und Leipzig 7. und letzter Teil: Versöhnungen und Entzweiungen Für den rastlosen Richard Wagner steht es außer Frage, dass seine zum „Ring“ zusammengefassten vier Opern einer besonderen Aufführungsform bedürfen. Er denkt an ein großes Festspiel, das sich über mehrere Tage erstrecken und für jedermann zugänglich sein soll. Dafür muss ein geeigneter Aufführungsort gefunden werden. Wagner, der 1865 München wegen Proteste der Bevölkerung verlassen musste und in Luzern ein Domizil findet, macht sich auf die Suche. Sinneswandel in der Vaterstadt Vom 16. bis 20. April 1872 besucht er mit seiner zweiten Ehefrau Cosima (Heirat am 25. August 1870 in Luzern nach mehrjähriger „wilder Ehe“) zum ersten Mal Bayreuth, ein Städtchen im Fränkischen. Wagner entschließt sich, hier den „Ring“ in Festspielen aufzuführen – in einem extra zu errichtenden Theater. Selbst die Ankündigung dieses Vorhabens bedarf in Wagners Augen einer besonderen Form. Dafür wählt er sich ganz bewusst eine Stadt aus: Leipzig. Die Stadt, die ihm so lange die kalte Schulter gezeigt hatte und wovon sich Wagner aber nie beirren ließ. Am 12. Mai 1872 lässt der Meister öffentlich in seiner Vaterstadt verkünden, dass die ersten Bayreuther Festspiele bereits für den Sommer des kommenden Jahres angesetzt seien. Wagners Rech- Titelseite „Das Judentum in der Musik“, 1869 22 LEIPZIGER GESCHICHTE(N) nung geht auf. Zwar dauert es noch vier Jahre, doch er weckt Aufmerksamkeit. Bayreuth wird künftig einmal im Jahr nicht nur zu einem musikalischen Höhepunkt, sondern zu einem gesellschaftlichen Ereignis insgesamt. Und endlich findet in Leipzig ein Sinneswandel statt, so dass Wagner ihn noch miterleben kann. Vollzogen wird die Aussöhnung mit der Aufführung des „Ring der Nibelungen“ zur Frühjahrs- und zur Herbstmesse 1878 im zehn Jahre zuvor eröffneten Neuen Theater (Oper) am Augustusplatz, dessen Direktor seit 1876 Angelo Neumann ist. Die ersten Festspiele in Bayreuth 1876 hatten Wagner ein enormes finanzielles Defizit beschert und Neumann war sofort bereit, den Zyklus in Leipzig zu übernehmen. Damit geht die erste, geschlossene Ring-Aufführung außerhalb Bayreuths über die Bühne! Euphorisch telegraphiert Wagner darauf hin: „Heil Leipzig, meiner Vaterstadt, die eine so kühne Theaterdirektion hat!“ Und Franz Liszt, der von Weimar aus die Aufführungen von „Rheingold“ und „Walküre“ in Leipzig besuchte, schreibt an seinen Schwiegersohn: „Neumann hat seine Sache sogar besser gemacht, als du in Bayreuth“. Angriff auf jüdische Künstler Es ist außerdem die Zeit, in der Wagner einen Geniekult um sich aufbaut. Gattin Cosima hält in einem Tagebuch jeden Tag in Wagners Leben in allen Einzelheiten fest. Er fühlt sich von seltener Größe und behauptet von sich: „Ich bin der deutscheste Mensch, ich bin der deutsche Geist. Fragt den unvergleichlichen Zauber meiner Werke“ (vgl. BW-Ludwig II. Bd. 1*, S. 65). Gepaart sind solche Auslassungen mit antisemitischen Tönen. Eine Schlüsselstellung nimmt hierbei seine 1850 noch unter Pseudonym erschienene und 1869 unter seinem Namen wiederaufgelegte Schrift „Das Judentum in der Musik“ ein. Zielscheibe seiner Angriffe auf andere Künstler sind u. a. Felix Mendelssohn Bartholdy und Giacomo Meyerbeer. Letzterer war als Opernkomponist für den jungen Richard Wagner noch ein Vorbild gewesen, so etwa beim „Rienzi“ von 1842. An einer Stelle seines Aufsatzes heißt es: Wagner, kurz vor seinem Tod, 1883 „Leipzig (…) hatte in Folge der langjährigen Wirksamkeit des