Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die osteuropäische

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KAPITEL III
KRIEG, FLUCHT, VERTREIBUNG
Die Waisen
von Versailles
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die
osteuropäische Landkarte komplett
umgestaltet, Millionen Deutsche fanden
sich in neuen Staaten wieder. In
Oberschlesien tobte zeitweilig ein Bürgerkrieg.
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SCHERL / SÜDDEUTSCHE VERLAG
Gefecht zwischen Deutschen und
Polen in Oberschlesien um 1920
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KRIEG, FLUCHT, VERTREIBUNG
des Weltfriedens“ vor. Wohl nie zuvor
hatte die Menschheit einen Plan mit solange bevor irgendjemand chem Anspruch aus dem Mund eines so
etwas davon ahnen konnte, Mächtigen vernommen; der missionarinahm das Schicksal von sche Horizont reichte vom SelbstbestimMillionen Menschen eine mungsrecht der Nationen bis zur Schafneue Wendung, als sich im fung eines Völkerbundes.
In Punkt 13 seines 14-Punkte-ProJahr 1914 ein polnischer Pianist und der
amerikanische Präsident zum ersten gramms versprach Wilson einen „unabMal begegneten. Von diesem Tag an hängigen polnischen Staat, der die von
wurden Ignacy Paderewski, ein weltbe- unbestritten polnischen Bevölkerungen
rühmter Musiker mit Wohnsitz in Kali- bewohnten Gebiete einschließen sollte“.
fornien, und der ins Weiße Haus gewähl- Auch „ein freier und sicherer Zugang
te Hochschullehrer Woodrow Wilson zu zum Meere“ müsse zum Staatsgebiet gepolitischen Weggefährten. Gemeinsam
sollten sie europäische Geschichte
Teilung Oberschlesiens 1922
Breslau
schreiben.
POLEN
Paderewskis große Stunde kam im
letzten Jahr des Ersten Weltkriegs. UnOppeln
ter Wilsons Führung hatten die Ver- DEUTSCHLAND
einigten Staaten ihre Neutralität aufOberschlesien
gegeben und kämpften nun an der Seite
Beuthen
Frankreichs und Großbritanniens gegen
Verbleib bei
KattoDeutschland
das deutsche Kaiserreich und die Habswitz
burgermonarchie. Im Januar 1918, wähan Polen
TSCHECHOrend Europa noch ein Schlachtfeld war,
SLOWAKEI
stellte der US-Präsident sein „Programm
Von DIETMAR PIEPER
L
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hören. Es war ein Triumph für alle polnischen Patrioten.
Ganz besonders aber triumphierte
Ignacy Paderewski. Er hatte es geschafft,
Wilson für die polnische Sache zu begeistern. Punkt 13 war Paderewskis Punkt.
Und er war die Ouvertüre für eine grundlegende Neuordnung Osteuropas.
Als der Krieg im Herbst 1918 zu Ende
ging, war das lange Zeit Unvorstellbare
eingetreten: Ausgerechnet die drei Dynastien, die sich Polen im 18. Jahrhundert zur Beute gemacht hatten, waren
erledigt, die Hohenzollern, die Habsburger und die Romanows. In drei Schritten,
1772, 1793 und 1795, hatten Preußen,
Österreich und Russland das Königreich
Polen unter sich aufgeteilt.
Jetzt war für die Polen der Tag gekommen, an dem ihr geschundenes Vaterland neu erstehen sollte. Und sie waren nicht die Einzigen, die mit großen
Erwartungen in die neue Zeit gingen.
Überall in Osteuropa wollten sich nationale Bewegungen endlich die Rechte
nehmen, die ihnen von den Monarchen
verwehrt worden waren.
SPIEGEL GESCHICHTE
1 | 2011
ALBERT HARLINGUE / ULLSTEIN BILD
Die „Großen Vier“ von
Versailles: Vittorio Orlando,
David Lloyd George,
Georges Clemenceau,
Woodrow Wilson
MICHAEL NICHOLSON/CORBIS (L.); AKG (M.); ULLSTEIN BILD (R.)
Am 7. Oktober 1918 proklamierten die
Machthaber in Warschau einen unabhängigen polnischen Staat und übernahmen einige Tage darauf die Befehlsgewalt über die Armee. Drei Wochen
später stürmten auch die benachbarten
Tschechen voran in die Unabhängigkeit.
