SWR2 MANUSKRIPT ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE SWR2 Musikstunde Die Frühvollendeten (2) Juan Crisóstomo de Arriaga Von Thomas Rübenacker Sendung: Dienstag, 04. November 2014 Redaktion: Ulla Zierau 9.05 – 10.00 Uhr Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR. Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Musik sind beim SWR Mitschnittdienst in Baden-Baden für € 12,50 erhältlich. Bestellungen über Telefon: 07221/929-26030 Kennen Sie schon das Serviceangebot des Kulturradios SWR2? Mit der kostenlosen SWR2 Kulturkarte können Sie zu ermäßigten Eintrittspreisen Veranstaltungen des SWR2 und seiner vielen Kulturpartner im Sendegebiet besuchen. Mit dem Infoheft SWR2 Kulturservice sind Sie stets über SWR2 und die zahlreichen Veranstaltungen im SWR2-Kulturpartner-Netz informiert. Jetzt anmelden unter 07221/300 200 oder swr2.de 2 MUSIKSTUNDE mit Trüb Dienstag, 4. 11. 2014 … mit Thomas Rübenacker. Heute: „Die Frühvollendeten“, Teil 2: Juan Crisóstomo de Arriaga. MUSIK: INDIKATIV Wolfgang Amadeus Mozart war ein singuläres Phänomen. Genau deshalb wird er so oft zum Vergleich herangezogen. Joseph Martin Kraus aus Miltenberg am Main, der als Kapellmeister an den schwedischen Königshof engagiert wurde, galt nur als der „schwedische Mozart“, weil er von 1756 bis 1792 lebte. Der Spanier Juan Crisóstomo de Arriaga, der ein ViolinWunderkind war und vor seinem 15. Lebensjahr eine Oper komponierte, „Los esclavos felices“, wurde als der „spanische Mozart“ bezeichnet, auch weil sein Geburtstag auf den exakt selben Tag fiel, den 27. Januar, fünfzig Jahre später. Allerdings hatte Arriaga dem „Salzburger Mozart“ eines voraus, wenn man das so sagen darf: Er verstarb noch früher. 1826, kurz vor seinem 20. Gebutstag, raffte ihn die Tuberkulose dahin – er ist einer jener „Frühvollendeten“, die als leuchtendes Versprechen allzufrüh verloschen. Hören wir uns zu Beginn doch einmal an, was Arriaga komponierte, als andere Jungs noch mit ihren Brummkreiseln und Kasperlepuppen spielten: die Ouvertüre zur Oper „Die glücklichen Sklaven“. MUSIK: ARRIAGA, OUVERTÜRE „LOS ESCLAVOS ...“, TRACK 6 (10:02) 1) ARRIAGA, Ouvertüre zu „Los esclavos felices“; Il Fondamento, Paul Dombrecht; Fuga Libera FUG522 (LC 14899) Juan Crisóstomo de Arriaga, die Ouvertüre zur Oper „Los esclavos felices“, mit geradezu Rossini'scher Behandlung der Holzbläser. Überhaupt hat dieses Vorspiel ein Rossini-Flair, was bemerkenswert ist, denn damals – 1820 – war Rossini noch keineswegs ein Haushaltsname wie zehn Jahre später! Paul Dombrecht dirigierte das Ensemble Il Fondamento. Juan Crisóstomo Jacobo Antonio de Arriaga y Balzola wurde 1806 in eine noble Patrizierfamilie zu Bilbao im Baskenland hineingeboren, alle – Vater, Mutter, die Geschwister – waren hochmusikalisch. So wurde sein großes Talent frühzeitig erkannt, und als man ihn taufte, gab man ihm einen der musikberühmtesten Vornamen der Geschichte: Crisóstomo heißt Amadeus. Der Vater und der ältere Bruder gaben ihm den ersten Musikunterricht, Geige und Klavier. Als das nicht mehr hinreichte, wurde das Kind nach Paris geschickt, ans Conservatoire – damals offenbar keine Seltenheit, dass man 3 höchstbegabte Minderjährige unbegleitet in die Metropolen ziehen ließ, wo sie ihre Künste vervollkommnen sollten. Harmonielehre erhielt der Knabe in Paris von Francois-Joseph Fétis, einem Komponisten, der nicht nur den Kontrapunkt bei Palestrina, Bach und Händel genauer studiert hatte als die meisten seiner Zeigenossen, er gründete