VELUX Daylight and Architecture Ausgabe 16

Werbung
DAY
A LIGHT & ARCHITECTURE ARCHITEKTURMAGAZIN VON VELUX
HERBST 2011 AUSGABE 16 10 EURO
LEBENSZYKLEN
HERBST 2011 AUSGABE 16 LEBENSZYKLEN
DAY
A LIGHT & ARCHITECTURE ARCHITEKTURMAGAZIN VON VELUX
VELUX
EDITORIAL
LEBENSZYKLEN
Wenn uns die Ereignisse der vergangenen
Jahre eines vor Augen geführt haben, dann dieses: Die Zukunft lässt sich nicht voraussagen.
Jede noch so genaue Analyse von Vergangenheit und Gegenwart bewahrt uns nicht vor Fehleinschätzungen der eigenen Zukunft. Das gilt
auch und gerade für Gebäude – doch gerade
diese Unsicherheit macht eine Beschäftigung
mit ihren Lebenszyklen so interessant.
Gebäude und ihre Bewohner durchlaufen
einen gemeinsamen, fortlaufenden Zyklus des
Lernens, Wohnens, Planens und Sanierens.
Auch Daylight/Architecture 16 gliedert sich
daher in drei Abschnitte, die sich den Themen
‚Lernen’, ‚Wohnen’ und ‚Planen’ widmen.
Im ersten Abschnitt, ‚Vom Leben lernen’,
beschreiben Juhani Pallasmaa, Adam Sharr
und Adrian Forty mit den Fragen, wie Gebäude
und ihre Nutzer zusammenfinden, wie ein Haus
zur Heimat für den Menschen wird und wie es
dessen Leben in allen Phasen des Bewohnens
und Alterns bereichern kann.
Jedes Gebäude altert unterschiedlich. Die
einen gleichen einem Strauß von Schnittblumen: Sie bieten für kurze Momente ein Feuerwerk fürs Auge und verwelken bald darauf.
Andere Gebäude wiederum erblühen erst im
Laufe ihrer Nutzung zu vollem Leben. Würdevoll tragen sie die Spuren ihres Alters und bieten dem Leben in all seiner Unvollkommenheit
Raum. Michael Weselys Fotografien von Blumensträußen auf den kommenden Seiten sind
eine treffende Metapher hierfür: Sie zeigen
verwelkende Schönheit, aufgenommen über
mehrere Tage hinweg – gleichsam eine radikale
Beschleunigung der ‚Still’leben des 17. Jahrhunderts mit zeitgenössischen Mitteln.
Für den zweiten Abschnitt dieser Ausgabe,
‚Nachhaltig wohnen’ haben unsere Autorinnen
Anneke Bokern, Karine Dana und Amelie Osterloh drei Gebäude in Europa kurz vor, während
und nach ihrer Sanierung aufgesucht und mit
den Bewohnern gesprochen. Dabei standen
für sie weniger technische und ästhetische
Aspekte im Vordergrund, sondern das Kalei-
doskop des Lebens, das sich in diesen Gebäuden ohne jede Einwirkung eines Architekten
oder Planers entfaltet. Die Spuren der Erinnerung, die Veränderung der Gebäude und
Stadtquartiere im Laufe der Jahrzehnte, die
Zukunftshoffnungen, die die Bewohner an die
Sanierungen knüpfen – all dies waren zentrale
Themen in den Interviews.
Der dritte Abschnitt von Daylight/
Architecture 16, ‚Lebenszyklen planen’, thematisiert ein Dilemma, das Stewart Brand in
seinem Buch ‚How Buildings Learn’ so umrissen hat: „Alle Gebäude sind Prognosen. Alle
Prognosen sind falsch.“ Weitsichtige Investoren und Planer haben dies inzwischen erkannt
und begonnen, für eine ungewisse Zukunft
zu planen. Sie statten ihre Gebäude, um es in
den Worten Rem Koolhaas’ auszudrücken, mit
„überschüssiger Kapazität” aus, die sich räumlich, konstruktiv und nicht selten auch atmosphärisch manifestiert.
Doch solche Gebäude sind selten, weil
kostspielig – und sie befreien uns nicht von
der Notwendigkeit, Gebäude und ihren Alltagsgebrauch durch die Bewohner wesentlich
genauer zu beobachten als bisher. Mit dieser
Einsicht und mit dem Interview mit Fionn Stevenson und Bill Bordass am Ende dieses Hefts
schließt sich der Kreis: Auf jede Planung muss
eine Phase des Bewohnens, Beobachtens und
Lernens folgen, bevor es an die Planung des
nächsten Neu- oder Umbaus geht.
Monitoringprogramme und Nutzerfeedback sind daher auch ein wichtiger Bestandteil des Programms ‚Model Home 2020’ der
VELUX Gruppe, aus dem wir in dieser Ausgabe
von Daylight/Architecture das LichtAktiv Haus
in Hamburg vorstellen. Denn erst wenn diese
Lernprozesse überall stattfinden und das daraus gewonnene Wissen weitergegeben wird,
können wir Anspruch darauf erheben, wirklich
nachhaltige Gebäude zu schaffen.
Viel Spaß bei der Lektüre!
VELUX
1
HERBST 2011
10
17
ZU HAUSE
IN DER ZEIT
WOHNEN MIT
MARTIN HEIDEGGER
Ob Gebäude in Würde altern und wie
sie die Sinne ansprechen, ist maßgeblich für ihre langfristige Überlebensfähigkeit. In seinem Beitrag übt
Juhani Pallasmaa scharfe Kritik an
den visuellen Reinheitsgeboten der
Moderne und plädiert für eine Architektur, die das Leben mit all seiner Unvollkommenheit ernst nimmt.
Martin Heidegger gehört zu den von
Architekten meistzitierten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Doch
wie relevant sind seine Ansichten
heute noch, da der Massen-Wohnungsbau längst seinen Siegeszug um die Welt angetreten hat?
Sie sind hochgradig aktuell, glaubt
Adam Sharr: Nur wo das Bauen mit
dem Wohnen – und mit der Lebenserfahrung und Wahrnehmung des
Einzelnen – verbunden bleibt, können Häuser zur Heimat für Menschen
werden.
AUSGABE 16
INHALT
VELUX Editorial
Inhalt
VOM LEBEN LERNEN
Zu Hause in der Zeit
Wohnen mit Martin Heidegger
Das Leben des Nutzers
NACHHALTIG WOHNEN
Montfoort
Paris
Hamburg
LEBENSZYKLEN PLANEN
Zeitbasierte Architektur und Mischnutzung
Auch schlechte Nachrichten können wertvoll sein
Multioptionales Wohnen
10
2
2
4
9
10
17
23
28
32
56
72
96
100
109
119
17
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
23
32
56
72
DAS LEBEN DES
‚NUTZERS’
MONTFOORT
PARIS
HAMBURG
Lange Zeit galt der ‚Nutzer’ in der
Architektur als Teil einer anonymen
Masse, deren statistisch ermittelte
Bedürfnisse es zu befriedigen galt.
Das hat sich geändert, schreibt Adrian Forty in seinem Beitrag: Schon
immer hatten die Bewohner aktiven
Anteil an der Produktion, Aneignung
und Zerstörung von Gebäuden. Inzwischen wird diese Tatsache auch
von Architekten und Wohnungsbaugesellschaften beherzigt.
Zehn Reihenhäuser, die stellvertretend für Millionen andere in den
Niederlanden stehen, sollen in den
kommenden Monaten zu ‚Aktivhäusern’ umgebaut werden. Anneke
Bokern hat sich auf den Weg nach
Montfoort gemacht und mit den Bewohnern über ihre Erfahrungen und
die Erwartungen gesprochen, die sie
mit den Gebäuden verknüpfen.
Haben Frankreichs Banlieues eine
Zukunft? Wenn ja, könnte diese
im Pariser 17. Arrondissement zu
suchen sein. Dort haben Frédéric
Druot und Lacaton & Vassal den
Tour Bois-le-Prêtre, ein Wohnhochhaus von 1959, für das 21. Jahrhundert ertüchtigt. Karine Dana war
für Daylight/Architecture vor Ort
und entdeckte ein Gebäude, das
Zukunftsperspektiven bietet, ohne
seine Vergangenheit zu negieren.
Eine sanierte Hamburger Doppelhaushälfte weist den Weg in die Zukunft des Wohnens: Das ‚LichtAktiv
Haus’ im Stadtteil Wilhelmsburg ist
CO2-neutral, offen für Tageslicht
und frische Luft – und für Lebensstile künftiger Generationen. Anneke Bokern hat das Haus zur Probe
bewohnt und die Nachbarn über Traditionen und Veränderungen von
Wohnbedürfnissen befragt.
56
72
3
100
108
119
ZEITBASIERTE
ARCHITEKTUR UND
MISCHNUTZUNG
AUCH SCHLECHTE
NACHRICHTEN
KÖNNEN WERTVOLL
SEIN
MULTIOPTIONALES
WOHNEN
Gebäude, die langlebig sein sollen,
müssen sich verändern können –
dieses scheinbare Paradox hat sich
schon in der Vergangenheit immer
wieder bestätigt. In seinem Beitrag analysiert Jasper van Zwol
die gesellschaftlichen Triebkräfte,
die wandlungsfähige Gebäude erforderlich machen, und die Entwurfsstrategien, mit denen sie sich
realisieren lassen.
Was wissen wir über die wahren
Bedürfnisse der Bewohner von Gebäuden? Noch immer viel zu wenig,
glauben Bill Bordass und Fionn Stevenson vom britischen Usable Buildings Trust. Die Organisation hat
sich zum Ziel gesetzt, mehr über
die Alltagstauglichkeit von Gebäuden zu erfahren und Bauherren und
Planer für dieses Thema zu sensibilisieren.
Die sozialen Bindungen in unserer
Gesellschaft lockern sich, Lebensformen sind im Wandel – nur im
Wohnungsbau herrscht seit über 50
Jahren Stillstand, wie Günter Pfeifer konstatiert. In seinem Beitrag
beschreibt er mögliche Auswege
aus dem Dilemma. Der wichtigste
davon: ein neues Denken der Investoren und Planer, das den Bedarf an
neuen Wohnformen aktiv weckt,
statt ihn fortwährend zu verkennen.
108
54
4
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
FÜR JEDEN TAG
DES LEBENS
Von Jakob Schoof
Tun wir das Richtige, wenn wir heute ein Haus
bauen oder sanieren? Und werden wir auch in
50 Jahren noch rückblickend behaupten können, dass es ‚das Richtige’ war?
Die Frage ist spekulativ, gewiss – so
wie alles Bauen letztlich eine Wette auf die
Zukunft ist. Doch sie weist darauf hin, dass
Gebäude nicht für den Augenblick errichtet
werden. Sie sollen über Jahrzehnte zum Wohl
der Menschen und der Umwelt beitragen –
also auch dann noch, wenn der Investor und
der Architekt, der sie entwarf, sie womöglich
längst vergessen haben.
Nicht umsonst gewinnen die Lebenszyklen von Gebäuden derzeit in der Fachwelt
immer mehr an Aufmerksamkeit. Eigentlich
ist dies eine längst überfällige Entwicklung:
Rund die Hälfte aller Gebäude in Mitteleuropa
stammt aus der Zeit zwischen 1945 und 1980
und hat nun ein Alter erreicht, in dem grundlegende Sanierungen anstehen.
Um diese Gebäude wirklich nachhaltig
sanieren zu können, müssen Architekten, Planer und Bauunternehmer, aber auch Bauherren und Bewohner über die Lebenszyklen von
Menschen und Gebäuden Bescheid wissen.
Sie müssen lernen, wie diese Zyklen miteinander interagieren. Das Leben sollte die Baupraxis prägen, so wie Gebäude unser Leben
prägen. Schon Winston Churchill erkannte
dies, als er den vielleicht berühmtesten Satz
eines Nicht-Architekten über Architektur
prägte: „Erst formen wir unsere Gebäude,
und anschließend formen sie uns.“
Dabei gilt es auch, Rollen zu überdenken.
Was – und wer – macht aus einem Haus ein
‚Zuhause’? Der Architekt in der Planungsphase - oder der Bewohner in den Jahrzehnten danach, mit seinen Alltagsdingen und
Erinnerungen? Schon für Martin Heidegger
bestand der eigentliche Wert eines Wasserkrugs nicht im Krug selbst, sondern in dessen Inhalt. Das gleiche gilt für Gebäude: Sie
müssen den Rahmen für das Leben in ihrem
Inneren schaffen und zugleich an den Lebenszyklen der Natur teilhaben. Sie können ihren
Bewohnern jedoch auch Perspektiven eröffnen und räumliche Qualitäten vermitteln, die
diese zuvor nicht wahrgenommen hatten.
Eine kritische Betrachtung bisheriger Planungsstrategien und Kriterien in der Architektur ist ebenfalls erforderlich. Gebäude
dürfen nicht länger – und sie durften eigentlich noch nie – nur für den Moment ihrer Übergabe an den Bauherren entworfen werden,
sondern für ihren Betrieb. Wie tragen sie zur
Gesundheit der Menschen und zum Wohl der
Umwelt bei, nachdem sie übergeben worden
sind? Wie werden sie in späteren Zeiten ihres
Lebens angepasst und umgenutzt? Wie können wir sicherstellen, dass sie auch nach 50
Jahren noch wertgeschätzt werden?
Aus der Diskussion um Nachhaltigkeit
entwickeln sich neue Methoden und Instrumentarien, um die Lebenszyklen von
Gebäuden zu planen und zu optimieren. Die
wissenschaftliche Lebenszyklusanalyse, die
die Umweltwirkungen von Gebäuden während deren gesamter Lebensdauer bewertet,
ist eine davon. Aber die derzeitige Fokussierung auf Leistungskriterien und Messbarkeit
birgt auch Risiken: Nicht messbare Werte
von Architektur und Lebensqualität drohen vernachlässigt zu werden, und oft dienen Zahlen – die ja eigentlich Transparenz
schaffen sollen - lediglich dazu, eine Politik
des ‚Weiter so’ wissenschaftlich zu untermauern. Die Grenze zum ‚Greenwashing’ ist
schnell überschritten und nicht für jeden
Laien gleich erkennbar.
Wichtig ist es daher, die Grenzen quantitativer Leistungskriterien anzuerkennen
und allzu eng fokussierte Planungsperspektiven zu vermeiden. Denn nur dann entstehen Gebäude, die das Leben fördern und
nicht nur ‚umweltfreundlich’ sind, Gebäude
für alle Sinne und nicht nur für das Auge –
kurz: Gebäude für jeden Tag des Lebens.
5
Michael Wesely
Stillleben (25.1. – 1.2.2011)
6
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
7
„Im Grunde genommen ist
Imperfektion essenziell für alles,
was wir vom Leben wissen. Sie
ist Lebenszeichen im sterblichen
Körper, ein Zeichen von Veränderung und Wandel. Nichts, was
lebt, ist oder kann absolut perfekt
sein; ein Teil verfällt, ein anderer
ist im Entstehen […] Und alle
lebendigen Dinge zeigen gewisse
Unregelmäßigkeiten und Mängel,
die nicht nur Zeichen des Lebens,
sondern auch Quell der
Schönheit sind.“
John Ruskin in: The Lamp of Beauty:
Writings On Art by John Ruskin, 1980
8
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
VOM
LEBEN
LERNEN
9
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
Stillleben (9.2.–15.2.2008)
2008
ZU HAUSE
IN DER ZEIT
In unserer schnelllebigen Zeit strebt die Architektur wie besessen nach
Neuem und optischen Reizen, vernachlässigt dabei jedoch Emotion und
Atmosphäre. Die Zeit ist reif für eine Rückbesinnung auf alternative
Traditionen der Moderne: auf Gebäude, die alle Sinne ansprechen,
Materialien und Strukturen betonen und im Wissen um die Unvollkommenheit des Lebens tief in ihrer Zeit verankert sind.
Von Juhani Pallasmaa
Fotos von Michael Wesely
Von Menschenhand geschaffene
Umgebungen und Strukturen, seien
sie materieller oder mentaler Art, verwandeln homogenen, grenzenlosen
und sinnfreien ‚natürlichen’ Raum in
individuelle Orte mit spezieller kultureller Geschichte und Bedeutung. ‚Wilder’ Raum wird durch die Architektur
zu kulturellem Raum domestiziert, der
unser Verhalten, Denken und Fühlen ausdrückt und bestimmt. Architektonischer
Raum vermittelt zwischen Natürlichem
und Künstlichem, Weite und Enge, Gemeinschaft und Individualität, Vergangenheit und Zukunft. Indem wir uns in
das ‚Fleisch der Welt’ (im Sinne Maurice
Merleau-Pontys) einfügen, werden wir
Teil des Raums, und der Raum wird Teil
von uns. „Ich bin der Raum, wo ich bin“,
schreibt der Dichter Noël Arnaud. 1
So, wie wir im Raum verweilen, müssen wir auch die Zeit ,zähmen‘ und uns
in ihren Lauf einfügen. Der Philosoph
Karsten Harries hat dies einmal so ausgedrückt: „Architektur dient nicht nur
der Domestizierung des Raums, sondern
auch der nachhaltigen Verteidigung gegen den Schrecken der Zeit. Die Sprache
der Schönheit ist im Grunde die Sprache
zeitloser Wirklichkeit.“ 2 Die unermessliche und endlose Zeit des Universums
ist dem Menschen unerträglich; so muss
auch die Dimension der Zeit auf menschliche Maße und Deutungen ‚gestutzt’ werden.
Zeit ist das größte Mysterium der
physikalischen Welt. Zum fundamentalen Geheimnis der Zeit formulierte
der heilige Augustinus pointiert: „Was
ist Zeit? Wenn man mich nicht danach
fragt, weiß ich es. Wenn man mich danach
fragt, weiß ich es nicht.“ 3 Es gibt diverse
gänzlich verschiedene Zeitskalen – die
kosmologische Zeit, die geologische Zeit,
die evolutionäre Zeit, die kulturelle Zeit,
die biologische Zeit, die atomare Zeit
usw. So ist auch eine architektonische
Zeit denkbar, welche Mittler zwischen
diesen verschiedenen Zeitskalen und
Ausdruck des zeitlichen Bereichs ist, in
dem wir als biologische und kulturelle
Lebewesen existieren.
Städte, Orte und Dörfer alter Kulturen
wegen ihrer menschlichen Wärme und
der haptischen Empfindung von Geschichte, Zeit und gelebtem Leben, die
durch die Schichten ihrer Patina dringt.
Unser eigener Lebensraum wird von visuellen Reizen dominiert, während wir
die von uns geliebten historischen Stadtbilder nicht nur mit dem Auge, sondern
gleichermaßen durch Hören, Berühren
und Riechen wahrnehmen.
architektur in
schnelllebigen zeiten
Architektur manipuliert und speichert, materielle imagination und
verlangsamt und fragmentiert die Zeit; atmosphäre
sie bringt sie zum Stillstand und setzt sie
Wir besitzen eine erstaunliche Fähigkeit,
die Atmosphäre eines Ortes oder Raums
bisweilen sogar zurück. In der heutigen
Welt ständiger Hetze hat sich die Zeit
zu erfassen. In Städten, Landschaften
schwindelerregend beschleunigt. Dem
oder Räumen erkennen wir deren Wesen
scheint selbst die Architektur Tribut zu
und Eigenschaften in Sekundenbruchteizollen. In verblüffender Ähnlichkeit zu
len, noch bevor wir irgendwelche Details
Literatur und Film ‚erzählt’ Architektur
erfasst oder begriffen haben. Tatsächlich
scheint unsere Wahrnehmung der Umebenfalls temporale Geschichten, wenn
auch selten in gleicher Absicht wie diese. gebung vom Ganzen zu den Einzelheiten
So, wie wir am ‚Fleisch der Welt’ Anteil
zu verlaufen und nicht, wie oft behauphaben, haben wir auch Anteil an ihren
tet, umgekehrt. Im letzten Jahrhundert
strebte die moderne Architektur nach
zeitlichen Rhythmen. Die moderne
Perfektion in Raum, Form und Detail, woWelt ist besessen von allem, was neu
und zeitgemäß ist; unsere Besitztümer
bei die Gesamtatmosphäre in den Hinterund Gebäude sollen am besten immer
grund rückte. Das Element von Zeit und
neu bleiben. Wir haben die Realität des
Dauer, kombiniert mit dem Gespür für
Alterns und Sterbens an den Rand unseres Bewusstseins verdrängt und dem Tod
den Rücken gekehrt. In der unbewussten
„Architektur dient nicht nur der
Angst vor Verfall möchten wir alle Spuren des Alters auf unseren Körpern eli- Domestizierung des Raums,
sondern auch der nachhaltigen
minieren und alle Zeichen von Zeit und
Verteidigung gegen den Schrecken
Gebrauch an unseren Gegenständen und
in unserer Umgebung unterdrücken.
der Zeit. Die Sprache der SchönZunehmend nutzen wir Materiali- heit ist im Grunde die Sprache
en, die keine Verschleißerscheinungen
zeitloser Wirklichkeit.“
zeigen. Gleichzeitig empfinden wir moderne Umgebungen als befremdlich
Karsten Harries in: Perspecta, The Yale
oder gar nekrophil und bewundern die
Architectural Journal, Ausgabe 19, 1982
11
„Es scheint, als reagiere der Raum
– in dem Bewusstsein, [...] der Zeit
unterlegen zu sein – mit der
einzigen Eigenschaft, die der Zeit
fehlt: mit Schönheit.”
Joseph Brodsky in: Watermark, 1997
menschliches Leben, ist deutlich enger
mit peripheren, unbewussten atmosphärischen Erfahrungen verbunden als mit
der fokussierten und bewussten Wahrnehmung von Formen.
Gaston Bachelard unterscheidet zwischen ‚formaler Imagination’ und ‚materieller Imagination’ und behauptet, dass
Bilder, die aus der Materie entstehen, eine
stärkere emotionale Wirkung erzeugen
als Bilder von Formen. 4 Bemerkenswert
ist, dass die historische Architektur überall in der Welt die Erfahrung von Materialien, Strukturen und dem Wechselspiel
von Licht und Schatten betont, während
die moderne Architektur klare geometrische, häufig weiße und glatte Formen
bevorzugt. Erstere ‚berührt’ den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes
und vermittelt eine Fülle zeitlicher Botschaften, Letztere wird vom Optischen
dominiert und tendiert dazu, Gebrauchsund Zeitspuren als Fehler oder Mängel
anzusehen. Dies ist der entscheidende
Unterschied zwischen einer Architektur, die Gebrauchsspuren willkommen
heißt, und einer solchen, die von Zeit und
Verschleiß möglichst unberührt und unangetastet bleiben will.
Die gemeinhin weiße modernistische
Ästhetik birgt strenge moralisierende
Untertöne. Laut Le Corbusier „dient das
Weiß dem Auge der Wahrheit“. 5 Die moralischen Bedeutungen des Weißen bringt
er auf sonderbare Weise zum Ausdruck:
„Weiß ist extrem moralisch. Man stelle
sich vor, alle Räume in Paris müssten per
Erlass weiß getüncht werden. Ich denke,
das wäre eine polizeiliche Aufgabe großen
Ausmaßes und Ausdruck höchster Moral,
das Zeichen eines großen Volkes.“ 6
Im Allgemeinen reflektiert die Moderne dieses Ideal von Reinheit und Reduktion, während „die andere Tradition
moderner Architektur“, um Colin St John
Wilson zu zitieren, 7 sich in Materialität
und Vielfalt struktureller Formen sowie
im Licht- und Schattenspiel manifestiert
12
und, im Gegensatz zu den formalen Idealen und der Perfektion der klassischen
Moderne, auf die Projektion atmosphärischer Eigenschaften abzielt.
die polyphonie der Sinne
In einer Vorlesung im Jahr 1936 regte
Erik Gunnar Asplund, enger Freund
und Mentor Alvar Aaltos, den Wandel
der Ideale namhafter nordischer Architekten Mitte der 30er-Jahre an: „Die
Vorstellung, nur visuelle Darstellung
könne Kunst sein, ist sehr eingeschränkt.
Nein, alles, was unsere Sinne durch unser menschliches Bewusstsein erfassen
und das die Fähigkeit besitzt, Sehnsucht,
Freude oder Emotionen hervorzurufen,
kann ebenfalls Kunst sein.“ 8
Merleau-Ponty unterstreicht die
Wichtigkeit der Einbindung aller Empfindungsbereiche: „Meine Wahrnehmung ist nicht die Summe einzelner
visueller, taktiler und akustischer Gegebenheiten: Ich nehme allumfassend mit
meinem ganzen Sein wahr: Ich erfasse
die besondere Struktur einer Sache, eine
besondere Art des Seins, die all meine
Sinne zugleich anspricht.“ 9 Der Philosoph beschreibt hier ganz offensichtlich
eine übergreifende atmosphärische Erfahrung, nicht die bloße Wahrnehmung
der Form. Gaston Bachelard nennt diese
sensorische Interaktion die „Polyphonie
der Sinne“.10 Unsere Gebäude sind Teil
desselben ‚Fleisches der Welt’ wie wir
als physische Lebewesen. Jedes Gebäude besitzt spezielle auditive, haptische,
olfaktorische und sogar gustatorische
Eigenschaften, die der visuellen Wahrnehmung ein Gefühl von Fülle und Leben
verleihen, ähnlich wie auch das Meisterwerk eines Malers all unsere Sinne anspricht. Man denke nur an das Empfinden
einer warmen und feuchten Brise, sanfter
Klänge und des Duftes von Pflanzen und
Seegras, auf magische Weise erzeugt von
Henri Matisse durch das Gemälde einer
offenen Balkontür in Nizza.
Aufgrund ihrer überwiegend konzeptionellen und formalen Ideale tendiert
die zeitgenössische Architektur dazu,
Umgebungen für das Auge zu schaffen,
die in einem einzigen Moment entstanden zu sein scheinen und ein Empfinden
verflachten Zeitgefühls und mangelnder
Lebendigkeit auslösen. Visuelle Wahrnehmung und Immaterialität verstärken das Gefühl von Gegenwärtigkeit,
während Materialität und haptische
Empfindungen den Eindruck zeitlicher
Tiefe und Kontinuität vermitteln. Unvermeidliche Alterungs-, Verwitterungsund Abnutzungsprozesse werden gemeinhin nicht als bewusste und positive
Gestaltungselemente betrachtet, da das
architektonische Artefakt vermeintlich
im zeitlosen Raum angesiedelt ist. Dies
ist jedoch eine idealisierte und künstliche Vorstellung ohne Bezug zur empirischen Wirklichkeit von Zeit und Leben.
Die moderne Architektur strebt danach, eine Aura von Alterslosigkeit und
ewiger Gegenwärtigkeit zu vermitteln.
Die Ideale von Perfektion und Vollständigkeit entfernen das architektonische
Objekt zusätzlich von der realen Zeit und
Nutzung. Infolge der Vorstellung zeitloser Perfektion sind unsere Gebäude anfällig für die negativen Auswirkungen der
Zeit, sozusagen der Rache der Zeit ausgesetzt. Statt die positiven Eigenschaften
würdigen Alters zu betonen, greifen Zeit
und Gebrauch unsere Gebäude in negativer und destruktiver Weise an.
In den letzten Jahrzehnten wurde
Neuartigkeit als eigenständiges Kunstkriterium und Wert an sich zur Obsession. Doch wahre künstlerische Qualität
erwächst aus anderen Eigenschaften als
lediglich dem Reiz des Neuen.
hin zu einer architektur der
imperfektion
Das Streben nach Abstraktion und Perfektion lenkt die Aufmerksamkeit auf
die Welt immaterieller Ideen; Materie,
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
Michael Wesely: Stillleben,
2008-2011
Unten Stilleben (14. – 22.6.2008)
2008
Zeit ist die wesentliche, stets wiederkehrende Dimension in Michael
Weselys Fotografien. Mit Belichtungszeiten von einigen Minuten
bis zu mehreren Jahren macht er
sichtbar, was üblicherweise nie auf
einen Blick zu erfassen ist: Prozesse
des Wachstums und Verfalls, Zyklen der Natur, die Sonnenbahn am
Himmel oder die minimalen Bewegungen, die selbst scheinbar unbewegliche Menschen und Objekte im
Laufe der Zeit vollführen.
In seinen Blumen- und Obst-Stillleben interpretiert Wesely ein Jahrhunderte altes Sujet neu und bringt
damit erst dessen ursprüngliche Intention zum Ausdruck. Denn
bereits die Stillleben des ‚Goldenen
Zeitalters’ der niederländischen
Malerei verstanden sich ja als Vanitassymbole, als Gleichnisse auf die
Vergänglichkeit alles Irdischen.
Schleichender, aber allgegen-
wärtiger Verfall erhält in Weselys Blumenbildern eine ungeahnte
Dynamik, indem er zu einem einzigen Bild komprimiert wird.
of Modern Art in New York, dem
Kunstmuseum Bonn und dem
Gemeentemuseum Den Haag zu
sehen.
