Der Rabe des Elija 11-2013.indd

Werbung
11 | 2013
Der Rabe
des Elija
ISSN 1861-4965
Zeitschrift des Dritten Orden im Karmel – Johannes Soreth
www.dritterordenimkarmel.de
Diakonenweihe von Paul Menting T.OCarm in Den
Bosch (Niederlande)
charistiefeier assistierten die vier neuen Diakone
dem Bischof. Nach dem Gottesdienst waren alle
Gläubigen zu einem Empfang im Priesterseminar
St. Janscentrum eingeladen. Am folgenden Tag
fand in Pauls Heimatgemeinde ein Festgottesdienst unter Mitwirkung der Kinder- und Jugendchöre statt. Hier
assistierte Paul zum
ersten Mal seinem
Pastor in seiner
neuen
Funktion
als Diakon. Anschließend war die
Gemeinde zu Kaffee und Kuchen
eingeladen. Am Ende der Feierlichkeiten dankte
Paul allen Anwesenden und bezog das Karmelcharisma – insbesondere die Geschwisterlichkeit,
das Gebet und den Einsatz für Gerechtigkeit und
Frieden – auch auf die Arbeit eines Diakons. Im
Geiste dieses Charismas will Paul seinen pastoralen Dienst in Nijmegen fortsetzen.
Am Samstag, dem 9. November 2013, wurde Paul
Menting von Bischof Antonius Hurkmans aus
Den Bosch zum ständigen Diakon im Hauptberuf geweiht. 1999 hatte Paul sein Theologiestudium mit Schwerpunkt Spiritualität abgeschlossen.
Im folgenden Jahr absolvierte er sein pastorales
Praktikum in der Gemeinde ‚Heilig Landstichting‘
bei Nijmegen. Seit Juni 2000 war er in der ‚Emmaus-Gemeinde‘ zu Nijmegen als Pastoralreferent tätig. Im Juni
2012 fusionierte
diese
Gemeinde mit mehreren
Nachbargemeinden zur heutigen
Gemeinde ‚Heilige Dreifaltigkeit‘.
In dieser Gemeinde wird Paul auch weiterhin
tätig sein. Neben seiner Familie, Mitgliedern des
Karmelordens und Freunden nahmen auch viele
Gemeindemitglieder aus Nijmegen an der Weiheliturgie in der St. Janskathedraal in Den Bosch teil.
Bischof Hurkmans betonte in seiner Predigt, dass
ein Diakon zum Dienst an den Menschen berufen ist, und insbesondere den Menschen in Not
beistehen soll. Nicht nur die Not an Leib und Leben sei damit gemeint, sondern auch die geistliche
Not. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, solle
Paul auch aus den reichen Quellen der Karmeltradition schöpfen, die ihm ja durch seine Mitgliedschaft im Dritten Orden ganz vertraut seien.
Gemeinsam mit Paul wurden drei weitere Männer des Bistums zu ständigen Diakonen geweiht.
Die Ehefrauen der Diakone legten den Weihe­
kandidaten die Stola und die Dalmatik an. Nach
ihrer Weihe tauschten die vier Neugeweihten mit
dem Bischof und den zahlreich erschienenen Diakonen des Bistums den Friedensgruß. In der Eu-
Inhalt
Diakonenweihe Paul Menting
S. 1
Im Bauch von Mutter Gott
S. 2
Diakonenweihe Frater Tobias Kraus
Elisabeth Hense
Buchbesprechungen
S. 2
S. 6
Supplement
Maria Petyts Visionen über den Holländischen KriegS. 9
Elisabeth Hense & Edeltraud Klueting
Das Leben der hochgeschätzten Mutter Maria
von der hl. Theresia
übersetzt von Elisabeth Hense
Über das innere Gebet Dominique de Staint Albert
übersetzt von Edeltraud Klueting
& Klaus R. Schenkelberger
1
S. 13
S. 19
Rabe des Elia
Diakonenweihe von Frater Tobias Kraus O.Carm.
in Mainz
11 | 2013
Konventes P. Lorenz van Rickelen mit dem neugeweihten Diakon den Friedensgruß aus. In der
Eucharistiefeier assistierte Frater Tobias als neuer
Diakon dem Bischof.
Am Ende des Weihegottesdienstes bedankte sich
Frater Tobias bei allen, die an der Feier teilgenommen und sie mitgestaltet haben, und lud zum
anschließenden Empfang in den Klosterhof des
Mainzer Konventes ein.
Ab November wird Frater Tobias am Pastoralkurs des Pastoralseminars der PhilosophischTheologischen Hochschule Münster teilnehmen.
Sein Diakonatspraktikum wird er in der Innenstadtpfarrei St. Joseph, Große Freiheit, HamburgAltona absolvieren.
Am Sonntag, dem 20. Oktober 2013 wurde unser Mitbruder Frater Tobias Kraus O. Carm. von
Bischof Wilmar Santin O.Carm. aus Brasilien
zum Diakon geweiht. Bischof Wilmar ge­
hört
zur Deutschen Provinz der Karmeliten und ist
Bischof der Territorialprälatur Itaituba / Pará in
Brasilien. Neben der Familie, Verwandten und
Freunden von Frater Tobias nahmen
zahlreiche Mitbrüder und Freunde
des Mainzer Klosters an der Weiheliturgie in der
Karmeliterkirche
Mainz teil.
Frater
Tobias
schloss im Sommer sein Studium der Theologie
an der Gregoriana in Rom ab und gehört seit seiner Rückkehr aus Rom wieder dem Mainzer Ausbildungskonvent an.
Bischof Wilmar wies in seiner Predigt auf zwei
Gefahren hin, die das Diakonat bergen könne.
Zum einen sei das Diakonat keine Wartezeit auf
das Priestertum, sozusagen „ein Testlauf, um einen Priesterschein zu erhalten“. Zum andern sei
der Diakon auch nicht nur ein Mitarbeiter für die
Messe. Als Diakon komme es vielmehr darauf an,
zu den Leuten zu gehen, die Menschen zu treffen, eine Kultur der Begegnung zu pflegen, wie
es Papst Franziskus empfiehlt. Wörtlich sagte Bischof Wilmar zu dem Weihekandidaten: „Lieber
Tobias, du darfst nicht ein Diakon wie jeder sein.
Du bist und bleibst nach der Diakonenweihe ein
Karmelit. Wenn Du Dein Diakonat ausübst, sollst
du immer die Spuren hinterlassen, die zu einem
Karmeliten gehören. Die Spur des Gebetes und
die Spur der Meditation über das Wort Gottes.“
Die eigentliche Weihe erfolgte durch Handauflegung und Gebet. Nach dem Anlegen der Stola
und der Dalmatik überreichte der Bischof dem
neugeweihten Diakon das Evangeliar mit den
Worten: „Empfange das Evangelium Christi: Zu
seiner Verkündigung bist du bestellt. Was du liest,
ergreife im Glauben, was du glaubst, das verkünde, und was du verkündest, erfülle im Leben.“
Danach tauschte Bischof Wilmar Santin, Provinzial P. Dieter Lankes und der Prior des Mainzer
Im Bauch von Mutter Gott
Michael vom hl. Augustinus (1622-1684)
Jan van Ballaert wurde am 15. April 1622 in Brüssel geboren. Nach einer hervorragenden Schulausbildung bei den Augustinern trat er am 14.
Oktober 1640 in den Karmel ein und erhielt den
Klosternamen Michael vom hl. Augustinus. Michael entstammte einer sehr frommen und kinderreichen Familie. Bei seiner Priesterweihe am
10. Juni 1645 waren bereits drei seiner Brüder
Weltpriester und drei weitere bei den Franziskanern; ein siebter Bruder legte während Michaels
Primiz seine Gelübde im Karmel ab. Zwei seiner
Schwestern gehörten der Beginenbewegung an,
eine dritte war Tertiarin bei den Franziskanerinnen.
Kaum 25 Jahre alt, wurde Michael Lektor in der
Philosophie in Gent; dort begegnete er Maria Petyt, die noch ein Jahr jünger war als er. Ihre Beziehung entwickelte sich zu einer der großen mystischen Freundschaften jenes Jahrhunderts.
Michael hatte verschiedene Ämter inne; er war
Novizenmeister, Definitor, Prior in verschiedenen Klöstern und dreimal Provinzial. Er bemühte
sich, die Reform von Touraine in den belgischen
Konventen durchzusetzen und der kontemplativen Spiritualität so neue Impulse zu geben.
Als geistlicher Begleiter war er sowohl bei den
Laien als auch bei den Ordensleuten sehr beliebt.
In seinen zahlreichen Büchern behandelte er den
inneren Weg des Gebets; dabei verband er die
reiche kontemplative Tradition Flanderns mit
den Grundzügen der Karmelspiritualität. Viele
seiner Werke erschienen in Niederländisch und
2
Rabe des Elia
Latein, so auch folgende Werke, aus denen hier
zitiert werden soll: „Het Godtvruchtigh Leven in
Christo...“ im Jahre 1661 bzw. zwei Jahre später
in erweiterter Form „Pia vita in Christo...“ und
ebenfalls „Onderwijsinghe tot een grondighe verloogheninghe sijns selfs...“ im Jahre 1669 bzw.
1671 in teilweiser Anlehnung an die „Pia vita“
die „Institutionum mysticarum libri quatuor...“.
Das letztgenannte Werk faßt die Essenz Michaels geistlicher Lehre zusammen. Die „Einsamkeit
von zehn Tagen“ (Eensaemheydt van thien daghen) und „Das engelhafte Leben“ (Het enghels
Leven) liegen nur in Niederländisch vor.
Michaels Beschreibungen des mystischen Lebens
und seine gut ausgearbeitete spirituelle Theologie
bauen sehr häufig auf der mystischen Erfahrung
Maria Petyts auf, deren Schriften er 1683/1684 in
einem vierteiligen Werk herausgab.
Am 2. Februar 1684 starb Michael vom hl. Augustinus in Brüssel.
Immer wieder betonte Michael, daß das geistliche
Karmelgebirge zwei Höhenzüge kennt, nämlich
das kontemplative und das aktive Leben. Darum
ist der Weg der KarmelitINNen auch ein doppelter: sie müssen mit Maria und Martha (Lk 10,
38-42) beide Bergspitzen der Karmelspiritualität
ersteigen, wissend, daß Maria den besten Teil erwählt hat.
Es war wohl gerade die kontemplative Gipfelerfahrung, die Michael zu einem weiblichen Gottesbild inspirierte. Wenn der Mensch sich ganz auf
den stillen Gipfel der unmittelbaren Gottesschau
mitnehmen läßt, kann er Gott auf mütterliche
Weise erfahren:
11 | 2013
Das Bild des schnarchenden Kindes auf dem
Schoß der Mutter deutet den Höhepunkt der kontemplativen Erfahrung als eine intensive Nähe
zum schöpferischen Urgrund des Lebens, als eine
sorglose Hingabe an diese unfaßbare Tiefe und
als ein friedliches Genießens der unerschöpflichen Fülle des Lebens. Mehr noch als der Vater ist
die Mutter Symbol für die lebenschenkende und
umhegende Kraft. Wie der mütterliche Schoß der
Ort der körperlichen Herkunft des Menschen ist,
so ist der göttliche Schoß der Ort seiner geistigen
Herkunft.
