Zusammenfassung DA Philipp Aufenvenne

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Zusammenfassung der Diplomarbeit:
Im Schatten des Klimadeterminismus – eine Analyse der Wahrnehmung und
Interpretation des Klimawandels unter Studenten der Geographie
von Philipp Aufenvenne
Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit
Seit jeher sind Wetter und Klima für den Menschen von enormer Bedeutung. Es gibt kaum ein
Alltagsgespräch, das nicht mit einem Verweis auf das Wetter begonnen wird. In nahezu allen
Massenmedien finden sich Tag für Tag Vorhersagen über die Entwicklung des Wetters der
nächsten Tage. Neben diesem Alltagsinteresse für das Wetter ist das Klima seit Jahrtausenden
Gegenstand wissenschaftlicher Reflexion. Immer wieder haben Gelehrte oder Wissenschaftler
den Verdacht geäußert, dass das Klima Grundlage der menschlichen Zivilisation sei und sogar
ihre besonderen Formen hervorbringe.
Wer jedoch beispielsweise das Werk Der Selbstmord des Soziologen Emil Durkheim (zuerst
1897) kennt, dem ist die klassische, zum elementaren Paradigma der modernen
Sozialwissenschaften geronnene Argumentation vertraut, Soziales nur aus Sozialem zu erklären.
Anhand des Beispiels Selbstmord zeigt Durkheim auf, dass selbst scheinbar völlig individuelle
Handlungen soziale Phänomene sind und dass sich ihre Verteilung nicht auf physische oder
klimatische Ursachen zurückführen lässt.
Durkheims Arbeit hatte einen umfassenden Einfluss auf die weitere Entwicklung der modernen
Wissenschaften. Die Trennung von Natur- und Sozialwissenschaften wurde zum Grundgerüst
der Ausdifferenzierung des Wissenschaftssystems. Während die meisten wissenschaftlichen
Disziplinen diese Ordnung und Arbeitsteilung im Laufe des frühen 20. Jahrhunderts
verinnerlichten und umsetzten, zeigte die Geographie zunächst verständlicherweise kaum
Resonanz, war doch die Wirkung der physischen Umwelt auf die Gesellschaft und den
Menschen das Kern- und Gründungsthema dieser frühen wissenschaftlichen Disziplin (u.a.
Heinritz et al. 1996; Livingstone 1992). Mit großer Akribie widmete sich die Geographie
weiterhin einer Analyse des Klimas und dessen Auswirkungen auf Mensch und Gesellschaft. Mit
quantitativer Logik wurde dabei der Einfluss des Klimas mit dem Einfluss anderer natürlicher
Faktoren kombiniert. Es gab kaum gesellschaftliche, psychische oder gesundheitliche Aspekte
des menschlichen Lebens, die nicht ursächlich mit dem Klima in Verbindung gebracht wurden
(Stehr und von Storch 2009, 50f.).
Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs verlor der Klimadeterminismus und mit ihm die
Geographie schlagartig an Bedeutung. Die Nähe des Klimadeterminismus zu Rassentheorie und
Eugenik sorgte für eine moralische Diskreditierung. Im Zuge einer zunehmenden
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Ausdifferenzierung der Natur- und Sozialwissenschaften verlor der Klimadeterminismus
gleichzeitig an intellektuellem Reiz. Die Idee eines engen kausalen Zusammenhangs zwischen
Klima, Gesellschaft und Mensch erschien zunehmend als eine einfältige, schablonenhafte Sicht
der Welt. Auch in der Geographie setzte sich unter massivem Druck von Außen und Innen die
Trennung der beiden großen Wissenschaftshauptgruppen durch: Die Physische Geographie
wurde als Natur-, die Humangeographie als Sozialwissenschaft neu konzipiert. Das alte NaturMensch-Kernparadigma der Geographie wurde durch den Raum als eigenständiges
geographisches Forschungsobjekt ersetzt.
Seit nunmehr zwei Jahrzehnten ist das Thema Klimawandel auf seinem Marsch durch die
Institutionen. Obwohl die Theorie einer möglichen anthropogen bedingten globalen Erwärmung
bereits am Ende des neunzehnten Jahrhunderts wissenschaftlich diskutiert worden ist (u.a.
Arrhenius 1896), rückte das Thema erst in der Mitte der achtziger Jahre in den Fokus des
wissenschaftlichen und auch öffentlichen Interesses. Gleich von Beginn an wurde die
wissenschaftliche Debatte über die Existenz und das Ausmaß der globalen Erwärmung von
illustrativen Darstellungen möglicher ökologischer und gesellschaftlicher Klimafolgen begleitet.