Michael Wesely (*1963) studierte
an der Bayerischen Staatslehranstalt für Fotografie und an der
Akademie der Bildenden Künste in
München und lebt heute als Fotograf in Berlin. Seine Werke waren
und sind unter anderem im Museum
© Michael Wesely/ VG Bild-Kunst
Bonn, 2011 mit freundlicher Genehmigung von Nusser & Baumgart,
München
13
14
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
Stillleben (3.4. – 13.4.2007)
2007
„Die moderne Architektur strebt
danach, eine Aura von Alterslosigkeit und ewiger Gegenwärtigkeit
zu vermitteln. [...] Infolge der
Vorstellung zeitloser Perfektion
sind unsere Gebäude anfällig für
die negativen Auswirkungen der
Zeit, sozusagen der Rache der Zeit
ausgesetzt. ”
Juhani Pallasmaa
Verwitterung und Verfall hingegen ver- die riesigen Skulpturen Richard Serras
stärken die Erfahrung von Kausalität, und Eduardo Chillidas aus SchmiedeZeit und Wirklichkeit. Es klafft ein fun- und Walzeisen Gewicht und Schwerkraft
geradezu körperlich erfahrbar machen.
damentaler Unterschied zwischen der
idealistischen Vorstellung menschlicher
Diese Werke sprechen unser KnochenExistenz und unseren tatsächlichen Le- und Muskelsystem direkt an; sie sind Mitbensbedingungen. Das wahre Leben ist
teilung der Muskeln des Bildhauers an die
immer ‚unrein’ und ‚chaotisch’; fundierte
des Betrachters. Wolfgang Laibs Werke
aus Bienenwachs, Pollen und Milch beArchitektur schafft einen Spielraum für
diese ‚Ungereimtheiten’ des Lebens.
schwören spirituelle und rituelle Bilder
John Ruskin argumentierte: „Im
und verkörpern ökologisches Bewusstsein. Bei Andy Goldsworthy und Nils-Udo
Grunde genommen ist Imperfektion
verschmelzen Natur und Kunst mit Hilfe
essenziell für alles, was wir vom Leben
wissen. Sie ist Lebenszeichen im sterb- natürlicher Materialien, Prozesse und Inlichen Körper, ein Zeichen von Verän- halte zu ‚biophilen’ Kunstwerken.
derung und Wandel. Nichts, was lebt, ist
Die immer größere Bedeutung ökolooder kann absolut perfekt sein; ein Teil
gisch unbedenklicher Werte und Lebensverfällt, ein anderer ist im Entstehen … weisen legt zweifellos eine neue ArchitekUnd alle lebendigen Dinge zeigen gewis- tur nahe, die Materialien, Prozesse und
Zeitzyklen nicht nur bewusst einsetzt,
se Unregelmäßigkeiten und Mängel, die
nicht nur Zeichen des Lebens, sondern
sondern zu Merkmalen einer neuen
auch Quell der Schönheit sind.“ 11
Schönheit macht. Joseph Brodsky fordert
Alvar Aalto griff Ruskins Idee auf, als er
mit der Sicherheit eines großen Poeten:
vom „menschlichen Fehler“ sprach und „Der Zweck der Evolution ist, glaubt es
die Suche nach absoluter Wahrheit und
oder nicht, die Schönheit“. 14
Perfektion kritisierte: „Der menschliche
Fehler war vermutlich immer schon Teil
der Architektur. Eigentlich war er sogar
unverzichtbar, um Gebäuden die Fähigkeit zu verleihen, die Fülle und positiven
Werte des Lebens auszudrücken.“ 12
Materialität, Erosion und Destruktion stehen im Vordergrund der zeitgenössischen Kunst, angefangen von Arte
Juhani Pallasmaa arbeitet seit den 60er-JahPovera und Gordon Matta-Clark bis hin
ren als Architekt, Autor und Universitätsprofeszu Anselm Kiefer. Sie sind in den Filmen
sor. Seit er 1997 seine Position als Professor und
von Andrei Tarkowski ebenso präsent wie
Dekan der Technischen Universität Helsinki aufin zahllosen Kunstwerken, die mit mate- gab, lehrte er als Gastprofessor an verschiedenen
rialgebundenen Bildern und Prozessen
Universitäten im In- und Ausland, derzeit an der
Catholic University of America in Washington,
arbeiten. „Zerstören und Aufbauen sind
gleich wichtig, uns muss beides am Her- D. C. Er veröffentlichte eine Vielzahl von Schrifzen liegen …“, sagt Paul Valéry, und tat- ten, hauptsächlich zur Bedeutung menschlicher
Wahrnehmung in Kunst und Architektur, sowie
sächlich sind Motive von Destruktion und
Essays über diverse Künstler und Architekten.
Verfall in der heutigen Kunst auffällig po- Zu seinen jüngsten Publikationen gehören The
13
pulär. In der Installationskunst von Jan- Embodied Image (London 2011), The Thinking
nis Kounellis kommen Träume und Er- Hand (London 2009), The Eyes of the Skin (Loninnerungen durch rostigen Stahl, Kohle
don 1995, 2005) und The Architecture of Image:
existential space in cinema (Helsinki, 2001, 2005).
und Sackleinen zum Ausdruck, während
Anmerkungen
1. zitiert in Gaston Bachelard: The Poetics of Space.
Beacon Press, Boston, 1969, S. 137.
2. Karsten Harries: Building and the Terror of Time.
In Perspecta: The Yale Architectural Journal, Ausgabe 19, The MIT Press, Cambridge, Massachusetts, 1982.
3. zitiert in Jorge Luis Borges: This Craft of Verse.
Harvard University Press, Cambridge/Massachusetts und London, 2000, S. 19.
4. Gaston Bachelard: Water and Dreams: An Essay
on the Imagination of Matter. The Pegasus Foundation, Dallas, Texas, 1983, S. 1.
5. zitiert in Mohsen Mostafavi and David Leatherbarrow: On Wheathering. The MIT Press, Cambridge/Massachusetts, 1993, S. 76.
6. Le Corbusier: L’art decorative d’aujourd’hui.
Paris, Edition G. Grès et Cie, 1925, S. 192.
7. Colin St John Wilson: The Other Tradition of Modern Architecture: The uncompleted project. Black
Dog Publishing, London, 2007.
8. Erik Gunnar Asplund: Konst och Technik [Kunst
und Technik], in: Byggmästaren 1936. Zitiert in Stuart Wrede: The Architecture of Erik Gunnar Asplund. The MIT Press, Cambridge/Massachusetts,
1980, S. 153.
9. Maurice Merleau-Ponty: The Film and the New
Psychology. In Maurice Merleu-Ponty: Sense and
Non-Sense. Northwestern University Press, Evanston/Ilinois., 1964, S. 48.
10. Gaston Bachelard: The Poetics of Reverie. Beacon Press, Boston, 1971, S. 6.
11. The Lamp of Beauty: Writings On Art by John
Ruskin. Hrsg.: Joan Evans. Cornell University Press,
Ithaca. N.Y., 1980, S. 238.
12. Alvar Aalto: The Human Error. In Göran Schildt
(Hrsg.:) Alvar Aalto in His Own Words. Otava Publishers, Helsinki, 1997, S. 281.
13. Paul Valéry: Eupalinos der der Architekt. In:
Paul Valéry Dialogues. Pantheon Books, New York,
1956, S. 70.
14. Joseph Brodsky: An Immodest Proposal, On
Grief and Reason. Farrar, Straus and Giroux, New
York, 1997, S. 207.
15
Andreas Gefeller: Supervisions,
2002–2005
Unten Ohne Titel (Rasen 2)
Düsseldorf, 2002
Dem Augenschein nach zeigen die
Fotografien der Serie ‚Supervisions’
menschliche Lebens- und Arbeitsräume aus der Vogelperspektive.
Doch der Schein trügt: Die ‚unmöglichen’ Perspektiven, die hier zu
sehen sind, bestehen tatsächlich
aus Hunderten von Einzelfotografien, die sich zu einem patchworkartigen Gesamtbild fügen. Menschen
sind auf keiner der Aufnahmen zu
sehen und haben doch auf allen
ihre Spuren hinterlassen. Ihre Ordnungs- und Zeichensysteme sowie
die Verschleißspuren des Alltags
zeugen von dem schier unbegrenzten Einfallsreichtum unserer Spezies, wenn es darum geht, den
Lebensraum den eigenen Vorstellungen von Nutzbarkeit zu unterwerfen.
16
Andreas Gefeller (*1970) studierte
Fotografie an der Universität Essen
und wurde 2001 in die Deutsche
Fotografische Akademie berufen.
2004 erhielt er den Kunstpreis der
Stadt Nordhorn, 2005 wurde er
mit dem LeadAward Hamburg ausgezeichnet. 2010 erhielt Andreas
Gefeller ein Stipendium in der Reihe
‚European Eyes on Japan’. Von Andreas Gefeller sind vier Fotobücher
erschienen: ‚Soma’ (2002), ‚Supervisions’ (2005), ‚Andreas Gefeller – Photographs’ (2009) und ‚The
Japan Series’ (2011).
Alle Aufnahmen mit freundlicher
Genehmigung von Thomas Rehbein
Gallery Cologne und Hasted
Kraeutler New York
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
WOHNEN MIT
MARTIN HEIDEGGER
Moderne Gesellschaften haben sich daran gewöhnt, dass der
Wohnungsbau den Gesetzen der Massenproduktion folgt und von
Architekten ohne Ortsbezug und ohne Kenntnis der zukünftigen
Bewohner geplant wird. Der Philosoph Martin Heidegger fragte in
den 1950er-Jahren, ob aus dieser Form der Unterbringung jemals
ein zufriedenstellendes Heim entstehen könne. Seine Fragen zum
Bauen und Wohnen haben bis heute nichts an Relevanz eingebüßt.
Von Adam Sharr
Fotos von Andreas Gefeller
Am 6. August 1951 sprach der Philosoph
Martin Heidegger anlässlich der Konferenz ‚Mensch und Raum’ in Darmstadt
vor Architekten und Ingenieuren zur
nachkriegsbedingten Wohnungsfrage.
Durch die Zerstörungen des Krieges und
den Beginn des Kalten Krieges lebten in
Deutschland viele Heimatvertriebene
und Wohnungslose. Auf der Konferenz
sollten daher die Probleme des Wiederaufbaus diskutiert werden. In den darauf
folgenden sechzig Jahren erlangte die
Rede des Philosophen, die als Aufsatz
unter dem Titel Bauen Wohnen Denken
veröffentlicht wurde, große Bedeutung
für Architekten und Architekturtheoretiker.
Bauen ist Wohnen und Wohnen
ist Bauen
Heideggers Rede erscheint heute so eigenwillig wie 1951. Auf den ersten Blick
wirkt sein Rückgriff auf die Etymologie,
also auf die alten Bedeutungen alltäglicher Worte, seltsam archaisch. Heidegger hoffte, auf diese Weise zu zeitlosen
Erkenntnissen über das Wohnen und
die gelebten Formen des Wohnens zu
gelangen. Er zeigt in seiner Sprachanalyse, dass die Worte ‚bauen’ und ‚wohnen’
eine gemeinsame Wurzel haben. Und was
noch wichtiger ist, in ihnen drücke sich
ein und dieselbe Idee aus,. Bauen sowohl
als das Herstellen eines Heims als auch
als das Bestellen des Bodens (daher das
Wort ‚Bauer’ für Landwirt) seien früher
einmal durch alltägliche Riten und Rituale eins gewesen. Es sei selbstverständlich
gewesen, das Haus einfach zu erweitern,
wenn durch ein weiteres Kind mehr
Raum benötigt wurde, mit den zur Verfügung stehenden Materialien zu bauen
und in seinem Inneren Platz für Persön-
liches und Lebenserinnerungen vorzusehen. Für Heidegger stellten sich Bauen
und Wohnen als eine Einheit dar durch
die unmittelbare Präsenz der Materialien sowie die Überzeugungen, Werte und
Gewohnheiten, die mit ihnen verbunden
waren ( und die er in eigenwilliger Weise
als ‚Geviert’ aus ‚Erde, Himmel, Göttlichen und Sterblichen’ bezeichnete). Erst
in jüngster Zeit, so Heidegger, hätten Experten, Gesetze und Richtlinien das ‚Bauen’ vom ‚Wohnen’ getrennt, indem sie das
Bauen durch industrielle Prozesse und
mit einer eigenen Expertensprache professionalisierten und das Wohnen als ein
wissenschaftliches Problem darstellten.
Der Philosoph schloss seinen Vortrag
mit dem Beispiel eines 200 Jahre alten
Schwarzwaldhofes. Dessen Bewohner
lebten einst in enger Verbindung zur umliegenden Natur, ihr Leben wurde strukturiert von Feiertagen und Jahreszeiten,
Beerdigungen und Geburten. Das Haus
bestimmte ihr tägliches Leben mit seinen Handlungen und wurde seinerseits
von diesen geformt. Heidegger betonte
die Rolle der Bewohner: Das Haus wurde vom Leben der Menschen entworfen.
Dies galt nicht nur für die Konstruktionspläne, sondern auch für die alltägliche Aneignung durch ihre Handlungen.
Ein Haus, so Heidegger, werde mit den
Sinnen, den Händen und durch die Atmosphäre darin wahrgenommen, nicht
mathematisch-kalkulatorisch. Die Menschen kennten spontan nicht die Größe
der Grundfläche oder der Fenster ihres
Hauses. Sie wüssten aber sehr genau,
wie sich die Handläufe und Türklinken
anfühlen, wie die Schatten durch die
Zimmer wandern und wie gemütlich
es neben dem Kamin ist. Damit stellte
Heidegger die damals vorherrschende
17
Ohne Titel (Straße)
Hongkong, 2004/2006
“Meine Wohnung, mein Haus:
das ist die dichteste persönliche
Herausforderung, die Architektur
überhaupt leisten kann. Genau
genommen ist es gar nicht
Architektur, was mich dabei so
sehr erregt und befriedigt, sondern das Konglomerat meiner
eigenen Spuren darin.”
Wolfgang Meisenheimer in:
Das Denken des Leibes, 2000
wissenschaftliche Herangehensweise an
das ‚Wohnproblem’ in Frage, der es beim
Thema Hausbau nur um Zahlen ging: Anzahl der Räume, Größen, Flächen, Kosten
und Bauzeit. Indem Architekten und Ingenieure die Dimensionen und Mengen
betonten, verlören sie den Blick für die
wirklichen Fragen des Wohnens und
übersähen, was ein Haus sein könnte
oder sollte. Heidegger achtete sehr genau
darauf, nicht das Wort ‚Architektur’ zu
verwenden, bei dem sehr viel Expertenwissen und die Traditionen einer klassischen Vergangenheit mitschwingen. Er
betonte stattdessen, dass das Schaffen
von Wohnraum wieder als ein ‚Bauen’
betrachtet werden sollte, das zugleich
auch das ‚Wohnen’ mit einbezieht.
Bauen als Industrie
Heideggers Argumente gegen eine ‚Bauindustrie’ – nicht nur gegen die industriellen Prozesse, sondern grundsätzlich
gegen die Vorstellung, Bauen ließe sich
als Industrie organisieren – sind heute
so relevant wie damals. Vielleicht ist
ihre Bedeutung sogar noch größer, insbesondere in den Bereichen, in denen
Projektentwickler und Finanzinvestoren profitorientiert arbeiten. In Begriffen wie ‚Immobilie’, ‚Wohnanlage’ und
‚Nutzer’ wird der Mensch nur aus aufzubewahrende Masse betrachtet, nicht als
Individuum, das in Harmonie mit seiner
Umwelt leben will. Nur selten kennen die
Planer und Entwickler von Wohnanlagen
diejenigen, die ihre Objekte bewohnen
werden. Die Bewohner werden in Zielgruppen eingeteilt, ‚Senioren’ oder ‚Menschen mit Mobilitätseinschränkungen’
genannt oder mit Kürzeln beschrieben
wie ‚Yuppies’ (‚young and upwardly mobile’) oder ‚Dinkys’ (‚dual income, no kids
18
yet’). Deren Bedürfnisse werden quantifiziert und bewertet, um den Verkauf
oder die Vermietung sicherzustellen.
Das Vermarktungskonzept entsteht
häufig zusammen mit dem Entwurf,
damit Wohnungen und Häuser für die
entsprechenden Zielgruppen als ‚Luxus’,
‚gehoben’ oder ‚erschwinglich’ beworben werden können. Untersuchungen
dieser Zielgruppen, durchgeführt von
Marktforschungsinstituten anhand von
Fragebögen, dienen als Grundlage solcher Konzepte. In Großbritannien ergibt dies beispielsweise häufig ein Haus
mit einem ‚traditionellen’ Äußeren aus
Ziegeln, da sie mit Sicherheit und Langlebigkeit verbunden werden (obwohl sie
häufig nur eine Verkleidung über einer
Holz- oder leichten Stahlrahmenkonstruktion sind), und einem ‚modernen’
Innenleben: Küchen mit modernsten
Geräten sowie Zimmer, ausgestattet mit
Breitband-Internetanschluss. Auf diese
Weise wird das Haus ein Produkt – ‚Lebensstil’ zum Kaufen.
Natürlich wissen viele derjenigen,
die in der Bauindustrie tätig sind, um
die Probleme im Zusammenhang mit
dem industrialisierten Wohnungsbau
für unbekannte Nutzer. Sie propagieren
inzwischen den Begriff ‚life-cycle homes’,
also Wohnstätten für unterschiedliche
Lebensphasen. Jedoch wird dieser häufig sehr eng gefasst, etwa als Gebäude mit
Möglichkeiten für den späteren Einbau
von Treppenliften, mit barrierefreien
Schwellen für ein Mehr an Bewegungsfreiheit oder mit zusätzlichen Steckdosen in Kinderzimmern, damit diese
Räume später einmal zu einem HomeOffice umgebaut werden können. Viele
Vertreter aus der Praxis erkennen auch
die eher entfremdende Wirkung von FerD&A HERBST 2011 AUSGABE 16
19
„Es ist schwer zu quantifizieren,
doch die Menschen wissen aus
Erfahrung, dass man sich dort zu
Hause fühlt, wo Vertrautheit,
Nähe und der kaum in Worte
fassbare ‚Genius loci’ existieren. ”
Adam Sharr
tigbauteilen oder Raummodulen, die gerne verwendet werden, weil sie die Bauzeit
verkürzen und die Rendite erhöhen. Von
der modernen Technik verspricht man
sich hier große Potenziale, denn computergesteuerte Prozesse bieten die
verführerische Möglichkeit der ‚mass
customization’, also der Herstellung
‚individualisierter Massenware’. Heidegger würde jedoch in diesen industriellen
Lösungen, so gut sie auch gemeint sind,
eine weitere Verschärfung des Problems
sehen, da sie die Distanz zwischen ‚Wohnen’ und ‚Bauen’ noch weiter vergrößern.
Natürlich sind Heideggers Überlegungen nicht unproblematisch. In mobileren Gesellschaften bleiben nur wenige
Menschen ihr Leben lang an einem Ort,
und langjährige familiäre Bindungen an
einen bestimmten Ort lassen sich kaum
aufrechterhalten. Nur selten haben die
Menschen die Zeit, das Geld oder die
Neigung, für sich selbst zu bauen; oder sie
fühlen sich hierzu einfach nicht befähigt.
Darüber hinaus erscheinen manchen die
rituellen Aspekte der Häuslichkeit langweilig. Sie lehnen Konzepte, die an die
Vorstellung der heterosexuellen Familie
aus Mann, Frau und 2,4 Kindern angelehnt sind, ab. Heideggers Kritiker stellen auch heraus, dass Probleme gerade da
entstehen, wo sich Menschen verwurzelt
fühlen – denn aus dieser Verwurzelung
entwickeln sich häufig Sturheit, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit.
Aber die Kraft der Wohnung, dem
Leben eine Mitte zu geben, lässt sich
nicht bestreiten. Es ist zwar schwer zu
quantifizieren, doch die Menschen wissen aus Erfahrung, dass man sich dort
zu Hause fühlt, wo Vertrautheit, Nähe
und der kaum in Worte fassbare ‚Genius loci’ existieren. Die Wohnungen, die
sich alle wünschen – und die sich auch am
besten verkaufen –, sind diejenigen mit
der ‚richtigen’ Atmosphäre. Der Versuch,
ihre Qualitäten zu analysieren, scheint
jedoch zum Scheitern verurteilt. Sie lassen sich nicht einfach messen oder in
eine Kosten-Nutzen-Rechnung hineinkopieren. In einer Zeit, in der sehr viel
von Nachhaltigkeit die Rede ist, ist die
Vorstellung von einem Heim, für das die
Menschen über einen langen Zeitraum
hinweg Sorge tragen möchten, dennoch
sehr angemessen – selbst wenn der Lebensstil der Menschen heute ein ganz
anderer ist als derjenige in Heideggers
idealisiertem Schwarzwaldhof.
Planer, Bewohner, Orte
Wie lassen sich die Expertenmeinungen
über Wohnungsbau in Einklang bringen
mit Heideggers Vorstellung vom Wohnen
und Bauen? Ist es möglich, dem Wohnbau ‚von der Stange’ für anonyme Nutzer zu entkommen? Können standardisierte Wohnungen überhaupt jemals
eine wünschenswerte Alternative sein?
Lassen sich die Überlegungen zum lebenszyklusgerechten Bauen enger verknüpfen mit den Abläufen des alltäglichen Lebens? Ist es überhaupt möglich,
das Entwerfen für fremde Menschen zu
lernen? Die Antworten auf diese Fragen
sind natürlich nicht einfach.
In jedem Fall braucht es dazu Planer und Projektentwickler, die sich als
‚Ermöglicher’ statt als Experten sehen
und bereit sind, die Bewohner bereits
zu einem frühen Zeitpunkt in den Planungsprozess einzubeziehen. Besonders wenig hilfreich ist es andererseits,
einen Bau schon am Tag der Eröffnung
für ‚fertig’ zu erklären. Dann nämlich
endet die Arbeit am Eigenheim für die
Bewohner nicht, sondern sie beginnt
erst. Planer, die zu dieser neuen Denkweise fähig sind, können Orte schaffen,
die spezifisch sind, ohne Vorschriften
zu machen. Diese Orte laden mit jedem
Detail zum Bewohnen ein, sie helfen den
Menschen, die Potenziale ihrer Umgebung zu erkennen, und erlauben ihnen,
Besitztümer und Einrichtungsgegenstände entsprechend ihren Lebensvorstellungen zu arrangieren.
Womöglich lassen sich Wohngrundrisse neu konzipieren mit dem Ziel, Orte
anstatt Flächen zu schaffen. Vermutlich
ist es auch wenig sinnvoll, Räumen bestimmte Funktionen wie ‚Esszimmer’
oder ‚Wohnzimmer’ zuzuweisen, da
fließendere, vernetztere Raumkonzepte
über mehr Potenzial verfügen. Und ganz
sicher führt die zunehmende ‚Gleichmacherei’ der Beleuchtungsstärken,
Temperaturen und Luftwechsel dazu,
dass Wohnungen an Persönlichkeit und
Atmosphäre verlieren. Ließen sich nicht
Technologien einplanen, die sich weniger im Hintergrund halten und stattdessen fordernder und lebensbejahender
sind? Nur wenige Menschen begeistern
sich für einen Heizkörper, aber alle lieben
echtes Feuer im Kamin.
Am Ende könnte, so wie ich es in meinem Buch Heidegger’s Hut [Heideggers
Hütte] darlege, ein Haus zur Wohnstatt
werden, die in vielfältiger Weise einen
Rahmen schafft für die Bewohner mit
ihren wechselseitigen Beziehungen, ihrem Eigentum und ihrem gesellschaftlichen Kontext; eine Bühne für das alltägliche Schauspiel der Passanten vor
der Tür, für die Sonne und den Verlauf
der Schatten, für Windböen, Regen und
Schnee, Flora und Fauna. Ein solches
Haus wäre weder zu groß noch unnötig
flexibel, sondern würde stattdessen den
Bewohnern helfen, persönliche Orte zu
gestalten. Es könnte sie zu entschleunigten, nachdenklichen Momenten ermutigen. Durch die Gestaltung der täglichen,
wöchentlichen und jahreszeitlichen
Routinen könnte ein solches Heim ein
fester Bezugspunkt werden, das – gerade weil sein Entwurf auf einer genauen
Lebensbeobachtung basiert – jede Form
des Lebens wertschätzt und erhält.
Am Ende seines Vortrags ‚Bauen Wohnen Denken’ war Heidegger vorsichtig
und bot keine ‚Gestaltungsrezepte’ an;
vielmehr bat er seine Zuhörer, seine
Ideen weiterzudenken. Vermutlich ist
ein Denken seiner provozierenden Thesen über Wohnen und Bauen nur möglich, indem man sie lebt und sich bei der
Planung für andere von den eigenen Erfahrungen aus dem Alltagsleben leiten
lässt. Seine Philosophie mag zwar viele
Fragen aufwerfen, aber vielleicht lohnt
sich der Versuch, eine gewisse Zeit lang
mit Martin Heidegger zu leben.
Adam Sharr ist Professor für Architektur an der
Newcastle University, Leiter von Adam Sharr Architects und Mitherausgeber von ‚arq: Architectural Research Quarterly’, herausgegeben von
Cambridge University Press. Er schrieb unter anderem ‚Heidegger’s Hut’ (MIT Press, 2006) und ‚Heidegger for Architects’ (Routledge, 2007).
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
Ohne Titel (Rasen 1)
Düsseldorf, 2002
21
22
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
Ohne Titel (Plattenbau 4) /
Detail. Berlin, 2004
DAS LEBEN
DES ‚NUTZERS’
Einst viel diskutiert, dann fast vergessen und schließlich
wiederentdeckt – der Begriff ‚Nutzer’ hatte in der Architektur
des 20. und 21. Jahrhunderts viele Bedeutungen. Von einer
anonymen Zielgruppe sind die ‚Nutzer’ zu kreativen Kräften mit
Einfluss auf die Planung und Zweckbestimmung von Gebäuden
avanciert.
Von Adrian Forty
Fotos von Andreas Gefeller
Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts
tauchte ein neuer Begriff in der Architektensprache auf: der ‚Nutzer’. Im Gegensatz zu anderen, auf den ersten Blick
synonymen Ausdrücken wie ‚Bewohner’
oder ‚Bauherr’ definierte der ‚Nutzer’ ein
neuartiges Verhältnis zwischen Architekten und Gesellschaft. Zur Prägung
dieses neuen Begriffs trugen in erster
Linie die umfangreichen öffentlichen
Bauprogramme in den westlichen Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg bei,
die Wohngebäude, Schulen und Krankenhäuser in einem bislang unbekannten Ausmaß entstehen ließen. Nur in
Ausnahmefällen waren den Architekten
die Personen bekannt, die die Gebäude
beziehen sollten, sodass sie deren mutmaßlichen Ansprüche gewissermaßen
erahnen mussten, damit die Gebäude
ihren praktischen und ideologischen
Zweck erfüllen konnten. Der ‚Nutzer’
erfüllte diese Aufgabe, blieb aber trotzdem stets Fiktion und für die Architekten
eine notwendige Abstraktion, um ihre
Pflichten gegenüber dem Staat, für den
sie arbeiteten, und indirekt gegenüber
der Öffentlichkeit, für welche die Gebäude bestimmt waren, zu erfüllen. In den
1970er-Jahren geriet der Begriff in die
Kritik; mit dem Rückgang der staatlichen
Investitionen in umfangreiche Bauprogramme verlor er seinen Sinn und wurde
unpopulär. In den 1990ern tauchte der
‚Nutzer’ im Architekturdiskurs erneut
auf, nun allerdings mit gänzlich anderem
Zweck: Er sollte das Architekturschaffen
nicht mehr unterstützen, sondern in Frage stellen.
Des Architekten Diener
Den Optimismus und das Interesse, die
dem ‚Nutzer’ in den Nachkriegsjahren
entgegengebracht wurden, brachte
Henry Swain, englischer Architekt im
öffentlichen Dienst, in einer Erklärung
aus dem Jahr 1961 auf den Punkt: „Die
Entwicklung von Techniken, mit deren
Hilfe wir die Anforderungen der Gebäudenutzer analysieren können, ist
die dringlichste Aufgabe unseres Metiers.“1 Ähnlich wie viele Architekten
seiner Zeit vertrat er die Ansicht, dass
sich auf der Grundlage einer sorgfältigen
und systematischen Analyse der Nutzerbedürfnisse Gebäude entwerfen ließen,
die ihren Beziehern nicht nur dienlicher
und gefälliger wären, sondern auch die
Architekten von überalteten Strickmustern und Konventionen befreiten. Nur
durch eine vorbehaltlose Nutzerorientierung könne die Architektur ihrem
Anspruch gerecht werden, besseren
Lebensraum zu schaffen.
Mit der konkreten Analyse der Nutzerbedürfnisse gingen jedoch auch Bedenken im Hinblick auf die langfristige
Nutzbarkeit von Gebäuden sowie die Erkenntnis einher, dass sich die Ansprüche
der Nutzer oft schneller änderten, als die
Gebäude dies zuließen. Demografische
Veränderungen – zum Beispiel die Größe der Haushalte – ließen auch die raffiniertesten Entwürfe rasch unbrauchbar
werden; Ergebnis war ein riesiger Gebäudebestand, der den sozialen Bedürfnissen der Zukunft nicht gerecht wurde.
Die Architekten erkannten die Unmöglichkeit, alle später möglichen Nutzungen eines Gebäudes im Planungsprozess
lückenlos vorherzusehen, und suchten
nach Möglichkeiten, unbestimmte Elemente in ihre Entwürfe einzubauen, um
diese wandlungsfähiger zu gestalten.
Während extreme Nutzerorientierung
eine exakte Planung begünstigte, ließ
Übergenauigkeit die Gebäude nutzlos
werden. Dies führte zur Prägung eines
neuen Schlagworts in der Architektur
der Nachkriegszeit: ‚Flexibilität’ lautete
das Gegenmittel zu den übertrieben präskriptiven und gebrauchsorientierten
Entwürfen und wurde zum ständigen
Begleiter des Begriffs ‚Nutzer’. Flexibilität konnte sich in unterschiedlicher
Weise manifestieren, zum Beispiel in
Form von Redundanz – um Rem Koolhaas zu zitieren, durch „ Schaffung
von Spielräumen und überschüssigen
Kapazitäten, die unterschiedliche und
sogar gegensätzliche Interpretationen
und Nutzungszwecke ermöglichen“2
– oder durch technische Mittel wie herausnehmbare (oder bewegliche) Wände
und Böden, die starre Raummuster auflösten. Zu den fortschrittlichsten Varianten gehörten kybernetische Systeme,
die auf wechselnde Gebäudenutzungen
reagieren konnten. Ein Beispiel hierfür
war Cedric Prices Projekt ‚Fun Palace’.
Während Einwände gegen die Nutzerorientierung vorrangig von außerhalb der Architektenzunft kamen, wurde Kritik an der ‚Flexibilität’ von den
Architekten selbst geäußert. Obwohl der
Begriff des Nutzers dem löblichen huma-
“Flexibilität [...] hat nur etwas mit
Ungewissheit zu tun, mit der
Weigerung, sich festzulegen und
die Verantwortung zu übernehmen, die unweigerlich mit jeder
menschlichen Handlung verbunden ist.”
