photovoltaik Interview Moor - ertex

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Solarfassaden
„Es gelten die Normen am Bau“
Projekte in der Architektur — Langsam spricht es sich herum, dass man mit photovoltaischen
Glaselementen durchaus anspruchsvolle Bauten in die Welt setzen kann. Dazu müssen
viele Akteure miteinander ins Gespräch kommen. Dieter Moor von Ertex Solar erläutert,
wie solche Vorhaben angebahnt, geplant und errichtet werden. Ein Interview
Wie hat sich der Markt für gebäudeintegrierte Photovoltaik in Europa entwickelt?
Dieter Moor: In Europa gab es einen regelrechten
Boom ab , wobei die Zugänge am jeweiligen Markt teilweise sehr unterschiedlich waren.
 beispielsweise gab es in Frankreich eine
sehr hohe Einspeisevergütung für BIPV. Als sie
reduziert wurde, brach der Markt extrem ein. Daran kann man erkennen, dass solche Förderungen nicht zwangsläufig nachhaltig sind.
Wie sehen Sie die deutschsprachigen Märkte für BIPV?
In der Schweiz erleben wir zurzeit eine sehr hohe
Nachfrage. Dort müssen Sie  Prozent des Energiebedarfs eines Neubaus und meines Wissens
nach auch in der Bestandssanierung mit erneuerbaren Energien decken. In der Schweiz läuft rund
die Hälfte unserer Projekte. Hinzu kommt, dass in
der Schweiz die freie Fläche sehr kostbar ist. Dort
gibt es wenig Standorte für Solarparks. Deshalb
müssen die Schweizer ihre Gebäude nutzen. Das
merken die Architekten natürlich auch. Zudem
können die Schweizer augenblicklich in der Eurozone viel günstiger einkaufen, was uns als Anbieter aus Österreich zugute kommt.
Wie schaut es in Ihrem Heimatland aus?
In Österreich entsteht langsam ein gewisser
Druck. Eine Art Wettbewerb unter den Bauherren
Foto: www.wolfgangthaler.at
Welche Lehren ziehen Sie daraus?
Es zeigt sich, dass man erst mit dem Energieverbrauch der Gebäude herunterkommen muss, um
den geringeren Bedarf anschließend mit erneuerbaren Energien zu decken. Grundsätzlich glaube ich, dass sich der Markt gut entwickeln wird.
Denn ab  greift die EU-Direktive, die den fossilen und atomaren Energieverbrauch im Neubau auf nahezu null begrenzt. Schon  gilt sie
für öffentliche Gebäude. Dabei spielt die Photovoltaik eine sehr wichtige Rolle. Die Frage ist: Wie
lässt sie sich architektonisch einbauen?
Sonnenschwinge für das Besucherzentrum des Nationalparks Hohe Tauern. Das Naturschutzgebiet ist für seine Adler berühmt.
photovoltaik 10 / 2015
sehen wir beispielsweise für Bürostandorte aus
dem Windkraftbereich. So etwas Ähnliches hatten wir schon einmal unter den Stromversorgern.
Österreich hat neun Bundesländer.  haben
wir für einen Landesenergieversorger eine Solarfassade gebaut. Das brachte den Stein ins Rollen,
und andere Energieversorger wollten dem nicht
nachstehen. Ähnlich verhält es sich bei Banken,
Kindergärten und so weiter. Es tut sich etwas,
wenn auch nicht so deutlich wie in der Schweiz.
Foto: Ertex Solar
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Bleibt noch Deutschland. Eigentlich wäre es von der
Fläche und der Zahl der Gebäude her der größte Markt
in Europa ...
Ja, das stimmt. Aus Sicht eines Herstellers ist es
in Deutschland schwieriger, weil einige Modulhersteller ihre Einbrüche bei den Standardpaneelen nun mit der BIPV kompensieren wollen.
In Deutschland haben wir mehr Konkurrenz als
bei uns in Österreich. Manchmal schreiben Architekten zunächst eine Solarfassade mit den
am Bau üblichen Normen und Standards aus,
entscheiden sich aber schließlich doch für Standardpaneele. Auch das ist schon vorgekommen,
wir hatten so einen Fall in München. Aber Referenzprojekte wie die Kita Marburg oder das NEW
Blauhaus in Mönchengladbach stimmen uns zuversichtlich.
Dieter Moor
war vor seinem Studium der
Kulturtechnik und Wasserwirtschaft in zahlreichen Ingenieur- und Architekturbüros beschäftigt. Nach dem
Studium war er zuständig
für Projekte in der Photovoltaik, Wasserkraft und Biogas bei Österreichs erstem
Ökostromproduzenten. Seit
 leitet er den Vertrieb und das Marketing bei Ertex Solar. Mittlerweile ist er Geschäftsführer des Unternehmens
mit Sitz in Amstetten.
kulation bei  Euro für den Quadratmeter los,
nach oben offen. Je nach Aufwand sind bis zu
. Euro möglich, je nach Glasdicke, Zellbelegung und Format. Sehr teure Projekte mit großformatigen, maßgeschneiderten Paneelen sind
jedoch selten.
