Das Rauschen des Geldes

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THOMAS KOEHLER / PHALANX
Wirtschaft
Wirtschaftsminister Clement*, Tankstelle, Londoner Energiebörse: Die Ausgaben wirken wie eine zusätzliche Steuer – die Konsumenten
KON J U N KT U R
Das Rauschen des Geldes
Die hohen Energiekosten gefährden den Aufschwung: Nicht nur teures Benzin und Heizöl
werden für Industrie und Verbraucher zur Last, mit Verzögerung ziehen
auch die Gaspreise an. Zentralbanker warnen bereits vor der Rückkehr der Inflation.
F
ür seine Verhältnisse fand US-Zentralbankchef Alan Greenspan deutliche Worte. „Besorgnis erregend“ sei
die Ausdauer, mit der die Energiepreise steigen, kommentierte Greenspan, ansonsten
ein Meister der vagen Vieldeutigkeit, vergangene Woche die turbulente Entwicklung
an den Ölmärkten. Die Federal Reserve
Bank (Fed), so kündigte der 78-Jährige unmissverständlich an, werde „alles Notwendige tun, um stabile Preise zu bewahren“.
Die versammelte Bankerschaft, die der
Videobotschaft Greenspans in London
lauschte, war baff. Das war keine zarte Andeutung mehr, das war ein klares Signal:
Achtung, die Inflation ist im Anmarsch!
Zuvor hatte sein europäischer Kollege
Jean-Claude Trichet vorsichtshalber schon
mal die Gewerkschaften davor gewarnt,
sich wegen der ölpreisbedingten Kaufkraftverluste zu überhöhten Lohnabschlüssen
animieren zu lassen. „Wir sind wachsam“,
versicherte der Präsident der Europäischen
Zentralbank (EZB) streng.
Das muss er auch sein. Das hohe Niveau
der Ölpreise hält die Märkte in Atem, die
Furcht wächst, dass die steigenden Energiekosten die Inflation anheizen und den
* Beim Besuch der norwegischen Gasplattform Troll A
am 5. Juni.
78
Aufschwung ausbremsen. Zwar sind zuletzt die Notierungen nach einem Allzeithoch von gut 42 Dollar pro Barrel (159 Liter) leicht gesunken, doch den Währungshütern ist bewusst, dass das Risiko für die
Volkswirtschaften unverändert groß ist –
im Grunde hat es sich sogar verschärft.
Nach der Opec-Ankündigung, die Förderung um zwei Millionen Barrel pro Tag
zu erhöhen, laufen die Anlagen sämtlicher
Ölstaaten auf vollen Touren, selbst SaudiArabien hat kaum mehr Kapazitäten frei.
Gleichzeitig ist die Nachfrage nach dem
fossilen Brennstoff insbesondere in China
ungebrochen und die Angst vor Terrorattacken keinesfalls gebannt: Jederzeit
kann ein Anschlag auf eine Öleinrichtung die Märkte wieder in Unruhe versetzen.
Es ist deshalb ein zwiespältiges Bild, das
die Weltkonjunktur im Sommer 2004 abgibt. Einerseits läuft es so gut wie lange
nicht mehr, selbst am Standort Deutschland: Der Exportboom bringt die Wirtschaft in Fahrt, ein Wachstum von 1,5 Prozent könne dieses Jahr „durchaus der Fall
sein“, erwartet Wirtschaftsminister Wolfgang Clement – wenn da nicht diese Ölpreise wären.
Bleiben sie beständig auf einem Niveau,
wie es sich jetzt abzeichnet, also zwischen
d e r
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35 und 40 Dollar, werden sie zur gefährlichen Last. Den Verbrauchern entziehen
sie Kaufkraft: Je mehr sie für teures Benzin und Heizöl ausgeben, desto weniger
bleibt ihnen für andere Dinge. Und für
Unternehmen bedeuten steigende Energieausgaben höhere Kosten, schmalere
Margen und einen kleineren Spielraum für
Investitionen. Also versuchen die Firmen,
die Zusatzkosten auf Zulieferer oder die
Kunden abzuwälzen.
