Die Suchtbelastung der Familie

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Die Suchtbelastung der Familie:
Entwicklungsrisiken und -chancen für Kinder
alkoholabhängiger Eltern
B.Sc. Reha-Psych. Nadine Braumann, Prof. Dr. Matthias Gründel
& Prof. Dr. Claudia Wendel
Hochschule Magdeburg-Stendal (FH), 39576 Stendal, [email protected]
Zusammenfassung
Viele Untersuchungen widmen sich der Erforschung möglicher Entwicklungs­
risiken und -folgen, die infolge einer familiären Suchtbelastungen für die
nächste Generation bestehen. Elterliche Alkoholstörungen können direkte
sowie indirekte Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung haben: Direkte
Schädigungen von Kindern äußern sich in Störungen durch den Alkohol selbst,
beispielsweise infolge eines Substanzmissbrauchs während der Schwanger­
schaft. Indirekte Auswirkungen beziehen sich auf Schädigungen von Kindern
durch Verhaltenskonsequenzen des Alkoholmissbrauchs der Eltern, möglicher­
weise durch Kindesmisshandlung oder -vernachlässigung. Die epidemiologisch
größere Bedeutsamkeit haben jedoch indirekte Auswirkungen der elterlichen
Sucht, denn für eine gesunde kindliche Entwicklung sind in einem gewissen
Maße Aufmerksamkeit und Anerkennung von zentraler Bedeutung.
Bislang wurden Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit alkoholbelastetem
Elternhaus nur am Rande wahrgenommen und von vornherein aufgrund der
Suchterkrankung eines Familienmitgliedes pathologisiert. Die Wissenschaft
fixierte sich zunächst weitgehend auf die resultierenden Störungen der
Betroffenen. In den letzten Jahren hat sich diese Tendenz etwas abgeschwächt
und in einigen Forschungsdesigns werden nunmehr auch die Kompetenzen,
Ressourcen und Entwicklungschancen berücksichtigt. Es wird verstärkt darauf
hingewiesen, dass Töchter und Söhne aus suchtbelasteten Familien keine
homogene Gruppe mit eindeutig identifizierbaren Persönlichkeitsmerkmalen
bilden, sondern eine heterogene Gruppe darstellen, in der es stark belastete,
aber auch resiliente Betroffene gibt. Aufgrund individuell wirksamer Risikound Schutzfaktoren sind Entwicklungsverläufe im Einzelfall daher schwer
vorhersehbar – Entwicklungsrisiken und Entwicklungschancen können also nur
für die Gesamtgruppe aller Betroffenen eingeschätzt werden.
Fachhochschule Schmalkalden 1
Einleitung
Laut dem Jahresbericht 2006 der Alkohol- und Drogenberatung im Kreis
Herzogtum Lauenburg gGmbH leben in Deutschland etwa 2,8 Millionen
Kinder und Jugendliche mit einem Elternteil, der im Laufe seines Lebens eine
alkoholbezogene Störung entwickelt. Dabei sind Väter mit 11,9% häufiger
betroffen als Mütter (4,7%). Infolgedessen wird in diesem Schriftstück
hauptsächlich von dem abhängigen Vater und der mitbetroffenen Mutter
ausgegangen.
Viele Untersuchungen widmen sich der Erforschung möglicher Risiken, die
infolge einer familiären Suchtbelastungen für die nächste Generation bestehen.
Dabei wird zwischen direkten und indirekten Auswirkungen elterlicher
Alkoholstörungen unterschieden: Direkte Schädigungen von Kindern äußern
sich in Störungen durch den Alkohol selbst, beispielsweise infolge eines
Substanzmissbrauchs während der Schwangerschaft. Indirekte Auswirkungen
beziehen sich auf Schädigungen von Kindern durch Verhaltenskonsequenzen
des Alkoholmissbrauchs der Eltern, möglicherweise durch Kindesmisshandlung
oder -vernachlässigung. Da Aufmerksamkeit und Anerkennung für eine
gesunde kindliche Entwicklung von zentraler Bedeutung sind, kommt den
indirekten Auswirkungen einer elterlichen Sucht die epidemiologisch größere
Bedeutsamkeit zu (Lambrou, 2008). Aufgrund dessen widmet sich dieses
Schriftstück hauptsächlich der Fragestellung, welche Entwicklungsrisiken für
Kinder infolge der häuslichen Atmosphäre in einer alkoholbelasteten Familie
bestehen.
