Geophysik für Geologen

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K. Bahr: Geophysik für Geologen
1. Die Kontinentalverschiebungstheorie
1.1 Wegeners Argumente: Schelflinien und Fossilien
1.2 Gegenargumente: Scherwellen und „fehlende Physik“
2. Die geowissenschaftliche Revolution von 1963
2.1 Paläomagnetismus vor und nach dem magnetic cleaning
2.2 Umkehrungen des Magnetfeldes und seafloor spreading
2.3 Rekonstruktion der Plattenbewegungen
3. Konvektion
3.1 Wärmetransport und Rayleighzahl
3.2 Der Maxwell’sche Modellkörper
4. Von der Konvektion zur Plattentektonik
4.1 Konvektionsgetriebene Plattentektonik
4.2 Plattengetriebene Konvektion
4.3 Die Plume-Hypothese
5. Plattentektonik und Subduktion
5.1 Ozeanische Lithosphäre und Inselbögen
5.2 Gebirgsbildung I : Der aktive Kontinentalrand
5.3 Gebirgsbildung II: Kontinent-Kontinent-Kollisionen
5.4 Zusammenfassung: Der Wilson-Zyklus
6. Subduktion und Erdbeben
6.1 Der Modellkörper von Saint-Venant
6.2Die Benioff-Zonen
6.3Magnitude, Energie und Zerstörung
7. Erdbeben und Seismologie
8. Seismologie und Anisotropie
8.1 SKS Splitting
9. Anisotropie und lattice-preferred orientation (LPO)
9.1 Kristallographie und seismische Anisotropie von Olivin
9.2 Mantelfluss, Relativbewegungen und LPO
10. LPO und Wasser im Erdmantel
10.1 Subduktion als Transportprozess für Wasser: Das
10.2 Wasserstoff-Diffusivität in Olivin
10
Be - Experiment
11 Geophysik und geophysikalische Exploration: Zusammenfassung
1. Die Kontinentalverschiebungstheorie
Die Kontinentalverschiebungstheorie war sozusagen der Vorläufer der Plattentektonik. Die Theorie
nahm horizontale Bewegungen der Kontinente über (vergangene) geologische Zeiten an, so wie die
Plattentektonik. Im Gegensatz zur Plattentektonik machte diese Theorie aber keine (oder zumindest
keine korrekte) Aussage über die physikalischen Mechanismen, die zu diesen Horizontalbewegungen
führen.
Das 1. Kapitel ist offensichtlich teilweise wissenschaftshistorisch – eigentlich die Domäne der Emeriti.
Motivation: Warum in einer ansonsten modernen, den heutigen Stand eines Teilgebiets der Geophysik
wiedergebenden Vorlesung ein historisches Kapitel? Die Vorlesung richtet sich vor allem an
Studenten des 7. Semesters, die vorher physikalische Fakten gelernt haben – Aussagen waren
entweder wahr oder falsch, allenfalls traten sogenannte Dualismen auf – zwei wahre Aussagen
widersprechen sich nur scheinbar, wie etwa der Teilchen-Welle Dualismus der QM oder der FestFlüssig-Dualismus der Rheologie des Erdmantels. Im folgenden Semester werden diese Studenten
(hoffentlich) Mitglieder von Arbeitsgruppen der Göttinger Physik sein, und deshalb an der Forschung
beteiligt: Sie werden sich mit Naturerscheinungen befassen, bei denen zwischen ‚wahr‘ und ‚falsch‘
noch nicht unterschieden werden kann. Die ersten beiden Kapitel werden an wenigen Beispielen aus
der Geophysik zeigen, dass sich jede heute ‚wissenschaftlich gesicherte‘ Aussage irgendwann einmal
in dem gleichen Schwebezustand zwischen ‚wahr‘ und falsch befand.
1.1.Wegeners Argumente: Schelflinien und Fossilien
Problem bei der historischen Sichtweise: Wann soll man anfangen? Es hat vor Wegener ‚globale‘
Theorien der Gebirgsentstehung gegeben, etwa die Schrumpfungstheorie von E. Suess in ‚Das Antlitz
der Erde‘ (1884-1903). Das die Umrisse von Südamerika und Afrika zu einander passen, fiel bereits
Snyder-Pellegrini (1859) auf.
Der Meteorologe und Geophysiker Alfred Wegener (1880-1930) veröffentlichte 1912, 1915 und 1922
in ‚Über die Entstehung der Kontinente und Ozeane‘ die Theorie der Kontinentalverschiebung. Seine
Argumente:
1. Schelflinien. Die heutigen Küstenlinien von Nord- und Südamerika einerseits und Europa und
Afrika andererseits passen nicht so gut zusammen. Die Übereinstimmung wird viel besser, wenn
man statt der Küstenlinien (dem heutigen NN) die Schelflinien (Übergang vom Randmeer zur
Tiefsee) nimmt – dann gehören Randmeere wie zB die südliche Nordsee zum Kontinent.
2. Identische Geologien in heute getrennten Kontinenten. Beispiele: 1) Die kambrischen (?)
Sedimente in Schottland und Nordirland / in New Brunswick 2) die gleichen flood basalts am
Ostrand Südamerika und in Westafrika (NB: stehen im verdacht, Überreste eines starken Anstiegs
der Fördermenge des (heutigen) Tristan da Cunha hot spots zu sein – Zusammenhang mit dem
Aufbruch von Godwanaland? 3) sehr ähnliche Sedimente im Norden und Süden der
Neuseeländische Südinsel - heutige Erklärung: Transform-Störung mit horizontaler
Plattenbewegung
3. Ähnliche Fossilienfunde in heute getrennten Kontinenten, z.B. die kambrischen Trilobiten, von
denen es zwei unterscheidbare Gruppen gibt: Eine ‚europäische‘ Gruppe mit Fundorten fast überall
in Nordeuropa und in New Brunswick, und eine ‚amerikanische‘ Gruppe mit Fundorten im
östlichen Noramerika und in Nordirland und Schottland. Heutige Erklärung (im Rahmen der
Plattentektonik): Bei der Schliessung des Atlantiks vor (?) 150 Mio Jahren wurden die ‚MiniTerraene New Brunswick und Nordirland und Schottland zwischen Europa und Nordamerika
‚ausgetauscht‘. Wegen der später folgenden Gegenargumente: Auch Fossilien von Landtieren,
etwa dem Reptil Lystrosaurus in Südafrika, Australien und Antarktika. Heutige Erklärung: Das
war Godwanaland.
Später stellte die Paläoklimatologie ein weiteres Argument, welches Wegener noch nicht kannte,
bereit: Die Vereisung Indiens im Perm. Paläo-Vereisungen lassen sich anhand der ‚Schleifspuren‘, die
das Eis bei seiner Ausbreitung hinterlässt, identifizieren (Beispiel Finnland während der letzten
Eiszeiten). Genau solche Spuren waren in Indien gefunden worden. Wenn Indien zur Zeit ihrer
Entstehung, genau wie jetzt, in der Nähe des Äquators war, muss der gesamte Planet vereist gewesen
sein, denn nördlich und südlich des Äquators kann es ja nur noch kälter gewesen sein. Was ist dann
mit dem Leben passiert?
Als physikalischen Mechanismus für die Horizontalbewegung nahm Wegener die Eötvös-Kraft an –
gravitative Anziehung durch den Äquatorwulst. Die Existenz dieser Kraft wurde allgemein akzeptiert,
schliesslich waren horizontale Gravitationskräfte im Zusammenhang mit der Isostasie schon Mitte des
19. Jahrhunderts gemessen worden.
Wiederholung: Was ist Isostasie? Über einer geschichteten Erde zeigt das der Richtung der
Gravitationskraft folgenden Lot senkrecht nach unten – zum Erdmittelpunkt hin. Neben einen
Gebirge erwartet man eine zusätzliche horizontale Komponente wegen der Anziehung durch
die Masse des Gebirges. Isostasie bezeichnet die Entdeckung, dass bei Messungen der
Lotabweichung (hor:vert) eine geringere horizontale Gravitationkraft gefunden wurde, als sie
für ein Gebirge mit der Dichte des Erdmantels erwartet wird. Das Gebirge hat also eine
geringere Dichte als der Mantel, und darüber hinaus eine in den Mantel hineinreichende
‚Gebirgswurzel‘ von ebenfalls geringere Dichte. Hier, bei der Isostasie, taucht zum ersten Mal
die Modellvorstellung von den auf und in dem schweren Mantel ‚schwimmenden‘ leichten
Kontinenten auf (Airy, 1855; Pratt, 1855).
1.2.Gegenargumente: Scherwellen und „fehlende Physik“
Die Frage, ob die Eötvös-Kraft oder andere horizontale Gravitationskräfte gross genug sind, um
Kontinente zu bewegen, wurde von Lambert (1921) so umformuliert: Das hängt von der Viskosität des
Mantelmaterials ab. Das stärkste Argument gegen die Kontinentalverschiebungstheorie kam nun aus
der Geophysik: Nach dem Seismologen Jeffrey (1925) ist Viskosität nur für eine Flüssigkeit definiert,
und Flüssigkeiten leiten keine Scherwellen – weil der Schermodul  und deshalb die
Scherwellengeschwindigkeit v s  
vp 
(K  4  )
3
 verschwinden (im Gegensatz zur Geschwindigkeit
 von Kompressionswellen, in die auch der für eine Flüssigkeit definierte
Kompressionsmodul K eingeht. Aus der Seismologie war aber bekannt, dass sich im Mantel der Erde
(im Gegensatz zum flüssigen äusseren Kern) Scherwellen ausbreiten können. (Wir wissen heute, dass
für die Ausbreitung von Scherwellen die Viskosiät nur einen Grenzwert überschreiten muss, der vom
Schermodul und der Periode abhängt – Überschlagsrechnung: der Schermodul des Mantels ergibt sich
zu 1011 Pa , für eine Periode von 20 s ergibt sich ein Grenzwert von 2 *1012 Pa * s , der um viele
Grössenordnungen unter der tatsächlichen Viskosität des Mantels, 10 20..10 21 Pa * s liegt.)
Nachdem das Konzept der Viskosität ‚falsch‘ war, wurde die zur Verschiebung der Kontinente
benötigte Kraft unendlich gross. Das geophysikalische Argument gegen die
Kontinentalverschiebungstheorie war also, dass es keine physikalische Kraft dafür gibt.
Allerdings waren die meisten Geowissenschaftler in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts keine
Geophysiker, sondern Geologen. (Die rasante Ausweitung des Arbeitsgebietes Geophysik in der 2.
Hälfte des 20. Jahrhunderts ist einerseits mit der hier erzählten Geschichte und andererseits mit der
massiven Nachfrage nach Erdöl und der angewandten Exploration verknüpft). Die in der Geology
noch des frühen 20. Jahrhunderts vorherrschende Denkrichtung war der Uniformitarismus, der schon
im ausgehenden 18. Jahrhundert von Lyell in Edinburgh gelehrt wurde: Frühere geologische Prozesse
liefen so wie die heutigen ab, es gibt keine Katastrophen oder Umbrüche, die Gegenwart ist der
Schlüssel zum Verständnis der Vergangenheit. Wenn (aus dieser Richtung gesehen) die
Kontinentalverschiebungstheorie ‚stimmt‘, dann hat sich, z.B., die Lage der Kontinente relativ zu den
Klimazonen verändert, und schon deswegen könnte die Gegenwart nicht mehr der Schlüssel zur
Vergangenheit sein..
