Bildarbeit mit neurologisch Kranken

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Das Produkt der Kunsttherapie
Neuro-ästhetische Reflexionen über einen Nachmittag in der Klinik
Karl-Heinz Menzen
Als wir zum erstenmal in der Station einer neurologischen Klinik unsere Erfahrungen mit
dementiell erkrankten Menschen machen wollten, waren wir zunächst auf schöne bildnerische
Produkte und klar strukturierte Projekte bedacht - bis wir konstatierten, dass da Menschen vor
uns sassen, die mit malerischen, plastischen Aktionen kaum Sinnvolles verbanden, die aber
eine interessante Lebensgeschichte und noch mehr uns interessierende Lebenserfahrungen
mitbrachten. Daran knüpften wir an, nachdem wir unsere Aktionen selbstkritisch hinterfragt
hatten. Heraus kamen Projekte, die sich an der Werkerfahrung der Männer, zuweilen an der
hauswirtschaftlichen Erfahrung der Frauen orientierten. Immer mehr fragten wir uns unter
dem Druck einer kunstttherapeutischen Option, ob eine bildnerische Orientierung unserer
Arbeit nicht gleichermassen sinnvoll sei. Immer mehr wurde uns bewusst, dass dem
Orientierungs-, Sprach-, Bedeutungs- und Handlungszerfall der Betroffenen etwas nahekam,
was wir bei Menschen mit geistiger Behinderung schon erlebt hatten und jetzt bei diesen
Menschen mit mentaler Behinderung wieder erlebten: Wir hatten erfahren, dass sich
Menschen nicht mehr an Namen, Handlungen oder Orte erinnerten. Neurologisch gesehen
handelte es sich um die Beschädigung von Verschaltungen der Nervenzell-Komplexe des
Gehirns, die offenbar nicht mehr so verfügbar waren, dass die Betroffenen ihren Alltag ohne
Schwierigkeiten meistern konnten. Wir fragten uns, was ihnen die schönen Bilder helfen
würden, wenn sie diese Bilder nicht mehr erkennten? Alle unsere Hoffnung auf schöne
Produkte gerannen. Umso mehr waren wir geneigt, unsere ursprüngliche bildnerische Absicht
wieder aufzunehmen, als uns ein Hinweis auf neuro-ästhetische Überlegungen, wie sie ein
amerikanischer Neurologe anstellte, geradezu beflügelte. Im Folgenden wollen wir parallel
beschreiben, wie erste bildnerische Bemühungen auf ein positives Echo der Patienten stiessen,
- während wir uns bemühten, den Vorgang neurologisch nachzuvollziehen.
Ein schöner, sonniger Nachmittag mit Piet Mondrian
1
Konstruk
tivismus
Piet
Mondrian
1872-1944
Ein schöner, sonniger Nachmittag lud geradezu ein, mit einfachen Formen und
kräftigen Farben zu arbeiten, diese den Patienten anzubieten. Grundsätze einer
rezeptiven Kunsttherapie standen Pate.
Ein Bild von Piet Mondrian (1872-1944) hatte uns animiert. Jetzt waren wir von
Ehrgeiz gepackt. Würde es gelingen, mit den Patienten dieses Bild nachzumalen?
Wieso Nachmalen, wenn sie, die Patienten vielleicht doch eigene Bilder mit sich
tragen, diese vielleicht zu Papier bringen möchten? Aber wir waren gewarnt: Das
rezipieren und das Produzieren, zwei Seiten des alltäglichen Aneignungsvorgangs
lebenswichtiger Bedeutungen sind bei dementiell beschädigten Patienten gestört. Eine
Anfrage bei den Neurologen der Klinik brachte schnell Ernüchterung: Schwere
Subarachnoidalblutungen, so bei drei Patienten diagnostiziert, zwei mit Schädel-HirnTraumen, also Unfall-Schäden, eine Schlaganfall-Patientin.
