Die Zukunft des Essens

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future
Das Zukunftsmagazin der
Nr. 20 18. Dezember 2013
●
Die Zukunft
des Essens
Von der Kunst, richtig
über den Gaumen zu peilen
Das Ergebnis ist eine
Waffelmischung, die
ohne den Zusatz von
Zucker, gehärteten
Fetten und Konservierungsstoffen auskommt.
Rohstoffe und Produktion sind regional.
Foto: Waffelmax
Ein KMU aus dem Burgenland entwickelte mit der Versuchsanstalt für
Getreideverarbeitung eine innovative Waffelmischung, die ohne den Zusatz
von Zucker, gehärteten Fetten und Konservierungsstoffen auskommt. Rohstoffe
und Produktion sind regional. Das überzeugt den Gast und den Wirt. Hinter
dem Produkt stehen ein Jahr technische und chemische Analysen und Versuche.
D
ie österreichische Gastronomie folgt immer stärker dem Trend zu gesundheitsbewusster Ernährung und regionalen Lebensmitteln. Das erkannten
auch Astrid und Richard Aichholzer von der Firma
Waffelmax aus dem Südburgendland: „Die größte
Marktlücke besteht hier bei Desserts. Sie sollen einfach und schnell zuzubereiten sein und gleichzeitig
qualitativ hochwertig und aus regionalen Zutaten.
Der Gast will eine frische Nachspeise auf dem Teller
haben, die Küche ein sicheres Produkt anbieten und
effizient vorausplanen können. Waffeln sind dafür
gut geeignet, weil man die Toppings je nach Jahreszeit und Vorliebe variieren kann.“
Qualität bei Waffeln bedeutete für die Aichholzers:
kein Zusatz von Zucker, keine Geschmacksverstärker, keine gehärteten Fette, keine Konservierungsstoffe, österreichische Rohstoffe und Produktion,
Aromen und Backtriebmittel auf ein Minimum reduziert. Bei ersten Versuchen in ihrer Backstube stieß
Astrid Aichholzer bald an ihre Grenzen, denn bei
marktüblichen Waffelmischungen werden Zusatzstoffe verwendet, um die variierende Rohstoffqualität auszugleichen und eine leichte Verarbeitung zu
ermöglichen. Ein Partner aus der Forschung wurde
gefunden: Christian Kummer von der Versuchsanstalt für Getreideverarbeitung (vg), Mitglied der Austrian Cooperative Research (ACR).
„Wir erkannten, welchen Stellenwert unsere Forschungsarbeit für dieses kleine Unternehmen hat,
und entwickelten mit ihnen ein Produkt, das es so
am heimischen Markt noch nicht gab. Und das in
knapp einem Jahr mit geringen Kosten.“, so Kummer.
Im ersten Schritt ging es um die optimale Konsistenz. In technischen Analysen ermittelten Kummer
und sein Team die optimale Mehlbeschaffenheit (u.a.
Proteingehalt, Verkleisterungseigenschaften, Griffigkeit und Teilchenverteilung des Mehls) und die
ideale Zusammensetzung der verwendeten Zutaten.
Viele Versuche waren nötig, um die optimale Mischung aus verschiedenen Mehlen, Salz, Backtriebmittel etc. zu finden. Backzeit und Backtemperatur
wurden optimiert. Der Prozess dauerte ein halbes
Innovation auf der Speisekarte: Der ACR Kooperationspreis 2013 ging
an eine Produktentwicklung von Waffelmax und der Versuchsanstalt
für Getreideverarbeitung (vg).
Foto:Versuchsanstalt für Getreideverarbeitung
Innovation auf
der Speisekarte
Foto: ACR/Johannes Brunnbauer
ACR Kooperationspreis 2013
Jahr, dann war die optimale Konsistenz der Halbfertigmischung fertig und Getreidelieferant und Mühle
in der Region gefunden.
Im zweiten Schritt wurden auch die Kunden eingebunden, denn es ging um Geschmack und Geruch.
Hier war nicht nur der Duft der fertigen Waffel sondern besonders der appetitanregende Geruch während des Backprozesses wichtig. Die fertige Waffel
sollte außerdem eine leicht krosse Kruste und eine
goldgelbe Bräunung haben, ohne den Zusatz künstlicher Farbstoffe. Das dauerte weitere fünf Monate
und die vg setzte die gesamte Teigrheologie mit allen
Geräten und Instrumenten ein, von Extensogramm
über Luftstrahlsieb bis hin zu Glutograph, Farinograph, Ammylograph etc. Das Ergebnis ist für Unternehmen und Markt optimal.
Das Endprodukt ist eine innovative Habfertigmischung für eine Softwaffel, die Küche gibt nur noch
Wasser, Butter und Eier dazu, und alle Ansprüche
der Aichholzers an Qualität und Regionalität wurden
erfüllt. Gleichzeitig wurden, dank der Produktion in
der Region, die Logistikkosten und die CO2 Bilanz
optimiert. Alle bestehenden Kunden von Waffelmax
stiegen rasch auf das neue Produkt um und neue
Kunden konnten gewonnen werden. Waffelmax und
vg arbeiten gerade an der Entwicklung von drei weiteren Produkten.
Die gute Kooperation zwischen Forschungsinstitut
und Unternehmen und die ausgezeichnete Marktakzeptanz des Produkts überzeugte auch die Jury.
Ebenfalls entscheidend für die Auszeichnung: „Waffelmax konnte als sehr kleines Unternehmen direkt
und unkompliziert auf die volle Kompetenz der Forscherinnen und Forscher in der Versuchsanstalt für
Getreideverarbeitung zugreifen und so seine Ideen
im Markt zu vernünftigen Kosten umsetzen. Gerade
kleinere Unternehmen sind bei ihren Innovationen
auf Hilfe angewiesen und werden durch die F&EKooperation im Wettbewerb unterstützt: Hier sind
die ACR-Institute besonders leistungsfähig und ein
wichtiger Teil der österreichischen Innovationslandschaft.“, so Juryvorsitzender Rudolf Lichtmannegger
von der Wirtschaftskammer Österreich.
Bei Versuchen der vg wurden zum Beispiel Salzgehalt, PH-Wert und
Säuregrad ermittelt.
Der ACR Kooperationspreis
Der ACR Kooperationspreis 2013 ging an Innovationen in den Gebieten
Fahrzeugleichtbau, Holzbau und Lebensmittel: „Die drei Projekte, die wir
heuer auszeichnen, haben eines gemeinsam: Es handelt sich um sehr spezialisierte KMU, die einen konkreten Bedarf und eine klare Vorstellung
für eine Innovation in ihrem Unternehmen hatten. Damit wandten sie sich
an ein ACR-Institut, mit dem sie die Idee gezielt in die Praxis umsetzten.
Die Innovation bedeutet immens viel für das Unternehmen und sichert
seine Marktposition.“, kommentierte Martin Leitl, Präsident der ACR, die
Gewinnerprojekte.
Der ACR Kooperationspreis wurde – im Rahmen der ACR Enquete 2013 –
am 15. Oktober in der Sky Lounge der Wirtschaftskammer Österreich in
Wien verliehen. Zum achten Mal vergaben ACR und Wirtschaftsministerium diese Auszeichnung für ein Forschungsprojekt, das ein ACR-Institut
für ein österreichisches KMU realisiert hat.
Die Kooperationspartner
Waffelmax wurde 2007 von Astrid Aichholzer in Wörterberg im Bezirk
Güssing (Burgenland) gegründet. Das KMU vertreibt Waffelmischungen
und Waffeleisen. Umsatz, Mitarbeiter- und Kundenzahl steigen.
www.waffelmax.at
Die Versuchsanstalt für Getreideverarbeitung (vg) mit Sitz in Wien wurde
1952 als Sektion der Österreichischen Mühlenvereinigung gegründet und
ist spezialisiert auf Forschung, Entwicklung und Prüfung für Getreide,
Mehl, Brot und Gebäck.
www.vg.or.at
www.acr.ac.at
3
Inhalt
Editorial
Liebe Leserin, lieber Leser,
4
In Zukunft könnten wir das
'*
Wir sind, was wir essen
8
10
Die Zukunft der Ernährung::
Gib dem Essen
einen tiefen Sinn
Star-Köchin Sarah Wiener
über die Rolle des Genusses:
Genussvoll
nachhaltig speisen
„Fortschritt ist wichtig und aufregend, nur nicht beim Essen“, sagte
der Pop-Künstler Andy Warhol in den 1970er Jahren. Die Zukunftsströmungen unseres leiblichen Wohls sind so vielfältig, dass er zugleich
recht und unrecht hatte.
Forscher sehen einen immer engeren Zusammenhang zwischen
Ernährung und psychischer Gesundheit. Fast Food erhöht langfristig
das Risiko, an Depressionen zu erkranken, frisches Obst und Gemüse
klare Absage an Hamburger und Co. Der Grund, warum sich das Zeug
aber dennoch beinhart hält, ist der Preis. Forscher der Brown University in Providence haben nun sogar wissenschaftlich nachgewiesen, dass
fettig billiger ist. Ihre Auswertung von 27 Studien zeigt: Wer Fertigessen
und Tiefkühlpizza zu Gunsten von Obst, Gemüse und Fisch links liegen
lässt, zahlt pro Tag rund einen Euro drauf. Dafür erspart er sich wiederum industrielle Zusatzstoffe mit unbekannten Auswirkungen auf den
Körper. Lesen Sie mehr darüber auf den Seiten 4 bis 7.
Prognosen zufolge werden Konsumenten in Zukunft immer mehr Wert
legen auf die Herkunft der Lebensmittel, ihre Qualität, Zubereitung,
Vielfältigkeit und gesundheitsfördernde Wirkung. Wegen des besseren
Preis-Leistungsverhältnisses gehen immer mehr Menschen dafür zu
lokalen Produzenten oder zum Bauern statt in teurere Biomärkte.
Die Idee ist, wieder mehr selbst zu kochen und genussvoll nachhaltig
zu speisen, gibt die Star-Köchin Sarah Wiener im Interview zu verstehen. Was der Westen in Zukunft essen wird, ist auf den Seiten 8 bis 10
beschrieben.
In anderen Ländern stellt sich die Frage anders. Einer von acht Menschen hungert. Die UNO hat sich vor Jahren zum Ziel gesetzt, die Zahl
der Hungernden bis 2015 halbieren zu wollen. Sehr weit ist sie jedoch
noch nicht gekommen. Zwar wurde die Getreideproduktion in den
letzten 50 Jahren verdoppelt, doch Wetterextreme wie Dürren oder
Fluten lassen Fortschritte wie Sisyphusarbeit erscheinen. Gerade in
Ländern, in denen der Hunger am größten ist, verschärft ihn der Klimawandel noch weiter, analysieren wir auf den Seiten 12 und 13.
Insekten sind eine wertvolle Protein-Quelle – auch für Menschen.
den zu Mund nehmen. Wo es Schokolade-Ameisen und frittierte Heu!"
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Für Menschen mit traditionellerem Geschmack haben wir ein besonderes Rezept für eine Weihnachtsgans. Denn gewisse Werte bleiben ja
gleich: Speisen sollen gut schmecken, ein Gefühl von Genuss bereiten
und satt machen. Die Schöpfer dieses Weihnachtsmenüs betonen
allerdings, es sei deswegen so gut, weil es sich nach biochemischen und
physikalischen Prinzipien richtet. Wohl bekomm’s!
12
Fröhliche Weihnachten und ein
gutes Neues Jahr wünschen Ihnen
Eva Stanzl und das Future-Team
Nahrungsmittel werden kurzfristig
billiger – doch der Hunger bleibt:
Ernährungssicherheit –
ein Wunschtraum?
Impressum
future
14
Weltweit stehen über 1400
Insektenarten auf den Speiseplänen:
Käfer im Bauch
Pizza am Stiel ........................................................................... 11
Dürreresistenter Gentech-Reis .................................................. 11
Wissenschaftlich fundiertes Weihnachtsmenü ............................ 11
Telegramm ............................................................................... 16
erscheint als Verlagsbeilage
der Wiener Zeitung.
Medieneigentümer und Herausgeber:
Wiener Zeitung GmbH
Media Quarter Marx 3.3
Maria Jacobi-Gasse 1, 1030 Wien
Tel.: 01/20699-0
Geschäftsführung: Dr. Wolfgang Riedler
Marketingleitung: Wolfgang Renner, MSc.
Anzeigenleitung: Harald Wegscheidler
Redaktion: Eva Stanzl (Leitung), Cathren Landsgesell,
Helmut Ribarits
Artdirection: Richard Kienzl
Druck: Niederösterreichisches Pressehaus
Druck- und Verlagsgesellschaft mbH, Gutenbergstraße 12
A-3100 St. Pölten
Die Offenlegung gemäß § 25 MedienG ist unter
www.wienerzeitung.at/impressum ständig abrufbar.