Man kann noch fragen, was sich diese Geologen ausgedacht haben, um Wegeners ‚Daten‘, etwa die
ähnlichen Fossilien in heute getrennten Kontinenten, mit einer alternativen Theorie zu interpretieren –
etwa die versunkenen Kontinente. Da diese aber isostatisch nicht zu halten waren und das Versinken
genau diejenige Katastrophe darstellte, die der Uniformitarismus zu vermeiden hatte, wurden die
versunkenen Kontinente durch schmale Landbrücken ersetzt, auf denen jene Tiere, deren Überreste
heute auf dem ‚falschen‘ Kontinent liegen, den Ozean überqueren können. Das wirkt vielleicht aus
heutiger Sicht lächerlich, aber die so operierenden Geologen versuchten, ein Gedankengebäude zu
retten, das lange Zeit funktioniert hatte. Den Mantel flüssig zu machen, war noch abstruser als die
versunkenen Kontinente.
2. Die geowissenschaftliche Revolution von 1963
Geophysikalische Argumente hatten die Anerkennung der Kontinentalverschiebungstheorie in der 1.
Hälfte des 20. Jahrhunderts behindert, und geophysikalische Argumente sollten ihr schliesslich zum
Durchbruch verhelfen. Während jedoch die Gegenargumente aus der Seismologie kamen – einer
arrivierten Wissenschaft, die das Wissen über den Aufbau des Erdkörpers entscheidend vermehrt
hatte, kamen die Pro-Argumente aus dem Paläomagnetismus. Dieser Zweig der Geophysik, der die
remanente Magnetisierung von Gesteinen untersucht, wurde von den meisten Geowissenschaftlern
überhaupt erst anlässlich dieses Eintretens für die Kontinentalverschiebungstheorie wahrgenommen.
2.1 Paläomagnetismus vor und nach dem magnetic cleaning
Das Magnetfeld der Erde sieht, wenn es in grosser Entfernung von den Quellen im äusseren Kern der
Erde betrachtet wird, fast aus wie ein Dipolfeld. Wenn die Ursache des Feldes untersucht werden soll,
etwa mit Dynamotheorie, gilt dies so nicht: An der Kern-Mantel-Grenze haben alle Terme in der
Entwicklung des Magnetfeldpotentials nach Kugelflächenfunktionen etwa die gleiche Energiedichte,
und der Dipolterm hat nur noch eine leichte Dominanz gegenüber dem Quadrupol-, Oktupolterm etc.
Dass sich an der Erdoberfläche ein dominanter Dipolterm ergibt, liegt nur an der geometrischen
3
Abschwächung, die für den Dipol BOberfl / BKern  rK
3 berträgt, für den Quradupolterm jedoch
rE
rK
4
4 usw. Im Aussenraum kommt zusätzlich die Deformation durch den Sonnenwind hinzu. An der
rE
Erdoberfläche kann das Erdmagnetfeld aber durch ein Dipolfeld mit den Komponenten
2 0 M cos 
 M sin 
Br 
und B  0
in Kugelkoordinaten (r , ,  ) angenähert werden. Creer ,
3
4 r
4 r 3
Irving und Runcorn (1954) erkannten, dass zwischen der Kobreite  eines Ortes an der Erdoberfläche
und der Inklination I  arctan Br
der Zusammenhang tan  2 cot I bestehen sollte, wenn der
B
scheinbare Dipol parallel zur Rotationsachse ausgerichtet ist. Für das Folgende ist zunächst wichtig,
dass die remanente Magnetisierung eines Materials, genau wie die magnetische Kraftflussdichte, ein
Vektor ist.
Wiederholung: Was ist remanente Magnetisierung? Eine Magnetisierung die bleibt, auch wenn
das äussere Magnetfeld, welches sie verursacht hat, wieder abgeschaltet (oder umgepolt) ist.
Für die remanente Magnetisierung von Gesteinen ist eine spezielle Spielart des
Ferromagnetismus verantwortlich. – Ferromagnetische Materialien haben ein magnetisches
Moment wegen Elektronenspins, die nicht von einander unabhängig sind. Weil Elektronen
identische Teilchen sind, genügen sie gewissen quantenmechanischen Regeln, die die klass.
Elektrodynamik nicht kennt, Effekt: Die Momente ‚benachbarter‘ Elektronen werden parallel
ausgerichtet und es entsteht eine spontane Magnetisierung. Bei den Antiferromagnetika
(Beispiel: Hämatit Fe 2 O3 ) sind die Elektronenspins paarweise antiparallel ausgerichtet, so dass
sich keine makroskopische Magnetisierung ergibt. In Ferrimagnetika (Beispiel Magnetit
Fe3O4 ) gibt es ebenfalls eine antiparallele Ausrichtung von Elektronenspins, aber diesmal mit
unterschiedlichen magnetischen Momenten, so dass eine makroskopische Magnetisierung
bleibt.
Wiederholung: Antiferro- und Ferrimagnetismus auf der atomaren Ebene: Eisen hat die
Elektronenkonfiguration 1s 2 2s 2 2 p 6 3s 2 6 p 6 3d 6 4s 2 . Fe 2 Ionen haben zwei 4-s Elektronen
verloren, d.h. in der äussersten ‚Schale‘ sind sechs 3-d Elektronen, deren Spinanordnung
 ist, es verbleiben 4 Bohrsche Magneton. Fe 3 Ionen haben zusätzlich ein 3-d
Valenzelektron verloren, die Spinanordnung ist  und es bleiben 5 Magneton.
Magnetische Mineralien sind Oxyde von Eisen, mit Vorzeichenwechsel des Spin in
benachbarten Ionen. Verbleibt ein resultierendes magnetisches Moment? Beim Hämatit
Fe 23 O32 nein, beim Magnetit Fe 2 Fe 23 O42 ja.
Paläomagnetismus begann mit der Entdeckung, dass die Inklination der remanenten Magnetisierung
von Gesteinen an vielen Fundorten der Regel tan  2 cot I nicht folgt. Also musste nach der
Aufprägung der remanenten Magnetisierung – z.B. durch Abkühlung von Lava unter die CurieTemperatur des ferrimagnetischen Materials - entweder der Dipol seine Orientierung verändert haben,
oder die erstarrte Lava hat sich in dieser Zeit im Magnetfeld der Erde bewegt.
Um diese Frage zu beantworten, wurde zunächst die Beobachtungsgrösse apparent polar wander path
definiert, sie besteht aus einer Folge von virtuellen geomagnetischen Polen (VGP), abgeleitet von
magnetithaltigen Gesteinsproben aus der gleichen geologischen Einheit, aber mit unterschiedlichen
Abkühlungsaltern. Ein virtueller geomagnetischer Pol ist etwa der Durchstosspunkt der Dipolachse
durch die Erdoberfläche, und in einem 2D Schnitt durch die Erde ergibt sich die Kobreite dieses VGP
aus der Diskrepanz zwischen der tatsächlichen Kobreite eines Probenfundortes und der aus der
Inklination der Remanenz vorhersagten Kobreite.
Nebenbemerkung. Die dritte Komponente des Magnetfeldes eines achsenparallelen Dipols ist B  0 ,
wegen der Rotationssymmetrie. Man kann also mit dieser Methode nicht auf West-Ost-Bewegungen
schliessen. Zwar weißt die remanente Magnetisierung von Gesteinsproben neben der Inklination auch
eine Deklination auf, aber diese ist ein Hinweis auf Drehbewegungen der Lithosphärenplatte des
Probenfundortes seit der Abkühlung (falls man die Bewegung dieser Platte überhaupt akzeptiert). Der
einfache 2D Schnitt durch den Planeten ist dann durch etwas sphärische Trigonometrie zu ersetzen.
Um zwischen den beiden oben erwähnten Alternativen – Bewegung des Dipols oder Bewegung der
magnetitisierten Probe- zu unterscheiden, werteten Creer, Irving und Runcorn schliesslich die
apparent polar wander paths von unterschiedlichen Lithosphärenplatten (damals hiessen diese einfach
noch Erdteile) aus: ergibt sich für verschiedene Erdteile dieselbe scheinbare Polwanderungskurve,
dann ist dies ein starker Hinweis auf eine tatsächliche Polbewegung (oder eine gemeinsame Bewegung
aller Platten relativ zur Rotationsachse). Creer, Irving und Runcorn erhielten aber sehr unterschiedliche
Polwanderungskurven für verschiedene Kontinente, und dies war der erste geophysikalische Nachweis
von Relativbewegungen der Platten zu einander.
Allerdings war die Durchschlagskraft des Arguments begrenzt durch das begrenzte
Auflösungsvermögen paläomagnetischer Messungen: Jede einzelne Probe konnte nach der
Aufprägung der remanenten Magnetisierung durch tektonische Prozesse ‚gekippt‘ (um eine horizontale
Achse verdreht) werden, wodurch die Inklination der Probe verfälscht wird. Man führt deshalb eine
statistische Mittelung über unterschiedliche Proben aus der gleichen geologischen Einheit (etwa
gleiches Abkühlungsalter) durch; und erhält neben einem Mittelwert für die Lage des VGP auch ein
Varianz-Mass für eine gewisse Trefferwahrscheinlichkeit: Der ‚wahre‘ VGP liegt mit dieser
Wahrscheinlichkeit innerhalb eines Kegels mit dem halben Öffnungswinkel  , und   20 würde (in
mittleren Breiten) auf eine Ungenauigkeit der zu bestimmenden Kobreite von 2*10° führen.
Während dieses Problem durch eine Mittelung über genügend viele Proben verringert werden kann,
erfordert die sogenannte viskose Remanenz zusätzliche Labortechniken: Die natürliche remanente
Magnetisierung NRM besteht neben der Thermoremanenz TRM – sozusagen das Nutzsignal des
Paläomagnetismus – auch aus dieser VRM, eine langsamen magnetischen Nachwirkung, die dadurch
entsteht, das die magnetisierbare Probe auch nach der Abkühlung noch dem Magnetfeld der Erde
ausgesetzt ist, u.U. mit anderen Richtungen als zur Zeit der Abkühlung. Magnetic cleaning bezeichnet
die Entfernung dieses Störsignals vor der paläomagnetischen Auswertung, durch schrittweise
Abmagnetisierung der Probe (As-Zijderveld, 1958), entweder durch Erhitzen bis fast zur
Curietemperatur, oder durch eine Wechselfeldentmagnetisierung. Deklination und Inklination der
Probe während der Abmagnetisierung werden in Zijderveld-Diagrammen dargestellt, als Richtung der
‚sauberen‘ TRM werden D und I kurz vor dem Verschwinden der Remanenz angenommen.
Zwar machte das magnetic cleaning die paläomagnetischen Daten konsistenter, aber die Zweifler
wiesen darauf hin, dass die Dipolhypothese der Paläomagnetismus letztendlich nicht beweisbar ist.
