Aktuelle Therapie

Werbung
86i
Brüchle u. a.: Behandlung der tiefen Infektionen der Hand
Aktuelle Therapie
Redaktion:
Prof. Dr. H. Hornbostel, Hamburg
Prof. Dr. W. Kaufmann, Köln
Prof. Dr. W. Siegenthaler, Zürich
Dtsch. med. Wschr. 101 (1976), 861-863
© Georg Thieme Verlag, Stuttgart
Die tiefen Infektionen der Hand
und ihre Behandlung
Ausgedehnte Verletzungen der Hand, aber auch kleine,
bedeutungslos erscheinende Bagatellwunden können zu
schweren Entzündungen führen. Man unterscheidet zwischen lokalisierten und fortschreitenden Eiterungen:
begrenzt
fortschreitend
kutan
subkutan
Sehnenscheidenphlegmone
Phlegmonen in den Faszienräumen
Kragenknopfabszeß
Furunkel Streckseite
Gelenknfektion
Osteomyelitis
H. Brüchle, P. Brüser und H. W. Bayer
Il. Chirurgischer Lehrstuhl der Universität Köln in den
Städtischen Krankenanstalten Köln-Merheim
(Direktor: Prof. Dr. W. Schink)
scheide in leichter Beugestellung. Jeder Bewegungsversuch ist schmerzhaft. Die aktive und passive Beugung
und Streckung des betroffenen Fingers ist schmerzhaft
eingeschränkt. Bei der Untersuchung findet sich ein typischer Druckschmerz über der befallenen Sehnenscheide.
Tab. 1. Entstehungsursachen der Handphlegmonen (II. Chirurgische
Universitätsklinik Köln-Merheim, 1963-1975)
Entstehungsmechanismus
Lokalisation
n
Sehnenscheidenphlegmone
38
27
4
3
19
19
12
7
4
V-Phlegmone
Hohlhandphlegmone
Die einzelnen Formen können ineinander übergehen.
Bei der Auswertung von 87 tiefen Handphlegmonen
fanden wir die in Tabelle 1 aufgeführten Entstehungs-
möglichkeiten.
Die eitrige Tenosynovitis geht mit Fieber und Schüttelfrost einher. Im Anfangsstadium sind der Sehnenscheidenkanal und der Sehnensack betroffen, die Sehne
selbst ist unverändert. Der erkrankte Finger ist gerötet
und geschwollen und steht zur Entlastung der Sehnen-
Handrückenphlegmone
Phlegmone im
Paronaschen Raum
Phiegmone im Karpaltunnel
Unterarmphlegmone
Biß
fortgeleitet
S
2
4
-
-
1
-
-
-
1
4
1
-
-
3
4
1
-
-
3
6
-
-
-
6
Stich Schnitt
.
Schreitet die Eiterung fort, dann entsteht eine VPhlegmone, eine Hohlhandphlegmone, ein Gelenk-
Heruntergeladen von: Thieme E-Books & E-Journals. Urheberrechtlich geschützt.
Nr. 22, 28. Mai 1976, 101. Jg.
Deutsche Medizinische Wochenschrift
Brüchle u. a.: Behandlung der tiefen Infektionen der Hand
empyem (Fingergelenke) oder eine Osteomyelitis (Phalangen).
Der radiale und der ulnare Sehnenscheidensack stehen
am Handgelenk in Verbindung. Deshalb reicht am
Daumen und Kleinfinger der Druckschrnerz von der
Endgelenksbeugefurche bis zum Handgelenk. Die Literung in beiden Sehnenscheidensäcken wird gekreuzte
oder V-Phlegmone genannt. Eine weitere Kommunikation besteht zwischen dem ulnaren Sehnenscheidensack
und dem Handgelenksbinnenraum über dem Os hamaturn. Eine Ausbreitung der Entzündung ist in den Paronaschen Raum, zum Unterarm und in die karpalen
Handgelenksspalten möglich. Eine frühzeitige Inzision
vermeidet diese Komplikationen; wenn die Sehnen von
der Eiterung erfaßt und verändert sind, erlöschen die
Funktionen. Im Endstadium kommt es zur Abstoßung
der Sehnen als grünlich-grauer Sehnensequester.