Wie verteilen sich Ihre Umsätze innerhalb Europas?
Der Vertrieb bei Ertex Solar konzentriert sich auf
die deutschsprachigen Märkte, also auf die sogenannte DACH-Region. Dort machen wir etwa
 Prozent unseres Umsatzes. Das restliche Fünftel erzielen wir in Ländern wie Frankreich, Italien oder Großbritannien. Manchmal werden auch
BIPV-Projekte in den USA, den Emiraten oder an
exotischen Orten wie in Asgabat in Turkmenistan
realisiert.
Die Kosten für Photovoltaik auf den Dächern oder auf
dem Freiland sind in den vergangenen Jahren dramatisch gesunken. Wie entwickeln sie sich in der BIPV?
Es ist nicht einfach, Kosten zu nennen. Denn
wir kalkulieren jedes Projekt individuell. Generell kann man für Fassaden mit Standardpaneelen zwischen  und  Euro je Quadratmeter
Fassadenfläche rechnen. Werden die Solarzellen
wirklich in die Fassade integriert, geht die Kal-
Wie aufwendig ist der Vertrieb in der BIPV?
Prinzipiell ist es viel schwieriger und langwieriger, Solarfassaden zu verkaufen als Standardsysteme für die Aufdachmontage oder das Freiland.
Je individueller die Fassade nach den Wünschen
des Architekten geplant wird, je mehr die Panee-
le nach besonderen Vorgaben gefertigt werden,
desto mehr Gespräche muss man führen. Denn
auch die Zielgruppen sind ganz andere als im
normalen Photovoltaikgeschäft.
Welche Zielgruppen sind in Ihrem Geschäft wichtig?
Eine zentrale Rolle spielen die Architekten, die
aber meist nicht unsere Kunden sind. Sie beraten die Bauherren und bringen ästhetische oder
optische Wünsche ins Projekt ein. Wenn es um
die Kosten geht, entscheidet der Bauherr. Unsere Kunden sind aber auch Fassadenbauer, Elektriker oder Glaser. Deshalb muss man das Produkt
mindestens dreimal anpreisen. Denn der Fassadenbauer wiederum hat ganz eigene Anforderungen. Ihn interessiert etwa diese Frage: Wo
und wie oft kommen die Kabel aus den Paneelen heraus? Muss er sich eventuell mit dem Elektriker abstimmen und was für einen Zusatzaufwand bedeutet das? Und so weiter.
Auf welche Weise vertreiben Sie Ihre Produkte?
Bei uns im Vertrieb sind vier Leute unterwegs.
Hinzu kommen Partner in den verschiedenen Ländern und Regionen, die quasi als externe Agenten fungieren und die Projekte vor Ort
betreuen. Wir haben solche Agenten in Italien,
Frankreich, Großbritannien, in der Türkei, in Polen, neuerdings sogar in Russland. In der Schweiz
wollen wir den Vertrieb ausbauen, weil der Markt
dort abhebt und von Amstetten aus schwer zu
betreuen ist.
Nun zu den technischen Anforderungen: Warum ist es
mit standardisierten Fassadenelementen so schwierig, den Markt zu erobern?
Für bestimmte Gebäude bietet sich dieser Weg
an, etwa für Zweckbauten in der Industrie. Wenn
ERTEX SOLAR
Die Ertl Glas AG ist ein österreichischer Produzent von Verbundsicherheitsglas. Die VSG-Technologie für großflächige
Photovoltaikelemente zu nutzen ist das Geschäftsfeld der
Firmentochter Ertex Solar aus Amstetten in Niederösterreich. Ertex Solar versteht sich als Partner von Architekten,
die Ästhetik und Solartechnik vereinen wollen. Die Großflächenmodule in VSG-Technologie werden in Amstetten in
Sonderserie gefertigt. Der umfangreiche Maschinenpark
im eigenen Glasbearbeitungszentrum bietet für individuelle Anfertigungen eine hohe Vielfalt der Varianten.
G www.ertex-solar.at
Foto: Ertex Solar
Großflächige Elemente
mit VSG-Technologie
Solarfassade der Firma Püspök in Parndorf.
G: Hier bietet das E-Paper der photovoltaik zusätzliche Informationen und Funktionen an. Infos zum E-Paper: www.photovoltaik.eu/epaper
10 / 2015 photovoltaik
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Solarfassaden
Sie für ein Logistikzentrum eine Solarfassade mit
. Quadratmeter bauen, spielen das optische
Erscheinungsbild oder die Randabstände vielleicht kaum eine Rolle. Bosch bietet solche standardisierten Fassaden mit CIS-Modulen an. Wir
bieten eher flexible Lösungen, individuell maßgeschneiderte Fassaden an: aus großflächigen,
färbigen und semitransparenten Elementen.