Diese Hypothese besagt, dass der scheinbare Dipol, über kurze geologische Zeiträume (100000a)
gemittelt, stets parallel zur Rotationsachse ausgerichtet ist; nur wenn dies stimmt, kann die Nord-SüdPosition der Probe während der Abkühlung aus tan I  2 cot  bestimmt werden. Die zeitliche
Mittelung ist notwendig, weil wegen der Säkularvariation des erdmagnetischen Hauptfeldes die
Dipolachse häufig gerade nicht genau parallel zur Rotationsachse ausgerichtet ist – z.Z. ist der Dipol
um 11° gegen die Rotationsachse verdreht. Bei der Arbeit im Gelände werde Proben mit nur etwa dem
gleichen Abkühlungsalter (z.B. aus verschiedenen Lavaströmen des gleichen Vulkans) genommen
werden und die Säkularvariation dadurch herausgemittelt. Für die letzten 100000 Jahre ist die
Dipolhypothese bewiesen (in dieser Zeit haben sich die Platten nur um wenige km bewegt, d.h. die für
verschiedene Zeitpunkte innerhalb der letzten 100000 a gefundenen VGP sind wirklich
geomagnetische Pole infolge der Säkularvariation, sie gruppieren sich tatsächlich um den
geographischen Nord- bzw. Südpol). Da für ältere geologische Zeiten zwischen Platten- und
Dipolbewegungen nicht so einfach unterschieden werden kann, ist man dort auf
Plausibilitätsbetrachtungen angewiesen: 1) In der zur Beschreibung des Geschwindigkeitsfeldes im
flüssigen äusseren Erdkern modifizierten Navier-Stokes-Gleichung überwiegen zwei Terme: der
Coriolis- und der Lorentzterm, und sie sind etwa gleich gross (während z.B. Trägheitskräfte gegenüber
Corioliskräften vernachlässigbar sind), also spielt die Rotation ber der Aufrechterhaltung des
Magnetfeldes eine Rolle. 2) Die starken Magnetfelder von Jupiter und Saturn haben auch Dipolterme,
die einen etwa zur Rotationsachse parallelen Dipol beschreiben (Uranus und Neptun aber nicht....)
2.2 Umkehrungen des Magnetfeldes und seafloor spreading
Seit Brunhes (1906) wurden auch Proben mit inverser Magnetisierung gefunden (d.h. D und I sind
gegenüber den zum Fundort gehörenden Werten um 180° verdreht). Nach der Entdeckung der
Selbstumkehr der remanenten Magnetisierung (Néel, 1948) wurde etwa 10 Jahre über die Alternativen
„Selbstumkehr der remanenten Magnetisierung der Proben“ oder „Feldumkehr des erdmagnetischen
Hauptfeldes“ gestritten. Entschieden wurde die Frage mit Hilfe der Magnetostratigraphie, der
Ableitung einer zeitlichen Folge von Umpolungen aus der Analyse von magnetisierten Sedimenten.
Weil dabei für ganz verschiedene Testgebiete dieselbe Umpolungsfolge herauskam, wurde die
Feldumkehr akzeptiert. Wir wissen heute, dass die Umpolungsfolge fraktal ist: Wenn die Epochen
gleicher Polarität, die sog. Chrons, in Grössenklassen eingeteilt werden, dann führt die Darstellung
von log(Anzahl pro Klasse) als Funktion von log(Länge der chrons dieser Klasse) auf eine Gerade mit
negativer Steigung.
Für die Plattentektonik wurde diese fraktale Umpolungsfolge wichtig, nachdem Mason (1958) bei der
Auswertung der magnetischen Daten eines Forschungschiffes, das vor der Küste von Oregon
gemessen hatte, magnetische Streifenmuster entdeckte: Offenbar hat die ozeanische Kruste eine
remanente Magnetisierung, die streifenweise der heutigen und der entgegengesetzten Polarität des
Erdmagnetfeldes entspricht. Diese magnetischen Streifenmuster wurden in den folgenden Jahren
überall in der ozeanischen Kruste entdeckt. Vine und Matthew (1963) zeigten schliesslich, dass die
Ortsfolge, die sich aus einem Schnitt senkrecht zu den Streifenmuster von Mason ergibt, mit der
Zeitfolge der Magnetostratigraphie korreliert, wenn sich zwei ozeanische Platten mit v  3cm / a von
einem mittelozeanischen Rücken wegbewegen. Wenn dort Lava austritt und bei der Abkühlung unter
die Curie-Temperatur eine remanente Magnetisierung in Richtung des dann existierenden äusseren
Feldes erfährt, dann folgt aus der Kombination von zeitlicher Feldumkehr und Plattenbewegung die
räumliche Folge von remanenten Magnetisierungen der ozeanischen Kruste mit der heutigen bzw. der
dazu inversen Richtung.
Die Arbeit von Vine und Matthew (1963) entschied also die bei Fragen „Selbstumkehr oder
Feldumkehr“ und „Horizontale Plattenbewegung – ja oder nein?“ gleichzeitig zu Gunsten der
Feldumkehr und der Plattenbewegung.
Historische Randbemerkung: Vine & Matthews (1963) waren nicht die ersten. 1962 hatte Lawrence
Morley eine Arbeit mit der gleichen Hypothese bei ‚Journal of Geophysical Research‘ eingereicht, die
aber abgelehnt wurde mit der Begründung, die Hypothese würde nur einen guten Party-Gag hergeben.
2.3 Rekonstruktion der Plattenbewegungen
Wegen der o.g. Nebenbemerkung zu B  0 können aus einer Folge von VGPs einer Platte mit
verschiedenen Abkühlungsaltern nicht die Positionen der Platte zu diesen Zeiten bestimmt werden. Die
Informationen reichen lediglich, um die Paläobreiten sowie die Verdrehungen der Platten (relativ zur
heutigen Lage) anzugeben. Zusätzliche Informationen: Zwei Kontinentalplatten können nicht zur
gleichen Zeit am gleichen Ort gewesen sein. Ausserdem lässt sich u.U.aus den Streifenmuster der
letzten maximal 250 Millionen Jahre die Bewegungsrichtung (nämlich senkrecht zu den Streifen)
rekonstruieren (Nebenbemerkung: Ältere ozeanische Kruste gibt es nicht mehr, weil die bereits wieder
subduziert worden ist.
Wenn VGPs von heute verschiedenen Platten vor einem geologischen Alter plötzlich zusammengehen,
ist dies ein Hinweis auf das ‚Zerbrechen‘ ein Paläoplatte – z.B. der Zerfall von Godwanaland vor 200
Millionen Jahren zu Afrika, Südamerika, Indien, Antarktika und Australien.
Wenn VGPs nach einem geologischen Alter zusammengehen, ist dies ein Hinweis auf
Kontinententstehung durch das ‚Zusammenbacken‘ von sogenannten Teraenen, also streifenförmige
Mini-Kontinente – z.B. die Entstehung Mitteleuropas aus Rhenoherzynikum, Saxothuringikum und
Moldanubikum.
Merken sollte man sich
Während des Perm (225 Millionen Jahre) hingen fast alle Platten zusammen, Superkontinent
Pangaea
Während des Trias (200 Millionen Jahre) 2 Superkontinente: Laurasia (Nordamerika, Europa,
Asien ohne Indien) und Godwanaland (Südamerika, Afrika, Antarktika, Australien, Indien und
Neuseeland)

Schliessung des Iapetus Ozeanes (Protoatlantik) von 160 Millionen Jahren, dabei Austausch
von Mikroterraenen: Heutiges Schottland, Nordirland vor dieser Schliessung mit Nordamerika
verbunden; gleichzeitig war New Brunswick vor der Schliessung mit ‚Avalonia‘ (=England,
Nordfrankreich) verbunden.

Fast-Schliessung der Tethys (Rest-Tethys = heutiges Mittelmeer) seit 180 Millionen Jahren
(Trias) und Subduktion der europäischen unter die afrikanische Platte; in der Folge alpine
Gebirgsbildung mit Höhepunkt im Tertiär.

Indien bewegte sich in nur 60 Millionen Jahren 60 Breitengerade nordwärts: mittlere
Plattengeschwindigkeit 11 cm/Jahr – Beginn der Himalya-Faltung seitdem.
3. Konvektion
Konvektion ist Wärmetransport durch Materialtransport. Dass dieser Prozess für grossräumige
Bewegungen von Mantelmaterial verantwortlich sein kann und deshalb u.U. die antreibenden Kräfte
der ‚Kontinentalverschiebungstheorie‘ bereitstellt, hat Holmes (1931, 1933) als erster vorgeschlagen,
während Haskell (19737) die Viskosität des Erdmantels mit Hilfe der nacheiszeitlichen Hebung
Skandinaviens bestimmt hat. Das Ergebnis war, dass die Viskosität mit 10 20 Pa * s noch um
Grössenordnungen unter der Grenz-Viskosität liegt, bei der Konvektion einsetzt. Die meisten
Geowissenschaftler der 30 er Jahre des letzten Jahrhunderts waren hiervon nicht beeindruckt – in der
traditionellen Geologie kommt das Konzept der Viskosität nicht vor. Die harten paläomagnetischen
Daten, die schliesslich tatsächliche Plattenverschiebungen nachwiesen, waren ja auch erst in der 50er
und 60er Jahren gefunden worden – warum so spät? Die wichtigsten Daten kamen vom Ozeanboden
(s. Kap. 2), der erst dann technisch zugänglich war.
Das Modell von der Konvektion im Kochtopf, bei der die Herdplatte den heissen Erdkern und die
Suppe den konvektierenden Mantel symbolisiert, ist zu einfach: Der Mantel selbst enthält zusätzlich
Energiequellen (radioaktives Material), und auf dem beweglichen (viskosen) Teil des Mantel befindet
sich die in einzelne Platten zerfallene, spröde Lithosphäre.
3.0 Der adiabatische Temperaturgradient, oder Konvektion aus der Sicht eines kleinen
Massenelements
Eine notwendige Bedingung für das Auftreten von Konvektion in einer Flüssigkeit ist ein
Temperaturgradient (o.E. in vertikaler Richtung). Wenn ein Massenelement ein wenig nach oben
verschoben wird, adiabatisch (dh ohne Wärmeaustausch mit seiner Umgebung), wird es wegen des
geringeren Druckes kühler. Wenn seine neue Temperatur gerade die Umgebungstemperatur ist, dann
heisst der in dem Medium auftretende Temperaturgradient adiabatisch. Bei einem geringeren
Temperaturgradienten ist das Massenelement jetzt kühler und dichter als seine Umgebung, und sinkt
wider nach unten – da wir an infinitesimal kleine Verschiebungen denken, passiert in Wirklichkeit gar
nichts, das Medium ist stabil geschichtet und Konvektion findet nicht statt. Wenn der tatsächliche
Temperaturgradient aber höher als der adiabatische ist, dann ist das Massenelement oben heisser und
weniger dicht als seine Umgebung, und es wird auftriebsbedingt weiter aufsteigen. Das Medium ist
dann unstabil, und spontane Konvektion tritt auf (nach F. Stacy p. 303).
3.1 Wärmetransport und Rayleighzahl
In einer von unten geheizten Flüssigkeitsschicht wird die Wärme mit Konduktion (Wärmeleitung) und
Konvektion nach oben transportiert. Welcher dieser beiden Prozesse dominiert, hängt von der
dimensionslosen Rayleighzahl
Ra 
gTh 3

die sich beim Übergang von der Navier-Stokes- und derWärmeleitungsgleichung auf dimensionslose
Variable ergibt. (  Dichte der Flüssigkeit, g Schwerebeschleunigung,  Koeffizient der thermischen
Ausdehnung, T Temperaturdifferenz zwischen unten und oben, h Mächtigkeit der Schicht,
 Temperaturleitfähigkeit und  Viskosität der Flüssigkeit).
Offenbar stehen die die Konvektion unterstützenden Parameter im Zähler von Ra . Die h 3 Abhängigkeit gilt streng nur für die hier benutzte für zweidimensionale Geometrie, für die jetzt
folgende Überschlagsrechnung ist dies aber ausreichend. Es lässt sich zeigen (Übung in GA Kap.5),
dass im einfachsten zweidimensionalen Modell die Konvektion einsetzt, wenn Ra  1000 . Mit
  4000kg / m3 , g  10m / s 2 ,
2
1
kg
6
6 m
  3 *10
, T  3000K , h  2.9 *10 m,   10
,   10 21
K
s
m*s
6
23
erhalten wir für den Erdmantel Ra  8.6 *10 und Pr  2.5 *10 .