Bereits 1986, im Jahr der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, prägte der Arbeitskreis Energie
(AKE) der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) den Begriff der Klimakatastrophe.
Diese Darstellungen fanden umgehend Eingang in die öffentliche und politische Diskussion,
wobei im Diskursverlauf eine weitere Dramatisierung und Zuspitzung erfolgte (Weingart et al.
2008). Durch die Intensivierung dieser Katastrophen-Semantik rückte die Erforschung der
Klimafolgen immer stärker in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses. Im Gewand der
Klimafolgenforschung erlebt der alte Klimadeterminismus seither eine Art Renaissance und
zwar zumeist als Wiederentdeckung der alten Denkweise.
Mittlerweile existieren unzählige Forschungsarbeiten, welche die möglichen Auswirkungen des
Klimawandels auf die Gesellschaft beschreiben. Die Spannweite der Arbeiten umfasst dabei
nahezu alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Ein Großteil dieser Arbeiten geht von
klimadeterministischen Prämissen aus: Um die gesellschaftlichen Folgen eines sich
verändernden Klimas berechenbar zu machen, wird lediglich das Klimasystem als variabel
modelliert. Der Klimawandel wird so dargestellt, als träfe er auf statische, unveränderliche
soziale und wirtschaftliche Realitäten. Die Folgen des Klimawandels werden so naturalisiert.
Im Rahmen dieses dominierenden Diskurses über den Klimawandel und dessen Folgen wird
auch das Verhältnis von Natur und Sozialem in jüngerer Zeit kontrovers diskutiert. Das eingangs
erwähnte Postulat Durkheims, Soziales nur aus Sozialem zu erklären, wird wieder zunehmend in
Frage gestellt. Da der Klimawandel ja selbst eine Nebenfolge des gesellschaftlichen
Modernisierungsprozesses sei, könne man ihn weder ganz der natürlichen, noch ganz der
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sozialen Welt zurechnen. Beim Klimawandel handle es sich vielmehr um ein hybrides Phänomen
aus Natur und Gesellschaft (Latour 1995), welches demnach auch die Grenzziehungen zwischen
Natur- und Gesellschaftswissenschaften verschwimmen lasse (Viehhöver 2008).
Während die meisten neueren Entwicklungen in den Geistes- und Sozialwissenschaften von der
Geographie nur sehr zögerlich aufgenommen wurden, fand das Konzept der Hybride hier sehr
rasch Anhänger (u.a. Turner 1997; Whatmore 2002), scheint es doch dem alten Mensch-UmweltKernthema neue Bedeutung zu geben. Auch die Diskussion um die Notwendigkeit einer
transdisziplinären Ausrichtung der Klimaforschung fand innerhalb des Faches großen Anklang.
In zahlreichen neueren geographischen Publikationen wird nun plötzlich stets wieder sowohl die
transdisziplinäre Ausrichtung als auch die besondere Kompetenz in Fragen zum Verhältnis von
Umwelt und Gesellschaft betont. Die Wiederentdeckung der Mensch-Natur-Thematik scheint
große disziplinpolitische Hoffnungen zu wecken. Meist geschieht dies jedoch ohne eine kritische
Reflexion der fachlichen, von klima- und geodeterministischen Theorien bestimmten
Vergangenheit.
Die zentrale Frage der Diplomarbeit war nun, ob sich dieser postulierte ganzheitliche Blick auch
auf die Art der Erklärungsmuster hinsichtlich des Klimawandels und der Klimafolgen auswirkt.
Während der Klimadeterminismus in den letzten Jahren seine Rückkehr auf die
wissenschaftlichen Bühnen fand, versäumte es die Geographie durch eine kritische Würdigung
der eigenen Fachgeschichte auf die Fallstricke und Schwachpunkte klimadeterministischer
Argumentation hinzuweisen. Stattdessen keimten neue fachpolitische Hoffnungen auf, die
Geographie könne endlich im Zuge der Klimafolgenforschung und anderer Probleme des
globalen Umweltwandels aus ihrem Schattendasein treten und neue gesellschaftliche Relevanz
erlangen.
Um diese Argumentation auch empirisch zu untermauern, nimmt meine Diplomarbeit daher die
Wahrnehmung und Bewertung des Klimawandels durch Studenten der Geographie in den Blick.