Inzwischen finden solche preistreibenden Mechanismen schon ihren Niederschlag in den amtlichen Statistiken. In Europa lag die Teuerungsrate im Mai bei 2,5
Prozent und damit klar oberhalb der EZBZielgröße von knapp 2 Prozent. In den
USA sind in den ersten vier Monaten die
Konsumentenpreise auf das Jahr gerechnet
um 4,4 Prozent gestiegen. Und in Deutschland zogen sie im Mai immerhin um 2 Prozent an, auf den höchsten Stand seit Anfang 2002.
Schon sehen Ökonomen zumindest in
den USA Anzeichen für eine Rückkehr der
Inflation. Fed-Chef Greenspan wird noch
in diesem Jahr, davon sind die Analysten
überzeugt, die Leitzinsen erhöhen; die britische Notenbank ist schon seit einem halben Jahr dabei. Endet also mit der Ölpreiskrise die Ära des billigen Geldes?
MICHAEL KLEIN / VISUM (L.); JIM WATSON / AFP (R.)
halten sich an anderer Stelle zurück
Es sind jedenfalls nicht die hohen Kosten
für Sprit und Heizöl allein, die der Wirtschaft zu schaffen machen – der nächste
Schub ist schon absehbar: Die Kosten für
das Öl geben vor, wie sich der Preis von
Erdgas entwickelt, und zwar mit einer Verzögerung von einem halben Jahr. Schon
jetzt können sich die 17,5 Millionen Haushalte mit Gasheizung in Deutschland darauf gefasst machen, dass im Herbst die
Ausgaben kräftig ansteigen werden – genau
zu Beginn der Heizsaison.
Zusätzlich ächzt die deutsche Industrie
unter Strompreisen, die fast nirgendwo in
Europa höher sind. Mitverantwortlich für
die Verteuerung ist die Preisentwicklung
der Kohle, des wichtigsten Brennstoffs für
die Stromerzeugung. Seit China den Markt
förmlich leer saugt, ist jede Tonne knapp
und teuer.
78,19
Teure Kohle erhöht die Stromrechnung,
teures Erdgas die Heizkosten, teures Rohöl
die Verkehrsausgaben. Und weil die Notenbanken seit dem Platzen der Börsenblase die Geldmenge massiv ausgeweitet
haben, ist eine gefährliche Kombination
entstanden, die der Inflation den Weg bereitet, warnt Thorsten Polleit, Chefökonom
bei Barclays Capital in Frankfurt: „Das Risiko wird unterschätzt.“
Zwar spielt Energie als Kostenfaktor
nicht mehr die Rolle wie in den siebziger
Jahren. Die Schwerindustrie hat an Bedeutung verloren, Verbraucher und Unternehmen mühen sich erfolgreich, Energie
zu sparen. Und gemessen an der jetzigen
Kaufkraft wirkt der aktuelle Rohölpreis
beinahe moderat: Preisbereinigt kostete
1980 das Barrel mehr als 78 Dollar. Doch
auch ein Niveau von 35 bis 40 Dollar kann
Schmierstoff der Wirtschaft
Ölpreis Sorte Brent, Jahresdurchschnittswerte
70
• in Dollar
• in Dollar, preisbereinigt
• in Euro
60
50
39,63
40
35,69
30
20
10
*Durchschnitt
Januar bis Mai
Quellen: BP, Thomson Financial Datastream
1970
1975
1980
1985
1990
1995
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kein Land auf Dauer schadlos ertragen.
Nach jedem Ölpreisschock, ob 1973/74,
1979/80 oder 1990, folgte eine Schwächephase. Stets waren politische Konflikte im
Nahen Osten die Auslöser, daraufhin stiegen die Kosten, die Konjunktur in den
Verbraucherländern brach ein. Und immer
hat die Wucht der Krise Politiker und Ökonomen, Unternehmer und Verbraucher
überrascht.
Jeder Bürger bekommt den Preisschub
unmittelbar zu spüren: als Mieter, als Hausbesitzer, als Autofahrer. Heute gibt ein
Haushalt von vier Personen, die in einem
Einfamilienhaus mit Ölheizung leben, im
Schnitt 83,07 Euro im Monat mehr für
Energie aus als vor fünf Jahren.
Strom ist zwischen April 1999 und April
2004 (bei einem jährlichen Verbrauch von
3500 Kilowattstunden) im Monat 6,70 Euro
teurer geworden. Superbenzin (Jahresverbrauch 2000 Liter) kostet 48,50 Euro mehr.