5
Mit zunehmenderRayleighzahl haben wir zunächst nur Konduktion, dann immer schneller rotierende,
zunächst aber noch stationäre Konvektionszellen, und schliesslich turbulente Konvektion, bei der diese
Konvektionszellen ihre Lage, Grösse und Form chaotisch verändern. Ist Mantelkonvektion chaotisch?
Eine analytische Lösung für den zeitlichen Verlauf des Geschwindigkeitsfeldes in der Flüssigkeit
gelingt nur, wenn das sich aus der Navier-Stokes- und Wärmeleitungsgleichung ergebene
Gleichungssystem (3.14, 3.15) stark vereinfacht wird, dann ergeben sich als Lösung für die o.g.
schwach überkritische Rayleighzahl stationäre Konvektionswalzen. Lorenz (1963) hat für eine etwas
weniger starke Vereinfachung ein System von drei nichtlinearen Differentialgleichungen angegeben,
deren Lösung nur noch numerisch möglich ist; der zeitliche Verlauf des Geschwindigkeitsfeldes ist
hier bereits chaotisch (D. Turcotte, Fractals and Chaos in Geology and Geophysics, 2nd edition,
Cambridge University Press 1997). Die numerische Lösung von noch komplizierteren (und
realistischeren) Gleichungssystemen ist eine Aufgabe der -> Geodynamik. Wenn die untersuchten
Systeme chaotisch sind, hängt der zeitliche Verlauf sehr stark von winzigen Änderungen der
Anfangsbedingungen ab. Es ist also nicht möglich, den tatsächlichen Verlauf der im Mantel
stattfindenden Konvektion zu simulieren; stattdessen erhält die Geodynamik simulierte Systeme, die
bestimmte statistische Eigenschaften der natürlichen Konvektion reproduzieren können – etwa die
mittlere Verteilung der auftretenden Geschwindigkeiten, wie sie vom Paläomagnetismus und aus GPS
Messungen bekannt sind.
Nebenbemerkung. Konvektion haben wir auch im flüssigen äusseren Kern der Erde, dort ist die
Viskosität um 20 Grössenordnungen geringer als im Erdmantel und die Raleighzahl entsprechend
grösser. Typische Geschwindigkeitsfelder haben dann, gegenüber einigen cm/jahr (s. Kap 2),
Amplituden von 20 km/Jahr, dies ist an der Säkularvariation des Erdmagnetfeldes direkt ablesbar.
Gebremst wird die Kern-Konvektion auch nur kaum durch die Viskosität, sondern durch die
Rückwirkung des Erdmagnetfeldes auf das Geschwindigkeitsfeld im äusseren Kern.(Erinnerung: Für
das ‚Monitoring‘ von Plattenbewegungen mit Hilfe des Paläomagnetismus ist die Säkularvariation ein
Störsignal, dass durch Variation des Abkühlungsalters der untersuchten Proben über Zeiträume, die
gross im Vergleich zur Säkularvariation (1000 Jahre), aber klein im Vergleich zu geologischen
Zeiträumen (während derer sich die Platten nennenswert bewegen, 10 7 Jahre) herausgemittelt werden
muss).
3.2 Der Maxwell’sche Modellkörper
In Kap. 1.2 hatten wir bereits gesehen, dass die Konzepte ‚Viskosität‘ und und Scherwellenausbreitung
sich nicht widersprechen müssen: Damit sich Scherwellen ausbreiten können, muss die Viskosität nur
deutlich grösser sein als das Produkt von Umgebungsdruck und Eigenperiode, und für seismische
Wellen mit der Periode 20 s ergab sich ein Grenzwert, der 8-9 Grössenordnungen unter der
tatsächlichen Mantelviskosität lag. Auch für die tiefsten Eigenschwingungen der Erde mit Perioden um
3200s ist der Mantel ‚fest‘. Dagegen würde das o.g. Kriterium für Schwingungen mit der Periode
108 Jahre  3 *1015 s - etwa die Dauer eines overturns bei der Mantelkonvektion - nicht mehr
reichen; auf dieser Zeitskala ist der Mantel also flüssig. Genaueres in ‚Rheologie der Erde‘ !
Anschaulich beschrieben wird dieses Verhalten durch den Maxwell’schen rheologischen
Modellkörper, der aus einer Reihenschaltung des Hooke’schen (‚Feder‘) und des Newton’schen
(‚Spritze‘ oder ‚Stossdämpfer‘) Modellkörpers besteht – er reagiert auf kurzzeitige Kräfte elastisch und
auf langsame viskos. Eine Flüssigkeit heisst ‚Newton’sche Füssigkeit (Newtonian viscous fluid), wenn

der Zusammenhang zwischen Druck (oder Spannung)  und Veformungsrate
linear ist, d.h. wenn
t
die Viskosität  in
 

t
nicht vom Druck abhängt. Dies ist streng nicht der Fall, weil Viskosität innere Reibung beschreibt, die
auf thermische Dissipation führt (irgendwo muss die bei dieser Reibung freiwerdende Energie
schliesslich hin), und die Verformung ist natürlich auch temperaturabhängig. Für einfache
geodynamische Modellrechnungen wird die Newton’sche Flüssigkeit dennoch benutzt.
(Im Gegensatz zum Modellkörper mit Reihenschaltung von ‚Feder‘ und ‚Spritze‘ ist der andere, der
aus einer Parallelschaltung der beiden o.g. Teile besteht, millionfach technisch realisiert – in Autos.)
4. Von der Konvektion zur Plattentektonik
Wenn wir jetzt noch einige Lithosphärenplatten auf die Konvektionszellen packen, haben wir eine
‚Plattentektonik‘ , in der (im Gegensatz zur Kontinentalverschiebungstheorie) die Konvektion der
verantwortliche physikalische Mechanismus ist. Wieder ist das Modell noch zu einfach: Während in
den ersten Modellen die Lithosphärenplatten nur passive ‚Reiter‘ auf den Konvektionszellen waren,
haben wir jetzt Hinweise darauf, dass die Bewegung dieser Platten selbst – etwa das Eintauchen eines
subduzierten Slabs in den Mantel - eine der die Konvektion treibenden Kräfte ist. Bisher gar nicht
verstanden ist die Koexistenz von Konvektionszellen und sogenannten Plumes, unter denen man sich
‚schnelle‘ Aufströme von heissem Material vorstellt. Einige Wissenschaftler glauben, dass solche
Plumes für das Auseinanderbrechen der alten Superkontinente verantwortlich sind. So ist etwa der
jetzige Hotspot Tristan da Cunha ein Überbleibsel von einem Plume, der 200 Millionen Jahren eine
besonders hohe Förderleistung hatte und sich zudem genau unter Südamerika und Afrika befand
(damals als Teil von Godwanaland zusammenhängend).
4.1 Plattenbewegungen
‚Lithosphäre‘ bezeichnet die Kruste und den obersten Teil des Mantels der Erde, der soweit abgekühlt
und ‚versteift‘ ist, dass in ihm keine Bewegungen mehr stattfinden können – die Lithosphäre kann also
nur ‚als Ganzes‘ der Konvektionsbewegung folgen. Da diese aber an unterschiedlichen Stellen
unterschiedliche Richtungen annimmt, zerbricht die Lithosphäre zu Lithosphärenplatten, deren
Kollision zu Subduktion und deren Auseinanderdriften zu mittelozeanischen Rücken führen.
Es gibt zwei grundsätzlich unterschiedliche ‚Sorten‘ von Lithosphäre, die kontinentale und die
ozeanische. Altersbestimmung mit Hilfe der Radioaktivität: Während kontinentale Lithosphäre bis zu
3.5 Milliarden Jahre alt sein kann, hat man keine ozeanische L., die älter als 250 Millionen Jahre alt ist
, gefunden – warum? Diese Zeit ergibt sich als Verhältnis von der Grösse der grössten (pazifischen)
Platte zur mittleren Driftgeschwindigkeit, wie sie historisch mit seafloor spreading (s. Kap 2.2) und
heute mit dem global positioning system GPS gefunden wird. Dies ist gar nicht so unproblematisch,
denn relativ zu was soll man eigentlich die Bewegung messen? Mehr dazu in Kap. 4.3 beim hot spot
reference frame Mehr zu den Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Lithosphären in Kap. 5.
Die Annahme einer ‚steifen‘ oder spröden Lithosphäre, die unter zu starken Spannungen zerbricht
(anstatt sich plastisch zu verformen) ist auf einer planetaren Längenskala zulässig; wenn man dagegen
Viskosität und Schermodul innerhalb der Lithosphäre betrachtet (-> Rheologie der Erde), ist dies nicht
richtig, weil in der unteren Kruste auch plastisches Fliessen auftritt.
Eine Übersicht über die heutigen Platten:
(Jeder kennt:)
AN, Antarktika; AU, Australia; EU, Eurasia, NA North America; NB Nubia (d.h.Afrika); PA, Pacific;
SA, South America
(Wer diese Vorlesung gehört hat, sollte noch diese kennen:)
AR, Arabia; B, Borneo; CA, Caribbean; CO, Cocos; IN, India; JF, Juan de Fuca; NZ, Nazca;
SC,Scotia Sea; SM, Somalia
(Bei der 3. Gruppe sind die Grenzen nicht so klar und zT nicht durch Subduktion oder
mittelozeanischen Rücken, sondern durch starke Seismizität definiert)
CL, Caroline; I, Indo-China, NC North China; OK Okhotsk; Y, Yangtze
Wir nehmen die Vorstellung der realexistierenden Platten zum Anlass, drei verschiedenen Szenarien
von Platten-Relativbewegungen zu definieren: ridge – die Platten bewegen sich auseinander
(mittelozeanischer Rücken, z.B. mid atlantic ridge und east pacific rise), trench – die Platten bewegen
sich gegeneinander, so dass eine abtauchen muss (Tiefseegraben, z.B. Tonga-Fidji oder Mariannen),
und transforms – die Platten verschieben sich horizontal gegen einander (Transformstörung, z.B. SüdNeuseeland).
Die Kinematik der Platten beschreiben wir zunächst, unter der Annahme, dass die Erde eine Scheibe
ist, mit Euler Polen (dieses Konzept lässt sich dann gut auf eine kugelförmige Erde übertragen, s.u.).
Kinematik bedeutet Beschreibung der Bewegungen, jedoch (im Gegensatz zur Dynamik) nicht eine
Suche nach den Ursachen der Bewegung – die Einordnung dieser Kinematik in 4.1 ist also etwas
zufällig, aber wir können einige der hier eingeführten Begriffe am Ende von Kap. 4.2, wo wir
zwischen den beiden Szenarios ‚konvektionsgetriebene Plattentektonik‘ und ‚Plattengetriebene
Konvektion‘ unterscheiden wollen, ganz gut gebrauchen.
Die einfachste Plattenbewegung auf einer platten Erde ist eine kreisförmige Platte, die um ihren
Mittelpunkt rotiert. Dieser Mittelpunkt ist ihr Euler Pol, und der gesamte Rand der Platte ist eine
Transformstörung, längs derer die kreisförmige Platte sich relativ zu einer anderen, sie umgebenden
Platte bewegt. Eine etwa realistischere Plattenbewegung entsteht, wenn sich anstelle eines Vollkreises
nur ein Kreissegment verdreht, und der Euler Pol jetzt wieder der Punkt ist, um den sich die Platte
dreht, dieser Pol möge aber ausserhalb des Kreissegments liegen (Zeichnung!)