dort mit Recht und nach Verdienst geehrten Mendelssohn die eigentliche musikalische Judentaufe erhalten: wie ein Berichterstatter sich einmal beklagte, waren blonde Musiker dort zur immer größeren Seltenheit geworden, und der sonst durch seine Universität und seinen bedeutenden Buchhandel in allem deutschen Wesen so regsam sich auszeichnende Ort verlernte in Betreff der Musik sogar die natürlichsten Sympathien jedes sonst deutschen Städten so willig anhaftenden Lokalpatriotismus; er ward ausschließlich Judenmusikweltstadt.“ Wagner vertritt in seinem Aufsatz die These: „Der Jude, der an sich unfähig ist, weder durch seine äußere Erscheinung, noch durch seine Sprache, am allerwenigsten aber durch seinen Gesang sich uns künstlerisch kundzugeben, hat nichtsdestoweniger es vermocht, in der verbreitetsten der modernen Kunstarten, der Musik, zur Beherrschung des öffentlichen Geschmacks zu gelangen“. (vgl. Wagner-SuD Bd. 5, S. 73) Bewunderung und Ablehnung So stoßen wir an dieser Stelle wieder auf die Ambivalenz des Meisters, und ungeachtet seiner Ansichten hat er einige jüdische Freunde und Mitarbeiter weiterhin um sich. Einer von ihnen ist Hermann Levi, Mit etlichen ihrer „Söhne“ hat te sich Leipzig schon immer schwer getan. Dies mus ste der junge Leibniz erfahren und ein anderer Großer bekam es zu spüren, als er andernorts schon läng st gefeiert wurde: Richard Wagner. Erfreulicherwe ise hat sich dahin gehend einiges geändert. Nicht nur, weil wir in diesem Jahr den 200. Geburtstag des gro ßen Tonmeisters und Dirigenten feiern. Die Musikw elt trifft sich in Leipzig, der immerhin am 26. Juli 1882 die Uraufführung des „Parsifal“ im Festspielhaus Bayreuth dirigiert. Wagner hatte in diesem Zusammenhang sogar Kritik zurückgewiesen, sein „heiligstes Werk“ nicht von einem Juden dirigieren zu lassen. In seinen „Erinnerungen an Richard Wagner“ berichtet Theaterdirektor Angelo Neumann zum Eindruck der Parsifal-Uraufführung über einen Kommentar August Försters. Dieser habe in einer Runde nach der Aufführung gemeint: „Sie werden sehen, Wagner stirbt“. Verwundert fragt Neumann seinen Ko-Direktor, wie er denn zu solcher Feststellung komme. Förster: „Ein Mensch, der das geschaffen hat was wir heute erlebt haben, kann nicht länger leben. Der ist fertig. Der muss bald sterben.“ Doch Wagner erfährt auch Ablehnung. Dass er in seiner späten Schaffenszeit christlich-religiöse Motive in seinen Opern einbindet wie eben in jenem Parsifal, Neues Theater am Augustusplatz, Ende des 19. Jahrhunderts kommt nicht überall gut an. Besonders verbittert reagiert der Atheist und bisherige Freund Friedrich Nietzsche. Er, der 33 Jahre jüngere, hatte in Wagner, den er in Leipzig kennengelernt hatte, auch so etwas wie einen Ersatzvater gesehen. Enttäuscht wendet sich nun Nietzsche ab. In seinem Nachlass 1884 notiert er über den Bruch: „Als Richard Wagner mir gar von dem Genusse zu sprechen begann, den er dem christlichen Abendmahle (dem protestantischen) abzugewinnen wisse, da war es aus mit meiner Geduld. Er war ein großer Schauspieler: aber ohne Halt, und um Wagner zu ehren und seine Leistungen zu würdigen. Sicher, Wagner ist keine einf ache Persönlichkeit, aber das macht sie interessant umso mehr. In unserer Serie gehen wir seiner Zeit in Leip zig nach. Seine Heimatstadt hat der Künstler trot z seiner Unrast durch Europa nie loslassen kön nen. Wir danken an dieser Stelle Prof. Helmut Loos und dem Richard-Wagner-Verband Leipzig für ihre Unt erstützung. inwendig die Beute von allen Sachen, welche stark berauschen.