Natürlich machten wir uns kundig, blätterten bei Wikipedia, schlugen Lehrbücher
nach, lasen:
Subarachnoidalblutung:
Die Subarachnoidalblutung (die Subarachnoida ist eine der unteren Hirnhäute) gehört
zum Formenkreis der Apoplexien (Schlaganfall). Sie ist für 6 bis 10 Prozent der
Schlaganfälle verantwortlich. Die drei Leitsymptome der Subarachnoidalblutung sind:
plötzlich einsetzender vernichtender Kopfschmerz (sog. „DonnerschlagKopfschmerz“) gefolgt von kurzer oder länger anhaltender Bewusstseinsstörung bis
Bewusstlosigkeit (50 % der Fälle), Nackensteifigkeit (Meningismus). Das Gehirn an
sich ist nicht schmerzempfindlich, dafür die Arterien und die Hirnhäute. Der typische
plötzliche, als vernichtend empfundene Kopfschmerz lässt sich durch die Ruptur des
Gefäßes und die Reizung der benachbarten Gefäße sowie der Hirnhäute erklären. Der
Schmerz kann sich auch an anderen Stellen manifestieren. So zeigt er sich in seltenen
Fällen im Bereich der Brust, der Wirbelsäule oder auch der Beine. Wahrscheinlich ist
dafür die Ausbreitung des Blutes im Subarachnoidalraum verantwortlich. Wir lasen,
dass die Bewusstseinsstörungen und die Bewusstlosigkeit, die mit der Blutung
einhergingen, unspezifische Reaktionen des Gehirns sind.Und wir erlebten, dass die
Patienten verwirrt, m.E. orientierungslos, angewiesen waren auf unsere beredten
Anschub-Motivationen. (Wikipedia)
Schädel-Hirn-Trauma SHT:
Das Schädel-Hirn-Trauma, vornehmlich Folge von Verkehrs- oder Haushaltsunfällen,
beschreibt Oliver Sacks, von dessen Lektüre wir profitierten, in den Auswirkungen bei
einem seiner Patienten wie folgt:
„Aber weiß (er) das, empfindet er es? Nachdem alle, die ihn kennenlernen, ihn zuerst
als «Stimmungskanone», als «urkomisch» und «irre witzig» bezeichnen, sind sie über
irgend etwas an ihm beunruhigt, ja bestürzt..- «Er hört einfach nicht auf», sagen sie.
«Er ist wie ein Mann in einem Wettlauf, wie einer, der immer etwas nachjagt, das sich
ihm ständig entzieht. » Und damit haben sie recht: Er kann nicht stehenbleiben, denn
der Bruch in seinem Gedächtnis, in seinem Dasein, im Sinn seines Lebens ist nie
verheilt und muß jede Sekunde aufs neue überbrückt und «geflickt» werden. Aber die
Brücken, die Flicken sind trotz aller Brillanz zu nichts nütze, denn sie sind
Erfindungen, Konfabulationen, die nicht als Realität dienen können, wenn sie nicht mit
der Realität übereinstimmen. Spürt (er) das? Noch einmal: Was für ein «Gefühl der
Realität» hat er? Leidet er ständige Qualen - die Qualen eines Menschen, der sich in
der Unwirklichkeit verirrt hat und versucht, sich zu retten, der aber durch seine
unablässigen und ihrerseits völlig unwirklichen Erfindungen und Illusionen zu seinem
eigenen Untergang beiträgt? Soviel läßt sich mit Gewißheit sagen: Ihm ist nicht wohl
in seiner Haut. Sein Gesicht hat immer einen angespannten Ausdruck. Es ist das
Gesicht eines Mannes, der dauernd unter einem inneren Druck steht. Gelegentlich, und
wenn, dann nur verstohlen, nimmt es den Ausdruck offener, nackter, ergreifender
Bestürzung an.“ (Oliver Sacks, 1987, S. 156)
Schlaganfall (Apoplex):
Jeder sechste Befragte berichtete über Schlaganfall-Symptome, so Virginia Howard
von der Universität von Alabama in Birmingham. Wie sie jetzt jetzt mitteilt, gaben
17,8%, also mehr als jeder sechste der Befragten (mittleres Alter 66 Jahre) auf genaue
Nachfrage an, bereits einmal oder mehrfach ein Schlaganfall-Symptom erlitten zu
haben: Bei 8,5% war dies eine plötzliche Gefühllosigkeit auf einer Körperseite, 5,8%
berichteten über eine plötzliche Schwäche auf einer Körperseite, 4,6% über einen
plötzlichen Sehverlust in einem oder beiden Augen, 2,7% hatten erlebt, dass sie
plötzlich nicht mehr in der Lage waren, zu verstehen, was andere Menschen ihnen
sagten, und 3,8% hatten erlebt, dass sie sich plötzlich nicht mehr durch Sprache oder
Schrift verständigen konnten. Ganz überraschend sind die Ergebnisse freilich nicht.
