, erfordert Überlegungen, Auswählen, Entscheidungen, das Überdenken von Prioritäten und Ressourcen, das Abwägen von Tausch- und Gebrauchswert, Raum und Zeit. Fast alle Menschen meiner Forschung hatten große Probleme damit, etwas „einfach zu Müll“ zu erklären. Sie hatten aber häufig kein Problem damit, genau dieses Ding an jemanden weiter zu reichen. Einlagern bietet die Möglichkeit, die Dingkategorie für eine Weile in der Schwebe zu halten. Selfstorage fungiert als Übergang zwischen zwei sozialen und zeitlichen Zuständen, als eine Schleuse, durch die die Dinge hindurch müssen, um anderswo sein zu können. Lagern ist eine Praxis, die an die Zukunft glaubt. ▪ Petra Beck | Jahrgang 1976, ist Europäische Ethnologin mit dem Schwerpunkt materielle Kulturen. Der vorliegende Text besteht aus Auszügen ihrer Forschungsarbeit „Restopia. Selfstorage als urbane Praxis“ an der Humboldt-Universität Berlin, die demnächst als Buch veröffentlicht wird. Die Arbeit be­ schäftigt sich mit der materiellen Seite aktu­ eller Stadtentwicklung. Dazu auf Bauwelt.de | Bildstrecke: Garagenlandschaften und Lagerhäuser an der Upper East Side – eine kleine Geschichte des Selfstorage in den USA Bauwelt 10 | 2013 25 Selfstorage, discount und de luxe: Lagerfläche im umgenutzten Plattenbau ist deutlich günstiger als Weinstorage im temperierten Neubau Berlin-Lichtenberg, Lands­ berger Allee 392 und Landsberger Allee 321 26 Thema Selfstorage Bauwelt 10 | 2013 Bauwelt 10 | 2013 27 Der Solitär auf Restgrundstück Das Motel Berlin-Wilmersdorf Wex s Links: Auch wenn die Profil­ glaserker eher unbeholfen das benachbarte gründerzeit­ liche Wohngebiet zitieren – an Standorten wie diesen funk­ tioniert das Lagerhaus als Stadtbaustein, der die Wohn­ häuser vor dem Lärm der Stadtautobahn schützt traß e Wien-Favoriten Foto Innenraum S. 26: Philipp Lohöfener; alle anderen Fotos: Selfstorage-Anbieter Grundriss 1 :1000: Weickenmeier, Kunz + Partner hn utoba Stadta Zwei bis drei Geschosse ent­ lang der Straße, überdachte Vorfahrt: Das suburbane Mo­ dell, fast ein Drive-in, ist bislang vor allem in Öster­ reich anzutreffen Das Wohnhaus in der Baulücke Die Elemente eines Selfstorage-Gebäudes sind immer gleich: Vorfahrt, Parkplatz, Lastenaufzug, zwei Treppenhäuser, Büro, Empfangstresen. Der Rest ist Lagerfläche. Als Bautypus ist die Nutzung aber keines­wegs ausformuliert, sondern passt sich auf mimetische Art der Umgebung an. Eine erste Typologie Berlin-Friedrichshain | ▶ Seite 16 Wien-Margareten München-Schwabing Die große Kiste Stuttgart-Bad Cannstatt Der Klassiker, die große Kiste, kommt vor allem dort zum Ein­ satz, wo viel Platz ist und un­ terscheidet sich kaum von an­ deren Gewerbearchitekturen. Wird oft nahe an großflächigen Einzelhandelsstandorten wie Möbelhäusern oder ShoppingCentern platziert Einfügung nach § 34 BauGB? Als Lückenfüller im Wohn­ gebiet zeigt sich der Bautyp in seiner unangenehmsten Form: Satteldach, Sockelge­ schoss, Fenster und die Aus­ bildung enger Höfe simulieren ein städtisches Wohnhaus, sind aber bereits von Weitem als Fake zu erkennen Die Gezähmten Keine Primärfarben, wenig Werbung, Staffelgeschosse und diszipliniert entwickelte Fassaden: An manchen Or­ten gibt es erste Ansätze für einen differenzierten Umgang mit der Bauaufgabe, meist auf starken Druck des lokalen Stadtplanungsamtes Berlin-Tempelhof Hamburg-Wandsbek Das Bürogebäude Fensterbänder, dünne Vor­ hang-Fassade, sichtbare