Anja Szypulski Gemeinsam bauen – gemeinsam wohnen

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Anja Szypulski
Gemeinsam bauen – gemeinsam wohnen
VS RESEARCH
Anja Szypulski
Gemeinsam bauen –
gemeinsam wohnen
Wohneigentumsbildung
durch Selbsthilfe
VS RESEARCH
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Dissertation Universität Dortmund, 2004
1. Auflage 2008
Alle Rechte vorbehalten
© VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2008
Lektorat: Christina M. Brian / Anita Wilke
Der VS Verlag für Sozialwissenschaften ist ein Unternehmen von Springer Science+Business Media.
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Umschlaggestaltung: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg
Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier
Printed in Germany
ISBN 978-3-8350-6047-0
Vorwort
Die vorliegende Arbeit ist die leicht überarbeitete Fassung meiner 2004 an der Universität Dortmund eingereichten und angenommenen Dissertationsschrift.
Ein empirisches Forschungsvorhaben ist ohne das Interesse und die Unterstützung der
Interviewpartner/innen nicht möglich. Ich danke daher allen Interviewpartner/innen in
den Selbsthilfesiedlungen und den beteiligten Wohnungsunternehmen/Trägern für die
Offenheit gegenüber dem Forschungsvorhaben und die Unterstützung, ebenso den vielen Studierenden, die in Lehrforschungsprojekten und zahlreichen Seminaren Forschungsfragen diskutiert und zur Weiterentwicklung beigetragen haben.
Mein herzlicher Dank gilt Ruth Becker und Sigrid Metz-Göckel (Universität Dortmund), die die Arbeit kontinuierlich unterstützt haben. Daneben gibt es zahlreiche Personen, die die Arbeit durch anregende Hinweise und Kommentare und freundschaftliche Anteilnahme geduldig und unterstützend begleitet haben: Sabine Brendel, Martin
Krämer, Kornelia Steinhardt, Birgit Kasper und meinen Eltern.
Anja Szypulski
V
Inhaltsverzeichnis
1.
I.
1.
Einleitung ............................................................................................................... 1
Wohnwandel - im Spannungsfeld von Individualisierung,
Vergemeinschaftung und Geschlechterverhältnis.............................................. 7
Das Individualisierungskonzept ........................................................................... 8
1.1. Grundannahmen des Individualisierungstheorems ...................................... 10
1.2. Die Individualisierung von Lebenslagen und Lebenswegen:
Freisetzung aus Geschlechtslagen und Familie............................................ 12
1.3. Individualisierung und Formen der Re-Integration...................................... 16
1.4. Zusammenfassung........................................................................................ 20
2.
Der Wandel von Familie und Geschlechterverhältnis ..................................... 22
2.1. Familie im Wandel: Soziale Netze, Haushaltsstrukturen und
Lebensformen............................................................................................... 22
2.2. Geschlechterverhältnis und innerfamiliale Arbeitsteilung........................... 35
3.
Neue Wohnformen - zwischen Individualisierung und
Vergemeinschaftung............................................................................................ 40
3.1. „Gemeinschaft“ als Thema der (Stadt-)Soziologie und ihre Bedeutung für
das Wohnen .................................................................................................. 41
3.2. Neue Wohnformen: Wohnprojekte als Ausdruck gesellschaftlicher
Veränderungsprozesse?................................................................................ 47
4.
Fazit: Gemeinschaftliches Wohnen in einer individualisierten
Gesellschaft? ........................................................................................................ 57
II. Eigenheim und Wohnungspolitik....................................................................... 61
1. Zwischen Wunsch und Realität: Wohnpräferenzen in Deutschland ............. 61
2. Das Eigenheim: Wohneigentum in der Bundesrepublik Deutschland........... 66
2.1. Entwicklung und Verteilung des Wohneigentums....................................... 66
2.2. Eigentumsbildung durch Selbsthilfe in Arbeiterhaushalten......................... 73
2.3. (Familien-)Soziologische Aspekte des „Projekts Wohneigentum“ ............. 75
3.
4.
5.
Wohnungspolitik und die Wohneigentumsförderung ..................................... 77
Legitimationen und Leitbilder der Wohnungspolitik:
Die Eigenheimideologie ....................................................................................... 81
Finanzierung und Wohneigentumsförderung .................................................. 90
5.1. Die Finanzierung von selbstgenutztem Wohneigentum: Das Problem der
Eigenkapitallücke ......................................................................................... 90
5.2. Die Wohneigentumsförderung auf Bundes- und Landesebene.................... 99
VII
5.2.1. Die Eigenheimzulage ........................................................................ 99
5.2.2. Die Förderung der Bildung selbstgenutzten Wohneigentums im
Rahmen der sozialen Wohnraumförderung ................................... 102
5.2.3. Die soziale Wohneigentumsförderung in Nordrhein-Westfalen..... 103
6.
Fazit: Wege zum Wohneigentum ..................................................................... 106
III. Selbsthilfe im Wohnungsbau ............................................................................ 109
1. Historische Wurzeln der baulichen Selbsthilfe............................................... 110
1.1. Die Genossenschaftsbewegung.................................................................. 110
1.2. Die Siedlerbewegung ................................................................................. 114
2.
Aktuelle Untersuchungen zur Selbsthilfe im Wohnungsbau ........................ 120
2.1. Formen der Selbsthilfe: Begriffsklärungen................................................ 121
2.2. Untersuchungen zur Selbsthilfe im Wohnungsbau: ein Überblick............ 122
2.3. Wesentliche Forschungsergebnisse............................................................ 127
2.3.1. Rahmenbedingungen von Selbsthilfe-Projekten............................. 127
2.3.2. Selbsthilfe und Finanzierung .......................................................... 131
2.3.3. Motive der Selbsthelfer/innen......................................................... 135
2.3.4. Familie und Arbeitsteilung.............................................................. 136
2.3.5. Arbeitsbelastung durch die Selbsthilfe ........................................... 138
2.3.6. „Nebenwirkung“: Die Förderung des Nachbarschaftsgedankens... 140
3.
Zwischenfazit: Selbsthilfe als Instrument der Wohnungspolitik?................ 141
IV. Die IBA Emscher Park und die Projektreihe „Einfach und selber bauen“ 145
1. Die Projektidee „Einfach und selber bauen“.................................................. 147
2. Die Selbsthilfe-Projekte und ihre Organisation ............................................. 151
2.1. Projektbeschreibungen ............................................................................... 151
2.2. Organisatorische Rahmenbedingungen der Projektreihe „Einfach und
selber bauen“ . ............................................................................................. 162
V. Entwicklung der Forschungsfragestellungen ................................................. 165
VI. Methodischer Ansatz und empirisches Material............................................ 169
1. Leitfaden-Interviews ......................................................................................... 169
2. Fragebogen-Erhebung ...................................................................................... 173
VII.Verborgene Realitäten: Ergebnisse der empirischen Erhebungen .............. 177
1. Das soziale Bild der Baufamilien ..................................................................... 177
1.1. Die Altersstruktur der Befragten................................................................ 177
VIII
1.2. Anzahl und Alter der Kinder...................................................................... 179
1.3. Art und Umfang der Berufstätigkeit .......................................................... 181
2.
Warum ein Selbsthilfe-Projekt? Motivationen............................................... 185
2.1. Entscheidungsdimensionen: Beweggründe für Hausbau und Selbsthilfe in
der Fragebogen-Erhebung .......................................................................... 186
2.2. Motivbündel – die Interviewergebnisse ..................................................... 190
2.2.1. Der Wunsch nach etwas „Eigenem“ ............................................... 190
2.2.2. Finanzielle Dimensionen................................................................. 192
2.2.3. Sicherheit der Mittel - Sicherheit des Trägers ................................ 194
2.2.4. Die Beschränktheit des Wohnungsmarktes und die Suche nach
Alternativen..................................................................................... 195
2.2.5. Spontane Entscheidung: „Eigentlich wollten wir gar nicht bauen“ 196
2.2.6. Besonderheit des Projekts: Wohnqualität ....................................... 197
2.2.7. Die Selbsthilfe an sich..................................................................... 198
2.3. Fazit: Selbsthilfe ist kein Selbstzweck....................................................... 198
3.
Der Planungs- und Bauprozess ........................................................................ 201
3.1. Baubetreuung und Organisation des Bauprozesses in der FragebogenErhebung .................................................................................................... 202
3.2. Planung und Organisation aus der Sicht der Interviews ............................ 207
3.2.1. Projekt A: Formen der Selbstorganisation als Kompensation von
Betreuungsdefiziten......................................................................... 207
3.2.2. Projekt B: Eine funktionsfähige Leitung ........................................ 211
3.2.3. Projekte C und D: Leistungsdruck und „Stundenängste“ ............... 213
3.2.4. Projekt E: Intermediäre Institution.................................................. 216
3.3. Mitbestimmungs- und Beteiligungsprozesse ............................................. 217
3.4. Fazit: Grundprobleme der Organisation..................................................... 220
4.
Finanzierung und Förderung ........................................................................... 221
4.1. Die Kosten des Hauses............................................................................... 222
4.2. Die Förderung der Baufamilien ................................................................. 224
4.3. Vorhandenes Eigenkapital.......................................................................... 224
4.4. Finanzierungsstruktur und Selbsthilfeertrag .............................................. 227
4.5. Monatliche Belastung der Baufamilien...................................................... 228
4.6. Finanzierung und soziale Dynamik in den Interviews............................... 232
4.6.1. „Die Unterschiede in der Finanzierung sind Wahnsinn" ................ 233
4.6.2. „Ohne Förderung unrealistisch“...................................................... 233
4.6.3. Konfliktpotential: „Zu viel Kohle“ ................................................ 234
4.6.4. Die Vergabe der Häuser .................................................................. 235
4.7. Fazit: Finanzielle Inhomogenität der Zielgruppe als Konfliktpotenzial .... 236
IX
5.