Wenn das Kreissegment wie ein Tortenstück aussieht, haben wir am äusseren und am inneren
Kreisausschnitt wieder Transformstörungen, an einer radialen Plattengrenze ein rift und an der anderen
einen trench. Wenn wir keine Kreisbewegung, sondern eine einfache lineare horizontale Verschiebung
wollen, muss der Abstand der Platte zu ihrem Euler Pol unendlich sein. Diese letzte Bedingung zeigt
schon eines der Probleme mit der Erde als Scheibe!
Beim Übergang zu einer kugelförmigen Erde entspricht dem Euler Pol im Unendlichen jetzt ein
solcher im Pol im Abstand von 90° (auf einem Grosskreis), und der linearen Verschiebung entspricht
eine Verschiebung längs eines Grosskreises. Vom Euler Pol aus gesehen ist diese Verschiebung aber
eine Drehbewegung! Jede Plattenbewegung auf der Kugeloberfläche kann und muss als
Drehbewegung verstanden werden. Den Euler Pol findet man, wie bei der ebenen Erde, indem man an
mindestens zwei Stellen einer Transformstörung je eine zur TS senkrechte Linie (eine Art
Radiusvektor in Bezug auf den Euler Pol) konstruiert, der EP ist der Schnittpunkt diese Linien.
Beim Vergleich des Tortenstück-Modells (mit gebogenen Transformstörungen und zu denen senkrecht
senkrechten rifts) mit realen Daten (sehr gut: der mittelatlantische Rücken im Südatlantik!) müssen
wir das Bild von den kreisförmigen Transformstörungen noch dahingehend abgeändert, dass die
Transformstörungen von kurzen, aber wieder auf ihnen senkrechten, rifts unterbrochen werden. Der im
Grossen Nord-Süd verlaufende mittelatlantische Rücken setzt sich also aus vielen kleinen TS und rifts
zusammen, weil Plattentektonik auf einer Kugeloberfläche nur Drehbewegungen zulässt. – Beim
Finden des Euler Pols muss noch zwischen scheinbarem und wahren Trend der Transformstörungen
unterschieden werden, letzteren findet man durch der Verschieben der TS längs der rifts, so dass sich
wieder ein durchgehendes Kreisstück ergibt.
Zwei weitere Methoden, den Euler Pol zu finden: 1) slip vectors, mit denen die Ausbreitungsrichtung
von an Transformstörungen entstandenen S Wellen (und damit die Richtung der transform) gefunden
wird. 2) Mit Hilfe des seafloor spreading (Kap. 2.2) wird die lineare Plattengeschwindigkeit (z.B. in
mm/jahr) als Funktion des Abstandes vom (angenommenen) Euler Pol gemessen (Zeichnung); für ein
ridge entlang eines Grosskreises mit zwei Euler Polen im Abstand von 180° ergibt dies eine
Sinuskurve mit v  0 an den EP und v  vmax in der Mitte, nur für einen falsch angenommen Euler Pol
verschiebt sich dieses Maximum. Jetzt wird auch klar, warum Plattenbewegungen nicht wirklich in
mm/jahr, sondern in °/my (Grad pro Millionen Jahren) angegeben werden.
4.2 Plattengetriebene Konvektion
Im Modell der konvektionsgetriebenen Plattentektonik hat die Plattenbewegung keine Rückwirkung
auf das Geschwindigkeitsfeld, d.h. auf die Bewegung des Mantelmaterials. Zumindest 3 Mechanismen
für eine solche Rückwirkung sind aber vorstellbar:
1) slab pull: der bei der Subduktion in den Mantel abtauchende Teil ozeanischer Lithosphäre ist
kühler und deshalb dichter als der umgebende Mantel, er ‚fällt‘ in diesen; der Vorgang stellt
Bewegungsenergie zur Unterstützung der Konvektion bereit. Quantitative Abschätzung:
Ein Slab (=subduzierende Platte) der Mächtigkeit d und Breite W möge bis zur Tiefe D in den
Mantel mit einem Temperaturunterschied T zwischen z=0 und z=D eintauchen. Seine
Dichteanomalie (bei einem mittleren Temperaturunterschied T / 2 zum umgebenen Mantel) und
sein Volumen sind T und dWD; die (nach unten gerichtete) Auftriebskraft ist also
FB  ( T / 2)dWDg .
Diese ‚negative‘ Auftrieb wird durch viskose Reibung kompensiert, die zugehörige Kraft kann, wie
im Laborversuch, als proportional zur Viskosität  , Fläche DW und Plattengeschwindigkeit v so
wie umgekehrt proportional zur ‚Mächtigkeit der Flüssigkeits-Schicht‘ angenommen werden. Als
Mächtigkeit wählen wir die halbe Länge L/2 der Platte – in der Annahme, dass L auch die
(horizontale) Grösse einer Konvektionszelle ist und dass die Flüssigkeit zwischen der
Subduktionszone und einem hypothetischen Fixpunkt in der Mitte der Konvektionszelle geschert
vDW
wird: FV 
L/2
Aus der Gleichsetzung FB  FV ergibt sich die Geschwindigkeit des abtauchenden slabs
v
TdLg
4
Wir übernehmen
2
1
6 m
,
  10
,
  4000kg / m , g  10m / s ,   3 *10
K
s
aus Kap. 3, aber T  1400K (Temperaturunterschied nicht für den ganzen Mantel, sondern nur
3
2
5
zwischen ‚unten‘ und ‚oben‘ bezüglich des abtauchenden slabs) und   10
22
kg
, und setzen
m*s
noch L  3 *10 6 m , und wählen als Mächtigkeit des slabs d=30000m, und erhalten
v  3 *10 9 m / s  0.1m / Jahr .
2) ridge push: Die ozeanische Platte verjüngt sich – nicht nur in bezug auf ihr Alter, sondern
auch in bezug auf ihre Mächtigkeit, zum Mittelozeanischen Rücken hin. Dort entsteht also eine Art
schräger Rampe, auf der die Platte herunterrutscht – auch dieser Vorgang stellt Bewegungsenergie
zur Unterstützung der Konvektion bereit.
3) Durchgang der subduzierenden Platten durch Phasengrenzen im oberen Mantel. Phasengrenzen
(PG) wurden wegen des sprunghaften Anstiegs der seismischen Geschwindigkeiten zuerst mit
seismologischen Methoden gefunden. An der PG in 410 km Tiefe ändert sich die Kristallstruktur
des Olivins (Mg , Fe) 2 SiO4 , aus dem der obere Mantel grösstenteils besteht, vom Olivingitter zum
sog. Spinellgitter (dichtere Kugelpackung. Das Material ist weiterhin Olivin, der Name des
Kristallgitters ist von dem Halbedelstein Spinell entlehnt, der das gleiche Gitter hat. Diese
Phasengrenze ist physikalisch, nicht chemisch, weil die Komposition des Materials sich nicht
ändert). An der PG in 660 km Tiefe ändert sich auch die chemische Komposition, und unterhalb
haben wir anstelle des Olivins Perovskit (Mg , Fe) SiO3 und Magnesiowüstit (Mg , Fe)O .
Die Phasengrenze in 410 km Tiefe ist exotherm – dies bedeutet, dass sie im p-T Diagramm durch eine
monoton steigende Funktion dargestellt wird (positiver Clayperon slope): Zu einer niedrigeren
Temperatur gehört, an der PG, ein niedrigerer Druck. Ein abtauchende, kalte Platte (jawohl, sie ist
auch nach 100 Millionen Jahren noch kälter als der sie umgebende Mantel – wer es nicht glaubt,
berechne bitte die Abkühlzeit bei der geothermischen Diffusion, in Abhängigkeit von der Grösse des
zu kühlenden Körpers) verringert also den Druck an der PG, so dass sich die dichtere, unter der PG
befindliche Hochdruckphase scheinbar der Platte ‚entgegenwölbt‘ und eine positive Dichteanomalie
erzeugt, die zu einem zusätzlichen gravitativen Zug nach untern führt – dies ist vermutlich ein
effektiverer slab pull als der unter 1) genannte Mechanismus.
Dagegen ist die Phasengrenze in 660 km Tiefe endotherm und der Clayperon slope ist negativ: Alle
o.g. Argumente drehen sich jetzt um diese PG ‚behindert‘ das Eintauchen der Platte in den unteren
Mantel.
Nb. Jetzt kann man sich natürlich fragen, ob die subduzierenden Platten es überhaupt bis in den
unteren Mantel ‚schaffen‘. Viele Studien in seismischer Tomographie in den 90er Jahren fanden
Übereste von ozeanischen Platten, die entweder horizontal an der 660 km PG ‚entlangschrammen‘
oder aber in den unteren Mantel vordringen. Die o.g. Frage ist wegen des geringen räumlichen
Auflösungsvermögens von seismischer Tomographie in diesen Tiefen nur schwer zu beantworten – als
wahrscheinlichst Antwort gilt heute ‚es gibt beide Szenarien‘.
Bis jetzt haben wir 3 mögliche Rückwirkungen der Plattentektonik auf das Geschwindigkeitsfeld im
Erdmantel kennengelernt, so dass „plattengetriebene Konvektion“ gegenüber
„Konvektionsgetriebener Plattentektonik“ zumindest möglich erscheint. Können wir das
‚Funktionieren‘ beider Szenarios in Bezug auf ihre Vorhersagen zum Auftreten von ridges, transforms
und trenches, wie in 4.1 eingeführt, gegen einander abwägen? Ja, nämlich anhand von
1) Ridge offsets, also der Beobachtung, dass wir anstelle langer ridges Transformstörungen haben, die
von kurzen, aber wieder auf ihnen senkrechten, rifts unterbrochen werden. Im Bild der
konvektionsgetriebenen Plattentektonik sollten wir stattdessen lange ridges sehen, die genau über
den Aufströmen zwischen den Konvektionszellen liegen. Das 2. Szenario erklärt das Auftreten der
ridge offsets besser, weil ein grossräumiger mittelozeanischer Rücken wie der atlantische (der in
Wirklichkeit aus kurzen ridges und transforms besteht), nicht notwendig der Grenze zwischen
zwei Konvektionszellen folgen muss – nur die transforms geben die tatsächliche Richtung
desMantelflusses an.
2) Jumping ridges, also die Beobachtung, dass ridges in Zeitabständen von wenigen Millionen Jahren
ihre Lage und Richtung ändern können. Der jüngere ridge ist dabei senkrechter zur Richtung des
spreadings als der ältere. Im 1. Szenario brauchen wir zur Erklärung schnelle Änderungen der
Lage von kleinräumigen Konvektionszellen, im 2 .Szenario dagegen nur langsame Änderungen der
Konvektionsbewegung, auf die die ozeanische Lithosphäre mit der Ausbildung neuer Risse
(cracks) reagiert. (Nach Cox & Heart – ist das wirklich überzeugend? Weiss doch keiner, wie
chaotisch und auch kleinräumig die Konvektion wirklich ist....)
3) Ridge meets trench – was passiert eigentlich, wenn ein mittelozeanischer Rücken subduziert wird?
Wenn, wie im 1. Szenario, ridges bzw. trenches genau über Auf- bzw. Abströmen von Mantel
liegen, dann müsste jetzt die Konvektion selbst behindert werden, weil Auf- und Abstrom
zusammenkommen und sich auslöschen. Im 2. Szenario wird nur die Platte zwischen ridge und
trench verschluckt.
4.3 Die Plume-Hypothese
Die meisten Vulkane auf der Erde sind durch Subduktion entstanden und befinden sich in
unmittelbarer Nähe (max. 200 km) von Subduktionszonen – verkürzt dargestellt transportiert die
Subduktion u.a. junge ozeanische Sedimente in den Mantel, und das darin enthaltene Wasser verringert
die Schmelztemperatur und macht Schmelzen wahrscheinlicher als anderswo – Genaueres siehe Kap.
