Forschungsschwerpunkte – Professor Ralph Hertwig

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Forschungsschwerpunkte – Professor Ralph Hertwig
Frost
Wie treffen Menschen Entscheidungen? Wie gut sind diese Entscheidungen? Die Antworten
auf diese Fragen betreffen uns alle – als Eltern, Konsumenten, Patienten oder Staatsbürger.
Auf der Suche nach Antworten müssen zunächst die häufigen und schwierigen Bedingungen
benannt werden, unter denen Entscheidungen getroffen werden. Die vielleicht wichtigste
Bedingung hat der amerikanische Staatsmann Benjamin Franklin so auf den Punkt gebracht:
Nichts in dieser Welt ist sicher, außer dem Tod und den Steuern. Zu dieser allgegenwärtigen
Unsicherheit kommt erschwerend hinzu, dass unsere kognitiven Kapazitäten (wie Gedächtnis, Aufmerksamkeit) begrenzt sind. Wir müssen häufig schnell entscheiden, ohne den Luxus
langen Abwägens oder sorgfältiger Informationssuche. Wie vernünftig unser Entscheiden ist,
sollte vor dem Hintergrund dieser inneren und äußeren Begrenzungen bewertet werden und
der erste Forschungsschwerpunkt untersucht in diesem Sinne begrenzt rationale Strategien.
Begrenzt rationale Entscheidungsstrategien
Mein Augenmerk liegt auf dem Verständnis der tatsächlichen Prozesse des Entscheidens –
im Unterscheid zu dem idealisierten Bild des Homo oeconomicus. Man kann, so meine Arbeitshypothese, viele der Entscheidungsprozesse in Gestalt von einfachen Strategien, häufig
Heuristiken genannt, beschreiben. Diese können in einer Welt voller Unsicherheit mit komplexen Entscheidungsmodellen erstaunlich gut konkurrieren. Es geht darum, die Gründe für
den Erfolg, aber auch die Begrenzungen einfacher Strategien zu identifizieren. Sie können
zum Beispiel eine Schwäche der menschlichen Informationsverarbeitung – das Vergessen –
in Stärke ummünzen. Sie können leicht verfügbare Informationen im Gedächtnis – wie beispielsweise Wiedererkennung oder die mentale Leichtigkeit des Informationsabrufs – ausnutzen. Sie können aus kleinen Stichproben von Informationen robustes Wissen extrahieren
und die statistischen Strukturen der Welt als Bündnispartner nutzen. Heuristiken sind aber
kein Allheilmittel. Wenn man sie allerdings in erster Linie als Übeltäter schlechter Entscheidungen porträtiert – eine geläufige Sichtweise –, wird man ihrem Leistungsvermögen nicht
gerecht.
Gemeinsam mit meinem Team arbeite ich an der Entschlüsselung dieser Entscheidungswerkzeuge und daran, wie diese und andere Bausteine des menschlichen Entscheidens (etwa Risikopräferenzen) sich über die Lebensspanne verändern. Und wir untersuchen, inwieweit simple Entscheidungsstrategien auch komplexes Verhalten erklären können. Nehmen
wir zum Beispiel Eltern mit mehr als einem Kind. Wie sollen sie ihre begrenzten Ressourcen
– Liebe, Aufmerksamkeit oder Zeit – verteilen? Die klassische (ökonomische) Antwort lautet:
Maximiere! Demnach sollen Eltern mehr in jene Kinder investieren, von denen sie vermuten,
dass sie es als Erwachsene zu mehr Wohlstand bringen werden. Allerdings können Eltern
nicht in die Zukunft schauen. In dieser ungewissen Situation verlassen sich viele Eltern auf
eine einfache Heuristik, die auch ihren Sinn für Gerechtigkeit in der Familie befriedigt: Teile
deine Ressourcen (zum Beispiel Zeit) gleichmäßig unter deinen Kindern auf. Man sollte meinen, dass Eltern, die dieser sogenannten 1/N-Regel folgen, eine gleiche RessourcenverteiForschungsschwerpunkte – Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis 2017
Professor Ralph Hertwig
Januar 2017
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lung erzielen. Tatsächlich beobachtet man aber komplexe Ungleichheiten in der familiären
Ressourcenverteilung, die sich überraschenderweise mit der einfachen 1/N-Heuristik elegant
erklären lassen.
Erfahrung versus Beschreibung – und die Kluft zwischen beiden
Informationen kann man als beschreibungsbasiert oder erfahrungsbasiert charakterisieren.