In Prag wurde die Tschechoslowakische
Republik ausgerufen. Der Philosoph und
Politiker TomአG. Mašaryk, der bald danach zum ersten Präsidenten gewählt
wurde, hatte es in den Monaten zuvor
vermocht, Amerikanern, Briten und
Franzosen deren Bedenken gegen die
Staatsgründung auszureden.
Von einer Beruhigung der Lage
konnte aber keine Rede sein. Für die
Deutschen, die im Osten des Reiches
Das hatten sich die Deutschen ganz
anders vorgestellt. Weder für die Militärs noch für die Masse der Bevölkerung
war ja der Untergang der Monarchie
gleichbedeutend mit einer totalen Niederlage. Das Land sei „im Felde unbesiegt“, lautete ein geflügeltes Wort. Die
Erwartungen, Deutschland würde im
Friedensvertrag glimpflich davonkommen, waren groß, und sie stützten sich
auf tatsächliche oder vermeintliche Versprechungen von US-Präsident Wilson.
Es war, wie es häufig ist: Jeder hörte,
was er hören wollte. In deutschen Ohren
klang Wilsons Parole vom Recht auf nationale Selbstbestimmung eher nach Vergrößerung als nach Verkleinerung. Millionen Österreicher und Sudetendeut-
völkerstaat war, in dem die nationale
Mehrheit der Tschechen zumindest in
den Anfangsjahren etwas gleicher war
als die Minderheiten. Slowaken und Ungarn stellten einen erheblichen Anteil
der Bevölkerung; die größte dieser Gruppen aber waren die Deutschböhmen, für
die sich rasch die von einem Gebirgszug
hergeleitete Bezeichnung Sudetendeutsche einbürgerte (siehe Seite 80). Als
frischgewählter Präsident stellte
Mašaryk sogleich die Verhältnisse klar:
„Wir – die Tschechen – haben unseren
Staat geschaffen. Dadurch wird die
staatsrechtliche Stellung unserer Deutschen bestimmt, die ursprünglich als Immigranten und Kolonisten ins Land kamen.“ Später ging Mašaryk zwar auf die
Freiheitsheld Paderewski
Republikgründer Mašaryk
Oberschlesien-Kämpfer Korfanty
ansässig waren, fing der Ärger jetzt erst
richtig an.
In der preußischen Provinz Posen
zum Beispiel kam es Ende Dezember
1918 zu einem Aufstand gegen die deutsche Obrigkeit. Auslöser war eine friedliche Demonstration polnischer Bürger
in der Provinzhauptstadt Posen. Sie hatten sich in großer Zahl versammelt, um
ihr Idol Paderewski zu ehren. Der aus
Amerika zurückgekehrte Freiheitsheld
befand sich auf der Reise nach Warschau, wo er zum Ministerpräsidenten
des jungen Staates ernannt wurde.
Der antideutsche Handstreich brachte die Provinz Posen weitgehend unter
polnische Kontrolle. Die völkerrechtliche Legitimierung durch den Friedensvertrag von Versailles ließ dann nicht
lange auf sich warten.
sche hofften nach dem Zerfall der Wiener k. u. k. Monarchie auf den Anschluss
ans Deutsche Reich.
Wunschdenken und Irrtümer gab es
nicht nur auf Seiten der Verlierer, auch
die Sieger fanden keine klare Linie. Der
neue Anspruch, den Völkern ihre nationale Selbstbestimmung zu überlassen,
kollidierte vielfach mit herkömmlicher
Machtpolitik. Wie sie ihre Prioritäten
zu setzen gedachten, machten die Alliierten rasch deutlich: Als die Provisorische Nationalversammlung in Wien im
November 1918 den Beschluss fasste,
Österreich an Deutschland anzuschließen, kam sogleich das Veto der Siegermächte.
Es störte auch nicht weiter, dass die
aus dem Habsburgerreich hervorgegangene Tschechoslowakei ein neuer Viel-
Sudetendeutschen zu, aber der Ton war
gesetzt.
das versailler diktat
Zu Beginn des Jahres 1919 richteten sich
die Augen der Welt auf Paris. Dort tagte
die erste Mega-Konferenz des 20. Jahrhunderts mit dem Ziel, der Welt eine
neue Ordnung, eine Friedensordnung zu
geben. Das jedenfalls war die erklärte
Absicht des US-Präsidenten, der monatelang in der französischen Hauptstadt
Quartier bezog. Für Wilsons Verhandlungspartner – den Franzosen Georges
Clemenceau, den Briten David Lloyd
George und den Italiener Vittorio Orlando – war es eher ein Lippenbekenntnis.