Eiterungen im Paronaschen Raum entstehen beim
Durchbruch von Phlegmonen aus den Sehnenscheidensäcken und aus dem Handgelenk. Der Eiter befindet
sich zwischen dem M. pronator quadratus und den tiefen Beugesehnen der dreigliedrigen Finger. Klinisch
findet sich eine Beugestellung der Gelenke mit Rötung,
Schwellung und Druckschmerzhaftigkeit über dem distalen Unterarmdrittel.
Eiterun gen in den Faszienräumen der Hohihand entstehen in der Hohlhand als Folge einer direkten Verletzung oder als fortgeleiteter Prozeß nach einer Sehnenscheidenphlegmone. Die Infektion wird angetroffen
im subkutanen Hohlhandraum (zwischen der Haut
und Palmaraponeurose),
im oberflächlichen Hohlhandraum (zwischen der
Palmaraponeurose und den Beugesehnen),
im tiefen Hohlhandraum (zwischen den Beugesehnen und der Interosseus-Muskulatur und den Adduktoren),
im Thenarraum (über den Adduktoren des Daumens und dem ersten Zwischenfingermuskel),
im Hypothenarraum.
Am Handrücken werden die Eiterungen im Unterhautfettgewebe oder zwischen der oberflächlichen und
der tiefen Handrückenfaszie angetroffen. Eine Ausbreitung der Infektion bis zu den Zwischenfingerfaiten ist
möglich. Eine nicht frühzeitig behandelte Eiterung in
den Faszienräumen der Hohlhand und im Paronaschen
Raum kann über die anatomisch präformierten Kanäle
auf den Unterarm übergreifen. Sie äußert sich in
schmerzhafter Schwellung mit Rötung, Funktionseinbuße des Handgelenkes. Bei lange bestehender Infektion
kann eine Fluktuation nachweisbar sein.
Fremdkörper. Kleine, in die Haut unbemerkt eingedrungene Fremdkörper und bei der Wundversorgung
unentdeckt gebliebene Splitter führen zu Eiterungen.
Splitter von präparierten oder fetthaltigen exotischen
Holzarten (Teak) lösen meist unangenehme und langwierige Infektionen aus. Bei der Keirnbestirnmung aus
dem im Wundabstrich gewonnenen Material fanden
wir bei 59 Erkrankten Staphylokokken, bei 20 Streptokokken und bei 8 Mischinfektionen.
Therapie der Infektionen
und der Osteomyelitis der Hand
Die Eröffnung eines Eiterherdes an der Hand erfolgt
in Voilnarkose, falls der Prozeß das End- oder Mittelglied überschritten hat. Eine pneumatische Blutsperre
wird angelegt, jedoch ohne Auswicklung der Hand und
des Armes. Besteht eine Lymphangitis, so sollte man
auf jegliche Blutsperre verzichten. Bei allen schweren Infektionen werden gezielt Antibiotika nach Austestung
der Erreger verabfolgt.
Schnittführungen. An den Fingergliedern legen wir die
Eiterherde mit medio-lateralen Inzisionen oder, wenn
der ganze Sehnenverlauf überblickt werden soil, nach
dem Vorschlag von Bruner frei. Mediane Längsschnitte,
welche die Beugefurchen senkrecht kreuzen, führen später zur Beugekontraktur. Dieser Schnitt ist daher nur
zulässig, um eine subkutane, auf ein Fingerglied begrenzte Eiterung zu eröffnen. In der Hohlhand folgen die
Schnitte dem Verlauf der Beugefurchen. Bei ausgedehnter Infektion in der Hohlhand kann auch hier zum besseren Cberblick über dem befallenen Sehnenscheidenkanal die VW-Inzision (Bruner) empfohlen werden. Gegeninzisionen und Gummilaschen zum Sekretabfluß sind
erforderlich. Tamponaden führen stets zum Sekretstau.