Herman Hertzberger in: Forum, Bd..16, Nr. 2, 1962
23
Ohne Titel (Plattenbau 2) / Detail
Berlin, 2004
24
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
„Flexibilität als solche sollte nicht
überbetont oder zu einer weiteren
abstrakten Architekturmode
werden. […] Wir müssen uns vor
dem Handschuh hüten, der allen
Händen passt, damit aber noch
lange keine Hand ist.”
Aldo van Eyck in: Forum, Band.16, Nr.2, 1962
nitären Ansinnen entsprang, besseren
Lebensraum zu schaffen, geriet er in den
1970ern als eine der Ursachen für die Dehumanisierung des modernen Lebens
unter Beschuss. Hierbei ging es um die
Verwendungsweise des Begriffs, der die
Menschen ihrer Individualität beraubte
und ihnen eine zweifelhafte Einheitlichkeit verlieh. Der französische Philosoph
Henri Lefebvre etwa schreibt in seinem
1974 erschienenen Buch Die Produktion des Raums: „Das Wort ‚Nutzer’ … hat
etwas Vages – und vage Verdächtiges an
sich. ‚Nutzer wovon?’, fragt man sich.
… Der Raum des Nutzers wird gelebt –
nicht repräsentiert (oder erdacht).“ 3 Im
Verständnis Lefebvres war die Kategorie
des ‚Nutzers’ ein Mittel, mit dem moderne Gesellschaften ihren Mitgliedern die
Möglichkeit nahmen, Raum als ein gelebtes Phänomen zu erfahren (indem
sie diesen in eine mentale Abstraktion
oder ‚Repräsentation’ verwandelten),
und mit dem sie die Menschen noch
weiter beleidigten, indem sie sie selbst
in Abstraktionen verwandelten und ihnen somit die Möglichkeit nahmen, sich
selbst in einem Raum zu erkennen.
Diesem kurzen Zitat ist allerdings zu
entnehmen, dass Lefebvre den ‚Nutzer’
nicht nur negativ sah; vielmehr behagte
ihm der Gedanke sehr, dass die Nutzer
von ihrem Recht Gebrauch machten,
Raum zu bewohnen und ‚mit Leben zu
füllen’. Laut Lefebvre ließ sich dies auf
vielerlei Weise manifestieren, zum Beispiel durch die frühchristliche Nutzung
römischer Basiliken als Kirchen. In
seinen eigenen Worten war er „für Aneignung und für Nutzung … und gegen
Austausch und Dominanz“ oder, anders
ausgedrückt, gegen die Kontrolle durch
Marktkräfte und Kapitalherrschaft.4
Genau diese Auffassung des Nutzers,
der über ein gewisses Störungspotenzial
verfügt, wurde gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts in Architektenkreisen
populär.
Flexibilität versus Formlosigkeit
Die Flexibilität als Mittel, um Gebäude
einem unvorhergesehenen Wandel der
Nutzerbedürfnisse anzupassen, wurde
in den 1950ern und 1960ern nachhaltig
propagiert und umfassend erforscht,
geriet aber in überraschend heftige
Kritik seitens der Architekten selbst.
Ihr Haupteinwand war, dass die Räume, die aufgrund ihrer Unbestimmheit
eine Vielfalt an Nutzungszwecken ermöglichen sollten, oft fade und neutral
waren und jeglicher Charakteristik entbehrten. Der niederländische Architekt
Aldo van Eyck bemerkte: „Wir müssen
uns vor dem Handschuh hüten, der allen Händen passt, damit aber noch lange keine Hand ist.“ 5 Ähnliche Bedenken
äußerte in den frühen sechziger Jahren
Herman Hertzberger, ebenfalls niederländischer Architekt: „Flexibilität heißt
– in Ermangelung einer bestimmten
Lösung, die allen anderen vorzuziehen
ist – die völlige Ablehnung eines festen
und klaren Standpunkts. Der flexible
Plan entspringt der Gewissheit, dass
eine passende Lösung für das Problem
nicht existiert, weil sich das zu lösende
Problem in einem ständig fließenden
und somit temporären Zustand befindet. Flexibilität … hat nur etwas mit Ungewissheit zu tun, mit der Weigerung,
sich festzulegen und die Verantwortung
zu übernehmen, die unweigerlich mit jeder menschlichen Handlung verbunden
ist.“
Obwohl Hertzberger die Flexibilität
so kritisch sah, galt sein Bestreben doch
dem Entwurf von Gebäuden, deren künftige Funktionen und Nutzungszwecke
nicht unwiderruflich festgelegt waren.
Seine Lösung bezeichnete er als ‚polyvalente’ Formen – „eine Form, die, ohne
sich selbst zu verändern, zu jedem Zweck
genutzt werden kann und bei minimaler
Flexibilität optimale Lösungen gestattet“.6 Ein polyvalenter Raum offenbarte
alternative Verwendungsmöglichkei-
ten, auch wenn diese vom Architekten
gar nicht vorgesehen waren. Ziel war
die Schaffung imaginärer Interpretationsräume für die Hausbewohner. Mit
diesem Ansatz wurde die Verantwortung den Nutzern überlassen, um diese
dazu anzuleiten, die für sie geschaffenen
Räume umzugestalten oder, noch radikaler, die vom Architekten geplanten
Verwendungszwecke zu untergraben.
Hertzbergers Entwürfe für Schulen,
Wohnhäuser, Seniorenheime, Bürogebäude und Studentenwohnheime verkörpern diese Strategie, bei der es den
Nutzern überlassen bleibt, einem Raum
einen bestimmten Zweck zuzuweisen.
Die von Hertzberger bereits früh
erkannte Möglichkeit des Nutzers, als
kreative Kraft in der Architektur zu
fungieren, diente als Basis für dessen
Rückkehr in die Architekturtheorie der
neunziger Jahre. Diese Entwicklung ist
im Zusammenhang mit einem generellen Wandel in allen Bereichen der Kunst
zu sehen: Man begann, der Rezeption
von Kunstwerken größere Aufmerksamkeit zu widmen und die Intentionen
der Schöpfer in den Hintergrund zu rücken. So wird mittlerweile in der Literatur dem Akt des Lesens genauso viel
Bedeutung wie dem Akt des Schreibens
beigemessen, und der Kinogänger ist
nicht mehr nur passiver Empfänger der
Intentionen des Regisseurs, sondern ein
Individuum, das den Film je nach eigener Identität und Bildung interpretiert.
Ähnlich verhält es sich in der Architektur: Die letztendliche Bestimmung eines
Bauwerks offenbart sich im Wettstreit
zwischen den Intentionen des Architekten und des Bauherrn einerseits und
dem Nutzer andererseits. Ein solches
Verständnis von der Rolle des Nutzers
verdankt vieles den Erkenntnissen in
der Sprach- und Literaturwissenschaft,
wie Hertzberger selbst einräumte.
Die starke Analogie zwischen Lesern
und Nutzern erkannte schon der fran25
„Flexibilität trägt nicht automatisch zu einer besseren Funktionsfähigkeit der Dinge bei (denn
Flexibilität führt in einer gegebenen Situation nie zu den bestmöglichen vorstellbaren Resultaten).”
Herman Hertzberger 1967
zösische Literaturtheoretiker Roland
Barthes, der in einer Vorlesung zu Semiologie und Urbanismus im Jahr 1967
bemerkte: „Die Stadt ist ein geschriebener Text; derjenige, der durch die Stadt
geht, also der Nutzer der Stadt (was wir
letztendlich alle sind, Nutzer der Stadt),
ist eine Art Leser.“ 7 Diese Interpretation des ‚Nutzers’ als Äquivalent zum ‚Leser’ stieß auf großes Interesse im späten
20. und frühen 21. Jahrhundert.
Der kreative Nutzer
Die Kombination älterer Vorstellungen
von Flexibilität mit neueren Ansätzen
aus der Literaturtheorie erlebt seit den
neunziger Jahren in vielerlei Hinsicht
ein Comeback. Erneut wurden Versuche
gestartet, Gebäude mit eher unspezifischem Verwendungszweck zu entwerfen, die sich den kulturellen und sozialen
Veränderungen besser anpassen. Dieser
fachübergreifende Interpretationsansatz impliziert allerdings auch eine Kritik
an der konventionellen Architekturpraxis, die ‚Architektur’ als bloßes Architektenwerk anzusehen. Architektur wird
demzufolge nicht nur von Architekten
‚gemacht’, sondern ergibt sich vielmehr
nach Fertigstellung der Gebäude durch
die kreativen Handlungen ihrer Nutzer.
Einige dieser Ideen formuliert der Architekt und Theoretiker Jonathan Hill im
Zuge einer breiter angelegten Kritik an
der Professionalisierung der Architektur zugunsten eines kleinen Expertenkreises, die nur möglich war durch die
freiwillige Beschränkung der Definition
von Architektur auf das Werk von Architekten. Hill möchte die Definition von
Architektur um das erweitern, was mit
den Gebäuden nach ihrer Ingebrauchnahme geschieht. Interessanterweise
zieht Hill den Ausdruck ‚Nutzer’ anderen Alternativen wie ‚Bewohner’ oder
‚Wohnungsinhaber’ vor, weil „er aktives
Handeln und das Potenzial missbräuchlicher Verwendung suggeriert“. 8 In die26
ser neuen Formulierung ist der ‚Nutzer’
nicht mehr bloßer Modellbürger, dessen
Verhalten und Erwartungshaltungen auf
ein normatives soziales Gut fokussiert
sind, sondern impliziert auch Personen
mit möglicherweise bösartigen oder gar
verbrecherischen Absichten. Nach wie
vor jedoch bleiben die ‚Nutzer’ Fiktionen,
imaginäre Schauspieler, auf die sich die
Architekten verlassen, um für ihre Häuser Leben zu ersinnen.
Adrian Forty ist Professor für Architekturgeschichte an der Bartlett School of Architecture
des University College London und Vorsitzender
des European Architectural History Network. Sein
Hauptinteresse gilt der Rolle von Architektur und
Artefakten im sozialen und geistigen Gesellschaftsgefüge. Seine Forschungen umfassen Arbeiten zur
Gestaltung von Konsumgütern, zu Sprache und
Architektur sowie zu Architektur und kollektivem
Gedächtnis und Vergessen. Adrian Fortys neueste
Studien zur Rolle von Beton als globalem Medium
erscheinen im Frühjahr 2012.
Anmerkungen
1. Henry Swain, ‘Buildings for People’, Journal of
the Royal Institute of British Architects, Band 68,
November 1961, S.508
2. Rem Koolhaas und Bruce Mau, S,M,L,XL. 010
Publishers, Rotterdam, 1995, S.240
3. Henri Lefebvre, The Production of Space (1974),
Übersetzung von D. Nicholson-Smith. Blackwell,
Oxford, 1991, S.362.
4. Henri Lefebvre, The Production of Space, S.368
5. Aldo van Eyck, ‘A Step Towards a
Configurative
Discipline’,
in:
Forum,
Band 16, Nr.2, 1962, S.93
6. Herman Hertzberger, ‘Flexibility and Polyvalency’, in: Forum, Band 16, Nr.2, 1962, S.117
7. Roland Barthes, ‘Semiology and Urbanism’
(1967), in: Joan Ockman (Hrsg.), Architecture Culture 1943–1968. A Documentary Anthology. Rizzoli, New York, 1993, S.417.
8. Jonathan Hill, Actions of Architecture, Architecture and Creative Users. Routledge, London und
New York, 2003, S.27.
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
Ohne Titel (Plattenbau 1)
Berlin, 2004
27
„Mit den Jahren wurde das Haus
zum eingeweihten Mitwisser. Es
bot ersten Techtelmechteln Raum,
sah bei Hausaufgaben über die
Schultern, war dabei, als gerade aus dem Krankenhaus eingetroffene Babys zum ersten Mal
gewickelt wurden, und fand sich
mitten in der Nacht von geflüsterten Gesprächen in der Küche
überrascht. […] Auch wenn das
Haus für so manches Problem
seiner Bewohner keine Lösung
anzubieten vermag, lassen seine
Zimmer doch ein Glück erahnen,
zu dem die Architektur ihren entscheidenden Beitrag geliefert hat.”
Alain de Botton in: Glück und Architektur, 2008
28
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
NACHHALTIG
WOHNEN
29
Gebäudebestand
in Europa
Nur etwa ein Prozent des europäischen Gebäudebestands wird jährlich neu errichtet. Die Hälfte des
Bestands datiert hingegen aus der Zeit zwischen 1945
und 1980 und hat nun ein Alter erricht, in dem eine
umfassende Sanierung ansteht.
Grafik: Ungefähre Durchschnittswerte aus den
Niederlanden, Frankreich und Deutschland
30%
vor 1945
30
50%
zwischen 1945
und 1980
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
19%
nach 1980
1%
Neubau
pro Jahr
32
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
WELCHE
ZUKUNFT
HAT DAS
NIEDERLÄNDISCHE
REIHENHAUS?
Sanierung und Erweiterung von 10 Reihenhäusern
Architekten: BowhulpGroep, Utrecht
Adresse: Poorterstraat 29-47, Montfoort, NL
Baujahr: 1976
33
34
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
BESONDERE
NORMALITÄT
Im Städtchen Montfoort werden in den nächsten
Monaten zehn Reihenhäuser aus den siebziger Jahren
zu den ersten Aktivhäusern der Niederlande umgebaut. Abgesehen von dieser Premiere gibt es noch
etwas, was das Projekt außergewöhnlich macht:
Es handelt sich um Sozialbauten.
Von Anneke Bokern
Fotos von Torben Eskerod
So sieht also die niederländische
Bauaufgabe der Zukunft aus: eine
verschlafene Wohnstraße am Rande eines Städtchens südwestlich
von Utrecht, flankiert von Reihenhäusern aus den siebziger Jahren.
Leberwurstfarbener Backstein,
hellblaue Stülpschalung, weiße
Kunststofffensterrahmen, tief
heruntergezogene Ziegeldächer.
Niedrige Jägerzäune in allen Varianten, die der Baumarkt hergibt,
trennen die zugepflasterten Vorgärtchen von der Straße. Gewöhnlicher geht es kaum – und genau
das ist so ungewöhnlich. Denn
zehn Reihenhäuser in dieser Straße sollen in den nächsten Monaten
zu den ersten Aktivhäusern der
Niederlande umgebaut werden.
Wenn in den Niederlanden von
nachhaltiger Architektur gesprochen wird, geht es meist um millionenschwere Vorzeigeprojekte:
solitäre Büroneubauten, die mit
allen erdenklichen technischen
Finessen ausgestattet werden,
oder Stadtentwicklungsprogramme, für die man Cradle-to-CradleGurus als Berater anheuert. Das ist
zwar gut fürs Prestige, aber mit
der Lebensrealität der meisten
Niederländer hat es wenig zu tun.
Die Realität ist ein Wohnungsbaubestand aus Millionen schlecht
gedämmten, einfach verglasten
und ziemlich gesichtslosen Reihenhäusern, die nach dem zweiten
Weltkrieg überall aus den Poldern
gestampft wurden, denen aber in
den vergangenen Jahrzehnten
– jenseits der allernötigsten Sa-
nierungsmaßnahmen – kaum jemand Aufmerksamkeit schenkte.
Geändert hat sich das erst durch
die jüngste Wirtschaftskrise, die
deutlich gemacht hat, dass man
auch in den Niederlanden nicht bis
in alle Ewigkeit nur auf kurzfristig
profitablen Neubau setzen kann.
Die Realität ist die Poorterstraat
in Montfoort.
Zwischen Polder und
Sportplatz
Montfoort ist eine Gemeinde mit
etwa 13.000 Einwohnern und liegt
im ländlichen „grünen Herzen“
des Ballungsraums Randstad. Nur
ein paar Minuten nach dem Verlassen der Autobahn passiert man das
Ortsschild – und dann kommt erst
einmal lange gar nichts, außer Bauernhöfen und Viehweiden. Erst
nach einer Weile schiebt sich in der
Ferne ein Kirchturm ins Bild. Der
Weg in die Poorterstraat führt allerdings am mittelalterlichen Kern
des Städtchens vorbei und schnurstracks in eine Wohnsiedlung aus
den siebziger Jahren. Dort angekommen, verlässt einen plötzlich
jegliches Ortsgefühl, denn so sehen
Wohnsiedlungen überall im Land
aus, von Roermond bis Groningen
und von Breskens bis Heerhugowaard. Hofland heißt das Mitte
der Siebziger angelegte Viertel, das
aus einem Dutzend ruhiger Wohnstraßen mit Reihenhausbebauung
und kleinen Sammelparkplätzen
besteht. Im Westen grenzt es direkt
an offenes Polderland, im Osten an
einen großen Sportpark.
Innerhalb Montfoorts hat die
Poorterstraat nicht den besten
Ruf. Denn obwohl man es auf den
ersten Blick kaum sieht, sind die
Reihenhäuser der Straße allesamt
Sozialbauten. In den meisten anderen Ländern wäre das unmittelbar
an der Architektur ablesbar, aber
in den Niederlanden galt stets die
linksliberale Maxime, dass sozialer
Wohnungsbau sich von außen betrachtet möglichst wenig von regulären Eigenheimen unterscheiden
sollte. Auf den zweiten Blick jedoch
fällt auf, dass auf den Parkplätzen
in der Poorterstraat nur Kleinwagen älteren Jahrgangs stehen und
dass die Auffahrten mit zusammengeklaubten Gehwegplatten
gepflastert sind, zwischen denen
sich das Unkraut durchdrückt.
Auch den Häusern selber kann
man dank billiger Fensterrahmen
und lieblos zusammengeschraubter, schlecht gepflegter Fassadenelemente ansehen, dass sie nicht
gerade zum gehobenen Preissegment gehören. Dass das nicht viel
früher auffällt, ist auf den verhältnismäßig introvertierten Charakter der Gebäude zurückzuführen.
Sind die Niederlande sonst für ihre
großen, gardinenlosen Wohnzimmerfenster bekannt, die direkt an
der Straße liegen und durch die
Passanten das gesamte Interieur
auf einen Blick erfassen können,
so grenzen in der Poorterstraat
nur die schlitzartigen Fensterchen
der Abstellräume unter der Dachschräge an die Straße, während sich
die Hauptfassade mit Küchenfenster jenseits der Auffahrt befindet.
Ob dahinter teure Designermöbel
stehen oder Billigware aus dem
Möbelhaus, bleibt neugierigen
Blicken verborgen. Nur der massenproduzierte Nippes, der manch
ein Vorgärtchen ziert, verrät etwas
über die Bewohner der Straße.
„Derzeit erreichen die
Häuser mit ihrer schlechten Wärmedämmung
und veralteten Heizkesseln nur EU-Energielabel
E. Nach der Renovierung
soll daraus Energielabel
A werden. Die zehn
Häuser am Ende der
Poorterstraat [...] sollen
danach sogar A++
erreichen.”
Anneke Bokern
Geräumig und doch düster
Insgesamt gibt es 92 Häuser dieses Typs, die nun allesamt gründlich modernisiert werden sollen.
Derzeit erreichen sie mit ihrer
35
„Im Moment kann man sich noch kaum vorstellen, dass
die Poorterstraat in wenigen Monaten einige der
fortschrittlichsten Sozialbauten der Niederlande
beherbergen soll. Die Häuserzeile scheint in den
siebziger Jahren gefangen, als hätte man sie in Aspik
gegossen: bewegungsunfähig, aber nur leidlich
konserviert.”
Anneke Bokern
schlechten Wärmedämmung
und veralteten Heizkesseln nur
EU-Energielabel E. Nach der Renovierung soll daraus Energielabel A werden. Die zehn Häuser
am Ende der Poorterstraat, die
als Pilotprojekt zu Aktivhäusern
umgebaut werden, sollen danach
sogar A++ erreichen.
Im Inneren der Häuser wird
deutlich, weshalb sie sich für einen solchen Umbau eignen: Für
niederländische Sozialwohnungen, die in der Regel sehr beengt
sind, bieten sie erstaunlich viel
Platz. Hinter der Eingangstür
befindet sich ein kleiner Windfang. Von dort betritt man direkt
Küche und Wohnzimmer, die als
ein einziger, etwa 45 Quadratmeter großer Raum angelegt sind,
wobei der Wohnbereich zum kleinen Garten hin orientiert ist. Eine
Treppe führt in den ersten Stock
mit innen liegendem und folglich
fensterlosen Badezimmer sowie
drei Schlafzimmern, von denen
das größte über einen zusätzlichen kleinen Abstellraum unter
der Dachschräge verfügt. Der
Dachboden dient als Stauraum
und ist über eine Einschubtreppe
erreichbar.
So weit, so gewöhnlich. Bei aller
Geräumigkeit wirken die Häuser
im Inneren aber doch etwas düster
und bedrückend. Das liegt an der
Position der Küchenfenster in
einem schlecht belichteten Winkel der Gebäude und am mannshoch umzäunten kleinen Garten,
aber auch an den recht niedrigen
Decken, die mit billigem, lichtschluckendem Spritzputz versehen sind. Das Wohnzimmer mit
Küchenecke ist ein schlauchartiger Raum, in dessen Mitte kaum
Tageslicht dringt. Es riecht nach
Ledersofa und nach dem Essen
vom Vortag, aber auch nach dem
feuchten Rasen im Garten, denn es
hat gerade geregnet, und die Türen
stehen offen. Irgendwie verströmen die Häuser eine Siebziger36
jahre-Atmosphäre, an der auch
Flachbildschirm und Mikrowelle
nichts ändern können. Aus der
Ferne hört man Jubelschreie: Im
Fernsehen wird ein Fußballspiel
des FC Utrecht übertragen. Sonst
ist es still in der Poorterstraat.
Daseinsberechtigung für die
Dachschräge
Insgesamt hat man den Eindruck,
dass der Architekt mit den Dachschrägen der Häuser, die von
außen betrachtet so charakteristisch sind, nicht wirklich etwas
anzufangen wusste, denn sie bergen nichts außer Abstellraum und
verhindern, dass das Tageslicht in
die dahinter liegenden Wohnräume fallen kann. Dabei handelt es
sich vom Grundriss her eigentlich
um den niederländischen Standardtypus der „doorzonwoning“,
also „Durchsonnwohnung“, deren
größte Qualität der Lichteinfall
von beiden Fronten sein sollte.
Ein Hauptziel des Umbaus ist
dementsprechend, mehr Licht in
die Häuser zu bringen. Das wird
vor allem mittels des Ausbaus des
Dachgeschosses zum zusätzlichen
Wohnraum mit einer Dachterrasse, großen Dachfensterflächen
und einer fest eingebauten Treppe
geschehen. Durch das neue Treppenhaus kann das Licht bis hinunter ins Erdgeschoss und unterwegs
durch ein neues Innenfenster auch
in das Badezimmer fallen – was in
den Niederlanden eine Seltenheit
ist. Ein mindestens ebenso wichtiges Element der Modernisierung
ist jedoch die energetische Verbesserung der Gebäude. Fassaden und
Geschossböden werden komplett
neu gedämmt. Die Fenster erhalten eine Dreifachverglasung, und
es wird ein neues, mit Zink gedecktes Dach installiert. Auf diesem
Dach werden pro Wohnung 23
Quadratmeter Sonnenkollektoren
angebracht. Ergänzt werden diese durch einen Pufferspeicher für
die Solarwärme, eine Niedrigener-
gieheizung mit Außenluft-Wärmepumpe und eine kontrollierte
Lüftung, die über CO2-Sensoren
gesteuert wird. Untergebracht
wird die Technik größtenteils
in der heutigen Abstellkammer
im Erdgeschoss. Dass Bäder und
Küche komplett erneuert werden,
versteht sich von selbst, und natürlich werden die Häuser auch außen
generalüberholt. Dafür werden die
alten Wandschalen komplett entfernt und durch neues Mauerwerk
aus weiß gesintertem Backstein ersetzt. Holzfensterrahmen werden
an die Stelle der alten Plastikfenster treten, und unter den Fenstern
werden im Obergeschoss hölzerne
Brüstungen, im Erdgeschoss anthrazitfarbene Glaspaneele angebracht.
Damit dürften die Häuser
sowohl innen als auch außen wesentlich freundlicher und heller
werden. Obendrein erhalten sie
zusätzliche Wohnfläche und verbrauchen viel weniger Energie.
Fragt sich nur, wie die Wohnungsbaugesellschaft einen derart aufwendigen Umbau von Sozialwohnungen finanzieren kann? Die
Lösung war in diesem Fall eine
unkonventionelle Abmachung mit
den Bewohnern: Was sie zukünftig
an Energiekosten sparen, wird auf
die Miete aufgeschlagen. Damit
ergibt sich für die Bewohner eine
Nullsummenrechnung, während
die Wohnungsbaugesellschaft ihre
Investition allmählich zurückverdient.
Im Moment kann man sich
noch kaum vorstellen, dass die
Poorterstraat in wenigen Monaten einige der fortschrittlichsten
Sozialbauten der Niederlande
beherbergen soll. Die Häuserzeile scheint in den siebziger Jahren
gefangen, als hätte man sie in
Aspik gegossen: bewegungsunfähig, aber nur leidlich konserviert.
Tagsüber herrscht völlige Stille
in der Wohnstraße. Man kann
beinahe hören, wie die Farbe von
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
den Stülpschalungen blättert. Auf
die kommende Unruhe deutet nur
ein vereinzelter Bewohner hin, der
mit einem Stapel Umzugskartons
unter dem Arm vom Parkplatz zu
seinem Haus läuft. Bald wird es
vorbei sein mit der Austauschbarkeit. Wobei man eigentlich
hofft, dass viele Wohnungsbaugesellschaften dem Vorbild folgen,
sodass die Reihenhäuser in der
Poorterstraat in Zukunft wieder
genauso in der Masse untergehen,
wie sie es in den ersten 35 Jahren
ihres Daseins taten.
Anneke Bokern ist freie Architekturund Designjournalistin. In Frankfurt/
Main geboren, studierte sie in Berlin
Kunstgeschichte und zog 1999 nach
Amsterdam. Sie berichtet für deutsche und internationale Medien über
Architektur, Kunst und Design aus
den Niederlanden.
37
38
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
Active House-Diagramm:
Reihenhäuser in Montfoort
Der Begriff ,Active House’ beschreibt eine Vision
von Gebäuden, die ihren Bewohnern ein gesunderes, komfortableres Leben ermöglichen, ohne Umwelt und Klima negativ zu beeinflussen. Der 2011
entwickelte ‚Active House’–Kriterienkatalog versteht sich als Planungshilfe und zugleich als Bewertungsmethode für die Nachhaltigkeit von
Gebäuden. Active Houses werden anhand ihrer
Energiebilanz, ihres Raumklimas und ihrer Umweltwirkungen beurteilt.
Jede der drei Kategorien besteht aus drei bis vier
Einzelkriterien (wie zum Beispiel Energiebedarf,
Raumluftqualität oder Schallschutz und Akustik),
die sowohl anhand quantitativer wie auch qualitativer Aspekte ermittelt werden. Das Active HouseDiagramm zeigt die Bewertungskriterien und ihre
Wechselwirkung untereinander. Da die Sanierung
der Häuser in Montfoort noch bevorsteht, basiert
die Bewertung auf qualifizierten Schätzungen und
bisherigen Planungsergebnissen.
Die drei Bewertungskategorien des Systems sind:
Energie
Das Gebäude hat eine optimierte Energiebilanz und
nutzt ausschließlich erneuerbare Energien
Raumklima
Es trägt positiv zur Gesundheit und zum
Wohlbefinden bei
Umwelt
Das Gebäude wurde im Hinblick auf seine Umweltwirkungen und Ressourcennutzung optimiert
2.1 Jährliche Energiebilanz
4.3 Trinkwasserverbrauch
und Abwasserbehandlung
2.2 Energiebedarf
4.2 Umweltbelastung
durch
Emissionen in
Luft, Boden
und Wasser
2.3 Energieversorgung
3.2 Tageslicht und
Ausblicke
4.1 Verbrauch
nichterneuerbarer
Energieressourcen
3.5 Schallschutz und
Akustik
3.3 Thermischer Komfort
3.4 Raumluftqualität
39
„ES GEHT
AUCH UM DEN
LERNEFFEKT“
Interview mit Peter Korzelius
„Aus einem Haus wurden
schließlich zehn, die nach
der Renovierung ein
A++-Label bekommen
werden. Damit sind sie,
was die Energieeffizienz
angeht, besser als ein
Neubau.”
Peter Korzelius
Herr Korzelius, Sie leiten die Wohnungsstiftung Groen West, zu der
auch die Stichting Woonbelangen
Weidegebied (SWW) als Bauherr
des Projekts in der Poorterstraat
gehört. Wie setzt sich der Gebäudebestand Ihres Unternehmens
zusammen?
SWW selbst besitzt insgesamt etwa
5000 Wohnungen und Einfamilienhäuser, davon 800 in Montfoort.
Anfang 2011 sind wir jedoch mit einer anderen Wohnungsbaugesellschaft fusioniert und haben jetzt
gemeinsam etwa 12000 Wohnungen im gesamten westlichen Teil
der Provinz Utrecht.
Inwieweit sind die Häuser in der
Poorterstraat repräsentativ für Ihren Bestand?
Sie sind auf jeden Fall repräsentativ. Wir haben viel Gebäudebestand aus den siebziger und
achtziger Jahren, bei dem es nach
vierzig Jahren an der Zeit für eine
Generalüberholung ist. Damit befassen wir uns derzeit.
Wo liegen Ihrer Meinung nach die
Stärken und die Schwachpunkte der
Häuser?
Die größte Stärke ist, dass es große
Häuser mit einem großen Garten
sind. Aber ihr bautechnischer Zustand ist nicht besonders gut. Deshalb müssen sie renoviert werden.
Da diese Häuser einen besonders
hohen Zukunftswert haben, haben
wir beschlossen, sie zu Pilotwohnungen zu machen.
Was macht den hohen Zukunftswert
aus?
Sie sind groß, und die Lage ist gut.
Normalerweise schreiben wir
Wohnungen nach 50 Jahren ab.
Aber diese hier können nach der
Renovierung sicher nochmals 50
Jahre lang Gewinne abwerfen.