Howard erwähnt eine Studie, die mit Hilfe von bildgebenden Verfahren bei 11% aller
55- bis 64-Jährigen Infarkte im Gehirn nachgewiesen hat. Der Anteil steigt bei den 65bis 69-Jährigen auf 22%, und bei den über 85-Jährigen waren es sogar 43%. (idwNews 30.11.06) – Wir müssen nicht darauf verweisen, wie wichtig das Sehen, Fühlen,
sich-im-Gleichgewicht-befinden, Sprechen ist. Der Verlust dieser wichtigen
Rezeptions- und Tätigkeitssphären bringt folgende Symptome mit sich:
•
Schwäche oder totale Unbeweglichkeit der Glieder
•
Gefühlsstörungen oder Gefühlsverlust
•
Ziehen oder andere abnormale Sensationen
•
Minderung oder Verlust der Sehkraft
•
Sprachstörungen
•
Unfähigkeit, Dinge zu erkennen (Agnosie)
•
Gedächtnisstörungen
•
Lähmung (Paralyse) der Gesichtsmuskulatur
•
hängende Augenlider
•
Schwindel
•
Koordinationsstörung
•
Schluckstörung
•
Persönlichkeitsstörung
•
Gemütsveränderung
•
Blasen-/Stuhlinkontinenz
•
Bewusstseinsstörungen (schläfrig, stuporös, somnolent, lethargisch, comatös)
Mich hatte einmal eine Patientin gefragt, ob ich mir vorstellen könne, was passiert,
wenn die Welt plötzlich halbiert ist. – Animiert, ergriffen durch die Frage, machten wir
uns die neurologischen Grundlagen der Bild-Entstehung zu eigen.
Es war schon lange im Gespräch, was 2007 eine
Studie explizierte: "Was unsere Aufmerksamkeit
erlangt, können einerseits die Augen steuern,
aber auch das Gehirn", schildert Dr. Hans-Otto
Karnath von der Universität Tübingen. Wenn die
Kaffeetasse angeschaut werden soll, befiehlt die
Wenn wir nach einer Tasse greifen.
müssen viele Areale
zeitgleich
im Intervall
zusammenspielen.
Denkzentrale dies den Pupillen. Umgekehrt
können auch die Augen das Gehirn auf ein
Objekt aufmerksam machen, etwa ein Kind auf
einem Dreirad, das am Rand des Blickfeldes
auftaucht. - Für beide Strategien, die kopf- und
die augengesteuerte Wahrnehmung, sind im
Tasse
Kaffee
Gehirn unterschiedliche Areale verantwortlich.
Einzelne dieser Zentren können bei
Schlaganfall- und SHT-Patienten zerstört sein:
Die Patienten können beispielsweise die
Ein Objekt und die Leistung
seiner integralen
Wahrnehmung
Damasio, A.R. und H. (1993)53
Kaffeetasse nicht ansehen, auch wenn sie dies
wollen.“ (idw-News 11.9.07) Die Symptome:
Die Patienten sind nicht in der Lage, zwei oder
mehr Dinge gleichzeitig zu sehen, auch wenn
diese direkt nebeneinander liegen. Oder ihre
Bewegungs-koordination ist so gestört, dass sie
ständig danebengreifen, wenn sie einen
bestimmten Gegenstand, sagen wir eine Tasse,
in die Hand nehmen möchten.