auch eine musikkritische Wochenzeitschrift, deren Redaktion er ganz allein übernahm. Da das sehr zeitaufwändig war – Fétis musste praktisch jeden Abend ein Konzert, eine Ballettaufführung oder eine Oper besuchen -, war er überglücklich, in Arriaga einen so begabten Schüler zu finden und machte ihn zu seinem Assistenten. Der übernahm dann mehr und mehr die Kritiken, was aber keiner bemerkte, da Arriaga den Stil des Meisters trefflich nachzuahmen wusste und die Artikel quasi-“anonymisiert“ ohne Namensnennung des Autors abgedruckt wurden. Nur einmal kam es zu einem Beinahe-Skandal: Arriaga hatte den Liederabend einer berühmten Sängerin in die Pfanne gehauen, und da Fétis als vermeintlicher Kritiker nicht gesichtet wurde, schrieb der Kollege eines rivalisierenden Blattes: „Wo war Fétis?“ Mit Geld wurde die peinliche Frage allerdings wieder aus der Welt geschafft, und von da an war es ein ziemlich offenes Geheimnis, dass die Kritiken in Fétis Postille, wie im „Spiegel“ bis 1980, von verschiedenen Autoren stammten. MUSIK: FÉTIS, FLÖTENKONZERT H-MOLL, TRACK 7 (8:07) 2) FRANCOIS-JOSEPH FÉTIS, Flötenkonzert h-moll; Gaby Pas van Riet (Flöte), Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, Fabrice Bollon; hänssler Classics 98.596 (LC 06047) Francois-Joseph Fétis, ein Flötenkonzert h-moll, das Kopfallegro, gespielt von Gaby Pas van Riet und dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, der Dirigent war Fabrice Bollon. Ganz im Gegensatz zu dem immer etwas bäuerlich wirkenden, tapsigen Quadratschädel Fétis war Arriagas zweiter Lehrer, Luigi Cherubini, ein Aristokrat und Ästhet, als Komponist von den Zeitgenossen zwar nicht sonderlich geschätzt – außer von Kollegen wie Haydn und Beethoven. Beethoven hielt ihn sogar für „das größte dramatische Talent aller Zeiten“. Tatsächlich war er ein wenig akademisch, und seine zahlreichen Opernversuche – mit Ausnahme der „Medea“ - trafen schon nicht mehr den Nerv der Zeit. Daher konzentrierte er sich auf Sakralmusik. Als surintendant de la musique du Roi war er so etwas wie der Kultusminister von Frankreich, und in dieser Eigenschaft wurde er dann Direktor des Conservatoire. Natürlich erkannte auch er die außergewöhnliche Begabung Juan Crisóstomo de Arriagas und buhlte regelrecht um ihn als Schüler. Nachdem er zufällig Teile 4 von dessen „Stabat mater“ gehört hatte, soll er ausgerufen haben: „Von wem ist das?“, nur um dann dem Jüngling zu bestätigen: „Erstaunlich! Sie sind die Musik selbst!“ Dass Fétis Arriaga zu seinem Assistenten machte, passte Cherubini gar nicht. Geradezu entsetzt war er, dass der Spanier für Fétis' Blatt Kritiken schrieb. Bekannt wurde eine Notiz, die monsieur le directeur an den Meisterschüler schrieb: „Kritiker wird man, wenn man glaubt zu wissen, wie Musik funktioniert, man kann selbst aber keine schaffen. Wer aber so komponiert wie Sie, sollte all seine Kraft darauf verwenden, dieses auch zu tun, denn das Erschaffen steht so weit über dem Beurteilen, dass man letzteres getrost dem Heer der Minderbemittelten überlassen sollte.