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C. Krüger
y Zusätzlich wird die Binge-Eating-Störung als Untergruppe der unspezifischen Essstörungen, der EDNOS (Eating Disorders Not Otherwise Specified) eingeführt. Sie wird
als ein Krankheitsbild, das weiterer wissenschaftlicher Klärung bedarf, in den Forschungskriterien definiert (Reich u. Mitarb. in diesem Band).
Diagnose
Im DSM IV (1994) wird eine Binge-Eating-Störung als Krankheitsbild definiert, bei dem
Patienten über Fressanfälle klagen. Die Patienten führen keine Gewicht erhaltenden
Maßnahmen in Form von unangemessenem kompensatorischem Verhalten durch. In der
Definition des DSM werden Charakter, Häufigkeit, Einstellung der Patienten zu der Symptomatik und die Abgrenzung zu Anorexia nervosa und Bulimia nervosa beschrieben.
(Reich u. Mitarb. in diesem Band).
Binge Eating Störung und Anorexia ne rv osa
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Im DSM-IV werden zwei Untergruppen anorektischer Patienten beschrieben: Magersüchtige mit restriktiver Anorexie, die ausschließlich Nahrungsrestriktion zur Gewichtsabnahme einsetzen und solche mit bulimischer Anorexie, die Nahrungsrestriktion mit
Essanfällen oder Erbrechen abwechseln. Letztere haben mit Patienten einer BingeEating-Störung die Fressanfälle gemeinsam.
Aus der Definition der Binge-Eating-Störung im DSM IV ergeben sich charakteristische Unterschiede dieser Symptomgruppe zur Anorexia ne rvosa vom bulimischen Typ.
Sind es bei der Anorexia die Nahrungsrestriktion und die Gewichtsabnahme, die die
Symptomatik bestimmen, so stehen bei der Binge-Eating-Störung die fehlenden unangemessenen kompensatorischen Verhaltensweisen und das Übergewicht im Vordergrund:
Das Ersterkrankungsalter bei der Binge-Eating-Störung ist höher (Spurrell 1997).
fr Die Geschlechterverteilung zeigt ein Drittel Männer unter den Betroffenen mit BingeEating-Störung (Marcus 1995).
Die endokrinologischen Veränderungen, die sich aus dem unterschiedlichen Gewicht
(BMI) und Essverhalten ergeben, unterscheiden sich (Marcus 1995).
fr Über die Unterschiede der Psychopathologie gibt es bisher keine kontrollierten Studien.
Binge Eating Störung und Bulimie
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Das Kernsymptom sowohl der Bulimie als auch der Binge-Eating-Störung stellt das Auftreten von Fressanfällen dar. Viele Betroffene beider Krankheitsgruppen beschreiben
diese Fressanfälle ähnlich: Sie fühlen sich ihnen ausgeliefert und können sich nicht dagegen wehren (Yanowski 1993).
Weitere Gemeinsamkeiten von Bulimie und Binge Eating- Störung sind:
fr die vergleichbare Schwere der Essanfälle (Marcus 1995)
✓ ein hohes Maß an gleichzeitigen psychiatrischen oder psychopathologischen Symptomen bei beiden Diagnosen.
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Nach wie vor stellt die Binge-Eating-Störung in den internationalen Klassifikationen
keine eigenständige Krankheitsgruppe dar. Sie kommt im ICD-10 nicht vor. Dieses Kapitel soll Informationen über die Diagnostik und die Charakteristika dieses Krankheitsbildes geben.
Binge Eating und Binge-Eating- Störung
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Die empirische Forschung zur Diagnose einer Binge-Eating-Störung ist noch in den Anfängen. Bis heute ist die Beziehung zwischen Bulimie und Binge-Eating-Störung in Bezug
auf Ätiologie, Pathogenese, Verlauf und Prognose unklar (Fairburn 1995).
Binge Eating Störung und Adipositas
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Etwa 30% der Adipösen, die medizinische Hilfe bei einer angestrebten Gewichtsreduktion
suchen, leiden zusätzlich unter einer Binge-Eating-Störung (Fairburn 1993). Diese stellt
ein komplexes klinisches Problem dar, da sie häufig gestörtes Essverhalten mit Übergewicht und oft extremer Adipositas vereint. Vermutlich ist die Adipositas bei dieser Patientengruppe eine direkte Folge der Fressanfälle ohne kompensatorisches Verhalten.
Im Vergleich zu adipösen Patienten ohne Binge-Eating-Störung zeigen Patienten mit
dieser Störung folgende Charakteristika:
• Es sind im Verhältnis 3:2 mehr Frauen als Männer betroffen.
• Die Patienten haben eine ausgeprägtere Adipositas, 10% der Patienten haben einen
BMI unter 29 , 40% der Patienten mit BMI über 30 litten unter BED (Yanowski 1993).
• Sie machen häufiger Diätversuche (Marcus 1995).
y Sie haben einen früheren Erkrankungsbeginn und häufigere Episoden von weight
cycling Gewichtsverlust und -wiederzunahme (Yanowski 1993).
'
Sie zeigen in Fragebögen und strukturierten Interviews ein 13fach erhöhtes Risiko für
psychosoziale Dysfunktionen und psychiatrische Symptome, speziell Major Depression, sowie höhere Raten von Angststörungen und Persönlichkeitsstörungen (Mitchell
1995, Yanowskil993).
• Es wurde ein Zusammenhang zwischen Stimmungsschwankungen und schwankendem Essverhalten nachgewiesen (Essen dient oft als Selbstberuhigung und zur Stimmungsregulation) (Eldredge 1996).
• Die Patienten brechen signifikant häufiger Therapien ab (Ho 1995, Yanowski 1993).
w Es fand sich kein Unterschied bei sonstigem Suchtverhalten z.B. Alkohol, Zwangserkrankungen und Missbrauchsanamnese (Teich u. Agras 1994).
Ätiologie, Pathogenese und Risikofaktoren
Ätiologie und Pathogenese der Binge-Eating-Störung sind unklar. Wie bei den anderen
Essstörungen gibt es keine spezifische Persönlichkeit oder Psychopathologie, die einer
Binge-Eating-Störung zugrunde liegt. Auch spezifische Konflikte, die zu dieser Störung
führen, konnten nicht identifiziert werden. Zahlreiche Studien beschreiben jedoch Faktoren, die das Erkrankungsrisiko signifikant erhöhen. Dabei handelt es sich sowohl um
allgemeine Risikofaktoren für Essstörungen als auch um spezifische für diese Störung
(Fairburn u. Mitarb. 1998).
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Doch es zeigen sich auch bemerkenswerte Unterschiede zur Bulimie:
• Die Fressanfälle dauern in der Regel länger, haben einen weniger klaren Anfang und
kein definiertes Ende so wie das anschließende Erbrechen bei der Bulimie.
Es gibt weniger strikte Diätversuche und rigides Gewichtskontrollverhalten (Marcus
1995).
Die Häufigkeit von Fressanfällen ist geringer (Marcus 1995).
Patienten sind älter (Spurrell 1997).
Sie haben ein höheres Gewicht (Marcus 1995).
Es sind mehr männliche Patienten betroffen (Marcus 1995).
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