Im Mittelpunkt der Arbeit steht dabei die Frage, in welchem Ausmaß die Ideen des
Klimadeterminismus noch heute unter Geographiestudenten Anklang finden und wie diese
Vorstellungen davon beeinflusst werden, wie die Studenten das Fach Geographie einschätzen
und bewerten. Zur empirischen Untersuchung der Forschungsfragestellung, wie der
Klimawandel und die Klimafolgen von Studenten der Geographie wahrgenommen und
interpretiert werden, wurde ein gekoppeltes empirisches Design nach dem Prinzip der
Triangulation gewählt. Die Grundlage der Untersuchung bildete eine quantitative Befragung, die
von April bis Juni 2009 an den geographischen Instituten der Universitäten Bremen, Münster
und Osnabrück durchgeführt worden war. Ergänzt wurde dieses quantitative Vorgehen durch
qualitative Datenerhebungen, die etwa parallel am Geographischen Institut der Universität
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Osnabrück stattfanden. Für die qualitative Datenerhebung wurde die Methode der
Gruppendiskussionen angewendet. Dabei konnte deutlich gezeigt werden, dass der
Klimadeterminismus nach wie vor als wichtige Orientierungstheorie fungiert.
Wie diese kurzen Ausführungen bereits gezeigt haben, gibt es eine Reihe von Gründen, sich
erneut mit verschiedenen Formen des Klimadeterminismus zu beschäftigen. Aus einer
normativen Perspektive geht es darum, eine Wiederholung früherer Fehlinterpretationen und
gefährlicher
Vereinfachungen
in
einem
modernen
geographischen
Klima-
und
Georeduktionismus zu verhindern. Im Gegensatz zu den gängigen Darstellungen in den meisten
Vorlesungen und Seminaren zur geographischen Fachgeschichte zeigt die Diplomarbeit, dass der
Klimadeterminismus mehr ist als eine ideengeschichtlich überwundene Episode des
geographischen Denkens. Besonders in Anbetracht der durch den Klimawandel und anderer
drängender globaler Umweltprobleme legitimierten Forderung nach einer grundlegenden
Neuausrichtung
und
Überwindung der
tiefen
kulturellen
Teilung von
Natur- und
Sozialwissenschaften, sind deterministische Annahmen auf dem Weg, erneut wissenschaftliche
und gesellschaftliche Akzeptanz zu erlangen.
Neben diesen normativen Aspekten leistet diese Arbeit einen Beitrag zur Analyse der Expertenund
Laienwahrnehmung
des
Klimawandels.
Am
Beispiel
von
Geographie
und
Geographiestudenten werden die verschiedenen mentalen und symbolischen Formen der
Wahrnehmung, Deutung und Kommunikation der Folgen der Globalen Erwärmung aufgezeigt
und erläutert.
Zusammenfassung der Ergebnisse und ihre wissenschaftliche Relevanz
Um die wichtigsten Einzelschritte und Ergebnisse der Arbeit zu resümieren: In einem ersten
Schritt wurde zunächst die Hintergrundtheorie expliziert. Im Gegensatz zu den gängigen
Definitionen des Klimadeterminismus wurde der Begriff hier bedeutend weiter gefasst und damit
von einem linearen Erklärungsmodell in eine beobachtungsleitende Hintergrundtheorie
überführt. Daraufhin erfolgte eine recht umfangreiche historische Kontexterkundung zum
klimadeterministischen
Klimadeterminismus
Denken.
maßgeblich
Dabei
von
zeigte
einem
sich,
dass
zyklischen,
die
Entwicklung
des
alltagsweltlich-szientifischen
Transformationsprozess geprägt wurde:
Ausgehend von seinen antiken Wurzeln wurde der Klimadeterminismus schnell zu einer
gängigen Alltagstheorie der alteuropäischen Eliten. Die wissenschaftliche Geographie nahm
diese Alltagstheorie auf und machte sie im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu ihrem ersten und
bislang einzigen disziplinären Kernparadigma. Ein Blick auf einige Gründerväter und einige
Gründertexte der modernen Geographie veranschaulichte die enorme Bedeutung, die der
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Klimadeterminismus für die Etablierung der wissenschaftlichen Geographie besaß. Nach dem
zweiten Weltkrieg verloren der Klimadeterminismus und damit die Geographie abrupt ihre
wissenschaftliche Reputation. Nach und nach wurde der Klimadeterminismus aus der
Wissenschaft im Allgemeinen und mit etwas Verzögerung auch aus der Geographie verdrängt,
ohne jedoch seine alltagsweltliche Relevanz einzubüßen.