Sie sollten unterbleiben.
Tab. 2. Ergebnisse der Spülbehandlung bei Sehnenscheidenphlegmonen (1963-1975)
Lokalisation
Sehnenscheidenphlegmone
V-Phlegmone
volle Funktion
Finger
schlechte
bis keine
Funktion
reduzierte
Funktion
38
29
7
2
4
2
2
-
n
volle
Funktion
= uneingeschränkte Beugung und Streckung der
reduzierte Funktion = Bewegungsverminderung der Finger bis zu
einem Fingerkuppen-Hohlhandmitte-Abstand und Fingerkuppen-Handrückenebenenabstand von je 5 cm
schlechte bis keine Funktion = alle Bewegungsverluste, welche darüber hinausgehen
Behandlung der Sehnenscheidenphlegmone
Entscheidend ist die Frühinzision. Wir benutzen seit
1963 fast ausschließlich das Spülverfahren der Sehnenscheiden.
In pneumatischer Blutsperre gehen wir parallel zur
proximalen Hohlhandbeugefalte ein (3 cm .Länge). Die
Gefäßnervenbündel des infizierten Fingers werden aufgesucht. Bei Eröffnung der Sehnenscheide entleert sich
trübe Flüssigkeit. Die Sehnenscheide wird gefenstert,
um ein Verkleben zu verhindern. ist die Verletzungsstelle erkennbar, dann wird sie ebenfalls ausgeschnitten.
Die Sehnenscheide wird eröffnet und gefenstert. Am
Grund-, eventuell auch am Mittelglied wird von zwei
medio-lateralen Inzisionen gleichsinnig vorgegangen.
Bei fortgeschrittener phlegmonöser Eiterung ist der
Heruntergeladen von: Thieme E-Books & E-Journals. Urheberrechtlich geschützt.
86z
Schnitt nach Bruner mit ausgedehnter Resektion der
Sehnenscheiden zu empfehlen. Von proximal nach distal
bringen wir einen U-Katheter ein und spülen die Sehnenscheide mit S ml einer antibiotischen Lösung (zum
Beispiel Nebacetin) durch. Diese Spülung führt man
dreimal täglich für S-7 Tage fort. Ein Abstrich wird
zur bakteriologischen Untersuchung eingeschickt. Schließlich befestigen wir den U-Katheter mit Pflasterstreifen
in der Hohihand, legen einen elastischen Verband an
und stellen mit einer dorsalen Unterarmgipslonguette,
die durch eine Drahtleiterschiene für den verletzten Finger vervollständigt wird, für 2 Wochen ruhig.
Da die Spülbehandlung sehr schmerzhaft ist, sollte
man eine 0,5% ige Mepivacain-(Scandicain®-)Lösung
(1 ml) aufS ml Nebacetin-Lösung zusetzen.
Unsere Ergebnisse mit der Spülbehandlung der Sehnenscheidenphlegmonen sind in Tabelle 2 wiedergegeben.
Eiterungen im Paronaschen Raum werden von zwei
Schnitten zwischen dem Radius und dem M. brachioradialis sowie zwischen der Ulna und dem M. flexor
carpi ulnaris angegangen. Mit der Kornzange dringt
man- bis auf den Eiterherd vor und zieht in querer Richtung eine Gummilasche ein. Zusätzliche Inzisionen am
Unterarm können bei fortgeschrittenen Prozessen erforderlich sein.