5. Es gibt aber auch 50 – 100 (diese Zahl wird später diskutiert) Intraplattenvulkane, deren Entstehung
nicht mit den in 4.1 und 4.2 diskutierten Konvektionsmechanismen verknüpft zu sein scheint – ein
Musterbeispiel ist Hawaii. Die Lage dieser Vulkane korreliert keineswegs mit den Plattengrenzen, aber
‚etwas‘ mit langwelligen Geodanomalien, die durch räumliche Temperaturvariationen im unteren
Mantel entstehen. Die attraktivste Hypothese zur Entstehung dieser Intraplattenvulkane ist die von
Wilson, dass sie Oberflächensignaturen von an der Kern-Mantelgrenze aufsteigenden Aufströmen
verringerter Viskosität, sogenannter ‚Plumes‘ sind. Zur Unterscheidung von den ‚echten‘ Vulkanen
wurden sie auch hotspots genannt. In den guten alten Zeiten (also bis etwa 1998) glaubten die meisten
Geowissenschaftler, dass die Plumes fest an der Kern-Mantelgrenze ‚kleben‘ und die durch
Konvektion verursachten Horizontalbewegungen nicht oder nur mit sehr viel geringerer
Geschwindigkeit mitmachen; während die vertikale Geschwindigkeitskomponente des PlumeMaterials wegen der verringerten Viskosität um eine Grössenordnung höher ist als die der
Plattenbewegungen – etwa 1m/a. Da wir an der Erdoberfläche nicht die Kernmantelgrenze, sondern
die sich bewegenden Platten sehen, bot die Vorstellung von den stationären Plumes die Möglichkeit,
einen festen Bezugsrahmen, den hot spot refence frame zu definieren, relativ zu dem sich das
Mantelmaterial und die Platten bewegen.
Die zunächst recht spekulative Hypothese hatte schnell Unterstützung der Geochemiker, die die
chemische Komposition und vor allem Isotopenverhältnisse von Erdmaterialien untersuchen: Die
chemische Zusammensetzung von Laven aus den hotspots und von Laven aus mittelozeanischen
Rücken (MORB – mid ocean ridge basalt) erwies sich als unterschiedlich – ein Hinweis darauf, dass
diese verschiedenen Vulkane aus verschiedenen Reservoiren gespeist werden, wenn auch kein
Nachweis, dass die Plumes von der Kern-Mantelgrenze kommen. Schliesslich gibt es aber
geochemische Hinweise darauf, dass das Material in den Plumes Überreste ozeanischer Kruste enthält,
dies wäre dann eine Unterstützung der Hypothese von den bis in den untersten Mantel abgetauchten
subduzierten Platten.
Insgesamt kann als eine der stärksten Aussagen der Geophysik gelten, dass – infolge der Konvektion –
das Material im Mantel vermischt wird; und als die wohl stärkste Aussage der Geochemie, dass
bestimmte Reservoire gerade nicht vermischt werden.
Die Vorstellung von den ortsfesten hotspots war nie ganz unangezweifelt: Wenn sie streng richtig
wäre, müssten die anderen hotspots mit Vulkanen in der pazifischen Platte – z.B. Marquesa, Pitcairn
und die Osterinseln – infolge der Plattenbewegung sea mount chains von der gleichen Form wie die
Hawaii-Emporer chain produziert haben. Steinberger und O’Connell (1998) zeigten mit
geodynamischen Modellrechnungen, dass die Konvektion die Plume-Aufströme verbiegen und
‚zerreissen‘ kann.
Schliesslich sollen zusammen mit den Plumes noch die flood basalts erwähnt werden. Diese wirken
zunächst wie (geologisch alte) Oberflächensignaturen von Plumes, nur mit einer um 10 4...108 höheren
Förderrate an basaltischem Magma. Ein typisches Beispiel sin die indischen Deccan flood basalts, die
heute als eine (auf einer geologischen Zeitskala) kurzfristige Erhöhung der Fördermenge des heute
unter Reunion befindlichen hotspots vor 65 Millionen Jahren interpretiert werden. Da dieses Alter
genau mit der Kreide-Trias Grenze zusammenfällt, wird der ‚Super-Vulkanausbruch‘ von einigen
Autoren für das Massensterben am Ende der Kreidezeit verantwortlich gemacht. Genauso bekannt ist
die Theorie, die einen gleichalten Asteroidenimpakt bei Chixilub (Yukatan) dafür verantwortlich
macht (Alvarez et al. 1980, 1984). Für den Einfluss der flood basalts auf die Evolution spricht, dass
etwa zeitgleich mit allen Massensterben (mass extinction events) der letzten 250 Millionen Jahre flood
basalts aufgetreten sind (Courtillot, 1994, 2002).
5
Plattentektonik und Subduktion
Subduktion ozeanischer Kruste an trenches (Tiefseegräben) war in der Kinematischen Betrachtung der
Plattentektonik als Methode, Lithosphäre zu verschlucken, eingeführt worden – an rifts wird dagegen
neue ozeanische Lithosphäre gebildet. Subduktion passiert auch, wenn ozeanische auf kontinentale
Lithosphäre trifft, und in diesem Fall wird die dünnere ozeanische Lithosphäre unter die mächtigere
kontinentale Lithosphäre subduziert. (Achtung: Es ist nicht wirklich die grössere Mächtigkeit, sondern
die geringere Dichte, die die kontinentale Lithosphäre oben hält; dagegen unterstützt der
Dichteüberschuss der abtauchenden, gegenüber dem umgebenen Mantel kühleren ozeanische
Lithoshäre ihre Subduktion – Kap. 4.2) Die Frage, warum ozeanische Lithosphäre dünner ist als
kontinentale, führt natürlich gleich auf die nächste Frage nach der Entstehung dieser beiden
Lithosphärenarten, oder, noch fundamentaler: Warum gibt es überhaupt zwei grundsätzlich
unterschiedliche Typen von Lithosphäre- mit Altersbandbreiten von 0-250 Millionen Jahren für die
ozeanische, aber 0 – 3.5 Milliarden jahre für die kontinentale Lithosphäre? Und was passiert, wenn
zwei Abschnitte kontinentaler Lithosphäre auf einander treffen?
5.1 Ozeanische Lithosphäre und Inselbögen
Ozeanische Lithosphäre entsteht an mittelozeanischen Rücken (da diese nicht notwendig in der Mitte
eines Ozeanes sein müssen – Beispiel East Pacific Rise – ist der Begriff ungeschickt, besser ridge,
spreading center), wenn mid ocean ridge basalts (MORB) an die Oberfläche gelangen und abkühlen
(hier wird die Diskussion der Frage vermieden, aus welcher Tiefe diese basaltische Lava kommt, und
ob der Prozess Teil einer Konvektionszelle ist, s. 4.1 und 4.2). Die Mächtigkeit der Ozeanischen
Lithosphäre ist über die thermische Diffusion direkt an ihr Abkühlungsalter und dieses, wie unter dem
Stichwort seafloor spreading erklärt, an die Entfernung vom spreading center geknüpft: Solange die
Plattengeschwindigkeit unverändert bleibt, gibt es eine lineare Beziehung zwischen dieser Entfernung
und dem Alter, und dieses Alter ist wiederum mit der Eindringtiefe der geothermischen Diffussion
verknüpft, wie wir es in 3.1 für die kennengelernt haben. Wenn wir also das Abkühlalter in
horizontaler und die Eindringtiefe in vertikaler Richtung auftragen, ergibt sich eine liegende Parabel,
die gerade die Mächtigkeit der (abgekühlten) ozeanischen Lithosphäre als Funktion des Abstandes
vom ridge oder spreading center beschreibt.
Wenn zwei ozeanische Lithosphärenabschnitte auf einander treffen, wird einer subduziert. Die Form
dieser Subduktionszone im Kartenbild (Ansicht von oben) kann ein Bogen sein (Beispiel
Aleutenbogen), dessen Krümmungsradius vom Abtauchwinkel abhängt. Weil Subduktion ein
effektiver Transportprozess für (in Seesedimenten eingeschlossenes) Wasser ist, transportiert die
Subduktion Wasser in den Mantel. Weil Wasser die Schmelztemperatur senkt, ist in etwa 100-150 km
Tiefe die Schmelztemperatur in der Umgebung der abtauchenden Platte mit der tatsächlichen
Temperatur (1000 °K) vergleichbar, so dass eine – vermutlich wässrige – Schmelze entsteht.
(Einschub: Was ist Schmelztemperatur?) Diese ist für den Inselbogenmagmatismus verantwortlich:
‚Hinter‘ der Subduktionsfront entsteht eine ebenfalls bogenförmige Vulkankette, wobei der Abstand
wieder vom Abtauchwinkel der subduzierenden Platte abhängt – bei 45° also 100-150 km.
Beispiele für oz-oz Subduktion mit Inselbögen am Westrand der Pazifischen Platte sind Tonga, Neue
Hebriden, Solomon-I., Mariannen, Kurilen, Aleuten, ausserdem Sunda-Banda südlich der Borneo
Platte, sowie die kleinen Antillen und der Ostrand von Scotia Sea im Atlantik.
5.2 Gebirgsbildung I : Der aktive Kontinentalrand
Wenn ozeanische Lithosphäre unter kontinentale subduziert, entsteht ein aktiver Kontinentalrand (was
ist ein passiver KR?). Das Zusammenspiel von Subduktion und Magmatismus ist hier zunächst ähnlich
wie bei der Kollision zweier ozeanischer Lithosphärenabschnitte; und 100 –150 km hinter der
Subduktionsfront haben wir wieder Vulkanismus. Die geochemische Zusammensetzung der
Schmelzen ist aber anders und sehr viel variabler als beim Inselbogenvulkanismus, ausserdem sind die
Laven im Vulkanismus an aktiven Kontinentalränder reich an Silikaten. Dies und die grössere
Variationsbreite der geochemischen Zusammensetzung kann zumindest qualitativ mit der Perkolation
durch die kontinentale Kruste erklärt werden, bei der die Schmelze chemisch mit Krustenmaterial
reagiert. Anders als bei der oz-oz Kollision verdickt sich die ‚obere‘ Platte (d.h. die kontinentale
Lithosphäre wird über der Subduktion noch mächtiger). Die möglichen Gründe: Kompression in
Richtung der Kollision, Anreicherung der Kruste durch Schmelzen, die nicht vollständig an die
Erdoberfläche vordringen, und schliesslich Isostasie: Die beiden erstgenannten Mechanismen führen
auf Gebirgsbildung, also entsteht wegen des unter 1.1 beschriebenen isostatischen Ausgleichs auch
eine Gebirgswurzel (hist: Tatsächlich wurde die Isostasie zuerst am Beispiel eines aktiven
Kontinentalrandes - Anden - quantitativ beschrieben (Airy, 1855; Pratt, 1855) der freilich damals
nicht als solcher erkannt wurde). Mit geophysikalischer Exploration der Kruste wurde lange
versucht(bis 1995?), Schmelzen in der Kruste zu erkennen – besonders mit Seismologie
(Abschwächung der Amplituden seismischer Wellen durch Schmelzen) und Elektromagnetischer
Tiefenforschung (Erhöhung der elektrischen Leitfähigkeit durch Schmelzen).