Beiden, dem mütterlichen und dem göttlichen
Schoß, muß der Mensch begegnet sein, um aus
der Erfahrung zärtlicher Umhegung heraus mit
Gott und den Menschen ein Leben in Vertrauen
und Liebe leben zu können. Die Erfahrung der
Geborgenheit, des Friedens und Genießens in
Gott macht den Menschen sanftmütig und gelassen. Er lebt dann nicht länger in der Angst, zu
kurz zu kommen, oder mit eigener Leistung und
Anstrengung, sein Glück gegen die Interessen anderer verteidigen und sicher stellen zu müssen. Er
überläßt sich vielmehr seiner göttlichen Mutter
und wird von ihr gestärkt und genährt mit Liebe.
Dieser süße Schlaf überkommt meistens die
kleinen Kinder, das sind die sanftmütigen Menschen, die wie Säuglinge des allmächtigen Gottes
sind, sorglos an der Brust der göttlichen Gunst
liegen und wie Neugeborene arglos nach Milch
verlangen (1 Petr. 2,2); zu diesen spricht der hl.
Prophet David: Wirf auf den Herrn all deine
Sorgen, er wird dich nähren (Ps 55). Und so machen sie es auch, liegen an den Brüsten des inneren Trostes und schlafen ganz leicht ein. Zu
diesen spricht unser Herr: Wie eine Mutter ihr
Kind streichelt und es ihm behaglich macht, so
werde ich euch trösten (Jes 66,13). Die kleinen
Kinder saugen und nehmen ihre Nahrung im
Schlaf auf. So ergeht es auch den Sanftmütigen,
die in einer intensiven Kontemplation wie in einem tiefen Schlaf sind: gerade wenn Gedenken,
Verstehen und Empfinden keinen Einfluß auf
sie haben, werden sie am allermeisten genährt.
Ich bin davon überzeugt, daß dies ein Vorspiel
und ein Vorgeschmack des ewigen Schlafes in
himmlischer Ruhe ist, wovon David sagt: Seinem Geliebten gibt Gott Schlaf (Ps 127). Ich
Ein gottliebender Mensch fühlt manchmal während des Betens folgendes: er scheint zu großer
Stille hingezogen zu werden, er ist wie von Gott
durchdrungen und umringt oder in Gott eingeschlossen, er ruht in ihm auf süße Weise, schläft
aber nicht. Man könnte diese Verfassung eine
träumende Ruhe nennen, denn einerseits ist es
ein wahres Ruhen und Genießen von Frieden in
Gott, so daß der Mensch körperlich nicht fühlt,
wo er ist oder wie es ihm geht... und so atmet er
in Gott und schnarcht gleichsam in Gott wie ein
Kind im Schoß seiner Mutter: geborgen, zufrieden, gesättigt usw.1
Michael vom hl. Augustinus, D’aenbiddinghe
Godts in den Geest ende waerheyt, in: Onderwijsinghe
tot een grondighe verloogheninghe sijns selfs, ende van alle cre1
aturen, ende tot een godt-vormigh goddelijk leven in Godt om
Godt, Mechelen 1669, S. 42-43.
3
Rabe des Elia
meine nämlich, daß die Seligen im Himmel wie
im Bach der Lust und dem Meer des göttlichen
Wesens ertrunken sind oder auch in Gott liegen
wie kleine Kinder im Bauch ihrer Mutter und
daß die Seligen nach ihrer Gewohnheit fortwährend in einer klaren Über-Schau schlafen und da
in Ewigkeit leben im Genuß der Gottheit so wie
ein Kind im Bauch seiner Mutter fortwährend
schläft und dennoch mit der Nahrung und Substanz der Mutter genährt wird.2
11 | 2013
Angst hat, sich von seiner Mutter zu entfernen,
wenn es mit etwas spielt oder etwas anderes tut,
was ihm gefällt und wozu es Lust hat, solange
es auf dem Schoß seiner Mutter sitzt oder liegt.3
Das ausschließliche Fixiertsein auf den Gott der
Liebe führt dazu, daß der Mensch sich von sich
selbst und seinen egozentrischen Wünschen und
Interessen loslöst. Die mystische Rückkehr auf
den Mutterschoß hat nichts mit einem Rückfall in
infantile Befriedigungsstrategien für egoistische
Bedürfnisse zu tun. Der göttliche Schoß ist keine
vom Ego entworfene, die Realität ersetzende Prothese, die die Konfrontation mit der eigenen Unvollständigkeit und den eigenen Defekten durch
eine Art Selbstvergötterung kompensieren soll.
Ganz im Gegenteil sehen wir hier einen völlig andersartigen Vorgang dargestellt: auf dem Schoß
Gottes und im Bauch Gottes wird der Mensch
befähigt, sich wie Gott in Liebe zu verschenken,
selbst Vater und Mutter zu werden für andere, sie
zu umhegen, zu stärken und zu nähren.
Im Bauch der lebendigen, schöpferischen Gottheit, aus der alles Sein hervorgeht, findet der
Mensch seinen eigentlichen Platz, da ist er geborgen, da hat er Frieden, da ist er in Harmonie
mit seinem Ursprung, mit sich selbst, mit allen
Geschöpfen.
Aber verbirgt sich in diesen Bildern vom schnarchenden Kind auf dem mütterlichen Schoß oder
vom Embryo im Bauch seiner Mutter nicht eine
regressive Wunschvorstellung und ein eher bedenkliches Leitbild für geistliches Leben, das einem ungesunden Quietismus Tür und Tor öffnen
kann?
Das wäre wohl der Fall, wenn es Michael hier
mehr um den Schoß und den Bauch zu tun wäre
als um Gott. Doch nichts ist weniger wahr: Der
Mensch, der in intensivem Liebesaustausch mit
Gott lebt, hat keine Sorge um den Schoß oder
den Bauch, er ist nur mit der Liebe selbst beschäftigt; nur Gott hat er im Auge, nur die Liebe interessiert ihn noch und gerade dadurch entfernt er
sich nicht von Mutter Gott, sondern bleibt auf
ihrem Schoß oder in ihrem Bauch und wird von
ihr gestärkt und umhegt, was er auch tut:
Wie gewandt muß man doch mit den verschiedenartigen Menschen umgehen. Nicht seinem
eigenen Geist muß man sich fügen sondern der
Verfassung der anderen, um friedlich in einem
Haushalt zu leben und sich gegenseitig mit Liebe zur Seligkeit zu verhelfen. Ja, es ist die Liebe,
die diese Fügsamkeit untereinander verursachen
muß. Es ist die brüderliche Liebe, die keine Unannehmlichkeit, keine Unbequemlichkeit oder
keine Unruhe scheut, um einem andern Angenehmes, Behaglichkeit oder Ruhe zu verschaffen. Die brüderliche Liebe ist nicht argwöhnisch
und denkt nichts Schlechtes, sie erträgt gern alle
Unvernünftigkeiten und Schwächen jedes einzelnen. Sie ist bereit, einem jeden in Freundschaft
zu begegnen. Sie würde sich auszehren, um andern zu helfen; sie ist wie eine geistliche Amme
oder Mutter, die sich gedrängt fühlt, anderen Süßes zu geben, ihnen nette Worte zu sagen, sie
höflich zu behandeln.4
Der hl. Augustinus sagt: Liebe und tue was du
willst. Ein Mensch, der so im Kuß des Friedens,
in den Armen seines Liebsten und in der Liebe
zu Gott ruht und da auf stille Weise bleibt und
auf süße Weise damit beschäftigt bleibt, scheint
in die Freiheit des Geistes versetzt zu sein... Seine eigentliche Hinwendung und Anhänglichkeit
gilt Gott. In ihm ruht er und an ihm hängt er von
Grund auf in einer aufrechten und festen Liebe,
so daß alles, was er hervorbringt oder in ihm hervorgebracht wird, nur Gegenstand der göttlichen
Liebeseruptionen ist. ... Gott liebend tut er, was
er will. Es geht ihm wie einem Kind, daß keine
Michael vom hl. Augustinus, D’aenbiddinghe
Godts in den Geest ende waerheyt, in: Onderwijsinghe
tot een grondighe verloogheninghe sijns selfs, ende van alle creaturen, ende tot een godt-vormigh goddelijk leven in Godt om
Godt, Mechelen 1669, S. 51-52.
4
Michael vom hl. Augustinus, Eensaemheydt van
thien dagen, Brüssel 1677, S. 459-460.
3
Michael vom hl. Augustinus, Het godtvruchtigh leven in Christo, Brüssel 1661, S. 176-177.
2
4
Rabe des Elia
Die mütterliche Gotteserfahrung veranlaßt den
kontemplativen Menschen zu einem mütterlichen
Umgang mit seinen Mitmenschen. Die mystische
Notwendigkeit des Loslassens und der Entblößung von allem Eigenen wird auf dem Gipfel
der Kontemplation, dem wesenhaften Einswerden mit Mutter Gott, von gegenseitiger göttlichmenschlicher Liebe motiviert. Es ist Mutter Gott,
die den Blick vom eigenen Ich wegzieht und auf
den Gipfel des aktiven Lebens hinlenkt, denn
eben diese kontemplative Liebeserfahrung mit
Mutter Gott bewegt den Menschen zum positiven Denken, zur Menschenfreundlichkeit, zur liebevollen Sorge und Zuwendung.
Erst beide Gipfel gemeinsam ermöglichen die
ausgewogene und ausbalancierte Beschreibung
der Hügellandschaft des geistlichen Lebens, die
Michael vom hl. Augustinus als einen Schriftsteller mit reicher eigener Erfahrung auszeichnet.
Wer beide Bergspitzen bestiegen hat, ist ein glücklicher Mensch und trägt zum Glück der Gemeinschaft bei, in der er lebt. Michael wünschte sich
dann auch, bleibend unter dem Eindruck dieser
Gipfelerlebnisse zu leben:
11 | 2013
Der gute Engel ist wie ein Pädagoge, oder
Ziehvater eines adligen Kindes, das noch viel
Abwechslung braucht, spielen muß und Nahrung benötigt, die seinem Alter und seiner Beschränktheit entspricht. Der Pädagoge oder die
Amme achtet darauf, daß das Kind seine besten
Kleider nicht schmutzig macht, sich nicht ungebührlich durchmogelt oder sich im Blick auf
die Solidität seines Adels unangemessen verhält... Wenn sich das Kind schmutzig gemacht
hat, so sorgt der Pädagoge oder die Amme dafür, daß es sofort gereinigt wird und ihm saubere Kleider gegeben werden. Wenn das Kind
dann bei der Mutter oder Amme bleiben möchte, um ein bißchen zu spielen, so muß der Pädagoge das zulassen, doch sobald es möglich
ist, entwöhnt oder entfremdet er das Kind dem
Kinderspiel, um ihm mehr Reife einzuprägen...
All diese Dingen sind auch auf viele fromme
Menschen anwendbar, die unter der Begleitung
oder der Vormundschaft des hl. Engels leben...6
Michael vom hl. Augustinus hat mit den drei Bildern vom mütterlichen Gott, vom mütterlichen
Menschen und vom mütterlichen Engel kein feministisches Gesamtsystem für geistliches Leben entworfen. Die hier zitierten Texte finden
sich über viele Werke verstreut und werden von
Michael selbst nicht zu einem geschlossenen
theologischen Konzept miteinander verbunden.
Dennoch zeigt sich in diesen scheinbar zusammenhanglosen Texten auf originelle Weise eine
durchaus konsistente Sicht auf das gesamte geistige Karmelgebirge. Die Kindheitserfahrungen
Michaels dürften auf die hier besprochene Symbolik von großem Einfluß gewesen sein. Immerhin herrschte im Hause Ballaert offensichtlich ein
Klima, das der geistlichen Entwicklung der Kinder sehr förderlich war (s.o.).