1. Die häusliche Situation in alkoholbelasteten Familien
In den meisten Suchtfamilien ist Alkohol das beherrschende Element. Infolge­
dessen hängt die häusliche Atmosphäre in erster Linie von der Gegebenheit ab,
ob das abhängige Familienmitglied getrunken hat oder nicht (Lambrou, 2008):
Ein Abhängiger kann zu einem Zeitpunkt verträglich bis euphorisch sein, dann
wieder gereizt und aggressiv, oder er zeigt sich übertrieben spendabel, obwohl
das Geld knapp ist. Ungeachtet dessen gestattet ein Trinker in seiner Abhängig­
keit niemandem in der Familie, besser mit seinem Leben zurechtzukommen.
„Die Sucht verändert den ganzen Menschen; seine Art zu denken, zu fühlen und
zu handeln“ (Michaelis, 2006, S. 34). Er belügt sich und andere, ver­zweifelt
an starken Stimmungsschwankungen und ist unzufrieden mit sich und seiner
Umwelt. Ohnehin gibt ein Alkoholiker den Menschen, die ihm nahe stehen,
Schuld an seinem Trinkverhalten (Michaelis, 2006). Demgegenüber vermeiden
es alle Mitbetroffenen, den Alkoholkonsum des Abhängigen als Ursache von
Schwierigkeiten in der Familie anzusprechen. Jedem Familien­mitglied ist
bewusst, dass Vater oder Mutter ein Suchtproblem hat – jedoch darf sich niemand
darüber äußern, da dieses Problem offiziell nicht existiert: „Es ist so, als würde
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ein lila getupfter Elefant in der Küche stehen, der von allen krampfhaft ignoriert
wird“ (Zobel, 2008, S. 44).
Selten widerspricht jemand dieser Regel und äußert sich über die tatsächlichen
Bedingungen oder seinen psychischen Schmerz – das Risiko, von der eigenen
Familie abgelehnt zu werden, ist zu hoch. Ebenso leiden betroffene Kinder
unter der Angst, ein schlechter Mensch sein zu können, wenn sie das Dogma der
Gefühlskontrolle innerhalb der Familie brechen. Nicht nur ihr Schamgefühl hält
sie davon ab, sich Außenstehenden anzuvertrauen, sondern häufig liegt aufgrund
der psychischen Überforderung eine paradoxe Annahme zugrunde, dass sich
die häusliche Atmosphäre verschlimmert, wenn der Alkohol­missbrauch des
Abhängigen thematisiert würde. Folglich entschließen sich Mitbetroffene
unbewusst dazu, sich anzupassen und halten so das kranke System aufrecht
(Lambrou, 2008).
Für den nichtsuchtkranken Partner und die älteren Kinder ergibt sich meist der
Konflikt, den Alkoholkranken gegenüber Dritten zu decken, woraufhin sich
Co-Abhängigkeit als spezifisches Verhaltens- und Interaktionsmuster ausbilden
kann. Unter Co-Abhängigkeit wird eine Handlungsweise verstanden, die unter
scheinbarer Aufopferung der eigenen Bedürfnisse und der eigenen Würde das
suchtkranke Auftreten des Partners entschuldigt, erklärt, deckt und somit meist
unangreifbar macht (Aßfalg, 1993). Mitbetroffene Familienangehörige verleug­
nen sich zunehmend selbst und leiden unter Schuld- und Schamgefühlen, die
im Verlauf häufig mit Angst und Depressionen gekoppelt sind (Klein, 2006).
Die gesamte Familie wird von Gewissensängsten gequält, in dem widersinni­
gen Bemühen, einen Verantwortlichen für das Unglück benennen zu können: sei
es der suchtkranke oder der nichtsuchtkranke Elternteil, der sich in den Augen
des Kindes unkorrekt verhält, oder möglicherweise das Kind, das trotz seiner
Anstrengung und Bemühungen immer wieder zu hören bekommt, dass es der
Familie keine Hilfe ist (Flügel & Lindemann, 2006).