Die Selbsthilfe-Tätigkeit.................................................................................... 237
5.1. Umfang, Vergütung und zeitliche Organisation der Selbsthilfe
aus der Sicht der IBA ................................................................................. 238
5.2. Planung und Realisierung der Selbsthilfe – Ergebnisse der FragebogenErhebung .................................................................................................... 241
5.3. Unterstützungssysteme: Wer leistete die Selbsthilfe? ............................... 244
5.4. Innerfamiliale Arbeitsteilung während der Bauzeit ................................... 247
5.4.1. Berufstätigkeit der Baufamilien ...................................................... 248
5.4.2. Innerfamiliare Arbeitsteilung während der Bauzeit........................ 249
5.4.3. Kinderbetreuung.............................................................................. 252
5.4.4. Vor- und Nachteile der Arbeitsteilungen ........................................ 253
5.4.5. „Das war eine Baustelle für Männer“ – Zur Konstruktion von
Ausschlussmechanismen................................................................. 257
5.4.6. Schlussfolgerungen:
Die Stabilisierung traditioneller Arbeitsteilung? ............................ 258
6.
(Arbeits-)Belastung – Wie wird die Selbsthilfe reflektiert? .......................... 259
6.1. Allgemeine Einschätzung - War die Bauzeit stressig? .............................. 260
6.2. Wesentliche Stressfaktoren: Zeit und Dauer, Konflikte auf der Baustelle
und in der Familie ...................................................................................... 263
6.3. Körperliche Belastung und Folgen für die Gesundheit.............................. 269
6.4. Fazit: Bis an die Grenze der Belastbarkeit und darüber hinaus ................. 272
7.
Arbeiten und Wohnen in der Gemeinschaft ................................................... 273
7.1. Gemeinschaftlich bauen und arbeiten ........................................................ 273
7.1.1. „Gute Zusammenarbeit, aber keine feste Gemeinschaft“ –
Ergebnisse der Fragebogen-Erhebung ............................................ 274
7.1.2. Von „Wir haben Spaß gehabt dabei...“ zu „es war hinterher
nicht mehr zu ertragen“ – Interviewergebnisse............................... 277
7.2. Wohnen in der Gemeinschaft..................................................................... 284
7.2.1. Gemeinschaft im Zusammenleben: Gemeinschaftshäuser ............. 284
7.2.2. Nachbarschaftlicher Kontakt nach der Bauzeit in den Interviews.. 298
8.
Schluss-Reflexionen der Baufamilien .............................................................. 302
8.1. Wohnzufriedenheit ..................................................................................... 303
8.2. Reflexion der Baufamilien: „Würden Sie es noch einmal machen?“ ........ 311
8.2.1. Überwiegend positive Einschätzung in den Fragebögen ................ 311
8.2.2. „Interviews“ .................................................................................... 312
8.3. Was würden sie ändern?............................................................................. 319
VIII. Schlussbetrachtungen ..................................................................................... 323
Literatur..................................................................................................................... 333
X
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Haushaltstypen früheres Bundesgebiet 1972 (23 Mio. Haushalte) ................. 30
Abb. 2: Haushaltstypen Deutschland 2000 (38,1 Mio. Haushalte) .............................. 31
Abb. 3: Wohneigentumsquoten in Europa 2001 (in %) ............................................... 67
Abb. 4: Wohneigentumsquote nach Bundesländern 2002 (in %)................................. 69
Abb. 5: Gladbeck, Rosenhügel ................................................................................... 151
Abb. 6: Recklinghausen-Hochlar................................................................................ 153
Abb. 7: Luftaufnahme Herten ..................................................................................... 153
Abb. 8: Gelsenkirchen-Bismark: Straßenansicht........................................................ 154
Abb. 9: Gelsenkirchen-Bismark: Blick in die Hausreihe ........................................... 155
Abb. 10: Luftbild Bergkamen..................................................................................... 156
Abb. 11: Duisburg- Hagenshof: Blick auf die Gärten ................................................ 157
Abb. 12: Luftaufnahme Duisburg-Hagenshof ............................................................ 158
Abb. 13: Luftaufnahme Lünen-Brambauer ................................................................ 159
Abb. 14: Lünen-Brambauer: Innenhof........................................................................ 159
Abb. 15: Entscheidung für Hausbau (Angaben in %) ................................................ 186
Abb. 16: Gründe für den Hausbau (Angaben in %) ................................................... 187
Abb. 17: Warum haben Sie sich für ein Selbsthilfe-Projekt entschieden?................. 188
Abb. 18: „Wozu hat die Wohnungsbaugesellschaft in Gesprächen vor Beginn des
Hausbaus Ihrer Meinung nach beigetragen?“ (absolute Häufigkeiten)....... 202
Abb. 19: Arbeit auf der Baustelle – allgemeiner Ablauf (Angabe in Prozent)........... 204
Abb. 20: Arbeit auf der Baustelle – Anleitkräfte........................................................ 205
Abb. 21: Arbeit auf der Baustelle – Bauleitung/Architekten ..................................... 206
Abb. 22: Haben Sie sich bei der Gestaltung der Siedlung mehr Mitbestimmung
gewünscht? (Angaben in Prozent) ............................................................... 218
Abb. 23: Vorhandenes Eigenkapital der Baufamilien ................................................ 225
Abb. 24: Monatliche finanzielle Belastung der Baufamilien (Angaben in DM)........ 230
Abb. 25: Einschätzung der monatlichen Belastung durch den Hausbau .................... 231
Abb. 26: Wie viele Selbsthilfe-Stunden (Rohbau und Innenausbau) sollten Sie
laut Wohnungsgesellschaft leisten? ............................................................. 241
Abb. 27: Geplante und gearbeitete Selbsthilfestunden............................................... 242
Abb. 28: Begründungen für zusätzliche Selbsthilfestunden:
Wir haben mehr gearbeitet, (absolute Häufigkeiten)................................... 243
Abb. 29: Selbsthilfestunden der Helfer und Helferinnen (Anzahl der Nennungen) .. 246
Abb. 30: Selbsthilfeplanung der Helfer und Helferinnen (Angaben in %) ................ 246
Abb. 31: Arbeitsteilung während der Bauzeit: Mitarbeit auf der Baustelle ............... 249
Abb. 32: Arbeitsaufteilung während der Bauzeit: Allgemeine Aufgaben
(Angaben in %) ............................................................................................ 250
Abb. 33: Situation der Kinder während der Bauzeit................................................... 256
Abb. 34: Einschätzung der Bauzeit (Angaben in %) .................................................. 260
XI
Abb. 35: Die Situation während der Bauzeit (Angaben in Prozent)........................... 264
Abb. 36: Spannungen in der Partnerschaft während der Bauzeit (Angaben in %) .... 267
Abb. 37: Einschätzung der körperlichen Anstrengungen während der Bauzeit......... 270
Abb. 38: Zusammenarbeit auf der Baustelle während der Bauzeit ............................ 275
Abb. 39: Haben Sie meistens mit den gleichen Selbsthelfern zusammengearbeitet? 276
Abb. 40: Haben Sie unter den Selbsthelfern neue Bekanntschaften geschlossen? .... 277
Abb. 41: Wie finden Sie die Idee eines Gemeinschaftshauses? (Angaben in %) ...... 285
Abb. 42: Wie haben Sie den Bau des Gemeinschaftshauses erlebt?
(Anzahl der Nennungen in den Siedlungen mit Gemeinschaftshaus) ......... 286
Abb. 43: Wie wird das Gemeinschaftshaus genutzt? (Anzahl der Nennungen) ........ 287
Abb. 44: Lünen: Innenhof mit Gemeinschaftshaus .................................................... 290
Abb. 45: Bergkamen: Gemeinschaftsfläche und Blick auf „Gemeinschaftshaus“..... 292
Abb. 46: „Gemeinschaftshaus“ in Bergkamen ........................................................... 292
Abb. 47: Duisburg: Gemeinschaftshaus ..................................................................... 293
Abb. 48: Innenhof in Herten ....................................................................................... 294
Abb. 49: Wohnsituation der Kinder............................................................................ 305
Abb. 50: Einschätzung von Grundrisszuschnitt und Belichtung ................................ 306
Abb. 51: Einschätzung des Wohnumfeldes ................................................................ 307
Abb. 52: Einschätzung von Siedlung und Nachbarschaft .......................................... 309
Abb. 53: Lünen: Blick auf die Gärten mit Terrasse oder Wintergarten ..................... 310
Abb. 54: Gesamteinschätzung der Baufamilien: Würden Sie aus heutiger Sicht
betrachtet noch einmal bauen? (Angaben in %) .......................................... 311
Abb. 55: Aufgeben in der Bauzeit: Wenn Sie sich in die Bauzeit zurückversetzen,
haben Sie in dieser Zeit daran gedacht, aufzugeben? (Angaben in %) ....... 312
XII
Tabellenverzeichnis
Tab. 1: Die Entwicklung der Eigentumsquote im früheren Bundesgebiet ..................... 66
Tab. 2: Anteil privater Haushalte mit Wohneigentum nach Haushaltsgröße ................. 69
Tab. 3: Haushalte in Eigentümerwohnungen nach sozialrechtlicher Stellung des...........