Die Gemeinde Montfoort will
auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit
aktiver werden. Deshalb haben wir
vor ein paar Jahren angekündigt:
40
Wir möchten eines der Häuser in
der Poorterstraat nehmen und darin alles, was irgend möglich ist, auf
den neuesten energetischen Stand
bringen. Aus einem Haus wurden
schließlich zehn, die nach der Renovierung ein A++-Label bekommen werden. Damit sind sie, was
die Energieeffizienz angeht, besser
als ein Neubau.
Warum haben Sie dieses Pilotprojekt gestartet?
Im Prinzip hätten wir natürlich
für dasselbe Geld auch Neubauten realisieren können. Wir sehen uns aber damit konfrontiert,
dass wir in den nächsten fünf bis
sieben Jahren ein Drittel unseres
Baubestands – also 4000 Wohnungen – sanieren müssen. Das ist
eine enorme Aufgabe. Mit diesem
Projekt wollen wir ausloten, was es
bedeutet, wenn man das wirklich
bis zu den Grenzen des technisch
Möglichen treibt: so viel Tageslichteinfall wie möglich bei so wenig Energieverbrauch wie möglich.
Darüber haben wir einige interne
Diskussionen gehabt. Vor allem
nach der Fusion gab es viel Gegenwind, denn es ist ein teures Projekt.
Wir investieren immerhin 160000
Euro in jede Wohnung. Aber ich
bin mir sicher, dass sich dieses
Projekt in zwanzig oder dreißig
Jahren als gute Investition erwiesen haben wird.
Was wir hier tun, können wir
natürlich nicht bei 4000 Wohnungen machen – dafür haben wir,
ehrlich gesagt, ganz einfach nicht
das Geld. Aber es werden Aspekte
dabei sein, die sich als erfolgreich
erweisen und die wir bei anderen
Renovierungsprojekten wiederholen können. Es geht auch um
den Lerneffekt.
Was werden die Bewohner von der
Verwandlung ihres Hauses in ein
Aktivhaus merken?
Sie bekommen ein sehr sparsames Haus, das kaum Energie
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
verbraucht. Die Kosten für fossile Brennstoffe werden jedes
Jahr höher, und damit steigt auch
der Anteil der Energiekosten an
den Wohnkosten kontinuierlich.
Deshalb lohnt es sich, jetzt in die
Reduktion der Energiekosten zu
investieren.
Hinzu kommt natürlich, dass
die Bewohner mit dem Dachgeschoss einen riesigen Raum dazubekommen. Und der Tageslichteinfall wird optimiert.
Wie würden Sie dieses Viertel beschreiben? Ich habe gehört, dass
die Straße früher einen schlechten
Ruf hatte?
Ja, die Poorterstraat wurde nicht
so geschätzt. Es sind natürlich
Sozialbauten. Unsere Zielgruppe
sind nun einmal Leute, die ein
wenig Unterstützung brauchen
und nicht unbedingt kapitalkräftig sind. In einem Städtchen, das
hauptsächlich aus Eigenheimen
besteht, ist das dem Ruf eines
Viertels nicht gerade zuträglich.
Oft ist das aber lediglich eine
Imagefrage. Die Leute haben eine
Meinung über eine Straße und deren Bewohner, die mit der Realität
nichts zu tun hat. Deshalb ist es gut,
dass ausgerechnet diese Straße
jetzt zum Vorzeigeprojekt wird.
Peter Korzelius ist Vorsitzender der
Geschäftsführung der Wohnungsstiftung GroenWest. Sie ging im
Januar 2011 aus der Fusion mehrerer
Wohnungsbaugesellschaften hervor, darunter auch SWW (Stichting
Woonbelangen Weidegebied), deren
Geschäftsführer Korzelius zuvor war
und zu deren Bestand die Häuser in
der Poorterstraat gehörten.
41
42
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
„WIR WOLLEN
ZEIGEN, WIE
WICHTIG NACHHALTIGKEIT IM
WOHNUNGSBAU
IST“
Interview mit Rob Jonkers
Herr Jonkers, Sie sind Beigeordneter für Raumordnung und Wohnen
im Gemeinderat von Montfoort.
Wie lange sind Sie schon in der Lokalpolitik aktiv?
Ich habe von 2002 bis 2006 bereits
einmal im Gemeinderat gesessen.
Danach habe ich eine Pause eingelegt, und jetzt bin ich seit 2010
wieder dabei.
Wohnen Sie selber in Montfoort?
Ja, seit fast zwanzig Jahren.
Hat die Gemeinde sich in dieser Zeit
verändert?
Nein, das denke ich eigentlich
nicht. Montfoort ist ein ruhiges
Städtchen.
Wächst oder schrumpft die Stadt?
Nun, wir liegen im sogenannten
‚Grünen Herzen’ der Randstad.
Das ist ein geschütztes Gebiet,
dessen landschaftlicher Charakter
bewahrt bleiben soll. Die Provinz
gesteht uns deshalb Neubauaktivitäten und Erweiterungsprojekte
nur in sehr beschränktem Rahmen
zu. Deshalb können wir kaum
wachsen, während wir gleichzeitig eine alternde Einwohnerschaft
haben.
Was für Wohnungen oder Wohnhäuser werden in Montfoort
benötigt?
Im Rahmen der Überalterung
benötigen wir vor allem Seniorenwohnungen. Auch bezahlbare
Wohnungen für junge Leute sind
ein Thema. Die Wohnungspreise
liegen bei uns recht hoch, deshalb
haben junge Leute kaum Chancen,
eine Wohnung zu kaufen. Gleichzeitig können wir aus den bereits
erwähnten Gründen keine bezahlbaren Neubauten realisieren.
Meiner Ansicht nach tut der Staat
viel zu wenig, um Wohnraum für
junge Leute zu schaffen.
Wird zurzeit viel saniert in Montfoort?
Ja, die Wohnungsbaugesellschaft
SWW renoviert viel. Es gibt rund
um den historischen Stadtkern
einige Viertel aus der Nachkriegszeit, die dringend dem modernen
Standard angepasst werden
müssen. Das gilt auch für die
Wohnungen in der Poorterstraat.
Als Gemeinde versuchen wir, den
Einwohnern über solche Projekte
zu vermitteln, wie wichtig Nachhaltigkeit im Wohnungsbau ist.
Charakter ist doch eher dörflich.
Die Innenstadt ist hübsch, auch
wenn in den achtziger Jahren viele schöne alte Gebäude abgerissen
wurden. Wir haben ein lebendiges
Vereinsleben, und da Montfoort
eine katholische Enklave in protestantischem Gebiet ist, sind
wir eine Karnevalshochburg. Es
gibt hier jedes Jahr einen großen
Karnevalsumzug mit fast hundert
Wagen.
Was können Sie als Beigeordneter
beitragen, um diese Qualitäten zu
fördern?
Ich möchte vor allem das Vereinsleben fördern und außerdem
bewirken, dass die Menschen hier
von der Wiege bis zur Bahre wohnen können. Im Moment müssen
noch zu viele Leute wegziehen,
wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben.
Welche Bedeutung hat das Projekt in der Poorterstraat in diesem
Zusammenhang?
Das Projekt ist einzigartig, weil
es ja nicht nur um Nachhaltigkeit
geht, sondern um Aktivhäuser.
Damit ist es nicht nur in Montfoort etwas Besonderes, sondern
in den gesamten Niederlanden.
Wie würden Sie die Lebensqualität
in Montfoort beschreiben?
Montfoort ist sehr grün. Mit
Utrecht liegt zwar eine Großstadt
um die Ecke, aber man fühlt sich
wie auf dem Land. Offiziell hat
Montfoort Stadtrechte, aber sein
Rob Jonkers ist parteiloser
Beigeordneter für Raumordnung,
Wohnen, Verkehr und Wirtschaft
im Gemeinderat von Montfoort.
43
Interview mit
Corine van Velzen
„Dem braunen Kachelboden werden wir
keine Träne nachweinen“
Corine van Velzen wohnt mit ihren
beiden Kindern im Teenageralter
in der Poorterstraat 31. Sie ist
vor drei Jahren in das Haus gezogen, nachdem sie von ihrem
Ehemann geschieden wurde.
Sie sind vor drei Jahren in die
Poorterstraat gezogen. Wie kam
es dazu?
CV: Naja, wir hatten keine Wahl.
Ich war frisch geschieden und
bekam von der Wohnungsbaugesellschaft dieses Haus zugewiesen.
Wie gefällt Ihnen die Gegend?
CV: Ganz gut. Wir haben nicht so
viel Kontakt mit den Nachbarn.
Das geht alles ein bisschen an uns
vorbei. Ich glaube, das sieht man
auch, denn wir wohnen nicht so
sehr auf der Straße. Die anderen
sitzen immer in den Vorgärten
und reden miteinander. So sind
wir nicht. Kennen Sie die holländischen Filmkomödien aus den
achtziger Jahren über die asoziale
Familie Flodder? Daran erinnern
mich die Nachbarn hier teilweise.
Die Straße hat ja keinen guten Ruf.
Ist das immer noch so? Ich habe
gehört, dass das vor allem früher
der Fall war.
CV: Also, ich bin wirklich nicht stolz
auf meine Adresse. Wenn Leute
mich fragen, wo ich wohne, rede
ich mich irgendwie raus.
desselben Typs in dieser Siedlung
gewohnt. Wir wussten also, was
uns erwartet. Ich habe auch noch
einen Sohn, der heute bei seinem
Vater ist. Sein Zimmer ist etwas
klein. Aber sonst ist das Haus prima. Mal abgesehen davon, dass das
Bad voller Schimmel ist.
Bekommt Ihr Sohn nach dem Umbau ein großes Zimmer im neuen
Dachgeschoss?
CV: Nein, das bekomme ich! Erst
hat er protestiert, aber das Zimmer
wird keine Tür haben, sondern nur
einen offenen Treppenaufgang.
Das war ein schlagendes Argument, denn das will er nicht.
Was versprechen Sie sich sonst noch
von der Renovierung?
CV: Viel Licht und eine gute
Raumwirkung, sodass das Haus
großzügiger wirkt. Wir stehen
der Renovierung auf jeden Fall
positiv gegenüber. Vor allem dem
braunen Kachelboden im Wohnzimmer werden wir keine Träne
nachweinen.
Und das Haus selber? Fühlen Sie
sich hier wohl?
CV: Ja, das ist prima. Wir haben
früher mal in einem anderen Haus
44
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
45
46
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
Interview mit
Ron Vermeulen und
Loes Oenema
„Ich will eigentlich nicht mehr weg“
Ron Vermeulen wohnt mit seiner
Freundin Loes Oenema in der
Poorterstraat 37. Sie sind vor vier
Jahren in das Haus eingezogen,
nachdem ihnen ihre alte Wohnung zu klein geworden war.
Warum sind Sie vor vier Jahren in
die Poorterstraat gezogen?
RV: Ich hatte vorher 15 Jahre lang
eine kleine Wohnung in Woerden,
da habe ich auch anderthalb Jahre mit meiner Freundin gewohnt.
Aber es wurde zu klein, und hier
wurde etwas frei. Am Anfang fand
ich es schwer, mich hier einzugewöhnen. Aber es ist näher an meinem Arbeitsplatz, und wir haben
ein paar nette Nachbarn. Ich will
eigentlich nicht mehr weg.
Was gefällt Ihnen besonders an diesem Haus?
RV: Die Größe. Sonst gibt es eigentlich nichts Besonderes.
Haben Sie einen Lieblingsplatz im
Haus?
RV: Nein, wir sitzen eigentlich
überall gerne. Nur die Küche ist
etwas unpraktisch. Dabei hat die
Wohnungsbaugesellschaft sie damals eigens nach unseren Wünschen eingebaut, denn die Küche
der Vormieter hatte überhaupt
nicht der Bauverordnung entsprochen. Aber wir haben sie nicht gut
geplant, denn am Tisch können wir
nur nebeneinander sitzen anstatt
einander gegenüber. Deshalb lassen wir jetzt beim Umbau die Küche an die Vorderseite des Raums
verlegen.
Was haben Sie mit dem zusätzlichen
Raum im Dachgeschoss vor?
RV: Das wissen wir noch nicht. Wir
dachten erst, dass wir dort schlafen würden, aber meine Freundin
möchte lieber auf dem Geschoss
schlafen, wo die Toilette ist.
Finden Sie es gut, dass Ihr Haus
zum Pilotprojekt gehört?
RV: Einerseits ja, andererseits nein.
Für eine einfachere Renovierung
hätten wir nicht ausziehen müssen.
Und was halten Sie davon, dass die
Häuser mit Solarzellen und Wärmepumpen ausgestattet werden?
RV: Das ist alles ganz neu für uns.
Wir wissen noch gar nicht, wie
das wird.
Naja, es werden Aktivhäuser, die
viele Dinge selber regeln.
LO: Oh, je ... Und wenn ich nach
Hause komme, ist sicher auch das
Essen schon fertig?
RV: Ich finde, das ist ein schönes
Projekt. Dafür sind wir auch bereit, ein paar Monate auszuziehen. Auch wenn meine Freundin
das nur mit enormem Widerwillen tut.
47
Interview mit
Marga und Edwin
Hamelinck
„Behaltet euren Neubau, wir nehmen das Haus!“
Marga und Edwin Hamelinck
wohnen mit ihren zwei Söhnen
und zwei Töchtern in der Poorterstraat 33. Seit ihrem Einzug vor
17 Jahren haben sie einen großen
Teil des Hauses selbst renoviert.
Wie lange wohnen Sie hier schon?
EH: Gut 17 Jahre. Es war unser
erstes gemeinsames Haus, und
unsere vier Kinder sind alle hier
zur Welt gekommen.
Wieso haben Sie sich damals für
dieses Haus entschieden?
EH: Wir standen auf der Warteliste der Wohnungsbaugesellschaft. Es gab damals eine Reihe
von Neubauprojekten in Montfoort, und uns wurde zunächst
eine Wohnung in einem neuen
Wohnblock angeboten. Dann
hieß es, dass auch ein Haus in
der Poorterstraat frei sei. Mein
Schwager wohnte am Anfang
der Straße, deshalb kannte ich
die Häuser. Also sagte ich: Alles
klar, behaltet euren Neubau, wir
nehmen das Haus.
Und weshalb?
EH: Weil das Haus so groß ist.
MH: Ich glaube, das hier sind so
ziemlich die größten Mietshäuser in Montfoort.
EH: Und sie haben einen ordentlichen Garten. Die meisten Neubaugärten sind sicher zwanzig
Quadratmeter kleiner. Natürlich
haben wir im Laufe der Jahre einiges am Haus verändert. Aber es
ist einfach super, dass man so viel
Platz hat.
48
Hat sich die Nachbarschaft verändert, seit Sie hier wohnen?
EH: Die Poorterstraat hatte so
ihren Ruf. Sie galt als die Asozialenstraße von Montfoort. Wir
dachten: Wen interessiert das?
Wenn wir die Haustür hinter uns
zuziehen, merken wir sowieso
nichts davon.
MH: Ich habe auch nicht unbedingt mit allen Nachbarn viel zu
tun. Ich kann gut dichtmachen,
wenn ich jemanden nicht mag.
Was halten Sie davon, dass die Häuser nun umgebaut werden?
EH: Sehen Sie, die Wohnungsbaugesellschaft hat in den letzten
Jahren wenig an den Häusern
gemacht. Die Renovierung ist
wirklich bitter nötig. Wir haben
immer alles selber gemacht. Ich
habe die Küche und das Bad selber renoviert, und ich habe das
Dachgeschoss zum Schlafzimmer für unsere zwei Söhne ausgebaut. Ich habe sogar die Toilette
selber gefliest. Das ist aber alles
schon ein paar Jahre her, und wir
waren schon am Überlegen, ob
wir es nicht wieder mal machen
müssten. Da kam die Wohnungsbaugesellschaft mit den großen
Renovierungsplänen. Das kam
wie gerufen. Ich sagte nur:
Prima – dann fangt mal an!
Was denken Sie, wie das Haus nach
der Renovierung sein wird?
EH: Großzügig, hell, ganz anders. Wir fangen nach 17 Jahren wieder völlig von vorne an.
Wir verlegen die Küche an eine
andere Stelle, damit ein großer
Ess- und Wohnraum entsteht.
Im Obergeschoss wird nur das
Schlafzimmer an der Vorderseite wegen der neuen Treppe etwas kleiner. Naja, und eine feste
Treppe zum Dachboden will ich
sowieso schon seit Jahren haben.
Die wollte ich sogar schon selber
bauen, aber so viel will man dann
doch nicht in ein Mietshaus investieren. Und wären wir ausgezogen, hätten wir das alles wieder rückgängig machen müssen,
weil es nicht der Bauverordnung
entsprochen hätte. Für uns ist die
Renovierung also ein Geschenk
des Himmels.
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
49
50
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
51
Interview mit
Pega und Egidio
Geerman
„Die Haustür steht bei uns immer offen“
Pega und Egidio Geerman wohnen seit 24 Jahren in der Poorterstraat 47. Auch ihre drei Kinder sind
in diesem Haus aufgewachsen.
Weshalb haben Sie sich für dieses
Haus entschieden, als Sie vor 24
Jahren nach Montfoort zogen?
EG: Mein Chef in der Fleischfabrik
wollte mir ohne Mietvertrag keinen festen Arbeitsvertrag geben.
Dieses Haus war unsere einzige
Option – weil niemand anders es
haben wollte. Es war in fürchterlichem Zustand. Ich habe fünf Jahre
gebraucht, um es auf Vordermann
zu bringen.
Wenn Sie hier schon so lange wohnen, kennen Sie die Nachbarschaft
sicher gut, oder?
EG: Ja, natürlich. Es gab gute und
schlechte Jahre. Im Moment ist es
wieder mal ein bisschen schwierig,
wegen des Umbaus. Manche Nachbarn sind neidisch, weil ihr Haus
nicht zum Pilotprojekt gehört.
Dabei können wir ja gar nichts dafür, dass unser Haus ausgewählt
wurde.
Hat sich die Nachbarschaft im
Laufe der Jahre verändert?
EG: Ja, in den letzten Jahren schon.
Hier wohnen jetzt mehr Zugezogene, die nicht aus Montfoort stammen. Aber das ist überall in den
Niederlanden dasselbe.
52
Was mögen Sie besonders an diesem Haus?
PG: Dass man vorne und hinten
alles öffnen kann.
EG: Wir wohnen gerne mit offenen Türen. Die Haustür steht bei
uns immer offen, und die Nachbarskinder kommen und gehen
einfach. Vielleicht liegt das daran, dass wir von der Karibikinsel
Aruba stammen. Dort kann man
heutzutage zwar auch nicht mehr
die Tür offen stehen lassen, aber
früher war das so.
Möchten Sie denn hier bleiben?
EG: Ja, ich sage immer: Dieses Haus
verlasse ich nur noch mit den Füßen zuerst. Ich habe hier drei Kinder großgezogen.
Haben Sie einen Lieblingsplatz im
Haus?
EG: Ja, natürlich: vor dem Fernseher (lacht).
PG: Mein Mann ist immer hier
unten, und ich bin oben. Ich lese
lieber.
Haben Sie im Moment das Gefühl,
dass dem Haus etwas fehlt oder
irgendetwas nicht funktioniert?
EG: Wenn ich das richtig verstanden habe, sind die Fensterrahmen
und ein Teil der Fassadenverkleidung völlig morsch. Oben auch.
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
Jetzt bekommen Sie einen Raum im
Dachgeschoss dazu. Was haben Sie
damit vor?
EG: Ich werde ihn vermieten
(lacht). Nein, nein. Auf den Zeichnungen sieht der Raum sehr schön
aus. Wir wissen noch nicht genau,
was wir damit machen.
53
54
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
55
WIE ÜBERLEBEN DIE
BANLIEUES
VON PARIS?
Sanierung eines Wohnhochhauses
Architekten: Frédéric Druot, Lacaton & Vassal, Paris
Adresse: 5, bd du Bois-le-Prêtre, Paris, F
Baujahr: 1959
56
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
57
58
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
DAS WAGNIS DER
METAMORPHOSE
Der Umbau des Wohnhochhauses Bois le Prêtre sorgt
für eine Überraschung in der Pariser Stadtlandschaft.
Seine unübersehbare Tragweite stößt die heikle
Debatte an, wie sinnvoll die Erneuerung des Sozialwohnungsbestands wirtschaftlich und architektonisch eigentlich ist. Das Projekt beweist, wie
spektakulär es sein kann, Lebensqualität durch gute
Architektur dort einzuführen, wo sie nie eine Rolle
gespielt hat.
Von Karine Dana
Fotos von Torben Eskerod
Das Wohnhochhaus Bois le
Prêtre im Norden des 17. Arrondissements, am Rand der Pariser
Ringautobahn, ist nicht mehr
wiederzuerkennen. Sein altes Gesicht – trist und bedrückend, wie es
die benachbarte Tour Borel noch
zeigt – hat ausgedient. Und zwar
unbestreitbar.
Sein Standort im Grenzgebiet
der Gemeinden Paris, Clichy und
Saint-Ouen ist ein typisches Beispiel von Stadtrandplanung, das
sich über die letzten fünfzig Jahre allmählich entwickelt hat. Die
hochgeführte Ringautobahn, der
Friedhof von Batignolles, zahlreiche städtische Dienstleister und
Sozialwohnungen prägen das
Gebiet, dem der Ehrgeiz des Architekten Raymond Lopez in den
50er-Jahren seinen Stempel aufgedrückt hat. Die Nutzungsüberlagerungen verleihen ihm heute den
Charakter eines offenen, fragilen
und formlosen Raums, in dem jedoch die bevorstehende Neuordnung schon spürbar wird. Denn
das rund fünfzehn Hektar große
Areal mit seinen rund 1.000 Einwohnern ist Teil des sogenannten
„Großen Stadterneuerungsprojekts“ (Grand Projet de Renouvellement Urbain, GPRU), das für
elf als vorrangig eingestufte Pariser Viertel aufgelegt wurde. Das
Baustellenschild vor Ort macht
klar, um welche Dimensionen es
geht. Eine Wand aus Büros und
Hotels gegenüber der Autobahn,
ein neuer öffentlicher Platz, Verlagerung der Dienstleistungsbetriebe, Errichtung neuer Wohnungen, aber auch Abbruch und
Neubau der Kinderkrippe an der
Tour Bois le Prêtre, Abriss der Tour
Borel und des nördlichen Teils des
zugehörigen Wohnriegels.
Bois le Prêtre blieb hingegen
vom Abriss verschont und nimmt
damit eine etwas widersprüchliche Position ein, als unfreiwillige
Ikone einer bewahrten Erinnerung. Der Wohnturm, dessen
Sanierung die allererste Baumaßnahme des Stadterneuerungsprojekts war, wirkt wie ein Kuriosum
in diesem Viertel, das angesichts
des Ausmaßes der Umgestaltung
kaum noch als solches erkennbar
ist. Er steht für die Gewissheit,
dass man auch heute noch Stadtplanung betreiben könne in der
Hoffnung, sie werde dauerhaft zu
Zusammenhalt und Ruhe führen.
Dennoch fällt es schwer, eine
gewisse, keineswegs naive Skepsis
zurückzuhalten: Ist für die Kinderkrippe am Bois le Prêtre wirklich
kein Platz mehr? Hätte man die
beiden Borel-Gebäude nicht erhalten können? Hätte sich der
Schlafstadt-Effekt in der Rue Rebière, so ganz ohne Geschäfte und
Cafés, nicht vermeiden lassen?
Verallgemeinert man die Haltung,
die dem Bois le Prêtre zugestanden
wurde, drängt sich der Gedanke
auf, dass dieser aufwertende und
sorgsame Umgang mit dem Bestehenden eben doch auf das gesamte Areal hätte ausgedehnt werden
können. An diesem Punkt wäre es
noch möglich gewesen, der schweren städtebaulichen Maschinerie
zu entkommen, die unweigerlich
entwurzelte Milieus hervorbringt.
Denn der Umbau der Tour
Bois le Prêtre hat eine lange Vorgeschichte. Er ist das Ergebnis
einer Debatte, die bereits vor
acht Jahren begann, als das Kultusministerium die Architekten
Druot, Lacaton & Vassal damit
beauftragte, über eine Alternative zu der bis dahin praktizierten,
äußerst kostspieligen Politik des
Abbruchs und Ersatzneubaus
nachzudenken. Die Architekten
empfahlen daraufhin einen Umbau der Wohnsiedlungen und zeigten die kulturelle wie wirtschaftliche Absurdität des Vorhabens auf,
diesen durchaus qualitätvollen
Gebäudebestand abzureißen. Sie
wollten beweisen, dass das Resultat eines Umbaus trotz geringerer
Kosten – 100.000 € pro Wohnung
statt 170.000 € –gelungener und
überraschender sein würde als im
Falle eines Abbruchs und Neubaus.
Der Wintergarten als Ort der
Fantasie
Und tatsächlich, das Ergebnis
fällt kühn aus: Eine heitere Abfolge durchscheinender Anbauten
ersetzt die alten Vorhangfassaden mit Doppelbrüstungen aus
Asbestfaserzement und Drehflügelfenstern. Das vorhandene,
von der ursprünglichen Fassade
unabhängige Tragwerk aus Betondecken und -wänden im Raster von 7,5 m besaß ein sehr gutes
Umbaupotenzial. Handlungsbedarf bestand beim geringen Wär-
mekomfort, der Kleinteiligkeit
der Wohnungen und dem Mangel
an natürlichem Licht in den Eingangshallen und Gemeinschaftsbereichen. Außerdem fehlte es in
dem 50 Meter hohen, 17-geschossigen Hochhaus mit seinen 96 Wohnungen, davon 32 Sechs-, 28 Dreiund 36 Zweizimmerwohnungen,
an großen Appartements mit
4 und 5 Zimmern. Vier Wohnungen
kamen neu hinzu. Alle bestehenden Wohnungen gewannen durch
den Umbau 40% mehr Fläche,
indem Wintergärten – ungeheizte, klimaaktive Pufferzonen – vor
die Ost- und Westfassaden gesetzt
wurden. An den Schmalseiten des
Gebäudes im Norden und Süden
fügten die Architekten teilweise
geheizte Anbauten in Verlängerung der Geschossdecken an.
Überall wurden die Elektro- und
Sanitärausstattung und die Lüftungsanlagen erneuert.
Von unten betrachtet, wenn die
Sonne scheint, wirft die glänzende
Fassade Fragen auf. Recht schnell
wird jedoch klar, dass es keineswegs um ein kunstvolles Verkleiden geht, sondern um die Möglichkeit einer inneren Sensibilität. Die
Sonnenschutzvorhänge, aus der
Welt der Gewächshäuser entliehen,
sind nicht alle zugezogen und lassen eine unerwartete Lebendigkeit
und Tiefe erahnen, die durch die
Fertigmodule aus einem 7,5 m x
3 m großen Metallgerüst mit Betonboden, aus denen die Wintergärten bestehen, neu hinzukamen.
Wie zusätzliche Stückchen Leben.
Es braucht schon eine ziemliche
Chuzpe, um derart unverhüllt eine
„Architektur vor der Architektur“
zu planen ...
Für einen Passanten ist es
reizvoll, sich geistig in eine dieser ‚Glashütten’ hineinzuversetzen. Sie setzen dem Blick keinen
Widerstand entgegen. Nicht alle
sind voll in Beschlag genommen.
Ihr Eintritt in die Vorstellungswelt der Bewohner ist noch zu
frisch. Sie faszinieren, weil man
59
„Indem die Architekten diesen
neuen Raum schufen, dessen
Status und Klima den Bewohnern
überlassen sind, ermutigen sie zu
einer Inszenierung des Lebensraums, die sonst häufig mangels
räumlicher Flexibilität und ausreichender Flächen auf der Strecke
bleibt.”
Karine Dana
Menschen ausmachen kann, die
darin sitzen, kommen und gehen,
Blumen gießen, geschäftig sind.
Als wären sie in einem kleinen
Pavillon. Dies ist keine Fassade
wie alle anderen; eigentlich ist es
überhaupt keine Fassade, sondern
ein städtebauliches Programm.
Zusätzliche Aufzüge in der Fassade,
die einen stufenlosen Zugang zu
den Etagen ermöglichen, führen
zu den Wohnungen. Die Eingangshallen und gemeinsam genutzten
Bereiche wurden überarbeitet. Auf
einmal lohnt es sich, hier den Kopf
nach rechts oder links zu drehen.
Die Sicherheitstüren sind durchsichtig, genau wie die Querwände.
Jeder Treppenabsatz vermittelt
das Gefühl eines geschützten
Außenbereichs, eines schwebenden Erdgeschosses. Man würde
sie gern neu genutzt sehen. Ihre
Helligkeit bietet sich dafür an. Sie
sind keine ‚Gebäudekerne’ mehr,
sondern vollwertige Räume.
Dieses Projekt setzt auf Beziehungen von Sympathie und Freude
mithilfe des Raums. Beziehungen, die selten im sozialen Wohnungsbau bedacht werden, wo der
Schwerpunkt derart aufs Energiesparen gelegt ist, dass das wichtigste Kriterium der Nachhaltigkeit
– nämlich die Verbundenheit mit
der eigenen Wohnung – weit in
den Hintergrund gedrängt wird.
Plötzlich ist der Innenraum
wie verwandelt
Wir betreten eine ursprünglich
45 m2 große, nach einer Seite hin
ausgerichtete Zweizimmerwohnung, deren Wohn- und Schlafzimmerboden um einen 18 m2 großen
Wintergarten und einen 1 Meter
breiten durchgehenden Balkon
verlängert wurde. Sie wirkt wie
eine Einladung, im Innern einer
Dreifachverglasung zu wohnen.
Zunächst trat eine erste, raumhohe Glasfassade aus Aluminiumschiebetüren mit eingelassener
Schwelle an die Stelle der alten
60
Vorhangfassade. Sie öffnet sich
auf einen Zwischenbereich, der
durch fest eingebaute und bewegliche Paneele aus transluzentem
Polycarbonat gebildet wird. Ein
durchgehender Balkon mit transparenter Brüstung schließt die
neue Fassade nach außen hin ab
und gibt dem Wintergarten die nötige zurückgesetzte Position, um
ihm den Rang eines Innenraums
zu verleihen.