4
Wendepunkt in der Ernährungsforschung: In Zukunft könnten
'
Wir sind, was wir essen
5
Was wir essen entscheidet nicht nur über die Figur, sondern
auch über den Gemütszustand. Wissenschafter sehen
einen immer engeren Zusammenhang zwischen der
Ernährung und der psychischen Gesundheit. Nun wollen sie
entschlüsseln, wie dieser Zusammenhang im Detail
funktioniert. Wenn dieses Forschungsvorhaben gelingt, könnte
man Depressionen, Alzheimer und Parkinson vermeiden.
Von Cathren Landsgesell
ir beginnen erst, die Wirkungspfade der Ernährung in Bezug auf neuronale und psychische
Erkrankungen zu verstehen“, sagt Felice Jacka. Die Epidemiologin aus Melbourne erforscht die Entstehung von
Depression und Angst. Der Nachweis eines kausalen
Zusammenhangs mit der Ernährung gelang ihr erstmals
2012 durch die Analyse einer Gruppe von australischen
Jugendlichen. „Man erkrankt aufgrund der schlechten Ernährung und umgekehrt verbessert sich der psychische
Zustand, wenn die Ernährung besser wird“, sagte sie damals beim Abschluss der Studien zu „Future“. Nun beschäftigt sich die Forscherin mit den Auswirkungen des
Essens in der Schwangerschaft und Stillzeit auf die geistige Entwicklung des Kindes. Ihre Arbeit steht für eine
Wende in der Ernährungsforschung.
„W
Bisher hatten sich die Wissenschafter in erster Linie auf
einzelne Inhaltsstoffe konzentriert, wie die Wirkung von
Vitaminen oder von bestimmten Fettsäuren. Etwa hat
Nobelpreisträger Linus Pauling eine Krebstherapie entwickelt, die auf der Gabe von hoch dosiertem Vitamin C
beruht. Andere Forscher konnten zeigen, dass Omega3-Fettsäuren eine wichtige Rolle zur Vorbeugung von Demenzerkrankungen spielen.
Lebensstile unter der Lupe
Fotos: Reuters
Nun entwickelt sich ein ganzheitlicher Ansatz: Forscher
nehmen zunehmend Ernährungsmuster und Lebensstile
in den Blick. Anhand echter Lebensmittel untersuchen
sie die Wirkung von Ernährung auf bestimmte Bevölkerungsgruppen. Der Wirkungszusammenhang, der sich
herauskristallisiert, ist weniger trivial, als er vielleicht
auf den ersten Blick aussehen mag. Vollkornprodukte,
viel Gemüse und Obst senken die Wahrscheinlichkeit,
depressiv, dement, krebs- oder herzkrank zu werden,
während Weißmehl, viel Zucker, gehärtete Fette – kurz,
Es ist simpel:
Die Mahlzeit auf dem großen Bild wird
Sie depressiv machen. Schon kleine Dosen
reichen, um das Risiko um 51 Prozent zu
erhöhen. Die Mahlzeit auf dem kleinen
Bild hingegen wird sie glücklich machen.
Warum das so ist, beginnen Wissenschafter
allmählich zu ergründen.
6
„Von Geschmacksillusionen
kann man nicht leben“
Hans-Ulrich Grimm nennt sich „Experte für schlechtes Essen“.
Mit „Future“ sprach der Autor über die Wirkung von Zusatzstoffen in Lebensmitteln.
Die Konzerne bestimmen, was ins Essen kommt.
Interview: Cathren Landsgesell
Future: Woran forscht die Lebensmittelindustrie gerade,
in welche Richtung geht es?
Hans-Ulrich Grimm: Die Lebensmittelindustrie ist gerade auf
die Bakterien gekommen. Sie spielen eine prominente Rolle bei der
Erzeugung von Zusatzstoffen für den Geschmack. Ein weiteres, un@"
X
Nutzung von Abfällen jeder Art. Das läuft sogar unter dem Stichwort „Nachhaltigkeit“. Klassiker sind die Erzeugung von Erdbeergeschmack aus Sägespänen, oder die Nutzung von Nebenprodukten,
wie Molke oder Sojaprotein. Die Geschmackstechnologie macht
generell gerade riesige Sprünge: Jetzt nutzt man die Genetik, um
den Geschmack auf dem Weg von der Zunge zum Gehirn zu manipulieren.
die Konzerne, immer noch billigere Rohstoffe zu suchen und einzusetzen. Für den Verbraucher ist das undurchschaubar, und selbst
die Lebensmittel-Kontrollbehörden wissen oft nicht mehr, was in
den Lebensmitteln drin ist. Die Konzerne bestimmen, was ins Essen
kommt.
Wie konnte es zu einem derartigen Kontrollverlust kommen?
Durch die Zusammenarbeit mit der Industrie. Zum Beispiel werden
die Länderdelegationen für den „Codex Alimentarius“, die Weltregierung in Sachen Lebensmittel, regelmäßig durch Industrievertreter
besetzt, die dann gemeinsam mit den Regierungsvertretern an den
Sitzungen teilnehmen. Der Codex ist eine von der UNO und der
WHO eingesetzte Einrichtung, die im Konsens entscheidet, welche
Zusätze zulässig sind und welche nicht. In der österreichischen Delegation sitzt immer ein Vertreter von Red Bull, in der Schweizer
Delegation ein Vertreter von Nestlé und in Deutschland ein Vertreter von Südzucker. Es geht um Dinge, die uns alle betreffen, aber
wenn es um Lebensmittel geht, hat die Demokratie Pause.
Heißt das, der Geschmack wird nicht mit natürlichen oder
künstlichen Substanzen erzeugt, sondern mit Hilfe von
Zusätzen, die erst auf dem Signalweg zum Gehirn wirksam
werden?
Genau. Große Biotechnologie-Unternehmen wie Senomyx, die für
Nestlé, Kraft, Pepsi oder Coca Cola forschen, haben sich Signalpfade
patentieren lassen, die von den Geschmacksrezeptoren auf der Zunge über die Gene, die das Ganze codieren, bis ins Gehirn reichen,
wo die eigentliche Geschmacksensation entsteht. Wir wissen noch
relativ wenig über die Rolle des Geschmacks, aber es scheint so zu
sein, dass er vor giftigen Substanzen warnt und auf wertvolle Inhaltsstoffe hinweist. Jeder hat einen individuellen Geschmack, der auf die
Konstitution des Körpers abgestimmt ist und seine aktuellen Bedürfnisse. Die Regeneration des Körpers kann durch den Geschmack
gesteuert werden, weil wir so eher zu Lebensmitteln greifen, deren
Inhaltsstoffe wir brauchen. Das Problem ist nun: Sie schmecken etwas, aber das, was Sie als Geschmack wahrnehmen, ist nicht das,
was im Essen drin ist. Der Körper bekommt nicht die Stoffe, die er
braucht. Dabei ist Geschmack eine so wichtige Information für den
Körper, dass sogar im Darm noch Geschmacksrezeptoren sind. Sie
teilen dem Darm mit, was zu verarbeiten ist und was nicht in den
Blutkreislauf darf. Wird der Geschmack gestört, kann das auch zur
Aufnahme von Substanzen führen, die eigentlich schädlich sind.
Die Lebensmittelkonzerne werden aber wohl kaum absichtlich schädliche Substanzen ins Essen mischen.
Das ist richtig. Nur: Die Menge macht das Gift. Niemand weiß, wie
viele Zusatzstoffe wir zu uns nehmen. Eigentlich müsste es laut EUVerordnung bereits seit 1995 in jedem Mitgliedsland ein Monitoring
dafür geben. Das heißt: Vor fast 20 Jahren ließ man Zusätze mit der
Maßgabe zu, sie zu überwachen, aber die Überwachung passiert
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bis zum Zwölffachen der Menge, die als unbedenklich gilt. Es geht
nicht um akute Erkrankungen, sondern um chronische Zustände und
langfristige Wirkungen wie neurologische Erkrankungen, Übergewicht und Diabetes. Da ist die Kontrolle nicht auf der Höhe der Zeit.
Wenn die Kontrollstellen von der Industrie besetzt sind, ist
dann die Forschung zumindest unabhängig?
@ X
" stark in der Tierfutterindustrie. Es ist schon bedenklich: Da zahlt
der Steuerzahler für Universitäten und dann muss sich der Forscher
in den Dienst der Industrie stellen, weil das Geld nicht reicht und
er Drittmittel einwerben muss. Die Freiheit der Wissenschaft war
noch nie so gefährdet wie heute. ■
Wir verlieren also immer mehr die Kontrolle über das, was
wir essen?
Ja, genau so ist es. Und wir reden hier nicht von einer Marginalie,
sondern von einer dominanten Strömung.
Die Lebensmittelindustrie aber scheinbar schon. Sind die
Kosten der alleinige Treiber dieser Entwicklung?
Ja, so ist das im Kapitalismus; man muss mit wenig Einsatz möglichst
viel herausholen. Das gilt zumindest für die großen Konzerne. Unternehmen wie Coca-Cola oder Nestlé müssen jedes Quartal eine
Bilanz legen. Der ökonomische Druck ist enorm hoch und drängt
Zur Person:
Foto: Tech Gate Vienna
Aber Bakterien können nicht so schlimm sein, oder?
Bakterien können auch gut sein, aber ich weiß nicht, ob Sie wirklich
anstelle einer echten Vanille eine von Bakterien erzeugte Simulation des Geschmacks essen wollen, die keinerlei Brauchbares für
den Körper hat. Schon im 19. Jahrhundert hat man aus Birkenrinde Vanillin, einen künstlichen „Vanille“-Geschmack, erzeugt, in den
1980er Jahren hat man das Abwasser einer kanadischen Papierfabrik
genommen und heute sind es unter anderem die PseudomonasBakterien. Bakterien haben den Vorteil, dass man durch sie erzeugte
Aromen als „natürlich“ bezeichnen darf. Auf der Verpackung lesen
Sie dann: natürliches Vanillearoma. Es geht dabei aber nur um die
Illusion von Geschmack. Davon kann der Körper nicht leben.
Hans-Ulrich Grimm,
geboren 1955 im Allgäu, ist
ein deutscher Autor und
Journalist. Der ehemalige
„Spiegel“-Redakteur ist für
seine Studien über industriell
gefertigte Lebensmittel und
die beschönigenden, bisweilen verschleiernden Taktiken
ihres Marketings bekannt
geworden. Er hat zahlreiche
Bestseller zum Thema
Lebensmittelzusatzstoffe
und Lebensmittelindustrie
geschrieben und arbeitet
aktuell an einem Buch über Milch, Käse und Fleisch aus Massentierhaltung. Im Rahmen von „Talk Gate“, eine Veranstaltungsreihe zu
Forschung und Innovation im Tech Gate Wien, hielt Grimm einen
Vortrag rund um das Thema „Wie viel Technologie verträgt unser
Bauch?“ Die Veranstaltung ist unter http://www.streams.h82.eu/tech
gate/?modid=18&a=show&pid=225 zum Nachhören zu alles, was vor allem in industriell verarbeiteten Le + kant erhöhen.
Wer sich hauptsächlich schlecht ernährt, wird seelisch und körperlich krank. Aber wie wirkt die Ernährung genau? Arthur Westover und Lauren Marangell,
Psychiater aus Texas, kamen 2002 auf die Idee, den
Pro-Kopf-Zuckerkonsum in sechs Industrieländern
mit der Verbreitung von Depression zu korrelieren.
' ; <sammenhang. Die Psychiater schrieben damals: „Ein
statistischer Zusammenhang ist noch keine kausale
Herleitung, aber man sollte einige Mechanismen näher untersuchen, die im Zusammenhang mit dem
Konsum von Zucker stehen.“ Namentlich nannten
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Zucker und die Erhöhung von oxidativem Stress in
den Körperzellen.
ie Erforschung einzelner Mikronährstoffe, etwa
von Fettsäuren wie Omega-3, oder die Untersuchung von bestimmten Vitaminen, insbesondere jenen der B-Gruppe, konnte nachfolgend zwar
mögliche Wirkungsmechanismen für die Entstehung
von Depressionen ausmachen, aber die Ergebnisse
blieben zunächst uneindeutig. So konnte eine Forschungsgruppe um Almudena Sanchez-Villegas von
der Universität Las Palmas auf Gran Canaria 2008
zwar zeigen, dass eine Ernährung mit vielen Omega3-Fettsäuren, zum Beispiel aus Fisch, „potenziell positive Effekte auf die neuronale Gesundheit“ hat. Einen
linearen Zusammenhang aber vermochten sie damals
nicht zu etablieren.