Haushaltsvorstands in Prozent (alte Bundesrepublik).......................................... 73
Tab. 4: Übersicht: Legitimationen und kritische Betrachtung der ...................................
Wohneigentumsbildung ........................................................................................... 83
Tab. 5: Preise, Grundstücks- und Baukosten pro qm in deutschen Großregionen ........ 93
Tab. 6: Beispiel Finanzierungsplan und Annuitäten einer Eigenheimfinanzierung ...... 96
Tab. 7: Beispielrechnung der monatlichen Belastung..................................................... 106
Tab. 8: Übersicht: Einsparungspotenzial der Selbsthilfe ................................................ 132
Tab. 9: Die Projektreihe "Einfach und selber bauen" im Überblick ............................. 160
Tab. 10: Rücklauf Fragebögen ........................................................................................... 174
Tab. 11: Altersstruktur in Interviews, Fragebögen und Durchschnitt aller Projekte
(nach Angaben der IBA) ...................................................................................... 178
Tab. 12: Kinderanzahl zu Baubeginn: Interviews, Fragebögen und Durchschnitt
aller Projekte nach Angaben der IBA ................................................................ 179
Tab. 13: Alter der Kinder zu Baubeginn in den Interviews und der FragebogenErhebung .............................................................................................................. 180
Tab. 14: Interviews: Umfang Berufstätigkeit nach Geschlecht ..................................... 181
Tab. 15: Fragebogen: Umfang der Berufstätigkeit nach Geschlecht ............................ 182
Tab. 16: Kreuztabelle Berufstätigkeit Mann/Partner und Berufstätigkeit
Frau/Partnerin ........................................................................................................ 183
Tab. 17: Kreuztabelle Berufstätigkeit Frau und Kinderanzahl ...................................... 183
Tab. 18: Berufstätigkeit im Durchschnitt aller Projekte nach Angaben der IBA ........ 184
Tab. 19: Grundstückvergabe und Grundstückskosten nach Angaben der IBA ........... 222
Tab. 20: Beispiele für die Zusammensetzung der Gesamtkosten nach Angaben
der IBA ................................................................................................................... 223
Tab. 21: Eigenkapital der BewohnerInnen nach Angaben der IBA .............................. 227
Tab. 22: Finanzierungsstruktur der Eigenheime nach Angaben der IBA ..................... 227
Tab. 23: Selbsthilfeertrag nach Angaben der IBA........................................................... 228
Tab. 24: Beispiel Finanzierungskosten ............................................................................. 228
Tab. 25: Vergleich Miete vorher und gesamte aktuelle monatliche Belastung ........... 229
Tab. 26: Umfang und Vergütung der Selbsthilfeleistungen nach Angaben der IBA .. 243
Tab. 27: Helfer eingeplant – tatsächliche Helfer ............................................................. 245
Tab. 28: Verteilung der Berufstätigkeit in Interviews und Fragebogen-Erhebung ..... 248
Tab. 29: Vergleich Wohnraum vorher und aktuell .......................................................... 309
Tab. 30: Würden Sie es noch einmal machen? ................................................................ 313
XIII
Abkürzungsverzeichnis
BAGS
BBR
BMBau
BMFSFJ
EigZulG
GEWOS
IfS
IBA
ILS
IRS
LB
LBS
LEG
MBW
MFJFG
MSWKS
WOBauP
WoFG
Vhw
Behörde für Arbeit, Gesundheit und Soziales Hamburg
Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung
Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Eigenheimzulagengesetz
Gesellschaft für Wohnungsbau- und Siedlungswesen
Institut für Stadtforschung und Strukturpolitik
Internationale Bauausstellung
Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung des Landes Nordrhein-Westfalen
Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung
Landesinstitut für Bauwesen des Landes NRW
Landesbausparkasse
Landesentwicklungsgesellschaft Nordrhein-Westfalen
Ministerium für Bauen und Wohnen des Landes Nordrhein-Westfalen
(alt)
Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes
Nordrhein-Westfalen
Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport des Landes
Nordrhein-Westfalen
Wohnungsbauprogramm
Wohnraumförderungsgesetz
Deutsches Volksheimstättenwerk e. V.
XV
1.
Einleitung
Wohnen im Wandel – in den letzten Jahrzehnten haben sich aufgrund eines gesellschaftlichen Strukturwandels auch Wohnverhalten und Wohnbedürfnisse verändert. In
den wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Diskussionen zur Zukunft des
Wohnens werden insbesondere drei Tendenzen hervorgehoben: 1. Die demographischen Veränderungen, die mit den Stichworten Bevölkerungsrückgang, Alterung und
Internationalisierung der Gesellschaft charakterisiert werden können. Dies hat massive
Auswirkungen auf die Verteilung der Arbeit und die sozialstaatlichen Absicherungssysteme. 2. Die Ablösung der Familie als Normalform menschlichen Zusammenlebens in Richtung einer Pluralisierung von Lebensformen und Wohnbedürfnissen. 3.
Die Veränderungen der Arbeitswelt. Im Zuge einer Flexibilisierung von Arbeitszeiten
und –orten rücken Wohnen und Arbeiten wieder näher zusammen. Ebenso kann durch
die zunehmende Arbeitslosigkeit davon ausgegangen werden, dass dem Wohnen eine
stärke Bedeutung für die Gestaltung des Lebensalltags zukommt (Schader-Stiftung
2002).
Empirischer Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit ist die Anfang der 1990er Jahre
von der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park entwickelte Projektreihe
„Einfach und selber bauen“. Im Rahmen dieser Reihe wurden von 1994 bis 2000 sieben Siedlungen in organisierter Gruppenselbsthilfe in Nordrhein-Westfalen realisiert.
Das Ziel der Projektreihe bestand darin, jungen Familien mittlerer und unterer Einkommensschichten durch die Kombination von Selbsthilfe und kostengünstigem Bauen einen neuen Weg zum Wohneigentum zu ermöglichen. Im Mittelpunkt standen dabei nicht die klassischen „Eigenheimer“, sondern Schwellenhaushalte, die sich Wohneigentum ohne besondere Förderungen nicht leisten könnten. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde eine Kombination von verschiedenen Maßnahmen angewandt: Kostengünstiges und ressourcenschonendes Bauen, Bauen in der Gruppe und Selbsthilfe als
Eigenkapitalsersatz. Kern der Projektidee war der Einsatz von organisierter Gruppenselbsthilfe der Baufamilien, die durch Eigenleistung („Muskelhypothek“) das notwendige Eigenkapital ersetzen und zur Reduzierung der Finanzierungskosten beitragen
konnte.
Die Selbsthilfe-Siedlungen werden – von der IBA als Initiatorin – als ein innovatives
Konzept im Wohnungsbau bzw. der Wohnungsversorgung von Familien bezeichnet.
Die Projektreihe verfolgt das Ziel, soziale Ungleichheit beim Zugang zu Wohneigentum einerseits und der Vereinzelung von Familien beim Bau andererseits aufzufangen.
Die organisierte Gruppenselbsthilfe spielt dabei eine zentrale Rolle, denn sie stellt eine
besondere Form der Selbsthilfe dar, in der die Gruppe der Baufamilien unter Anleitung
1
gemeinsam alle Häuser erstellt. Die Selbsthilfe dient in diesem Zusammenhang neben
der Schaffung des (finanziellen) Zugangs auch der Herstellung gemeinschaftlicher Bezüge. Alle Projekte verfolgen einen starken Gemeinschafts- und Nachbarschaftsgedanken, der auch in gemeinschaftlichen Einrichtungen zum Ausdruck kommt.
Die vorliegende Arbeit verfolgt die Frage, wie die Projektstrategie – der erhebliche
Einsatz baulicher Selbsthilfe zur Wohneigentumsbildung und zur Entwicklung nachbarschaftlicher Netzwerke – aus der Perspektive der beteiligten Baufamilien nach Abschluss der Bauphase bilanziert wird. Dabei wird der Forschungsstand zu den zentralen Merkmalen der „Einfach und selber bauen“ – Projekte aufgearbeitet, indem drei
Zugänge gewählt werden: Das Individualisierungskonzept als Erklärungshorizont des
gesellschaftlichen Wandels, die Wohneigentumsbildung und die Selbsthilfe.
Die individualisierungstheoretischen Annahmen werden in Bezug auf die Ausgestaltung der Geschlechterverhältnisse, der Veränderungen der Lebensformen und der Bedeutung von gemeinschaftlichen Wohnformen analysiert. Die derzeitige Gesellschaft
befindet sich in einem grundlegenden Strukturwandel, der durch einen Prozess der
zunehmenden Herauslösung der Individuen aus traditionellen Bezügen und Einbindungen gekennzeichnet ist (Beck 1986). Diese Freisetzungsprozesse werden in der
wissenschaftlichen Diskussion unterschiedlich bewertet. Hervorgehoben wird, dass die
Freisetzung aus alten Traditionen auch neue Zwänge und Abhängigkeiten hervorgerufen hat und dass damit erhebliche Risiken und Brüche der individuellen Lebensführung verbunden sind. Diese Prozesse werden für die Geschlechter unterschiedlich beschrieben. Festzuhalten ist jedoch, dass die Freisetzungsprozesse für Frauen die Erweiterung von Lebensmöglichkeiten und Handlungsspielräumen (jenseits der Familienrolle) bedeuten und dies ebenfalls Konsequenzen für die Wohnweisen in der Gesellschaft
hat.