Abgesehen von dem Gewinn
an Wohnfläche und Licht lädt das
Umbauprojekt zu einer je nach
Jahreszeit variierenden Nutzung
der Wohnungen ein. Der alte Wohnungsgrundriss ist hier unverändert, die Küche ist im hinteren
Teil des Wohnzimmers geblieben.
Durch die Öffnung nach außen
und den Helligkeitsgewinn wird
sie nun zu einem Rückzugsort,
gleichsam einem ebenerdigen Belvedere. Das Schlafzimmer, zuvor
nur auf einem Weg erreichbar, tritt
über den Wintergarten mit dem
Wohnzimmer in Verbindung. Es
funktioniert jetzt nicht mehr als
Sackgasse, sondern als ein Anfang.
Der Wintergarten als sensibler
Raum, so empfindlich reagierend wie eine Epidermis, dient
bei milden Temperaturen als
Hauptwohnbereich. In der kalten
Jahreszeit werden die Sitzgelegenheiten wohl wieder in das alte
Wohnzimmer umziehen, während
sich der Wintergarten in einen geschützten ‚Hof’ zum Spielen und
Gärtnern verwandelt. Indem die
Architekten diesen neuen Raum
schufen, dessen Status und Klima
den Bewohnern überlassen sind,
ermutigen sie zu einer Inszenierung des Lebensraums, die häufig
mangels räumlicher Flexibilität
und ausreichender Flächen auf der
Strecke bleibt. Die Räume animieren dazu, je nach Lust und Laune
eine andere Atmosphäre zu schaffen, abhängig vom Stand der Sonne, dem die Vorhänge folgen, von
der Luft, die an mehreren Stellen
einströmen kann, und von der Intimität der eingerichteten Sofaecke.
Sie bieten das geistige Vergnügen,
sich an verschiedenen Orten hinsetzen zu können, und laden dazu
ein, mit dem innigen Verhältnis
zwischen Klima und Mobilität zu
experimentieren.
Die Einbindung der Bewohner
in das Projekt wurde erheblich
dadurch begünstigt, dass die Bauarbeiten bei laufendem Betrieb
durchgeführt wurden. Ein heikles Unterfangen, das es jedoch
ermöglichte, den Kontakt zu den
Menschen aufzubauen und nach
und nach die künftigen Absichten
verständlich zu machen. So konnten die Bewohner erleben, dass
die Beziehung zum Neuen umso
stärker ist, wenn sie im Verhältnis
zum Bestehenden aufgebaut wird.
Und so haben sich die Wohnungen,
auch ohne eine grundlegende Sanierung erfahren zu haben, alle
tiefgreifend gewandelt. Ein äußerst merkwürdiges Phänomen:
Der Lebensinhalt ist derselbe,
doch er wird durch etwas völlig
anderes belebt.
Durch den Wintergarten
lassen sich 50% der Heizkosten
einsparen, und bislang wird er auf
die Wohnfläche nicht angerechnet.
Während die Heizproblematik in
Frankreich noch häufig unter
dem Gesichtspunkt von Material
und Dämmung angegangen wird,
macht die Besichtigung einer
Wohnung im Bois le Prêtre klar,
wie vielversprechend es heute ist,
dieses Thema aus dem Blickwinkel von Öffnung, Licht und Fluss
zu betrachten.
Natürlich muss man dem Gebäude in ein paar Monaten einen
erneuten Besuch abstatten, um
zu sehen, was seine Bewohner
aus ihm machen. Doch schon
jetzt stellt sein Umbau einen Präzedenzfall für den sozialen Wohnungsbau in Frankreich dar. Auf
keinen Fall darf er eine Ausnahme
bleiben, sondern soll inspirieren,
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
Nachahmer finden und ebenso
viele Formen zur Steigerung bestehender Kapazitäten eröffnen, wie
es Situationen gibt. Es verkörpert
die Möglichkeit einer anderen
städtischen Ökonomie, wie sie nie
zuvor so weit getrieben wurde.
Karine Dana, ausgebildete Architektin, war 12 Jahre lang als Ressortleiterin für die französische
Architekturzeitschrift amc tätig.
Heute arbeitet sie als freie Autorin
und kooperiert regelmäßig mit den
Architekten Lacaton & Vassal. Zuletzt verfasste sie einen Beitrag für
deren neue Monografie, die im Verlag GG erscheinen wird.
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
61
62
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
Interview mit
Frau Jean-Charles
„Als die Wände eingerissen wurden, wusste ich,
es würde großartig werden!“
Frau Jean-Charles, 44 Jahre,
wohnt seit 2000 im 16. Stock von
Bois le Prêtre. Sie hat das Projekt
zum Umbau ihrer Wohnung begeistert aufgenommen und beschreibt,
wie sich ihre Lebensgewohnheiten
dadurch radikal geändert haben.
Wie wurde Ihnen dieses Projekt eines Umbaus bei laufendem Betrieb
vorgestellt?
Es gab viele Besprechungen, was
übrigens die Bewohner enger zusammengebracht hat. Zunächst
waren alle skeptisch, und den älteren Leuten machte die Vorstellung
Angst, ihre Vergangenheit in Kartons verpacken und sich dabei von
einigen Dingen trennen zu müssen. Aber ich war gleich dafür. Das
Projekt bedeutete einen Neubeginn. Am Anfang wollte niemand
recht daran glauben. Aber damit
sich die Bewohner besser vorstellen konnten, was passieren würde,
haben die Architekten eine Wohnung zur Musterwohnung umgebaut. Von da an konnten wir uns
richtig auf das Projekt einlassen.
Wie haben Sie die Bauarbeiten erlebt?
Ich war eine der ersten, deren
Wohnung umgebaut wurde. Da
meine Tochter Asthma hat, haben
wir zweieinhalb Monate in einem
Ausweichquartier verbracht. Das
Leben war schwierig dort, auch
wenn wir sehr gut untergebracht
und versorgt waren. Was uns
hat durchhalten lassen, war der
geplante Umbau. Als die Wände
eingerissen und die bestehende
Fassade entfernt wurde, wusste
ich, es würde großartig werden!
Während der Bauarbeiten
haben mich die Baufirma und
die Architekten oft nach meiner
Meinung gefragt, wenn es um die
Auswahl der Tapeten, Wandfar-
ben und Fliesen ging. Wissen Sie,
es ist sehr wichtig, die Bewohner
mit einzubeziehen, den Leuten
das Recht zu lassen, ihr Leben zu
ändern. Von den Ratschlägen der
Architekten habe ich übrigens
auch für die Einrichtung meiner
restlichen Wohnung profitiert.
Ich habe diesen Austausch sehr
genossen.
mich um meine Pflanzen, lese und
schreibe. Es ist ein sehr friedlicher
Ort, meine kleine Zen-Ecke. Ich
fühle mich dort ruhig und inspiriert. In mein altes Wohnzimmer
gehe ich dagegen überhaupt nicht
mehr! Sogar wenn ich Gäste habe,
essen wir auf jeden Fall im Wintergarten. Und abends ist der Sonnenuntergang herrlich.
Was ist Ihre erste Empfindung,
wenn Sie an den Umbau denken?
Meine Wohnung war eine der
kleinsten im Gebäude, rund
50 m2 groß. Heute haben wir etwa
80 m2, ohne dass sich meine Miete geändert hätte! Der Umbau hat
unsere Lebensweise und unsere
Art zu wohnen richtig verwandelt. Dabei wurden in unserer
alten Wohnung nur sehr wenige
Arbeiten vorgenommen. Die Wände wurden frisch gestrichen und
das Badezimmer renoviert, das
jetzt besser ausgestattet ist. Die
Veränderung kommt nur durch
diesen angebauten Raum, dieses
zusätzliche Zimmer. Jetzt haben
wir Platz, was das Wichtigste ist,
und viel Licht. Man kommt sich
weniger eingeengt vor. Ich stamme vom Land, aus Martinique,
und genieße es sehr, diese freie
Fläche zu haben. Auch wenn ich
nicht weiß, wie wir im Winter in
diesem neuen Zimmer wohnen
sollen, weil es nicht geheizt wird.
Wie behandeln Sie den Raum, was
Temperatur und Pflege betrifft?
Wenn es draußen warm ist, habe
ich das Gefühl, über eine Art natürliche Klimaanlage zu verfügen.
Durch die Sonnenschutzvorhänge ist es dort immer kühl. Vorher
war das Wohnzimmer bei hohen
Außentemperaturen ein Glutofen,
einfach unerträglich. Man musste
alles dichtmachen.
Zur Pflege habe ich einen
Dampfbesen für die Fensterflächen gekauft. So geht das Saubermachen ziemlich leicht.
Wie nutzen Sie den Wintergarten?
Er ist mein Hauptzimmer geworden. Ich frühstücke dort, kümmere
Hat dieser neue Raum Ihre Beziehung zur Stadt verändert?
Ja, sehr! Durch den weiten Ausblick kann man neue Sachen sehen und sich der Außenwelt näher fühlen. Die Stadt ist für mich
jetzt ein ständiges Schauspiel. Ich
habe mehr das Gefühl, in ihr zu
leben. Wenn ich früher die Fenster aufmachte, wurde mir richtig
schwindlig.
Ich glaube, wenn man dieses
Projekt häufiger wiederholen
würde, könnte es die Mentalität
der Leute verändern.
63
64
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
„Der Umbau hat unsere Lebensweise und
unsere Art zu wohnen richtig verwandelt.
Dabei wurden in unserer alten Wohnung
nur sehr wenige Arbeiten vorgenommen.
Die Wände wurden frisch gestrichen und
das Badezimmer renoviert, das jetzt
besser ausgestattet ist. Die Veränderung
kommt nur durch diesen angebauten
Raum, dieses zusätzliche Zimmer.”
Frau Jean-Charles
65
Interview mit
Frau Dorsemaine
„Der Eindruck von Tiefe ist ein völlig anderer“
Frau Dorsemaine, 90 Jahre,
wohnt seit über dreißig Jahren im
6. Stock des Hochhauses. Sie empfand die Bauarbeiten zunächst als
Störung, genießt aber seit Kurzem
die großen Vorteile des Umbaus.
Haben Sie sich in die Vorbereitung
dieses Projekts eingebunden gefühlt?
Ja, ich war vor allem bei den zahlreichen Gesprächsrunden zu dem
Projekt sehr aktiv. Ich glaube, ich
habe mich zu Recht für die Belange der Bewohner eingesetzt und
habe sogar den Eindruck, dass man
mich heute dafür respektiert. Meinem Mann und mir fiel es schwer,
uns das Projekt vorzustellen. Wir
dachten, man kann doch die Wohnungen nicht so ins Leere setzen.
Aber da es auch Balkone gab, waren wir beruhigt. Mein Mann ist
inzwischen gestorben, er hat das
Endergebnis nicht mehr gesehen ...
Ich bin vielleicht die einzige,
die während der gesamten Bauzeit in ihrer Wohnung blieb. Ich
hatte Angst, meine Sachen könnten kaputtgehen. Die Arbeiten
liefen zeitlich sehr unregelmäßig
ab, und ich habe sehr unter den
Einschränkungen durch die Baustelle gelitten, vor allem unter dem
Staub, der ständig von überallher
kam. Ich fange gerade erst an, meine Wohnung zu genießen und die
positiven Aspekte zu sehen.
Und welche sind das?
Der Hauptraum wurde nicht verändert, aber da er an den Wintergarten grenzt, ist der Eindruck
66
von Tiefe ein völlig anderer. Der
Eindruck, dass der Raum größer
ist, und vor allem, dass man nicht
mehr durch Wände eingeschränkt
ist. Das ist ein sehr wichtiger Punkt,
auch wenn ich jetzt viele Glasflächen zu putzen habe.
Außerdem habe ich da, wo vorher mein Schlafzimmer war, einen
Schreibtisch aufgestellt und mein
Schlafzimmer zum Wintergarten
hin verlegt. So ist es sehr viel angenehmer, weil es sich zu etwas
öffnet und man es jetzt auf zwei
Wegen erreichen kann.
Ist Ihre Wohnung heute komfortabler, vor allem was die Wärme und die
Luftqualität betrifft?
Ich mag Wärme, sie stört mich
nicht. Ich komme also gut mit ihr
zurecht. Ich laufe der Wärme hinterher und nicht vor ihr davon. Der
kleine äußere Sonnenschutzvorhang genügt bei Weitem zur Wärmeregelung. Den Thermovorhang
finde ich unnötig. Den Architekten
habe ich auch gleich gesagt, dass
ich keinen möchte, weil er nicht
meinem Geschmack entspricht.
Ich besitze bereits doppelte Vorhänge, die völlig geeignet sind.
Ich habe mich in meiner Wohnung eigentlich immer wohl gefühlt. Aber jetzt ist sie anders, luftiger. Ich kann mich an mehreren
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
Stellen hinsetzen. Ich kann in ihr
herumspazieren. Aber ich fand es
immer schön hier, auch vor dem
Umbau. Durch den Wintergarten
gewinne ich Platz, und das genieße
ich. Ich kann dort kleinere Dinge
aufstellen, ohne mein Wohnzimmer zu überfrachten. Ich setze
mich aufs Sofa oder in den Sessel,
pflanze Kräuter, Petersilie und
Schnittlauch. Es gefällt mir, diesen kleinen Außenbereich zu gestalten.
Ich bewege mich jetzt nach
Lust und Laune durch die Wohnung und gehe auch gern auf den
Balkon, um die frische Luft zu
genießen. Außerdem sehe ich die
Außenwelt jetzt anders. Gestern
Abend habe ich den Sonnenuntergang betrachtet und konnte
den Mont Valérien ganz klar sehen, genau gegenüber. Eigentlich
müsste ich ihn mal besteigen, den
Mont Valérien.
67
68
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
Xx
69
„Ich gehe gern auf den Balkon, um
die frische Luft zu genießen. Außerdem sehe ich die Außenwelt jetzt
anders. Gestern Abend habe ich den
Sonnenuntergang betrachtet und
konnte den Mont Valérien ganz klar
sehen, genau gegenüber. Eigentlich
müsste ich ihn mal besteigen, den
Mont Valérien.”
Frau Dorsemaine
70
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
71
WIE VIEL
WANDEL
VERTRÄGT
EINE
DOPPELHAUSHÄLFTE?
Sanierung und Erweiterung einer Doppelhaushälfte
Entwurf: Katharina Fey, Technische Universität Darmstadt
Fachliche Beratung: Prof. Manfred Hegger, Prof. Klaus Daniels,
Prof. Peter Andres, Prof. Karsten Tichelmann u. a.
Adresse: Katenweg 41, Hamburg, D
Baujahr: 1954
72
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
73
NACHHALTIGE
SYMBIOSE AUS
ALT UND NEU
Mit dem Wohnexperiment „Model Home 2020“
begibt sich VELUX auf die Suche nach dem Haus
der Zukunft. Ein bescheidenes Siedlerhaus aus den
1950er-Jahren wurde nach dem Entwurf der Architekturstudentin Katharina Fey zu einem lichtdurchfluteten Nullenergiegebäude.
Von Amelie Osterloh
Fotos von Torben Eskerod
Ein Schwarm von Zebrafinken
zwitschert aufgeregt, wenn Besuch das Wohnzimmer betritt.
Seine große Voliere nimmt in der
kleinen, sorgfältig dekorierten
Stube mehr Platz als der Esstisch
ein. „Die Vögel können wir nicht
abstellen“, sagt Claudia Passlack
und lächelt. Mit Haustieren auf
engstem Raum zu wohnen kennt
sie von klein auf, denn als Siedlerkind ist sie hier im Katenweg schon
aufgewachsen. Früher hielten die
meisten Nachbarn Hühner, Kaninchen oder Schweine. Vor elf
Jahren haben sie und ihr Freund
Sven Schult ihre eigene Doppelhaushälfte bezogen. Damals war
es ein Haus wie alle anderen in
der Straße. Bis der alte Herr aus
der anderen Haushälfte starb
und der Erbe sein Elternhaus an
VELUX verkaufte. Der Dachfenster-Hersteller war auf der Suche
gewesen nach einem Siedlungshaus, das beispielhaft zu einem
Nullenergiehaus modernisiert
werden sollte. Das beschauliche
Heim von Claudia Passlack und
Sven Schult wurde in diesem Zuge
gleich mitsaniert – und auf diese
Weise indirekt Teil der ersten Internationalen Bauausstellung
(IBA) in Hamburg.
Das sogenannte LichtAktiv
Haus ist der deutsche Beitrag des
Projekts ‚Model Home 2020’ von
VELUX, das insgesamt sechs Gebäude in fünf europäischen Ländern umfasst. Während andern-
orts neu gebaut wurden, setzte
man in Deutschland bewusst auf
Modernisierung. „Vierzig Prozent
des globalen Energieverbrauchs
entfallen heute noch auf Gebäude.
Und trotz vieler Neubauprojekte
stammt etwa die Hälfte aller deutscher Wohnungen aus der Nachkriegszeit und ist energetisch
modernisierungsbedürftig“, sagt
Sebastian Dresse, Geschäftsführer von VELUX Deutschland, und
sieht damit dringenden Handlungsbedarf.
Die Doppelhaushälfte im
Katenweg steht auf der Elbinsel Wilhelmsburg im Süden der
Hansestadt. 1954 erbaut, ist sie
exemplarisch für eine Bauzeit, in
der Material teuer, Energie aber
noch günstig zu haben war.
Dachfenster lassen Licht
und Sonnenenergie hinein
Putzige Doppelhäuser stehen in
der Siedlergemeinschaft Finkenriek Reihe an Reihe, die meisten
im Original kaum mehr als sechzig
Quadratmeter groß, aber von einem 1000 Quadratmeter großen
Grundstück umgeben. Einfache
Leute bekamen hier nach dem
Krieg die Chance zur Eigentumsbildung und Selbstversorgung.
An den meisten Häusern wurde
über die Jahre so viel herumgebaut, dass sie heute kaum noch
wiederzuerkennen sind. Mittendrin steht strahlend weiß verputzt
das sanierte LichtAktiv Haus. Mit
75
„Licht, Pragmatik, Funktionalität, so sieht die
Wohnmaschine von
morgen aus. Dieses Haus
möchte aktiver Partner
statt passive Hülle sein.”
Amelie Osterloh
hellgrauem Dach und ohne Dachüberstand sieht es fast wie ein
Neubau aus. Die Fensterlaibungen
sind wegen der zusätzlich aufgebrachten Dämmung etwas tiefer
als bei den Nachbarhäusern.
Auf den ersten Blick lassen
nur die Spitzenvorhänge hinter
den Fenstern von Claudia Passlack und Sven Schult erahnen,
wie fundamental sich die beiden
Haushälften im Inneren unterscheiden. Wo auf der einen Seite
noch das typische ehemalige
Stallgebäude an das Haupthaus
anschließt, erweitert beim Haus
Nummer 41 heute ein hochmoderner Gebäuderiegel den Altbau.
Er reicht von der Straße bis tief in
das Grundstück hinein.
Licht und hell empfängt den
Besucher der Innenraum. Der
Eingang liegt in einem gläsernen
Verbindungsstück zwischen Alt
und Neu. Geradeaus geht es direkt in den weitläufigen Garten.
Raumsparende Schiebetüren
führen links in den Altbau. Früher spielte sich hier in kleinen,
dunklen Räumen das Familienleben ab. Während der ersten Jahre
lebten in dieser Doppelhaushälfte sogar zwei Familien, jede auf
einer Ebene. Heute bildet sie den
Rückzugsbereich des erweiterten
Hauses. Auf drei Ebenen liegen die
zwei Kinderzimmer, das Elternschlafzimmer mit begehbarem
Kleiderschrank, zwei Bäder und
unter dem Spitzdach eine kleine
Galerie, die dank Dachfenstern
zu beiden Seiten besonders hell
ist. Überhaupt, Licht: Der Anteil
der Fensterflächen im Haus wurde bei der Sanierung verdoppelt.
Erschlossen werden alle Zimmer
über das neue, sehr großzügig
dimensionierte, offene Treppenhaus. Besonders hier sorgt eine
fast fünf Meter hohe Glasfront
für üppiges Tageslicht, selbst an
trüben Tagen. Verstärkt wird der
Effekt durch die weißen Wände
und hellen Böden im ganzen Haus.
76
Rechts vom Eingang geht es,
wieder durch eine Schiebetür, in
den neuen Anbau. Der Wohn- und
Essbereich ist ein rechteckiger,
großer Raum. Nur zwei Einbauten gliedern die Fläche, ein frei
stehender Küchenblock und ein
Raumteiler, der auf der Vorderseite die Küchenzeile aufnimmt
und auf der Rückseite viel Stauraum bietet. Ihm gegenüber liegen, Richtung Straße, Gäste-WC
und Technikraum.
ein stilles Haus mit vielen
zaungästen
Annähernd luft- und schalldicht
ist das Haus, wenn alle Fenster
verschlossen sind. Wie mucksmäuschenstill es ist, fällt aber erst
richtig auf, als die Lüftungsflügel
sich öffnen. Erst jetzt hört man den
Wind in den Bäumen rauschen,
und die S-Bahn, die nicht weit von
hier vorüberfährt. Bald wird hier
eine Familie und damit der Alltag
einziehen. Noch sind die Räume
nur knapp mit dem Wichtigsten
möbliert: ein großer Esstisch, ein
Sofa, Betten und etwas Spielzeug
in den Kinderzimmern.
Noch ist das Haus mehr Ausstellungsstück als Heim. Vor der
Tür macht ein großes Schild mit
dem IBA-Logo auf das Besondere an diesem Haus aufmerksam.
Eine Gruppe von Fahrradfahrern
hält vor dem Schild. Es ist eine
geführte IBA-Tour. Alle spähen
fachlich interessiert bis in das
Innere des vorbildhaften Baus.
Noch wird ein Bewohner hier zu
einem Teil der Ausstellung. Die
Längsseiten des Wohnraums
sind raumhoch verglast. Wer
zum Wohlfühlen eine Wand im
Rücken braucht, ist da schlecht
bedient. Doch bestimmt haben
Claudia Passlack, Sven Schult und
auch die anderen Nachbarn Besseres zu tun, als den Neuen beim
Essen zuzusehen, denn Vorhänge
zuziehen, bevor es dunkel wird, ist
auch keine Lösung.
Das Haus von morgen ist eine
aktive Wohnmaschine
Modernste Technik macht das
Haus trotz Nachkriegs-Bausubstanz und großer Glasflächen zum
Nullenergiehaus. Die Außenhülle
des Altbaus und des Nachbarhauses wurde vom Dachfirst bis zur
Sohle dick mit Dämmung eingepackt. Für Passlack und Schult
von nebenan hat allein diese
Maßnahme in den ersten Monaten
nach dem Umbau schon in Sachen
Wohnqualität und Heizkosten
einen „riesigen Unterschied“ gemacht.
Um für die Doppelhaushälfte
im Ganzen CO2-neutrales Wohnen zu erreichen, spielt aber auch
der Anbau eine Schlüsselrolle.
Zur Straße wird er um ein überdachtes Carport erweitert, zum
Garten um eine ebenfalls überdachte Terrasse. So entsteht auf
dem lang gestreckten, nach Süden
orientierten Pultdach eine fast
80 Quadratmeter große Fläche,
auf der Photovoltaik- und Solarthermie-Module mit Hilfe einer
Luft-Wasser-Wärmepumpe die
benötigte Restmenge an Energie
für Haushaltsgeräte, Beleuchtung
und Hilfsstrom für die Wärmepumpe produzieren.
Damit das Lüftungskonzept
optimal funktioniert, müssen alle
möglichen Parameter innen und
außen überwacht werden. Es sind
Dinge, die für den Bewohner kaum
spürbar sind, wie zum Beispiel
leichte Temperaturschwankungen oder der CO2-Gehalt der Luft.
Zu sehen sind lediglich die Messgeräte, die im ganzen Haus verteilt
sind und trotz ihrer dezenten Größe in dem minimalistischen Ambiente noch ins Auge fallen: Thermometer, Hygrometer, Luxmeter
überwachen jede Schwankung des
Raumklimas, und auch sonst wird
alles abgespeichert, was die Energiebilanz beeinflusst.
Zu lange und zu heiß geduscht?
Die halbe Nacht mit großem
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
Bildschirm im Internet gesurft?
Sonst eine menschliche Regung,
die überdurchschnittlich Wärme
erzeugt? Nachzulesen sind die
Messergebnisse an einem Flachbildschirm, der im Treppenhaus
in die Wand eingelassen ist. Licht,
Pragmatik, Funktionalität, so sieht
die Wohnmaschine von morgen
aus. Dieses Haus möchte aktiver
Partner statt passive Hülle sein.
Wenn die Messgeräte Querlüftung anordnen, obwohl man gerade mitten beim Frühstück sitzt,
müssen sich Herr und Haus nur
noch ein bisschen aufeinander
einspielen.
Amelie Osterloh hat Architektur
studiert und war acht Jahre lang
Redakteurin bei den Zeitschriften
„Baumeister“ und „HÄUSER“. Heute
lebt sie als freie Autorin und Redakteurin in Hamburg.
77
Active House-Diagramm:
LichtAktiv Haus, Hamburg
Der Begriff ,Active House’ beschreibt eine Vision
von Gebäuden, die ihren Bewohnern ein gesunderes,
komfortableres Leben ermöglichen, ohne Umwelt
und Klima negativ zu beeinflussen. Der 2011 entwickelte ‚Active House’ –Kriterienkatalog versteht
sich als Planungshilfe und zugleich als Bewertungsmethode für die Nachhaltigkeit von Gebäuden.
Active Houses werden anhand ihrer Energiebilanz,
ihres Raumklimas und ihrer Umweltwirkungen beurteilt.
Jede der drei Kategorien besteht aus drei bis vier
Einzelkriterien (wie zum Beispiel Energiebedarf,
Raumluftqualität oder Schallschutz und Akustik),
die sowohl anhand quantitativer wie auch qualitativer Aspekte ermittelt werden. Das Active HouseDiagramm zeigt die Bewertungskriterien und ihre
Wechselwirkung untereinander. Da die Evaluierung und das Monitoring des LichtAktiv Hauses
noch andauern, basiert die Bewertung auf den
bisherigen Planungsergebnissen.
Die drei Bewertungskategorien des Systems sind:
Energie
Das Gebäude hat eine optimierte Energiebilanz und
nutzt ausschließlich erneuerbare Energien
Raumklima
Es trägt positiv zur Gesundheit und zum
Wohlbefinden bei
Umwelt
Das Gebäude wurde im Hinblick auf seine Umweltwirkungen und Ressourcennutzung optimiert
2.1 Jährliche Energiebilanz
4.3 Trinkwasserverbrauch
und Abwasserbehandlung
2.2 Energiebedarf
4.2 Umweltbelastung
durch
Emissionen in
Luft, Boden
und Wasser
2.3 Energieversorgung
3.2 Tageslicht und
Ausblicke
4.1 Verbrauch
nichterneuerbarer
Energieressourcen
3.5 Schallschutz und
Akustik
3.3 Thermischer Komfort
3.4 Raumluftqualität
79
80
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
„Wir spüren, wie sich
etwas in der Bautechnologie verändert, und das
wird sich sicherlich bei
unseren Smart Material
Houses oder Smart Price
Houses auf der Bauausstellung zeigen, wie das
eine neue Ästhetik mit
sich bringen kann.“
„DER STÄDTEBAU
HAT WIEDER EIN
KLARES ETHOS“
Interview mit Uli Hellweg
Uli Hellweg
Herr Hellweg, Sie waren schon an
der Berliner Internationalen Bauausstellung in den 1980er-Jahren
beteiligt; jetzt sind Sie Geschäftsführer der IBA Hamburg GmbH,
mit der Sie die IBA als typisch
deutsches Werkzeug städtischer
Planungskultur weiterentwickeln
möchten. Dazu müssen wir wissen,
was verstehen Sie unter einer IBA?
Internationale Bauausstellungen
zeichnen sich, auch wenn sie sich
in den letzten Jahrzehnten unterschiedlich entwickelt haben,
immer durch einen ganzheitlichen
Ansatz aus.
Und trotzdem waren sie alle sehr
unterschiedlich?
Ich sehe mehr methodische
Gemeinsamkeiten als Differenzen. Natürlich existieren Unterschiede zwischen uns und der
gleichzeitig stattfindenden ,ibaStadtumbau‘in Sachsen-Anhalt
oder ,iba-See‘ in Brandenburg,
denn eine iba muss zunächst immer durch ihre Projekte am jeweiligen Ort überzeugen. Dann erst
werden ihre Ergebnisse übertragbar. Unser Alleinstellungsmerkmal ist die einzigartige Landschaft
der Elbinseln in zentraler Lage der
Freien und Hansestadt Hamburg.
Was kann eine Internationale
Bauausstellung leisten, was traditionelle, direkt aus der Verwaltung
gesteuerte Stadtplanung und -entwicklung nicht können?
Eine iba verwaltet nicht die Stadtentwicklung, sie ist eine Art task
force, sie kann und muss unkonventionelle Wege gehen, sie soll
sich überall einmischen, problemorientiert arbeiten und braucht
sich nicht so sehr von etablierten
Zuständigkeiten abhängig machen.
Die iba hat sich die Entwicklung
der Metropole auf drei Feldern zum
Thema gemacht: Metrozonen (die
„inneren Ränder“ der Stadt), Klimawandel und Kosmopolis (die multi-
kulturelle Stadt). Kommt die iba
mit dieser Dreiteilung gut zurecht?
Ursprünglich spielte das Thema
der Kosmopolis eine kleinere
Rolle, der Klimawandel tauchte
noch gar nicht auf. Wir haben die
Themen erst in den letzten Jahren
endgültig gewichtet und profiliert.
Auf keinem Fall könnte man eines davon weglassen, weil sich
diese Themenfelder gegenseitig
bedingen, beeinflussen und befruchten. Das soziale Thema einer gemischten multikulturellen
Stadt bestimmt die natürliche
Entwicklung der Bruchstellen in
der Metropole, die wir Metrozonen nennen, und beides ist ganz
gewiss von ökologischen Einflüssen im Klimawandel bestimmt. In
dieser Themenvernetzung dokumentiert sich unser ganzheitlicher Ansatz.