D
Fast Food macht depressiv
Vier Jahre später gelang ein Durchbruch. Sanchez-Villegas und ihre Kollegen betrachteten die Ernährungsstile von insgesamt 12.059 Studienteilnehmern und
stellten fest: Es besteht eine Verbindung zwischen der
Menge an Pommes und Burgern und der Entwicklung
von Depression. Je mehr Fast Food, desto depressiver: Wer Fast Food isst, erhöht seine Chancen auf
eine Depression um satte 51 Prozent.
Wissenschaftlich gesehen scheint es nämlich so zu
sein, dass das Fast Food dem Gemüt quasi noch
den letzten Rest gibt, denn die Studienteilnehmer
mit dem höchsten Konsum waren auch diejenigen,
die am wenigsten Sport betrieben und jede Woche
mehr als 45 Stunden arbeiteten – somit also ohnehin einen erhöhten Stresslevel hatten. Die spanische
Forschungsarbeit bestätigt damit den Verdacht, den
die beiden texanischen Psychiater in Bezug auf den
Zucker hatten: Schlechtes Essen stresst Körper und
Seele. Hinzu kommt, dass der Mechanismus derselbe
zu sein scheint wie jener, der Zucker und gesättigte
Fette mit Herz- Kreislauferkrankungen verbindet: ein
irritiertes Immunsystem, das überall im Körper, auch
im Gehirn, chronische Entzündungsprozesse in Gang
setzt. Entzündliche Zustände der Körperzellen sind
typisch bei Herz-Kreislauferkrankungen und bei Depression.
ntzündungen können die gesamte Kommunikation
im Körper durcheinanderbringen. Sie sind eigentlich eine Strategie der Immunabwehr des Körpers,
wie etwa bei Fieber der Fall ist. Die entzündliche Immunabwehr ist ein komplexer Stoffwechselprozess,
der über verschiedene Wege die Hormone und Bo""
"
Erinnerungsvermögen wichtig sind. Wie aber schafft
es ein simpler Burger, chronische Entzündungszustände auszulösen? Sanchez-Villegas und ihre Kollegen
vermuten, dass die gesättigten Fettsäuren und die
Transfette den Weg über das Cholesterin und die sich
langsam aufbauende Insulinresistenz (im Endstadium
Diabetes) nehmen. Ein erhöhter LDL-CholesterinSpiegel und das freie Insulin in den Körperzellen stören die Signalübertragung in allen Körperzellen. Das
bedeutet: Das Erinnerungs- und Lernvermögen leidet,
die Stimmung sinkt, wir sind schlapp und unmotiviert.
Essen wird zur Dauerbeschäftigung, weil wir auch
nicht mehr wissen, wann wir satt sind.
E
Obst und Fisch machen froh
Heißt dies umgekehrt, dass eine gesunde Ernährung
auch gesund macht? Es scheint so zu sein. Eine Metaanalyse von Wissenschaftern der Universität Florenz
brachte 2008 zutage, dass eine sogenannte „mediterrane Diät“ mit viel frischem Gemüse, Obst, Fisch und
Olivenöl, aber sehr wenig Fleisch und Käse das Risiko
von Alzheimer und Parkinson senkt. Und eine Studie
7
er Bestsellerautor Hans-Ulrich Grimm (siehe Interview) weist ebenfalls auf die Notwendigkeit hin, das Zusammen- und Wechselspiel von
Nährstoffen verstärkt in Betracht zu ziehen. Allerdings aus anderen Gründen: Es sind die Zusatzstoffe
in stark verarbeiteten Lebensmitteln wie Fertigpizza
und Fertig-Erdäpfelpüree, die ihm Sorgen bereiten.
Bei einem Vortrag im Tech Gate Anfang Dezember in
Wien wies er auf die exorbitante Zahl von 2500 zugelassenen Lebensmittelzusatzstoffen hin, darunter
D
Aromen, Emulgatoren und Geschmacksverstärker.
Über die Wechselwirkung dieser Stoffe und – noch
wichtiger – über die Menge, die wir davon zu uns
nehmen, wissen wir nämlich so gut wie nichts.
seelischen Erkrankungen wie zum Beispiel Formen
der Depression und Ängstlichkeit.
Langzeitwirkungen von Zusatzoffen
europhysiologische Studien einer Forschungsgruppe um Corina O. Bondi von der Universität
Pittsburgh sind besonders alarmierend: An Ratten
konnten die Forscher zeigen, dass die frühe Jugend
eine sehr kritische Phase der Gehirnentwicklung darstellt. Ist die Versorgung mit mehrfach ungesättigten
Fettsäuren (wie Omega-3 und Omega-6) in dieser
Phase unzureichend, werden die Bereiche des Gehirns, die auf den Neurotransmitter Dopamin (das
„Belohnungshormon“) reagieren, gestört. Affekt- und
Aufmerksamkeitsstörungen, Schizophrenie und Stoffwechselstörungen können die Folge sein. Die Tragik
daran: Der Mangel an mehrfach ungesättigten Fettsäuren kann von einer Generation an die nächste weitergegeben werden, da der Mensch ja auch über körpereigene Reserven verfügt oder vielmehr verfügen sollte.
Während Epidemiologen in aufwendigen Langzeitstudien versuchen, die Zusammenhänge zwischen
Ernährung und Gesundheit zu belegen, sind die Langzeitwirkungen von Zusatzoffen noch kaum erforscht.
Zudem kommen täglich neue hinzu. Die Kontrolle
darüber fehlt weitgehend, wie Grimm erklärt, weil
Industrie und Lebensmittelkontroll-Behörden oft
personell verbündet sind. Angesichts der Verbreitung
von Fast Food und stark verarbeiteten Lebensmitteln ist Kontrolle aber eine dringliche Frage für das
Wohlergehen der Bevölkerung und der kommenden
Generationen: Wie Felice Jacka festgestellt hat, entwickeln Kinder von Müttern, die sich in der Schwangerschaft und nach der Geburt ungesund ernährt
hatten – also mit den üblichen Verdächtigen wie gesättigte Fette, viel Zucker, Weißmehl, viele Fertiglebensmittel –, bis zum Alter von fünf Jahren bereits
eine Reihe von mentalen Entwicklungsstörungen und
Die medizinische Forschung und die staatlichen Gesundheitsbehörden setzen große Hoffnungen auf
das „Ernährungsparadigma“: Wenn es stimmt, dass
zahllose körperliche und seelische Erkrankungen wie
Krebs, Diabetes, Demenz oder Depressionen ernährungsbedingt sind, können sie durch eine veränderte
Ernährung geheilt werden. Ob sie dabei auf die Unterstützung durch die Lebensmittelindustrie hoffen
können, ist offen. Bei der erwähnten Veranstaltung im
Tech Gate mit dem sinnigen Titel „Wie viel Technologie verträgt unser Bauch?“ empfahl der Vertreter
des Pressesprecher der Lebensmittelindustrie Oskar Wawschinek den Konsumenten, aufmerksam die
Verpackungen zu studieren. Um sich Wirkung der
Inhaltsstoffe aber wenigstens ausmalen zu können,
müsste man denn wohl aber auch das Fachvokabular
recht genau kennen. ■
Zusatzstoffe können die Körperchemie durcheinanderbringen. Vom Geschmacksverstärker Glutamat,
der auch in Hefeextrakt enthalten ist, weiß man zum
Beispiel, dass er den Leptinspiegel senkt. Dieser teilt
dem Gehirn normalerweise mit, wann wir satt sind.
Ist er künstlich gesenkt, tritt das Sättigungsgefühl viel
zu spät oder gar nicht ein. Der Insulinspiegel steigt
und damit gerät die ganze Entzündungskaskade in
Gang, die von Fast Food bekannt ist. Als Neurotransmitter kann das Glutamat auch direkt in den Stoffwechsel der Gehirnzellen eingreifen.
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Gestalten Sie die
Zukunft des Essens!
Die Lebensmittelsicherheit ist zwar hoch, in der öffentlichen Wahrnehmung wird aber nicht unterschieden,
ob ein tatsächliches Risiko besteht – Skandal bleibt
Skandal. Ein vermeintliches Risiko wird genauso bedrohlich empfunden wie ein reales. Neue Technologien und Entwicklungen auf dem Lebensmittelsektor
- Schlagwort „Schummelschinken“, „Analogkäse“, „Klebefleisch“ oder „Sauerstofffleisch“ – wecken Ängste
vor unbekannten Gefahren. Diese Gefahren existieren
zwar nicht – Schummelschinken und Analogkäse sind
nicht gesundheitsschädlich –, allerdings erfüllen derartige Erzeugnisse häufig auch nicht die Erwartungen der
VerbraucherInnen.
Die AGES sorgt für einen sicheren Lebensmittelkreislauf
„vom Acker bis zum Teller“, effizienten Seuchenschutz
für Mensch, Tier und Pflanze, sowie für wirksame und sichere Medikamente. Das Leistungsspektrum der AGES
umfasst insbesondere Analyse, Begutachtung, Überwachung, Zertifizierung und Zulassung. Um ein Höchstmaß
an Gesundheit, Ernährungssicherheit und VerbraucherInnenschutz im Wirkungskreis der AGES zu gewährleisten, gehen wir nach den Grundsätzen der Risikoanalyse
vor: Wir bewerten Risiken, betreiben Risikokommunikation, geben Risikomanagement-Empfehlungen ab und
betreiben Risikomanagement im behördlichen Bereich.
Informationsarbeit ist ein wichtiges Aufgabengebiet der
Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH, kurz AGES, und wird es auch in
Zukunft sein. Mit dem Forschungsprojekt „Future Foods
4 Men and Women“ wollen wir Sie einladen, die Zukunft
des Essens mitzugestalten.
Future Foods 4 Men & Women
Im Rahmen des Forschungsprojekts „Future Foods 4
Men & Women“ sollen Erwartungen und Meinungen zu
Produkten, Lebensmittelsicherheit und gesunder Ernährung ergründet werden.
Ihre Meinung zählt
Haben Sie Lust, die Zukunft unserer Ernährung und
Lebensmittelsicherheit aktiv mitzugestalten? Wenn Sie
sind zwischen 20 und 60 Jahren alt sind, dann suchen
wir Sie!
Details zum Projekt:
Sie beantworten einen Fragebogen und nehmen an zwei
Workshops teil (jeweils 1 Tag). Die Workshops werden
in Wien, Linz, Graz und Innsbruck abgehalten. Der erste
Workshop findet im Zeitraum von April bis Juli 2014
statt. Dabei geht es um eine erste Sammlung Ihrer Erwartungen und Meinungen zu den Themen gesunde
Ernährung und Lebensmittelsicherheit. In einem zweiten
Workshop, der im Zeitraum von Jänner bis Juni 2015
geplant ist, haben Sie die Möglichkeit, Ihre Empfehlungen für Produktinnovationen und Dienstleistungen zu
konkretisieren.
Foto: Fotolia
aus 2009 des University College in London konnte
zeigen, dass eine vollwertige Ernährung vor Depressionen schützen kann. Dazu waren der Gesundheitszustand und der Ernährungsstil von 3486 Briten
mittleren Alters über einen Zeitraum von neun Jahren mehrmals gemessen und analysiert worden. Die
Autoren führen den antidepressiven Effekt gesunden
Essens auf das Zusammenspiel vieler Inhaltsstoffe
zurück, darunter der hohe Anteil an Antioxidantien
wie Vitamin A und C und Folsäure in Gemüse, von
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sowie von Ballast- und Mineralstoffen in Vollkornprodukten. Diese Erkenntnisse wurden heuer durch
eine Studie aus Finnland bestätigt: Anu Ruusen von
der University of Eastern Finland in Kuopio stellte
einer gesunden Ernährung (Vollkorn, Gemüse, Obst,
Fisch) eine ungesunde Ernährung (Fleisch, Wurst,
Frittiertes, stark verarbeitete Lebensmittel, viel Zucker und Weißmehl) gegenüber und kam 2013 zu
ähnlichen Ergebnissen: Wer sich insgesamt gesund
ernährt, ist weniger depressiv. Zudem scheinen isolierte Nährstoffe lange nicht so wirksam zu sein wie
angenommen: Die Gabe von Vitamin B12 beispielsweise oder von Omega-3-Fettsäuren allein reicht für
eine bessere seelische und körperliche Gesundheit
nicht aus, legt Ruusen dar.
Foto: Sarah Wiener/ Inga Paas
8
Die Zukunft der Ernährung:
Gib dem Essen
einen tiefen Sinn
Was werden wir in Zukunft essen? Vordenker der Ernährungsbranche sehen sechs Trends:
Wichtig werden Herkunft, Qualität, Sinnlichkeit der Zubereitung, Preis-Leistungsverhältnis,
Vielfältigkeit und die gesundheitsfördernde Wirkung von Lebensmitteln sein. Groß darüber
steht Genuss. Denn nur Essen, das uns schmeckt, kann gesund sein, und nur was schmeckt
bringt Qualität ins Leben. Von Eva Stanzl
elene Ziniels Stand ist jeden Abend ausverkauft. Auf
dem Wiener Naschmarkt bietet sie gelbe, rote und
schwarze Rüben, orangefarbene und violette Karotten,
Tomaten und Paprika in allen Formen und Farben, Kräuter,
Zwiebel, Kürbisse und Salate – je nach Saison. Ganzjährig
gibt es alle Arten von Zwiebeln und „Grumpln“ – so werden im burgenländischen Seewinkel die Erdäpfel genannt.