Im Hinblick auf Entwicklung der Lebens- und Wohnformen bedeutet diese ambivalente Freisetzung der Individuen ein Spannungsfeld zwischen einer als negativ bezeichneten Individualisierung (Herauslösung aus traditionellen Bindungen, Isolation, Anonymität, keine soziale Einbindung) und der Frage nach neuen Möglichkeiten einer soziale Einbindung (Re-Integration) auf der Ebene des Wohnens. Der durchaus kontrovers
diskutierten Annahme einer zunehmenden Vereinsamung und Isolierung von Individuen steht eine soziale Praxis gegenüber, die vielfältige neue Zusammenschlüsse im
Wohnen aufzeigt: Neue Wohnformen und Wohnprojekte, die Gemeinschaft im Zusammenwohnen praktizieren. Ein wesentliches Element dieser neuen Nachbarschaften
sind Mitbestimmungs- und Beteiligungsprozesse. Die stadtsoziologischen Forschungen zeigen eine wachsende Anzahl neuer Wohnprojekten auf, die diesem in der Sozio-
2
logie beschriebenen Trend der Vereinzelung entgegen zu wirken versuchen (Novy
1989, Brech 1999).
Auch die Prozesse der Wohneigentumsbildung unterliegen einem gesellschaftlichen
Wandel. Den Umgang einer Gesellschaft mit Risiken prägt die Höhe der Wohneigentumsquote in einem Land, so das Ergebnis einer neueren Untersuchung (Behring/Helbrecht 2002). Selbstgenutztes Wohneigentum kann vor einem individualisierungstheoretischen Hintergrund als Absicherung gesellschaftlicher Risiken verstanden
werden (Vermögensbildung, Altersversorgung). Entscheidendes Kennzeichen des Zugangs zu Wohneigentum ist die soziale Selektivität. Haushalte mit geringem und mittlerem Einkommen sind häufig von der Eigentumsbildung abgeschlossen, da ihnen das
notwendige Eigenkapital fehlt. Der Besitz von Wohnraum gilt in Deutschland als ein
gesellschaftlich akzeptiertes und erstrebenswertes Ziel. Gesellschaftlicher Erfolg wird
oftmals am Besitz von Wohnraum - am ehesten und pointiertesten in der Form eines
„freistehenden Einfamilienhauses“ - gemessen.
Das Streben nach dem eigenen Heim ausschließlich auf menschliche Grundbedürfnisse zurückzuführen, geht jedoch an den sozialhistorischen Bedingungen dieser Verhaltensdispositionen vorbei (Elias 1979). Zu fragen ist in diesem Zusammenhang, in welchem Maße individuelle Wünsche (nach einem eigenen Heim) gesellschaftlich hergestellte sind. Vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Strukturwandels kann sich die
Bedeutung von Wohneigentum jedoch auch wandeln. Folgt man neueren Theorien, so
verliert Eigentum im Zuge eines massiven Wertewandels und den Folgen der Globalisierung an Wert. Nicht mehr das materielle Eigentum, sondern der schnelle Zugang zu
Informationen und Netzwerken wird zum zentralen Wert (Rifkin 2002). Interessant ist
in diesem Zusammenhang die Frage, welche sozialen Gruppen weiterhin an der Eigentumsbildung festhalten.
Als ein traditioneller Weg, Wohneigentum zu bilden, gilt die Selbsthilfe. Bauliche
Selbsthilfe ist historisch eng mit den genossenschaftlichen Zielen (Selbstbestimmung
und Selbstverwaltung) verknüpft. Die Mitarbeit am eigenen Hausbau gilt auch heute
noch gerade in ländlichen Regionen als selbstverständlich. Die Selbsthilfe im Wohnungsbau verbindet beide vorgestellten Argumentationsstränge, die Frage nach gemeinschaftlichem Wohnen als soziale Einbindung und die Eigentumsbildung. So stellt
die Mitarbeit auf der Baustelle wohl die direkteste Form von Mitbestimmungs- und
Beteiligungsprozessen dar, die als grundlegend für die Entwicklung funktionierender
Nachbarschaften gesehen werden (Siebel 1999). Die Selbsthilfe bietet die Möglichkeit,
das notwendige Eigenkapital durch Eigenarbeit zu ersetzen und damit Schwellenhaushalten den Zugang zu Eigentum zu ermöglichen.
3
Diese Arbeit zeigt auf, welche Entwicklungen in der Forschung zur Bedeutung gemeinschaftlicher Wohnformen vorhanden sind und verknüpft diese mit den Ergebnissen der Studien zu Wohneigentum und Selbsthilfe. Es besteht ein Defizit an Wissen
über die Prozesse, Rahmenbedingungen und Erfahrungen von gemeinschaftlichen
Wohnformen, der Bildung von Wohneigentum und der Selbsthilfe in ihrer Doppelfunktion als Weg zur Eigentumsbildung und der Schaffung von Gemeinschaft. Es gilt,
dieses Defizit aus einer soziologischen Perspektive zu erforschen und auf der Grundlage von empirischen Daten zu einer Erweiterung des Wissens beizutragen.
Die Arbeit ist wie folgt aufgebaut: In Kapitel I wird der theoretische Hintergrund skizziert. Dabei werden die individualisierungstheoretischen Annahmen vor dem Hintergrund der Forschungsliteratur kritisch diskutiert und in ihrer Bedeutung für die Ausgestaltung der Geschlechterverhältnisse, der Veränderungen der Lebensformen und
des Wohnens als Re-Integrationsebene beleuchtet. Die theoretischen Konzepte werden
auf der Grundlage der vorliegenden empirischen Forschungsliteratur im Hinblick auf
ihre Gültigkeit überprüft (Kapitel I.2.2, I.2.3 und I.3).
In Kapitel II wird der Forschungsstand sozialwissenschaftlicher Untersuchungen zu
selbstgenutztem Wohneigentum dargestellt. Die Ergebnisse lassen auf ein Beharrungsvermögen der „Eigentumsnorm“ schließen. Aus diesem Grund lässt sich die Frage nach der Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach Eigentum und der Realität der
Eigentumsverteilung in der Bundesrepublik nicht einfach beantworten. Es muss vielmehr differenziert gefragt werden, welche wohnungspolitischen Rahmenbedingungen
und Förderinstrumente die Wohneigentumsbildung in den letzten Jahrzehnten begleitet
haben (Kapitel II.3) und welche Leitbilder und Legitimationen hinter dem Wunsch
nach Eigentum stehen (Kapitel II.4).
In Kapitel III wird die Entwicklung des Konzepts „Selbsthilfe“ skizziert, der aktuelle
Forschungsstand zur baulichen Selbsthilfe aufgearbeitet und mit Bezug auf das Fallbeispiel dargestellt.
Als Überleitung zu dem empirischen Teil der Arbeit dokumentiert das Kapitel IV das
Konzept der IBA-Projektreihe „Einfach und selber bauen“ sowie die Auswertung der
vorhandenen Erhebungen zu den Selbsthilfesiedlungen der IBA. Daran anschließend
erfolgt in Kapitel V die Präzisierung der Forschungsfragestellungen.
Das methodische Vorgehen der Untersuchung wird in Kapitel VI. erläutert. Die Auswertung des empirischen Materials (Interviews und Fragebögen) erfolgt auf der
Grundlage eines themengeleiteten Kategoriensystems. Entlang der empirischen Ergebnisse wird nach den Erfahrungen der Familien gefragt, die an den Selbsthilfeprojekten
teilgenommen haben (Kapitel VII.). So wird auf der Basis der empirischen Untersuchung den Fragen nachgegangen, vor welchem Hintergrund sich Familien zu dem
4
Schritt der Eigentumsbildung durch Selbsthilfe entscheiden. Welche Rolle spielt dabei
der Gemeinschaftsaspekt (gemeinsam Bauen und Wohnen, Gemeinschaftseinrichtungen). Wie gestaltet sich dieses Projekt in der konkreten organisatorischen Umsetzung?
Weiter wird nach den Gestaltungsmöglichkeiten der Familien und den finanziellen und
organisatorischen Voraussetzungen gefragt. Die hier vorgestellten Erfahrungen der
Baufamilien und die in ihnen deutlich werdenden Handlungsmuster und Strategien
repräsentieren eine bestimmte Form der Aneignung und individuellen Verarbeitung
des Bauprozesses.
Die Arbeit schließt mit einem Resümee der Ergebnisse der empirischen Analysen im
Hinblick auf die in den theoretischen Ausführungen im ersten Teil der Arbeit aufgeworfenen Fragen. Auf dieser Basis werden Schlussfolgerungen für die Praxis von
Wohnungspolitik und Selbsthilfe entwickelt.
5
I.
Wohnwandel - im Spannungsfeld von Individualisierung,
Vergemeinschaftung und Geschlechterverhältnis
In den letzten Jahrzehnten hat sich ein tief greifender gesellschaftlicher Wandel in den
westlichen industrialisierten Gesellschaften vollzogen. Dieser Strukturwandel berührt
alle wesentlichen Bereiche moderner Gesellschaften: demographische Entwicklung,
Flexibilisierung der Arbeitswelt, Formen des Zusammenlebens sowie politische und
wirtschaftliche Entwicklungen im Kontext von Globalisierung. Insbesondere die demographische Entwicklung sowie die Pluralisierung von Lebensformen, verbunden
mit der abnehmenden Bedeutung der Familie als "Normalform" menschlichen Zusammenlebens, und die Tendenz einer fortschreitenden „Singularisierung“ – Entwicklungen, die in einem engen Zusammenhang mit weitreichenden Veränderungen im
Geschlechterverhältnis stehen - sind für das Wohnen von Bedeutung.