Meist kamen die vier in der Residenz
des amerikanischen Präsidenten zusammen, wo sich die Herren über riesige
Ein antideutscher Handstreich brachte die Provinz Posen
weitgehend unter polnische Kontrolle.
SPIEGEL GESCHICHTE
1 | 2011
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rung und 13 Prozent seines GeLandkarten beugten. Was gab es
biets, dazu 80 Prozent seiner Einicht alles zu regeln! Europa, die
senerz- und 26 Prozent seiner
arabische Welt, Afrika, überall
Steinkohlenlager, 40 Prozent seimussten Interessen bestimmt, Gener Hochöfen und 15 Prozent seibiete zugeteilt und Grenzen neu
ner landwirtschaftlichen Nutzflägezogen werden. Die Hauptaufche. Und das Land wurde zweigabe aber war immer wieder: Wie
geteilt. Am 20. Januar 1920 überweiter mit Deutschland?
nahm Polen weite Teile der ProAm genauesten wusste der
vinzen Posen und Westpreußen.
Franzose, was er wollte. CleDer Polnische Korridor entstand.
menceaus oberstes Ziel hieß: Das
Die Menschen, die dort lebten,
Deutsche Reich musste so klein
waren nicht gefragt worden. Weit
wie möglich gehalten werden; Poverbreitet war die Klage, die der
lens Stärke würde Deutschlands
Gutsbesitzer Nordewin von KoerSchwäche sein. Dass westliche
ber-Koerberode einer Berliner
Reichsgebiete wie das Elsass an
Zeitung übermittelte: „Das Land,
Frankreich fallen würden, war sodas in harter Arbeit zu einer Perle
wieso klar.
unter den deutschen Landen geDem Briten ging das in vielem
worden ist, das Land, wo Hunzu weit. Lloyd George wollte zum
derttausende unserer VolksgenosBeispiel verhindern, dass durch
sen schlummern, ist vom Vaterüberzogene polnische Forderunland abgetrennt und einem
gen die „Saat eines künftigen
Fremdvolke ausgeliefert.“
Krieges“ gelegt würde. Er ahnte:
Der adlige Gutsherr harrte auf
Deutschland wird, „wenn es das
seiner Scholle aus und wurde späGefühl hat, dass es im Frieden
ter als Abgeordneter der deutvon 1919 ungerecht behandelt
schen Volksgruppe in den polniworden ist, Mittel finden, um seischen Sejm gewählt. Viele seiner
ne Überwinder zur RückerstatLandsleute aber verließen ihre
tung zu zwingen“.
„Rettet den Osten“: Plakat der Deutschnationalen
Heimat, freiwillig oder unter
Als deutlich wurde, dass sich
aus der Frühzeit der Weimarer Republik
dem Druck der neuen Verhältnisdie Gebietsansprüche der Polen
Der sozialdemokratische Reichsau- se. Die unter polnische Herrschaft gegegenüber den Deutschen auf 84 000
Quadratkilometer summierten, hielt ßenminister Hermann Müller erklärte im ratenen Deutschen waren die „Waisen
Lloyd George entschieden dagegen. Juli 1919 vor der Nationalversammlung: von Versailles“, schreibt der britische
Schließlich einigte man sich auf ein Ge- „Wir lassen keinen Zweifel darüber, dass Historiker Richard Blanke: „Beinah
biet von 43 000 Quadratkilometern, die wir mit allen loyalen Mitteln die Revision über Nacht sahen sie sich nicht mehr
vor allem Posen und Westpreußen um- dieses Vertrages erstreben werden.“ Das als Teil der herrschenden Schicht in eifassten. In zwei Bezirken sowie in Ober- war eine gemäßigte Stimme, viele Deut- nem starken und wirtschaftlich hoch
entwickelten Nationalstaat, sondern als
schlesien sollten die Menschen in Volks- sche redeten erheblich radikaler.