Welche Erfahrungen bringen Sie dafür mit?
Ertex Solar ist eine Tochter der Ertl AG, deshalb
können wir auf viele Erfahrungen aus der Glasbranche zurückgreifen. Allerdings ist auch in diesem Segment eine gewisse Standardisierung unumgänglich, um die Kosten im Griff zu halten.
Weil wir längst nicht die Stückzahlen wie bei
Standardmodulen erreichen, ist die Standardisierung nur begrenzt möglich, ebenso die Senkung
der Kosten.
Foto: Opus Architekten
Bauen Sie Ihre Fassaden mit kristallinen Zellen oder
mit Dünnschichtpaneelen?
Mit klassischen Waferzellen aus Silizium. Früher
haben wir auch mit amorphen oder mikrokristal-
Neubau eines Kindergartens in Marburg.
photovoltaik 10 / 2015
linen Dünnschichtmodulen gearbeitet, zum Beispiel mit den Paneelen von Schott Solar. Damit
haben wir sogar viele Fassaden und Dächer gebaut, in der Summe rund . Quadratmeter.
Schott hat die Fertigung der Glaspaneele jedoch eingestellt, ebenso Schüco bei Malibu in Osterweddingen. Das hat Ihr Geschäft sicher nicht einfacher gemacht, oder?
Zuletzt haben wir Abschattungslamellen für ein
Versicherungsgebäude in Bern mit Modulen von
Masdar PV geplant. Als auch die Fabrik von Masdar in Thüringen geschlossen wurde, konnten
wir es nicht mehr realisieren. Übrig geblieben
ist Next Power aus Taiwan, die semitransparente Dünnschichtmodule aus amorphem Silizium
anbieten.
Beziehen Sie die Dünnschichtmodule aus Fernost?
Die langen Transportwege sind sehr riskant, vor
allem für Halbzeuge, die in der Zwischenzeit beispielsweise korrodieren können. Das Sterben der
Lieferanten war sehr schwierig für uns, weil die
Dünnschichtmodule aufgrund ihrer Homogeni-
tät und semitransparenten Eigenschaft gut für
Fassaden verwendbar waren.
Also bleibt es bei kristallinen Modulen?
Vorerst ist es wohl so. Semitransparente Module
hatte Sunways angeboten, auch dieser Hersteller
ist mittlerweile in die Insolvenz geschlittert. Der
Nachfolger ist Blue Cell, von dieser Firma haben
wir schon die ersten semitransparenten Zellmuster bekommen. Das probieren wir gerade aus.
Welche neuen Produkte verlangt die BIPV?
Relativ einfach sind schöne, optisch ansprechende Indachsysteme oder hinterlüftete Fassaden
mit Normformaten. Sie lassen sich gut standardisieren und somit kostengünstiger darstellen. Ungleich schwieriger und aufwendiger sind Fassaden mit unterschiedlichen Modulformaten oder
extrem große Elemente. Bei Ertl Glas, unserer
Muttergesellschaft, können wir Paneele mit drei
mal sechs Metern Kantenlänge laminieren. Wir
können spezielle semitransparente oder färbige Zellen verbauen. Wichtig ist, dass für Solarfassaden oder Überkopfverglasungen andere Vor-
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schriften gelten als für Standardmodule oder die
Aufständerung auf dem Flachdach.
Welche Folgen kann dieser Irrtum haben?
Wenn man solche Module installiert, kann es
passieren, dass die zuständige Behörde die Abnahme verweigert. Aus diesem Grunde wurden
schon fertig installierte Anlagen demontiert, obwohl alles bereits bezahlt war. Die Fassade muss
exakt den Baunormen entsprechen, sonst trägt
der Installateur ein erhebliches Risiko.
Schreckt die Komplexität nicht viele Akteure ab?
Die BIPV ist keine Raketenwissenschaft. Auch
wenn es manchmal kompliziert klingt, weil man
zahlreiche zusätzliche Dinge beachten muss.
Foto: Ertex Solar
Haben Sie dafür Beispiele?
Für die Montage an der Fassade oder die Lagerung der Paneele in den Profilen gelten andere
Vorschriften als bei Aufdachsystemen. Was vielen Installateuren nicht klar ist: Das CE-Zeichen
der Solarmodule gilt nicht automatisch für die
bautechnische Anwendung an der Fassade.
Außenansicht der Solarfassade bei der Püspök-Gruppe.
Wenn die Architekten, Bauherren und die Industrie als Hersteller der Fassadenelemente, der
Montagesysteme und der Elektrik zusammenar-
beiten, können wundervolle Dinge entstehen.
Schert nur einer der drei beteiligen Player aus,
wird es kritisch. (Interview: HS)
t
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