Natürlich sprach Michael an vielen Stellen seiner
Werke auch vom Vater-Gott, vom väterlichen
und brüderlichen Menschen, vom väterlichen Engel und selbstverständlich bediente er sich auch
gern der Symbolik vom Bräutigam und der Braut,
wenn er die Liebesbeziehung zwischen Gott und
Mensch darstellte. Im Rahmen dieses Aufsatzes
mußte auf eine Untersuchung solcher Textstellen
verzichtet werden.
Ach, wenn die Liebe doch in mir brennen würde
und frei in mir am Werk wäre! Es ist wirklich
wahr, liebevolle Klosterleute sind glücklich und
die Gemeinschaft, wo es solche gibt, ist glücklich.
Denn sie sind wie Väter oder Mütter und Tröster
der anderen; sie sind die Pfeiler des Glaubens.5
Der väterliche oder mütterliche Mensch vergegenwärtigt für andere Gottes väterliches oder
mütterliches Wesen. Indem sich der väterliche
oder mütterliche Mensch immer mehr zu dem
entwickelt, zu dem er erschaffen ist, nämlich voll­
kommenes Bild Gottes zu werden, vermag Gott
sich in diesem Menschen als Vater und Mutter zu
offenbaren.
Ein väterliches und mütterliches Klima im Umgang miteinander fördert den geistlichen Entwick­
lungsprozeß jedes einzelnen und gibt einer Gemeinschaft Stabilität trotz der persönlichen Fehler
und Unzulänglichkeiten ihrer Mitglieder. Im Bild
des väterlichen aber mehr noch mütterlichen Engels beschrieb Michael dieses für geistliche Reifung so unentbehrliche Klima:
Michael vom hl. Augustinus, Het enghelsch Leven,
Yperen 1681, S. 126-128.
Michael vom hl. Augustinus, Eensaemheydt van
thien dagen, Brüssel 1677, S. 392.
6
5
5
Rabe des Elia
11 | 2013
dem Hintergrund des philosophischen mystischen Atheismus mit der atheistischen Mystik bei
Johannes vom Kreuz und Therese von Lisieux.
Kapitel IV fasst zusammen und bringt die Kernpunkte christlicher Mystik ins Gespräch mit dem
neuzeitlichen Atheismus. Aus der Mitte christlicher Gotteserfahrung heraus werden einige Antworten auf zentrale Argumente atheistischer Kritik am christlichen Gottesverständnis formuliert.
Festzuhalten gilt es am Ende dieser Überlegungen, daß die Muttersymbolik in den Schriften Michaels der tragende Unterton seiner Mystik ist.
Hier wie in seiner herzlichen Freundschaft mit
Maria Petyt griff Michael anerkennend weibliche
Impulse spirituellen Lebens auf und integrierte
sie auf originelle Weise in den Gesamtzusammenhang seiner Spiritualität.
Elisabeth Hense T.OCarm, 47533 Kleve
Dieser Artikel wurde zuerst publiziert in: Christliche Innerlichkeit 2, 1995, 75-81.
Edeltraud Klueting, Stephan Panzer und Andreas
Scholten, Monasticon Carmelitanum – Die Klö­
ster des Karmelitenordens (O.Carm.) in Deutschland von den Anfängen bis zur Gegenwart, Mün­
ster: Aschendorff Verlag 2012. 12 Karten und 92
Siegelabbildungen, 1032 Seiten.
Buchbesprechungen
Manuel Schlögl, Mystik – Atheismus – Dunkle
Nacht. Johannes vom Kreuz und Therese von Lisieux im Gespräch mit dem neuzeitlichen Atheismus, Regensburg: Pustet 2013.
Das epochale Grundlagen-Buch zu den deutsche
Karmeliterklöstern
In der abendländischen Ordensgeschichte sind
die mittelalterlichen Bettelorden der Dominikaner und Franziskaner sowohl allgemein bekannt
als auch gut erforscht. Anders war dies bei der
im Heiligen Land entstandenen Eremitengemeinschaft, die erst im Jahre 1247 mit ihnen rechtlich
gleichgestellt wurde, und deren erstes Kloster des
deutschen Sprachraums 1256 in Köln entstand,
bei dem Karmeliterorden. In den neueren regionalen Klosterbüchern, die meist mit der Epoche der Säkularisation um 1800 enden, finden die
jeweils wenigen Karmeliterklöster zwar Berücksichtigung, aber eine umfassende Darstellung der
Klöster dieses Ordens war schon lange Zeit ein
Forschungsdesiderat. Nach dem Startschuss für
das große Forschungsprojekt seitens der beiden
(noch getrennten) Provinzleitungen in Mainz im
Jahre 2005 konnte zu dem am 1. Januar 2013 erfolgten Zusammenschluss der Nieder- und Oberdeutschen Karmeliterprovinzen „just in time“
dieser mit über 1000 Seiten gewichtige Band nach
sieben Jahren intensiver Forschungsarbeit von 55
Autorinnen und Autoren vorgelegt werden.
Das von dem Herausgeberteam Edeltraud Klueting, Stephan Panzer und Andreas H. Scholten
solide und zuverlässig bearbeitete „Klosterbuch“
gliedert sich in fünf Teile. Nach dem Vorwort der
beiden Provinziale umschreiben die drei Herausgeber in ihrem Vorwort u. a. die räumliche Begrenzung (vom Ijsselmeer bis Fünfkirchen/Pécs)
sowie die systematische Gliederung der Einzelar-
Haben Mystik und Atheismus etwas miteinander zu tun und wenn ja, was? Dieser Frage geht
Manuel Schlögl in seiner Doktorarbeit mit dem
oben genannten Titel nach. Kapitel I befasst sich
mit den großen theologischen Entwürfen des 20.
Jh., in denen eine ganze Reihe von Hinweisen
auf eine Beziehung zwischen Mystik und Atheismus erkenntlich sind. Kapitel II zeichnet einen
mystischen Atheismus bei Hegel, Feuerbach und
Nietz­­sche nach. Kapitel III beschäftigt sich vor
6
Rabe des Elia
tikel der 58 Klöster vor der Säkularisation und der
23 Klöster des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Aufarbeitung der Geschichte der Ordenshäuser bis in
die unmittelbare Gegenwart kann als besonderes
„Alleinstellungsmerkmal“ dieses Klosterbuches
gelten. Gerade dieser Teil des Werkes ist ein Spiegelbild der Veränderungsprozesse in der modernen Gesellschaft. Unter den breit herangezogenen Quellen ist das niederdeutsche Provinzarchiv
im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt für die
Zeit vor 1802/1803 von besonderer Bedeutung.
Auf den ersten 80 Seiten bieten Edeltraud Klueting und Stephan Panzer einen prägnanten Überblick der Entwicklung der deutschen Provinzen
vor und nach der Säkularisation, wobei als Besonderheiten die Sächsische (1440-1524) und die Kölnische Provinz (1613-1624) von einer spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Blütephase des
Karmeliterordens zeugen. In der Zeit des Baseler
Konzils war die niederdeutsche Provinz 14421450 in ein siebenjähriges Schisma geraten, und
im 17. Jahrhundert wurde sie von der Tourainer
Reform geprägt. Während in der SäkularisationsEpoche die Niederdeutsche Provinz erloschen
war, wurde das bayerische „Aussterbekloster
Straubing“ zum Bindeglied für die neue Oberdeutsche Provinz in der Gestalt der 1879 dann
entstandenen Germano-Hollandia. Bei der zuletzt
1969 auch wiedergegründeten Niederdeutschen
Provinz machte sich schon bald die allgemeine „nachkonziliare Berufungskrise“ bemerkbar.
Dieser brillante Überblick mit den Listen der jeweiligen Häuser, Provinziale und Quellen wird
vertieft durch den zweiten Teil der insgesamt 12
vorangestellten Karten von Karsten Bremer und
der 92 abgebildeten Siegel. Die sechs Provinzkarten zeigen die Frauen- und Männer-Klöster
von 1347 bis 1991. Als deutliche Schwerpunkte
der Verbreitung der Karmeliterklöster werden die
Regionen Rhein, Main und Donau sichtbar. In
den sechs Städte-Karten von Bischofssitzen vom
Jahre 1500 (Augsburg, Köln, Magdeburg, Mainz,
Trier, Würzburg) ist das Karmeliterkloster jeweils
signifikant markiert. Beeindruckend ist die Bildserie der Provinz-, Konvents- und Prioren-Siegel,
wobei es eine „sphragistische“ Besonderheit ist,
dass Edeltraud Klueting erstmals der Nachweis
gelingt, dass das Große Siegel der Kölner Universität dem Siegel der Deutschen Karmeliter-Provinz nachgebildet ist.
Den Hauptteil des Bandes bilden die nach dem
11 | 2013
im Vorwort (S. 13) erläuterten Schema erarbeiteten 55 Kloster-Artikel von Aachen bis Würzburg
(S. 113-795), wobei Geldern und Köln je ein Männer- und ein Frauenkloster aufweisen konnten.
Angesichts der 670 Seiten gut gegliederter und
kompakter Information sind die jedem Artikel
vorangestellten Kurzdarstellungen der Konvente
eine sehr gute Einstiegsorientierung. Sie lassen
das Profil der jeweiligen Konvente im Kontext
der Geschichte gut erkennen und dokumentieren ihre Geschichte, Bedeutung und Wirkung. In
den Provinzkarten 1505 und 1566 wird die Reformation als größte Zäsur der älteren Ordensgeschichte deutlich erkennbar. Auffallend sind die
zahlreichen Klosterstiftungen des regionalen und
katholisch (gebliebenen) Adels. Den profunden
und umfassenden Artikel über den bedeutendsten
und größten Karmeliterkonvent des deutschen
Reichsgebiets, Köln am Waidmarkt (S. 386-421),
konnte Edeltraud Klueting glücklicherweise vor
der Katastrophe des Einsturzes des Historischen
Archivs der Stadt Köln (3. März 2009) abschließen.
Das „Überleben des Klosters Straubing“ und die
personellen Verbindungen mit den niederländischen Klöstern Boxmeer und Zenderen führten im Jahre 1879 zur Gründung der Provincia
Germano-Hollandia unter dem Patronat der hl.
Jungfrau Maria vom Berge Karmel und der Propheten Elija und Elischa. Wieder auf vier Klöster
7
Rabe des Elia
angewachsen, entstand 1897 unter dem Provinzvikar Anton Seidl die Bayerische Provinz unter
dem Titel „Beata Maria Virgo Dolorosa“ neu.
Mit der Darstellung der Niederlassungen von Bad
Reichhall bis Xanten auf rund 150 Seiten bietet
das Monasticon Carmelitanum hier 23 insgesamt
sehr gelungene und fundierte Konventsgeschichten bis ins postmoderne 21. Jahrhundert hinein,
wobei das Schwergewicht der Klöster eindeutig
an Rhein und Donau bzw. Süd- und Westdeutschland liegt. Aus der auch kirchlichen AufbruchPhase nach dem Zweiten Weltkrieg in der alten
Bundesrepublik sind die eigene philosophischtheologische Hochschule in Wegberg (1958-1964)
und die Gründung der Niederdeutschen Provinz
(1969) zu nennen. Auch der Wiederbelebungsversuch des 1523 im Bauernkrieg zerstörten Klosters
Ohrdruf in der Diözese Erfurt nach der Wiedervereinigung Deutschlands und in der Nachfolge
von Schönstatt-Patres ab 1991 zeigt die Schwierigkeit auch für karmelitanisches Leben, in der
„religionslosesten Region der Erde“ (US-Religionsmonitor 2012) auf Dauer wirken zu können.