Eine eindeutige Gestalterkennung und GestaltSynchronisation der Einzelelemente im Sinne
Vilayanur Ramachandran (2005)
Neuronale Grundmuster einer Art
Wahrnehmungsgrammatik
Neurologe Ramachandran hat die theoretischen
Die Bild-Wahrnehmung basiert auf:
1. Akzentverschiebung
2. Gruppierung
3. Kontrast
4. Isolation
5. Perzeptive Problemlösung
6. Symmetrie
7. Vermeidung von Zufällen/
verallgemeinernde Sichtweise
8. Wiederholung, Rhythmus und Ordnung
9. Ausgewogenheit
10. Metapher
Vorgaben dazu gemacht.
Deren Grundlage bilden gestalttheoretisch
fassbare, gesetzesmässige Wahrnehmungsmuster
einer ebenso eindeutigen VerhaltenssmusterEingabe ist angesagt, will im Folgenden von
unserer Projektgruppe beachtet sein. Der US-
Wie es in der Praxis beginnt – mit einem Punkt, einem Farbklecks
auf der Hand, mit einem knetbaren Körper.
Wir waren trotz des Gelesenen unsicher, ob wir ein Bild Piet Mondrians in
der Gruppe so schwer Geschädigter reproduzieren sollten, waren im
Zweifel, ob wir damit vielleicht nicht zuviel von den einzelnen Patienten
an Wahrnehmungs- und Erkennensleistungen verlangen würden.
Aber warum nicht einfacher beginnen? – Warum nicht anfangen mit einer
leichteren Übung, - mit einem Klecks auf die Hand? Damit fing unsere
Serie von Projekteinheiten an. Was der Klecks, der grosse Punkt auf der
Hand auslösen kann, davon berichtet Paul Klee: „… beginne ich da, wo die
bildnerische Form überhaupt beginnt“, schrieb er am Anfang seines
„Pädagogischen Skizzenbuchs“, „beim Punkt, der sich in Bewegung
setzt.“. Tatsächlich begann sich nach dieser Aktion etwas zu bewegen:
Buchstäblich handgreiflich fingen unsere Projekte an. Waren entsprechend
handwerklich, auch hauswirtschaftlich orientiert; wagten sich nur langsam
an die Bilder. Wurden mutiger, nachdem aus dem Klecks-auf-die-HandBild Aktionen entstanden, die im Sinne der ursprünlichen Handicaps
zumindest ein Training der lädierten oder ersatzweisen Hirnregionen
versprachen.
2
Tatsächlich kam es zu einer Aktivierung der Gliedmassen, zunächst
zögerlich, eher unwillkürlich, dann aber willkürlich.
Unwissentlich – wie sollte es auch anders sein bei uns Nicht-Medizinern –
waren wir einem Umstand auf die Spur gekommen: dass sich willkürliches
und unwillkürliches motorisches Nervensystem bedingen, beeinflussen
können. Natürlich hatte die alte 75-jährige Dame in der Ergotherapie
trainiert – und wir hatten offenbar das Trainingsprogramm erweitert.
Das nächste Projekt fing mit jenem Klumpen in der Hand namens
Mürbeteig an.
Und wieder war ein kleiner Erfolg zu vermelden: Die erste lustvolle
Stimulation, Erinnerung aus eh. Tagen ermunterte, zur Teigrolle zu greifen.
Eine Bewegung mit dem gelähmten Arm zu tun.
Schon bald war die Schlaganfall-Patientin dabei, zu den kleinen
Teigförmchen zu greifen und Formen auszustechen.