Wohnen wird im Kontext meiner Arbeit als ein gesellschaftliches und soziales Phänomen betrachtet, das historisch veränderbar ist und sich in Abhängigkeit von der sozialen und gesellschaftlichen Situation gestaltet und entwickelt. Die rein funktionale
Ausrichtung des modernen Wohnens, wie sie Häußermann und Siebel (1996) im Idealtypus des „modernen Wohnen“ nachzeichnen, verliert mehr und mehr an Bedeutung.
Flexibilität, um die Wohnverhältnisse an die sich schnell ändernden Lebensverhältnisse anzupassen, steht im Mittelpunkt neuer Wohnbedürfnisse, ebenso der Wunsch nach
der Einbindung in eine Gemeinschaft bzw. eine gemeinschaftliche Orientierung des
Wohnens. Selbst- und fremdinitiierte Wohnprojekte nehmen in den letzten Jahren kontinuierlich zu (Brech 1999). Das Bedürfnis nach einer stabilen, vertrauten und verlässlichen Nachbarschaft ist eine starke Motivation für das Entstehen von sozial orientierten Wohnprojekten.
Der Wunsch nach Gemeinschaft und die Betonung einer funktionierenden, stabilen
Nachbarschaft sind vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Veränderungen nicht
selbstverständlich. Weshalb entsteht diese Orientierung und erfolgen diese Zusammenschlüsse? Wie lassen sie sich konzeptionell erfassen und einordnen? Um dies zu
verstehen, ist es notwendig, die Analysen der modernen Gesellschaft zu betrachten.
"Gesellschaftsdiagnosen", die den sozialstrukturellen Wandel der Gesellschaft konzeptionell zu fassen versuchen und die diese z. B. als Erlebnis-, Wissens-, Kommunikations-, Informations- oder Risikogesellschaft und individualisierte Gesellschaft begrifflich charakterisieren, gab es in den letzten Jahren viele. Die Vielfalt der Labels zeigt
die Schwierigkeit, gesellschaftliche Veränderungen in ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit auf einen Begriff zu bringen. Das Theorem der Individualisierung, Anfang der 1980er Jahre von Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim formuliert, war
eines der ersten Konzepte, mit dem versucht wurde, den sich dynamisierenden gesell7
schaftlichen Wandel westlicher Industriegesellschaften begrifflich und theoretisch zu
fassen. In gesellschaftstheoretischen Debatten wurde und wird die Individualisierungsthese vielfältig rezipiert, kritisiert und empirisch untersucht und erlangte als ein gesellschaftliches Deutungsmuster eine breite Resonanz. Man kann daher von einer Etablierung des zeitdiagnostischen Leitbegriffs der „individualisierten Gesellschaft“ sprechen
(Schroer 2001, Ebers 1995). Im Folgenden wird daher das Konzept der Individualisierung als Erklärungshorizont der gesellschaftlichen Veränderungen herangezogen und
im Hinblick auf den Wandel in den Geschlechterverhältnissen, der Wohn- und Lebensformen und der Entstehung gemeinschaftsorientierter Wohnprojekte untersucht.
1.
Das Individualisierungskonzept
„Individualisierung“ ist ein vieldeutiger Begriff, der in der Soziologie an der Schnittstelle unterschiedlicher Denktraditionen angesiedelt ist. Übereinstimmung hinsichtlich
des inhaltlichen Verständnisses von „Individualisierung“ besteht am ehesten darin,
dass damit die Erlangung von Autonomie über die Art der Lebensgestaltung gemeint
ist (Neckel 1993: 70). Auf einer allgemeinen Ebene thematisiert Individualisierung
damit den Prozess der zunehmenden Abnahme einer gesellschaftlichen Steuerung zugunsten einer Zunahme individueller Selbststeuerung.
Mit dem Begriff der „Individualisierung“ greift Ulrich Beck eine Problemstellung auf,
die die Soziologie seit ihren Anfängen beschäftigt hat. In der soziologischen Klassik
wird Individualisierung auf Prozesse der gesellschaftlichen Differenzierung zurückgeführt. Die Klassiker (z. B. Simmel, Tönnies, Dürkheim oder Weber) verknüpfen mit
der Individualisierung immer auch die Frage nach den Folgen für die gesellschaftliche
Integration. Die Frage nach Auflösung oder Weiterbestehen gemeinschaftlicher Bezüge und traditioneller Lebenszusammenhänge war somit Gegenstand der sich bildenden
soziologischen Wissenschaft. Die soziologischen Klassiker beschreiben sozialstrukturelle Veränderungen im Übergang von der traditionalen zur modernen Gesellschaft,
die derzeit aktuellen Analysen beleuchten diese Entwicklung innerhalb der Moderne.
In diesem Zusammenhang sind zwei Phasen der „Individualisierung“ zu unterscheiden: Erstens die Phase eines primären Individualisierungsschubs, der in der soziologischen Klassik als eine Unterscheidung zwischen vormodernen und modernen Gesellschaften im Sinne einer prinzipiellen Freisetzung der Menschen aus vormodernen Bindungen und Zwängen erfasst wird; die zweite Phase wird in der aktuellen soziologischen Diskussion als eine Phase sekundärer Individualisierungsschübe innerhalb der
Moderne thematisiert (Ebers 1995: 26).
Im Rahmen modernisierungstheoretischer Annahmen über die Entwicklung der westlichen Gesellschaften wird insbesondere von Ulrich Beck (1983, 1986) und Elisabeth
Beck-Gernsheim (1994) ein neuer Vergesellschaftungsmodus dargestellt, bei dem die
8
einzelnen Gesellschaftsmitglieder weiter aus traditionalen, kollektiven Bindungen herausgelöst und zu den kleinsten sozialen Einheiten der Vergesellschaftung gemacht
werden.
In den aktuellen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen wird der Prozess der Individualisierung sehr unterschiedlich gesehen und gewertet. Markus Schroer (2001) identifiziert in seiner umfassenden Analyse klassischer und aktueller Individualisierungstheoretiker drei zu unterscheidende Hauptstränge in der Diskussion um Individualisierung. Er spricht von einer „negativen Individualisierung“ wenn die Zerstörung
der gemeinschaftsbildenden Bezüge im Vordergrund der Gesellschaftsanalyse steht.
Die gesellschaftlichen Veränderungen werden hier zugespitzt charakterisiert als Anomie, Desintegration oder Isolierung. Es wird jedoch ebenfalls die Gefahr von Disziplinierungs- und Standardisierungsprozessen für das Individuum gesehen (Weber, Adorno, Foucault). Die Position der „positiven Individualisierung“ betont demgegenüber
die Chancen und Potenziale des Individualisierungsprozesses im Sinne einer Steigerung der individuellen Autonomie (Durkheim, Parsons, Luhmann). Neben Georg
Simmel und Norbert Elias wird Ulrich Beck schließlich als ein Vertreter der „ambivalenten Individualisierung“ bezeichnet, der beide Pole der Diskussion, die Chancen und
Risiken der Individualisierung in den Blick nimmt (Schroer 2001). Diese Argumentationslinie stellt Individualisierung als einen in sich ambivalenten und widersprüchlichen Prozess dar, in dem nicht nur die Folgen der Individualisierung ambivalent sind,
sondern auch der Individualisierungsprozess selber.
„Freilich kann Individualisierung sowohl Gefährdungen des Individuums mit sich
bringen – etwa durch Disziplinierungs-, Uniformierungs- und Standardisierungsprozesse – als auch zur Gefährdung des sozialen Zusammenhalts – etwa durch Atomisierungsprozesse, Solidaritätsschwund und Orientierungslosigkeit – führen.“ (Schroer
2001: 12)
Unabhängig von der positiven, negativen oder ambivalenten Deutung der Folgen der
Individualisierung bedeutet der Individualisierungsprozess auch, dass ein Vergesellschaftungsmodus durch einen anderen ersetzt wird. Damit bedeutet Individualisierung
in erster Linie nicht eine Auflösung, sondern eine Veränderung der Sozialstruktur (Ebers 1995: 27). In diesem Sinne wird in den gesellschaftstheoretischen und empirischen Analysen der modernen Gegenwartsgesellschaft herausgestellt, dass die Moderne nicht einfach durch eine Zerstörung aller gemeinschaftlichen Bindungen und traditioneller Lebenszusammenhänge gekennzeichnet ist, sondern dass sich in ihr auch
neue Gemeinschaftsbezüge in Form „posttraditionaler Gemeinschaften“ (Neckel 1993:
79) herausgebildet haben.
9
Im weiteren Verlauf dieses Kapitels werden die Grundannahmen des von Beck und
Beck-Gernsheim vertretenden Individualisierungstheorems skizziert. Dabei liegt ein
Schwerpunkt auf dem Bereich der alltagspraktischen Lebensführung, der hier als Individualisierung der Lebenslagen und Lebenswege thematisiert wird. Ein zweiter
Schwerpunkt der theoretischen Darstellung und Erörterung liegt auf der möglichen
Entstehung neuer Gemeinschaftsbezüge im Sinne der Re-Integration. Beide Themenbereiche sind im Hinblick auf meinen empirischen Forschungsgegenstand – Wohneigentumsbildung durch Selbsthilfe und gemeinschaftliches Wohnen von Familien – von
besonderer Bedeutung.