Stahlträger in den Firmenfarben: die Bürohaus-Mimese. Irritie­ rend ist die über zwei Lager­ geschosse reichende Öffnung im Erdgeschoss, eher bekannt von Autowerkstätten. Zürich-Binz Nürnberg-Schoppershof | ▶ Seite 28 Das Parkhaus Wien-Hernals Hamburg-Innenstadt München-Giesing 8000 Quadratmeter Brutto­ geschossfläche hat die durch­ schnittliche Selfstorage-Fili­ ale, eine Größenordnung, die Parkhäusern, aber auch Kauf­ häusern entspricht. Aufgrund der obligatorischen PKW-Ein­ fahrt besteht Verwechslungs­ gefahr vor allem mit dem Parkhaus. 28 Thema Selfstorage Bauwelt 10 | 2013 Bauwelt 10 | 2013 29 Andreas Emminger | ist Professor für Entwer­fen und Konstruieren an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Regens­burg (HS R ARCH) und führt in Nürnberg das Architekturbüro johannsraum. Auf dem Foto ist er neben den Büroräumen in der Nürnberger Südstadt zu sehen, wo er mit Hilfe seiner Mitarbeiter leere Plakatwände eigenhändig tapeziert hat, unter anderem mit einem Fas­ sadenausschnitt des Selfstorage-Gebäudes. Foto: Architekten „Man kann nicht an jedem Ort ein Standardbauprogramm durchziehen“ Auch in Nürnberg wurden zwei Depotgebäude nach dem Selfstorage-Modell errichtet. Eines davon fällt völlig aus dem Rahmen: kein Rot-Blau-Grau, keine massiven Werbeflächen, aber auch keine Anbiederung an die Nachbarschaft. Die Architekten von johannsraum finden, dass der Bautypus durchaus auch im Wohngebiet Sinn machen kann. Interview Doris Kleilein Herr Emminger, warum sieht das Selfstorage-Gebäude in Nürnberg anders aus als die anderen 33 Filialen des Unternehmens? Wir haben den Auftrag, ein Depot- und Archivgebäude mit einer Maximalgeschossfläche zu entwerfen, nicht vom Bauherrn bekommen, sondern von einem Nürnberger Projektentwickler. Wir kannten den zukünftigen Nutzer also gar nicht und waren daher ziemlich frei von Corporate-IdentityÜberlegungen. Wir haben das Gebäude städtebaulich ent­ wickelt. Als der Nutzer am Ende des Vorentwurfs dazu kam, stand alles schon mehr oder weniger fest. Dennoch: Wie konnten Sie den Bauherrn überzeugen, seine auffallende Corporate Identity so stark zurückzunehmen? Die Corporate Identity war nicht unbedingt Gegenstand der Diskussion. Der Bauherr hatte vorher bereits in NürnbergSchweinau einen Neubau errichtet und sich dann für ein Grundstück nahe der Altstadt interessiert. Von Seiten der Stadt war ein derartiges Gebäude an diesem relativ sensiblen Ort nicht vorstellbar. Der Baukunstbeirat hat sich in den Entwurfsprozess eingeschaltet, wir mussten das Projekt dort zweimal vorstellen. Dabei ist dem Bauherrn ziemlich schnell klar geworden, dass er an dieser Stelle von einer anderen Grundlage ausgehen muss. Es ging um Volumen und städtebauliche Kanten, wir wollten zeigen, dass es ein Archiv ist und kein Wohngebäude, kein Bürogebäude. Und dann haben wir diese drei „Stadtschaufenster“ frei gestellt. Die Stadtschaufenster sind eine Werbefläche hinter Bauprofilglas. Wieso wurde das in dieser Größe genehmigt? Wir haben in Nürnberg eigentlich eine sehr restriktive Werbeanlagensatzung. Durch die Fenster haben wir die Flächen aus der Diskussion über Werbeanlagen heraus bekommen. Es sind einfach Fenster, hinter denen etwas hängt, und damit keine Werbeanlage im baurechtlichen Sinne. Der Stadtbaukunstbeirat spielt in Nürnberg eine wichtige Rolle. Hatten Sie als Architekturbüro Rückendeckung? Ja, wobei Rückendeckung so