Würde das, wofür wir auf mancher Kunsttherapie-Tagung nicht nur gelobt,
sondern auch gescholten wurden – „das ist doch keine Kunsttherapie“ -,
würde dieses Herangehen auch greifen, wenn wir aufforderten, sich
bildnerisch zu betätigen?
Was würde es bringen, nunmehr ein Bild Piet Mondrians in die Mitte des
Tisches zu kleben, aufzufordern, das Bild von seinen Rändern weg zur
Tischgrenze hin zu verlängern? Eine Studierende der Kunsttherapie, Nadja
Stolpe, hatte die Idee, und wir setzten sie um.
Zu diesem Zeitpunkt des Projektes schien es mir angebracht, um die BildEntstehung, über das Entstehen der Bilder im Kopf näher nachzudenken,
zu recherchieren.
Wie Bilder im Kopf entstehen
Es beginnt damit, dass wir
einfache Kanten, Geraden, Punkte, Flächen, Farben, Bewegung erkennen.
Wie tun wir das? Prof. Martin Heisenberg hat uns dies berichtet. Er
schildert, wo im Gehirn, in welchen Arealen die Mustererkennung aktiviert
wird.
Die Taufliege legt das Bild von ihrer Umwelt nicht wie einen
fotografischen Schnappschuss im Gehirn ab - das würde zuviel
Speicherplatz kosten. Stattdessen merkt sie sich nur bestimmte
Mustererkennung
Merkmale von Mustern, zum Beispiel die
Neigung von Kanten oder deren Lage
zueinander, also optische Erinnerungen, die
im Gehirn in verschiedenen Zellgruppen
gespeichert werden, wie die Forscher vom
Würzburger Lehrstuhl für Genetik mit Kollegen
aus China, Japan und den USA bewiesen haben.
Die Wissenschaftler fanden zwei fest umrissene
Schichten von Nervenfasern, in denen jeweils
eines der Merkmale abgelegt wird.
„Beim Menschen ist das Gedächtnis nicht diffus
über das Gehirn verteilt. Wir haben zwei einzelne
Gruppen aus etwa 20 Nervenzellen gefunden, die
eine hoch spezialisierte Erinnerungsarbeit
leisten", erklärt Professor Martin Heisenberg
in Nature.
Die beiden neu entdeckten "Gedächtnis-Orte"
befinden sich in einem fächerförmigen Areal im
Zentralhirn.
(vgl. http://www.opus-bayern.de/uni-wuerzburg/volltexte/2002/
115/pdf/dissernst.pdf; Roman Ernst, Diss. Uni Würzburg, 1999)
3
Erklärung der Abbildung: Wir
sehen ins Gehirn der Fruchtfliege.
Die kleiderbügelförmige, gelb
markierte Zellgruppe im oberen
Bild entspricht dem Gedächtnis
für die unterschiedliche Höhe von
Mustern.
Für die Erinnerung an die
Neigung von Kanten ist dagegen
eine andere Gruppe von
Nervenzellen zuständig. Sie
erscheint ziemlich in der Mitte
des unteren Bildes als kleinere,
kleiderbügelartige Struktur.
(Aufnahmen: A. Jenett/M.
Heisenberg 2006)
Reinhard Wolf und Martin Heisenberg vom BIO-Zentrum Würzburg
recherchierten, dass, so Wolf: "Fliegen … die gesehene Umwelt nicht wie
eine Fotografie im Gedächtnis (speichern), sondern … bestimmte
Merkmale heraus(ziehen), anhand derer sie ein Muster später
wiedererkennen können. Das erfordert weniger Speicherplatz im Gehirn."
Insgesamt fünf solche Merkmale haben die Forscher bisher identifiziert:
den Schwerpunkt des Musters, die Neigung von Kanten, Größe, vertikale
Dichteverteilung und Farbe. (http://www.g-o.de/wissen-aktuell-13812004-08-16.html)
Thomas Hülshoff, Mediziner an der FH NRW hat in seinem Buch „Das
Gehirn“ erzählt, dass diese Information „Kante“ wie viele andere „Punkte“,
„Fläche“, „Farbe“ etc. im Gehirn in spezifischen Arealen analysiert und
verglichen werden. Er kann dabei auf die Forschungen des Neurologen M.