Demgegenüber war z. B. „Bamberg durchweg ein
großer Konvent und seelsorglich überregional bedeutsam“ (S. 808). Nicht übersehen werden dürfen in den beiden Provinzgeschichten seit dem 19.
Jahrhundert die seit 1951 „in der Mission“ hinzu
gewachsenen Konvente in Brasilien (9), Indien (5)
und Kamerun (2).
Der Anhang des überzeugenden und großartigen
Werkes bietet die „Regel des Ordens der Brüder
der seligen Jungfrau Maria vom Berge Karmel“
in der Fassung von 1998 sowie ein Abkürzungsverzeichnis. Die von vier Autoren erarbeiteten zuverlässigen Personen-, Orts- und Sachregister erschließen diese einmalige Fundgrube zu über 750
Jahren Karmeliter in Deutschland, die in keiner
wissenschaftlichen, karmelitanischen und kirchlichen Bibliothek als epochales Standardwerk der
Ordensgeschichte fehlen darf.
11 | 2013
Impressum
© Dritter Orden im Karmel – Johannes Soreth.
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die
dadurch begründeten Rechte bleiben, auch bei
nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten.
ISSN 1861-4965
Redaktion:
Drs. Ing. Paul Menting T.OCarm.
Dr. Elisabeth Hense T.OCarm.
Dr. Edeltraud Klueting T.OCarm.
Reimund Haas
Anschrift:
Rehweg 15, 47533 Kleve
E-Mail: [email protected]
Redaktionsschluss für die zwölfte Ausgabe: September 2014.
8
Rabe des Elia
Supplement
Maria Petyts Visionen über den Holländischen
Krieg
Maria Petyt
aufgenommen. Hier bezeichnen die Zahlen allerdings die Folia und nicht die Lagen. Diese
Teile wurden von verschiedenen Händen geschrieben.
F.Fol. 217r-221r und fol. 231r-452r (Ende des
Codex) ist eine Ergänzung bzw. Fortsetzung
des zweiten Teils der Vita. Diese Teile wurden
ebenfalls von verschiedenen Händen geschrieben.
G.Fol. 6r-29v sind zwei Indices. Das erste Inhaltsverzeichnis „Index capitum auctoris Vitae Ven. Matris Mariae…“ auf fol. 6r/v und
fol. 9r-29v umfasst die 911 mit Kapitelnummern und Seitenzahlen gezählten Kapitel der
„Vita Ven. Matris Mariae…“ (in der Literatur
als zweiter Teil genannt). Das zweite Inhaltsverzeichnis ist nur fragmentarisch erhalten auf
den fol. 7r-8v und umfasst Kapitel 56-158 der
Vita (in der Literatur als erster Teil genannt).
Einige Bemerkungen zu Codex Post III 70 im Archiv des
Postulators O.Carm. zu Rom, Via Giovanni Lanza 138, in
dem Maria Petyts Visionen überliefert werden.
Bei der Durchsicht des Codex Post III 70 am 14.16. Januar 2013 wurden folgende Beobachtungen
gemacht:
Wir stellen fest, dass es sich bei dem Codex nicht
um eine Handschrift handelt, die in einem eventuellen Kanonisationsprozess unmittelbar dem
Heiligen Stuhl vorgelegt werden sollte. Der Zustand der Handschrift deutet darauf hin, dass es
sich zum größten Teil um eine Vor­lage für eine
Druckfassung der Vita der Maria Petyt handelt
– für welchen Zweck auch immer. Ein kleinerer
Teil des Codex war sicherlich nicht für den Druck
vorgesehen.
Begründung: Die Struktur der Handschrift lässt
deutlich sieben Teile erkennen, die mit erheblichen Bruchstellen zusammengefügt wurden. Dabei handelt es sich in der Reihenfolge der (heutigen, nicht ursprünglichen) Foliierung um:
A.Fol. 1r ist das Titelblatt, die Vorlage für den
Drucker zur Gestaltung der Titelseite. Darauf
weist auch die Anweisung auf dem aufgeklebten Papierstreifen in der oberen linken Ecke
mit dem Hinweis „Titulus generalis prefigendus initio totius libri“ hin.
B.Fol. 2r-5r ist das Vorwort „Praefatio ad lectorem et protestatio auctoris…“ des Michael
vom hl. Augustinus zu dem gesamten Werk.
Dass es sich um eine Druckvorlage handelt,
geht aus dem aufgeklebten Papierstreifen mit
der Aufschrift „Prefatio generalis prefigendus
toti libro“ hervor.
C.Fol. 30r-49v ist eine Beschreibung von Maria
Petyts Visionen zum Holländischen Krieg.
D.Fol. 50r-117v und fol. 200r-216v ist der erste Teil der Vita, der in diesen Teilen von derselben Hand geschrieben ist und – neben der
durchgängigen neuen Foliierung – eine einheitliche ursprüngliche Foliierung von fol.
5-89 aufweist.
E.Fol. 118r-199v und 222r-230v ist der zweite
Teil der Vita. Auf Folio 118r-199r findet sich
eine Zählung der Lagen (in der Regel Quaternionen) von 1/A-20/V. Die Zählung wird
auf fol. 222r mit 21 und auf fol. 230r wieder
Ad A: Fol. 1 weist einen anderen Schadensbefund durch Feuchtigkeitsspuren auf als die
folgenden Blätter. Beim derzeitigen Zustand der
Handschrift ist allerdings nicht zu entscheiden,
ob dieses Blatt eventuell ursprünglich an einer anderen Stelle eingebunden war.
Ad B: Auf Fol. 4v, Zeile 35 kündigt Michael
vom hl. Augustinus an, dass die Vita (in der Literatur als erster Teil bezeichnet) 186 Kapitel umfasst und diese eine Ergänzung erhalten haben (in
der Literatur als zweiter Teil bezeichnet): „et sic
factum est, quod vitam suam non tam ex meo,
quam ex Dei mandato scripserit stylo valde fluido,
prout hic per 186 capita, deducta sequitur; neque
in eam quidquam mutandum censui, neque addidi, nisi summaria capitum. Quia autem illa vita facile decem annis ante mortem eius rescripta fuit,
et ab illo tempore ex simili mandato et oboedientia, plurima alia scripto mandavit, atque ut mihi
de statu suo interiori rationem redderit, successive mihi tradidit examinanda, et discernenda, ex
illis auctarium vitae illius componendum censui
partim ad maiorem Dei gloriam, ut inde omnibus
innotescant exuberantes divine erga hanc dilectam pietatis insinuationes, partim ad instructionem, consortionem et consolationem multarum
Deum unico et sincere ….“ Zum Umfang der
Vita (erster Teil) von 186 Kapiteln siehe unter D.
Zum Umfang der Ergänzung (zweiter Teil) siehe
unter E und F.
Es kann ausgeschlossen werden, dass es sich um
9
Rabe des Elia
Supplement
ein Autograph von Marias Beichtvater Michael
vom hl. Augustinus handelt. Ein Vergleich der
Handschrift der Praefatio ad lectorem mit dem
unzweifelhaft von Michael vom hl. Augustinus
Maria Petyt
4.Fortsetzung auf fol. 34r-37v, ein Quaternio,
geschrieben von Schreiber B.
Diese Reihenfolge stimmt auch mit der Chronologie dieser Berichte überein. Es ist nicht unmittelbar ersichtlich, warum die ursprüngliche
Reihenfolge der Blätter nicht beibehalten wurde,
zumal – einmal abgesehen von dem Indexfragment auf fol. 7r-8v – nirgends sonst im Codex
Seiten durcheinandergeraten sind.
Ad D: Die Autopsie ergibt, dass der Beginn
der Vita (erster Teil) unvollständig ist. Es fehlen
die ersten vier Blätter. Im heutigen Zustand beginnt die Vita (fol. 50r) mit dem Ende des elften
Kapitels der niederländischen Vita. Zu dieser Vita
gehört das Indexfragment, das die Überschriften
der Kapitel 56-158 verzeichnet.
In seiner Praefatio ad lectorem führt Michael vom
hl. Augustinus aus, dass er die Vita in 186 Kapitel
eingeteilt und diese mit Überschriften versehen
hat. Die Kapitel auf den fol. 50r-67v sind nicht
im Indexfragment verzeichnet, die Kapitel auf
fol. 68r-108v entsprechen den im Indexfragment
verzeichneten Kapiteln 56-158, die restlichen von
Michael angekündigten Kapitel stehen auf fol.
109r-117r.
Tatsächlich entspricht der Umfang der eigentlichen Vita (erster Teil) nicht der von Michael
angekündigten Länge von 186 Kapiteln. Der Befund nach ursprünglicher Foliierung ergibt einen
größeren Umfang. Um diesen auf den genannten
Umfang von 186 Kapiteln zu kürzen, wurden die
überzähligen Kapitel auf fol. 117r/v (zeitgenössische Foliierung 72r/v) gestrichen und auf fol.
199r/v von einem anderen Schreiber eingefügt.
Ebenso wurden die weiteren überzähligen Kapitel (zeitgenössische Foliierung 73-89) in die ergänzte Vita (zweiter Teil) verschoben und zwar
auf fol. 200r-216v. Anhand der Kustoden lassen
sich diese Verschiebungen verfolgen. Auf fol.
117v stand ursprünglich die Kustode „rationalem“, die im Text auf fol. 200r aufgenommen
wird. Nach der Streichung der Kapitel auf fol.
117r/v wurde die Kustode ebenfalls gestrichen
und durch die Kustode „Maria“ ersetzt, um den
Anschluss an fol. 118 herzustellen. Allerdings ist
die Kustode „Maria“ nichtssagend, da jede Seite
in der Kopfzeile den Namen Maria enthält. Der
starke Bruch zwischen fol. 117v und 118r spiegelt
sich nicht nur in der Streichung der Kapitel und
der ungewöhnlichen Kustode wieder, sondern
auch in der Unterbrechung der zeitgenössischen
selbst geschriebenen Brief vom 18. November
1678 ergibt, dass sich die Leitbuchstaben g, h, p, s,
M und andere grundsätzlich unterscheiden. Hingewiesen sei auch auf die unterschiedliche Schreibung des eigenen Namens. Den Schreiber der
Praefatio bezeichnen wir als Schreiber A. Wir
identifizieren ihn als Schreiber der fol. 2r-5r (Praefatio), 30r-33v und 38r-41v (Holländischer Krieg)
sowie 118r-129v (Fragment des zweiten Teils der
Vita) und möglicherweise weiterer Lagen des
zweiten Teils der Vita.
Ad C: Die Visionen zum Holländischen Krieg
wurden von den zwei bekannten Händen A und
B geschrieben (von B stammen auch ein Teil des
Index und weitere Textteile des zweiten Teils der
Vita). Da diese Schreiberhände sowohl in der Praefatio wie im Index als auch im zweiten Teil der
Vita und ebenso in den Berichten zum Holländischen Krieg identifiziert werden können, ist der
Rückschluss erlaubt, dass die Berichte zum Holländischen Krieg originär zum vorliegenden Codex gehören. Die Verschränkung der Schreiberhände schließt aus, dass es sich bei den Berichten
zum Holländischen Krieg um nicht authentische
Ergänzungen oder um Verfälschungen handeln
könnte.