klingt, als ob man unter Beschuss steht. Das war nicht der Fall. Wir hatten im Baukunstbeirat einen kompetenten Partner, eine Instanz, die uns selber auch geholfen hat, Dinge zu klären. Der Beirat hat in Nürnberg traditionell eine sehr starke Position, da die Stadtspitze architekturaffin und interessiert ist, wie sich die Stadt entwickelt. Das Stadtplanungsamt und die Bauordnungsbehörde sind ähnlich aufgestellt. Es gibt einen Projektentwickler, der nicht zum Unternehmen gehört, es wird ein Architekturbüro beauftragt, die Stadt ist mit im Boot. Kann man so Investoren bändigen? Das war natürlich eine spezielle Konstellation, die man normalerweise nicht vorfindet. Der Projektentwickler ist schon lange in Nürnberg tätig. Wenn sie in ihrer eigenen Stadt Projekte entwickeln, dann ist es wichtig, was am Schluss heraus kommt, um die Glaubwürdigkeit nicht zu beschädigen. Wie gehen die Nutzung und die geschlossene Fassade zusammen mit den dahinter liegenden Wohnhöfen? Das Grundstück liegt an einer hoch verkehrsbelasteten Kreuzung, an der selbst die Straßenbahn zurück gebaut wurde, um den Verkehrsfluss noch schneller zu gestalten. Das nordöstlich der Kreuzung liegende Wohngebiet war schwer von Lärm und Staub belastet. Der Kreuzungsraum ist noch dazu sehr weit, da drei Eckgrundstücke unbebaut waren. Da hilft eine geschlossene Fassade, die Situation zu stützen. Zum Hof ist das Gebäude aufgrund der Abstandsflächen stark gestaf­felt. Die Innenwirkung ist Lärmberuhigung, Schallschutz. Es ist eine Verbesserung für das Wohnquartier. Das Gebäude wirkt aufgrund seiner Kubatur und der Fas­sade nicht wie ein Lagerhaus, eher wie eine Kunstgalerie oder ein Museum. Was waren die Entwurfsprinzipien? Lagergebäude heißt Fläche, Fläche, immer die gleiche Geschosshöhe, dadurch ist man sehr frei, was das Verhältnis der Kubatur zum Außenraum und die Bekleidung betrifft. Der Neubau vermittelt zwischen der ehemaligen Medaillenfabrik im Osten und dem 50er-Jahre-Gebäude auf der anderen Seite. Die Gebäudekanten resultieren aus den Grundstücksgrenzen und den Abstandsflächen. Dort, wo Überleitungen zwischen diesen baurechtlichen Rahmenbedingungen stattfinden, öffnen wir das Haus. Das führt dazu, dass man zwei Materialien hat, einmal geschlossen, einmal offen – und einen polygonalen und auf den Ebenen variierenden Grundriss. Wie konnten Sie im Kostenrahmen des Industriebaus bleiben? Das hat mit der Struktur zu tun, einem Stützen-Platten-System in Stahlbeton. Die Stützenstellungen sind auf die Grundrisssystematik optimiert, die Innenaufteilung der Lagerflächen ist ja variabel. Deshalb verspringen die perforierten Öff­nungen auch, die Stützen und der Kern gehen durch. Was hat das Gebäude gekostet? Diese Angabe darf ich Ihnen nicht geben. Der Bauherr hat die Kostensteuerung selbst übernommen. Wir waren mit den Leistungsphasen 1 bis 5 und der Planungsverfolgung beauftragt. Die Vergabe ist in den Händen des Bauherrn geblie­ben. Das einzige, was in der Ausführung kostentechnisch eine Rolle gespielt hat, war die Wahl der Farbe des Fassadenma­ terials. Wir wollten eine Pulverbeschichtung auf Stahlblech. Das war deutlich teurer als eine Wandbeschichtung auf Aluminium, so dass wir am Ende nur ein sehr eingeschränktes Farbspektrum zur Verfügung hatten. Sie haben das Gebäude mit zwei Sanitärsträngen und offener Leitungsverlegung auch für eine spätere Umnutzung konzipiert. Was können Sie sich vorstellen? Auf