Zeki (1999) zurückgreifen,
Areale der
Verarbeitung
im Neocortex
Verarbeitung visueller Informationen
mein roter
Ball,
der mir
zugeworfen wird
Thomas Hülshoff
Das Gehirn
1996, 133
Zeki (1999) hatte für die Wahrnehmung herausgefunden, dass es ein
Prozedere des Abgleichs von gewonnenen Informationen gibt, dass es ein
Verarbeitungssystem gibt, das unterschiedlichste Sortierfächer bereit hält,
um Einzelinformationen abzugleichen.
Der Neurologe M. Zeki führte in "Spektrum der Wissenschaft" (1993)
aus: Getrennte Nervenbahnen übermittelten Farb-FormBewegungssignale zu einem Verteiler -- er sprach von "Sortierfächern,
in denen die verschiedenen Signale zusammenlaufen" (1993, 30)
Abb: M. Zeki, "Spektrum der Wissenschaft" (1993, 30)
Es bedurfte nur noch der Abklärung, wie das nach Merkmalen Sortierte
zusammenkäme. Ernst Pöppel (München) und Wolf Singer (Frankfurt
a.M.) erklärten die Synthese- als eine Synchronisationsleistung des
Gehirns.
Integration mentaler Ereignisse
Ein cortical
zur Verfügung gestellter
Integrationsmechanismus
im 30-40-Hz-Gehirnwellentakt und im Abstand von
30 ms innerhalb von 3 Sek.
Evoked Potential
mindestens:
40 Hz
Mentale
Ereignisse
ms
Abb.: Modifikation eines Schemas von Ernst Pöppel (1993)
Sie fanden heraus, dass Eindrücke von 30 Millisekunden in einer kurzen
Zeitfolge innerhalb von 3 Sekunden und mit einer Mindestintensität von
40-90 Hertz in derselben Zeiteinheit eintreffen müssten, um verschaltet zu
werden.
Jetzt stand nur noch die Frage im Raum, ob es mehr oder weniger
bevorzugte Wahrnehmungsmuster gebe. Die Antwort erbrachte der
Psychoneuroimmunologe Joachim Bauer (Freiburg). Er wies auf die
neurobiologischen Motivationssysteme des Ventralen Tegmentalen Areals
(VTA), des Nucleus Accumbens (NAc) und des Anterioren Cingulären
Cortex (ACC) hin, die für unser Wohlfühlen, gleichzeitig für unsere Süchte
zuständig seien. Die nächste Abbildung zeigt, wie bei einem Eindruck vom
hinteren VTA eine Neurotransmitterbotschaft (Dopamin) am Hypothalamus vorbei (Endorphine, Wohlfühlstoffe aufnehmend) zum NAc gelangt,
dessen Nachfrage befriedet und weiter zum ACC geleitet wird, wo sie das
tut, was in der Regel jede Bekundung von Zuneigung auch bewirkt – ein
Wohlgefühl – das sich mit dem Wahrgenommenen assoziiert.
ACC Anteriorer
Cingulärer Cortex
Hypothalamus
Nucleus
Accumbens
VAT
Von der Area 10 (VAT), dem Entstehensort von Dopamin,
ziehen Fasern zum Nucleus Accumbens (NAc) bis ins
Frontalhirn, auf welchem Weg (Hypothalamus) zum ACC
sie die Bildung von Endorphinen ggfs. anregen
Mit der Entdeckung des ACC und seiner Funktion im Motivationssystem
des Gehirns waren die wichtigsten Antworten gegeben auf die Frage,
welche Wahrnehmungskluster bevorzugt würden.