Dort ist Helene Ziniel eine der wenigen Kleinbäuerinnen,
die mit ihrem Mann Gerhard und ihrer Familie von der
Landwirtschaft lebt. „Zuallererst schaue ich, was die Leute wollen. Die Frische ist mir ganz wichtig. Ich ernte nie
mehr, als ich denke, dass ich am nächsten Tag verkaufen
kann“, erklärt sie. Aus gutem Grund: „Essen soll uns Energie geben. Das geht am besten, wenn sich der Kreis bei
mir öffnet und schließt. Wir ernten am Vorabend und ich
bleibe so lange am Markt, bis ich 20 Kisten Salat, 20 Zeller und fünf Kisten Karotten verkauft habe. Nichts wird
zwischengelagert oder gekühlt, denn das nimmt Vitamine
und Geschmack.“ Damit ihr Gemüse den Endverbraucher
frisch erreicht, muss Helene Ziniel den Ablauf penibel koordinieren. Im Organisieren ist die Bauerstochter ein Pro*=~;
Landwirtschaft nach eigenen Vorstellungen zu gründen,
"|=^"
17 Hektar Land Gemüse an ohne chemische Dünge- oder
Spritzmittel. Denn „es muss gut schmecken.“
H
hr Gemüse schmeckt sogar so gut, dass sie zusätzlich
zum Marktstand einen Bauernladen eröffnet hat, weil
mittlerweile das ganze Grätzel bei ihr einkauft. In einer
Kooperative mit anderen Bauern verkauft sie im fünften
Wiener Gemeindebezirk neben Gemüse und Nudeln
nun Speck, Butter, Käse, Brot, Eier, Eingekochtes, Honig, Essig, Öl, Säfte und Wein. Alleinerziehende Mütter,
die von zwei Jobs leben müssen, kommen genauso wie
Anwaltsehepaare. Arbeiter kommen ebenso wie Akademiker und andere Bauern genauso wie Schauspieler,
Künstler, Politiker und Manager, während die Wiener
Spitzengastronomie ihre Bestellungen telefonisch durchgibt. „Wir produzieren für die Leute daheim, die für sich
kochen, aber auch für das Steirereck“, sagt Ziniel. Die
Preise sind für alle gleich. „Ich will nicht teurer werden,
nur weil ich weiß, dass mein Zulauf steigt und Bio-Ketten
um mindestens ein Drittel mehr verlangen. Das wäre ein
Ausnutzen der Situation am Markt und es ist in meinem
Bereich nicht richtig,Angebot und Nachfrage streng über
den Preis zu regulieren“, sagt sie. Und: „Der Bauer als
Produzent von Lebensmitteln war schon vor 200 Jah
€;+
Menschen, die nicht die Möglichkeit haben, eine Menge
Geld dafür zu bezahlen. Warum soll jemand dazu verurteilt sein, beim Diskonter zu kaufen, nur weil sonst das
Haushaltsbudget zu knapp wird?“
I
Trend 1:
Qualität soll leistbar sein
Der Querschnitt von Helene Ziniels Stammkunden steht
für den Hunger nach hochwertigem Essen zu erschwinglichen Preisen, der sich durch alle Gesellschaftsschichten
zieht. Hintergrund ist das komplexe Netzwerk aus Kapazitäten in Anbau, Lagerung,Transport,Verarbeitung, Herstellung und Marketing, das in der Nahrungsmittelindustrie
den Verkauf stark von verarbeiteten Lebensmitteln zu
maximalen Margen für die Industrie begünstigt. Das hat
unter anderem zur Folge, dass wir im Supermarkt immer
mehr für die gleiche Menge bezahlen müssen, ohne dass
die Qualität merklich steigt. Parallel dazu gibt es BioKetten, die Gütesiegel verteilen und von den Herstellern
Abgaben für den Vertrieb verlangen, was Bio-Lebensmittel
egal welcher Sorte stark verteuert. „Man kann doch nicht
6,80 Euro für ein Kilo Ochsenherz-Tomaten bezahlen –
das sind ja fast 100 Schilling“, rechnet Ziniel vor: „Bei mir
soll jeder einkaufen können.“
Dass die Bäuerin vom Seewinkel mit ihrer Linie ins Herz
der Dinge trifft, zeigt einerseits die Tatsache, dass sie heuer schon im September und nicht wie in den Vorjahren
erst im November die gesamte Ernte verkauft hatte. Weiters ergibt eine Umfrage der Key Quest Marktforschung,
9
dass in Österreich die Bedeutung des Etiketts „Bio“
deutlich verloren hat. 2006 galten Bioprodukte noch
als Produkte der Zukunft, seit 2010 setzen die Österreicher aber lieber auf Produkte aus der Region.
Doch im Unterschied zu unseren Urgroßeltern sind
die Menschen heute wählerisch. „Wir sind eine FiletGesellschaft“, hält Rützler fest: Während früher alle
Teile eines Tiers inklusive Innereien liebevoll zubereitet wurden, nimmt man heute nur die besten Stücke.
„Das ist traurig, es fehlt an Wertschätzung dem Tier
gegenüber. Wir sollten uns rasch überlegen, wie wir
Tiere bewusst verwerten, anstatt von ihm und allen
Lebensmitteln ein Drittel wegzuschmeißen.“
Trend 2:
Gesundes Essen wird sexy
In der gleichen Umfrage geben die Österreicher an,
dass sie am liebsten Spaghetti und Pasta (37 Prozent),
gefolgt von Schnitzel (25 Prozent), Pizza (23 Prozent),
Salat (18 Prozent) und Hühnergerichten (17 Prozent)
essen.Vor allem ältere Menschen mögen traditionelle
Gerichte wie Schweinsbraten, Schnitzel und Torten
am liebsten, während die Jüngeren Nudeln und Pizza den Vorzug geben. Ernährungsforscher erwarten
jedoch, dass eine Trendwende Platz greifen wird und
die Österreicher gesünder essen werden. Oder, wie
die in Bregenz geborene Ernährungsexpertin Hanni
Rützler in ihrem „Food Report 2014“ verdeutlicht:
„Gesundes Essen wird sexy“.
Hintergrund sind nicht nur Lebensmittelskandale
= ~ dern auch ein wachsendes Bewusstsein zu den Auswirkungen von Pestiziden und chemischen Zusätzen.
Konsumenten wollen immer genauer wissen, was im
Essen drin ist, um so weit wie möglich sicherzugehen,
dass es ihnen auch gut tun kann. Dahinter steht immer weniger ein Schlankheitswahn oder eine Selbstkasteiung durch Essverbote, sondern immer mehr
das Bewusstsein, dass die falsche Ernährung eine
Reihe von Zivilisationskrankheiten auslösen kann, wie
der Bericht zu verstehen gibt.
Trend 5:
Foto: bz
Urban Gardening statt Schrebergarten
„Essen soll uns Energie geben. Das geht am besten, wenn sich der Kreis bei
mir öffnet und schließt“, sagt die Bäuerin Helene Ziniel.
Trend 3:
Genuss ist Lebensqualität
Trend 6:
„Während Gesundheit in der Ära des Korrektivgeschmacks obsessiv und oft auf Kosten der Freude am
Essen thematisiert wurde, steht sie heute, im Zeitalter des Qualitätsgeschmacks, gleichberechtigt neben
Genuss und Lebensfreude. Die Überzeugung, dass nur
das Essen, das uns schmeckt, auch gesund sein kann,
setzt sich durch“, ist in dem Bericht zu lesen. Rützler
selbst formuliert es etwas direkter: „Gutes Essen entspannt, es ist ein Stück Lebensqualität. Tagelang nicht
zu essen, was einem schmeckt, macht dagegen nicht
satt, sondern es stresst. Sich Esspausen zu nehmen
für etwas Gutes lohnt sich qualitativ.“ Genuss ist Lebensqualität und was zählt, ist, was man isst, und nicht,
was man vermeidet. Experten von Rützler über Ziniel
bis zur Star-Köchin Sarah Wiener (siehe Interview
Seite 10) verweisen darauf, dass wieder mehr Geschäfte eröffnet werden, die einst von großen Ketten
verdrängt wurden, weil der Bedarf geblieben ist: Bäcker, die selbst backen, Läden mit Greisler-Sortiment,
Stände mit alten Sorten am Grünmarkt. Jeder will gut
essen, Essen ist kommunikativ und es verbindet.
Trend 4:
Köche als mächtige Meinungsbildner
1964 verzehrten zehn Prozent der Österreicher ihr
Essen in Restaurants. 2010 waren es schon 31 Prozent, die einen immer höheren Anteil ihres Haushaltsbudgets für die Gastronomie ausgaben, was sich auch
in einer steigenden Anzahl von Lokalen niederschlägt.
An sich könnten alle Städter, die das wollen, in der
Bundeshauptstadt jeden Abend in immer neuen Restaurationen speisen, denn mit den Ansprüchen der
Gäste steigt die Kreativität der Konzepte. Von Imbissen, in denen nun die arabische Küche immer mehr
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bis hin zu Pop-Up-Restaurants, für die Gastronomen
vorübergehend leere Lokale mieten, um sie als Bistros mit wechselnder Karte zu betreiben. Auf der
anderen Seite des Preis-Spektrums stehen Lokale, in
denen jede Woche ein anderer Spitzenkoch Gaumenfreuden bereitet, oder solche mit gleich mehreren
Sternen.
Fotos: Corbis (8), apa
Pragmatische Pazifisten
Und dennoch wird das Essverhalten auch zunehmend
von der Vernunft gesteuert. Nicht Genussorgien sind
das Gebot der Stunde, sondern bewusster Genuss.
Rützler, die nahezu alle Geschmäcker kennt, machte
heuer eine interessante Erfahrung: Sie war der erste
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gekostet hat. „Das war eine spannende Sache, er war
besser als erwartet“, sagte sie kurz danach zum deutschen Radiosender „DRadio Wissen“: „Man gewann
Zellen vom lebenden Rind, ließ sie im Labor wachsen
und bekam eine fettfreie Masse. Der Burger war zwar
nicht die kulinarische Eröffnung, aber durchaus essbar. Und wenn wir uns die Welternährungssituation
anschauen, müssen wir offen sein für neue Konzepte,
denn wir haben zu wenig Ressourcen, als dass wir
täglich Fleisch essen könnten.“
Die gesunde Mischung zwischen Gemüse, Fisch und
Fleisch spiegelt den Trend zur bewussten Ernährung.
„Gutes Essen entspannt, es ist ein Stück Lebensqualität“,
betont Ernährungsforscherin Hanni Rützler.
Foto: Hanni Rützler
Das Ernährungsverhalten umzustellen ist leichter zu
bewerkstelligen, als künstliches Fleisch in Massen zu erzeugen. Rützler rechnet damit, dass eine pragmatische
Haltung die Zukunft des Essens prägen wird: Flexitari
};[
„Flexitarier essen Fleisch, wenn sie das Gefühl haben,
es hat eine gute Qualität. Wenn sie aber nicht wissen,
woher es kommt, können sie darauf verzichten“, sagt
Rützler. Sich für eine Speise zu entscheiden, wird „zur
kulinarischen, nicht emotionalen Entscheidung“.
Eine andere Strömung entwickelt sich mit Urban
Gardening. Städter sind immer bestrebter, ihr Gemüse selbst anzubauen und selbst zu verwerten. Sie
mieten ein paar Quadratmeter Erde im städtischen
öffentlichen Raum, um ihre Samen zu säen und die
Früchte zu ernten. Rein äußerlich unterscheidet sich
ihre Aktivität von jener der Schrebergartenbesitzer
nur insofern, als dass die „Felder“ zentraler liegen und
das Häuschen fehlt. In einem tieferen Sinn ist Urban
Gardening aber auch ein politisches Statement: Ob€
„"†
belächelt werden könnte, die den ganzen Tag nicht
aus dem Büro kommen, entspricht das Anliegen der
Gärtner einem völlig normalen, ursprünglichen Bedürfnis: Gemüse soll sich gut angreifen, gut riechen
und frisch sein, nicht aussehen wie die grüngewordene EU-Norm und keinen Stundenlohn für das Kilo
kosten. „Urban Gardening ist eine hervorragende
Lösung“, sagt Hanni Rützler. Manche Köche würden
sogar die Lebensmittelproduktion in die Küche holen
und Gemüse dort mit entsprechenden Leuchten zum
Wachsen zu bringen. Was uns zur zunehmenden Fi
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„Küchenchefs sind mächtige Meinungsbildner. Sie sind
hoch vernetzt und tauschen sich ähnlich intensiv aus
wie die Winzer. Viele verwenden hochregionale Lebensmittel, die am Waldesrand gesammelt werden
müssen, und sie kochen mit altem Wissen“, beschreibt
es Hanni Rützler. Gastronomen wirken als gestaltende Kraft und können Lösungen anschieben für
Nachhaltigkeit und Qualität. Denn Sinnlichkeit geht
durch den Magen und wenn sie noch dazu sinnvoll ist,
erfreut sie auch den Intellekt.Wenn wir uns schon einen Luxus gönnen, beruhigt es das Gewissen, dabei in
irgendeiner Form die Welt zu verbessern. Außerdem
fühlt es sich besser an, von herrlichen Zutaten dick zu
werden, die vom Koch unseres Vertrauens liebevoll
zubereitet wurden, als von einem Mc Donalds-Burger,
den wir am Fahrersitz verzehren.