Dadurch ergeben sich unterschiedliche Formen des Lernens. Diese sind der Inhalt des zweiten großen Forschungsschwerpunkts. Warnungen vor Risiken begegnen uns überall – im
Wetterbericht, in Gesundheitsbroschüren oder auf Beipackzetteln. Dabei werden symbolische Darstellungen genutzt, zum Beispiel in Form von Wahrscheinlichkeiten („Morgen beträgt die Niederschlagswahrscheinlichkeit 30 Prozent“) oder Aussagen („Rauchen schadet
Ihrer Gesundheit“). Es ist eine große Stärke von beschreibungsbasierten Warnungen, dass
viele Menschen von einer Gefahr mit geringer Wahrscheinlichkeit – zum Beispiel den langfristigen Auswirkungen des Klimawandels – unterrichtet werden können, obgleich der Einzelne das Risiko möglicherweise nie erleben wird. Wir lernen aber nicht nur anhand von Beschreibungen. Wir sammeln auch permanent Erfahrungen, zum Beispiel wenn wir an einer
ungeschützten Stelle die Straße überqueren oder ein Medikament mit seltenen Nebenwirkungen regelmäßig einnehmen. Unsere Erfahrungen können dann in ähnlichen Situationen
zu unserem wichtigsten Ratgeber werden.
In meinem Team untersuchen wir die zugrundeliegenden Lern- und Entscheidungsprozesse
dieses Ratgeberprozesses. Interessant ist unter anderem die Frage, was passiert, wenn die
unmittelbare Erfahrung mit einem seltenen Risiko (meistens passiert nichts, wenn man ohne
Helm Rad fährt) und die von Experten ausgesprochene Warnung nicht die gleiche Sprache
sprechen. Die Vermittlung von eher unwahrscheinlichen Risiken mittels symbolischer Darstellungen kann dazu führen, dass sie überbewertet werden. Wird in Bezug auf seltene Risiken die eigene Erfahrung herangezogen, fällt die Einschätzung relativ angemessen aus –
insbesondere wenn die Erfahrungsstichprobe groß ist. Wenn es sich aber um Ereignisse
handelt, die so selten sind, dass sie selbst in einer großen Erfahrungsstichprobe nicht auftreten (zum Beispiel eine Weltwirtschaftskrise oder eine schwere Naturkatastrophe), neigt unsere begrenzte Erfahrung dazu, das Risiko zu gering zu gewichten. Wir untersuchen diese und
andere Unterschiede zwischen beschreibungs- und erfahrungsbasiertem Lernen. Ein weiterer Aspekt ist die Frage, wann und warum wir uns manchmal bewusst dafür entscheiden,
zugängliche Informationen nicht erlernen zu wollen (beispielsweise einen medizinischen Befund, den Inhalt der Stasiakte, das Geschlecht eines Jobkandidaten). Wir nennen dieses
Phänomen „Gewolltes Nichtwissen“ und untersuchen Gründe und Konsequenzen.
Boosting: Investitionen in die Kompetenz und Mündigkeit des Bürgers
Begrenzt rationale Entscheidungswerkzeuge ermöglichen vernünftige Entscheidungen. Das
bedeutet aber nicht, dass Menschen immer gute Entscheidungen treffen. Sie sind oft genussorientiert statt gesundheitsbewusst, denken kurzfristig statt langfristig. Manche möchten
das ändern, vor allem, wenn dieses Verhalten öffentliche Gelder kostet, die Gesundheit oder
die Umwelt schädigt. Psychologen und Verhaltensökonomen untersuchen die Möglichkeit,
das Verhalten der Bürgerinnen und Bürger in die gewünschte Richtung zu stupsen
Forschungsschwerpunkte – Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis 2017
Professor Ralph Hertwig
Januar 2017
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(„Nudging“). Allerdings kommt beim Nudging in meinen Augen das Bemühen zu kurz, Kompetenzen zu vermitteln, die es Menschen ermöglicht, selbstständige Entscheidungen zu treffen – ohne staatliche Bevormundung.
Mein dritter Arbeitsschwerpunkt beschäftigt sich mit einer Alternative zu Nudging. Wir nennen sie „Boosting“. Boosts sind evidenzinformierte Interventionen, die Entscheidungskompetenzen und Selbstkontrollmechanismen stärken sollen. Eine Kompetenz besteht zum Beispiel in Risikomündigkeit, das heißt, der Vermittlung der Fähigkeit, statistische Informationen
über Risiken und Unsicherheiten besser nutzen zu können. Eine andere Kompetenz besteht
darin, Eltern in die Lage zu versetzen, mit ihren Kindern langfristig gesundes Essverhalten
einzuüben. Kompetenz kann auch darin bestehen, Ärzten Methoden (etwa kollektive Intelligenz) an die Hand zu geben, mit denen die diagnostische Genauigkeit erhöht werden kann.
Dies sind einige der von uns untersuchten Boosts, die eins zum Ziel haben: selbstständiges
und gutes Entscheiden zu ermöglichen.
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Professor Ralph Hertwig
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