Während die Pariser Verhandlungen verletzliche und beargwöhnte Minderabstimmungen entscheiden, ob sie sich
dem deutschen oder dem polnischen noch liefen, hatte die Oberste Heereslei- heit.“
So wie preußische Behörden jahrStaat angliedern wollten. Danzig wurde tung der Reichswehr Pläne für einen Feldim Versailler Vertrag mit Wirkung zum zug gegen Polen ausgearbeitet, die aber zehntelang die Germanisierung des Lan15. November 1920 zur Freien Stadt un- in der Schublade blieben. Danach träum- des betrieben hatten, so machten die Poter dem Mandat des Völkerbundes er- ten führende Militärs eine Weile davon, len nun Politik gegen die Deutschen.
auf eigene Faust einen selbständigen „Das fremde Element wird sich umsehen
klärt (siehe Seite 82).
Glücklich allerdings war niemand mit deutschen „Oststaat“ zu errichten. müssen, ob es sich anderswo besser bedem Ergebnis, ganz im Gegenteil. Pade- Reichswehr-Chef Hans von Seeckt giftete findet“, erklärte der spätere polnische
rewski murrte, vor allem im Hinblick noch Anfang der zwanziger Jahre: „Po- Bildungsminister Stanislaw Grabski im
auf Danzig und Oberschlesien sei das lens Existenz ist unerträglich, unverein- Oktober 1919. Mit propagandistischem
Diktat der Sieger ein „grausamer bar mit den Lebensbedingungen Deutsch- Eifer verbreiteten die neuen Herren StaSchlag“. Und den Deutschen war der lands. Es muss verschwinden und wird tistiken darüber, wie stark der Anteil der
Versailler Vertrag aus vielen Gründen verschwinden durch eigene Schwäche Deutschen im ehemaligen Reichsgebiet
verhasst. Die Gebietsverluste im Osten und durch Russland, mit deutscher Hilfe.“ zurückging – vielerorts von mehr als der
Durch Versailles verlor Deutschland Hälfte der Einwohner auf einstellige
empfanden sie als willkürlich und äuinsgesamt 10 Prozent seiner Bevölke- Prozentanteile.
ßerst ungerecht.
Führende deutsche Militärs träumten davon, einen
selbständigen „Oststaat“ zu errichten.
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SPIEGEL GESCHICHTE
1 | 2011
BUNDESARCHIV, PLAK 002-029-075
KRIEG, FLUCHT, VERTREIBUNG
Vornamen Albert trug. Von
1903 bis 1912 hatte er als Abgeordneter der Polenpartei dem
Deutschen Reichstag angehört.
Besonders schwierig waren die
Nach dem Versailler Frieden erVerhältnisse in Oberschlesien.
nannten ihn die Alliierten zum
In der Region um Oppeln und
polnischen Kommissar für die
Kattowitz hatte sich über die
Organisation des Plebiszits.
Jahrhunderte ein multiethniGleichzeitig wussten alle,
sches Patchwork herausgebildet,
dass Korfanty auch den bewaffin dem deutsche und polnische,
neten polnischen Kampf anjüdische und tschechische Idenführte. Jedem Teilnehmer vertitäten miteinander verwoben
sprach er eine Kuh als Gewaren. Aber das Zeitalter des
schenk, sobald Oberschlesien
Nationalismus hatte auch in
polnisch wäre – die KorfantyOberschlesien seine Spuren hinKuh wurde bald sprichwörtlich.
terlassen. Der GermanisierungsAm 20. März 1921 fand
politik stand eine polnische
schließlich die Abstimmung
Nationalbewegung gegenüber,
über die künftige Staatszugehödie das slawische Selbstbewusstrigkeit Oberschlesiens statt.
sein hochhielt. Durchaus mit
707 000 Stimmen entfielen auf
Erfolg: Bei der Reichstagswahl
Deutschland, 479 000 auf Polen.
1907 kam die Polnische NationalNach dem unklaren Ergebnis
demokratische Partei (Polenparbrachen heftige Konflikte um
tei) im Regierungsbezirk Oppeln
die künftige Grenzziehung aus.
auf 39,5 Prozent der Stimmen.
Mit französischer UnterstütNach Inkrafttreten des Verzung besetzten Korfantys Freisailler Vertrages mussten die
schärler einige Gebiete, in dedeutsche Armee und die Beamnen die Menschen überwietenschaft abziehen. Die Verwalgend für Polen gestimmt hatten.
tung übernahm eine alliierte
„Wir geben Schlesien nicht her!“: Polnisches
Im Mittelpunkt des polnischen
Kommission unter Vorsitz eines
Propagandaplakat von 1921
Aufstandes stand das katholifranzösischen Generals.
