Vorsicht vor Negativreaktionen der Sparer

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ZINSEN
Vorsicht vor Negativreaktionen
der Sparer
Zwei neue Umfragen legen nahe, dass bei der Einführung von Negativzinsen viele Befragte ihr Geld bei Banken abheben würden. Die Konsumanreize sind den Studien zufolge
verhalten. Nur gerade jeder zwölfte Schweizer möchte als Reaktion mehr Geld ausgeben. Mark Cliffe, Carlo Cocuzzo
Abstract Die Wirksamkeit von Negativzinsen wird in letzter Zeit immer häufiger angezweifelt. Deshalb stellen sich grundlegende Fragen, die bisher noch nicht
untersucht wurden: Sind die Banken überhaupt bereit, diese Kosten an die Kontoinhaber weiterzugeben? Und wenn ja, wie würden diese darauf reagieren? Dieser Artikel stützt sich auf zwei kürzlich veröffentlichte Umfragen: eine Studie für
Europa, die USA und Australien im Auftrag der niederländischen ING-Bank und
eine Befragung des Finanzberatungsinstituts Moneypark für die Schweiz. Die
Mehrheit der Befragten gab dabei an, ihre Ersparnisse im Falle von Negativzinsen abzuheben. Ungefähr die Hälfte von ihnen möchte in alternative Finanzanlagen investieren. In der Schweiz könnte sich nur rund jeder Zwölfte vorstellen,
als Reaktion auf die Negativzinsen mehr auszugeben. Möglicherweise würden die
Sparer etwas weniger negativ reagieren, wenn sie tatsächlich mit Negativzinsen
konfrontiert wären. Dennoch ist die Frage nach der Wirksamkeit dieses geldpolitischen Instruments angesichts dieser Grundstimmung durchaus berechtigt.
Z ur Belebung der Konjunktur haben die Zentralbanken der wichtigsten Industrieländer
in den letzten Jahren immer aggressivere geldpolitische Instrumente eingesetzt. Manche sind
sogar so weit gegangen, ihren offiziellen Zinssatz
unter null zu senken. Das Ziel der Zentralbanken
ist es dabei, weitere Anreize für Konsum und Investitionen zu bieten.
Beim Blick auf Kunden und Verbraucher wirft
die Einführung der Negativzinspolitik allerdings
grundlegende Fragen auf, die bisher noch nicht
untersucht wurden: Sind die Banken überhaupt
bereit, die Kosten an die Kontoinhaber weiterzugeben? Und wenn ja, wie würden diese darauf reagieren?
Während in den USA die Federal Reserve
Bank die Zinsen bereits wieder leicht erhöht hat,
gibt es in Europa kaum Anzeichen für eine solche Trendwende. Die noch immer fragile Wirtschaftserholung in Europa bleibt anfällig für
Rückschläge – nicht zuletzt auch wegen der zahlreichen anstehenden Wahlen in diesem Jahr. Das
Thema der Negativzinsen und ihrer Auswirkun-
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gen auf Privatanleger wird dabei gerne von populistischen Parteien aufgegriffen, um eine antieuropäische Stimmung anzuheizen.
Die Schweiz blieb von diesem internationalen Trend der Negativzinsen nicht verschont. Die
Schweizerische Nationalbank (SNB) hat sich bereits im Dezember 2014 für eine Negativzinspolitik entschieden, um den Aufwertungsdruck auf
den Franken zu mindern. So führte die SNB per
Januar 2015 einen Zinssatz von −0,25 Prozent
auf Girokontoguthaben ein, um damit den 3-Monats-Franken-Libor weiter in den Negativbereich
zu drücken. Nur einen Monat später beschloss
die SNB sogar die Aufhebung des Mindestkurses gegenüber dem Euro. Das führte schliesslich
zu einer markanten Aufwertung des Frankens
– auch wenn der Zinssatz auf Giroguthaben zusätzlich auf −0,75 Prozent gesenkt wurde.
Negativzinsen befeuern Rückgang
der Spareinlagen bei Banken
Diese Geldpolitik der negativen Zinsen kann allerdings nur funktionieren, wenn Geschäftsbanken diese Zinsen auch an ihre Kunden weitergeben. Denn ansonsten entsteht für die
Sparer auch kein Anreiz, mehr Geld auszugeben. Offensichtlich befürchten die Banken aber,
dass Zinssätze unter null zu einem Kundenrückgang und zu beträchtlichen Geldabflüssen
führen würden. Da die Zinssätze für Kredite jedoch meist vertraglich an die Geldmarktsätze
gebunden sind, leiden in erster Linie die Rentabilität, die Kapitalschöpfung und die Kreditbereitschaft der Bank darunter, wenn sie
ihre Kundschaft vor Negativzinsen verschont.