“ Alte Ehrenschuld begleichen Die letzten Festspiele im Juli 1882 haben Wagner sichtbar altern lassen, immer öfter wird er von Herzattacken heimgesucht. Er spürt sein Ende. Er reist mit Cosima in Erholungsurlaub nach Venedig und hofft auf Linderung. Wagner erweist sich als nörgelnder Widerling und macht sich und anderen wieder mal das Leben schwer. Am 13. Februar 1883 stirbt Wilhelm Richard Wagner im venezianischen Palazzo Vendramin nach einem Herzinfarkt, als er gerade an einem Manuskript „Über das Weibliche im Menschlichen“ arbeitete. Fünf Tage später werden seine sterblichen Überreste nach Bayreuth überführt und im Garten seines Hauses „Wahnfried“ beigesetzt. Als der Sarg ins Grab gesenkt wird, spielt ein Orchester den Trauermarsch aus der „Götterdämmerung“. Es ist für Leipzig nur eine Frage der Zeit, bis es für seinen „großen Sohn“ eine angemessene Würdigung findet. Am 22. Mai 1903 konnte man in der Stadt folgenden von Oberbürgermeister Bruno Tröndlin verfassten Aufruf lesen: „Nach langer Zeit wenden wir uns heute, am 90. Geburtstage Richard Wagner’s, aufs neue mit der Bitte an die Einwohnerschaft unserer Stadt, die Errichtung des längst geplanten Richard Wagner-Denkmals in Leipzig durch die Gewährung von Beiträgen fördern und die Abtragung einer alten Ehrenschuld ermöglichen zu wollen:“ Und ein 1913 erschienener Aufsatz über „Richard Wagner in seinen Beziehungen zu Leipzig“ schließt mit den Worten: „Viel hat Leipzig von der Schuld, die es seinem großen Sohne gegenüber auf sich geladen hat, seither abgetragen; mögen auch die anlässlich des hundertsten Geburtstages des Meisters geplanten Festlichkeiten, die in der Enthüllung des Klingerschen Wagner-Denkmals gipfeln sollen, den Manen eines Richard Wagner würdig sein!“ Mehr als ein Denkmal sowie Straßennamen würden ohnehin nicht mehr an Wagner in Leipzig erinnern. Noch im Jahre 1886 hatte man sein Geburtshaus am Brühl we- gen großzügiger Neubebauung einfach abgerissen. Auch mit diesem Akt steckte die Stadt in tiefer Schuld gegenüber „ihrem Sohn“. Das Denkmal, mit dem der Bildhauer Max Klinger beauftragt wurde, kam nur als Sockel zustande und erfährt erst 2013 durch Stephan Balkenhol eine höchst umstrittene Vollendung. Eine 1905 gefertigte Büste Klingers steht als Kopie am Schwanenteich hinter der Oper. Diese Orte erinnern an die Absicht der Stadt, dem großen, aber auch mancherorts bis heute umstrittenen Komponisten die Ehre zukommen zu lassen, die ihm gebührt. – ENDEbwa Bildquellen: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig/Wikipedia Richard Wagner und seine Spuren in Leipzig Denkmäler, Gedenktafeln: • Gedenktafel an der Südseite der „Blechbüchse“ am Brühl mit Inschrift: „An dieser Stelle stand bis zum Jahre 1886 das Geburtshaus von Richard Wagner * 22. Mai 1813 † 13. Februar 1883“; • Richard-Wagner-Büste am Schwanenteich (1900/1983 – Max Klinger/ Hubert Maaß); • Wagner-Denkmal am Goerdelerring (Klinger-Sockel und Metallfigur mit Schatten von Stephan Balkenhol; • Grabmale von Wagners Mutter Johanna Wagner-Geyer und seiner Schwester Rosalie verh. Marbach auf dem Alten Johannisfriedhof Straßen und Plätze: • Richard-Wagner-Straße (City, seit 1913, vorher Parkstraße, Theatergasse); • Richard-Wagner-Platz (City, seit 1913, vorher Theaterplatz); • Richard-Wagner-Hain (am südlichen Elsterflutbecken, hier sollte das von Max Klinger entworfene Wagner-Denkmal errichtet werden) LEIPZIGER GESCHICHTE(N) 23