Daraufhin wurde dann der enge Rahmen der Geographie und der geographischen Theorie- und
Ideengeschichte wieder überschritten. Die zuvor herausgearbeiteten theoretischen und
historischen Aspekte wurden hier in ihren weiteren gesellschaftlichen Kontext gestellt und um
einige
konstruktivistische
Grundannahmen
ergänzt.
Es
wurde
gezeigt,
wie
der
Klimadeterminismus im Rahmen wissenschaftlicher und alltagsweltlicher Diskussionen über die
Existenz und die Bedeutung der Globalen Erwärmung erneut an gesellschaftlichem Einfluss
gewinnen und sogar – über die Klimafolgenforschung – erneut Eingang in die szientifische
Theoriebildung finden konnte.
Anhand der Darstellung des Klimawandels als soziale Konstruktion wurde schließlich die
Grundlage für den empirischen Teil der Arbeit gelegt. Das Bild, das sich schließlich auf der
Grundlage der Ergebnisse der empirischen Erhebung ergibt, lässt sich folgendermaßen
beschreiben:
Der Klimadeterminismus bildet für die Geographiestudenten noch immer eine wichtige
Orientierungstheorie. Die Wahrnehmung des Klimawandels erfolgt zumeist aus einer stark
naturalistischen Perspektive; das heißt, das Klima wird von den Studenten zumeist als
eigenständige und unabhängige Entität aufgefasst und in der Regel als prägender erachtet als
soziale Gegebenheiten und Prozesse. Besonders für die Interpretation des Klimawandels
fungieren
die
verschiedenen
Spielarten
des
Klimadeterminismus
noch
vielfach
als
beobachtungsleitende Hintergrundtheorien. Dabei rekurrieren die Studenten allerdings weniger
auf klassische klimadeterministische Grundannahmen im Sinne stringenter Ursache-WirkungsGefüge, sondern vielmehr auf vage und moralisch verbrämte Vorstellungen, die sich dem
diffusen und freiwilligen Klimadeterminismus zuordnen lassen. Besonders die Vorstellung, dass
es ein natürliches Gleichgewicht zwischen klimatischen und gesellschaftlichen Entwicklungen
gäbe, bildet für die Studenten eine wichtige Bewertungsgrundlage. Auch viele andere mit Sinn
beladene alltagsweltliche Ansichten zu Klima und Wetter, vielfach klimadeterministischer
Provenience, tauchen in der Wahrnehmung des Klimawandels immer wieder auf.
Zusammengefasst stellen sich die Ergebnisse der empirischen Untersuchung wie folgt dar:
Die Geographiestudenten beschreiben den Klimawandel in einer doppelten Distanzierung. Für
viele Studenten erscheint der Klimawandel räumlich und zeitlich zu weit entfernt, um ein
direktes Gefährdungsgefühl auszulösen. Die generelle Besorgnis, die mit dem Begriff
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Klimawandel verbunden wird, wird daher auf fremde Räume und Regionen projiziert und
mündet schließlich in der bereits dem klassischen Klimadeterminismus immanenten Annahme,
das eigene Klima sei dem fremder Regionen überlegen. Diese Annahme zieht sich schließlich
wie ein roter Faden durch alle weiteren Aspekte der Wahrnehmung des Klimawandels.
Da es kaum persönliche Betroffenheit gibt, sehen die Geographiestudenten die direkten Folgen
der Globalen Erwärmung entsprechend zunächst für die Natur, die Entwicklungsländer und für
kommende Generationen. Die im Einzelnen angenommen Klimafolgen sind dabei ein Widerhall
der medialen Berichterstattung. Insbesondere für die Entwicklungsländer malen die
Geographiestudenten detailliert mögliche Klimafolgen aus und argumentieren dabei sehr häufig
im Sinne des diffusen und freiwilligen Klimadeterminismus. Drastische gesellschaftliche
Folgewirkungen werden naturalisiert und im Sinne von Naturkatastrophen beschrieben. Für
Deutschland und die eigene Region wird kaum von direkten und negativen Klimafolgen
ausgegangen.
Die Vorstellung, dass der Klimawandel neben Verlierern auch Gewinner hervorbringen könnte,
wird von den meisten Studenten abgelehnt oder zumindest mit großen Vorbehalten versehen.