Besonders Frauen neigen dazu, an einer Partnerschaft festzuhalten, die für sie
und ihre Kinder beklemmend ist: Sie stehen ihrem Mann bei seinem Alkohol­
problem zur Seite und entwickeln nach jedem gescheitertem Versuch, die
Trinksucht ihres Mannes in den Griff zu bekommen, ein weiteres Hilfeangebot
mit neuer Strategie – vom Mittrinken bis zum Entsorgen des Alkohols, von der
Kontrolle bis zum Herausfinden der Verstecke, von Entschuldigungen beim
Arbeitgeber bis zur Verleugnung im Bekanntenkreis. Eine Frau mit alkohol­
abhängigem Lebensgefährten versucht in Ausfallzeiten des Partners gleich­
zeitig Vater und Mutter zu sein. Allein organisiert sie den gesamten Haushalt
und versorgt die Kinder. Sie kämpft um die Aufrechterhaltung der Familie und
merkt weder, wie sie sich fortwährend überfordert, noch wie sie sich immer
mehr in den Alkoholmissbrauch ihres Partners hineinziehen lässt. Das Ver­
halten einer mitbetroffenen Ehefrau und Mutter kann aufgrund der psychischen
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Belastungen variieren, sodass die Kinder von keinem Elternteil klare Informa­
tionen über angemessenes und unangemessenes Handeln erhalten (Zobel, 2000).
Zudem begünstigen co-abhängige Angehörige unbewusst eine Sucht, statt sie
zu behindern. Die Mitglieder einer alkoholbelasteten Familie müssen verstehen,
dass es für den Abhängigen selbst nicht förderlich ist, wenn Ange­hörige für ihn
die Verantwortung übernehmen. Somit verhindern sie lediglich, dass der Kranke
die Folgen seines Suchtverhaltens in vollem Ausmaße vor Augen hat und dafür
einstehen muss (Michaelis, 2006).
Liegt in einer Familie ein Alkoholproblem vor, kann sich kein Mitglied dem
Geschehen entziehen. Besonders Kinder und Jugendliche leiden unter den
Auswirkungen einer elterlichen Sucht. Sie haben als unmittelbares Opfer keine
Möglichkeit, aus den Familienszenen auszusteigen, da sie sich nicht von einem
oder beiden Elternteilen trennen oder scheiden lassen können. Sie erleben
die suchtkranke Bezugsperson als extrem gegensätzlich bzw. mit mehreren
Persön­lichkeiten: „In der einen Woche bekommt ein Junge selbstverständlich
Taschengeld, in der nächsten wird er für seine Frage danach als undankbar
beschimpft“ (Lambrou, 2008, S. 36). Zumeist haben betroffene Kinder das Gefühl,
dass sie mit zwei Vätern oder zwei Müttern zusammenleben, da die jeweiligen
Reaktionen des im nüchternen Zustand liebevollen Elternteils keinesfalls mit
denen des betrunken übereinstimmen (Zobel, 2000). An dieser Stelle ziehen
die Autoren eine Sichtweise in Betracht, die eine mögliche Heterogenität
alkoholabhängiger Eltern anhand unterschiedlicher Trinkstile außer Acht lässt.
Die Beschreibung kommt vielmehr einem Rauschtrinker gleich, der es trotz bester
Vorsätze nicht schafft, lediglich kleine Mengen an Alkohol zu konsumieren und
in exzessives Trinken verfällt. Abhängige dieses Trinkstils fallen häufig durch
gewalttätiges oder unkontrolliertes Verhalten im Vollrausch und durch einen
geschwächten Zustand am Tag darauf auf (Lindenmeyer, 2008). Weiterführend
lässt sich annehmen, dass v.a. ein Rauschtrinker je nach Blutalkoholkonzentration
seinen Nachwuchs für ein und dasselbe Verhalten übermäßig belohnt oder
bestraft. Demzufolge können Fürsorge und Versprechungen auf der einen Seite
mit Desinteresse und Ablehnungen auf der anderen Seite einhergehen (Zobel,
2000). Kinder werden durch dieses unberechenbare und ambivalente Verhalten
verunsichert.
Überdies erfahren Kinder in Suchtfamilien mehr verbale und körperliche Gewalt
als Kinder in anderen Familien (Klein, 2001). Viele Kinder entwickeln infolge
der elterlichen Stimmungsschwankungen eine scharfe Beobachtungs­gabe, um
zu ihrem Schutz frühzeitig auf Zeichen eines Verhaltenswechsels reagieren zu
können. „In ‚trockenen‘ Phasen neigt der abhängige Elternteil aufgrund seines
schlechten Gewissens dazu, seine körperlichen und/oder verbalen Entgleisungen
durch vermehrtes Engagement bei den Kindern wieder gutzumachen“ (Zobel,
2000, S. 28). Es ist anzunehmen, dass ein Kind auf diesem Wege versucht, seine
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Bedürfnisse und Forderungen durchzusetzen.