Wilhelmsburg war bis vor wenigen
Jahren als hochwassergefährdeter
und sozial schwacher Stadtteil stigmatisiert. Sie haben deswegen noch
ein weiteres wichtiges Thema auf
die Tagesordnung gebracht – die
Bildung. Wie weit sind Sie damit
derzeit?
Die Bildungsoffensive war zwar
schon vor der iba in Wilhelmsburg
angekommen, sie wird auch nach
der iba existieren. Wenn es uns als
iba gelingt, den Bildungsprozess
deutlich voranzubringen, ihm
auch mit dem Bildungszentrum
,Tor zur Welt’ eine gute architektonische Hülle zu geben, dann haben wir viel erreicht, dann wird die
Bildung auch anders wahrgenommen, denn Bildung hat auch etwas
mit guter Bildungs-Architektur zu
tun.
Sie haben für die iba ein interdisziplinäres Netzwerk und eine verifizierte Public-private-Partnership
zwischen Stadt, Investoren und
Unternehmen geschaffen, vor
allem auch aus der Bauindustrie.
Wie gestaltete sich dieser Prozess?
Es ist uns gelungen, durch eine ibaKonvention ein lokales Netzwerk
aufzubauen, das jetzt seine Früchte trägt. Alle, die in Wilhelmsburg
mit Bauen zu tun haben, sind seit
längerer Zeit mit der iba vertraut.
Dazu bringt die Ausstrahlung der
iba neue Partner von außen, wie
zum Beispiel velux, das mit dem
LichtAktiv Haus ein eigenes Projekt initiiert hat.
Sie arbeiten hier in einem komplizierten Bestand, versuchen eine
partizipative Planung von unten,
kleinteilig, künstlerisch, anders.
Was hat sich denn grundsätzlich in
den letzten 20 Jahren im Umgang
mit Stadt und Planung geändert?
Es hat sich einiges verändert. Vor
allem ist die Orientierung wieder
klar. Vor 20 Jahren stieg der Neoliberalismus mit einer klaren Deregulierung als Allheilmittel auf
und führte zu einem ,everything
goes‘ im Städtebau und der Stadtentwicklung, bei dem das private
Investment im Grunde wenig
hinterfragt wurde und erst einmal
überall als gut galt. Und so sahen
die Produkte auch aus, die dabei
herauskamen. Heute hat der
Städtebau wieder ein klares Ethos,
und zwar im Bereich der Ökologie,
aber auch im Bereich der Ästhetik.
Es wurden noch nie soviel Wettbewerbe ausgelobt wie heute.
Früher war es sehr unüblich, über
Stadt- und Landesgrenzen hinaus
gegen lokale Lobbys Architekten
einzubinden.
Bauen wir heute auch anders?
Die Bauwirtschaft ist zwar immer
noch sehr träge, aber es gibt eben
Ausnahmen, und dazu zähle ich
natürlich jene, die sich hier auf
der iba engagieren. Wir spüren,
wie sich etwas in der Bautechnologie verändert, und das wird
sich sicherlich bei unseren Smart
Material Houses oder Smart Price
Houses auf der Bauausstellung zeigen, wie das eine neue Ästhetik mit
sich bringen kann. Die Entwürfe
unserer Häuser zeigen dies ja bereits heute.
Welche bleibenden Resultate erhoffen Sie sich von der IBA – nicht nur
bezogen auf das Sichtbare, Gebaute,
sondern auch auf die Sozialstruktur
im Viertel und im Bezug auf Bausteine/Werkzeuge der ,Planungskultur‘, von denen Hamburg auch
weiterhin profitieren könnte?
Ich hoffe, sehr, sehr viele: die
Bauten natürlich und dass diese
jetzt vorhandene Aufbruchsstimmung in Wilhelmsburg bleibt und
sich noch verstärkt. Ich hoffe auf
Ausstrahlung in die internationale Baukultur, und ich glaube, dass
diese iba gut dafür gearbeitet hat
und weiter ausgezeichnet arbeiten
wird.
Uli Hellweg ist seit 2006 Geschäftsführer der Internationalen Bauausstellung (IBA) Hamburg 2013. Zuvor
war er unter anderem als Planungsdezernent der Stadt Kassel und als
Geschäftsführer der Wasserstadt
GmbH in Berlin tätig.
81
Interview mit
Helmuth Poggensee
„Viele Leute haben nicht mehr viel
Sinn für Gemeinschaft“
Helmuth Poggensee (* 1947)
ist Vorsitzender des Vereins
Kirchdorfer Eigenheimer e. V.
in Hamburg-Wilhelmsburg.
Sie sind Vorsitzender des Siedlervereins Kirchdorfer Eigenheimer.
Wen vertritt Ihr Verband?
HP: Wir vertreten alle Siedler
Hamburgs südlich der Norderelbe. Auf Wilhelmsburg gibt es vier
Siedlergemeinschaften. Unsere
Siedlung, der ,Verein Kirchdorfer
Eigenheimer‘, ist mit etwa 650
Häusern die größte. Der Katenweg,
in dem das LichtAktiv Haus steht,
gehört zur Siedlungsgemeinschaft
Finkenriek.
Seit wann leben Sie im Quartier?
HP: Dieses Haus habe ich 1983 zusammen mit meiner Frau gekauft.
Wilhelmsburg-Kirchdorfer bin
ich aber schon 1957 geworden.
Bis ich zehn war, wohnten wir im
Stadtteil St. Georg, in der Nähe
des Hamburger Hauptbahnhofs.
Aber nach dem Krieg wurde es
dort mit drei Kindern zu beengt,
sodass meine Eltern entschieden,
in Kirchdorf ein Haus zu kaufen.
Wann entstanden die Siedlungen?
HP: Die älteste Siedlung, Wilhelmsburg-Ost, wurde 1927/28
gebaut. Damals entstand die Idee,
die bis dahin unbewohnte Elbinsel zu bevölkern. Unsere Siedlung
ist 1935 für Hafenarbeiter gebaut
worden. Das sind alles Fachwerkhäuser, viele von ihnen sind von
außen verblendet worden, sodass
man das heute nicht mehr erkennt.
Die Idee der Planer war, dass sich
die hier angesiedelten Arbeiterfamilien selbst ernähren sollten.
Deshalb hat jedes Grundstück,
auch die Grundstücke der Doppel82
haushälften, 1.000 Quadratmeter
Fläche.
Wurde hier im Krieg viel zerstört?
HP: Ja, ich schätze, zehn Prozent
der Häuser wurden durch Bombenteppiche zerstört, aufgrund
ihrer Nähe zum Hafen. Beim Wiederaufbau wurden die ursprünglichen Häuser etwas verändert.
Zum Beispiel liegt bei unserem
Haus, das auch zerbombt war, das
Treppenhaus jetzt besser.
Wie haben sich die Siedlungen über
die Jahrzehnte verändert?
HP: Die Bebauung hat sich verdichtet. In unserer Siedlung stehen
heute fast 15 Prozent mehr Häuser.
Viele Grundstücke wurden geteilt.
Und die Bevölkerungsstruktur?
HP: Unsere Siedlungsgemeinschaft ist überaltert. Was nach
uns kommt, ist nicht mehr so homogen. Mein Sohn ist dreißig und
wohnt noch bei uns. Es gibt aber
viele Häuser, in denen nur eine
Person lebt. Vererbt werden die
Häuser oft an die Enkel. Die mittlere Generation ist in der Siedlung
zu wenig vertreten. Und während
früher eben viele Hafenarbeiter
hier lebten, sind heute ganz unterschiedliche Berufsgruppen
vertreten. Alle haben großzügig
angebaut, ziemlich individuell. Es
ist keine Einheitssiedlung mehr.
Gibt es denn den typischen Siedler
überhaupt noch?
HP: Nein, den gibt es heute nicht
mehr. Früher war typisch, dass
man Acker, Obstbäume und
Tiere hatte, Hühner, Kaninchen,
Schweine und Schafe. Das ist alles vorbei. Inzwischen hat sogar
mal ein Anwohner geklagt, weil
sein Nachbar einen Hahn hatte,
der morgens krähte. Der Kläger
wollte dann sogar noch Mitglied
im Verein werden. Das haben wir
abgelehnt, weil er nicht gemeinschaftsfähig war.
Mit welchen Problemen hat Ihr
Stadtviertel noch zu kämpfen?
HP: Die Leute, die neu hinzuziehen, haben nicht viel Sinn für die
Gemeinschaft, sie kapseln sich
ab. Das ist ein großes Problem.
Unsere Gemeinschaften werden
dadurch kleiner. Auch wenn es
noch nicht so extrem ist wie in
den Hochhaus-Siedlungen in
Kirchdorf-Süd. Die Gemeinschaft
war immer unsere Stärke, besonders bei übergreifenden Themen
wie S-Bahnbau oder Straßenbau.
Einmal sollten Anlieger richtig
zur Kasse gebeten werden, weil
Bäume gepflanzt werden sollten.
So etwas kann eine Gemeinschaft
enorm schwächen.
Was schätzen die Leute an ihren
Häusern?
HP: Jeder identifiziert sich mit
seinem Haus, hat ein Stück Liebe
darin, weil er selbst umgebaut, angebaut oder modernisiert hat. Als
wir 1957 hierher zogen, hat mein
Vater zuerst ein Wasserklosett eingebaut. In den 1970er- und 1980erJahren wurde die ganze Siedlung
an das öffentliche Sielsystem angeD&A HERBST 2011 AUSGABE 16
schlossen. Da wurde auch wieder
die Gemeinschaft gebraucht, alle
haben mitgeholfen.
Wo liegen die Schwachpunkte der
Häuser?
HP: Energetisch sind die Häuser
nicht sehr günstig gebaut. Das ist
ja auch ein wichtiges Thema der
Internationalen Bauausstellung.
Wenn man da jedoch etwas tun
will, verändern sich die Häuser
äußerlich. Jeder versucht es, so
gut er kann. Ich persönlich war
einer der ersten Umweltschutzberater in Hamburg und habe
mein Haus schon 1985 von außen
gedämmt.
Welche Veränderungen erhoffen
Sie sich von der IBA?
HP: Es passiert in Wilhelmsburg ja
sehr viel, und ich hoffe, dass es einen Umschwung bringt, weg vom
negativen Image. Endlich wird
einmal positiv über Wilhelmsburg
berichtet.
Was denken Sie über das Licht
Aktiv Haus?
HP: Ich bin froh über das Projekt.
Der Punkt für uns ist: Keiner unserer Siedler hätte für einen solchen Umbau eine Genehmigung
bekommen. Die Bauprüfabteilung lässt viele geplante Anbauten nicht zu. Heute wird aber viel
mehr genehmigt als früher. Wir
sind in unserer Siedlung stolz auf
unsere Anbauten. Aber jetzt kann
man hoffen, dass es einfacher wird,
größere Pläne auch durchzubekommen.
83
84
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
Interview mit
Claudia Passlack
und Sven Schult
„Die Sanierung macht für uns einen riesigen
Unterschied“
Claudia Passlack (* 1971) und
Sven Schult (* 1972) teilen sich
mit dem LichtAktiv Haus ein Doppelhaus. Die Haushälften wurden gemeinsam modernisiert.
Seit wann wohnen Sie hier im Haus?
SS: Vor elf Jahren sind wir zur Miete eingezogen. Ich wohnte vorher
in Barmbek. Vor drei Jahren haben
wir das Haus gekauft.
CP: Damals wohnte neben uns
noch ein älterer Herr. Als er starb,
kaufte velux das Haus von seinem
Sohn.
Wie hat sich die Siedlung seit Ihrem
Einzug verändert?
CP: Ich bin hier in der Straße aufgewachsen, ein paar Häuser weiter.
In meiner Kindheit haben wir viel
auf der Straße gespielt. Ein Auto
fuhr hier nur ab und zu. Heute ist
es fast eine Durchgangsstraße.
Und die Menschen?
CP: Sehr positiv ist, dass Nachbarschaftshilfe schon immer großgeschrieben wurde. Die Leute achten
aufeinander. Das war damals und
ist auch noch heute so.
SS: Die Fluktuation ist gering. Heute wohnen in vielen Häusern Witwer oder Witwen. Die meisten Erstsiedler leben hier bis zu ihrem Tod.
Was für Leute ziehen neu hinzu?
CP: Oft rücken nach dem Tod der
Eltern die Erben nach. Man bekommt nicht oft neue Nachbarn.
Erst seit ein paar Jahren ziehen
öfters einmal Fremde aus einem
anderen Stadtteil hierher.
Verändert sich dadurch das
Miteinander?
SS: Nein. Unser Siedlungsvorstand
ist recht engagiert und kümmert
sich darum, dass Neue gleich in
den Verein aufgenommen werden.
Bei Siedlerfesten oder im Kegelclub lernt man sich dann kennen.
Hatten Sie schon vor dem großen
Umbau im Zusammenhang mit
dem LichtAktiv Haus etwas an Ihrem Haus umgebaut?
SS: Noch nichts, weil wir zuerst zur
Miete gewohnt hatten. Aber unser
Vermieter hatte vor unserem Einzug schon ein paar Wände entfernt
und die Räume so großzügiger gestaltet. Andere Häuser mit dem
verschachtelten Originalgrundriss sind deutlich dunkler.
Welche Umbauten haben Sie an Ihrem Haus vorgenommen, und aus
welchem Grund?
CP: Wir hatten auf jeden Fall geplant, das Haus besser zu dämmen.
Aber dann sprach VELUX uns im
Rahmen des Umbaus der anderen Doppelhaushälfte an, ob wir
die Sanierung nicht gemeinsam
durchführen wollten, auch um
ein einheitliches Erscheinungsbild hinzubekommen.
SS: Die gesamte Gebäudehülle
wurde wärmegedämmt, das Dach
neu gedeckt und ein paar neue
Fenster eingebaut.
Was hat sich für Sie durch die Sanierung verbessert?
SS: Es ist ein riesiger Unterschied.
Früher hatten wir hier drinnen im
Sommer teilweise 36 Grad. Oben
konnte man gar nicht schlafen.
Jetzt machen wir an heißen Tagen
morgens die Rollläden runter und
bekommen maximal 24 Grad.
Hatten Sie vorher damit gerechnet,
dass es ein so großer Unterschied
sein würde?
CP: Wir hatten es gehofft, denn wir
haben früher wirklich viel Energie
verschwendet.
SS: Vor der Modernisierung hatten wir eine Gasrechnung von
180 Euro im Monat. Jetzt haben
wir die Heizung seit April aus und
eigentlich stabil eine Temperatur
von 21 Grad.
Möchten Sie in Zukunft noch etwas
an Ihrem Haus verändern?
SS: Im nächsten Winter wollen wir
noch den Dachboden ausbauen.
Ansonsten nur Kleinigkeiten.
Ist der Garten noch ein Nutzgarten?
SS: Im Moment ist er durch die
Baustelle noch etwas zertrampelt.
Aber etwas Gemüse und Obstbäume möchten wir noch pflanzen.
Was gefällt Ihnen an Ihrem Haus
besonders?
CP: Ich finde es hier sehr gemütlich. Was soll ich mit mehr Platz?
Wenn Gäste kommen, muss man
ein bisschen improvisieren, aber
das tue ich gern.
Hat es sonst etwas Besonderes?
CP: Es gibt keine geraden Wände.
Alle sind schief. Sie sehen es an
den Bordüren an den Wänden.
Bordüren sind keine gute Idee für
diese Häuser.
85
„Wie soll man die Dachfenster
putzen, wenn man sich keinen
professionellen Fensterputzer
leisten kann?”
Claudia Passlack
Wie kommt Ihr Umbau bei den
Nachbarn an?
SS: Viele finden, das Dach hätte etwas dunkler sein können. Ansonsten finden sie ihn alle toll.
Werden Ihnen einige nacheifern?
SS: Manche dämmen ihre Fassaden.
Aber sie machen es selbst, mit einfachen Mitteln.
Und wie kommt das LichtAktiv
Haus an?
CP: Da sind die Meinungen geteilt.
Eigentlich möchte keiner von uns,
der es von innen kennt, dort einziehen. Ob es in dem Anbau, der zu
allen Seiten offen ist, angenehm zu
leben ist? Immer die Vorhänge zuziehen möchte man ja auch nicht.
Und das offene Treppenhaus – für
Licht und Luftzirkulation mag es
günstig sein, aber es wird viel Platz
verschenkt, und unpraktisch ist es
auch. Wie soll man die Dachfenster
putzen, wenn man sich keinen professionellen Fensterputzer leisten
kann?
SS: Und über das Badezimmer an
der Straße, mit Dusche und Toilette direkt hinter dem großen Fenster, amüsieren sich viele.
CP: Manche Siedler haben auch ein
Problem damit, dass das Haus so
ganz anders aussieht als die anderen Siedlungshäuser. Der Anbau ist
für viele ein rotes Tuch. Sie müssen
wissen: Wenn einer von uns einen
Carport oder einen Anbau beantragt, gibt es immer viel Ärger.
CP: Ich hoffe, dass alles rechtzeitig
fertig wird. Meine Sorge ist, dass
sich nach der IBA keiner mehr für
Wilhelmsburg interessiert, die
Projekte nicht fertiggestellt werden und der Stadtteil dann wieder
verkommt.
SS: Mir gefällt, dass der Bahnhof
modernisiert wird. Der hatte es
bitter nötig. Die moderne Architektur der Neubauten gefällt mir.
Gespannt bin ich auf die Seilbahn,
die für die Gartenbauausstellung
kommen soll.
CP: Ich bin auf den Bunker gespannt, der gerade zu einem ÖkoKraftwerk umgebaut wird. Und
unseren Müllberg, der zum ‚Energieberg’ umgestaltet werden soll.
Aber auch da bleibt die Frage, wie
die Projekte nach der IBA weiter
gepflegt werden.
Kann das Projekt als Referenzobjekt
bei zukünftigen Umbauwünschen
nicht von Vorteil sein?
CP: Naja, wir haben vor zwei Monaten beantragt, nur unsere Auffahrt
begradigen zu dürfen, und warten
immer noch auf eine Antwort.
Was denken Sie über all die Aktivitäten, die im Rahmen der IBA Hamburg in Wilhelmsburg im Bau sind
oder noch kommen sollen?
86
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
87
88
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
Interview mit
Gertrud Bräuninger
„Was nicht funktioniert, repariere ich noch selbst“
Gertrud Bräuninger (* 1927) lebt seit
57 Jahren in ihrem Haus in Wilhelmsburg. Sie gehört zu den letzten lebenden Erstsiedlern in der Siedlung
Finkenriek.
Seit wann wohnen Sie hier im Haus?
GB: Seitdem es die Siedlung gibt.
Finkenriek war eine der ersten
Siedlungen, die nach dem Krieg
gebaut wurden, und wir sind am 1.
Juli 1954 eingezogen. Wir hatten
großes Glück, dass es geklappt hat.
Bevor man hier ein Haus kaufen
durfte, musste man sich um eine
Siedlerstelle bewerben, und die
Plätze waren rar. Und weil mein
Mann als Flüchtling aus Schlesien
kam, konnten wir ein LAG-Darlehen beantragen.
In welcher Lebenssituation waren
Sie damals?
GB: Ich war 27. Wir hatten drei
Töchter. Unser Sohn ist dann
1957 hier im Wohnzimmer geboren. Nach der großen Flut 1962 war
der Katenweg die einzige Straße in
der Gegend, die nicht überflutet
war. Da haben wir für einige Jahre noch drei Verwandte aufgenommen. 1966 starb mein Mann, und
seit 1983 das letzte Kind geheiratet
hat, lebe ich hier allein.
Wie hat sich die Siedlung seit ihrer
Gründung verändert?
GB: Damals waren die meisten
Siedler Arbeiter. Es durfte nur
einziehen, wer Kinder hatte. Fast
alle Frauen waren zu Hause. Wir
hatten Hühner und Schweine
im Stall. Heute ist das Leben ein
anderes. Und es wurde sehr viel
angebaut.
Welche Umbauten haben Sie an Ihrem Haus vorgenommen, und aus
welchem Grund?
GB: Am Anfang hatten wir kein Badezimmer und nur ein Plumpsklo.
Als erstes hat mein Mann ‚schwarz’
die Spültoilette eingebaut. Und
weil wir keine Entwässerung hatten, haben wir auch eine gebrauchte Badewanne heimlich eingebaut.
1961 bekam ich eine Kriegsrente,
rückwirkend 20000 Mark. Damit
konnten wir im Garten eine Veranda bauen und dort erweitern, wo
früher der Stall war. Mein Mann
hat alles selbst gemacht, von dem
Geld mussten wir deshalb nur
Baumaterialien und Lebensmittel
kaufen. Außerdem haben wir das
Dach ausgebaut, und vor 34 Jahren habe ich den Swimmingpool
im Garten bekommen.
Würden Sie in Zukunft gern noch
etwas an Ihrem Haus verändern?
GB: Nein, ich bin jetzt 84. Meine
vier Kinder haben alle selbst ein
Haus. Und wem von den vielen
Enkeln sollte ich es geben? Nach
mir die Sintflut.
Was gefällt Ihnen an Ihrem Haus
besonders?
GB: Dass meine Kinder hier so frei
aufwachsen konnten, in einer Zeit,
in der viele andere keinen Garten
hatten.
Familien wohnen in ihrem Haus
als einzige Deutsche zwischen
Moslems. Aber wir Siedler identifizieren uns mit der Siedlung,
wir sind die Siedlergemeinschaft
Finkenriek.
Gibt es etwas am Haus, das weniger
funktioniert?
GB: Das kann ich gar nicht sagen.
Was nicht funktioniert, repariere
ich noch selbst. Und was ich nicht
kann, machen meine Nachbarn
und Kinder.
Was denken Sie über all die Aktivitäten, die im Rahmen der IBA in
Wilhelmsburg geplant sind und
noch kommen sollen?
GB: Ich bin ein Mensch, der nicht
gleich meckert, weil ich selbst immer froh war, wenn die Nachbarn
den Kinderlärm in unserem Garten friedlich hingenommen haben. Aber wir haben durch die IBA
schon sehr viele Behinderungen.
Gibt es eine besondere Erinnerung
oder Anekdote, die Sie mit Ihrem
Haus verbinden?
GB: Oh, wir haben hier so viele
schöne Feste gefeiert.
Haben Sie einen Lieblingsplatz im
Haus oder Garten?
GB: Meinen ‚Faulenzer’ im Wohnzimmer, einen klappbaren Fernsehsessel. Ich handarbeite viel.
Und das LichtAktiv Haus?
GB: Das gefällt mir überhaupt nicht.
Die Innenräume sind so zerrissen,
Schlafräume im Altbau, Wohnräume im Anbau, die scharfen Kanten
am Treppengeländer, für kleine
Kinder ist das nichts.
Was gefällt Ihnen an der Gegend
besonders? Und was weniger?
GB: Ich sage immer, ich komme von
der wunderschönen Elbinsel. Wir
sind die größte Flussinsel Europas.
Aber meine Kinder hatten alle die
Nase voll von Wilhelmsburg, wegen der vielen Moslems. Einige
89
90
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
91
92
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
„Am Anfang hatten wir kein Badezimmer und
nur ein Plumpsklo. Als erstes hat mein Mann
‚schwarz’ die Spültoilette eingebaut. Und
weil wir keine Entwässerung hatten, haben
wir auch eine gebrauchte Badewanne
heimlich eingebaut.”
Gertrud Bräuninger
93
Interview mit
Claus Kähler
„Früher konnten wir aus unserem Garten bis zum
Elbdeich sehen“
Claus Kähler (* 1951) ist in der Doppelhaushälfte aufgewachsen, aus der
später das LichtAktiv Haus wurde.
Er wohnt heute gegenüber und
verkaufte das Haus nach dem Tod
der Eltern an VELUX.
Wie lange wohnen Sie schon im
Katenweg?
CK: 1954 bin ich mit meinen Eltern
und meinem Bruder in das damals
ganz neue Haus in Nr. 41 eingezogen. Da war ich drei Jahre alt. 1977
bin ich mit meiner Partnerin, die
auch aus Kirchdorf stammt, in
das Haus Nr. 36 schräg gegenüber
gezogen und habe eine eigene Familie gegründet.
Wie hat sich die Siedlung seit damals verändert?
CK: Damals war Nachkriegszeit,
das war ein komplett anderes Leben. Aber meine Kindheit hier war
toll. Wir hatten viele gleichaltrige
Freunde in der Straße, mit denen
wir immer draußen gespielt haben. Die Flächen hinter unserem
Garten wurden nach der Flut 1962
für die Erweiterung des Friedhofs
Finkenried aufgeschüttet. Vorher
war das Gelände noch flach und
frei und man konnte kilometerweit bis zum Elbdeich sehen. Wir
hatten Tiere, die Schornsteine
rauchten. Ich habe es als sehr
idyllisch erlebt.
Konnten Sie sich selbst versorgen?
CK: Weitgehend ja, wir hatten die
Grundausstattung für alle Siedler,
zehn Hühner und einen Hahn.
Neben dem Haupthaus gab es ja
einen Stall, dort war ein Abteil für
die Hühner. Und dann hatten wir
noch Kaninchen im Garten und
viel Obst und Gemüse.
94
Was macht Ihre Siedlung heute für
Sie aus?
CK: Ihre gute Lage. Man ist von hier
schnell in Hamburg und schnell in
Harburg. Wir liegen mittendrin,
haben es aber trotzdem ruhig und
grün. Und die Gemeinschaft wird
hier noch großgeschrieben.
Was schätzen Sie an den Häusern?
CK: Sie bieten den Platz, den man
braucht, und haben einen schönen
Garten. Wir haben am Haus eine
sehr schöne Terrasse und drinnen
einen Kamin. Es ist einfach ein angenehmes Wohnen.
Haben Ihre Eltern im Laufe der Jahre an ihrem Haus etwas umgebaut?
CK: Zu Beginn wurde das Doppelhaus von vier Familien bewohnt,
zwei oben und zwei unten. Wir
wohnten unten auf 60 Quadratmetern. Als die Familie über
uns auszog, haben wir das obere
Stockwerk für uns ausgebaut. Die
Hühner wurden abgeschafft und
im Stallgebäude ein Badezimmer
eingebaut. Dann ist meine Oma zu
uns gezogen.
Wie kam es, dass Sie das Haus an
VELUX verkauft haben?
CK: Als mein Vater vor zwei Jahren
starb, habe ich das Haus geerbt und
zum Verkauf angeboten. Wir hatten ja ein anderes Haus.
Wie gefällt Ihnen das LichtAktiv
Haus?
CK: Das ist die Zukunft. Auch wenn
es optisch schon aus der Siedlung
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
hervorsticht. Viele hier mögen es
nicht.
Gibt es etwas, das Ihnen beim Altbau besser gefiel?
CK: Ich finde das neue Haus mit seinen großen Fensterflächen nicht
mehr so gemütlich.
Haben Sie an Ihrer Doppelhaushälfte in der Vergangenheit etwas
verändert?
CK: Ja, unser Haus hatte im Original eine Grundfläche von 6 mal 6
Metern, und wir haben noch ein
anderes Haus von 8 mal 12 Metern
danebengestellt. Vorher war es mit
vier Personen auf 50 Quadratmetern doch ziemlich eng.
Haben Sie noch weitere Baupläne?
CK: Wir möchten es energetisch
verbessern. Gedämmt haben wir
die Fassade schon vor längerer Zeit.
Jetzt könnte ich mir eine Solaranlage vorstellen.
Was halten Sie von den IBA-Aktivitäten in Wilhelmsburg?
CK: Die Projekte verbessern
merklich das schlechte Image von
Wilhelmsburg. Ich bin Immobilienmakler. Die Nachfrage und die
Preise steigen spürbar. Ich finde, es
soll aber bloß nicht so fein werden
wie zum Beispiel Blankenese oder
Winterhude. Mit gefällt die Bodenständigkeit hier.
95
„Architektur ist keineswegs ein
zeitloses Medium – dies wurde im
Laufe des 20. Jahrhunderts zunehmend deutlich. Insbesondere in
den ausgehenden 1960er-Jahren
gab es viele Forschungsanstrengungen für eine Flexibilisierung
des Bauens. Häufig führte dies zu
neutralen und gesichtslosen Gebäuden. Die neue Herausforderung
für Architekten besteht nun darin,
für das Unbekannte, für das Unvorhersagbare zu planen. Der
Leitsatz ‚form follows function’
weicht neuen Konzepten, die auf
Vielfalt und teilweise auf Dauerhaftigkeit setzen.“
Bernard Leupen et al.: Konzept zu “Time-based Architecture”, 2006
96
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
LEBENSZYKLEN
PLANEN
97
98
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
99
ZEITBASIERTE
ARCHITEKTUR UND
MISCHNUTZUNG
Das Wort ‚Veränderung’ ist in aller Munde: Die Märkte werden immer
volatiler, gesellschaftliche Strukturen sind im Fluss, und über die ökologische Zukunft lassen sich kaum verlässliche Aussagen treffen. Dennoch
werden Gebäude meist noch immer so geplant, als würde sich nichts in
ihnen und um sie herum verändern. Dieses Dilemma lässt sich lösen –
aber dafür sind planerischer Einfallsreichtum, Aufgeschlossenheit und ein
Denken in längeren Zeithorizonten notwendig.
Von Jasper van Zwol
Fotos von Stanley Wong
anothermountainman:
lan wei liu, 2006
Über seine Fotografien sagt Stanley Wong: „Ich interessiere mich für
die Themen der Existenz und für
Momente, die verschwinden werden.“ Die Fotoserie ‚lan wei liu’ ist in
der südchinesischen Stadt Guangzhou entstanden. Dort waren in der
chinesischen Immobilienblase Ende
der 90er-Jahre gigantische Immobilien mit rund 16 Millionen Fläche
begonnen, aber niemals fertiggestellt worden. Der Titel der Arbeit
spiegelt dies wieder: ‚lan’ bedeutet
auf Chinesisch ‚verfallen’, ‚wei’ heißt
‚Ende’ und ‚liu’ bedeutet so viel wie
‚Trend’. Wongs Fotografien halten die
Überreste des chinesischen Immobilien-Goldrauschs auf eindringliche
Weise fest und reflektieren zugleich,
wie sich das Konzept des ‚lan wei’ in
allen Bereichen des Lebens manifestiert.