Und der Preis für Heizöl (bei 3000 Litern
im Jahr) ist um 27,87 Euro gestiegen; wer
mit Gas heizt (jährlich 33 540 Kilowattstunden), zahlt sogar 41,63 Euro mehr.
Diese Ausgaben wirken wie eine zusätzliche Konsumsteuer – das Geld fehlt
an anderer Stelle: In Zeiten hoher Ölpreise
sparen die Verbraucher, so die alte Einzelhändlerweisheit, an langlebigen Gütern wie
Möbeln oder Elektrogeräten.
Ebenso hart wird die Industrie von den
Energiekosten getroffen, insbesondere die
Chemie-, Luftfahrt- und die Autobranche.
Fahrzeughersteller klagen über die Zurückhaltung potenzieller Käufer und führen sie
auf die hohen Spritpreise zurück; im Mai
wurden acht Prozent weniger Autos zugelassen als im Vorjahresmonat.
Fluggesellschaften geben heute rund 15
Prozent mehr für Kerosin aus als zu Jahresbeginn; bei vielen Airlines, vor allem
bei Billigfliegern, macht Flugbenzin nach
den Löhnen den zweitgrößten Ausgabe79
Wirtschaft
posten aus. Der britische Discountanbieter
Easyjet hat vergangene Woche an der Börse zeitweise ein Viertel seines Wertes eingebüßt, nachdem das Unternehmen vor
den Folgen höherer Ölpreise warnte.
Noch sensibler reagiert die Chemieindustrie auf die Notierungen, Ölderivate
wie Naphtha, Propylen oder Benzol sind
Ausgangsstoffe für eine ganze Palette von
Produkten. Ob Plastik, Autoreifen oder
Textilien – meist beginnt der Herstellungsprozess mit Naphtha, sein Preis hat sich in
zwei Jahren fast verdoppelt.
Auch Unternehmen, die besonders viel
Strom verbrauchen, Stahlhersteller etwa,
Aluminiumhütten oder Gießereien, haben
Probleme. Innerhalb des vergangenen Jahres verteuerte sich Strom am Leipziger
Terminmarkt um ein Drittel. Verantwortlich dafür sind die hohen Kohlepreise –
und der Staat: Der Anteil der Abgaben
Jeden Tag presst das Konsortium hier
Methan im Wert von derzeit 13 Millionen
Euro aus der Erde – in sechs Monaten wird
das Gas noch wertvoller sein: Erdgas gehört zu den wenigen Gütern, deren Preis
nicht von Angebot und Nachfrage abhängt, es ist einfach an den des Öls gekoppelt.
Erfunden wurde dieses seltsame System
in den sechziger Jahren, als Erdgas seinen
Platz auf dem Energiemarkt noch erobern
musste. Damals waren Milliardensummen
nötig, um Felder zu erschließen und ein
Pipelinesystem aufzubauen. Die Ölpreisbindung ermöglichte den Förderkonzernen, mit sicheren Preisen zu kalkulieren.
Rund 40 Jahre später haben sich die Investitionen längst amortisiert, doch die
Gasbranche segelt weiter im Schatten der
Ölwirtschaft, allerdings funktioniert der
Mechanismus nur in eine Richtung: Steigt
In Deutschland dagegen dürfte sich
kurzfristig an der Preisbindung nicht viel
ändern, zum Oktober haben Ruhrgas und
die Leipziger VNG Erhöhungen bis zu acht
Prozent angekündigt, andere Versorger
werden mit Sicherheit folgen. Im Herbst
wird diese Entwicklung, so viel ist klar, auf
die Teuerungsrate schlagen, schließlich werden fast die Hälfte aller Wohnungen mit
Erdgas beheizt.
Manche Ökonomen fürchten bereits,
dass nun ein Phänomen aus den siebziger
Jahren wieder auftauchen kann, die so genannte Preis-Lohn-Spirale, die damals der
Wirtschaft schweren Schaden zugefügt hat:
Gewerkschaften setzten höhere Löhne
durch, um den inflationsbedingten Kaufkraftverlust auszugleichen – und beschleunigten damit den Preisauftrieb erst recht.