Bei der Autopsie hat sich ergeben, dass die heutige Reihenfolge der Lagen nicht die ursprüngliche
Sequenz ist. Auf Grund der Kustoden ergibt sich
folgende Korrektur:
1.Beginn auf fol. 38r-41v, ein Quaternio, geschrieben von Schreiber A, auf fol. 41r Kustode Jussu dei
2.Fortsetzung auf fol. 30r-33v, ein Quaternio,
geschrieben von Schreiber A, auf fol. 30r Beginn Jussu dei, auf fol. 33v Kustode redit
3. Fortsetzung auf fol. 42r-49v, zwei Quaternionen, geschrieben von Schreiber B, auf fol. 42r
Beginn Redit, auf fol. 49v Kustode in Folge
Beschädigung verloren,
10
Rabe des Elia
Supplement
Maria Petyt
Fol. 195
20
V
Fol. 200
Fol. 73
Auf fol. 222r wird die Nummerierung der Lagen
mit der Zahl 21 fortgesetzt. Sie bezeichnet nun
nicht mehr eine Lage, sondern ein Blatt. Erst auf
fol. 230r folgt die nächste Zahl 29, die ein Blatt
zählt. Damit endet die alte Nummerierung.
Im Textverlauf fehlen 6 Kapitel, die zwar im Inhaltsverzeichnis erscheinen, aber nicht kopiert
wurden. Es handelt sich um die Kapitel 51-56.
Da dieser Ausfall von Kapiteln mit einem Lagenund Schreiberwechsel korrespondiert, ist zu vermuten, dass die Kapitel vergessen worden sind.
Kapitel 50 endet auf fol. 151v in einer unvollständigen Lage, der nur aus zwei Blättern bestehenden Lage I. Fol. 151v wurde nur mit sieben Zeilen
beschrieben, daran schließt fol. 152r (Lage 10/K)
mit Kapitel 57 an.
Ad F: Fol. 217r-221r (221v vacat) und fol. 231r452r sind von mehreren Händen in unterschiedlich sorgfältiger Ausführung geschrieben worden.
Ad G: Von den beiden Inhaltsverzeichnissen
ist eines komplett, das andere nur als Fragment
erhalten. Beide Indices stellen nicht das Inhaltsverzeichnis für die Druckvorlage dar und sind damit auch nicht das Inhaltsverzeichnis für diesen
Codex. Die Indices könnten als Inhaltsverzeichnisse zu den heute nicht mehr bekannten Vorlagen für diese Abschrift gedient haben. Abweichend von den mit Kapitelnummern versehenen
Indices enthält der Codex keine Zählung nach
Kapitelnummern. In den Indices werden zu den
einzelnen Kapiteln Seitenzahlen angegeben. Auch
Seitenzahlen sind in dem Codex nicht vorhanden.
Unsere Überprüfung, ob sich die Seitenzahlen
mit der teilweise vorhandenen zeitgenössischen
Lagenzählung und Foliierung in Einklang bringen
lassen, ergab einen negativen Befund.
a) Der „Index capitum vita Ven. Matris Mariae…“
(fol.6r/v und 9r-29v) wurde von zwei Händen
geschrieben und erfasst die Überschriften aller
Kapitel des sogenannten zweiten Teils der Vita
auf den fol. 118r-452r. Einen der Schreiber
nennen wir Schreiber B, der den Beginn (fol.
6r/v und 9r-15v) und das Ende (fol. 28r-29v)
des Index geschrieben hat und außerdem: Fol.
34r-37v und 42r-49v (Holländischer Krieg),
164r-177v, 250r-257v, 355r-372v, 377r-380v,
387r-428v, 437r-452r. Den zweiten Schreiber
nennen wir Schreiber C. Er schrieb fol. 16r27v.
Foliierung: sie endet auf fol. 117r mit „72“ und
wird auf fol. 200 mit „73“ wieder aufgenommen.
Daraus lässt sich folgern, dass in eine bereits vorhandene Handschrift, die mindestens fol. 50r117v und 200r-216v (Ende der zeitgenössischen
Foliierung) umfasste, der neue Text mit der Überschrift „Praefatio in vitam…“ (fol. 118r-199v)
eingefügt und ab fol. 216v weitergeführt wurde.
Die eigentliche Vita, deren erste Kapitel fehlen,
wurde durchgängig von einer Hand geschrieben.
Es handelt sich hierbei eindeutig nicht um ein Autograph von Michael vom hl. Augustinus.
Ad E: Die „Praefatio in vitam Maria a Sta.
Teresia Tertiaria Ordinis B.me Mariae de Monte Carmelo“ (zweiter Teil der Vita) beginnt – als
Einschub in die zunächst umfangreichere erste Vita – auf fol. 118r. In diesem Teil wurde die
Schreibarbeit auf verschiedene Hände verteilt.
Zuerst wurde eine Zählung von Quaternionen (119, parallel dazu am Fuß der Seite A-T) bis fol.
193v durchgehalten. Darauf folgt ein Sesternio,
beginnend mit einem leeren Blatt (fol. 194) und
der Lagenzählung 20/V, die auf fol. 195r beginnt
und bis 199v geht. Diese Lageneinteilung ist auf
fol. 150r-152v (I,K) und fol. 172r-178v (P,Q) gestört. Auf die Lagenzählung folgt ab fol. 200r
eine (alte) Zählung nach Folia, die mit fol. 73 beginnt und mit fol. 89 endet. Diese alte Zählung
schließt mit dem altgezählten fol. 73 unmittelbar
an die Foliierung der „eigentlichen“ Vita an, die
im Codex mit dem heutigen fol. 117v endet. Daraus ergibt sich folgende Lagenzählung:
Fol. 118
1
A
Fol. 122
2
B
Fol. 126
3
C
Fol. 130
4
D
Fol. 134
5
E
Fol. 138
6
F
Fol. 142
7
G
Fol. 146
8
H
Fol. 150
9
I
Fol. 152
10
K
Fol. 156
11
L
Fol. 160
12
M
Fol. 164
13
N
Fol. 168
14
O
Fol. 172
15
P
Fol. 178
16
Q
Fol. 182
17
R
Fol. 186
18
S
Fol. 190
19
T
11
Rabe des Elia
Supplement
b)Das Indexfragment wurde von einer Hand geschrieben, die weder mit A, B oder C identisch
ist.
Aus den dargestellten Beobachtungen lassen sich
folgende Schlüsse ziehen:
1. Der Text wurde als Druckvorlage aus mindestens zwei älteren Vorlagen kopiert. Eine wichtige Vorgabe für die Textkomposition war es,
dass Michael vom hl. Augustin den Text der
„eigentlichen“ Vita auf 186 Kapitel begrenzte.
Dadurch ergab sich die Notwendigkeit der Ergänzung durch die Praefatio (ab fol. 118r).
2. Bemerkenswert ist, dass die Kapitel zum Holländischen Krieg im vollständigen Index (zum
zweiten Teil der Vita) und im Indexfragment
(zum ersten Teil der Vita) nicht auftauchen.
Sie waren offensichtlich weder Teil der älteren
Vorlagen noch sollten sie überhaupt im Druck
erscheinen. Michael vom hl Augustin hielt sie
zwar für so wertvoll, dass er sie aufschreiben
ließ, fürchtete aber dennoch Irritationen beim
Lesepublikum, wie er auf fol. 38r selbst formuliert:
Maria Petyt
zur Zeit des französischen Kriegs in Holland im
Jahr 1672 und in den folgenden Jahren, ereignet
haben.
Als der König von Frankreich ein sehr großes
Heer zusammengezogen hatte und in Holland
einmarschierte, um (wie man fromm glauben
darf) es vollständig einzunehmen und in den
Schoß der heiligen Kirche zurückzuführen, wurde die ehrwürdige Mutter Maria von der heiligen Theresia auf wunderbare Weise wiederholt
durch den Geist bewegt und angeleitet, für einen guten und wünschenswerten Ausgang dieses Krieges zu beten. Wie der Geist des Betens
und der göttlichen Liebe damals in ihr gewirkt
hat und mit welchem Ergebnis, werde ich hier
nacheinander aus ihren Schriften darstellen,
aber doch getrennt vom Kontext ihres übrigen
Lebens, um zu vermeiden, dass das Missfallen
bestimmter Personen erregt oder die Zweifel anderer geweckt werden. Und das Urteil darüber,
ob diese Dinge nun aus dem göttlichen Geist
hervorgegangen sind oder nicht, überlasse ich
anderen, die sich hierauf verstehen und dergleichen abwägen können. Ich aber will diese Dinge
in derselben Aufrichtigkeit erzählen, wie sie von
ihr selbst aufgeschrieben und mir anvertraut
wurden.“
„Aduertentia circa ea quae transacta sunt in V.
Matre Maria a Sancta Theresia tertiaria Ordinis
Fratrum Beatissimae Virginis Mariae de monte
Carmelo tempore belli Gallici in Hollandia anno
1672 et sequentibus.
Dum Rex Galliae maximo congregato exercitu
Hollandiam invaderet animo (ut pie credere licet)
illam totaliter occupandi, et ad gremium Stae Romanae Ecclesiae reducendi, valde frequenter V.
haec mater Maria a Sta Theresia mirabiliter acta
et directa fuit spiritu orandi pro bono et optato
istius belli successu; qualiter autem spiritus orationis et diuini amoris in ipsa tunc operatus fuerit,
et cum quali fructu, hic consequenter subiiciam
ex ipsius scriptis seorsim tamen a contextu reliquae uitae ipsius, ne forte aliquibus displiceant,
et nimiae uariorum Criisi exponantur, quae an a
divino spiritu processerint vel ne aliorum quorum est similia examinare, et ponderare iudicio
relinquo; referam tamen illa, ea sinceritate, qua
ab ipsa scripta sunt, et mihi concredita.“
Dass der Teil über den Holländischen Krieg
dem ersten und zweiten Teil zusammen mit
den Indices vorangestellt wurde, erscheint logisch, da beides nicht zum Druck vorgesehen
war. Dass das Titelblatt und die Praefatio ad
lectorem dem gesamten Codex vorangestellt
wurden, zeigt, dass der Schreiber, der die
durchgängige Foliierung angebracht hat, nicht
unterschieden hat zwischen dem zum Druck
vorgesehenen Teil und dem hierfür nicht vorgesehenen Teil (die Indices und der Text über
den Holländischen Krieg).
3. Dass der Buchbinder das Indexfragment (fol.
7-8) als lose Blätter zwischen fol. 6 und fol. 9
eingeschoben hat, zeigt, dass er sich der Tatsache bewusst war, dass fol. 7-8 eigentlich nicht
hierhin gehören. Dass er ihnen – wenngleich
in loser Form – aber trotzdem diesen Platz gegeben hat, wird nur dann verständlich, wenn er
damit eine ihm bereits vorliegende Foliierung
respektiert. Es ist daher zu vermuten, dass der
Buchbinder nicht selbst die heutige durch-
In deutscher Übersetzung:
„Einige Bemerkungen über die Dinge, die sich in
der ehrwürdigen Mutter Maria von der heiligen
Theresia, Terziarin des Ordens der Brüder von
der seligsten Jungfrau Maria vom Berg Karmel,
12
Rabe des Elia
Supplement
Maria Petyt
Berichte zum Holländischen Krieg) auf grobe
Weise falsch foliiert wurden. Die zum Druck
vorgesehenen Teile weisen nirgends eine falsche Blätterfolge auf.
Elisabeth Hense T.OCarm, 47533 Kleve &
Edeltraud Klueting T.OCarm, 48165 Münster
gängige Foliierung angebracht hat und somit
auch nicht die ursprüngliche Reihenfolge der
Folios zum Holländischen Krieg durcheinanderbrachte.