Stanley Wong (*1960), bekannt
auch unter dem Künstlernamen ‚anothermountainman’, lebt und arbeitet als Grafikdesigner, Filmemacher
und Fotograf in Hongkong. Erfolgreich war er zunächst in der Werbeindustrie, unter anderem als Regional
Creative Director bei Bartle Bogle
Hegarty (Asia Pacific) in Singapur
und als CEO von TBWA Hong Kong.
2005 vertrat er Hongkong bei der
Kunstbiennale in Venedig mit seiner Fotoarbeit ‚redwhiteblue’. Er ist
Mitglied bei der Alliance Graphique
Internationale, einer Vereinigung der
führenden Grafikdesigner der Welt.
Wie lassen sich Gebäude für eine nicht
vorhersagbare Zukunft entwerfen, mit
denen die sich wandelnden Bedürfnisse der Menschen in den nächsten Jahrzehnten dennoch befriedigt werden?
Bei den meisten Gebäuden sind Veränderungen bislang nur schwer möglich.
Architekten interessieren sich nicht
für dieses Thema – und verkennen damit die Realität. In seinem Buch ‚How
Buildings Learn’ spürt Stewart Brand
den Veränderungsmöglichkeiten in Gebäuden nach. Er schreibt: ‚Ein Gebäude
ist nie vollendet, ein Gebäude ist immer
ein Anfang.’ Die heutige Gesellschaft
verändert sich beständig, Lebensstile
und Anforderungen an Räume wandeln
sich. Doch noch immer gibt es zu wenig
typologische Vielfalt im Wohnungsbau
und zu viel Wiederholung der ewig gleichen, unflexiblen Bebauungspläne, die
einem monofunktionalen Städtebau
Vorschub leisten.
Zweifellos setzen ökonomische Zwänge der Veränderbarkeit von Wohnhäusern enge Grenzen. In den meisten Wohnbauten sind die Wohnungstrennwände
gleichzeitig die tragenden Wände, und die
Einhaltung der Schallschutzanforderungen wird rein über die Baumasse erreicht.
Dagegen erleichtern Skelettbauten oder
Gebäude, bei denen die tragenden Elemente in die Fassade integriert sind, eine
spätere Veränderung. Auf diese Weise ist
die Wahrscheinlichkeit eines vorzeitigen
Abrisses aufgrund neuer Nutzungsanforderungen geringer. Dies wiederum hat
ökonomische wie ökologische Vorteile. Schließlich stammt noch immer der
größte Anteil des gesamten Abfallaufkommens in Europa aus dem Neubau
und Abriss von Gebäuden.
Derzeit verändert sich jedoch in
vielen Ländern Europas die Baupraxis.
Die Gründe dafür sind ein wachsendes
Bewusstsein für Nachhaltigkeit, eine
geringere Nachfrage nach Wohnraum
und zunehmend kritischere Käufer.
Diese bringen sich stärker ein und haben eine größere Auswahl als noch vor
zwanzig Jahren. Das Interesse an der
weiteren Entwicklung der Gebäude,
nachdem sie geplant und übergeben
worden sind, wächst. Die Projekte im
Wohnungsbau werden in fast allen europäischen Ländern kleiner. Private
Bauherrengemeinschaften gewinnen
an Bedeutung. Die Rolle der Nutzer erfährt eine Neubewertung. Größere Geschosshöhen, wohlüberlegt positionierte
Versorgungsbereiche, unterschiedliche
Erschließungssysteme, Fassaden und
Tragkonstruktionen für verschiedene
Raumprogramme – alle diese Themen
sind heutzutage entwurfsrelevant. Werden sie konsequent umgesetzt, entstehen
Gebäude, die die Zeit überdauern.
Der städtische Kontext
Umbauten in Innenstädten gewinnen für
Architekten und Stadtplaner zunehmend
an Bedeutung. Hafenanlagen werden aus
den Stadtzentren heraus und näher ans
Meer verlagert. Zurück bleiben in Amsterdam, Rotterdam, London und Hamburg freie Flächen, auf denen attraktive,
zentral gelegene Baugrundstücke entstehen. Ehemalige Bahngelände werden zu
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
101
102
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
neuen Orten zum Wohnen und Arbeiten
umgenutzt, wie etwa in Paris südlich des
Gare d’Austerlitz an der Bibliothèque
Nationale.
Stimuliert wird diese neue Haltung zur
Stadt insbesondere durch die zunehmende Verbindung von Wohnen und Arbeiten.
Ihre Pioniere sind oft kleine Betriebe aus
der Kreativwirtschaft, die sich als Erste
auf umgenutzten Industriearealen ansiedeln. Diversität und Nutzungsvielfalt
können die Stadt in mehrfacher Weise
voranbringen:
– Sie tragen dazu bei, bestehende Wohnumfelder zu erhalten und mehr Vielfalt zu schaffen.
– Raum wird intensiv und effizient genutzt.
– Das Pendlerverkehrsaufkommen wird
reduziert.
– Die Sicherheit wird erhöht, und in die
Wohnstraßen zieht mehr Leben ein.
– Mehr unterschiedliche Raumangebote für Gewerbe und Büros werden
möglich.
Zukunftssichere Gebäudetypen
Ein Gebäudetypus, der besonders viele
unterschiedliche Raumprogramme zulässt, wird in den Niederlanden ‚Solid’
(wörtlich: ‚Festkörper’) genannt. Ein
‚Solid’ besitzt eine dauerhafte äußere
Hülle, aber variabel nutzbare Innenräume. In diesen Gebäuden folgt die Form
nicht länger der Funktion. Sie sind wirtschaftlich nachhaltig, streben aber auch
funktionelle, technische und kulturelle
Nachhaltigkeit an.
Ein klassisches Beispiel ist das typische Amsterdamer Kanalhaus aus dem 17.
Jahrhundert, das über die Jahrhunderte
vielen verschiedenen Zwecken diente,
als Patrizierhaus, Büro, Geschäft und Luxusapartment. Möglich wurde dies durch
offene Grundrisse mit großzügig bemessenen Räumen, große Geschosshöhen
und überdimensionierte Tragkonstruktionen. Eine ähnliche Umnutzung erfuhren im Laufe der Jahrhunderte viele
alte Lagerhäuser und Fabriken, in denen
Wohn- und Arbeitsräume entstanden.
In den vergangenen Jahren sind in
Amsterdam einige wenige neue ‚Solids’
für kombiniertes Wohnen und Arbeiten
entstanden: ‚Solid Ijburg’ (Baumschlager & Eberle Architekten, Wien) und
‚Solid Furore’ (Tony Fretton Architects,
London). Sie verstehen sich als neue
‚Stadtpaläste’, die beide mithilfe von Natursteinfassaden kulturelle Nachhaltigkeit erzielen wollen (eine eher fragwürdige Strategie, wie ich später zeigen werde).
Ein ‚Solid’ setzt sich aus Schichten unterschiedlicher Lebensdauer zusammen.
Die Tragkonstruktion und die Erschließungssysteme sind mit rund 100 Jahren
am langlebigsten. Es folgen die Glasfassade und die Fenster mit 25 Jahren, die
Trennwände mit 20 Jahren und die Innenausstattung mit bis zu 10 Jahren.
Beim Entwurf eines ‚Solid’ gilt das
größte Augenmerk solchen Komponenten, die die ‚öffentliche’ Qualität des
Gebäudes bestimmen und die längste Lebensdauer haben. ‚Solids’ müssen kulturell bedeutsam und beliebt sein, sonst ist
ihr Abriss unvermeidbar, sobald sie den
aktuellen Standards nicht mehr entsprechen. Aber allein mit der Verwendung
von Naturstein und mit einer klassischen
Fassadengestaltung wird man dies kaum
erreichen. Langfristig sind andere Aspekte im Bereich der architektonischen
Qualität wichtiger. Ein Beweis hierfür ist
beispielsweise das Zonnestraal-Sanatorium von Jan Duiker in Hilversum – ein
Gebäude mit vielen Defiziten, das dennoch sehr beliebt war und kürzlich mit
großem Aufwand saniert wurde.
In der letzten Zeit ist die Zahl der
‚Solids’-Bauprojekte aufgrund der Finanzkrise zurückgegangen. Ihre Baukosten sind höher als bei Standardgebäuden,
da unter anderem die Konstruktionen für
höhere Lasten ausgelegt werden und die
Geschosse höher sind. Hierdurch wird
die Freiheit für Nutzungsänderungen
in der Zukunft überhaupt erst möglich.
Steigen dürfte die Zahl der ‚Solids’ jedoch
erst dann wieder, wenn die Investoren ihren Zeithorizont erweitern und längere
Amortisationszeiten für ihre Investitionen akzeptieren.
Eine weitere Möglichkeit, um mehr
Diversifikation in kompakt bebauten
Städten zu erreichen, bieten Gebäude,
in denen die Bewohner einen oder mehrere Teilbereiche erwerben können und
deren flexible Innenraumgestaltung
nur von der vertikalen Erschließung,
der Tragkonstruktion, der Fassade und
den Versorgungsschächten beschränkt
wird. So erhielte man Einheiten ab etwa
65 m2, aber auch große Bereiche, in denen Wohnen und Arbeiten kombiniert
werden kann. Die technische Ausstattung und die Leitungsverlegung in Gebäuden dieser Art müssen sorgfältig
geplant sein. Ein Beispiel hierfür ist das
Projekt ‚Schiecentrale 4b’ in Rotterdam
von Mei Architects and Urban Planners.
In den oberen acht Geschossen dieses
Gebäudes stehen Wohn- und Arbeitsbereiche unterschiedlicher Größen zur
Verfügung, die kombinierbar sind und
nach Bedarf auch später noch verändert
werden können.
Eine neue Tendenz bei der Sanierung
alter innerstädtischer Häuserblocks ist
die Beschränkung der Renovierungsarbeiten auf den Rohbau und die Fassaden.
Die Bewohner können dann den Innenausbau selbst organisieren. Projekte
dieser Art mit dem Titel ‚Eén Blok Stad’
wurden in Amsterdam (Marnixkade)
und Rotterdam (Oude Noorden, Oude
Westen) realisiert. Für junge Leute, die
zum ersten Mal eine Wohnimmobilie
kaufen, erleichtert ein solches Vorgehen die ersten Schritte. Sie müssen ihre
Wohnung nicht sofort ‚fertigstellen’, sondern können nach und nach am Ausbau
arbeiten. Andererseits können auch
ältere Menschen durch den Einbau entsprechender Hilfen (wie kleiner Aufzüge) länger in ihren Wohnungen bleiben.
Zu guter Letzt sollten auch Wohnräume neu definiert werden. Häuser
brauchen mehr große, nutzungsneutrale Bereiche und weniger Räume, die
entsprechend den angenommenen
Bedürfnissen der Standardfamilie festgelegt sind. Große Räume ohne vordefinierte Zweckbestimmung können von
Familien ebenso genutzt werden wie
etwa von einer Einzelperson mit einem
Start-up-Unternehmen. Die Versorgungsräume und festen Elemente, wie
Treppenaufgänge und Bäder, sollten in
einem Bereich konzentriert sein, damit
mehr Raum frei bleibt für variable Nutzungen.
103
Anforderungen einer sich
wandelnden Gesellschaft
Welche Entwicklungen in der Gesellschaft, in den Nutzerbedürfnissen und
im urbanen Umfeld machen neue Entwurfsstrategien erforderlich?
Sich wandelnde Lebensstile und die Unwägbarkeiten, die sie für das Wohnen mit
sich bringen
Rund 54 % der Haushalte in Amsterdam
sind inzwischen Einpersonenhaushalte. Die Menschen leben länger, und die
Durchschnittsfamilie hat weniger Kinder
als in den vergangenen Jahrzehnten. Die
Scheidungen nehmen zu, und der Bedarf
an Stauraum steigt. Unterstützt durch
die neuen Kommunikationstechnologien, arbeiten immer mehr Menschen zu
Hause. Gebaut wird jedoch noch immer
eine endlose Wiederholung von DreiZimmer-Wohnungen für die Kernfamilie.
Diese aber bieten langfristig nur geringe
Möglichkeiten, die neuen Wohnformen
und Lebensstile mit den unterschiedlichsten Kombinationen von Wohnen
und Arbeiten unterzubringen. Notwendig sind daher eine größere Vielfalt und
mehr Anpassungsmöglichkeiten, sowohl
hinsichtlich der Größe als auch der Aufteilung der Wohnungen.
Der instabile und sich rasch verändernde
Markt für Bürogebäude
Zeitgenössische Gebäude und die Prozesse, in denen sie entworfen und gebaut
werden, passen nicht in den sich rasch
verändernden Immobilienmarkt. Noch
vor dem Bau eines Gebäudes muss ein Investor häufig dessen Zweckbestimmung
ändern. Erforderlich sind daher Gebäude
ohne vorbestimmte Nutzung, in denen
sich innerhalb eines beständig flexiblen
Systems Wohnungen ebenso wie Büros
unterbringen lassen und deren Nutzung
auch später noch veränderbar bleibt. Nur
so können längere Leerstände oder der
Abriss der Gebäude verhindert werden –
eine unabdingbareVoraussetzung, wenn
es um das Thema Nachhaltigkeit geht.
Die Zunahme von Monofunktionalität in
der Stadt infolge unflexibler Flächennutzungspläne
104
Industrie- und Gewerbegebiete, in denen
nicht auch eine Wohnbebauung möglich
ist, tragen weder zu einem sicheren Lebensumfeld noch zu einer dynamischen
Stadtlandschaft bei. Mit einer flexibleren Flächennutzungsplanung lässt sich
dagegen schneller auf Veränderungen
reagieren.
Steigende Mobilität und sich daraus ergebende Probleme für den Pendlerverkehr
Durch mehr Home-Office-Tätigkeiten
lassen sich Verkehrsstaus in den Hauptverkehrszeiten reduzieren. In Japan und
China feiern SOHOs (Small Office-Home
Offices) große wirtschaftliche Erfolge wie
z. B. das Jian Wai SOHO in Beijing von
Riken Yamamoto. Durch sie entsteht
ein sehr dynamischer Typus kollektiven
Wohnens mit hoher Raumqualität in den
Wohnungen.
Die neue Herausforderung
Noch sind viele Gebäude zu unflexibel, um
in angemessener Weise für den anstehenden Bedarf umgerüstet zu werden. Um auf
den beständigen Veränderungsdruck reagieren zu können, müssen Gebäude mehr
Nutzungen unter einem Dach vereinen
können oder sich leicht und schnell abbauen lassen, mit der Folge, dass sie weniger
kosten dürfen und beim Rückbau weniger
Abfälle verursachen dürfen.
Wir müssen Gebäude entwerfen, für
die bereits im Vorfeld eine Nutzungsdauer von 5, 10, 50 oder 200 Jahren definiert
wird. Ich selbst habe einmal mehrere
Pavillons entworfen, deren Lebensdauer
vorab auf 15 Jahre festgelegt wurde. Für
diese Gebäude wurden Konstruktionstechniken und Materialien aus der LKWHerstellung verwendet, da diese eine
ähnliche Lebensdauer besitzen. Am Ende
ihres kurzen Lebens waren die Pavillons
leicht zu demontieren.
Wir müssen Gebäude entwerfen, die
vielen Anforderungen gerecht werden
können und ohne Umbaumaßnahmen
Flexibilität bieten: Gebäude mit eher neutralen Räumen, die vielfältige Nutzungen
ermöglichen und in denen die Bewohner
ihr eigenes Umfeld mit Hilfe von Schiebewänden und beweglichen Möbelstücken
schaffen können.
Wir müssen Gebäude entwerfen, die
sich sowohl innen wie auch außen leicht
verändern lassen. Dabei muss der Rohbau
weitgehend vom Innenausbau getrennt
sein. Große Krankenhäuser etwa sind
ein extremes Beispiel für Bauten mit sich
stark und schnell wandelnden Anforderungen. Sie müssen auf den technischen
Fortschritt und die sich ändernden Organisationsformen im Gesundheitswesen reagieren, sodass im Prinzip ständig
(Um-)Baumaßnahmen notwendig sind.
Auch im Gebäudebestand ist ein Umdenken notwendig. Aufgrund der Alterung der Gesellschaft und der Finanzkrise
der vergangenen Jahre entstehen in Europa immer weniger Neubauten. Einzelne Untersuchungen besagen sogar, dass
die Flächen in den bereits vorhandenen
Gebäuden auch für die nächsten 50 Jahre
ausreichend sind. Glücklicherweise werden immer weniger alte Gewerbebauten
und Bürogebäude abgerissen – selbst in
China: Im Pekinger Stadtteil Dashanzi
erlebte ein ehemaliges Gewerbegebiet
innerhalb weniger Jahre eine Renaissance
als ‚Kunst-Viertel 789’. 2002 begannen
Künstler und Kulturorganisationen die
Fabrikräume aufzuteilen, zu vermieten
und zu sanieren und bauten sie nach und
nach zu Galerien, Kunstzentren, Ateliers,
Restaurants und Bars um. Die Verwandlung dieser Gebäude in dynamische Orte
zum Wohnen und Arbeiten, die einen
Nährboden für die Kreativwirtschaft bilden, ist ein inspirierendes Vorbild für viele
andere Neu- und Umbauten, die in ihrer
Wandelbarkeit ein Zeichen unserer Zeit
sein könnten.
Jasper van Zwol ist Assistenzprofessor an der
Architekturfakultät der Technischen Universität von Delft, wo er den Fachbereich Architektur und Wohnen leitet. Daneben arbeitet er als
Architekt im Büro van Zwol Architects in Delft.
Mit Bernard Leupen und René Heijne gab er
2005 das Buch ‚Time-based Architecture’ heraus. Weitere Veröffentlichungen von Jasper van
Zwol sind ‚Time-based Architecture International’, Band 3 (2008) und ‚Het Woongebouw’
(2009). 2006 war Jasper van Zwol Hauptredner bei der Konferenz ‚Mixed-Use Schemes’ in
London.
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
105
106
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
107
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
„AUCH SCHLECHTE
NACHRICHTEN KÖNNEN
WERTVOLL SEIN”
Jeder Architekt weiß, wie man ein Haus baut – aber über den tatsächlichen Nutzwert von Wohngebäuden ist nur wenig bekannt. Initiativen wie
der Usable Buildings Trust in Großbritannien wollen dies ändern und
entwickeln neue Planungs- und Lernprozesse, die wesentlich zur Verbesserung der Qualität unseres Wohnumfelds beitragen könnten.
Interview mit Fionn Stevenson & Bill Bordass
Fotos von Lars Tunbjörk
Innenarchitektur von Jacob Hertzell
Sie sind beide aktiv im Bereich der PostOccupancy Evaluation (POE), der nutzungsorientierten Erfolgsüberprüfung
von Gebäuden. Anders als etwa bei Bürogebäuden ist über den tatsächlichen Nutzwert von Wohnhäusern immer noch sehr
wenig bekannt. Wie kommt das?
FS: Ein Grund liegt sicherlich in der Komplexität einer systematischen POE. Es ist
relativ einfach, eine eher oberflächliche
Massenumfrage unter den Bewohnern
vorzunehmen oder ein breit angelegtes
Gebäudemonitoring. Viel schwieriger ist
es jedoch, die Zustimmung der Nutzer für
eine wirklich umfassende Untersuchung
zu erhalten. Wir müssen zum einen den
persönlichen Energieverbrauch und die
Wohnungsdaten messtechnisch erfassen,
was nicht jedem recht ist, zum anderen
die tatsächliche Nutzbarkeit der Wohnung beurteilen. Hierzu müssen wir die
Wohnungen betreten, was eine viel größere Verletzung der Privatsphäre bedeutet als zum Beispiel in Bürogebäuden oder
öffentlichen Gebäuden. Zudem spielen
im Wohnsektor große Unterschiede in
der Demografie der Bewohner, in der
Gebäudetypologie und in den Besitzverhältnissen eine Rolle.
Inwieweit ist das Interesse an der POE im
Wohnsektor gestiegen?
FS: In der Vergangenheit zeigte die
private Baubranche in Großbritannien wenig Interesse an der Bewertung
ihrer Produkte nach dem Verkauf. Das
ändert sich jetzt langsam. Einige – vor
allem größere – Wohnungsbauunternehmen haben mittlerweile erkannt,
dass ihnen die POE Marktvorteile einbringen kann. Interessanterweise beginnen sie nun inmitten der Rezession,
sich mit dem Thema zu befassen, um für
kommende Zeiten besser gewappnet zu
sein. Zudem setzt der Staat durch Fördermittel und Veranstaltungen Anreize
für Baufirmen und Projektentwickler,
um sich mit dem Thema zu befassen.
Das Problem sind, so denke ich, nicht
die renommierten Unternehmen, sondern all diejenigen, denen die finanziellen Mittel fehlen, um in diese Art des
Wissenstransfers zu investieren.
Wie stehen Architekten und Ingenieure zu
diesem Thema?
FS: Meiner Erfahrung nach sind Wohnungsbauunternehmen oftmals eher
bereit als Architekten, die Wahrheit
über ihre Produkte zu erfahren. Das
überrascht mich eigentlich. Viele Architekten verhalten sich ziemlich defensiv,
was mit der momentanen Marktsituation zu tun haben mag: Die Unternehmen
beauftragen Architekten zunehmend
mit mehreren Objekten auf einmal, und
diese streben folglich ‚Wiederholungsgeschäfte’ mit demselben Auftraggeber an.
Die Architekten und Planungsteams sind
nervöser geworden – denn falls Projekte nicht reibungslos funktionieren und
Folgeaufträge ausbleiben, resultiert das
natürlich in umso größeren Einnahmeverlusten.
Lars Tunbjörk und Jacob Hertzell:
Puppenhaus, 2011
Der schwedische Fotograf Lars Tunbjörk lässt in seinen Fotografien die
soziale Wirklichkeit und die Ambitionen seiner Mitmenschen aufeinanderprallen. Von Ikea bis zu
chinesischen Nachtklubs, von Shopping-Malls bis zu den Bürointerieurs
unserer Zeit – Tunbjörk hat (fast)
alle Orte besucht, an denen Menschen sich freiwillig in den Dienst der
Konsumgesellschaft stellen. Seine
Agentur ‚Vu’ bezeichnete Tunbjörks
Fotografien einmal als ‚zugleich urkomisch und todtraurig.’
Von sozialer Realität und Repräsentation, menschlichen Ambitionen
und Zukunftshoffnungen handeln
auch die Interieurs eines Puppenhauses, die Lars Tunbjörk für Daylight/
Architecture fotografiert hat. Die
Entwürfe hierzu stammen von dem
schwedischen Architekten, Innenarchitekten und Stylisten Jacob Hertzell. Sie zeigen ausschnitthaft, wie
Wohnen in drei Epochen – 1960,
heute und im Jahr 2050 – ausgesehen hat und künftig aussehen könnte.
Lars Tunbjörk (*1956) begann seine
Karriere als Pressefotograf bei der
Zeitung Stockholms-Tidningen und
anderen schwedischen Zeitungen
und Magazinen, bevor er sich mit
den Büchern ‚Landet Utom Sig’ (‚Ein
Land außer sich’), ‚Office’ und ‚Home’
auch international einen Namen als
freier Kunstfotograf machte. Heute
lebt Lars Tunbjörk in Stockholm und
ist Mitglied der französischen Fotoagentur ‚Vu’. 2005 erhielt er den
World Press Photo Award in der
Kategorie ‚Arts and Entertainment:
Stories’.
Jacob Hertzell studierte Kunstwissenschaften und Ideengeschichte
an der Universität Stockholm sowie
Design am Beckmans College of
Design in Stockholm. Er betreibt
sein eigenes Büro für Innenarchitektur und arbeitet als Stylist unter
anderem für Zeitschriften wie die
New York Times, Vogue Living und
Architectural Digest.
109
110
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
111
„Leider […] haben wir trotz der Dringlichkeit immer noch nicht gelernt, den
Feedback-Kreis zu schließen und den Nutzwert unserer Gebäude radikal
zu verbessern. Oftmals heißt es: ‚Das wissen wir alles’, doch dann wiederholen sich die Missgriffe.”
aus Adrian Leaman, Fionn Stevenson & Bill Bordass (2010): Building evaluation: practice and principles.
Building Research & Information, 38:5, S. 564–577
BB: Ingenieure scheinen schlechte
Nachrichten besser zu verkraften. In
unseren ‚Probe’-Studien zwischen 1995
und 2002, bei denen wir den Nutzwert
von zwanzig Neubauten beurteilt und
die Ergebnisse veröffentlicht hatten,
drohten uns zwei potenzielle Gerichtsklagen. Beide kamen von Architekten,
obwohl bei unseren Untersuchungen
eigentlich die Gebäudetechnik im Mittelpunkt stand.
FS: Meiner Meinung nach hat dies auch
etwas mit der Ausbildung der Architekten zu tun. Sie werden darin geschult,
ein Produkt zu liefern, aber haben wenig Ahnung vom Herstellungsprozess
eines Gebäudes oder dessen tatsächlicher Nutzung. Einige unserer Kollegen
beim Usable Buildings Trust arbeiten
deshalb intensiv daran, die POE in die
Lehrpläne einfließen zu lassen. Architekten müssen verstehen, dass auch
die Überprüfung und Beurteilung der
eigenen Produkte Bestandteile ihrer
Dienstleistung sind.
Welche Vorteile hat die Erfolgsüberprüfung von Gebäuden – vor allem für die
Entwerfer?
BB: Als wir in den achtziger Jahren begannen, die Ergebnisse von POE-Studien publik zu machen, wurden sie in
der Branche wie radioaktives Material
behandelt. In den letzten fünf Jahren
haben sich einige führende Planungsbüros jedoch näher mit der Materie befasst
und eingesehen, dass ihre Gebäude häufig
nicht die gewünschte Leistung bringen.
Ihre Überlegung lautete: „Wenn wir uns
diesem Problem nicht stellen, dürfen
wir uns nicht wundern, wenn wir in fünf
oder zehn Jahren unsere Marktposition
einbüßen.“
Interessanterweise kann sogar die Veröffentlichung schlecher POE-Ergebnisse
positive Konsequenzen haben. Ich kenne
zwei führende britische Ingenieurbüros,
die beide systematisch Nutzerfeedback
einholen. Das eine veröffentlicht die Ergebnisse, auch wenn sie schlecht sind, das
andere nicht. Im Endeffekt hat das erste
Büro an Glaubwürdigkeit gewonnen und
Berichten zufolge seinem Konkurrenten
sogar Marktanteile abgenommen.
112
Schlechte Ergebnisse zu übermitteln ist
sicher keine einfache Aufgabe?
BB: Wir tun dies schon seit geraumer
Zeit mit Erfolg. Wichtig ist, sich auf
Fallstudien konkreter Gebäude zu stützen, wenn man häufig wiederkehrende
Probleme erläutern will. So kann jeder
die Abläufe nachvollziehen und eventuelle Verbesserungsmöglichkeiten erkennen. Problematisch wird es, wenn
Dritte – Medien, Politiker und Bürokraten – diese Informationen nutzen, um
Sensationsartikel zu schreiben oder die
Beteiligten an den Pranger zu stellen.
Feedback – ob gut oder schlecht – ist
eine notwendige Lernerfahrung und
dient dazu, die Produkte und Dienstleistungen der Baubranche zu optimieren.
Zudem unterstützt es Bauherren dabei,
ihre Ansprüche präziser zu formulieren.
FS: Einige interessante Ansätze in Großbritannien versuchen, das Problem des
‚Anprangerns’ zu überwinden. Dazu zählt
zum Beispiel die Website www.carbonbuzz.org. Hier können Entwerfer die
Energieeffizienz und CO2-Emissionen
ihrer Gebäude anonym angeben und die
in der Planung ermittelten Werte den
tatsächlichen Verbrauchswerten gegenüberstellen. Hier werden zumindest
Messdaten publiziert – allerdings noch,
ohne die ‚Geschichten’ dahinter zu enthüllen.
BB: Wahlweise können die Teilnehmer
jetzt schon ihre Identität preisgeben. In
absehbarer Zeit werden also auch die
Ergebnisse namentlich genannter Projekte auf dieser Seite einsehbar sein, und
je nach Möglichkeit wird es auch Links
zu weiteren Projektinformationen geben.
Entscheidend ist nämlich, dass hinter
jedem guten Ergebnis der jeweilige Kontext sichtbar wird – und dieser wiederum
hat meist viel mit den für das Projekt verantwortlichen Personen zu tun.
Seit einigen Jahren unterstützt der Usable
Building Trust die Entwicklung des sogenannten ‚Soft Landings‘-Prozesses. Damit
sollen sich Gebäude im Hinblick auf ihre
tatsächliche Nutzung optimieren lassen.
Wie funktioniert Soft Landings konkret?
BB: Mit Soft Landings lässt sich jeder Beschaffungsprozess für alle Bauprojekte
weltweit begleiten. Die Vorgehensweise zielt darauf ab, Planung, Bau und
Betrieb eines Gebäudes besser miteinander zu verknüpfen. Sie bringt sowohl
Bauherren als auch Entwerfer und Bauunternehmen dazu, sich stärker auf die
Ergebnisse zu konzentrieren und nicht
nur auf die technischen Spezifikationen
in der Ausschreibung.
Das 2009 veröffentlichte Framework
identifiziert fünf Hauptphasen von Soft
Landings:
1. Projektvorbereitung und Beauftragung. In dieser Phase wird mehr
Gewicht als bisher gelegt auf die
prognostizierten Ergebnisse und
ihren Vergleich mit den Leistungen
anderer, ähnlicher Gebäude
2. Erwartungsmanagement bei Planung und Bau. Hierbei wird der Fortschritt des Projekts ständig anhand
der ursprünglichen Intentionen
überprüft
3. Vorbereitung der Übergabe und
Gewährleistung einer erhöhten Bezugsbereitschaft von Gebäude und
Nutzern
4. anfängliche Nachbetreuung zur Unterstützung des Nutzers, zur Feineinstellung der Systeme und zum
Einholen von Feedback
5. längerfristige Nachbetreuung und
POE nach normaler Ingebrauchnahme des Gebäudes.
Laufende Fallstudien von Soft Landings
belegen, wie wichtig die Unterstützung
durch den Bauherren von Beginn an ist.