Innerhalb dieser Familienkonstellation herrschen häufig extreme Belastungs­
situationen vor. Diese sind zusammenfassend dadurch gekennzeichnet, dass der
Nachwuchs sowohl weniger Verlässlichkeiten im familiären Ablauf als auch
mehr Disharmonie zwischen seinen Eltern erlebt als andere Kinder (Klein,
2001). Töchter und Söhne werden als Spielball benutzt und sollen in Konflikt­
situationen für einen Elternteil Partei ergreifen, obwohl sie doch beide gleicher­
maßen lieben. Besonders das älteste Kind oder auch ein Einzelkind wird von
dem mitbetroffenen Erwachsenen als eine Art Partnerersatz benutzt. In dieser
Rolle besteht die Gefahr, dass ein Kind mit Dingen belastet wird, die es noch
nicht verarbeiten kann. Aufgrund der psychischen Überforderung kann es soweit
kommen, dass ein Mädchen oder Junge eher nachlassende Schul­leistungen
in Kauf nimmt, als sich jemandem anzuvertrauen. Die Eltern hingegen, die
gute Schulnoten als Maßstab für eine intakte Familie ansehen, verlangen von
ihrem Erstgeborenen, sein Versagen in den Griff zu bekommen. Gelingt dies
dem Nachwuchs nicht, wird er als Sünder verurteilt. Da besonders das älteste
Kind geneigt ist, in familiären Konfliktsituationen nach seinem Schuldanteil zu
suchen, nimmt es diese Position unbewusst ein (Flügel & Lindemann, 2006).
Somit können suchtbelastete Eltern ihrem Kind ungewollt eine Lebensbotschaft
vermitteln, die keineswegs positiv für dessen seelische Entwicklung ist: „Weil du
nicht fleißig bist, werde ich krank!“
Trinkende Eltern werden voreilig beschuldigt, im Grunde kaum Interesse an dem
Wohlergehen ihrer Nachkömmlinge zu haben: Die Kinder scheinen sie vielmehr
zu stören und zusätzliche Arbeit zu machen. Wenn sich der Sucht­kranke ihnen
dennoch zuwendet, dann in erster Linie, um für sich Zuneigung zu bekommen,
und nicht, um seinen Kindern Liebe zu geben. Ihn interessiert in erster Linie nur
eines: der Alkohol (Lambrou, 2008; Zobel, 2000).
Abschließend sollte in Betracht gezogen werden, dass substanzabhängige
Personen ebenso gute Eltern sein wollen – allerdings wird ihnen dies aufgrund
ihrer Alkoholkrankheit erschwert. Nach einer erfolgreichen Entzugsbehandlung
und anschließender Abstinenz besteht durchaus die Möglichkeit, dass ein sucht­
belasteter Elternteil eine liebevolle, pflichtbewusste Mutter- bzw. Vaterrolle
einnehmen kann. Jedoch existieren keine Erkenntnisse über die häusliche
Atmosphäre und die kindliche Entwicklung im Falle eines kontrollierten
elterlichen Trinkverhaltens.
2.Entwicklungsrisiken für Kinder alkoholbelasteter Eltern
Mädchen und Jungen aus einem alkoholbelasteten Elternhaus erleben in der Regel
eine andere Familienatmosphäre als Kinder ohne trinkende Eltern. Insbesondere
können weniger Verlässlichkeiten im familiären Ablauf, mehr Disharmonie
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zwischen den Eltern sowie mangelnde Förderung und Zuneigung seitens der
Eltern die kindlichen Entwicklungsmöglichkeiten behindern (Woititz, 2007). Es
lässt sich nicht leugnen, dass suchtbelastete Eltern ihren Kindern kaum ein Modell
für angemessenes Verhalten bieten: sie können weder klar definierte Grenzen
setzen, noch leiten sie ihre Kinder an oder fördern deren Kompetenzen (Zobel,
2000). Zudem kann sich für Kinder im Sinne einer komplexen Modelllernkultur
eine Familienidentität herausbilden, die süchtiges Trinken zur Normalität der
Konfliktlösung oder sogar des Alltags werden lässt. In Deutschland ist jedes
siebte Kind zeitweise und jedes zwölfte Kind dauerhaft von dem schädlichen
Alkoholgebrauch eines oder beider Elternteile betroffen. Für diese Kinder ist das
Risiko, selbst an einer Alkoholstörung zu erkranken, nicht nur um das sechsfache
erhöht, sondern etwa 30% von ihnen werden selbst im Laufe ihres Lebens
alkoholabhängig (Klein, 2001; Lachner & Wittchen, 1997).