Das Vertrauen ihrer viel beschäftigten Kunden wollen auch Anbieter im Internet gewinnen, indem sie
auf individuelle Qualitätsansprüche zugeschnittene
Lebensmittel-Kombinationen ins Haus liefern. All
jene, die es gerade noch vor Ladenschluss in den
Supermarkt schaffen, können wiederum eine Art
Fast Food zu Selberkochen erwerben, denn manche
Ketten bieten Rezepte komplett mit extra abgewogenen Zutaten. Ob die Hersteller damit die Herzen
ihrer Kunden wirklich gewinnen? „Meine Oma hat
immer gesagt, du musst dir nur vorstellen, du stehst
auf der anderen Seite vom Verkaufstisch am Markt.
Wenn Du Dich in das hineinversetzen kannst, dann
geht es. Und wenn Du nicht gierig wirst, dann steigt
der Zulauf“, sagt Helene Ziniel. Sie setze auf das Vertrauen, dass ihr ihre Stammkunden persönlich entgegenbringen. ■
10
Star-Köchin Sarah Wiener über die Rolle
des Genusses in der Küche der Zukunft:
Genussvoll
nachhaltig speisen
Die Nahrungsmittelindustrie befeuert ein Landwirtschaftssystem, das Biodiversität und
Qualität zerstört, Landwirte zu Gegnern macht und gesunde Böden vernichtet, um als
einzige Gewinnerin in einer kranken Welt hervorzugehen, ist die Star-Köchin Sarah Wiener
überzeugt. Hochwertiges Essen ist jedoch eine Frage von funktionierenden ökologischen
Kreisläufen, Ernährungsgerechtigkeit und natürlichem, vollwertigem Essen. Kombiniert mit der
Bereitschaft, selbst zu kochen, steigern all diese Elemente den Genuss. Interview: Eva Stanzl
„Future“: Jeden Monat neue Kochtrends und dazu
passende Kochshows, ständig Meldungen, was am Essen alles gut oder schlecht ist, unzählige Top-Lokale
mit unterschiedlichen Images: Essen wird zum EgoStatement einer individualisierten Gesellschaft. Es
muss nicht nur satt machen und schmecken, sondern
soll auch gesund, schön und glücklich machen. Welchen Stellenwert haben dabei der steigende Hunger
und die Welternährung?
Sarah Wiener: Wir könnten
schon heute alle Menschen von
dem ernähren, was wir produzieren,
wenn wir keine Lebensmittel wegwerfen und einen
besseren Transport und eine bessere Lagerhaltung ermöglichen würden. Außerdem müssten wir stabilere politische
Verhältnisse schaffen. Das alles ginge, wenn wir wirklich den
Willen hätten, den Welthunger zu besiegen.
Foto: Esther Haase
Welchen Stellenwert hat der Genuss vor diesem Hintergrund?
Genuss ist natürlich eine vernachlässigbare Größe für Menschen, die hungern oder schlimmer noch: am Verhungern sind.
Der Genuss hat aber auch eine Warnfunktion, weil er dabei
hilft, zu unterscheiden, ob etwas überhaupt essbar oder gar
giftig ist. Und er hilft, das, was überlebenswichtig ist, eben zu
genießen. Für Genuss brauchen wir auch Bewusstsein, ein
subjektives Geschmacksgedächtnis und die Fähigkeit, Erlebnisse rund um Geschmack einordnen zu können. Allerdings
ˆ ‰* < immer die Beschränkung.
Zur Person:
Sarah Wiener, geboren am 27. August 1962 in Halle,
ist Starköchin und Buchautorin. Die vor allem in
Deutschland tätige österreichische Unternehmerin
wuchs in Wien auf, trampte mit 17 Jahren durch Europa
und hat weder Schulabschluss noch Berufsausbildung.
Im Restaurant ihres Vaters, dem Autor Oswald Wiener,
buk sie Kuchen und Torten in Berlin. 1990 gründete
sie ein Cateringservice für Filmcrews. 1999 machte
sie in Berlin-Mitte ihr erstes Restaurant auf, „Das
Speisezimmer“. Heute betreibt sie drei Lokale. Sarah
Wiener ist verheiratet und hat einen Sohn. Ihr neues
Buch, „Kochen kann jeder - mit Sarah Wiener“ ist im
November erschienen. Ihr Buch „Zukunftsmenü“ über
die Nahrungsmittelindustrie wurde von der Deutschen
Umweltstiftung zum Umweltbuch des Monats Oktober
2013 ernannt.
In reichen Ländern scheint Beschränkung zu fehlen,
denn die Menschen werden dicker. Forschern zufolge
sind besonders Menschen mit kleineren Einkommen
betroffen, weil sie zu kostengünstigerem, kohlehydratereichem Essen greifen müssen. Muss gutes Essen
teuer sein?
Ernährung ist eine Frage der Bildung, des Interesses und der
Möglichkeiten. Wenn Sie keine Bauernmärkte oder Bioläden
in Ihrer Umgebung haben, dann sind Sie da natürlich auch
nicht Kunde. Selberkochen ist immer günstiger, als stark verarbeitete Lebensmittel zu kaufen. Und es ist gesünder. Dann
müssen Sie aber auch kochen wollen.
Würde man Kosten für Transport, Umweltbelastung
und Landverlust für Bewohner vor Ort mit einberechnen, wären eine spanische Tomate viel teurer
als derzeit. Andererseits würden aber Arbeitsplätze
verloren gehen, wenn man die globale Nahrungsmittelproduktion stoppen würde. Wie sind Lebensmittel
korrekt zu preisen?
Wenn es tatsächlich so wäre, dass Lebensmittel wieder einen
wahren Wert hätten, dann hätten wir über Nacht mehr Kleinbauern, eigene Gärten und eine ganz andere Esskultur. Ar-
beitsplätze würden wieder entstehen. Wir reden außerdem
immer nur über den monetären Preis und vergessen gern
jenen Preis, den unser Ernährungssystem indirekt durch Tierleid, Bodenzerstörung, Raubbau und Gesundheit entweder zu
bezahlen bereit ist oder verdrängt und zur Gänze auf künftige
Generationen abwälzt.
Wenn Sie das zentrale Problem der heutigen Nahrungsmittelindustrie benennen müssten, was ist es?
Woran krankt die Nahrungsmittelindustrie wirklich,
was wiegt am allerschwersten?
Wir haben eine Nahrungsmittelindustrie, die ein Landwirtschaftssystem befeuert, das Biodiversität und Qualität zerstört, das Landwirte zu Gegnern
statt zu Partnern macht, das gesunde Böden vernichtet,
Nutztiere ausbeutet und
als einziger Gewinner in
einer kranken Welt hervorgehen möchte. Da
wir alle in einem Boot sitzen, wird sich das als Trugschluss erweisen.
Selbst zu kochen ist am gesündesten, aber viele haben vor lauter Arbeit keine Zeit
dazu. Wie ist eine hochwertige, gesunde Ernährung
im Alltag zu bewerkstelligen?
Wenn Sie diese Fragen wirklich ernst nehmen, müssen Sie
mit den Ursachen anfangen und nicht mit den Symptomen,
also mit unserem sich immer schneller drehenden Alltag, dem
wachsenden Druck auf jeden einzelnen. Wir sollten unseren
Alltag an unsere Grundbedürfnisse anpassen und nicht umgekehrt. Bis wir so weit sind, wird uns nichts übrigbleiben,
als einen Spagat zwischen frischer, gesunder, abwechslungsreicher Ernährung und schneller, einfach verfügbarer Nahrung
zu wagen.Trotzdem: Viele könnten zumindest zeitweise frisch
und selbst kochen, wenn sie andere Prioritäten in ihrem Privatleben setzen würden.
Was genau unterscheidet hochwertiges Essen von
Gourmet-Speisen?
Hochwertiges Essen ist eine Frage von funktionierenden ökologischen Kreisläufen, Ernährungsgerechtigkeit und Souverenität, Sortenvielfalt und natürlichem, vollwertigem Essen. Dafür müssen Sie nicht zwingend in der Küche gestanden sein.
Rohkost kann sehr hochwertig sein. Um gesund zu bleiben,
müssen wir hochwertig essen. Bei Gourmet-Speisen sollten
Sie hingegen eine kreative Vorstellung von einer Speise entwickeln und sie kochen und servieren können, möglichst mit
dem Hintergrund der Besonderheit. Das muss aber nicht gesund sein und auch nicht satt machen – und nicht einmal der
Mehrheit schmecken.
Der US-Amerikaner Rob Rhinehart ist überzeugt,
er braucht all das nicht. Der 24-jährige SoftwareEntwickler aus Atlanta hat das Essen eingestellt. Er
mischte Nährstoffe zusammen und testete einen
Cocktail aus Vitaminen, Mineralstoffen, Aminosäuren,
Kohlenhydraten und Fett 30 Tage lang. Brauchen wir
wirklich keine feste Nahrung?
Wir brauchen natürliche, vielfältige Grundnahrungsmittel
ohne Chemie und Zusatzstoffe, um dauerhaft gesund zu bleiben und genussvoll zu speisen. Du bist, was du isst. Aber jedem ist es freigestellt, sich selbst masochistisch zu quälen und
unvernünftig zu handeln. ■
11
Dürreresistenter
Gentech-Reis
Pizza am Stiel
Mozzarella-Käse in Spaghetti-Form, Coca
Cola als Aufstrich, Ketchup aus Bananen,
Eiersalat in Wurstform und Wurst, die
ohne Fleisch auskommt: Auf der Kölner
Ernährungsfachmesse Anuga wurden
neue kulinarische Innovationen aufgetischt, die ein Spiegel dessen waren, dass
Konsumenten immer schneller und unkomplizierter essen wollen. Auch die
wachsende Zahl der Single-Haushalte
spiegelte sich im Angebot auf der Anuga wider. Demnach sollten sich Wiener
Schnitzel und Burger, die man mit dem
Toaster zubereiten kann, in den Tiefkühlregalen der Supermärkte etablieren.
Zudem sollten sich immer kleinere Portionen durchsetzen, ebenso wie vegetarische Kost.
Sieger der Veranstaltung war allerdings
die „Pizza am Stiel“ von Hasta La Pizza.
Sie ist nicht viel größer als ein „Magnum“Eis und wird wie Eis am Stiel gegessen.
Somit machen sich Konsumenten nicht
die Finger fett. Zu haben ist diese Kristallisation von Convenience-Food als
klassische Margherita und als Version mit
Schinken oder scharfer Salami.
Manche Wissenschafter setzen auf Gentechnik, um widerstandsfähige
Reis- und andere Getreidesorten zu entwickeln und damit die Ernährung der Weltbevölkerung zu sichern. Laut einer UN-Schätzung werden
um die Jahrhundertmitte 9,6 Milliarden Menschen die Erde bevölkern,
bis 2100 könnte die Zahl auf 10,9 Milliarden anwachsen. Japanische Forscher um Yusaku Uga vom Nationalen Institut für agrarbiologische Wissenschaft in Tsukuba haben nun ein entscheidendes Gen in einer Reissorte entdeckt, die im trockenen Hochland der Philippinen angebaut und
Kinandang Patong genannt wird. Die Sorte entwickelt lange Wurzeln, die
senkrecht in den Boden wachsen und auch in großer Tiefe Wasser erreichen können. Das unterscheidet sie von jenen Sorten, die in unter Was
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wachsende Wurzeln ausbilden.Verantwortlich für die Wurzelentwicklung
beim Kinandang-Patong-Reis ist ein Gen, das die Forscher Deep Rooting
(Tiefe Verwurzelung) oder kurz DR01 nennen und in eine herkömmliche
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Trockenheit konnte dem langwurzeligen Reis kaum etwas anhaben und
bei schwerer Dürre sank der Ertrag um lediglich 30 Prozent. Nun sind
die Forscher guter Dinge, den Genreis auch im Hochland ohne Bewässerung ertragreich anbauen zu können. Kritiker argumentieren aber, solche
Ziele könnten auch ohne genmanipulative Eingriffe erreicht werden. (rib)
Auch weiße Balsamico-Perlen für Salat
werden präsentiert. Ebenso wie Verbraucherstudien, denen zu entnehmen ist, dass
die Menschen bedachter essen: Demnach
wäre jeder vierte Verbraucher bereit,
für Nachhaltigkeit, Genuss und Qualität
deutlich mehr zu bezahlen als früher – so
lange es eben schnell geht. (rib)
Wissenschaftlich
fundiertes
Weihnachtsmenü
Vorspeise: Zwiebelsuppen-Flan
1 Liter sehr gute Hühnersuppe, 300 Gramm gewürfelte Zwiebeln, 2 Eier,
Butter, Weißbrot.