4. Es fällt auf, dass die Blätter beider zum Druck
nicht vorgesehener Texte (die Indices und die
Das Leben der hochgeschätzten Mutter Maria von der heiligen Theresia
Rom, Carm. Archiv, Post III 70 (ehemals Post III 118), 38r-41v.
Übersetzung von Dr. Elisabeth Hense, Radboud Universität Nijmegen
In der letzten Ausgabe des Raben wurde eine Übersetzung der Seiten 30r-37v desselben Manuskripts geboten. Das
Manuskript ist an vielen Stellen beschädigt und dadurch nicht immer zu entziffern. Diese Stellen sind mit drei Punkten
(...) markiert.
38r
Einige Bemerkungen über die Dinge, die sich in
der ehrwürdigen Mutter Maria von der heiligen
Theresia, Terziarin des Ordens der Brüder von
der seligsten Jungfrau Maria vom Berg Karmel,
zur Zeit des französischen Kriegs in Holland im
Jahr 1672 und in den darauffolgenden Jahren,
ereignet haben.
helfen, nicht aber dem König, der mit seinem
Königreich ihrer (Marias) Sorge anvertraut wird.
Am dritten Mai 1672 schien der Geliebte mir wäh­
rend der Vesper anzudeuten, dass der König von
Frankreich Ihm einen angenehmen Dienst erwiesen hat, indem er Holland angegriffen hat. Ihm
wurde auch der Sieg versprochen. Der Geliebte
trug mir auf, ihm mit meinen Gebeten zu helfen
und in diesem Sinne Gehilfin und Bundesgenossin in seinem Heer zu sein.
Den Spaniern jedoch schien gedroht zu werden, weil sie dem Geliebten missfielen, da sie die
Holländer unterstützt und ihnen Hilfstruppen
gesandt hatten, wodurch sie versuchten ... Holland wird zum katholischen Glauben zurückgeführt, doch schien es, dass das Missfallen ... des
Geliebten nicht ... geradeheraus gegen den König
oder die Königin, sondern gegen ... Darum befahl
der Geliebte mir, wie es schien, dass ich die Jugend des Königs in meine Sorge um ihn und sein
Königreich einbeziehen möge, und dass ich dies
bewahren möge ... mit diesem Ziel empfing der
Geist der Liebe wiederum einen neuen Zugang,
Eifer ...
...
Am vierten des genannten Monats wurde dieser
Geist erneuert.
...
Als der König von Frankreich ein sehr großes
Heer zusammengezogen hatte und in Holland
einmarschierte, um (wie man fromm glauben darf)
es vollständig einzunehmen und in den Schoß der
heiligen Kirche zurückzuführen, wurde die ehrwürdige Mutter Maria von der heiligen Theresia auf wunderbare Weise wiederholt durch den
Geist bewegt und angeleitet, für einen guten und
wünschenswerten Ausgang dieses Krieges zu beten. Wie der Geist des Betens und der gött­li­chen
Liebe damals in ihr gewirkt hat und mit welchem
Ergebnis, werde ich hier nacheinander aus ihren Schriften darstellen, aber doch getrennt vom
Kontext ihres übrigen Lebens, um zu vermeiden,
dass das Missfallen bestimmter Personen erregt
oder die Zweifel anderer geweckt werden. Und
das Urteil darüber, ob diese Dinge nun aus dem
göttlichen Geist hervorgegangen sind oder nicht,
überlasse ich anderen, die sich hierauf verstehen
und dergleichen abwägen können. Ich aber will
diese Dinge in derselben Aufrichtigkeit erzählen,
wie sie von ihr selbst aufgeschrieben und mir anvertraut wurden.
38v
Der Geliebte zeigt sich ihr und ist erfreut über
die bevorstehende Besetzung Hollands. Er zeigt
ihr den Eifer der neuen Katholiken und sagt,
dass Sein Reich auch ihr gehört.
Der Geliebte macht ihr deutlich, dass der König
von Frankreich Ihm einen Dienst erwiesen hat,
indem er Holland angegriffen hat. Er verspricht
den Sieg und will, dass sie ihm hilft. Gott scheint
den Spaniern zu drohen, weil sie den Ketzern
Während der Geliebte wie gewohnt freundschaftlich mit mir sprach, schien Er unter anderem eine
13
Rabe des Elia
Supplement
Maria Petyt
für den König von Frankreich gebetet wird ... ich
wurde in meinem Herzen berührt, um für ihn zu
beten, auch mit Tränen ... das schlechte und skandalöse Leben ... Verbesserung des Lebens ... was
er verursacht ...
...
große Freude, Vergnügen und Wohlgefallen zu
zeigen, weil die Zeit bereits gekommen war, dass
Holland katholisch werden sollte. Er war wie einer, der einem Vertrauten den bevorstehenden
Ruhm und die Ehre kundtut und ankündigt, die
Er dort durch das Gewinnen und die Bekehrung
der Seelen erwerben wird, als ob Er danach lechzte, dass Er da König werden würde im Vollbesitz
Seines Reiches.
Er führte mir den Eifer und die Aufrichtigkeit vor
Augen, mit der Ihm die neuen Katholiken dort [in
Holland] dienen und Seinen heiligen Namen bekennen werden. Danach schien Er mir zu sagen:
„Mein Königreich wird auch dein Königreich
sein, Meine Ehre wird auch die deine sein und
Mein Ruhm dein Ruhm.“
39r
Der Geliebte befiehlt der Seele, dass sie für diese
Dinge beten soll. Unmittelbar und beinahe im
selben Moment entsteht in meinem Herzen der
Wunsch hiernach und das Empfinden hiervon.
Es ist wie mit einem Funken im Feuer, der am
Funkeln bleibt und nicht erlischt. Und wenn ich
dies wahrnehme, bin ich ziemlich sicher, dass mir
dies gegeben wird und Er mir am Herzen liegt.
Am vierten Mai 1672 wurde meine Erinnerung
erneuert, dass ich seit etwa zwei Jahren inbrünstig
für den König von Frankreich zum Geliebten gebetet habe, als er ein so schlechtes Leben führte,
und ich bat den Geliebten, mir diese Seele schenken zu wollen, die Er mir auch versprach und Er
gab sie mir auch wirklich. Und ich verstand, dass
bereits ein guter Eifer in ihm angelegt war wie ein
Same oder ein Funke, der in seinem Herzen zu
funkeln und zu wirken begann.
Sie wird dazu inspiriert, dem Heer der Franzosen zu helfen und sie inspiriert diese, um allein
für den Glauben zu kämpfen und sie besitzt ihnen gegenüber einen Geist von Liebe.
Durch den freundschaftlichen Umgang mit dem
Geliebten wurde in meinem Herzen das Feuer
der Liebe umso mehr entzündet; eifrig und feurig
sehnte ich mich danach, dem französischen Heer
zu helfen, es zu ermutigen und zu inspirieren zu
einem ganz eifrigen Eifer, um ganz allein für den
Glauben zu kämpfen.
Das Liebesfeuer leitet und führt den Geist in dem
zuvor genannten Heer: nun zu den paramilitärischen Streitkräften, dann wieder zu den gewöhnlichen Soldaten, um sie in der Liebe Christi anzufeuern, zu inspirieren und zu ermutigen, damit
sie ihren Leib und ihre Seele .... bringen und im
Gehorsam Christi zur Verfügung stellen. So helfen sie mit, Christus auf den Thron seines Königreichs zu setzen und all seine Feinde zu vertreiben ... Die Empfindung des Eifers, durch die der
Geist der Liebe eingenommen ist, ist sehr groß
und außergewöhnlich, jedoch gut geordnet und
reguliert.
Als sie Jesus bat, dass Er das Heer der Franzosen
segnen möge, wurde auch ihr befohlen, als Braut
und als Gefährtin Jesu das Heer zu segnen. Mit
mütterlichem Herzen kümmert sie sich um sie
und macht hierbei Gebrauch von der Folgsamkeit der Engel.
Als mein Geliebter einmal sehr freundschaftlich
mit mir sprach so wie ein sehr liebevoller Bräutigam mit seiner liebsten Braut, sprach auch ich in
vielen gleichartigen Worten mit Ihm, die ich unmöglich alle aufzeichnen kann.
Unter anderem bat ich Ihn, dass Er das französische Heer segnen möge. Und Er seinerseits sagte zu mir: „Gib auch du ihnen den Segen, denn
du bist Meine Gefährtin und Ich will dich mit
Mir in dieser Ehre verbinden.“ Da sagte ich mit
den Worten des Apostels Petrus: „Liebster, auf
Dein Wort hin tue ich es.“ Und ich segnete sie
in folgender Weise: „Die Allmacht des Vaters, die
Weisheit des Sohnes und die Liebe des Heiligen
Geistes sei mit euch, um die Feinde der Kirche zu
besiegen. Amen.“
Am sechsundzwanzigsten Mai 1672 und den Ta-
Gott will, dass sie für den König von Frankreich
betet, dessen schlechtes Leben ihr gezeigt wird
und wie sehr Gott durch ihn beleidigt wurde. Sie
betet für ihn in der Hoffnung, dass sie erhört
wird.
Während ich am zweiten Pfingsttag 1670 im Gebet verweilte, verstand ich, dass Gott wollte, dass
14
Rabe des Elia
Supplement
gen davor genoss ich sodann eine innige Ruhe ...
der Geist des Betens mit freiem Zugang und Vertrauen zum Geliebten wie von einem mütterlichen
Herzen eingenommen ... für das Heer des Königs
von Frankreich, damit ihnen das Notwendige
nicht fehlen möge oder der Mut, das fortzuführen und zu einem guten Ende zu bringen, womit
sie bereits in Holland begonnen hatten. Hierbei
machte ich Gebrauch von der Folgsamkeit der
Engel und vom Glauben, den ich hierzu empfangen hatte, und einem festen Vertrauen, denn der
Geist der Liebe neigte in mir standhaft dazu, dass
ich mich um sie kümmerte, für sie betete etc., weil
sich dies bezieht auf die größere Ehre des Geliebten, Seinen Ruhm und Sein Wohlgefallen (..) das
Heil vieler Seelen.
Maria Petyt
Dies geht weiter mit außergewöhnlich liebevollem Vertrauen, lebendiger Hoffnung ...
39v
Nach der Einwirkung des Geistes der Liebe
spricht sie voller Vertrauen mit dem Geliebten
als seine Gefährtin über die Bekehrung der Seelen, damit diese sich dem König von Frankreich
freiwillig übergeben mögen, damit gute Arbeiter
gesandt werden. Sie sorgt sich um sie wie eine
echte Mutter, um sie zu gebären und zu ernähren
etc. während der Geliebte sie hierzu inspiriert.
Der Geist der Liebe erregt dann viele Unterredungen voll bräutlichen Vertrauens mit dem Geliebten wie mit ihrem Gefährten, damit alle notwendigen Dinge für diejenigen, die offensichtlich
bereits bekehrt sind, und für die, die noch bekehrt werden müssen, geregelt und in Ordnung
gebracht werden: z.B. dass sie schnell aufgerieben
und geschwächt werden und nicht lange wider­
spenstig und widerständig bleiben, dass sie sich
dem König von Frankreich leicht unterwerfen
und dass nicht so viele in ihrem Unglauben und
ihren Irrungen sterben etc.