In vielen Studien erweisen sich Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten
Familien im Vergleich mit Kindern und Jugendlichen aus Familien ohne Alko­
holproblem in ihren Leistungen und ihrer psychosozialen Anpassung statistisch
unterlegen (Bennett et al., 1988; Lachner & Wittchen, 1997; Lambrou, 2008).
Gegenüber Kontrollprobanden:
• zeigen sie numerisch geringere Leistungen in Intelligenztests und im
sprachlichen Ausdrucksvermögen
• werden sie in schulischen Kontexten häufiger durch mangelnde Leistungen
und unangemessenem Verhalten auffällig
• zeigen sie vermehrt Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörungen
• zeigen sie häufiger eine Störung des Sozialverhaltens
• zeigen sie mehr Ängste und depressive Symptome, insbesondere bei einer als
belastend empfundenen häuslichen Atmosphäre
• sind sie öfter sexuellem Missbrauch ausgesetzt
• neigen sie eher zu somatischen und psychosomatischen Symptomen.
Des Weiteren besteht für Kinder von Suchtkranken die Gefahr, eine negative
Selbstwirksamkeitserwartung sowie eine erlernte Hilflosigkeit zu entwickeln.
Diese Persönlichkeits- und Verhaltensänderungen treten auf, „wenn ein
Individuum zu wenige Erfahrungen erfolgreicher Interaktionen mit seinem
Umfeld macht und es seine Handlungsziele überwiegend nicht durchsetzen
kann“ (Klein, 2005, S. 56).
Über diese Erkenntnisse hinaus zeigen die Ergebnisse einer Untersuchung von
Remschmidt (1998), dass psychische Auffälligkeiten bei Kindern mit dem Des­
organisationsgrad der Familie zusammenhängen: Gemäß dem von Rutter und
Quinton (1977) entwickelten Family-Adversity-Index, der über verschiedene
Variablen wie elterliche Schulbildung, Wohnverhältnisse und psychische
Erkrankungen in der Familie eine Übersicht der häuslichen Verhältnisse liefert,
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bestehen für Kinder vermehrt Entwicklungsrisiken, wenn mindestens zwei der
folgenden familiären Bedingungen vorhanden sind:
• Vater ist ungelernt oder angelernter Arbeiter
• beengte Wohnverhältnisse
• Depression oder andere Psychopathologie der Mutter
• vermehrte eheliche Streitigkeiten
• kriminelles Verhalten des Vaters.
Zusätzlich sind Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern nicht nur auf eine elter­
liche Komorbidität, einer Abhängigkeit beider Elternteile sowie einer mehr­
generationalen Suchtstörungen innerhalb der Familie, sondern auch auf weitere
Probleme in der Elternebene zurückzuführen (Klein, 2001):
• Zeitpunkt des Beginns und Persistenz der elterlichen Abhängigkeit
• Ausmaß und Stärke der elterlichen Abhängigkeit
• konkretes elterliches Erziehungsverhalten
• Ausmaß familiärer Desorganisation
• Häufigkeit der ehelichen Trennungsszenarien
• sozioökonomischen Status
• Familiengröße
• Beziehung des Kindes zum nichtsuchtkranken Elternteil
• Vorhandensein alternativer Unterstützungssysteme.
Zwar stellen Kinder von Suchtkranken eine Risikogruppe dar, selbst an einer
Sucht oder anderen psychischen Störung zu erkranken. Jedoch ist nicht aus­
drücklich davon auszugehen, dass alle familiär alkoholbelasteten Kinder von
diesen Gefahren betroffen sind: Bei der Transmission einer Störung nehmen
zahlreiche pathogene und protektive Faktoren eine bedeutende verstärkende oder
abschwächende Funktion ein.
3.Entwicklungschancen für Kinder alkoholbelasteter Eltern
Bislang wurden Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit alkoholabhängigen Eltern
von vornherein aufgrund der Suchterkrankung innerhalb der Familie pathologisiert.