Können aktive Kontinentalränder zur Entstehung kontinentaler Lithosphäre beitragen? Ein möglicher
Mechanismus ist die Akkretion von von Mikrokontinenten (Terraenen‘), welche in die subduzierte
ozeanische Lithosphäre eingechlossen sind, durch die kontinentale Platte. Zwar sind in der ‚jetzigen‘
geodynamischen Situation nur wenige solcher Mikrokontinente bekannt (Japan, Neuseeland), aber eine
geologische Karte Nordamerikas zeigt, dass dieser Mechanismus für Bildung des Westteils
Nordamerikas mit verantwortlich war. Auch Mitteleuropa....
Beispiele für aktive Kontinentalränder sind grosse Teile der amerikanischen Westküste: Cascaden,
Mittelamerika, Anden; sowie Alaska (östlich des oz-oz Aleutenbogens). Schliesslich gibt es den
aktiven Kontinentalrändern verwandte Subduktionssysteme unter den Kontinentalen Mikroplatten
Japan, Neuseeland, Sumatra (westlich des oz-oz Inselbogens Sunda-Banda) und Agäis.
5.3 Gebirgsbildung II: Kontinent-Kontinent-Kollisionen
Es gibt nur wenige Beispiele rezenter Kontinent-Kontinent Kollisionen, daher schwierig, allgemeine
Regeln zu formulieren. Vermutlich keine Subduktion – soweit (zB mit seism. Methoden)
Subduktionszonen sichtbar, enthalten diese vermutlich ozeanische Teile einer Lithosphärenplatte, die
subduziert wurden, bevor der kontinentale Teil kam.- Beispiel: nach Süden abtauchende
Krustenwurzeln unter den Alpen – Kollision der Europäischen mit der Nubischen Platte, Schliessung
der Thetys, deren ozeanische Lithosphäre vorher subduziert wurde (ein kleiner Teil davon ist aber
noch da, im Mittelmeer, aber vermutlich auch in den Kalkalpen)
Wenn kein Material subduziert wird, was passiert dann damit? Es wird in die für den isostatischen
Ausgleich notwendige Gebirgswurzel eingebaut.
Beispiele für Kontinent-Kontinent Kollisionen sind das Himalaya und die Alpen.
5.4 Zusammenfassung: Der Wilson-Zyklus
Wilson (1966) schlug ein Model zyklischer Kontinentalverschiebung vor, dabei war das Öffnen und
Schließen des Atlantischen Ozeans das Vorbild. Der Wilson-Zyklus beginnt mit dem Aufbrechen eines
Kontinents längs eines rift valley (‚gegenwärtiges’ Beispiel: Kenia Rift). Der 2. Schritt ist die Bildung
eines ridge oder spreading center (Beispiel: Rotes Meer) und der 3. Schritt die Bildung eines Ozeanes
(Beispiel: Atlantik) mit zunächst passiven Kontinentalrändern. Die ozeanische Lithosphäre wird an
den Rändern immer mächtiger, im 4. Schritt ‚sinkt’ sie und wird unter den Kontinentalrand subduziert,
der dabei zum aktiven Kontinentalrand wird. Die gesamte ozeanische Lithosphäre zwischen ridge und
aktivem Kontinentalrand wird subuziert, bis das ridge selbst subduziert wird (Schritt 5, Beispiel: die
Juan de Fuca ridge wird unter die nordamerikanische Westküste subduziert). Danach wird die
restliche ozeanische Lithosphäre subduziert, und die beiden ursprünglich auf zwei
‚gegenüberliegenden’ Seiten des Ozeanes gelegenen Kontinente stoßen zusammen (Schritt 6, Beispiel:
Himalya)
6
Subduktion und Erdbeben
Erdbeben entstehen, wenn sprödes Material einem plötzlichen Druck ausgesetzt wird, oder eine
vorhandene Spannung plötzlich weggenommen wird. Das erste Beispiel beschreibt die Situation in der
aktiven Seismik (Gestein wird mit Hammer oder Sprengstoff erschüttert), das zweite Beispiel
beschreibt die Entstehung von Erdbeben an Transformstörungen und Subduktionszonen, wo durch die
Relativbewegungen von Platten gegeneinander Spannungen aufgebaut werden, denen das Material
irgendwann nicht mehr standhält. Die zeitliche Festlegung ‚irgendwann‘ soll keine postmoderne
Beliebigkeit in die Argumentation einführen, sie weißt vielmehr auf die Hypothese hin, dass die
zeitliche Abfolge von Erdbeben ein chaotischer Prozess und prinzipiell nicht vorhersagbar ist. Keine
Hypothese mehr, sondern eine schon vor der Beschreibung vieler natürlicher Geometrien durch
Fraktale in den 1980er Jahren bekannte Tatsache ist die empirisch gefundene Häufigkeitsverteilung
der Erdbeben in Abhängigkeit von ihrer Magnitude – heute ein Musterbeispiel für eine fraktale
Verteilung in der Geophysik.
6.1 Der Modellkörper von Saint-Venant
Rheologische Modellkörper sind uns in Kap. 1-3 begegnet; zur Erklärung von Erdbeben an
Subduktionszonen kommt hier der Modellkörper von Saint-Venant hinzu. Er besteht aus einem
Schiebeblock über einer planen (oder rauhen) Oberfläche, der, solange er noch in Ruhe ist, einer ihn
verschiebenen Kraft eine Haftreibung entgegensetzt; wenn er erst einmal in Bewegung ist, wird diese
Haftreibung durch eine geringere Gleitreibung ersetzt. Ein Spielzeugmodell zur Erklärung periodisch
wiederkehrender Erdbeben ist die Reihenschaltung des Saint-Venant Körpers mit der Hooke’schen
Feder, an der ein velocity driver mit konstanter Geschwindigkeit zieht. Dieses Modell enthält die
Relativbewegung der Platten zueinander, den Aufbau einer Spannung in einem elastischen Medium
sowie den spröden Bruch, wenn diese Spannung zu gross wird. Es ist anschaulich, dass in diesem
einfachsten Modell die zeitliche Abfolge von ‚ruhendem‘ und ‚sich bewegenden‘ Schiebeblock
periodisch ist (Rechnung in Turcotte 1997).
Dagegen können bereits zwei mit einer weiteren Hooke’schen Feder gekoppelte Schiebeblöcke
(Zeichnung) chaotisches Verhalten zeigen, wenn das Verhältnis der Federkonstanten in einer
bestimmten Bandbreite ist (Rechnung in Turcotte 1997; was ist chaotisches Verhalten genau? Die
Observablen – in diesem Fall die Auslenkungen der beiden Blöcke – spannen einen – in diesem Fall
zweidimensionalen – Phasenraum auf. Bei periodischem Verhalten ergibt sich eine stets
wiederkehrende Trajektorie in diesem Phasenraum, bei chaotischem Verhalten wird ein
nichtverschwindener Anteil des Volumens – in diesem Fall eine Fläche – des Phasenraumes
abgedeckt).
Natürlich beschreibt auch das Modell von zwei gekoppelten Schiebeblöcken das Verhalten von Platten
an Subduktionszonen nicht. Dieses Modell transportiert nur den folgenden Gedankengang: Wenn
schon ein so stark vereinfachtes Modell auf einen chaotischen zeitlichen Verlauf führt, dann ist ein
solcher Verlauf bei einem realistischeren und sehr viel komplizierteren Modell (wir denken an eine
Reihen- und Parallelschaltung von vielen Schiebeblöcken mit unterschiedlichen Feder’konstanten‘, die
ausserdem noch nach jeder Bewegung ihren Elastitizitätsmodul ändern mögen....) wahrscheinlich.
6.2 Die Benioff-Zonen
Lange bevor Erdbeben als Folgeerscheinungen von Versetzungen an abtauchenden Platten verstanden
waren, hatte H. Benioff die Lage und Tiefe von Erdbebenherden bestimmt (Nomenklatur: Epizentrum
= Projektion der Herdposition auf die Erdoberfläche, Hypozentrum = Herposition incl. Tiefenangabe):
Für einen Vertikalschnitt in einer bestimmten Richtung – mit unserem heutigen Wissen: senkrecht zur
Subduktionsfront - ergab die gleichzeitige Auftragung vieler Hypozentren eine schräg in den Mantel
zeigenden Linie, mit Tiefen bis maximal 670 km.
Während das einzelne Erdbeben kaum vorhersagbar ist (Kap. 6.1), kann die Wahrscheinlichkeit für das
Auftreten von Erdbeben über einer bestimmten Magnitude innerhalb langer Zeiträume recht gut
angegeben werden. Wenn N die Häufigkeit von Erdbeben mit Oberflächenmagnituden grösser M s ist,
ergibt sich die Verteilung
log N  const  b * M s
(6.7)
Weil M s auch ein logarithmisches Mass ist, ist (6.7) eine fraktale Verteilung (1. Was ist eine fraktale
Verteilung 2. Gibt es andere fraktale Verteilungen in der Geophysik?). Beispiel: Im Zeitraum 19181955 gab es 10 Erdbeben mit M s  8.6 , 84 Beben mit M s  7.9 und 868 Beben mit M s  7.0 . Ein
globaler Mittelwert für b ist 1, mit Abweichungen zu kleineren b in Gebieten mit hohen mechanischen
Spannungen, tiefen Erdbeben und kontinentalen Riftsystemen (-> Bevorzugung starker Beben
gegenüber der globalen Verteilung).
7 Erdbeben und Seismologie
korrigiert 19.11.08
Die Gesetze der Optik über Reflexion und Brechung lassen sich weitgehend auf Schallwellen
übertragen, wenn wir ‚Lichtgeschwindigkeit’ durch ‚Schallgeschwindigkeit’ und ‚optischer dichter’
durch ‚langsamer’ (Medium mit geringerer Schallgeschwindigkeit) ersetzen. Der gebogene Verlauf
von Erdbeben’strahlen’ im Erdmantel entsteht durch eine kontinuierliche Zunahme der
Schallgeschwindigkeit mit der Tiefe. Außerdem gibt es Diskontinuitäten in 410 und 660 km Tiefe sowie
an der Kern-Mantelgrenze in 2900 km Tiefe und zwischen dem äußeren und dem inneren Kern; an
diesen Diskontinuitäten ändert sich die Schallgeschwindigkeit sprunghaft und es treten Reflexionen
auf. Die Analogie zur Optik ist nicht perfekt: Zusätzlich zu Transversalwellen (das Material schwingt
senkrecht zur Ausbreitungsrichtung, so wie das elektrische und das magnetische Feld von Lichtwellen)
treten Kompressionswellen auf, bei denen das Material in Ausbreitungsrichtung schwingt. Diese
Wellen können Flüssigkeiten durchdringen, während Scherwellen die Rückstellkräfte im Kristallgitter
brauchen. Mit der Koexistenz von Kompressions- und Scherwellen, die in der Geophysik wegen der
unterschiedlichen Schallgeschwindigkeiten (s. 7.8, 7.9) auch als p- und s-Wellen (primäre, sekundäre
Ankunft der Welle beim Seismographen) wurde der flüssige äußere Erdkern entdeckt. Das
gleichzeitige Auftreten beider Wellenarten im Mantel hatte zu einer langen Diskussion über die
‚Flüssigkeit’ des Mantels geführt (s. Kap. 1 und 3.2). Erdbeben mit Magnituden über 4 stellen so viel
Energie bereit, dass die Erdbebenwellen den gesamten Erdkörper durchlaufen und danach immer
noch aufgezeichnet werden können. In allen einführenden Darstellungen der Geophysik wird
beschrieben, wie in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhundert der schalenförmige Aufbau des
Erdkörpers mit Raumwellen (zusammenfassende Bezeichnung von P- und S-Wellen, im Gegensatz zu
Oberflächenwellen) gefunden wurde. Für unser Thema ‚Plattentektonik’ ist jedoch nicht dieser
schalenförmige Aufbau, sondern Abweichungen davon interessant – diese Abweichungen werden
durch langsame Strömungen im Mantel, abtauchende ‚slabs’, Plumes usw. erzeugt. Hier haben vor
allem Untersuchungen von Oberflächenwellen (Abschnitt 7.2) und die seismische Tomographie
(Abschnitt 7.4) Beiträge geliefert. Für den Physiker ist zunächst die Ableitung der Wellengleichung
interessant, oder die Antwort auf die Frage ‚Was breitet sich mit Schallgeschwindigkeit aus?’.