Vor dem Hintergrund plakativer Gleichgewichtsvorstellungen erscheint jede Klimaveränderung
per se als negativ. Die wenigen positiven Folgen, die von den Geographiestudenten für möglich
gehalten werden, werden – im Gegensatz zu den negativen Folgen – daher besonders auf
gesellschaftliche Entwicklungen zurückgeführt. Zugespitzt formuliert: Verlierer werden
naturalisiert und Gewinner vergesellschaftet.
Im Umgang mit dem Klimaproblem empfehlen die Geographiestudenten einen Mix aus
Anpassungs- und Verhinderungsstrategien. Obwohl den Adaptionsbemühungen insgesamt
größere Erfolgsaussichten beigemessen werden, favorisieren die Studenten zumeist dennoch
Maßnahmen zur Verhinderung des Klimawandels. Als Begründung führen die Studenten hier
überwiegend moralische Argumente an. Die Argumentationsweisen lassen sich dabei häufig dem
freiwilligen Klimadeterminismus zuordnen.
Obwohl die Geographiestudenten insgesamt über detailliertes wissenschaftliches Wissen über
den Klimawandel verfügen, spielen alltagsweltliche Sichtweisen und Sinnzuschreibungen bei der
Wahrnehmung des Klimawandels eine bedeutende Rolle. Insbesondere latent deterministische
Sinnzuschreibungen finden unter den Studenten hohe Zustimmung.
Im Einklang mir der Außendarstellung der Geographie betonen auch die Studenten einstimmig
den
ganzheitlichen
und
transdisziplinären
Charakter
der
Geographie.
Für
alle
Geographiestudenten stellt die Geographie noch immer eine fachliche Einheit dar. Diese
Einschätzungen spiegeln sich insgesamt auch in der Art und Weise wider, wie die Studenten den
Klimawandel wahrnehmen und interpretieren. Durch das stetige Insistieren auf die Einheit der
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Geographie, scheinen sich m.E. klimadeterministische Denkweisen strukturell in der Geographie
zu verankern.
Inwieweit die im empirischen Teil beschriebenen und analysierten Muster der Wahrnehmung des
Klimawandels nun spezifisch geographische Aspekte darstellen, lässt sich auf der Grundlage der
erhobenen Daten nicht beantworten. Hier wäre es sicherlich eine interessante Aufgabe für einen
Sozialwissenschaftler, empirisch zu erforschen, in welchem Ausmaß die Ideen des
Klimadeterminismus auch im Alltagsdenken vorhanden sind. Des Weiteren wäre es m.E.
sinnvoll, klimadeterministische Vorstellungen einmal losgelöst von der Wahrnehmung des
Klimawandels und damit gezielter zu untersuchen, um so z.B. die Zusammenhänge zwischen
Klimadeterminismus und genetischem Determinismus oder, in Anlehnung an die Cultural
Theory (Thompson et al. 1990), zwischen Klimadeterminismus und alltagsweltlichen
Naturvorstellungen eruieren zu können. Auch die Frage, wie die Geographie von außen und
innen gesehen wird und wie ihre Stärken und Schwächen sowie Zukunftsaussichten eingeschätzt
werden, wäre m.E. eine eigenständige empirische Erhebung wert.
Losgelöst vom Klimadeterminismus und bezogen auf die allgemeine Erforschung der
Laienwahrnehmung des Klimawandels bildete insbesondere die Fragebogenerhebung, aufgrund
ihrer Fokussierung auf Klimafolgen und ihrer räumlich differenzierten Fragestellungen, eine
sinnvolle und nützliche Erweiterung. Speziell die räumlich differenzierten Fragestellungen
ließen sich sicherlich auch fruchtbar auf künftige Arbeiten zum Klimabewusstsein oder auf
empirische Untersuchungen zur Risikoperzeption anwenden. Interessant wäre es, zu erforschen,
ob sich die hier zutage getretenen Wahrnehmungsmuster auch in ähnlicher Form in anderen
kulturellen Kontexten, bspw. in den Ländern des Südens, finden ließen.