Die Zwiebeln in Butter andünsten und die heiße Suppe dazugießen.
Eineinhalb Stunden köcheln lassen, durch ein Sieb gießen, mit Salz und
Pfeffer abschmecken und abkühlen lassen. Die Eier sanft mit der Zwiebelsuppe verschlagen. In Portionsschalen füllen und in einem Wasserbad in den auf 160 Grad Celsius vorgeheizten Backofen geben. Der Flan
braucht etwa eine Stunde, um zu stocken. Die Schälchen wandern in den
Kühlschrank und werden mit geröstetem Weißbrot serviert.
Hauptgericht: Gans mit Feigen und Sauerkraut
Für den Braten benötigen Sie 1 küchenfertige Gans (etwa 3 Kilo schwer),
grob geschnittenes Gemüse (1 Stange Lauch, 2 Karotten, 1/2 Sellerieknolle), 100 ml frischen Feigensaft, 4 EL Glukose- (Traubenzucker-) oder
@#„!ˆ""#'}%@
Die Gans wird mit dem Sirup, dem Süßstoff und dem Pektin bestrichen.
Der Feigensaft muss frisch gepresst sein, da er sonst seine enzymatische
Wirkung verliert und das Fleisch nicht zart macht. Dazu wird das Mark
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er mit etwas Wasser verdünnt werden. Der Feigensaft wird dann mit
einer Spritze an verschiedenen Stellen ins Fleisch injiziert. Anschließend
kommt die Gans für mindestens 5, aber besser 6 Stunden mit dem Gemüse in einen Bräter in den nur 80 Grad Celsius warmen Herd. Gegen
Ende der Garzeit wird der Sirup erwärmt und die noch bleiche Gans
kräftig damit eingepinselt. Dann kommst sie wieder in den Herd – diesmal bei 220 Grad Celsius (Grill mit Umluft). Ohne Grillfunktion wählen
Sie 250 Grad Celsius mit Umluft. Das Bräunen dauert etwa 5 bis 10
Minuten, Zucker und Eiweißbausteine reagieren dabei zu einer Kruste.
Zum Servieren wird die Gans portioniert und auf Sauerkraut mit geschmorten Feigen und Feigensoße angerichtet.
Für die geschmorten Feigen benötigen Sie 8 frische Feigen, 200 ml Feigensaft (frisch oder aus der Flasche), 100 ml Johannisbeersaft, 3 EL Balsa>'
'}Ž;
wird. Dann kommen die halbierten Feigen hinein und ziehen 10 Minuten
lang.
Für das das Sauerkraut brauchen Sie 800 Gramm frisches Sauerkraut,
%‘‘
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'“]‘‘gelfond, 1 gewürfelte Zwiebel, 1 Gewürzsäckchen mit Wacholder, Nelke,
Lorbeer, Pfefferkörner, Salz und 30 Gramm Butter. Die Zwiebeln werden
in Butter angeschwitzt. Dann kommen das gewässerte Sauerkraut und
der Gewürzbeutel hinzu. Das Ganze füllen Sie mit Lindenblütentee und
Fond auf und lassen es etwa eineinhalb Stunden dünsten.
Nachtisch: Schokoladen-Chantilly mit Orangenkompott
200 ml einer nach Belieben aromatisierten Flüssigkeit (Orangenlikör,
Orangensaft, Espresso oder Johannisbeersaft), 250 Gramm Schokolade.
Das Prinzip der Schokoladen-Chantilly hat sich Hervé This vom Schlagobers abgeschaut, bei dem Fetttröpfchen in Wasser gelöst sind: Schlägt
man es auf, wird es schaumig und fest. Auf die gleiche Art stellt This auch
„Schlagschokolade“ her: In einem Topf werden die aromatisierte Flüssigkeit und die Schokolade erwärmt. Sobald die Schokolade geschmolzen
ist, wandert der Topf in Eiswasser und Sie rücken der Schokolade mit
einem Mixer zu Leibe. Die Mischung geht nach kurzem auf und wird
heller. Nach ein paar Sekunden Rührzeit ist das luftige, feste Schokoladenmouse perfekt.
Für das Orangenkompott verwenden Sie 5 Orangen, 50 Gramm Zucker,
2 EL Honig, 200 ml Orangensaft, einen EL Grenadine-Sirup für die Farbe,
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re zu einem Sirup eingekocht. Der Topf kommt schließlich vom Herd,
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ist das Gericht! (est)
Gutes Gelingen, wohl bekomm‘s und fröhliche Weihnachten!
Fotos: Fotolia, Corbis
Die Autoren des Fachmagazins „Bild der Wissenschaft“ haben ein Weihnachtsmenü zusammengestellt, das ihnen zufolge deswegen so köstlich
sei, weil es biochemischen und physikalischen Prinzipien folgt. Das Rezept stammt von dem französischen Chemiker und Kochforscher Hervé
This. Es sei auch für unsere Leserinnen und Leser veröffentlicht, damit
diese ein neues Kochstück ausprobieren können:
Foto: Reuters
12
Nahrungsmittel werden kurzfristig
billiger – doch der Hunger bleibt:
Ernährungssicherheit –
ein Wunschtraum?
Die UNO will die Zahl der hungernden Menschen bis 2015 halbieren. Doch
ist Ernährungssicherheit angesichts von Armut, Bevölkerungswachstum und
Klimawandel eine Illusion? Von Cathren Landsgesell
ie Lage auf den Nahrungsmittelmärkten entspanne
sich, konnte die UN-Organisation für Ernährung
und Landwirtschaft (FAO) Anfang November vermelden. Die Preise für die meisten Grundnahrungsmittel
seien in den vergangenen Monaten gesunken, erklärte
der Direktor der FAO-Abteilung für Handel und Märkte, Aussichten für das kommende Jahr seien positiv:
Die Produktionsmengen von Mais und Weizen sollten
steigen, insbesondere in den USA und in den ehemaligen Sowjetrepubliken. 2014 werden die weltweiten
Getreidespeicher um 14 Prozent voller sein als in diesem Jahr. Diese Prognose bringt eine lange ersehnte
Entlastung: Die Kosten für Nahrungsmittelimporte
sinken um drei Prozent im weltweiten Durchschnitt.
Bringt uns diese Entwicklung der Bekämpfung des Hungers auf der Welt einen Schritt näher?
D
'‚Ž
FAO bedeutet dies, so unregelmäßig ausreichend mit
Nahrung versorgt zu sein, dass ein aktives Leben nicht
möglich ist. Allenfalls ein Überleben, oft noch nicht
einmal das. Insgesamt sind 868 Millionen Menschen
davon betroffen, immerhin 27 Millionen weniger als
noch vor zwei Jahren. Die Mehrzahl der hungernden
Menschen lebt in Afrika und in Asien, wobei Subsahara-Afrika besonders schlimm betroffen ist. Ihrem
Jahrtausendziel sind die Vereinten Nationen bisher
also nicht sehr viel näher gekommen: Bis 2015 soll
sich die Zahl der Hungernden um die Hälfte reduzieren, heißt es in den Millennium Development Goals
von 1990. Bis jetzt sind aber nur 17 Prozent erreicht.
Die Aussichten sind gemischt: Armut, Klimawandel
und die Nachfrage der reichen Länder bedrohen die
globale Ernährungssicherheit der kommenden Generationen und das Bevölkerungswachstum legt noch
ein Schäufelchen drauf – zumindest in den Ländern, in
denen es schon jetzt nicht genug zu essen gibt. Kann
eine intensivere Landbewirtschaftung wettmachen,
was Dürren, Überschwemmungen und Bodenknappheit nehmen?
rnährungssicherheit Žon des Welternährungsgipfels von 1996, dass alle
Menschen zu „jeder Zeit physischen, sozialen und
ökonomischen Zugang zu ausreichender, sicherer und
nahrhafter Nahrung haben, die ihrem Bedarf und ihren Vorlieben für ein aktives und gesundes Leben entspricht.“ Das ist ein hoher Anspruch, der über die ausreichende Versorgung mit Energie in Form von einer
bestimmten Kalorienmenge weit hinausreicht. Ob die
globale Ernährung „sicher“ ist, hängt damit nicht allein
von der Verfügbarkeit und dem Zugang zu Nahrungsmitteln ab.
E
In Politik und Wissenschaft kommen – je nach Modell
– noch zwei weitere Dimensionen hinzu: Verwendung
und Stabilität. Während Verfügbarkeit und Zugang zu
Nahrung unter anderem von der globalen Produktion
und den Preisen auf dem Weltmarkt abhängen, geht
es bei der Verwendung um den Einsatz dieser globalen Produktion und die individuelle Verwendung auf
Haushaltsebene: Mais und Getreide, das als Treibstoff im
Autotank landet, kann keinen Hunger stillen. Eine einseitige
Ernährung mit Getreidebrei wird die Folgen der Fehlernährung nicht beseitigen. 1,4 Milliarden Menschen auf der Welt
Ž @{ "| 500 Millionen Menschen, weil sie stark übergewichtig sind.
Auch sie sind mitunter von dem Mangel an essenziellen
Nährstoffen betroffen, unter dem die anderen leiden: Der
Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen ist eine Hypothek
für die Zukunft. Chronisch unter- und fehlernährte Kinder entwickeln nie ihre volle Leistungsfähigkeit, sie bleiben
anfällig für Infektionen, sterben leichter an „harmlosen“
[ "
|
körperlichen und geistigen Kräfte auch schwerer Wege aus
der Armut. Für Katastrophen sind sie schlecht gerüstet.
Der Klimawandel bedroht die Ernährungssicherheit vor
allem in ihrer vierten Dimension, der Stabilität. Klimabedingte Wetterextreme wie Dürren oder Fluten werden in
den kommenden Jahrzehnten zunehmen. Dass ausreichend
Nahrung jederzeit zur Verfügung steht, ist also nicht gesagt.
Schon gar nicht in jeder Region der Erde.
er Agrarausblick von OECD und FAO 2013 malt
ein gemischtes Bild der Zukunft: Die steigende globale Nachfrage nach Nahrungsmitteln begünstige gerade
die Entwicklungsländer, die ihren Anteil an der weltweiten Produktion von Agrarrohstoffen nicht zuletzt dank
des Kapitals internationaler Investoren erhöhen werden.
Der weltweite Output werde langsamer wachsen als in
den letzten Jahren, heißt es in dem Bericht. 2030 werden
50 Prozent mehr Nahrungsmittel gebraucht als heute.
Bevölkerungswachstum und steigender Wohlstand in den
Schwellenländern sind die Gründe.