8
Seismologie und Anisotropie
So wie wir im letzten Kapitel – mit einigen Modifikationen und Einschränkungen – von der Optik zur
Seismologie gelangt sind, so können wir jetzt den Begriff der Polarisation auf seismische Scherwellen
übertragen.
8.1 SKS splitting
SKS ist eine Welle, die als P-Welle durch den Kern gegangen ist und
etwa senkrecht (‚von unten’) einfällt. Wenn diese Welle eine Zone
azimuthaler seismischer Anisotropie (anisotrop bezüglich der
seismischen Geschwindigkeiten v sx , v sy in x, y-Richtung) durchlaufen
hat, dann kommen anstatt einer S-Welle zwei unterschiedlich
polarisierte Scherwellen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und deshalb unterschiedlichen
Ankunftszeiten an.
Es sind Laufzeitunterschiede t  1s gemessen worden, aus ihnen lassen sich mit Modellannahmen
v
über das Ausmass der Anisotropie ( z.B. sx
 1.03) Aussagen zur Mächtigkeit der anisotropen
v sy
Schicht gewinnen – oder umgekehrt lässt sich aus einer Annahme über die Mächtigkeit eine Aussage
über die Anisotropie gewinnen. Im Gegensatz zur Mächtigkeit kann aber die absolute Tiefe der
anisotropen Schicht aus diesen Daten nicht bestimmt werden.
Als Ursache dieser azimuthalen Anisotropie kommen in Betracht: a) in einer Richtung ausgerichtete
Risse aligned cracks die mit Flüssigkeit (Wasser, Schmelzen) gefüllt sind. b) eine Anisotropie der
Schallgeschindigkeit in Kristallen. So ist z.B. die Geschwindigkeit v s längs der a-Achse von Olivin
um 10% höher als längs der anderen Achsen. Die Interpretation der seismischen Anisotropie mit
Möglichkeit b) setzt voraus, das viele Kristalle die gleiche Orientierung haben, und Mantelfluss ist
eine mögliche Ursache für eine solche lattice preferred orientation von Olivinkristllen.
9. Anisotropie und lattice – preferred orientation
Seit Ende der 70er Jahre gab es Studien über seismische Anisotropie im obersten Mantel; trotz aller
Probleme mit horizontalem / vertikalen Auflösungsvermögen ergab sich bei den meisten Arbeiten eine
‚schnelle Richtung’ (R. mit der höheren Schallgeschwindigkeit) in Richtung der Plattenbewegung.
Allerdings kann die Richtung der heutigen Plattenbewegung erst seit ca 1990 wirklich genau mit GPS
(global positioning system) bestimmt werden, davor war man z.T. auf die zeitliche Extrapolation
paläomagnetischer Daten angewiesen.
Zwar ist aus Labormessungen der Schallgeschwindigkeit in Einkristallen – z.B. von Olivin - bekannt,
dass diese anisotrop bezüglich der seismischen Geschwindigkeiten sind, aber in einem homogenen
Mantel würden man eine regellose Verteilung der Kristalle und deshalb keine makroskopische (mit
Seismologie messbare) Anisotropie erwarten.
Azimuthale seismische Anisotropie unter Kontinenten: Daten von Vinnik et al(1992, 1994),
Montaigner (1979), Debayle & Kennett (2000) u.a Laufzeitunterschiede von 0.5-1.5 s
Erklärung I.
Anisotropie in der Lithosphäre, als Überbleibsel der Orogenese (Warum? Zur
Orogenese, z.B. bei Kontinent – Kontinent Kollisionen, gehören tektonische Kräfte
 Vorzugsrichtungen)
Erklärung II. Anisotropie unter der Lithosphäre durch lattice – preffered
orientation (LPO) von Olivinkristallen, verursacht durch die
gegenwärtige Plattenbewegung
Erklärung III. Anisotropie unter der Lithosphäre wegen Mantelfluss bei
Topographie an der Lithosphärenunterkante, oder
kleinräumiger Konvektion.
c
b
a
II, III nur möglich
weil a) v p a   v p b  aus Labormessungen
4.8 km / s
4.6 km / s
und weil b) LPO unter Scher Stress im Labor nachgewiesen (Folie)
bei beidem a) seismischer Anisotropie und b) LPO ist der Zusammenhang zwischen Labor-Skala (10-9
m3) und Seismologie-Skala (> 109 m3) problematisch: Nur bei wirklich homogenen Materialien darf
man den bei einer kleinräumigen Messung bestimmten physikalischen Parameter unverändert für ein
grosses Volumen übernehmen. Bei heterogenen Materialen (und ein Gemisch von anisotropen
Kristallen ist heterogen) kommt eine Korrektur hinzu, die sogenannte Skalierung. Auf diese
Skalierung kommen wir im Anschluss an die Messungen der elektrischen Leitfähigkeit zurück.
Wenn das Skalierungsproblem gelöst würde, dann würde mit Seismologie ein Werkzeug zur
Kartierung des Mantelflusses zur Verfügung stehen, wenn es die in Kapitel 8 angesprochenen
Probleme des Auflösungsvermögens (bei SKS vertikal, bei Oberflächenwellen horizontal) nicht
gäbe….. Warum ist eine räumlich hochauflösende Kartierung des Mantelflusses wünschenwertig?
Kann man zwischen Szenario II
und III
unterscheiden (?)
Wenn Szenario II, kann dann hochauflösende Kartierung des Mantelflusses auch zwischen 4.1 – 4.3,
nämlich konvektionsgetriebener Plattentektonik, plattengetriebener Konvektion und Plumes
unterscheiden?
 Gibt es eine andere geophysikalische Explorationsmethode, die Mantelfluss mit höherer räumlicher
Auflösung kartieren kann?
10.
LPO und Wasser im Erdmantel
10.1
Subduktion als Transportprozess für Wasser
Dass Subduktion überhaupt ein Transportprozess ist, haben
Morris et al. (Nature, Vol 344, (1990) nachgewiesen: Sie
fanden dass Beryllium – Isotop 10Be in Laven von Inselbögen.
10
Be ist ein radioaktiv Isotop mit T1/2 = 1.5 106 y, das in der
Atmosphäre durch die kosmische Höhenstrahlung gebildet
wird und dann erst in den Ozean und schließlich in Sedimente
am Ozeanboden Eingang findet. Damit überhaupt trotz der kurzen Halbwertszeit
etwas 10Be wieder im back-arc-Vulkanismus hoch kommt, muss die subduzierte
Platte etwa mit der Geschwindigkeit v  Δx T1 2  10 cm/y in den Mantel tauchen.
 Subduktion mit der Geschwindigkeit der ozeanischen Platten wie aus
Paläomagnetismus bekannt.
...
Den größten Wasseranteil in der subduzierten ozeanischen Kruste hat die ca 1 km mächtige
Sedimentesbedeckung mit Porositäten um 50%
 1 km2 ozeanische Kruste enthält 0.5 km3 Wasser!
 In 106 Jahren werden bei v  10 cm/y pro km Subduktionsfront: 100 km2 ozeanische
Kruste subduziert, die bis zu 50 km3 Wasser transportieren. Zwar wird der größte
Teil davon bereits wieder unter dem
Akkretionsprisma herausgequetscht, aber ein Teil des
Wassers gelangt in ca 100 km Tiefe und ist dort m
Vulkanismus beteiligt: Wasser verringert die
Schmelztemperatur (Harris 1972).
Metamorphosen wie Harzburgit  Serpentinit oder
Basalt  Amphibolit, bei denen Wasser oder OHGruppen in die Kristallstruktur der gesteinsbildenden
Mineralien eingebaut wird, erlauben einem Teil des
Wassers, mit dem slab bis in den mittleren Mantel zu kommen.
Granit, SiO2 : Hinweis auf Sauerstoff im Mantel
10.2
Wasserstoff – Diffusivität in Olivin
Diffusion allgemein: Transport von ‚Teilchen’ wegen eines Konzentrationsgefälles
1. Ficksches Gesetz
J n   D grad n
 m2 
D   Diffusionskoeffizient
 s 
Änderung der Teilchenzahldichte in einem Volumen
n  d i v J
2. Ficksches Gesetz
n  D div grad n  D  2 n
= Diffusionsgleichung (Kap 3: Diffusionsgleichung für Temperaturfeld)
Der Diffusionskoeffizient gibt also an, wie schnell sich ‚Teilchen’ bewegen.
Beispiel für Teilchendiffusion: Bewegung von H  Ionen in Olivinkristallen.
 Olivinkristalle sind anisotropbezüglich der Diffusionskoeffizienten, Da  40 Dc
(Mackwell + Kohlstedt JGR 1990)
Weil die Anisotropie des Olivins bezüglich der Diffusionskoeffizienten sich über die NernstEinstein-Gleichung unmittelbar in eine Anisotropie der elektrischen Leitfähigkeit umrechnen
lässt, ist die Magnetotellurik zu derjenigen Explorationsmethode geworden, mit der sich die
Richtungen der LPO im Mantel am genauesten bestimmen lassen.
11. Plattentektonik und geophysikalische Exploration: Zusammenfassung
Explorationstechniken zur Erkundung der Plattentektonik (PT)

Paläomagnetismus: indirekte Positions-Bestimmung. relativ zum Dipolfeld, auf großen
(geologischen) Zeitskalen
+ findet die ‚Lage’ (nur  ) und Orientierung der kontinentalen Platten zu
geologischen Zeiten bis ca 500.000.000 Jahren
+ PT ‚bewiesen’
- nur ‚geodätische Information, kein Beitrag zur Suche nach Antriebsmechanismus
der PT
 Global Positioning System GPS: direkte Bestimmung der jetzigen Position der
kontinentalen Anteile der Platten relativ zu Erde/Satellit im 2-Körper-Problem
+ findet die jetzigen Plattengeschwindigkeiten
- nur geodätische Information wie beim Paläomagnetismus
 Seismologie: 3D Bild des Erdinneren bezüglich v p , v s
+ findet Heterogenitäten (seismische Tomographie)
- bei LPO entweder keine Tiefenauflösung (SKS – Splitting) oder geringe
horizontale Auflösung (Anisotropie aus Oberflächenwellen)
o Aussagekraft im unteren Mantel beschränkt: räumliche Auflösung ~ 1000 km >>
Mächtigkeit der subduzierten slabs
 Elektromagnetische Tiefenforschung: 3D Bild bezüglich 
- findet Heterogenitäten mit geringerer Auflösung als seismische Tomographie (weil
Diffusionsgleichung statt Wellengleichung)
+ bei LPO gleichseitig horizontale und Tiefenauflösung
o Starke Sensitivität bezüglich Komposition (Wasser, Schmelzen) hat Vorteile (findet
geringe Mengen Wasser ....) und Nachteile (Ambiguität bei der Interpretation)

Aussagekraft im unteren Mantel ist Null
Geochemie: Unterschiedliche Komposition der Schmelzen aus 1) mittelozeanischen
Rücken 2) Inselbogenvulkane 3) hot spots
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