Ein neurobiologischer
Verstärker oder: Kompensator
ACC
Insula:
Freude
und
Trauer
ACC
Anteriorer
Cingulärer
Cortex
aktiv bei Zuwendung
(körpereigene Opioide),
deaktiv bei psychischen
Schmerzen, z.B. bei sozialer
Ausgrenzung oder Nichtanerkennung
Das wichtigste Motivationssystem des
Gehirns: der ACC – wird aktiviert durch
Liebe und Anerkennung, - kann aber
auch kompensativ durch Sucht- und
Gewaltpotentiale aktiviert werden (Singer
et al. 2004)
Amygdala
Frontaler Cortex
Hippocampus
Wir wussten nunmehr, worauf unsere Projektgruppe zu achten hätte: Die
Arbeit am Bild musste eindrücklich sein, d.h. im Zeitraum der BildWahrnehmung für alle gut einsehbar, nachdrücklich, d.h. über einen
gewissen Zeitraum einsehbar, und reizvoll, d.h. motivierend, das Bild zu
reproduzieren. Wir fingen an, legten eine Kopie eines Mondrian-Bildes auf
den Tisch.
„Neoplastisch“ – hatte Mondrian seine Art der Bildherstellung genannt
Unseren Patienten gefiel das Bild in seiner Einfachheit. Jetzt erging die
Anweisung – ich praktizierte sie als erster -, die Linien nachzuziehen.
Grossräumig eine gerade Linie zu ziehen, das schien schon schwierig. Die
jeweilige Farbe der entstehenden Rechtecke zu erkennen, zu benennen, wo
möglich, auszusuchen, ggfs. anzumischen, das schien schon schwieriger.
5
Aber es gelang.
Zunehmend füllte sich die Tischfläche mit bunten Rechtecken und
Quadraten. „Neoplastisch“ hatte Mondrian das Unternehmen genannt,
Farben im Raum und als Raum darzustellen. „Was will ich in meinem
Werk ausdrücken? Schönheit auf der ganzen Linie und Harmonie durch
das Gleichgewicht der Beziehungen zwischen Linien, Farben und Flächen
zu erreichen. Aber nur auf die klarste und stärkste Weise.“ (vgl.
wikipedia), hatte er gesagt. Wir merkten es unseren PatientInnen an, wie
das Reproduzieren dieses Bildes animierte, wie stolz sie schliesslich
waren, als das Bild fertiggestellt war und im Gang aufgehängt wurde.
Immer noch hatten wir das Schema, das wir uns von den neuronalen
Gefühls-Mitspielern des Gehirns gemacht hatten, vor Augen.
Hypothalamus
ACC Anteriorer Cingulärer Cortex
VAT VentralesVentrales
Tegmentales Areal
Nac Nucleus accumbens
Dopamin Endorphin …………………
Mitspieler beim
Gefühlsprogramm
Und jetzt war das, worauf alle stolz waren, fertig. Sie, die nach Monaten
des Komas, der schwersten Hirnschädigungen nicht mehr daran glaubten,
noch irgendetwas leisten zu können, hatten ein Bild Mondrians kopiert.
Das hing allen sichtbar an der Wand.
Seit jenen Tagen, da wir neurologisch schwerst geschädigten Menschen
helfen konnten, wieder ein bisschen mehr Lebensmut zu schöpfen, sind
wir davon überzeugt, dass die Diskussion im Fach über die Frage, ob der
Prozess oder das Ergebnis wichtig seien, irrelevant ist. Das Produkt, jenes
Bild, das wir erstellten, impliziert doch beides, die Mühsal des Weges und
den letztendlichen Erfolg. Und noch eines war uns allen deutlich: Gegen
alle Beschwörung vieler Experten, angesichts des unterstützenswerten
Gedankens des Empowerments von der Pathodiagnostik abzusehen,
gerade darauf zu schauen, was der einzelne Patient dringend braucht, sich
also mit seinen Einschränkungen zu beschäftigen, um dann vor allem
seine Ressourcen zu wecken, ihn zu stärken.