Noch vor ihrer Beauftragung wissen alle
Mitglieder des Planungs- und des Bauteams, dass es sich um ein Soft-LandingsProjekt handelt, bei dem großer Wert auf
Ergebnisse und Nachbetreuung nach der
Fertigstellung des Gebäudes gelegt wird.
So können alle Beteiligten ihre Arbeiten
dementsprechend ausrichten. Das Ganze
ist eher eine Frage der Organisation als
des Zeit- und Geldaufwands, zumindest
bis zur fünften Phase. Lediglich für die
längerfristige Nachbetreuung und POE
entstehen zusätzliche Kosten – normalerweise für den Bauherren, da das
Bauvorhaben zu diesem Zeitpunkt abgeschlossen ist.
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
Mit Fortschreiten des Projekts ist der
Einsatz einer Person (wir nennen ihn
oder sie ‚Champion’) hilfreich, die die
Ergebnisse im Auge behält und das Projektmanagement hinterfragt, um eine
einseitige Fokussierung auf Kosten und
Zeitpläne zu verhindern. Der Champion
ist keine externe Person, vielmehr kann
diese Funktion von jedem Teammitglied
übernommen werden. Ein Projekt kann
auch mehrere Champions haben: jeweils
einen für den Bauherren, das Entwurfsteam, den Bauunternehmer und eventuell für den späteren Nutzer.
Was sind Ihrer Meinung nach die größten
Vorteile von Soft Landings?
BB: Die Neubauten und Sanierungen
werden nicht kostspieliger, sondern eher
preisgünstiger als andere vergleichbare
Gebäude; sie kosten zudem im Unterhalt weniger (in einer Schule halbierte
sich zum Beispiel der Stromverbrauch)
und bringen bessere Leistungen für ihre
Nutzer. Wenn wir bei einer POE in einem
Neubau ein Problem festgestellt haben,
lag dies selten an Geldmangel; das Geld
wurde lediglich an der falschen Stelle
ausgegeben. Oftmals lassen sich bessere
Ergebnisse erzielen, wenn man Dinge
vereinfacht und für eine angemessene
Nachbetreuung sorgt. So lässt sich sicherstellen, dass alles funktioniert und
man Erfahrungen für zukünftige Projekte sammelt.
In erster Linie aber bringt der Prozess eine veränderte Arbeitsauffassung
mit sich: Der Bauprozess findet seinen
Abschluss nicht mehr länger in der Fertigstellung des Bauobjekts, sondern in
dessen Ingebrauchnahme. Abgesehen
von der POE-Phase bedeutet dies im
Normalfall nicht mehr Arbeit, sondern
nur mehr Konzentration. Für ein Unternehmen impliziert die anfängliche
Lernphase natürlich einen erhöhten
Kosten- und Zeitaufwand. Im Idealfall
kommen hierfür die Bauherren auf, bei
vielen aber stößt man auf Widerstand.
Dennoch haben zahlreiche Entwerfer
und Bauunternehmen mittlerweile erkannt, wie wichtig es ist, vorhersehbare
Ergebnisse zu liefern.
Kommen wir auf die Beurteilung von
Wohngebäuden zurück. Lassen sich aus
den bisherigen Studien allgemeine Erkenntnisse ableiten über die Präferenzen
der Nutzer und darüber, was ‚funktioniert’
und was nicht?
113
FS: Die vorrangigen Kriterien für ein
Haus oder eine Wohnung sind die Lage
und die Kosten. Eine gute Lage und ein
günstiger Preis lassen die Menschen oft
sehr tolerant werden gegenüber anderen
Nachteilen des Gebäudes. Wichtig ist aber
auch die Atmosphäre eines Gebäudes, bei
der zum Beispiel die Entwurfsqualität,
die räumliche Beschaffenheit und das
Tageslicht eine Rolle spielen. Wenn diese Bedingungen zufriedenstellend sind,
kommen die Nutzbarkeit und somit Aspekte wie Bedienelemente und Funktionalität ins Spiel. Viele Bewohner sind mit
der Küchengestaltung unzufrieden. Noch
häufiger aber betreffen die Klagen einen
Mangel an Abstellräumen, die in modernen Häusern offenbar nie ausreichend
sind. Zwar sind sich darüber eigentlich
alle – Bauunternehmer, Architekten und
114
Nutzer – einig, das Problem beheben sie
aber nicht, vermutlich, weil zusätzlicher
Stauraum höhere Kosten mit sich bringt.
Wie sieht es mit der technischen Ausrüstung und deren Nutzung aus?
BB: Gebäude werden im Namen der Energieeffizienz mit zunehmend komplexer
Technologie überfrachtet. In der Praxis
steht diese Verkomplizierung oftmals der
Handhabung eines Gebäudes im Wege
und beeinträchtigt dessen Leistungsfähigkeit. Das Problem liegt in den Verheißungen der Technik, in der machtvollen
Lobby hinter der Technologie und in der
Faszination der Menschen von der Technik, die nicht selten der Funktionalität
und Nutzbarkeit abträglich ist.
FS: POE-Studien in Wohngebäuden
zeigen, dass die Bewohner häufig nicht
mehr intuitiv in der Lage sind, ihr Eigenheim effizient zu betreiben. Viele
machen sich nicht einmal mehr die
Mühe, die Heizung zu regulieren oder
können mit der Thermostat-Skala von
1 bis 5 nichts anfangen. Ebenso ist es
weithin unbekannt, dass die meisten
gebäudetechnischen Systeme in einem
Sommer- bzw. Wintermodus arbeiten.
Hier spielt auch eine Reihe demografischer Faktoren eine Rolle, wie zum
Beispiel das Alter: Jüngere Leute kennen sich im Allgemeinen besser mit den
Bedienelementen in ihrer Wohnung aus,
während die ältere Generation einfach
kapituliert. Auch das Geschlecht ist
ein Aspekt: In vielen Haushalten übernimmt der Mann ‚das Steuer’, während Frauen sich vor diesen Dingen oft
scheuen.
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
„Dem Architekten steht […] eine ganze Reihe von Erkenntnismöglichkeiten
offen: Das eigene Erleben und dessen Reflexion, die Beobachtung des
Verhaltens anderer Nutzer, das Ziehen von Schlüssen aus den langfristigen materiellen Folgen des Verhaltens. […] Der Nutzen einer derartigen
individuellen Auseinandersetzung mit Gebäuden unterschiedlichster Art
steht außer Frage.”
Riklef Rambow and Jörg Seifert in: Graz Architecture Magazine 03, 2006
Wie reagiert die Industrie auf diese
Erkenntnisse?
FS: Die Hersteller ‚aktiver’ Technologien
wie etwa Heizungssteuerungen scheinen
sich des Problems zumindest bewusst zu
sein. Hingegen gibt es in Wohngebäuden
oft große Probleme mit der Bedienbarkeit
von ‚Low-Tech’-Standardelementen wie
Fenstern – also mit Dingen, die man eigentlich für selbstverständlich halten sollte. Es ist mir zum Beispiel schon mehrfach
gelungen, ein Drehkippfenster komplett
aus dem Rahmen heben!
BB: Es ärgert mich, dass manche Designer und Hersteller die Leute für dumm
erklären, wenn diese mit ihren Produkten
nicht zurechtkommen. Stattdessen sollten sie die Gestaltung und Funktionsfähigkeit ihrer Produkte hinterfragen.
FS: Die wenigsten Hersteller testen die
eigenen Produkte in realen Gebäuden
an Endverbrauchern. Oft finden Tests
allenfalls mit Arbeitern im eigenen
Werk statt. So etwas ist natürlich nicht
aussagekräftig, weil die Fabrikarbeiter
mit dem Produkt viel besser vertraut
sind und sich vielleicht auch bei ihrem
Arbeitgeber beliebt machen wollen.
Spielt es für die Nutzbarkeit eine Rolle, ob
ein Haus oder eine Wohnung speziell für
die jeweiligen Bewohner geplant wurde?
FS: Nicht wirklich, weil sich die Einbeziehung des Endnutzers meist auf die Auswahl einiger weniger Ausstattungselemente beschränkt. Viel mehr hängt von
der Nutzbarkeit der Produkte selbst und
ihrer Zweckmäßigkeit im Gesamtkontext
ab. Bedienelemente sollten zum Beispiel
gut zugänglich platziert werden.
Der Übergabeprozess hingegen kann
für die Nutzbarkeit genauso wichtig sein
wie die Planung selbst. Hier gibt es noch
einen großen Schulungsbedarf, vor allem
im Hinblick auf neue Technologien. Nicht
selten kennen diejenigen, die den Bewohnern die Belüftungs- und Heizsysteme
erklären sollen, deren Funktionen und
korrekte Bedienung selbst nicht genau.
Das ist wirklich bedenklich.
Wie viel und welche Art der Anpassungsmöglichkeit und Flexibilität erwarten die
Nutzer von ihren Wohnungen?
FS: Moderne Wohnungen in Großbritannien bieten sehr wenig Flexibilität
oder Anpassungsmöglichkeit. Unserer
Erfahrung nach würden viele Bewohner eine offenere Gestaltung und mehr
‚Fluss’ in ihrem Zuhause bevorzugen.
Außerdem möchten sie elektronische
Geräte überall dort nutzen, wo sie
möchten. Doch weder die Regierung
noch die Bauindustrie haben dies bisher
begriffen. Zumindest in Großbritannien herrscht noch immer die althergebrachte Vorstellung, dass jemand, der
daheim arbeitet, ein Büro braucht – dabei benötigt er lediglich flexibel nutzbare Räume! Die Bewohner wissen es zu
schätzen, einen Raum auf verschiedene
Weise nutzen zu können. Trotzdem ist
die Bauindustrie noch meilenweit davon entfernt, diese Marktnachfrage mit
ihren Produkten zu bedienen.
BB: Die flexibelsten Häuser in Großbritannien sind womöglich die städtischen
Reihenhäuser des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts. Ich wohne selbst
in solch einem Haus und finde es ganz außergewöhnlich, als wie anpassungsfähig
sich die sehr einfachen Grundrisse immer
wieder erweisen. In modernen Häusern
gibt es so etwas selten: Hier haben Räume
und Technologien eine einschränkende
Wirkung.
Dr Bill Bordass ist Wissenschaftler
und begann seine Karriere in der Baubranche bei RMJM London, wo er für
die Bereiche Gebäudetechnik und Energiedesign verantwortlich zeichnete.
Anschließend gründete er das Unternehmen William Bordass Associates,
das leistungsbezogene Untersuchungen und Fehleranalysen an bestehenden Gebäuden durchführt. Zudem
ist er als Forschungsbeirat und politischer Berater des Usable Buildings
Trust tätig (www.usablebuildings.
co.uk). 2008 wurde er mit dem CIBSEEnergieeffizienz-Preis ausgezeichnet.
Dr Fionn Stevenson ist Professorin
für Nachhaltiges Entwerfen an der
Universität Sheffield und Director
of Technology an der dortigen Architekturfakultät. Sie begann ihre Karriere als Architektin mit Schwerpunkt
Wohnungsbau, erkannte jedoch rasch
die Notwendigkeit, mehr Gewicht auf
die praktische Gebrauchstauglichkeit
von Gebäuden zu legen. Heute ist sie
Spezialistin für Gebäudenutzwert und
Feedback-Analyse und als Beraterin
für diverse Regierungsbehörden tätig.
Es gibt einen Unterschied zwischen ‚flexiblen‘ Gebäuden mit beweglichen Elementen
und solchen, bei denen die Räume variabel
nutzbar sind. Welcher Ansatz bietet Ihrer
Meinung nach mehr Potenzial?
FS: Die Anpassungsmöglichkeiten, wie
wir sie von Baukastensystemen mit beweglichen Wänden und Böden kennen,
werden nur selten von den Bewohnern
ausgeschöpft. Für wirkliche Flexibilität
ist es wichtiger, dass die Räume groß genug sind, damit der Nutzer sie ohne Veränderung der Bausubstanz umgestalten
kann. Dies erfordert geringen Arbeitsaufwand, keine spezialisierten Handwerker
und schafft mehr Gestaltungsfreiraum.
Für mich als Architektin liegt die Zukunft
deshalb in der intensiven Beschäftigung
mit den Möglichkeiten, den gleichen
Raum auf ganz unterschiedliche Weise
zu nutzen.
115
116
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
117
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
MULTIOPTIONALES
WOHNEN
Die gegenwärtige, multioptionale Gesellschaft generiert eine Vielfalt
zuvor ungekannter Lebensstile und Lebensphasen. Doch im Wohnungsbau herrscht – mit wenigen Ausnahmen – seit 50 Jahren Stillstand.
Lösungsansätze sind selten, doch es gibt sie: Kybernetische Strukturen
könnten den Weg weisen hin zu einer Architektur, die dem Lebenszyklus
des Menschen gerecht wird.
Von Günter Pfeifer
Fotos von Lars Tunbjörk
Innenarchitektur von Jacob Hertzell
Lebensabschnittsgemeinschaften,
Patchworkfamilien, Alleinerziehende
mit einem oder mehreren Kindern, junge Singles, alte Singles und freie Wohngemeinschaften – die gesellschaftliche
Realität unterschiedlicher Lebensentwürfe lässt sich im Wohnungsbau nicht
abbilden. Singles benötigen je nach
Wirtschaftskraft kleine Wohnungen im
urbanen Umfeld; junge Familien preiswerte Wohnungen mit drei oder mehr
Zimmern in einer kinderfreundlichen
Nachbarschaft. Geschäftige Karrieremenschen hingegen brauchen die großzügige Stadtwohnung; die „Best Ager“
mit den angesammelten Lebensschätzen
ebenso. Erst ältere Menschen, in der diskriminierenden Form ‚Nogos’ genannt,
beginnen – nicht nur wegen äußerer Umstände – die Lebensschätze zu reduzieren, müssen mit kleineren Wohnungen
auskommen. Doch diese sind meist an
andere Randbedingungen geknüpft, die
man unter dem Begriff Barrierefreiheit
subsumiert: Aufzugserschließung, breite
Türen in allen Räumen, schwellenfreie
Duschen, behindertenfreundliche WCAnlagen. Idealerweise sehnt sich diese
immer größer werdende Bevölkerungsgruppe nach Gemeinschaft und Nachbarschaft in unmittelbarer Nähe. Wenn
es noch gelänge, die eigene Wohnung mit
einer kleinen Wohnung für eine Pflegeperson zu koppeln oder eine Wohngemeinschaft mit einem Gleichgestellten
und -gesinnten zu finden, wäre dies ein
glücklicher Zufall. Für alle diese vorgenannten Szenarien gibt es nur spezielle
Wohnungsangebote, die selten genug an
„Im Lebenszyklus stellt jeder
den richtigen Orten liegen.
Nun kann man einfach die Frage stel- Lebensabschnitt eine eigene kleine
len: Warum zieht ihr nicht um, wenn sich
Sinnwelt mit spezifischen Wohndie Lebensumstände ändern? Statt einer
und Lebensstilen dar. In einer
Antwort stelle man sich die Gegenfrage:
Gesellschaft des langen Lebens
Warum sollte man? Warum kann sich
werden die Wohnformen wesentnicht die Wohnung anpassen? Hier stößt
lich von solchen wechselnden
man unweigerlich auf des Pudels Kern:
Lebensphasen
bestimmt und sind
Varianz und Anpassung, wenigstens eine
immer
weniger
nur eine Frage des
Annäherung an die Veränderung der LeMilieus […], des Geldes oder des
benszyklen finden im Wohnungsbau
keinen Ausdruck. Nach wie vor muten Anspruchsniveaus […] Mit jeder
wir dem Wohnungsbau Strukturen zu, Lebensphase ändern sich die
von denen wir wissen, dass diese nur be- Lebensstile – aber nicht die
stimmte Lebensphasen überdauern.
Menschen.”
Vom Lebens-Raum ins Korsett
des Wohnens
Ein Blick in die Geschichte lohnt sich,
denn das war schon einmal – wenigstens
unter den damaligen Umständen – anders. Der Wohnungsbau der Gründerzeit
zu Beginn des 20. Jahrhunderts schuf vor
allem in den Großstädten, aber auch in
den Mittelzentren Wohnungstypen, die
sich heute noch großer Beliebtheit erfreuen. Sieht man einmal davon ab, dass
es sich bei diesen Wohnungen um großzügig geschnittene 120–140 qm handelte,
fällt auf, dass die Grundrissstruktur eine
grundsätzliche Eigenart hatte: Die meisten Räume waren nutzungsneutral. Es
gab nicht das determinierte Schlaf- oder
Kinderzimmer oder den repräsentativen
Wohnraum. Die Versorgungsstruktur
schuf natürlich den festen Platz für Bad,
WC und Küche, doch Letztere war meist
Horst Opaschowski in:
Besser leben – schöner wohnen?, 2005
119
„Jeder Wohnungsneu- und umbau,
bei dem der Bauherr nicht zugleich
der spätere Nutzer ist, ist ein
prognostisches Experiment, eine
gebaute These dazu, wie wir in
Zukunft wohnen wollen bzw.
wohnen sollen. […]
Unser prognostischer Instrumentenkasten ist darauf ausgerichtet,
die Markttrends in einem weitgehend gleich bleibenden Ordnungssystem zu erkennen und dem
Markt dann – mit oder ohne
staatliche Hilfen - zu geben, was er
braucht. Wenn die Zukunft aber
durch Marktversagen und Brüche
– man kann auch sagen: Paradigmenwechsel – bestimmt wird, ist
diese Methode weitgehend
unbrauchbar. Wir müssen den
Wohnungsmarkt der Zukunft nicht
beliefern, sondern gestalten.”
Armin Hentschel: Wohnen im Wandel, in:
landschaftsarchitekten 3/2010
120
ein ebenso großer Raum wie die übrigen. Wohnformen für Alte und Behinderte
Meist war um eine stattlich große Diele
sind die Anforderungen in entsprechenein Kranz gleich großer Räume angeord- den Gesetzen verankert. Zusammennet, die wiederum untereinander mit Tü- genommen haben diese Verordnungen
jedoch keine grundsätzliche Strukturänren verbunden waren.
Die Varianz innerhalb dieser Woh- derung ausgelöst. Ökokomische Zwänge
nungsgrundrisse war erstaunlich groß. und die unter den Bauträgern übliche
Einstellung – wir wissen, was der Markt
Befördert wurde dies noch durch die
zusätzliche Erschließung eines Zim- verlangt – sowie das enge Korsett der
öffentlichen Förderungen haben eine
mers direkt vom Treppenhaus. Damit
konnten ein oder mehrere Zimmer zu- grundsätzliche Evaluation des Wohsammengefasst eine gesonderte Einheit
nungsbaus ausgeschlossen.
bilden. Der externe Zugang ermöglichte
eine bescheidene Geschäftsnutzung oder Gesucht: Gebäudestrukturen für
eine Untervermietung. Zu alledem kam alle Lebensformen
die angenehme Besonderheit, dass diese
Man kann also mit Fug und Recht beWohnungen über andere Geschosshöhen
haupten, dass sich die Lebenszyklen
verfügten. Die lichte Höhe der Innenräu- im Wohnungsbau nicht abbilden. Das
me betrug meist über drei Meter, in weni- führt aus verschiedenen Gründen zu
gen Fällen sogar bis zu vier Metern. Damit
der Forderung, dass wir radikal andere
konnte die Belichtung tief in das Hausin- Wohnformen brauchen. Wohnformen, in
denen sich der Individualismus genauso
nere eindringen. In der innen liegenden
wiederfindet wie die immer changierenDiele, die wegen der Größe oftmals auch
als Essplatz verwendet wurde, konnte
de und wechselnde Möglichkeit, unterman, je nach Lage, in der Morgensonne
schiedliche Gemeinschaften zu bilden
frühstücken.
und die sich ändernden Lebensumstände
Dieses Prinzip wurde in der Hektik des
ohne große Umbau- und damit UmzugsWiederaufbaus nach dem Krieg und un- maßnahmen realisieren zu lassen.
ter dem Diktat der sozialen Gerechtigkeit
Doch wie können solche Wohnuneinem anderen Prinzip geopfert: dem pa- gen aussehen? Lernen wir aus anderen
Kulturen und fassen Altes und Neues
triarchalisch geordneten Grundriss. Das
zusammen, ergeben sich durchaus neue
repräsentative Wohnzimmer als größter
Raum in der Wohnung, die Küche als ‚Ar- Parameter:
beitsraum der Hausfrau’ (eine authentische Beschreibung aus der Neufertschen – Grundrissstrukturen, in den sich die
Grundrisslehre), das Schlafzimmer der
determinierten Räume nur auf die
Eltern mit den üblichen Abmessungen,
Nutzung Bad/Dusche/WC und Küche beziehen. Alle anderen Nutzungen
Doppelbett plus Bettumrandung. Das
kleinste Zimmer war das Kinderzimmer,
sind raumneutral auszurichten – Besonnung, Belichtung, Proportionen
oftmals kaum größer als 8 Quadratmeter.
Aus ökonomischen Gründen schrumpfte
und Größe – und somit nicht deterdie Wohnungsgröße auf standardisierte
miniert.
75 Quadratmeter für die Dreizimmer- – Wohnungseinheiten müssen komwohnung und 85 Quadratmeter für die
binierbar und koppelungsfähig sein.
Wohnungen mit vier Zimmern. Zudem
Dies erreicht man mit einem Mehrwurden die Geschosshöhen auf 2,50 Meaufwand von Erschließungen und
Haustechnik-Installationen.
ter lichte Höhe beschnitten.
Auffallend, ja geradezu grotesk ist die – Doppelte Kodierung von interaktiven
Tatsache, dass sich diese strukturelle EiRäumen. Erschließungs- und Koppgenart im Wohnungsbau so festgefahren
lungsräume können vielseitig genutzt
hat, dass innerhalb der letzten 50 Jahre
werden. Sie dienen zum Aufenthalt
kaum nennenswerte Veränderungen pasund zur Kommunikation, und sie
siert sind. Sicher wurde die sogenannte
fördern die Interaktion der GemeinBarrierefreiheit eingeführt, und in den
schaft.
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
– Die abgeschlossene Wohnung ist nur
Gebäudeerweiterungen mit integrierten
noch bedingt zeitgemäß. Gemein- Energiegärten, in Zwischenräumen oder
schaft und Intimität haben in der heu- Dachausbauten energiesammelnde und
-speichernde Maßnahmen so integriert
tigen Zeit andere Ausdrucksformen.
werden, dass diese das alte Gebäude
Zukünftige Gebäudestrukturen werden
mitversorgen. Idealerweise wird man die
eine andere Art der Vernetzung leisten
Ergänzungen soweit aufrüsten können,
müssen. Dabei muss man mit den al- dass diese wie ein System kommunizierender Gefäße – das eine bedingt das anten Vorstellungen vom umbaufähigen
dere interdependent – funktionieren, um
Grundriss aufräumen. Denn zu dieser
damit Neu und Alt zu einer typologischen
Art Vernetzung gehören immer mehr
oder weniger aufwendige handwerkli- und energetischen Einheit werden lassen.
che Maßnahmen. Nein, diese Umbaumaßnahme muss sich mit dem Öffnen
Den Bedarf wecken, statt ihn
einer bislang verschlossenen Tür begnü- zu verkennen
gen, im Zweifelsfall mit dem Aushängen
Mit den Vorstellungen einseitig ausgedes Türblatts. Vergleichsweise ist die
richteter Bauträger und Wohnungsbaukommunikative Art der Vernetzung mit
gesellschaften werden solche Strukturen
nicht zu realisieren sein. Hier wird man
WLAN anzuführen, die schon längst zu
den praktizierten Strukturen der Netz- ähnlich wie Steve Jobs, der Querdenker
werkgesellschaft gehört und den Alltag
von Apple, denken müssen, der einmal
vollkommen umgekrempelt hat. Über- philosophierte: „Es ist nicht die Aufträgt man dieses System, so entstehen
gabe der Verbraucher, zu wissen, was
jene differenzierten Ebenen und Vo- sie wollen.“ Damit lässt sich der ewige
lumen, die innerhalb einer baulichen
Hinweis auf die Bedingungen des WohStruktur Bereiche mit den verschiedens- nungsmarktes allemal entkräften. Beten Intimitäts- und Öffentlichkeitsab- dürfnisse zu wecken ist schon lange das
stufungen schaffen, die von den Nutzern
Geschäftsgeheimnis von Apple, aber
mal variabel, mal fest benutzt werden
auch der Autoindustrie. Denn sie hat es
können. Die abgeschlossene Wohnung
geschafft, Bedürfnisse erst zu produzieist in diesem System genauso möglich
ren, um sie dann auch mit eigenen Waren
wie ein offenes Geflecht von Interakti- zu befriedigen. Wenn man bedenkt, dass
onsvolumina und Rückzugsräumen mit
das Automobil längst andere Funktionen
unterschiedlichen Größen und Zonie- erfüllt als die der Mobilität, dass es zum
rungsdichten. Die Größe der Gebäude- einzigen und wirkungsvollsten Transstruktur kann so ausgelegt werden, dass
port versteckter Emotionen – Prestige,
sich wechselnde Gruppengrößen mit
Macht, Unabhängigkeit, Modernität –
taugt, dann kann man den Gedanken mal
unterschiedlichen Bedürfnissen und
Ausrichtungen – gesellschaftlich, kultu- zu Ende spinnen. Nomadentum ist nichts
rell, soziologisch – generieren können. anderes als die Sehnsucht nach Freiheit
Diese Systeme sind kybernetisch kodiert, und Ungebundensein. Die Wirklichkeit
das heißt, sie sind interdependent mit
ist aber die fest gefügte Sesshaftigkeit.
allem vernetzt und verwoben und bedin- Im Wechselspiel von Nomadensehngen sich gegenseitig.
sucht und heimatlicher Verwurzelung
Das Gleiche gilt auch für die Sanie- bedient die Autoindustrie das Freie und
die Wohnungswirtschaft das Unfreie.
rungsstrategie der Altbauten. Zum
Glück, kann man sagen, sind die Bauten
Heimat hat nie etwas mit Bewegung
der Gründerzeit bislang wegen ihrer be- und Aufbruch zu tun; vielmehr mit dem
sonderen Fassadengestaltung von Wär- Gegenteil: Zuflucht und Rückzug. Offenmedämmverbundsystemen verschont
sichtlich braucht man diesen Gegensatz.
geblieben. Die zuvor beschriebenen Para- Aber müssen deshalb Wohnungstypen in
meter lassen sich auch auf Erweiterungen
einer Beharrlichkeit erstarren, die jedwede andere Entwicklung als unrealistische
und Ergänzungen von Altbaugrundrissen
anwenden. So könnten in Anbauten und
Utopie brandmarkt?
Dies mag sich alles irgendwie theoretisch anhören. Modelle dieser Art sind jedoch in den Niederlanden zu besichtigen,
auch im Schweizer Wohnungsbau, wenn
auch noch nicht mit der letzten Konsequenz des zuvor Beschriebenen. Planerisch sind diese Überlegungen schon
längere Zeit in Bearbeitung – nicht zuletzt am Fachgebiet Entwerfen und Wohnungsbau der TU Darmstadt, an dem der
Autor dieses Artikels als Professor tätig ist.
Die Herausforderung an Architekten und
Ingenieure wird deshalb die Entwicklung
komplex hybrider und kybernetischer
Systeme sein. Der Einwand, dass das alles
kaum zu bezahlen sei, ist nicht überzeugend. Nimmt man die Bemühungen um
Nachhaltigkeit ernst und gleicht diese
mit den heutigen Standards für Wohnungsbauten ab, bietet die Wirklichkeit
ein ziemlich trostloses Bild. Abgesehen
von einem sehr fernen und besonders
schlanken Silberstreif am Horizont gibt
es keine Visionen, kein Neuland, kaum
Neugierde und null Experimente. Jedenfalls in Deutschland.
Günter Pfeifer, Jahrgang 1943, beschäftigt sich
seit 1972 mit Wohnungsbau, zurzeit mit seinem
Büro Pfeifer Kuhn Architekten in Freiburg. Seit
1992 lehrt er an der Technischen Universität
Darmstadt, zuerst im Fachgebiet Entwerfen und
Hochbaukonstruktion, seit 2001 im Fachgebiet
Entwerfen und Wohnungsbau. Den Schwerpunkt
seiner Lehre bilden neue Gebäudetypologien auf
der Grundlage kybernetischer Strukturen, die von
autochthonen Gebäudetypen abgeleitet sind. Günter Pfeifer ist Autor zahlreicher Fachbücher und
Träger zahlreicher nationaler und internationaler
Architekturauszeichnungen. 2009 erhielt er den
Gottfried Semper Preis.
121
122
D&A AUTUMN 2011 ISSUE 16
123
DAYLIGHT & ARCHITECTURE
ARCHITEKTURMAGAZIN
VON VELUX
HERBST 2011 AUSGABE 16
Herausgeber
Michael K. Rasmussen
Website
www.velux.de/Architektur
VELUX Redaktionsteam
Per Arnold Andersen
Christine Bjørnager
Lone Feifer
Torben Thyregod
E-Mail
[email protected]
Redakteur, Institut für
Internationale ArchitekturDokumentation
Jakob Schoof
Übersetzungen
Sprachendienst Dr. Herrlinger
Norma Kessler
Bildredaktion
Torben Eskerod
Art Direction & Layout
Stockholm Design Lab ®
Per Carlsson
Lisa Fleck
Björn Kusoffsky
www.stockholmdesignlab.se
ISSN 1901-0982
Dieses Werk und seine Beiträge sind
urheberrechtlich geschützt. Jede
Wiedergabe, auch auszugsweise,
bedarf der Zustimmung der VELUX
Gruppe.
Die Beiträge in Daylight & Architecture
geben die Meinung der Autoren wider.
Sie entsprechen nicht notwendigerweise den Ansichten der VELUX
Gruppe.
© 2011 VELUX Gruppe.
® VELUX und das VELUX Logo sind
eingetragene Warenzeichen mit Lizenz
der VELUX Gruppe.
Umschlagbild
Lars Arrhenius
Innenseite Umschlag
Torben Eskerod
124
D&A HERBST 2011 AUSGABE 16
Herunterladen