Grund der hohen Belastung des Verkehrsraumes kann ich mir eine Nutzung aus dem Kulturbereich vorstellen, auf den unteren beiden Ebenen auch Läden. Darüber eigentlich nur Büroflächen. Das ist durch einen banalen Wechsel der Fassade möglich. Nürnberg, unweit der Altstadt, Äußere Bayreuther Straße Ecke Welserstraße Lageplan im Maßstab 1:5000; Foto: Ricarda Ruby 30 Thema Selfstorage Bauwelt 10 | 2013 Bauwelt 10 | 2013 31 Architekten johannsraum Atelier für Architektur Andreas Emminger Landschaftsarchitekten Emminger+Nagies, Augsburg Ausschreibung, Bauüber­ wachung Langenbuch Ingenieursgesellschaft, Forchheim Flur Bauherr Selfstorage Dein Lagerraum GmbH, München Bruttogeschossfläche 4436 m2 im Altbau, 4913 m3 im Neubau Fertigstellung 2009 Die Außenwände ab dem zwei­ten Geschoss sind als Metall­ kasettenwände mit vorgehäng­ ter Aluminiumwellblechfas­ sade in RAL Perlbeige aus­gebildet Fotos: Ricarda Ruby Die Bauaufgabe wird unterschätzt. Warum hat noch niemand das Sammeln, das Lagern zum Thema der Architektur gemacht? Selfstorage ist in Deutschland eine relativ neue Bauaufgabe. Die Investoren wollen am liebsten mitten im Wohngebiet bauen. Eine Herausforderung? Die Nutzung bietet sich für innerstädtische, verkehrsbelastete Leerstellen durchaus an. Sie haben vorhin eine ganz andere Typologie angesprochen, die eines Museums oder eines Schauspielhauses, die auch mit großen Volumen arbeitet. Es ge­hört Disziplin dazu, derartige Grundstücke in Beschlag zu nehmen, aber auch die Verantwortung, dass man nicht an jedem Ort ein Standardbauprogramm durchzuziehen kann. Gebäude bieten sich als Gesamtlogo selten an. Adidas baut auch nicht drei Streifen in die Landschaft und man erkennt sie trotzdem. Das ist ein Feld, das noch ziemlich unbeackert ist. Selfstorage-Gebäude passen sich ihrer Umgebung sehr wohl an – was es nicht einfacher macht. Es gibt Fake-Wohnhäuser wie in Berlin-Friedrichshain, mit Satteldach und Hinterhöfen. Das ist natürlich schwierig. Normalerweise ist der Bautypus ja extrem flexibel. Eine hohe Grundstücksausnutzung, eine definierte Geschosshöhe – und ansonsten kann man mit unter- schiedlichen Gebäudetiefen und -höhen arbeiten. Das Ganze mit städtebaulich typologischen Forderungen zu belegen, ist ein Fehler in der Herangehensweise. Wenn die Akteure sich drauf einlassen zu fragen, was der Ort tatsächlich braucht, hat man einen hohen gestalterischen Freiraum. Bislang bewegen sich die Architekten, die sich mit der Bauaufgabe befasst haben, aber stark im Rahmen der Vorgaben. Architekten haben da eine sehr hohe Verantwortung, wie so oft. Hätte man zu uns gesagt, wir sollen so eine Art Friedrichshain bauen, dann hätte ich den Auftrag ablehnen müssen. Einen roten Glasbetonsockel mit einer grauen Alu-Dibond-Fassade darüber und der Anmutung eines Wohnhauses mit blechgedecktem Satteldach – das hätte nicht funktioniert. Dann wären Sie ausgestiegen? Ja, natürlich. +-0,00 Endlich Ruhe? Wohnhof mit Blick auf das Lagerhaus Grundrisse und Schnitt im Maßstab 1 :750 An welcher Stelle? Wenn keine Alternativen mehr zulässig sind. Dann bringt es nichts, dass man sich gegenseitig aufreibt, oder? Haben Sie auch negative Reaktionen bekommen? Ein solches Gebäude polarisiert natürlich. Allein die Tatsache, dass plötzlich ein Lagergebäude in der Stadt steht. Die Kritik hört man dann meist zwischen den Zeilen, von Kollegen. Oder die Lokalpresse fragt: Was ist das denn jetzt? ▪