Es war eine Zeit der Wirren, die sich ten und verkauft sei. Man könne das ge- sche Kloster St. Annaberg. Aber die
bis zum Bürgerkrieg hochschaukelten. genseitige Morden unmöglich als einen Deutschen schlugen zurück, allen voran
Auf deutscher wie auf polnischer Seite Kampf um die Freiheit bezeichnen.“ Den Hauensteins Paramilitärs, die sich mittkämpften Geheimorganisationen und pa- Mord an ihrem Vater schildern die Söh- lerweile „Organisation Heinz“ nannten.
ramilitärische Verbände um die regiona- ne in allen blutigen Details: „Um Mitter- Ende Juni 1921 schlossen die Bürgerle Vorherrschaft. Oberschlesien wurde nacht des 4. Juni wurde er plötzlich von kriegsparteien einen Waffenstillstand.
Die Alliierten teilten Oberschlesien
zum Aufmarschgebiet der Freikorps, die sogenannten Grenzschutzsoldaten aus
in den Gründungsjahren der Weimarer dem Bett geholt und wie ein Tier durch schließlich auf, ein Vertragswerk besieRepublik eine unheilvolle Rolle spielten. das Dorf getrieben, wobei die Soldaten gelte im Mai 1922 die neue Ordnung. 30
Geradezu ein Markenzeichen der fortgesetzt mit Seitengewehren und Ge- Prozent der Fläche, aber 46 Prozent der
oberschlesischen Wirren waren auf wehrkolben auf ihn einschlugen.“ In der- Bevölkerung kamen zu Polen. Die Deutdeutscher Seite die sogenannten Feme- selben Nacht schnappten sich die Feme- schen mussten auch das ökonomische Fimorde: Tatsächliche oder vermeintliche mörder drei weitere Männer. Zuletzt letstück abgeben, die Industrieregion um
Verräter wurden ohne viel Federlesens warfen sie ihre Opfer in einen Stein- Kattowitz. Die meisten oberschlesischen
Bergwerke und Hütten wurden polnisch.
umgebracht. Anlass war häufig der blo- bruch und schlugen sie dort tot.
Über den Tag der offiziellen MachtBesonders berüchtigt war die „deutße Verdacht, mit den Polen gemeinsame
Sache zu machen. Der Historiker Bern- sche Spezialpolizei“, geleitet von Heinz übernahme in Kattowitz, das nunmehr
hard Sauer, der die Fememorde im De- Oskar Hauenstein. Als Zeuge vor Ge- Katowice hieß, bemerkte Korfanty spätail untersucht hat, kommt zu dem Er- richt sagte Hauenstein einmal auf die ter: „Für mich war es der schönste Tag
gebnis: „Es waren in der Regel Unschul- Frage, wie viele Fememorde seine Orga- in meinem Leben.“
Für die Deutschen blieb die Ostgrendige, die ermordet wurden“, und „die nisation in Oberschlesien begangen
Opfer hatten nicht die geringsten Mög- habe: „Die genaue Zahl kann ich nicht ze eine offene Wunde. Berlin war zwar
lichkeiten, sich gegen die erhobenen Be- angeben. Aber ich habe mir einen klei- realistisch genug, 1925 im Vertrag von
nen Überschlag gemacht und bin auf die Locarno die neue Westgrenze zu akzepschuldigungen zu verteidigen“.
Eines der Opfer war Josef Nowak. Zahl 200 gekommen.“ Da im Juni 1922 tieren. Aber gegenüber dem Nachbarn
Der angebliche polnische Spion, sagten eine Amnestie für politisch motivierte im Osten gelobte die Reichsregierung leseine Söhne später, „hatte sich lediglich Straftaten erging, blieben Verbrecher diglich Gewaltverzicht, mehr nicht.
Damit war es 1939 auch vorbei. Mit
wiederholt dahin geäußert, dass der ge- wie Hauenstein straffrei.
Führender Kopf auf polnischer Seite dem Angriff der Deutschen auf Polen begenseitige Brudermord in Oberschlesien
sinnlos wäre, da das Volk sowieso verra- war Wojciech Korfanty, der bis 1918 den gann der Zweite Weltkrieg.
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oberschlesien
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