1.1. Grundannahmen des Individualisierungstheorems
Die Thesen von Ulrich Beck zur Risikogesellschaft und insbesondere zur Individualisierung der Lebenslagen und Lebenswege haben eine breite Rezeption nicht nur in der
Wissenschaft gefunden. In der Analyse gesellschaftlicher Wandlungsprozesse ist das
Individualisierungskonzept zu einem zentralen Begriff geworden. Beck entwickelt sein
Individualisierungstheorem im Kontext der Diskussion um soziale Ungleichheit. Er
benutzt den Begriff der Individualisierung, um einen neuen Vergesellschaftungsmodus, einen Wandel im Verhältnis von Individuum und Gesellschaft zu beschreiben. Es
geht ihm dabei insbesondere um die Analyse der sozialstrukturellen Bedingungen der
Entfaltung von Individualisierung in einer spezifischen gesellschaftlichen Situation.
Beck versteht Individualisierung als eine „historisch-soziologische“ und eine „gesellschaftsgeschichtliche“ Kategorie, die beschreibt, „was mit den Menschen geschieht“
(Beck 1991: 40). Individualisierung erfasst damit auch die Veränderung von Lebenslagen und Biographiemustern.
Kennzeichnend für die gesellschaftliche Entwicklung nach Beck ist der Übergang von
der klassischen Industriegesellschaft zu einer industriellen Risikogesellschaft.1 In seiner theoretischen Leitidee der reflexiven Modernisierung verfolgt Beck zwei Argumentationslinien: Erstens den Übergang von einer traditionalen Logik der Reichtumsverteilung zu einer sich abzeichnenden Logik der Risikogesellschaft und zweitens den
Prozess der Individualisierung der Lebenslagen und Lebenswege der Menschen sowie
der Institutionen der klassischen Industriegesellschaft (Ebers 1995: 270). Für die Fragestellung dieser Arbeit ist insbesondere der zweite Argumentationsstrang von Bedeutung und auf diesem wird im weiteren Verlauf der Schwerpunkt der Darstellung liegen.
1
10
Beck bezieht sich in der Darstellung der historischen Entwicklung auf ein idealtypisch gezeichnetes Gegenbild von „traditioneller Industriegesellschaft“. Diesen Wandel diagnostiziert Beck als einen epochalen Bruch
mit tief greifenden Folgen für die Lebensführung und Alltagsbewältigung der Individuen (vgl. hierzu kritisch
Friedrichs 1998).
Im Prozess der reflexiven Modernisierung erfolgt eine vielfältige Ausdifferenzierung
der industriegesellschaftlichen Schlüsselbegriffe. Gleichzeitig lösen sich die lebensweltlichen Erfahrungszusammenhänge auf und die Menschen werden aus den Lebensformen und tradierten Selbstverständlichkeiten freigesetzt: „... gesellschaftliche, biographische und kulturelle Risiken und Unsicherheiten, die in der fortgeschrittenen
Moderne das soziale Binnengefüge der Industriegesellschaft – soziale Klassen, Familienformen, Geschlechtslagen, Ehe, Elternschaft, Beruf – und die in sie eingelassenen
Basisselbstverständlichkeiten der Lebensführung ausgedünnt und umgeschmolzen haben.“ (Beck 1986: 115).
Es werden hier drei Freisetzungs- und Unsicherheitsebenen benannt: soziale Klasse,
Familie und das Geschlechterverhältnis. Der Individualisierungsprozess ist für Beck in
sich widersprüchlich, da mit der Freisetzung gleichzeitig die Entstehung neuer Abhängigkeiten verbunden ist. Diese entstehen im Kontext einer Vereinheitlichung und
Standardisierung von Existenzformen und sind verbunden mit neuartigen politischen
Kontroll- und Einflusschancen. Individuallagen werden insbesondere abhängig von
Wirtschafts- und Arbeitsmarktkonjunkturen, da Beck den Arbeitsmarkt als Schlüssel
zur Lebenssicherung sieht (Beck 1986: 214). Andererseits wandeln sich die biographischen Optionen in Richtung einer Pluralisierung der Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten: Die Normalbiographie wird zu einer „Wahl- und Bastelbiographie“ (Beck
1986: 217); „die ‚Selbstverwirklichung’ wird zu einem kulturell vorgegebenen
Zwang.“ (Beck-Gernsheim 1990: 75)
In den aktuellen Individualisierungsprozessen sieht Beck einen neuen Modus der Vergesellschaftung. Um diesen präziser zu erfassen, skizziert er ein Individualisierungsmodell, in dem sich die Individualisierung in drei Dimensionen entfaltet:
„Herauslösung aus historisch vorgegebenen Sozialformen und -bindungen im Sinne traditionaler Herrschafts- und Versorgungszusammenhänge (‚Freisetzungsdimension’), Verlust von traditionalen Sicherheiten im Hinblick auf Handlungswissen, Glauben und leitende Normen (‚Entzauberungsdimension’) und – womit die
Bedeutung des Begriffes gleichsam in ihr Gegenteil verkehrt wird – eine neue Art
der sozialen Einbindung (‚Kontroll- und Reintegrationsdimension’).“ (Beck 1986:
206)
Herauslösung, Stabilitätsverlust und soziale (Wieder)Einbindung stellen demnach die
drei Momente von Individualisierung dar. Dieses analytische Modell wird von Beck
weiter ausdifferenziert, indem er zwischen der objektiven Lebenslage und dem subjektiven Bewusstsein (Identität) unterscheidet. Mit dem letzteren ist die Frage nach dem
subjektiven Umgang der Menschen in Verhalten und Bewusstsein mit den sich wandelnden objektiven Lebenslagen und -bedingungen gemeint (Beck 1986: 207).
11
Beck identifiziert drei Kristallisationspunkte für die Freisetzungen in der Gegenwartsgesellschaft: Zum ersten ist dies die Freisetzung aus sozialen und kulturellen Klassenbindungen im Reproduktionsbereich bei Beibehaltung wesentlicher sozialer Ungleichheiten. Diese Wandlungen sind für Beck beschreibbar anhand der Veränderungen von
Familienstrukturen, Wohnverhältnissen, räumlichen Verteilungen und Nachbarschaftsbeziehungen. Der zweite Punkt betrifft die Individualisierung der Frauen, also
Freisetzung aus der Eheversorgung. Die dritte Freisetzungsdimension bezieht sich auf
den Produktionsbereich: die Flexibilisierung der Erwerbsarbeitszeit, verbunden mit
einer Dezentralisierung des Arbeitsortes (Beck 1986: 208f.).
1.2. Die Individualisierung von Lebenslagen und Lebenswegen:
Freisetzung aus Geschlechtslagen und Familie
Lange gewachsene und tradierte Strukturen, die individuelle Lebensgestaltungsmöglichkeiten oft begrenzt und eingeschränkt haben, lösen sich nach Beck auf zugunsten
flexibler, relativ rasch veränderbarer und nicht an vorgegebenen traditionellen Normen
orientierter Lebenszusammenhänge. An die Stelle der Stände, Schichten und Klassen
treten „individualisierte Existenzformen und Existenzlagen, die die Menschen dazu
zwingen, sich selbst – um des eigenen materiellen Überlebens willens – zum Zentrum
ihrer eigenen Lebensplanungen und Lebensführungen zu machen“ (Beck 1986: 116).
Doch für das Individuum ist die soziale Klasse nicht der einzige soziale Zusammenhang, der sich auflöst. Neben der Durchsetzung von Individualisierungsprozessen am
Arbeitsmarkt und in den Strukturen sozialer Ungleichheit werden die Individualisierungsprozesse auch in anderen Grundelementen der klassischen Industriegesellschaft
deutlich: in der Kleinfamilie und im Geschlechterverhältnis.
Die geschlechtsspezifische Rollenverteilung – Karin Hausen (1976) nennt sie die „polarisierten Geschlechtscharaktere“ – ist für Beck die Basis der Industriegesellschaft.
Dies setzt sich in dem Modell der bürgerlichen Kleinfamilie fort: „Ohne Kleinfamilie
keine Industriegesellschaft in ihrer Schematik von Arbeit und Leben“ (Beck 1986:
174). Die Zuordnung von Mann zu Öffentlichkeit und Produktion sowie der Frau zu
Privatheit und Reproduktion ist ein zentrales Ordnungsprinzip der bürgerlichen Gesellschaft. Die daraus resultierende ungleiche Lage der Geschlechter steht nach Beck
im Widerspruch zu den universalistischen Prinzipen der Moderne. Diese geschlechtsspezifische Arbeits- und Rollenverteilung wird durch die steigende weibliche Erwerbstätigkeit, höhere Bildung und Qualifikation der Frauen und einen allgemeinen Bewusstseinswandel in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zunehmend in Frage
gestellt.
Die Familienstruktur beginnt sich aufzulösen, weil die bisher vom Individualisierungsprozess ausgeschlossenen Frauen ebenfalls von ihm erfasst werden. Der vorher
12
nur für den Mann reservierte Individualisierungsprozess weitet sich nun auch auf die
Lebenslagen von Frauen aus. Erst in der zweiten Individualisierungsphase werden somit auch die Frauen teilweise aus den traditionellen Weiblichkeitszuweisungen und
der Ehe- und Hausarbeitsversorgung freigesetzt. Auch der weibliche Lebenslauf individualisiert sich. Möglichkeiten und Zwänge einer „selbstentworfenen Biographie“
(Beck-Gernsheim 1986: 223) wirken nun für beide Geschlechter.2 Innerhalb der Familien kann dadurch eine angespannte Situation entstehen, denn damit gemeinsames Leben in der Familie stattfinden kann, müssen zwei individualisierte Biographien samt
den damit verbundenen Erwartungen, Anforderungen und Zwängen miteinander vereinbart werden; „es entsteht der Typus der Verhandlungsfamilie auf Zeit“ (Beck 1986:
118). Die Individualisierung verlängert sich so nach Beck also bis in die Familie hinein. Damit beginnen sich auch die Formen des Zusammenlebens zu verändern. Die
Priorität von Familienorientierung vor der Individualbiographie kehrt sich um und es
entsteht eine Ausdifferenzierung und Pluralisierung von Lebensformen (Beck 1986:
189, 195). Dieser Freisetzungsprozess aus der traditionellen Familie ist verbunden mit
einem Verlust an Sicherheit und Geborgenheit.