D
„Die Welt steht vor einer dreifachen Herausforderung“,
berichtete eine Gruppe von Wissenschaftern um den
Ökologen Charles Godfray an der Universität Oxford
im Februar 2010 im Wissenschaftsmagazin „Science“: den
wachsenden Bedarf an Nahrung zu stillen, dies auf eine
ökologisch und sozial verträgliche Weise zu tun und sicherzustellen, dass die ärmsten Menschen nicht mehr länger
hungern. Ist dies überhaupt möglich? In der Vergangenheit
haben Intensivierung und Technologisierung der Landwirtschaft ganz generell dafür gesorgt, dass sich zum Beispiel
die Getreideproduktion in den letzten 50 Jahren verdoppeln konnte, während die dafür aufgewendete Fläche nur
um etwa neun Prozent zunahm. Allerdings um den Preis
einer gesunden Umwelt. Heute trägt die industrielle Landwirtschaft etwa 18 Prozent zu den klimarelevanten Emissionen bei, darunter Methan- und Stickoxid-Emissionen, die
noch schädlicher sind als CO2. Sie ist abhängig von Öl- und
Gas, viele Böden sind durch Monokulturen und Überdüngung ausgelaugt oder durch Urbanisierung der Produktion
entzogen. Landwirtschaft dezimiert die Biodiversität und
belastet die Gewässer. Alternative Methoden wie Precision Agriculture, integrierte Formen der Bewirtschaftung,
soziale Absicherung und Landrechte für Kleinbauern, eine
Erweiterung der genetischen Grundlagen der eingesetzten
}; „ 
und eine bessere Infrastruktur sind vor dem Hintergrund
steigender Ölpreise und stagnierender Outputs zu Hoffnungsträgern geworden (siehe rechts).
issenschafter sind sich einig, dass die Trendumkehr
schnell passieren muss. Es sind der Klimawandel und
seine direkten und indirekten Effekte, die das dickste Fragezeichen hinter das Ziel einer Halbierung des Hungers setzen. Der Klimawandel wirkt auf den Handel mit Nahrung
und auf die Produktion: „Die globale Ernährungssicherheit
ist nach wie vor durch Produktionsengpässe, Preisvolatilität
und Handelsstörungen bedroht, insbesondere angesichts
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sie 2012 in den Vereinigten Staaten und in den GUS Staaten herrschte, könnte in Verbindung mit niedrigen Lagerbeständen bei den Anbauprodukten zu einem Preisanstieg
um 15 bis 40 Prozent führen“, heißt es im Agrarausblick
von OECD und FAO. Preisanstiege dieser Größenordnung
können sich Hungernde nicht leisten, denn sie sind in der
Regel hungrig, weil sie arm sind. Die Agrarökonomen Tim
Wheeler und Joachim von Braun plädieren dafür, insbesondere die indirekten Folgen des Klimawandels, wie etwa
Verarmung, Migration und die Ausbreitung von Seuchen,
verstärkt in den Blick zu nehmen. Auch die politischen
Antworten auf den Klimawandel können die Ernährungssicherheit bedrohen. 2022 werden rund zwölf Prozent des
grobkörnigen Getreides für Bioethanol verwendet. Wenig
untersucht seien auch parallele Entwicklungen zum Klimawandel wie die zunehmend einseitige kalorienreiche Ernährung in den Industrieländern und die fortschreitende
Urbanisierung. Die beiden Autoren gehen davon aus, dass
die Folgen des Klimawandels unterschätzt werden. „Der
Klimawandel wird die Ernährungsunsicherheit verschärfen
und zwar in den Ländern, in denen Hunger und Unterernährung am weitesten verbreitet sind.“ ■
W
Was werden wir essen?
Josef Schmidhuber, Leiter der statistischen Abteilung der Welternährungsorganisation der UNO,
über die Zukunft der Landwirtschaft und die Ursachen des Hungers. Von Cathren Landsgesell
Future:Was halten Sie von dem Stammzellen-Burger, der
im August in London präsentiert wurde: Hätten Sie den
probiert?
Josef Schmidhuber: Probiert hätte ich ihn vielleicht, aber Fleisch
aus dem Reagenzglas ist natürlich in keinster Weise eine Lösung für
das Welternährungsproblem.
Aus technologischen Gründen?
Nein, er ist einfach viel zu teuer.
Der Burger kostete 250.000 Euro. Rund 500 Millionen
Euro müssten nach Schätzung der Wissenschafter noch
investiert werden, um das Fleisch auf industriellem Niveau zu produzieren. Die Fleischproduktion braucht etwa
70 Prozent des landwirtschaftlich nutzbaren Landes,
mehr ist ökologisch nicht möglich. Ist der Preis immer
noch zu hoch?
Das ist nicht die Frage. Es gibt günstigere Alternativen als die
Stammzellen, und wir sind technologisch noch viel zu weit von einer industriellen Produktion entfernt.
Sind die Ernährungsgewohnheiten in den westlichen Industrieländern überhaupt eine Stellgröße in Bezug auf die
Hungerproblematik?
In gewisser Weise schon: Über hohen Fleischkonsum steigt der
CO2- und Methan-Ausstoß, wir verbrauchen mehr Wasser, mehr
biologische Diversität und schließlich auch mehr Getreide. Damit
wird es teurer und der Zugang für Menschen in den Entwicklungsländern noch schwieriger. Der Verzicht auf Fleisch löst aber das
Hungerproblem nicht. Historisch gesehen war Hunger ein Verfügbarkeitsproblem, es wurde in den Entwicklungsländern einfach
nicht genug produziert. Das ist heute nur noch in Afrika südlich
der Sahara und in großen Teilen des südasiatischen Raums der Fall.
Hunger ist heute ein Zugangsproblem: Es gibt in den meisten Regionen genug Nahrungsmittel, aber zu Preisen, die für viele unbezahlbar sind. Die wichtigste Stellgröße ist daher die Bekämpfung
der Armut.
Kann man den Hunger und die Armut bekämpfen, ohne
dass man die Nahrungsmittelspekulation an den Börsen
bekämpft?
Die Nahrungsmittelspekulation hat meines Erachtens keinen si'"
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Warenterminmärkte nicht manipulieren kann, das ist ja auch im
Aluminium-Handel passiert. Allerdings fand auch hier die eigentliche Manipulation über die Lagerhaltung in den Fundamentalmärkten statt, nicht im Warenterminmarkt für Aluminium.
Das heißt, die hohen Getreidepreise haben nichts mit der
Hungerkatastrophe vor drei Jahren am Horn von Afrika
zu tun?
Natürlich hatten die hohen Preise eine Auswirkung, weil sie den
Zugang zu Nahrungsmitteln reduzieren. Aber die Preise folgen
nicht der Spekulation auf den Warenterminmärkten, sondern den
Fundamentalmärkten. Diese können prinzipiell auch manipuliert
werden, siehe Aluminium, allerdings kann ich eine Manipulation der
Fundamentaldaten über das Horten von Nahrungsmitteln nicht
erkennen. Angebot und Nachfrage bestimmen die Preisentwicklung, nicht die Spekulation. Futures tragen zur Markttransparenz
bei, das ist vorteilhaft. Ein Problem der Entwicklungsländer ist oft,
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wissen, was der richtige Preis für ihre Produkte ist, weil es keine
Warenterminmärkte gibt.
Monitoring-Plattformen wie Land Matrix zeigen, dass
Landgrabbing oder Land Deals zunehmen. Investoren
kaufen zum Beispiel Land in Äthiopien, um darauf Weizen anzubauen, der dann exportiert wird. Geht es da um
eine real existierende Nachfrage oder handelt es sich einfach um anlagesuchendes Kapital?
Es sind auch Risikomanagementstrategien: In den Jahren 2007/2008
und 2010 gab es auf dem Weltmarkt einfach nichts zu kaufen, auch
nicht zu extrem hohen Preisen, eine zusätzliche Nachfrage treibt
die Preise dann in ganz extreme Höhen. Länder mit wenig natürlichen Ressourcen, wie eben Saudi Arabien, können nur am Markt
kaufen oder Ressourcen erwerben. Das haben sie nach 2008 auch
vermehrt gemacht.
Die FAO prognostiziert eine Steigerung des landwirtschaftlichen Outputs um 60 Prozent bis 2050 – wird das
für dann über neun Milliarden Menschen reichen?
Die Prognose bedeutet nicht, dass dann alle gut genährt sind oder
es keinen Hunger mehr gibt. Die Nachfrage in den entwickelten
Ländern wird um 25 Prozent wachsen, während die Nachfrage in
den Entwicklungsländern um achtzig bis neunzig Prozent und noch
mehr wächst. Die Menschen werden schon ernährt werden, aber
natürlich schlecht. Länder wie der Niger werden wahrscheinlich
von externer Hilfe abhängig bleiben, insgesamt gehen wir davon
aus, dass bis 2050 noch über 300 Millionen Menschen unterernährt
sein werden, außer es gibt bis dahin ein massives Hilfsprogramm
zur globalen Hungerbekämpfung.
Wie wird der zusätzliche Output bewerkstelligt? Ackerland ist eine begrenzte Ressource.
Wir nutzen etwas mehr als 1,5 Milliarden Hektar Land als Ackerland, Wiesen und Weiden nicht mitgerechnet, und verfügen über
insgesamt 4,15 Milliarden Hektar nutzbare Fläche. Aber: Der weitere Umbruch von Wiesen und Wäldern für Ackerland ist mit dem
Abbau von organischer Substanz verbunden, und das bedeutet
mehr CO2-Emissionen, mehr Wasserverbrauch und den Verlust von
Biodiversität. Die Umwandlung lohnt sich aber auch ökonomisch
nicht. Es ist wesentlich billiger, über eine höhere Produktivität oder
auch eine höhere Nutzungsintensität die Erträge zu steigern. Beide
bestimmen die Produktivitätszuwächse auch in Zukunft.
Wird die zusätzliche Produktivität wieder erkauft sein
durch die ohnehin schon bestehende Ölabhängigkeit der
Landwirtschaft für Pestizide, Dünger und Ernte?
Intensive Bewirtschaftung heißt nicht, dass man mehr düngen und
spritzen muss. In vielen Ländern wie zum Beispiel in China haben
wir bereits viel zu hohe Düngemittelgaben, insbesondere bei Stickstoff. Die Ursache ist Unwissen bei den Bauern und die Subventionierung der Düngemittel selbst. Man muss aufklären und ökonomische Anreize für weniger Verbrauch setzen. Außerdem kann man
durch bestimmte Fruchtfolgen den Output verbessern.
Von außen betrachtet hat man den Eindruck, dass das Gegenteil passiert: riesige Monokulturen, viel Dünger und ein
Zurückdrängen der kleinbäuerlichen Strukturen.
Das ist falsch und richtig. Die Mineraldüngergaben bei uns sind in
den letzten Jahrzehnten gesunken. Gülle aus der Viehzucht hat den
Mineralstoffdünger ersetzt und man hat verstanden, dass Überdüngung zu geringeren Ernten führen kann, zum Beispiel bei Zuckerrüben. Insgesamt sind die Düngemittelgaben immer noch sehr hoch.
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}culture. Man düngt nur dort, wo der Ertrag noch gesteigert werden
kann. In den USA geht die Produktionssteigerung auch zu einem
großen Teil darauf zurück. Es ist also nicht unbedingt alles negativ. ■
Zur Person:
Josef Schmidhuber ist Agrarökonom und stellvertretender Direktor der statistischen Abteilung
der Food and Agriculture Organization der UNO (FAO). Er ist der
Mitautor des Berichts World agriculture: towards 2015/2030, einem
Ausblick auf die globale Zukunft
der Landwirtschaft.
Fotos: Corbis
14
Weltweit stehen rund 1400 Insektenarten auf den Speiseplänen:
Käfer im Bauch
Libellen, Grillen, Schmetterlinge und Fliegen kommen vor allem in
Asien und Afrika auf den Teller. Europäer ekeln sich hingegen eher
vor gebratenen, gerösteten, getoasteten und gegrillten Insekten.
Dabei geben sie pro Kilo Futter zwölf Mal so viel Nahrung ab wie
Rinder und haben einen höheren Protein- und Vitamingehalt.
Zudem sind sie cholesterinarm und enthalten wenige Kohlehydrate,
was sie passend macht für Diabetiker. Von Helmut Ribarits
enn der Fleischkonsum der reichen Länder so weitergeht wie jetzt, benötigen wir
nach Ansicht der Welternährungsorganisation der
Vereinten Nationen (FAO) bald einen zweiten Pla;@;"
"zucht jener Tiere, die wir zu Steaks verarbeiten
wollen. In Asien, Südamerika oder Afrika sieht die
Lage anders aus: Hier isst man gerne Insekten.
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Traditionellerweise gelten Schädlinge durch ihr plagenhaftes Auftreten als Verursacher von Hungerkatastrophen. Zwei Milliarden Menschen verzehren
jedoch Kerbtiere verschiedenster Art. Für einen
–
'| Wort „Schmetterlinge im Bauch“ sicherlich nicht
schwer verdauliche, geröstete Libellen am Spieß
verbindet, mag das wie ein Kulturschock erscheinen. Für Schulkinder in Laos, Kambodscha oder
Vietnam gehört der Jausensnack frittierte Zikaden
aber ebenso zum Alltag wie für eine Vielzahl ihrer
Altersgenossen in der westlichen Hemisphäre „PiPa-Po“: Pizza, Pasta, Pommes. Und so ekelig Kriechund Krabbeltiere für uns auch auf dem Teller aussehen mögen: Halbwüchsige in Südostasien wissen
wenigstens, was sie vorgesetzt bekommen, denn im
Unterscheid zu Fastfood hat es sich wenige Minuten zuvor noch bewegt.
Was die Entomophagie des Menschen (Verzehr
von Insekten durch denselben) betrifft, geht sie in
westlich geprägten Kulturen schon auf die alten
Römer und Griechen, die sich über gegrillte Heu-
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schrecken hermachten, zurück. Danach gerieten die Krabbeltiere aber als
„Armeleuteessen“ in den Hintergrund. Und obwohl sich bis in die frühen
1920er Jahre in Teilen Europas noch Altvordere in schlechten Zeiten an
Maikäfersuppe gütlich taten, geht der Verzehr von Insekten heute bestenfalls als Skurrilität durch, meistens aber wird er als bizarr bis ungustiös, ja
sogar als gesundheitsschädlich erachtet. Viele würden Insekten sogar nur
dann vom Boden aufklauben und zu sich nehmen, würden sie in Einzelhaft
hungergefoltert. Dabei stehen weltweit mehr als 1400 Insektenarten auf
dem Speiseplan.