Durch eine geringere Kreditbereitschaft wird
Gemäss einer weltweiten Umfrage ist
die Wirkung von Negativzinsen auf den
Konsum bescheiden.
SHUTTERSTOCK
FOKUS
ZINSEN
0,75 In %
In Mio. Franken 18 000
0,6
12 000
0,45
6 000
0,3
0
0,15
-6000
0
-12 000
2009
2010
2011
2012
2013
2014
2015
2016
ING ECONOMIC AND FINANCIAL ANALYSIS, THOMSON REUTERS /
DIE VOLKSWIRTSCHAFT
Abb. 1: Entwicklung der Negativzinsen und der Sparguthaben bei
Banken in der Schweiz (2009–2016)
2017
Durchschnittlicher Zinssatz auf Girokonten Veränderung Sparguthaben pro Jahr (rechte Skala)
Abb. 2: Was die Befragten mit dem abgehobenen Geld machen würden
ING INTERNATIONAL SURVEY / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
60 In %
40
20
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0
Einen grösseren Teil des Ersparten ausgeben als sonst Das Ersparte in andere Anlageinstrumente investieren Einen bedeutenden Teil der Ersparnisse abheben und an einem sicheren Ort aufbewahren
Die Abbildung zeigt die Untergruppe der Befragten, die zumindest einen Teil
ihres Geldes von ihrem Sparkonto abheben würden (78% aller Befragten). Da
Mehrfachantworten möglich waren, kann das jeweilige Landestotal 100 Prozent
übersteigen.
Abb. 3: Wie die Sparer weltweit auf Negativzinsen reagieren würden
ING INTERNATIONAL SURVEY / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
100 In %
75
50
25
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0
Geld vom Sparkonto abheben Mehr sparen, um Sparziele zu erreichen Nichts unternehmen
Gewichtet nach Land, Alter, Geschlecht und Region. Alle Antworten sind auf dem
95-Prozent-Niveau signifikant. Da Mehrfachantworten möglich waren, kann das
jeweilige Landestotal 100 Prozent übersteigen.
26 Die Volkswirtschaft 5 / 2017
die s­ timulierende W
­ irkung, welche die Zentralbanken mit ihrer Zinssenkung anstreben, zusätzlich abgeschwächt. Doch zumindest in der
Schweiz haben die Privatkunden auf die Negativzinspolitik der SNB reagiert. Wie die Daten
zeigen, hat die Einführung der Negativzinspolitik zu einem Rückgang der Spareinlagen auf
Bankkonten geführt (siehe Abbildung 1). Dabei stellt sich nun aber die zentrale Frage, ob
die Kunden nun tatsächlich mehr konsumieren
oder ob sie einfach nur Bargeld horten.
Die meisten Kunden würden
ihr Geld abheben
Um den Effekt der Negativzinsen auf die Kunden
zu untersuchen, beauftragte das niederländische Finanzinstitut ING Ende 2015 das Marktforschungsunternehmen Ipsos damit, rund 13 000
Personen in Europa, den USA und Australien zu
befragen. Die Befragten gaben an, wie sie auf die
tiefen Zinssätze reagiert haben und wie sie reagieren würden, falls die Zinsen unter null fallen
sollten.1
Bei solchen Befragungen ist allerdings Vorsicht geboten. Denn nicht immer tun die Befragten auch tatsächlich das, was sie antworten.
Trotzdem sind die Ergebnisse erstaunlich. Drei
Viertel der Befragten geben an, dass sie ihr Geld
im Falle von Negativzinsen von ihrem Sparkonto abheben würden. Davon würden nur 12 Prozent mehr Geld ausgeben. Die meisten gaben an,
dass sie wohl entweder in riskantere Anlagen
investieren oder ihr Erspartes «an einem sicheren Ort» in bar aufbewahren würden (siehe Abbildung 2).
Tatsächlich lässt sich diese negative Reaktion
auf allfällige Negativzinsen sehr zutreffend mit
dem verhaltensökonomischen Konzept des «loss
regret» erklären. Dieses besagt, dass eine Zinssenkung von 0 auf −0,5 Prozent stärkere Gefühle auslöst als eine Senkung von 1 auf 0,5 Prozent.