Der „Individualisierungsschub“ in den weiblichen Normalbiographien eröffnet neue
Handlungsräume, neue Entscheidungsmöglichkeiten und neue Lebenschancen für
Frauen. Gleichzeitig ergibt dies aber auch neue Unsicherheiten, Konflikte und Zwänge. Elisabeth Beck-Gernsheim machte bereits 1983 darauf aufmerksam, dass der Individualisierungsprozess für Frauen unvollständig bleibt. Sie sind einerseits nicht mehr
so selbstverständlich wie früher über das Familiendasein und den Mann als Ernährer
definiert, aber sie sind andererseits noch immer weit mehr als die Männer für Familienaufgaben zuständig und weit weniger über eine eigenständige Arbeitsmarkt- und
Berufsexistenz abgesichert. „Dieses ‚Nichtmehr’ und ‚Noch-nicht’ erzeugt zahlreiche
Widersprüche im weiblichen Lebenszusammenhang.“ (Beck-Gernsheim 1983: 309)
Für beide Geschlechter gilt jedoch die mit der Individualisierung verbundene Eigenverantwortlichkeit der Individuen und der Zwang, Entscheidungen zu treffen. Jeder
und jede muss sich aus den vorgegebenen „Bausätzen biographischer Kombinationsmöglichkeiten“ (Beck 1986: 217) seine/ihre individuelle Biographie basteln. Beck bezieht sich dabei auf die notwendige Eigenleistung der Individuen bei der Gestaltung
ihres Lebenslaufs. Den Zwang zu Entscheidungen und die Folgen von NichtEntscheidungen muss das Individuum selbst tragen. Das macht, so Schroer, die Ambivalenz der Individualisierung aus. Obwohl dem Einzelnen permanent Entscheidungen
abverlangt werden, können ihm die Ressourcen und Kompetenzen fehlen, diese Ent2
Zur Kritik an der These der „nachgeholten Individualisierung“ von Frauen vgl. Knapp 2001: 26; zum Verhältnis Individualisierungsthese und Frauen- und Geschlechterforschung vgl. Oechsle/Geissler 2004.
13
scheidungen tatsächlich zu treffen (Schroer 2001: 412). Unabhängig davon aber werden dem Individuum alle Ereignisse des individuellen Schicksals als Folgen individueller Entscheidungen zugerechnet. Monika Wohlrab-Sahr spricht daher im Kontext der
Individualisierung von einem veränderten gesellschaftlichen Zurechnungsmodus in
Richtung Selbstverantwortung und Selbststeuerung. „Es geht also bei Individualisierung nicht allein um Varianz und individuelle Verschiedenheit als solche, sondern
auch um die Frage, wie diese Varianz erklärt und zugerechnet wird.“ (Wohlrab-Sahr
1997: 27) Eine Kehrseite der Freisetzungsprozesse mit der Zunahme individueller
Wahlfreiheit ist der individuelle Sicherheitsverlust eines Menschen.
Wie sieht nun vor diesem Hintergrund der Wandel im Geschlechterverhältnis aus? Elisabeth Beck-Gernsheim und Ulrich Beck (1990: 23f.) kommen zu einer widersprüchlichen Einschätzung der gegenwärtigen Lage von Männern und von Frauen. Einerseits
haben sich in den Bereichen Sexualität, Bildung und Recht weitreichende Veränderungen vollzogen, denen jedoch andererseits eine Konstanz im Verhalten der Männer
und in den sozialen Lagen von Frauen und Männern (vor allem auf dem Arbeitsmarkt
und im Bereich der sozialen Sicherung) gegenüber steht. Ein ähnlich widersprüchliches Bild zeigt sich innerhalb der Familie und im Privatleben.
„Die Freisetzung aus den ‚ständischen’ Rollenzuweisungen der Geschlechter betrifft nie nur eine Seite – die Frau. Sie kann nur so weit erfolgen, wie auch die
Männer (Hervorhebung im Original, A. S.) ihr Selbstverständnis und ihr Verhalten
ändern. Dies wird nicht nur an den neu errichteten Sperren zum Beschäftigungssystem deutlich, sondern auch entlang der anderen Achse traditionaler ‚Frauenarbeit’:
Alltagsarbeit, Kinderarbeit, Familienarbeit.“ (Beck 1986: 169)
Der Vorgang einer Neuaushandlung von Arbeitsformen und Arbeitszuweisungen wird
nicht nur auf dem Arbeitsmarkt, sondern auch zwischen den Geschlechtern ausgehandelt und betrifft insbesondere den Bereich der weiblich-familialen Versorgungsarbeit
(Beer 1992) und die Gestaltung von Paarbeziehungen.
In einer Studie zu Geschlechtsnormen in Paarbeziehungen gehen Koppetsch und Maier3 von der Grundannahme aus, dass die privaten Beziehungen zwischen den Geschlechtern, in größerem Ausmaß als in der Individualisierungstheorie von Beck und
Beck-Gernsheim angenommen, durch Geschlechtsnormen reguliert werden. Geschlechtsnormen verstehen sie als eine latente Struktur der Beziehungsregulierung. Die
moderne individualisierte Partnerschaft wird ihrem Anspruch nach auf persönlicher
Beziehung und nicht auf Geschlechtsrollen begründet. Die Gestaltung der Partnerschaft, die Bewältigung der häuslichen Pflichten und die Betreuung von Kindern wer-
3
14
In dem DFG-Projekt „Geschlechtsnormen in Paarbeziehungen im Milieuvergleich“ wurden 27 Paare aus dem
individualisierten, dem familistischen und dem traditionalen Milieu interviewt (vgl. Koppetsch/Burkart 1999,
Koppetsch/Maier 1998).
den Gegenstand individueller Aushandlungen. Damit sinkt die Bereitschaft das eigene
Verhalten als Resultat geschlechtsspezifischer Praxis und Zuschreibungsprozessen
wahrzunehmen: „Diese (Geschlechtsnormen, A. S.) werden in dem Maße, in dem
Frauen wie Männer ihre Lebenslagen als Resultat ihrer individuellen Entscheidungen
begreifen, aus dem alltäglichen Interpretationsvorrat verbannt, d. h. sie werden zunehmend unsichtbarer.“ (Koppetsch/Maier 1998: 145)
Die Befreiung aus „geschlechtsständischen Zuschreibungen“ sollte nach Ansicht dieser Autorinnen eher als eine Leitvorstellung (Ideal) begriffen werden, nicht als ein realer Prozess der Gleichberechtigung. Die Individualisierung konstituiert zwar einerseits
einen Zwang zur individuellen Gestaltung der Paarbeziehung und der weiblichen Biographie, die weitgehend ohne Einschränkungen durch traditionelle Geschlechtervorgaben erfolgen kann. Die Wirkungsweisen von Geschlechtsnormen werden jedoch auf
der Ebene des Faktischen, der partnerschaftlichen Praxis, nicht außer Kraft gesetzt
(Koppetsch/Maier 1998: 145).
Diese Einschätzung von Koppetsch/Maier steht meines Erachtens im Widerspruch zu
der Darstellung von Beck und Beck-Gernsheim. Zwar ist in ihrer Analyse die Bestimmung der Geschlechtsrollen als konstitutives Strukturmerkmal der Industriegesellschaft positiv hervorzuheben, doch weist die Individualisierungsthese m. E. deutliche
Defizite hinsichtlich des Verständnisses der Geschlechterverhältnisse auf. Koppetsch/Maier arbeiten erstens die mangelnde Berücksichtigung milieuspezifischer Differenzen in den Geschlechterbeziehungen und zweitens die Konstanz weiterhin bestehender – latenter – Normen in Paarbeziehungen und deren individuelle Zurechnung
als Kritikpunkte individualisierungstheoretischer Annahmen heraus. Es handelt sich
bei den beschriebenen Individualisierungstendenzen in den Geschlechterbeziehungen
nach Ansicht der beiden Autorinnen demnach um einen Wandel in der Leitvorstellung
in Richtung einer gleichberechtigten individualisierten Partnerschaft, die nicht gleichzusetzen ist mit einem faktischen Wandel in den Geschlechterbeziehungen. Sie kommen in ihrer Analyse der Widersprüche zwischen normativen Ansprüchen und der Alltagspraxis in Partnerschaften in unterschiedlichen Milieus zu dem Ergebnis, dass „nur
im individualisierten Milieu der Anspruch auf eine gleichberechtigte Partnerschaft auf
der Basis einer von Geschlechtsrollen ‚freigesetzten’ Subjektivität erhoben wird, während im traditionalen und im familistischen Milieu herkömmliche Geschlechtsrollenarrangements nach wie vor als selbstverständlich gelten.“ (Koppetsch/Maier 1998: 152)
Das heißt, dass in allen drei von Koppetsch/Maier herausgearbeiteten Milieus die konkrete Alltagspraxis komplex und widersprüchlich ist (vgl. hierzu detaillierter Koppetsch/Burkhart 1999). Diese Einschätzung des sozialen Wandels im Geschlechterverhältnis (Wandel in den Leitvorstellungen, nicht aber als sozialer Fakt) erscheint mir
15
nachvollziehbarer. Daraus ergeben sich eine Reihe von Fragen und Annahmen für
meinen empirischen Forschungsgegenstand.