“ Natürlich steckt in dieser Depesche auch ein gerüttelt Maß Hochmut gegenüber dem als grob empfundenen Kollegen. Und qua Amt war Cherubini unanfechtbar. MUSIK: CHERUBINI, MISSA SOLEMNIS IN E, TRACK 8 (8:19) 3) LUIGI CHERUBINI, Missa solemnis in E; Sol., Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Riccardo Muti; EMI 3 94316 2 (LC 06646) Das Gloria einer Missa solemnis in E von Luigi Cherubini, gesungen von Ruth Ziesak, Marianna Pizzolato, Herbert Lippert, Ildar Abdrazakov und dem Chor des Bayerischen Rundfunks, dessen Symphonieorchester spielte, die Gesamtleitung hatte Riccardo Muti. 1825, ein Jahr vor seinem Tod, fuhr Juan Crisóstomo de Arriaga noch einmal ins heimische Bilbao, um Eltern und Geschwister zu besuchen. Der ältere Bruder Francisco, der an der Stiftskirche Santa Clara di Calderón die Orgel schlug, war gerade schwer vergrippt und zweifelte, dass er das Hochamt am Sonntag mit Orgelspiel begleiten könnte. Und Juan war zwar ein exzellenter Pianist, aber auf der Orgelbank hatte er noch nie gesessen. Trotzdem bot er dem Bruder an, den Orgeldienst für ihn zu übernehmen – nach kurzer mündlicher Unterweisung in die Geheimnisse von Manualik und Pedalik, von Registrierung und Nachhalldauer. Während Francisco am Sonntag also noch sich die Seele aus dem Leib hustete, gab Juan Crisóstomo sein erstes „Orgelkonzert“, hauptsächlich mit Werken seines Idols und Namensvetters Wolfgang Amadeus Mozart. Darunter war auch Arriagas Lieblingsstück, die Fantasie f-moll, komponiert für eine Orgelwalze – also eigentlich Automatenmusik. Es habe aber „mit besonderer Inbrunst“ geklungen, berichtet der Vater später seiner Schwester Cristina in Valladolid, im Rahmen eines Briefes, der sich beinahe nicht einkriegt vor Stolz über den hochtalentierten Sohn. „Juan wird seinen Weg machen“, schreibt der stolze 5 Vater, „und wer weiß – vielleicht wird er sogar ein zweiter Mozart!“ Ein Jahr später war er tot. MUSIK: MOZART, ALLEGRO UND ANDANTE …, 3‘47‘‘ 4) MOZART, Fantasie f-moll f. eine Orgelwalze; Andreas Arand; organum 970051 (LC 2007) An der Holzhey-Orgel der Pfarrkirche St. Maria Major in Schießen spielte Andreas Arand den Beginn von Mozarts Fantasie f-moll für eine Orgelwalze. Vielleicht das erstaunlichste Zeugnis von Arriagas Frühreife sind die drei Streichquartette, die der 16-Jährige begann und die als einzige seiner Kompositionen noch zu Lebzeiten – nämlich 1824 in Paris – verlegt wurden. Gewidmet sind sie alle dem Vater, und sie stellen ein Bindeglied dar zwischen der Hochklassik eines Haydn und Mozart sowie der Proto-Romantik Beethovens; ja, häufig erklingt schon ein typischer Schubert-Tonfall von Sanguinik, himmelhoch-jauchzend und zu Tode betrübt. Das New Grove Concise Dictionary of Music sagt es naturgemäß etwas nüchterner: „(Das sind) elegante, kontrapunktisch ausgefeilte (Kompositionen), bei denen ihre harmonische Wärme hervorsticht.“ Und in der einzigen angelsächsischen Arriaga-Biographie, „Arriaga, das vergessene Genie: Das kurze Leben eines baskischen Komponisten“ von der US-Amerikanerin Barbara Rosen, wird der frühe Tod nicht nur als Verlust für die baskische Musik bezeichnet, sondern auch für Spanien – und damit letztlich für die klassische Musik Europas. „Es ist möglich“, schreibt Ms. Rosen, „Passagen aus Arriagas Werken herauszuhören, die an Haydn, Mozart, Beethoven und Rossini erinnern, obwohl er den komplexen Stil von deren reiferen Arbeiten natürlich noch nicht erreicht. Nichtsdestotrotz hat er einen bereits sehr eigenen und originellen Stil, der mit der Zeit sich nicht minder individuell entwickelt hätte, möglicherweise unter Einbezug eher spanischer und baskischer als wienerischer Elemente.“ Man nimmt an, dass Arriaga an der Tuberkulose verstarb, oder an Erschöpfung; oder an beidem. Auch hier also: eine Kerze, die an beiden Enden brannte. MUSIK: ARRIAGA, STREICHQUARTETT NR. 1 D-MOLL, TRACK 5 (7:01) 5) ARRIAGA, Streichquartett Nr. 1 d-moll; La Ritirata; Glossa 923102 (LC NOTE 1!)