Die Proteine der Zukunft?
Bevor wir also an den hüpfenden, zirpenden, krabbelnden und sich raupenden Geschöpfen kein gutes Haar, respektive Bein lassen, sollten Daten
der FAO zur Bedeutung der Insekten für die Ernährungssicherung von
Menschen in bedrohten Gebieten ins Treffen geführt werden. Demnach enthalten 100 Gramm getrocknete Raupen 53 Prozent Proteine, 15 Prozent
Fett und 17 Prozent Kohlehydrate und ihr Energiewert belaufe sich auf 430
Kalorien. Raupen seien reich an Mineralien und enthalten – je nach Art –
Kalzium, Zink, Kalium, Magnesium und Eisen. Bereits 100 Gramm decken außerdem den Tagesbedarf eines Menschen an Mineralien und Vitaminen. Für
den französischen Ernährungsforscher Bruno Comby sind Insekten sogar
die Proteine der Zukunft, zumal sie mehr lebensnotwendige Eiweiße als eine
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eine wichtige Ergänzungskost dar.
Allerdings reden die Menschen in vielen Entwicklungsländern nur ungern
über ihre Insekten-Diät, was sich laut FAO aus der Tatsache erklärt, dass sie
Angst haben, man könnte sie für primitiv halten. Wegen der Vorurteile, die
mit Insekten verbunden sind, sind sie als Nahrungsquelle jedoch zu wenig
untersucht, betont Arnold van Huis von der Universität Wageninger, der an
der FAO-Studie beteiligt war. Er betont: „Obwohl ihnen der Ruf als Krankheitsüberträger vorauseilt, gefährden Insekten die Gesundheit nicht – ganz
im Gegenteil“: Weil die Krabbler evolutionär weiter vom Menschen entfernt sind als Schweine oder Rinder, gebe es wahrscheinlich sogar weniger
Keime, die bei deren Verzehr gleichermaßen den Menschen krank machen
könnten, erklärt Huis.
Würden Sie so etwas essen? Viele Europäer verspüren keinen Gusto nach Insekten.
Dabei haben schon die alten Römer Heuschrecken gegessen.
hina hat die medizinischen und kulinarischen Vorzüge der Kerbtiere
vereint und verinnerlicht. Stinkkäfer gelten als köstlich und entfalten
im Reich der Mitte sowohl als Aphrodisiakum als auch gegen Asthma- und
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zierte Schmetterlinge gelten einerseits als erlesene Spezialität und werden
andererseits als teure Medizin gegen Gelbsucht und Tuberkulose gehandelt.
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Eine Forschergruppe der Mendel-Universität in Brünn hat das gesundheitsfördernde Potenzial von Insekten auch für Anwender in Europa wissenschaftlich untersucht. Die Wissenschafter kamen zu dem Schluss, dass
spezielle Insekten eine ideale Ergänzungsnahrung für Senioren und Kranke seien, da diese oft nicht in der Lage sind, alle notwendigen Stoffe als
Mischkost zu sich zu nehmen. Die Tierchen sollten in verarbeiteter Form als
Zusatzpräparate essenzielle Fettsäuren, Mineralstoffe und Spurenelemente
liefern. Gleichzeitig seien sie cholesterin- und kalorienarm und enthalten
wenig Kohlehydrate, was sie geeignet für Diabetiker mache. Da sich Insekten selbst der gleichen Art in ihrer Zusammensetzung stark unterscheiden
können, seien nun weitere Studien nötig, um die Insekten-„Inhaltsstoffe“
aufzuschlüsseln, damit diese gegebenenfalls genutzt werden können.
TECH GATE
VIENNA
Nahrhafter als Rinder und Schweine
Ein Blick in die Zukunft der Nahrungsmittelindustrie lässt den Schluss zu,
dass Insekten bald eine wesentliche Rolle spielen könnten. Alan Yen, der
im Auftrag des Bundesstaates Victoria in Australien an essbaren Insekten
forscht, geht davon aus, dass der Westen, wenn er es mit der Senkung von
Treibhausgasen und nachhaltigem Wirtschaften ernst meint, stärker auf sie
setzen sollte. Denn sie stoßen viel weniger Treibhausgase als Rinder und
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viel Nahrung wie Rinder und fünf Mal so viel wie Schweine. Die FAO-Experˆ
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höher ist als jene von Soja, Mais oder Fischmehl. Außerdem lassen sie sich
mit landwirtschaftlichen Abfällen aufziehen. Die Industrie interessiert sich
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Allesfresser sind. Die Larven können den Mist, der im Stall anfällt, in Körpermasse mit 42 Prozent Eiweiß und 35 Prozent Fett umwandeln und dann
wieder als Nahrung für Hühner, Fische oder Schweine genutzt werden. Das
„lebende Tierfutter“ könnte also schon bald im Tonnenmaßstab produziert
werden.
www.techgate.at
ein statistisch gesehen verspeist jeder Mensch jährlich etwa ein halbes
Kilo Insekten – ob beim Joggen, Radfahren oder in fein passierten Marmeladen, in Spaghettisaucen oder im Tiefkühlspinat. Außerdem essen wir
rohen Fisch als Sushi, kitzeln gefühlvoll Weinbergschnecken aus ihren Gehäusen, saugen dem Hummer das Mark aus den Scheren, schmatzen wie
gekringelte Raupen aussehende Shrimps und schwappen mit dem letzten
Schluck Mezkal den „Agavenwurm“ (eigentlich eine Mottenraupe) hinunter.
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Gebratene Wachsmottenlarven sollen übrigens an Speck errinnern und geröstete Grillen nussig schmecken. Wer sie kosten will, braucht sich nicht
auf die Flaniermeilen von Bejing oder Bankok zu begeben. Sondern Grillen
mit Curry-Aroma, getoastete Scorpione, schokoüberzogene Ameisen und
Schlecker mit Wurm-Füllung gibt´s auch bei Gourmet Cornelius im ersten
Bezirk in Wien. ■
Tech Gate Vienna Wissenschafts- und Technologiepark GmbH, T. +43 [1] 205 01 11 - 101, A-1220 Wien, Donau-City-Straße 1
future
Telegramm von Helmut Ribarits
Effizentestes Leuchtmittel in
Glühbirnenform – Nanolight
Die Lichtausbeute einer 100-Watt-Glühbirne mit einem Verbrauch
von lediglich zwölf Watt zu erreichen war das Ziel des „Nanolight“Projekts dreier Studenten der Universität Toronto. Bisherige LEDLeuchten benötigen 20 Watt und Leuchtstofflampen 24 Watt für
diese Lichtstärke. Die außergewöhnliche Nanolight-LED-Leuchte
hat das Streuverhalten der klassischen Glühbirne beibehalten – das Licht wird in alle Richtungen gelenkt.
Dazu erreichen die neuen Leuchtmittel ihre
volle Helligkeit ohne Verzögerung. Mit 133
Lumen je Watt ist man um 200 Prozent
effizienter als andere Glühbirnen. Bei
einer Nutzung von täglich drei Stunden
mit soll die Birne 25-30 Jahre leben.
Hoffentlich ist das Wunderwerk bald
zu haben.
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Rapidcool – die
coole Revolution
Laut EU verbrauchen kommerziell genutzte Kühlanlagen und
Tiefkühler europaweit jährlich den Strom von 20 Millionen Haushalten. Das Konsortium „Rapid Cool“ will diesen Energiebedarf
drastisch reduzieren und hat einen Dosen- und Flaschenkühler
entwickelt, der Getränke binnen 45 Sekunden auf vier Grad
Celsius abkühlt. Möglich macht dies ein spezielles Schütteln des
Behälters, das auch als „V-Tex Technology“ patentiert ist. Obwohl
die Kühlzelle als separate Einheit entwickelt wurde, könnte sie in
übliche Selbstbedienungssysteme integriert werden. Man erwartet sich durch diese Möglichkeit, nur bei Bedarf zu kühlen, eine Energieersparnis von über 80 Prozent gegenüber offenen
Kühlregalen und 54 Prozent gegenüber Kühlsystemen mit Glastüren.
Zum gesunden Essen animieren
Traurig, aber wahr: Immer
weniger Kinder erkennen
Gurken oder Tomaten auch
als solche. Das Spiel „Pixelate“ des Entwicklers Sures
Kumar Srinivasan soll sie nun
zum Essen von frischem Obst
und Gemüse animieren. Ziel
des Spiels ist, frisches Gemüse und Obst in der richtigen
Reihenfolge aufzuessen. Die
Lebensmittel werden an einem interaktiven Tisch über interaktives Besteck aufgenommen. Die Software erkennt mittels Spannungsmessung das jeweilige Produkt
und führt Kinder in spielerischer Weise an das Erkennen von Obst und Gemüse
heran. Noch ist „Pixelate“ allerdings ein Designerstück, ausgestellt in der Henry
Moore Gallery am Royal College of Art in London.
Futuristische
Küche
Diese Küche könnte auch aus
den Kulissen von Star-Trek
strammen. Die „Z.Island“,
entworfen von Du Pont Corian,
ist aber voll funktionsfähig und
besteht aus zwei freistehenden
Kochinseln, wobei die eine
die Feuerstelle, die andere das Wasser beherbergt. Neben Herd und Spüle sorgt ein
modulares Schranksystem, versehen mit allerlei Lichtern und Lampen, für den nötigen
Stauraum. Eine fünf Meter lange Arbeitsfläche und ein Empfangsbereich für Gäste
komplettieren dieses stilvolle und höchst eigenwillige Designerstück.
Sharp Emperor –
Dialog mit dem Arzt
Dieser High-Tech-Sitz ist eine Art Diagnose-Stuhl, der es den Benutzern erlaubt,
mit Ärzten zu kommunizieren, die gerade nicht vor Ort sind. Die Station ist mit
verschiedensten Sensoren ausgestattet, die Blutdruck, Puls, Temperatur und vieles
mehr aufzeichnen und bei der Ferndiagnoseerstellung wichtige Fakten online an
den jeweiligen Arzt melden. Über dem Sitz befinden sich drei Monitore, auf denen
die Messwerte und weitere
relevante Informationen angezeigt werden. Patienten, die
sich den Arztbesuch ersparen
wollen oder ihre Mobilität
eingebüßt haben, sind mit
5000 Euro dabei.
2850 Milliarden Euro...
...wurden im Jahr 2013 für neue Technologien ausgegeben.
Damit haben die Experten des renommierten Forschungsinstituts Gartner ihre letzten Schätzungen zwar nach unten
korrigiert, dennoch ist die Summe immer noch beeindruckend. Der Gartner Worldwide IT Spending Forecast ist der
Frühindikator für Technologietrends im IT-Bereich.
Der erste „grüne
Hubschrauber“ der Welt
Der Volocopter von e-volo ist eine Luftfahrt-Revolution made in Germany.
Sicherer, einfacher und sauberer als gewöhnliche Hubschrauber, ist er ein
Quantensprung in der individuellen Fortbewegung. Der Volocopter ist ein
umweltfreundlicher und emissionsfreier Privathubschrauber, der nicht von
einem Verbrennungsmotor, sondern von 18 elektrisch betriebenen Rotoren
angetrieben wird. Das Team um den Software-Experten Stephan Wolf und
den Physiker Thomas Senkel hat im November den Jungfernflug absolviert.
Der Volocopter erzeugt keine Abgase und ist nach einer Pilotenausbildung „fly-by-Joystick“ zur fliegen. Überzeugend sind auch die niedrigen
Betriebskosten, der geringe Wartungsaufwand und das leise, vibrationsfreie Fliegen. Der innovative Helikopter erreicht eine Geschwindigkeit von
100 Stundenkilometer, hat Platz für zwei Personen und erreicht rasch eine
Höhe bis zu sieben Kilometern. In den kommenden Jahren soll die Serienproduktion vorbereitet werden.
Solar-Laptop
Der erste Solar-Laptop der Welt der Firma „Sol“ kann ausschließlich mittels
Sonnenenergie geladen werden. Er besitzt integrierte Solar-Paneele, die
man unterwegs ausklappen kann - eine klassische Ladebuchse gibt es nicht.
Damit ist der Neue von „Sol“ für Menschen in Entwicklungsländern, wo es
nicht an Sonnenstunden, wohl aber an Elektrizität mangelt, prädestiniert.
Der Markteintritt soll denn auch in Ghana erfolgen, der Preis wird um die 280
Euro liegen. Der Laptop ist schnell, hat eine 320-Gigabyte-Festplatte, eine
Grafikkarte, einen LCD-Bildschirm und eine 3-Megapixel-Kamera.
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