Die Ergebnisse dieser Arbeit haben auch unmittelbare Konsequenzen für eine sinnvolle
Klimafolgenforschung und eine Zeitgemäße Geographie:
Die Klimafolgenforschung muss weiter denaturalisiert werden. Rein naturwissenschaftliche
Szenarien können keine vernünftigen und sinnvollen Abschätzungen hinsichtlich sozialer
Prozesse liefern, da die wichtigsten Faktoren, nämlich die dynamische Entwicklung von
Gesellschaft und technologische Innovationen, unberücksichtigt bleiben. Nicht nur die künftige
Klimaentwicklung,
auch
die
gesellschaftlichen
Entwicklungslinien
sind
mit
großen
Unsicherheiten verbunden. Wie der einleitende Verweis auf Durkheim illustriert, wurden aus den
sozialwissenschaftlichen
Diskursen
daher
auch
all
jene
theoretischen
Perspektiven
ausgeklammert, die sich unmittelbar auf den Einfluss natürlicher Faktoren bezogen. Und für
diesen Ausschluss gab es damals und gibt es auch heute m.E. gute Gründe. Konkrete natürliche
Faktoren
verhalten
sich
schlicht
inkompatibel
zu
den
Erkenntnisgegenständen
der
Sozialwissenschaften: Sinn und Materie, also Soziales und Physisches, sind nicht identisch und
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lassen sich auch nicht direkt aufeinander beziehen. Eine Zusammenführung von Natur und
Gesellschaft im sozialwissenschaftlichen Diskurs, wie es bisweilen gebetsmühlenartig gefordert
wird, ist demnach nur dann sinnvoll und weiterführend, wenn dabei der Zugkraft des
Naturalismus widerstanden wird. Viele der vermeintlich innovativen Ansätze, die vorgeben, die
tiefe Spaltung und den Dualismus von Gesellschaft und Natur überwinden zu können, erscheinen
bei genauerem Hinsehen vielfach als Reartikulation überwunden geglaubter Theorien.
Ähnliches gilt auch für die Geographie, welche ihre disziplinpolitischen Hoffnungen nicht allzu
sehr in einem neuen, unkritischen Aufguss alter, vermeintlich integrativer Ansätze suchen sollte.
Es mag verständlich sein, dass die Geographie versucht, durch die Betonung von
Transdisziplinarität und Ganzheitlichkeit eine bessere Position im Gefüge der Wissenschaften zu
erreichen. Allerdings wird das Insistieren auf einer Einheitsgeographie weder die physische noch
die humanwissenschaftliche Geographie voranbringen können, sondern der universitären
Geographie auf Dauer einen Bärendienst erweisen. Wie zahlreiche Beispiele zeigen, können
sowohl die sozialwissenschaftliche Geographie als auch die physische Geographie durchaus –
auch ohne jedwede integrative Perspektive – jeweils wichtige Beiträge zur Klimaforschung
leisten. Der überwiegend unkritische Umgang mit der eigenen Fachgeschichte muss dazu
allerdings überwunden werden.
Die geographische Mensch-Umwelt-Forschung steht dabei vor der Aufgabe, den Natur- und den
Klimabegriff in rein sozialwissenschaftlichen Diskursen neu zu bestimmen. Klima und
Klimawandel sind keine primär naturwissenschaftlichen Probleme, sondern müssen auch stets
konstruktivistisch, sozialwissenschaftlich behandelt werden
Literatur
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Kohlendioxidproblem. In: Physikalische Blätter, 39, 9-10.
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Heinritz, G.; Sandner, G. und Wiessner, R. (Hg.) (1996): Der Weg der deutschen
Geographie. Rückblick und Ausblick. Stuttgart: Steiner.
Latour, B. (1995): Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie.
Frankfurt a. M: Fischer.
Livingstone, D. N. (1992): The Geographical Tradition: Episodes in the History of a Contested
Enterprise. Oxford: Blackwell.
Stehr, N. und von Storch, H. (2009): Climate and Society. Climate as Ressource, Climate as
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Thompson, M; Wildavsky, A. B. und Ellis, R. J. (1990): Cultural Theory. Boulder: Westview
Press.
8
Turner, B. L. (1997): Spirals, Bridgers and Tunnels: Engaging Human-Environment
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Viehöver, W. (2008): CO2-Moleküle und Treibhausgesellschaften: Der Globale Klimawandel
als Beispiel für die Entgrenzung von Natur und Gesellschaft in der reflexiven Moderne. In:
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Weingart, P.; Engels, A. und Pansegrau, P. (2008): Von der Hypothese zur Katastrophe. Der
anthropogene Klimawandel im Diskurs zwischen Wissenschaft, Politik und Massenmedien.
Opladen: Budrich, 2. leicht veränderte Auflage.
Whatmore, S. (2002): Hybrids Geographies. Rethinking. Natures – Cultures – Spaces. London:
Sage Publications.
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