(Anm.: Jene Leser, die sich mehr in die „Neurologie der Wahrnehmung“
einlesen möchten, verweise ich auf das gleichnamige neue Kapitel meines
Buches „Grundlagen der Kunsttherapie“, das überarbeitet in 3. Auflage im
September 2008 bei UTB/Reinhardt erscheinen wird.)
Literatur:
Bauer, J. (2007): Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus
kooperieren? 3.A. Hoffmann und Campe: Hamburg.
Paul Klee (2003): Pädagogisches Skizzenbuch. Gebrüder Mann Verlag:
Berlin.
Damasio, A.R. und H. (1993): Sprache und Gehirn. In: Spektrum der
Wissenschaft. Spezial 1: Gehirn und Geist, 46-55.
Hülshoff, Th. (1996): Das Gehirn. Funktionen und Funktionseinbussen.
Hans Huber: Bern.
Menzen, K.-H. (2008): Grundlagen der Kunsttherapie. 3. überarb.Aufl.
UTB/ Ernst Reinhardt, München.
Menzen, K.-H. (2008): Kunsttherapie mit altersverwirrten Menschen. 2.A.
Ernst Reinhardt, München.
Menzen, K.-H. (2008): Das Bild in Kunst, Pädagogik und Therapie. LIT:
Münster.
Pöppel, E. (1993): Wo bin ich? Orientierung in Zeit und Raum. In:
Funkkolleg "Der Mensch. Anthropologie heute". Studienbrief
7,Studieneinheit 20, 5-41.DIFF, Tübingen.
Sacks, O. (1987): Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte,
Rowohlt: Reinbek.
Singer, W. (1990): Hirnentwicklung und Umwelt. In: Gehirn und
Kognition. 50-66. Spektrum der Wissenschaft, Heidelberg.
Singer, W., Engel, C. (1997): Neuronale Grundlagen der
Gestaltwahrnehmung. In: Spektrum der Wiss. (Gehirn und Geist), 66-73.
Zeki, M. (1993): Das geistige Abbild der Welt. In: Spektrum der
Wissenschaften – Spezial: Gehirn und Geist, 26 f.
Web-Seiten
Greene, Ernest et al.: Das Gehirn im Auge. Spezielle Zellen in der
Netzhaut helfen bei der Formerkennung (Universität von Kalifornien in
Los Angeles) et al.: PLoS ONE, Band 9, e871;
http://www.wissenschaft.de/wissenschaft/ news/283211.html
Heisenberg u.a.: Gang Liu, Holger Seiler, Ai Wen, Troy Zars, Kei Ito,
Reinhard Wolf, Martin Heisenberg und Li Liu: "Distinct memory traces
for two visual features in the Drosophila brain", Nature 439, Seiten 551556, 2. Februar 2006, doi:10.1038/nature04381
Karnath, H.-O.:
http://www.bio-pro.de/de/region/stern/magazin/03182/index.html
Keywords*
Neurologische Krankheitsbilder, Neuro-Ästhetik, Mustererkennung,
Synchronisationsleistung des Gehirns, Konstruktion und Rekonstruktion der
Bildwahrnehmung, KT in der neurologischen Rehabilitation
*Zusammenfassung*
Der Beitrag vollzieht nach, wie Bilder in unserem Kopf entstehen, wie und bei
welchen Erkrankungen die Konstruktionsleistungen des Gehirns gestört werden
und wie die Wahrnehmungsleistungen des Gehirns bei Schlaganfall, SchädelHirn-Trauma oder Alzheimer-Demenz wieder rekonstruiert werden können –
mithilfe von einfachst strukturierten Bildvorlagen der Kunstgeschichte. Der
Beitrag fasst zusammen, was in der neuen Ausgabe des UTB-Bandes
"Grundlagen der Kunsttherapie" ausführlich dargestellt ist.
Autor:
Prof. Dr. K.-H. Menzen, Hornweg 4, D-79271 St. Peter
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