Diese Sichtweise versperrt den Blick auf diejenigen Bereiche, in denen Talente und
Ressourcen der betroffenen Kinder und Jugendlichen liegen. „Die perpetuierende
Stigmatisierung von Betroffenen mit alkoholbelasteten Eltern führt nicht zu neuen
Lösungen und Strategien, sondern verfestigt bestehende Denkmuster und lähmt
die Entwicklung von innovativen Konzepten“ (Zobel, 2000, S. 50). In den letzten
Jahren hat sich diese pathologisiernde Tendenz abgeschwächt und in einigen
Forschungsdesigns werden nunmehr auch die Kompetenzen, Ressourcen sowie
Entwicklungschancen berücksichtigt.
Kusch und Petermann (1998) gehen davon aus, dass die Entwicklung eines
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Kindes durch das Zusammenwirken spezifischer Risiko- und Schutzfaktoren
bestimmt wird. Diese Einflüsse sind sowohl beim Kind (Vulnerabilität vs.
Widerstandsfähigkeit) als auch in seiner Umgebung (Stressoren vs. Soziale
Unterstützung) anzutreffen (Abbildung 1): Risikofaktoren in der Umgebung, wie
ungünstige sozioökonomische Verhältnisse, familiäre Belastungen und unan­
gemessenes Modell- und Interaktionsverhalten der Eltern, werden als Stressoren
bezeichnet. Hingegen können ein hohes Maß an familiärer Unterstützung und
ein harmonisches Familienklima umgebungsbezogene Schutzfaktoren sein. Von
Seiten des Kindes her begünstigen ein waches Temperament, Selbstvertrauen,
Bewältigungskompetenzen und Problemlösefähigkeit eine gesunde Entwicklung.
Dagegen haben sich spezifische genetische Dispositionen, chronische Krank­
heiten, Ängstlichkeit und ein niedriger Intelligenzquotient als ungünstig erwiesen.
Abbildung 1: Risiko- und Schutzfaktoren der kindlichen Entwicklung (Petermann, 1997, S. 15)
Ergänzend betont das Forscherpaar Bennett und Wolin (1994), dass die Auf­
rechterhaltung von klassischen Familienritualen, wie gemeinsames Abendessen
oder gemeinsame Abend-, Wochenend- und Feriengestaltung, die Erfahrungen
von familiärer Stabilität fördert und schließlich die Kinder davor schützen kann,
ebenfalls abhängig zu werden.
Wolin und Wolin (1995) unterscheiden bei Kindern aus alkoholbelasteten
Familien grundsätzlich zwei Reaktionsweisen: Versteht ein betroffenes Kind die
stressreichen Lebenssituationen als spezifische Herausforderungen (challenge),
ist es in der Lage, den krankmachenden Einflüssen der Familienumgebung zu
widerstehen und zeigt in seiner weiteren Entwicklung Stärken und Resilienzen.
Hingegen liegt die Entwicklung von Störungen nahe, wenn die familiären
Erlebnisse und Erfahrungen hauptsächlich als schädigend wahrgenommen werden.
Dementsprechend ergeben sich infolge eines individuellen Umgangs des Kindes
mit den häuslichen Umständen unterschiedliche Entwicklungen. Wolin und Wolin
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(1996) stellen dem gängigen alkoholbedingten Störungsmodell, das Kinder aus
Alkoholikerfamilien als gestört und behandlungsbedürftig ansieht, das Resilienzund Stressresistenzmodell (Challenge-Modell) gegenüber, das Raum für positive
Entwicklungen lässt. Die Autoren identifizieren in klinischen Interviews insgesamt
sieben Resilienzen, die den Nachwuchs von Suchtkranken im Kindes-, Jugend- und
Erwachsenenalter vor den Folgen einer schädigenden Familienumwelt schützen
können: Einsicht, Unabhängigkeit, Beziehungsfähig­keit, Initiative, Kreativität,
Humor und Moral. Wenn ein Kind diese Fähigkeiten früh entwickelt, kann es mit
den familiären Verhältnissen in einer Art und Weise umgehen, die eher förderlich
als schädlich ist. Um Mädchen und Jungen aus Suchtfamilien zu helfen, ist es
notwendig, dass v.a. relevante Bezugspersonen, wie Lehrer und Erzieher, diese
resilienten Denk- und Verhaltensweisen fördern.
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