Angesichts der Sorge vor solchen „Zweitrundeneffekten“, wie Wissenschaftler es
1600
Teure Alternative
Preise für Heizöl und Erdgas* in Euro,
Bundesdurchschnitt
1400
*bezogen auf gleiche Brennwerte:
3000 Liter Heizöl bzw. 33540 kWh Erdgas
1200
Erdgas
1000
ALEX WONG / AFP
Heizöl
800
Quelle: Brennstoffspiegel
1993
1994
1995
1996
1997
1998
1999
2000
2001
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2003
600
2004
US-Notenbank-Chef Greenspan: „Alles Notwendige tun, um stabile Preise zu bewahren“
und Steuern am Strompreis ist seit 1998
von 25 auf 40 Prozent gestiegen.
Verschärfend kommt hinzu, dass in
Deutschland eine Quadriga aus den Versorgern E.on, RWE, EnBW und Vattenfall
rund 80 Prozent des Strommarktes beherrscht. „Das Oligopol ersetzt den Wettbewerb“, beschwert sich Dieter Braun,
Deutschland-Chef des norwegischen Aluminiumkonzerns Hydro, der an 15 Standorten zwischen Hamburg und Dillingen
Bleche, Rohre und Bauteile vor allem für
die Autoindustrie herstellt: „Deutscher
Strom ist einfach zu teuer“, klagt Braun.
Doch Hydro ist auch ein Profiteur der
Energiepreis-Hausse. Vor der Westküste
Norwegens fördert das Unternehmen Erdgas, gemeinsam mit Firmen wie Petoro und
Statoil. Acht Minuten dauert es, bis der
Lift in einem der Betonpfeiler der Plattform Troll A 330 Meter tief bis auf Meeresgrundniveau rattert. Dort schießt das
Gas mit 115 Bar durch dicke Rohre hoch
zur Plattform, man hört es leise strömen, es
ist das Rauschen des Geldes.
80
der Ölpreis, zieht der Gaspreis nach; fällt
der Ölpreis, sinkt der Gaspreis kaum.
Kein Wunder, dass die Gasbranche wenig Interesse daran hat, sich von diesem bequemen und lukrativen System zu verabschieden. Die Ölpreisbindung müsse bestehen bleiben, weil es die Verbraucher vor
der Marktmacht der großen Erdgasproduzenten schütze, argumentieren heute Versorger wie Ruhrgas, schließlich importiere
Deutschland einen Großteil seines Erdgases aus nur drei Lieferländern: Russland,
Norwegen und den Niederlanden.
Eine fadenscheinige Begründung, meint
Christian von Hirschhausen, Ökonom am
Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Es gebe genügend Bezugsquellen: „Europa schwimmt in Gas.“
Dass die Versorgung auch ohne Ölpreisbindung funktioniert, hat Großbritannien
bewiesen. Vor sechs Jahren liberalisierten
die Briten den Markt, seitdem stehen die
Gasversorger im Wettbewerb auch mit ausländischen Anbietern. Der Effekt: Erdgas
hat sich um 20 Prozent verbilligt.
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formulieren, gewinnt die aktuelle Tarifrunde im Bankgewerbe besondere Brisanz.
Bislang kalkulierten Gewerkschaften ihre
Lohnforderung zumindest informell nach
der Faustformel „Produktivitätsfortschritt
plus Inflationsausgleich“. Ver.di ist in die
Bankenverhandlungen gegangen mit der
Erwartung, dass die Produktivität 2004 um
2,2 Prozent steigt und die Inflation lediglich
um 1,3 Prozent wächst. Ist diese Prognose
noch realistisch, oder muss Ver.di nun einen
Energieaufschlag verlangen?
Im Gewerkschaftslager wird bereits diskutiert, wie man es künftig mit der Inflation
halten soll. Die Experten im Deutschen Gewerkschaftsbund haben sich darauf verständigt, zur Berechnung der Lohnformel
mit der so genannten Kerninflation zu operieren: In ihr sind die Energiepreise nicht
enthalten. Fragt sich nur, ob sich alle Mitgliedsgewerkschaften daran halten werden.
Barclays-Capital-Chefvolkswirt Polleit
hat da seine Zweifel: „Wer nimmt schon
gern reale Einkommenseinbußen hin?“
Alexander Jung
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