(1) Zum einen wäre genauer zu klären, inwieweit der Wandel im Leitbild der Geschlechterbeziehungen (egalitäre Partnerschaft) auf der Ebene der konkreten Alltagspraxis der Arbeitsteilungen in Partnerschaften mit einem faktischem Wandel
übereinstimmt. Dieser Frage wird im Kapitel I.2.3 auf der Basis empirischer Daten
nachgegangen.
(2) Wesentlich für die Untersuchung der Selbsthilfeprojekte ist darüber hinaus nicht
nur die Arbeitsteilung innerhalb der Familie, sondern auch die Arbeitsteilung auf
der Baustelle. Als individualisierte Leitvorstellung könnte man in diesem Zusammenhang formulieren, dass allen Familienmitgliedern in gleicher Weise die Arbeit
auf der Baustelle ermöglicht wird bzw. für alle gleich selbstverständlich ist. Wird
dies als Leitvorstellung wirksam, wäre auf der Grundlage der Ergebnisse von
Koppetsch/Maier die Annahme zu formulieren, dass die Wirkung von Geschlechtsnormen auch im Bereich des Bauens nach wie vor dominieren, sich allerdings die Zurechnungsmechanismen verändert haben. Demnach wäre nicht davon
auszugehen, dass eine explizite Arbeitsteilung auf der Baustelle vorhanden ist (im
Sinne eines Ausschlusses von Frauen), sondern latente Geschlechtsnormen die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern strukturieren.
1.3. Individualisierung und Formen der Re-Integration
In der Sicht Ulrich Becks zerstört Individualisierung nach und nach die traditionellen
Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und wirft damit den Einzelnen immer
stärker auf sich selbst zurück. Dadurch entsteht die Chance, ein eigenständiges Leben
führen zu können oder zumindest führen zu wollen. Andererseits wird durch diese
Herauslösung aus traditionellen Bindungen auch der schützende Halt von Kontakten,
Beziehungen und Strukturen verloren. Der Freisetzungsprozess wird also mit einem
Verlust von Sicherheit und Geborgenheit erkauft. Wesentlich wird in diesem Zusammenhang die Frage nach den Folgen der Individualisierung für die gesellschaftliche
Integration.
Diese Frage wird in der Auseinandersetzung mit dem Individualisierungstheorem kontrovers diskutiert. So wird Beck vorgeworfen, mit der Ebene der Re-Integration die
zwei anderen Ebenen (Herauslösung und Verlust traditioneller Sicherheiten) durch die
Möglichkeit der sozialen (Wieder-)Einbindung aufzuheben (Junge 1998). Je nach Interpretation der Individualisierungsthese (positive Autonomie oder negative Anomie)
wird die Frage nach der Möglichkeit der gesellschaftlichen Integration als äußert problematisch angesehen. Dies erfolgt vor dem Hintergrund einer weit verbreiteten Krisen16
diagnostik und betont die Desintegration als einen Schlüsselbegriff der modernen
Entwicklung (z. B. Heitmeyer 1997). Individualisierung bedeutet in der Perspektive
Heitmeyers die Auflösung gewachsener Lebensformen und traditionaler Sozialbeziehungen, was zu Desintegration und schließlich zu zunehmend unkontrollierter Gewaltausübung führen kann (Heitmeyer 1994: 382). Meines Erachtens ist jedoch eher von
einer ambivalenten Deutung der Individualisierungsprozesse auszugehen, in der andere Entwicklungstendenzen an Bedeutung gewinnen.
„Doch Individualisierung mit Vereinzelung, erweiterte Handlungsspielräume mit
der Auflösung des Sozialen und die verstärkten Selbstbezüge der Individuen mit
dem Verlust von Solidarität gleichzusetzen, wird den widersprüchlichen und ambivalenten Formen der Individualisierung nicht gerecht.“ (Schroer 2001: 452)
Es lässt sich so ein umfassender Gestaltwandel sozialer Beziehungen beobachten:
Neue Formen von Familien, Beziehungen und politischen Zusammenhängen entstehen, die bisher noch nicht in feste Konturen gegossen sind. Generell wird die Individualisierung in dieser Perspektive als ein Modus der Vergesellschaftung begriffen und
somit der Individualisierung selber schon eine gesellschaftsintegrierende Kraft zugeschrieben (Ebers 1995, Schroer 2001). Das Neue an dem Beck’schen Individualisierungstrend sind die Konsequenzen, die sich daraus ergeben.
„... an die Stelle von Ständen treten nicht mehr soziale Klassen, an die Stelle sozialer Klassen tritt nicht mehr der stabile Bezugsrahmen der Familie. Der oder die
einzelne selbst wird zur lebensweltlichen Reproduktionseinheit des Sozialen.“
(Beck 1986: 119)
Im Mittelpunkt der Argumentation von Beck steht demnach ein selbstbezogenes Individuum, das sich nicht mehr in erster Linie durch die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen definiert, sondern durch die Bezüge zu sich selbst. Beck hält es allerdings durchaus für möglich, dass es jenseits der individualisierten Lebensformen und Lebenslagen
zur „Entstehung neuer sozio-kultureller Gemeinsamkeiten“ (Beck 1986: 119) kommen
kann, die sich etwa in Bürgerinitiativen oder sozialen Bewegungen niederschlagen
können. Statt isolierter Individuen sieht Beck die Schaffung neuer sozialer Beziehungs- und Kontaktformen als eine mögliche Perspektive; allerdings müssen diese nun
vom Individuum selbst hergestellt werden. Individualisierung „kann heißen: ‚NichtBeziehung’, soziale Isolation; aber auch selbst gewählte und selbstgebaute Netzwerke
von Bekanntschafts-, Nachbarschafts- und Freundschaftsbeziehungen“ (Beck 1986:
138). Damit würden neuartige Formen der gesellschaftlichen Re-Integration unter den
Bedingungen der Individualisierung hergestellt. Die Frage nach den Möglichkeiten
und dem Charakter neuer Gemeinschaften und die Wiederverankerung des Einzelnen
in selbst gewählten Gemeinschaftsformen werden mehr und mehr zu einem Hauptdis-
17
kussionspunkt der Individualisierungsdebatte (Schroer 2001: 405), zu dem bislang jedoch nur wenige Untersuchungen vorliegen.4
Betrachtet man die empirischen Befunde im Hinblick auf Umfang und Intensität der
vorhandenen Kontakte, Bindungen und Beziehungen, so liegt das Maß an Kontakten
weit höher als es in den theoretischen Vorstellungen angenommen wird, die von einem
Verlust der Solidarität und der ersatzlosen Auflösung von Bindungen ausgehen.
"Nach diesen Befunden bedeutet Individualisierung vor allem mehr Selbstbestimmung und keineswegs automatisch den deklassierenden Zerfall sozialer Zusammenhänge. So widerlegen Erhebungen wie die von Hans Bertram (1994) die
‚Singvogeltheorie’ vom Aussterben der Familiennetze (...)." (Vester 1997: 104)
Die neu entstehenden sozialen Bindungen, zu denen sich die Individuen nunmehr
freiwillig zusammenfinden, bleiben unentdeckt, wenn ausschließlich die negativen
Folgen von Individualisierung in den Blick genommen werden (Schroer 2001: 456).
Das ‚Neue’ am Charakter der sozialen Beziehungen unter Individualisierungsbedingungen scheint ihre kürzere Dauer zu sein: „Bis auf weiteres“ (Baumann 1993),
„nichts Langfristiges“ (Sennett 1998).
Auf der Grundlage der dargestellten Diskussion zur „Einbindungs- oder ReIntegrationsdimension“ ist es für die Fragestellung der vorliegenden Arbeit notwendig,
das Verhältnis von Individualisierung und Vergemeinschaftung zu klären. Jenseits der
polarisierenden Diagnosen eines Bindungszerfalls oder eines unveränderten Fortbestehens sozialer Muster interpretiere ich Beck in Richtung eines Gestaltwandels sozialer
Beziehungsmuster. Dieser Wandel vollzieht sich nicht bruch- oder problemlos. Die
These eines Verlustes von Gemeinschaftsbeziehungen lässt sich insofern bestätigen,
als dass einzelne Individuen beim Aufbau stabiler Beziehungen zunehmend auf sich
selbst zurückgeworfen sind. Auch existieren zunehmend weniger verbindliche Verhaltensmodelle (z. B. die Ehe), die den Aufbau von Netzwerken anleiten und vorstrukturieren. Martin Diewald (1991)5, der die These vom Verlust oder von der Liberalisierung von Gemeinschaft in Bezug auf soziale Netzwerke und Unterstützungskonzepte
untersucht, kommt zu einem Ergebnis, das diese ambivalente Deutung der Individualisierungsthese bestätigt: in vielen Fällen ein Fortbestehen stabiler (familiärer) Netzwerke, aber auch Bevölkerungsgruppen (z. B. ältere Menschen und kinderlose Paare), die
von sozialer Isolation und Einsamkeit bedroht sind. Aus der Perspektive meiner Arbeit
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Ansatzpunkte finden sich etwa in der Lebensstilforschung, in der Lebensstilgruppen als (neue) soziale Einheiten interpretiert werden (z. B. Sacher 1998).
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Gegenstand der Studie von Diewald (1991) ist die Frage, wie Menschen in der Bundesrepublik sozial eingebunden sind – in Familie, Verwandtschaft, Freundschaften und sonstige Beziehungen und welche Hilfeleistungen über diese Beziehungen jeweils transportiert werden.
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