Ebenso, dass es Ihm behagen möge, gute und
eifrige Arbeiter in den Weingarten zu senden, die
Er für würdig hält, mit den Gaben des Heiligen
Geistes zu ehren und auszustatten, so dass sie
in kurzer Zeit viel Arbeit verrichten und reiche
Frucht erzeugen. So scheint mir nichts verweigert zu werden, sondern mir alles in Übereinstimmung mit meinem Gebet vergönnt zu sein. Denn
mein Geliebter facht in mir selbst diese eifrigen,
schmeichelnden und eindringlichen Sehnsüchte
an, voll mütterlicher Sorge und Liebe, damit ich
Ihn liebevoll dazu einlade, für alles Sorge zu tragen, um diese Seelen geistlich zu gebären und zu
ihrem Heil in den notwendigen Dingen zu erziehen. Hierin schenkt der Geliebte mir unerschütterliches Vertrauen oder mehr noch: Er scheint
mich hierzu hinzuziehen, damit ich meinem mütterlichen Herzen und Gefühl gegenüber diesen
Seelen freien Lauf lasse.
Wenn der Geist der Liebe dies wahrnimmt, macht
er das mütterliche Herz sozusagen weit in angenehmer Freundschaft und Liebe, indem er diese
Seelen sozusagen umfasst und umgreift und mit
göttlicher Tugend anzieht (die ... vergönnt wurde). Er bringt sie in meinem Herzen zusammen
und schließt sie da ein mit der Absicht, mit Eifer
Sie hat den Gedanken, schwanger zu sein mit allen Seelen in Holland, um diese zu bekehren, die
sie sozusagen vom Geliebten empfängt, damit
sie die Mutter aller sein möge so wie Er deren
Vater ist, die sie für Christus mit mütterlichem
Gefühl geboren hat, indem sie ihnen Gnaden
erteilte.
Einen Tag nach dem Fest der Heiligen Dreifaltigkeit 1672 erschien es mir, dass ich sozusagen
geistlich geschwängert sei, um alle elternlosen
Seelen in Holland zum katholischen Glauben zu
bekehren. Es erschien mir, dass ich sie in mein
Herz geschlossen habe und sie in diesem Sinn
als geistliche Kinder von meinem göttlichen Geliebten empfangen habe, und dass Er mich zur
geistlichen ... Mutter machen wollte so wie Er der
geistliche Vater ist.
Wiederum schien mir bestätigt zu werden, dass
ich Gefährtin des Geliebten sei, und dass ich
wirklich ... und ein sehr zartes Gefühl all diesen
Seelen gegenüber ... der Liebe war fließend, liebevoll ... und kraftvoll im Wirken ...
Ich fühlte sozusagen, dass mir das Vertrauen des
Geliebten gegeben wurde ... der göttlich ... das
Geschenk des Glaubens und andere Gaben des
Heiligen Geistes den Ungläubigen ... zuteilend ...
hatte abgenommen, um mit der Gabe und dem
Licht des entflammten Glaubens zu erleuchten ...
Doch dieses Werk ... nicht ... liebevoll zu Hilfe
... oder sogar dass sie für würdig erachtet wurde,
diese Gaben auszuteilen ... damit sie für jeden gewünschten Effekt besser ausgewählt würden ...
dem ich gleichsam als Magd diese Seelen bringe.
15
Rabe des Elia
Supplement
Maria Petyt
dorthin geschleudert, wie eine eiserne Kanonenkugel durch die Kraft des Feuers und des Pulvers
an weit entlegene Orte geschleudert wird und da
erstaunliche und ungewöhnliche Auswirkungen
hat. Auf dieselbe Weise wird der Geist durch die
Gnade eines außergewöhnlichen Liebes­
feu­
ers
und göttliche Tugend herausgestoßen und abgeschossen. Der göttliche Geist begleitet den Geist
im Wirken, Er wirkt sozusagen in Eintracht mit
ihm gemeinsam. Und wenn der Geist dann etwas
berührt oder einer Sache nahe kommt, geht sozusagen eine Kraft von ihm aus, die sich selbst
mitteilt.
Diese Erfahrung und diese Empfindung, wie die
Kraft vom Geist ausgeht und wie sie sich mitteilt,
kann ich nicht anders erklären, als dass ich erfahre,
dass da sozusagen eine Kraft von mir ausgeht, wo
auch immer der Geist hinkommt oder was auch
immer er berührt. In diesem Moment segnete ich
mit Jesus, als ob jene Frau ihn berührt hätte: „Wer
hat mich berührt, denn eine Kraft ging von mir
aus.“
... über sie zu wachen, sie zu wärmen, zu nähren
und vor allem zu schützen, was ihrem Heil im
Wege steht oder es verzögert, wie es eine Henne
mit ihren Küken macht. Dann hat dieser Geist
wahrhaft die natürliche Fähigkeit und Neigung einer Henne ihren Küken gegenüber.
Sie setzt sich mit einem starken Geist des Betens
für die Bekehrung der Sünder und für den König
von Frankreich ein, während sie den Geliebten
sozusagen einlädt und bedrängt. Und der Geliebte scheint ihre Gebete zu beantworten.
Der Geist des Betens sowohl für die Bekehrung
der Seelen als auch für die Hilfe des Königs von
Frankreich ist meistens ganz energievoll und
stark. Der Geist hat immer wieder sozusagen eine
kraftvolle und starke Anziehung und einen Antrieb bis ins göttliche Herz. Dies geschieht durch
eine drängende, starke und gewaltige Liebe, die
sehr subtil und geistlich im Grunde meiner Seele
wirkt, vielmehr eingegossen als selbst am Werke. Es ist das Feuer der Liebe selbst, die dann
in meinem Grund brennt und diese Anziehung
und dieses Drängen bis zum Herzen bewirkt ...
In der Seele ist dann eine große Nähe und innige
Wahrnehmung und Erfahrung der göttlichen Gegenwart in meinem Innern – ohne ein Mittel sich
sozusagen eindrückend.
... dies ist dann wahrzunehmen oder zu erfahren
oder im Innern zu vernehmen; es ist erlaubt, etwas von der göttlichen Gegenwart ... entspricht
dem Ausdruck der Seele, willigt in mein Gebet
ein und neigt sich meiner Seele zu ... eindringlich
durch die Eintracht gegenseitigen Verlangens,
durch die Übereinkunft ...
... einige Zeit ... in der Vereinigung und Einheit
mit Gott immer wieder ... durch die erwachende Liebe beginnt sie wiederum, sich mit diesen
starken ... zu beschäftigen ... um in sich selbst zu
ruhen in der puren Einsamkeit des Geistes und
der Stille ... hat in mir andere Auswirkungen, weil
mir eine besondere Tugend ... zum Beispiel zu
dem bereits genannten Heer der Franzosen ...
Geist der Seelen ...
Der Geliebte stellt den König von Frankreich
wie einen Sohn in ihr Herz. Der König von
Spanien ist für einige Zeit wie ein Fremder und
sein Reich gerät in ihrem Geist sozusagen in den
Hintergrund. Danach wird der König von Spanien wieder in ihr Herz eingelassen und beide
werden als ihre Zwillingsöhne emporgehoben.
Der Geliebte lässt den König von Frankreich in
mein Herz hinein und der Geist der Liebe hat
manchmal seine liebe Not mit ihm wie mit einem
Sohn, eine Not, von der ich glaube, dass sie durch
Christus und in Christkönig gesandt wurde.
Der König der Spanier war meinem Geist der
Liebe für etwa zwei Monate fremd geworden und
sein Königreich war meinem Herzen entglitten.
Dies bewegte mich etwas und ich fühlte Mitleid
mit ihm, weil ich fürchtete ... dass dies ein Zeichen für das Missfallen Gottes war oder für einen schlechten Ausgang oder für eine drohende
zukünftige Strafe für sein Königreich ... ich bin
mir darin aber noch nicht sicher, doch scheint der
König wieder in mein Herz gelassen zu sein ...
und der Geist der Liebe scheint die beiden Könige sehr liebevoll zu umfassen ... Aber wann
und wie diese Einheit zwischen ihnen zustande
komm­t, sehe und verstehe ich noch nicht. Beide
sind meinem Geist gleicherweise lieb und ange-
40r
Dies wird nicht in einer Weise natürlicher Gedanken und Vorstellungen in mir vollzogen und geschieht nicht auf diese Weise in mir, sondern der
Geist wird sozusagen durch den Impuls der Liebe
16
Rabe des Elia
Supplement
nehm wie Zwillingssöhne, die mir gehören ...
Maria Petyt
Gottes… Der Geist Gottes betet vereinigt mit
ihrem Geist für den König von Frankreich, den
sie auf geistliche Weise in Gott sieht wie in einem Spiegel.
Diese Weisen, wie im geheimen Einvernehmen
zu beten und zu wirken ... der Geist gemäß dem
göttlichen Licht ... des göttlichen Wesens.
Oh wie… diese Weise zu beten, der ich mich hingebe… so dass ich Euer Ehrwürden etwas darüber sagen kann, und tue was ich kann… Gebete
geschehen… des Geistes, einmal während des
Stundengebets… Ich empfing die Kommunion.
Es erschien mir, dass in dieser Erhebung des
Geistes vor das Antlitz Gottes… des Wirkens
oder der Wahrnehmung der Seele außer der Schau
oder des Anblicks Gottes. Dieses zu leben… auf
unsagbare Weise zu lieben und zu beten. Und der
Geist Gottes, der mit meinem Geist vereinigt war,
tat dies in mir… zu lieben, zu beten oder Er sah,
liebte und betete.
Ich war wirklich … weggezogen und ohne eine
Vorstellung all der Dinge, die außerhalb von Gott
sind. Ich sah nichts, dachte nichts… es war der
König von Frankreich, für den der Geist betete,
zu seiner Unterstützung… um Holland zurückzuführen zum katholischen Glauben. Von dieser
Sache war der Geist… ohne materielle oder bildhafte Vorstellung oder einen Gedanken… wirkt
nicht zusammen und darum hat sie keine materielle … noch eine Vorstellung von dem König
oder eines anderen Dinges. Der passive Intellekt
jedoch… in Kontemplation und gleichzeitig sah
der passive Intellekt diesen Geist… in Gott, in
der Entblößung von Gedanken und Bildern…
ich kann es nicht erklären…
All diese Weisen, wie der Geist betet und wirkt,
sind lebendig und kooperativ ... und gleichzeitig vernünftig. Doch wirken diese Vermögen
nicht mehr oder lebendiger als es deren Geist
entspricht. Der Geist bleibt der höchste ... alle
Seelenvermögen bleiben wohlgeordnet und reguliert ... womit der Geist durch die Unterwerfung
Gott gegenüber ... die der Seele dann versprochen
werden, z.B. die beiden Könige, ihre Königreiche,
Heere ...
Sie empfängt einen noch edleren Geist des Betens vom göttlichen Geist, der zusammen mit
ihrem Geist auf unaussprechliche Weise betet.
Am Samstag nach Fronleichnam habe ich den
Geist des Betens ganz anders als zuvor empfangen… meiner Meinung nach ist er viel edler, erhabener und vollkommener, und nicht weniger
wirksam, im Gegenteil noch wirksamer, weil der
göttliche Geist mit meinem Geist eins geworden
ist. Dieses Gebet bewirkte Er in mir und beinahe
alles tut Er in mir, mit mir und durch mich.
Und tatsächlich schien der göttliche Geist mich
da zu besitzen, in mir zu leben und durch mich
auf unaussprechliche Weise zu beten. Da wurde
mir klar, was der Apostel über das Gebet des göttlichen Geistes in uns sagt: „der Geist selbst bittet
in unaussprechlichen Seufzern.“ Damit will der
Apostel nicht sagen oder andeuten, dass der Geist
seufzend betet oder dass seine Seufzer so viel­fäl­tig
sind, dass sie unzählbar und somit unaussprechlich sind, sondern er will sagen, dass die Weise des
Gebets, in der der Geist in uns betet, unsagbar ist.