Eiterung in den Faszienräumen der Hohihand. Bei
der subkutanen Handphlegmone legt man die Inzision
über dem Punkt der stärksten Rötung und Schwellung
parallel den Handfurchen. Die oberflächliche und die tiefe
Hohlhandphlegmone werden durch bogenförmige
Hautschnitte und Spaltung der Palmaraponeurose eröffnet. Bei einer Eiterung im Thenarraum erfolgt die
Inzision parallel dem Daumenballen und dorsal bogenförmig über dem radialen Rand des Interosseus I. Am
Kleinfingerballen ist eine Längsinzision mit Spaltung
der Faszie ausreichend.
Handrücken phiegmonen. In diesem Bereich legen wir
an beiden Seiten der Strecksehnen leicht bogenförmige
Schnitte, eine Gummilasche wird durchgeführt und gewährleistet den Sekretabfluß. Bei gleichzeitiger Infektion der Zwischenfingerfalten oder einer Hohlhandphlegmone sind Gegeninzisionen erforderlich.
863
Brüchle u. a.: Behandlung der tiefen Infektionen der Hand
Unsere Ergebnisse nach früher Inzision tiefer Eiterungen der Hand gehen aus Tabelle 3 hervor.
Tab. 3. Ergebnisse nach Inzision von tiefen Eiterungen der Hand
(1963-1975)
Lokalisation
Hohlhandphiegmone
Handrückenphlegmone
n
volle
Funktion
reduzierte
Funktion
keine
Funktion
19
17
2
-
12
11
1
-
6
S
1
-
4
4
-
-
4
3
1
-
Unterarm-
phiegmone
Phiegmone im Paronaschen Raum
Phlegmone im
Karpaltunnel
Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß bei
allen Infektionen der Hand die frühzeitige Erkennung
und Eröffnung des Eiterherdes für das Schicksal der
Hand entscheidend ist. Länger bestehende Infektionen
führen regelmäßig zu einer Verminderung der Gebrauchsfähigkeit der Hand, im Extremfall zur vollständigen » Handruine«. Alle fortgeschrittenen Infektionen
bedürfen einer stationären Behandlung.
Literatur
Blümel, G., H. Millesi: Zur Behandlung der eitrigen Entzündungen
im Bereiche der Hand. Wien. med.
Wschr. 117 (1967), 215.
Böhler, J.: Zur Diagnose und
Therapie von Weichteilinfektionen
der Hand. In: Contzen, R., W. Ateos
(Hrsg.): Verhandlungen der Deutschen
Gesellschaft für Unfallheilkunde, Versicherungs., Versorgungs- und Verkehrsmedizin, 34. Tagung. Hefte zur Unfallheilkunde, H. 107 (Springer: BerlinHeidelbergNew York 1971), 221.
)3) Entin, M. A.: Infection of the hand.
Surg. Clin. N. Amer. 44 (1964), 981.
(4) Flynn, J. E.: Modern consideration
of major hand infections. New Engl.
J. Med. 252 (1955), 605.
)5) Kühn, H. G.: Infektiöse Komplikationen bei Handverletzungen. Chir.
plast. et reconstr. 6 (1969), 54.
Nigsr, H.: Therapie der Handinfektionen und -verletzungen. Schweiz.
med. Wschr. 86 (1956), 1277.
Schink, W.: Pyogene Infektionen
der Hand. Chirurg 42 (1971), 356.
Zittel, R. C.: Bedeutung der
Sehnenscheidenspüldrainage bei Sehnenverletzungen der Hand. Chir. plast. et
reconstr. 6 (1969), 59.
Prof. Dr. H. Brüchle, Dr. P. Brüser, Dr. H. W. Bayer
II. Chirurgischer Lehrstuhl der Universität
Städtische Krankenanstalten Köln-Merheim
5000 Köln 91, Ostmerheimer Str. 200
Heruntergeladen von: Thieme E-Books & E-Journals. Urheberrechtlich geschützt.
Nr. 22, 28. Mai 1976, 101. Jg.
Herunterladen