Erstere wird eindeutig als Verlust wahrgenommen, während man Letztere lediglich mit einem
geringeren Gewinn gleichsetzt.
Hinzu kommen auch politische und kulturelle Faktoren. Viele empfinden Negativzinsen
als eine unfaire «Besteuerung» von Kleinanlegern. Das gilt insbesondere für Kulturen, in
denen Sparsamkeit als Tugend gilt. Im Durch-
FOKUS
ihr Erspartes in andere Finanzinstrumente investieren würden. Ein Viertel aller Personen
würde das Geld zu Hause aufbewahren. Und nur
8 Prozent der Befragten antworteten, dass sie
mehr ausgeben würden.
Abb. 4: So würden Schweizer auf Negativzinsen
reagieren (Umfrage September 2016)
10%
15%
4%
Kaum Effekt auf den Konsum
8%
MONEYPARK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
16%
25%
22%
Immobilien Vorsorge Andere Anlageformen Bargeld zu Hause aufbewahren Mehr ausgeben Geld auf Konto lassen Ich weiss es nicht
Die Umfrage wurde vom Marktforschungsinstitut GfK in
der Schweiz auf Deutsch und Französisch durchgeführt.
Insgesamt wurden 1013 Personen befragt.
schnitt würde allerdings nur eine Minderheit
von 11 Prozent der Befragten mehr sparen (siehe
Abbildung 3).
Ein Viertel der Schweizer würde
Bargeld horten
Privatanleger in der Schweiz wurden bei der Umfrage von ING nicht berücksichtigt. Dennoch
kommt man auch für die Schweiz praktisch zu
den gleichen Ergebnissen, wie eine ähnliche Befragung im Auftrag des Finanzberatungsinstituts Moneypark zeigt.2 (siehe Abbildung 4). Die
Befragten sollten angeben, wie sie auf die Einführung von Negativzinsen durch ihre Bank reagieren würden. Nur 10 Prozent aller Personen
antworteten, dass sie nicht wüssten, was sie tun
würden. 53 Prozent hingegen gaben an, dass sie
Diese Umfrageergebnisse dürften sowohl für die
Banken als auch für die Zentralbanken ernüchternd sein. Die Banken könnten daraus schliessen, dass ihre Befürchtungen bezüglich der Weitergabe von Negativzinsen an ihre Kundschaft
wohl berechtigt sind. Vielleicht fielen die Antworten aber auch deshalb so deutlich aus, da die
Bankkunden sehr besorgt waren, dass sie für das
Aufbewahren ihres Ersparten auf einem Bankkonto belastet werden könnten.
Somit stehen die Banken vor einer schwierigen Wahl: Entweder sie senken die Zinsen für
Privatkunden nicht unter null, oder sie tun es
doch und riskieren damit beachtliche Abflüsse von Kundengeldern. Unabhängig davon legen die Ergebnisse nahe, dass Negativzinsen die
Konsumausgaben weniger stark ankurbeln als
Zinssenkungen über der Nullgrenze. Politische
Entscheidungsträger und Banken in ganz Europa werden deshalb darauf hoffen müssen, dass
die momentan noch fragile Wirtschaftserholung
keine grösseren Rückschläge erleidet.
Mark Cliffe
Chefökonom der ING
Group, ING Bank, London
1 S iehe ING (2016).
2 Die vollständige Studie
ist auf Moneypark.ch
verfügbar.
Carlo Cocuzzo
Wissenschaftlicher
Mitarbeiter, ING Bank,
London
Literatur
Akerlof, G. und R. Shiller (2009). Animal Spirits:
How Human Psychology Drives the Economy, and Why It Matters for Global Capitalism,
Princeton University Press.
Haldane, A. (2015). How Low Can You Go?, Rede
vor der Handelskammer von Portadown, vom
18. September 2015.
Hannoun, H. (2015). Ultra-Low or Negative Interest Rates: What They Mean for Financial Stability and Growth, Diskussionsbeiträge am Eurofi
High-Level Seminar, Riga.
ING (2015). Negative Rates, Negative Reactions
ING Economic and Financial Analysis.
White, W. (2012). Ultra Easy Monetary Policy and
the Law of Unintended Consequences, Federal
Reserve Bank of Dallas, Globalization and Monetary Policy Institute Working Paper Nr. 126.
Heitmann, S. und J. Gautier (2016). Negativzinsen
auf Sparkonten: Jeder vierte Schweizer würde
sein Geld abheben, Money Park.
Die Volkswirtschaft 5 / 2017 27
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