Und das ist wahr, denn als ich mich selbst so vom
Geist in Besitz genommen vorfand, auf außergewöhnliche Weise Ihm zugewandt und im Innern
mit Ihm vereinigt, und dass der göttliche Geist in
der Vereinigung mit meinem Geist auf seltsame
Weise zu beten begann, verstand ich deutlich,
dass dies die unsagbaren Seufzer des Geistes sind,
über die der Apostel spricht.
41r
Ich sah und nahm wahr, dass dieses Gebet eine
große Wirkung hatte und dass dem König durch
seine Kraft viele Gunsterweise zuströmten sowie
göttliche Hilfe und Mitwirkung in der Ausführung
und Umsetzung seines Plans und seiner Absicht.
Ich verstand auch deutlich, dass Gott ihm durch
ein solches Gebet und nicht anders diese Günste
erweisen und göttliche Hilfe verschaffen und seine königlichen Ziele unterstützen wollte, und dass
Gott hierzu einige wenige, kleine und demütige
und zugleich reine und Gott aufrecht liebende
Frauen hinzuzog und auswählte, um für jene zu
beten. Unter diesen wenigen schien seine Majestät
auch mich Unwürdige einzusetzen. Doch sagen
zu wollen, dass der Geliebte einzig und allein mei-
Die besagte Weise des Betens geschieht durch
die Erhebung des Geistes vor das Angesicht
17
Rabe des Elia
Supplement
Maria Petyt
die Seele von sich selbst weggezogen und ist reiner Geist, vereint mit dem göttlichen Geist.
Es ist erstaunlich und kaum zu verstehen, wenn
ich sage, dass ich eins bin in Gott und dass ich
Gott in dieser Vereinigung sehe. Denn in unserer
Art zu sprechen sind wir nicht eins mit dem, was
wir sehen. Was wir sehen und womit wir eins sind,
ist etwas anderes. Denn eins ist eins und sehen
klingt… und was gesehen wird. Aber… verschieden… in seiner Kontemplation… der Geist, über
den ich spreche.
In diesem Moment zeigt Er mir, wie dies ist und
wie ich es erklären kann… kennt Sich Selbst,
erfüllt Sich Selbst und liebt Sich Selbst… ganz
wesenhaft mit sich und in Sich vereinigt und eins,
so auch…
nen Einsatz und mein Gebet zu diesem Zweck
gebrauchen wollte, schien mir eine unzulässige
Annahme, auch wenn das innere Gespräch mit
dem Geliebten, seine Freundlichkeit und das erwiesene Wohlwollen so etwas nahezulegen schien.
Doch dies sollte besser zurückgewiesen werden.
Unabhängig von den Mitteilungen anderer erkennt sie in Gott die Siege und den Erfolg des
Königs von Frankreich. Sie wird dazu bewegt,
für ihn zu beten, zu danken etc.
Auch wenn mir niemand etwas von den Siegen
gesagt hätte, die der König von Frankreich in
Holland erlangt hat, würde ich doch nicht weniger
darüber Bescheid wissen. Ich habe diesbezüglich
nämlich sozusagen ein geistliches Echo oder eine
gewisse Wahrnehmung, dass er Erfolge verzeichnet und Siege errungen hat, weil ich es im Geist
sehe und spüre, dass Gott mit ihm ist und weil der
Geliebte mir auf geistliche und innerliche Weise
Gewissheit hierüber gibt. Wie der Apostel sagt:
„Der Geist selbst bezeugt unserem Geist, dass
wir Kinder Gottes sind.“ So bezeugt der göttliche
Geist meinem Geist auch, dass der König erfolg­
reich ist und Siege erringt über seine Feinde.
Manchmal regt mich auch ein göttliches Licht, das
im Geist erglänzt, zum Gebet an oder … Handeln, damit ich Gott für den Triumph und den
Erfolg seiner Waffen danke, segne und verherrliche… damit ich bei Gott für den König eintrete.
Zwei oder drei Tage nachdem die zuvor genannte
Weise der Wahrnehmung in mir war, … der Geliebte mir eine andere, wie es mir schien, die ich
bereits beschrieben habe und über die ich euer
Ehrwürden im Zusammenhang mit einer Vision
im Geiste berichtet habe.
Die Seele ist zu einem Geist gemacht mit Gott
… ein Sein, ein Wirken, Erkennen
41v
In der gleichen Weise gibt Gott der Seele durch
Gnade, was Er von Natur aus ist. Solange wie
diese Einheit dauert, ist sie ein Geist mit Gott,
ein Wirken, ein Erkennen, ein Wollen, ein Lieben.
Sie kennt keinen Unterschied und keinen Abstand
mitten im Ich und im Mein, alles ist deutlich Eins
und in diesem Einen erkennt und versteht sie alles.
Wenn sie also betet, ist es der Geist Gottes, der
in ihr betet. Wenn sie Gott schaut und liebt, ist es
Gott, der Sich Selbst schaut und liebt.
Diese Verfassung der Einheit enthält in sich selbst
wohl eine andere Reinheit, Einfachheit, Innerlichkeit und Erhabenheit des Geistes als die vorausgegangene. Als nämlich der Geist der Liebe meine Seelenkräfte wirken ließ und sie ausrichtete,
wirkte ich viel mehr mit, auch wenn ich geleitet
und geführt wurde durch Gnade und Liebesfeuer.
Da nahm ich mich selbst auch mehr wahr oder
die anderen Dinge, wenngleich in Gott. Doch war
ich nicht so völlig eins mit Gott, als ob ich nun
gleichzeitig mit der Gnade und dem Geist Gottes zusammenwirken kann. Und ich schien schon
ganz eins mit Gott zu sein und in Ihn verwandelt
zu sein. Der Geist Gottes macht jetzt nahezu alles
zu Sich Selbst. Ohne zu schmecken, ohne zu erfahren, und ohne Unterschied zwischen den niederen und höheren Vermögen.
Was immer ich in Gott schaue, schmecke, er-
Sie versucht zu erklären, wie sich das erwähnte
Gebet rein im Geiste ereignet… der Geist Gottes mit ihr vereint betet und Gott Sich Selbst
sieht und liebt und … die Seele durch Gnade
tut, was Gott durch seine Natur tut.
Ich habe mich weit von dem entfernt, was ich
zu sagen begonnen hatte, nämlich wie der Geist
des Betens sich von dem vorausgegangenen unterscheidet, ja, wie dieses Gebet ganz im Geist
geschieht ohne die Mitwirkung der niederen und
sinnenhaften Kräfte, auch ohne deren Wahrneh­
mung. Denn in dieser erwähnten Schau Gottes ist
18
Rabe des Elia
Supplement
fahre, wahrnehme ist vollkommen in die Einheit des göttlichen Wesens aufgenommen… in
diesem Zustand bin ich auf keinerlei Weise im
Stande außerhalb Seiner zu sprechen oder mich
zu beschäftigen. Meine Seele neigt zu äußerster
Ruhe, all meine Vermögen verweilen und ruhen
in Gott und werden zur Erhabenheit des Geistes
hingezogen und befinden sich dort in ihrer Mitte,
solange diese Anziehungskraft oder diese Verfassung der Einheit andauert. Alles was außerhalb …
des Zentrum ist, ist mir zuwider und verursacht
Übelkeit bei mir.
Maria Petyt
ner Seele, dass die Seele sich selbst kaum wahrnimmt, weil ihr Blick und ihre ganze Aufmerksamkeit so sehr auf Gott gerichtet und zu Ihm
hingezogen wird. Dieses Lieben, dieser Blick auf
Gott oder dieses Schauen, oder diese Liebe Gottes machen Gott deutlich, was die Seele begehrt
und worum sie bittet, z.B. Erfolg, glückliche Fortschritte im Kampf für den König von Frankreich
gegen die Häretiker in Holland. Die Seele erkennt
und versteht, dass dies so ist, darum tut die Seele
in diesem friedlichen Blick viel mehr als sie mit
ausdrucksvollen Worten aussprechen könnte.
Denn mir … genügt eine Geste.
Ich erfahre, dass der Geist viel kraftvoller in diesem ruhigen und liebevollen Blick auf Gott betet als er mit vielen schmeichelnden Gebeten und
Fürbitten tun könnte… dennoch ist weder die
eine noch die andere Weise des Betens in mir…
oder meine andere … kann ich folgen oder verursachen, selbst wenn ich dazu… sondern beide
müssen mir gewährt werden, jede von beiden…
wirkt der Geist Gottes ohne … wenn mir gnadenhaft… der Geist und in der ein oder anderen Weise ihm Raum schaffend mit heiliger Freiheit…
für würdig halten zu wirken…
Das erwähnte Gebet des göttlichen Geistes geschieht ohne Worte, ohne Fürsprache, durch den
Blick auf Gott. Dieses Gebet ist wirkungsvoller
als anderes Beten, auch wenn beide Gebetsweisen von Gott gegeben sind. Keine der beiden
kommt aus der Kraft des Menschen.
Wenn dieser Geist des Betens in mir wirkt, dann
geschieht dieses Gebet nicht durch Sprache und
Worte oder durch schmeichelnde Fürsprache und
Drängen etc., sondern nur mit einem Blick auf
Gott und einem brennenden Gefühl der Liebe.
Das geschieht so angenehm und inniglich in mei-
Dominique de Staint Albert – Über das innere Gebet und die notwendige Empfänglichkeit der Seele
Übersetzung: Dr. Edeltraud Klueting T.OCarm, P. Klaus R. Schenkelberger O.Carm.
1. Die wichtigste Beschäftigung für den Christen ist das
sprung, unserer Mitte und unserem letzten Ziel.
Bisher waren wir von ihm weit entfernt, denn bisher war Gott sehr selten der Gegenstand unseres Denkens, unserer Beschäftigung oder unserer
Liebe. Die Übung des inneren Gebetes ist eines
der wichtigsten, wenn nicht das einzige Mittel, um
zu ihm zurückzukommen, dank der geistlichen
Erleuchtung und Regung, die wir von ihm em­
pfangen haben, um an unserem Heil und unserer
Vollkommenheit zu arbeiten. Ohne sie sind wir
unfähig dieses zu tun. Daraus lässt sich schließen,
dass wir das innere Gebet nicht nur wie ein absolut notwendiges Mittel und wie die Hauptsache
in unserem Leben verrichten müssen, sondern als
unsere einzige und ausschließliche Beschäftigung.
Durch unsere Gelübde sind wir von allen sonstigen Beschäftigungen und Verpflichtungen oder
anderen Hindernissen befreit. Wir sind verpflichtet unser Möglichstes zu tun, um mit Hilfe des
inneren Gebetes zu dem Ursprung zurückzukehren, von dem wir herkommen. Bemühen wir uns
innere Gebet
Sobald man sich im inneren Gebet übt, ist es
wichtig darüber nachzudenken, worum es sich
dabei handelt und was sein Ziel ist. Man muss
darauf achten, es einfach und regelmäßig zu verrichten, so wie man andere gute Werke tut, indem
man sich selbst zurücknimmt, die Tugenden fördert oder einfach Mittel benutzt um Gott zu gefallen. Man muss dies tun als das Wichtigste und
Wesentlichste in unserem Leben. Von der Wortbedeutung her verstehen wir unter innerem Gebet ein geistliches Gespräch, eine innere Beschäftigung oder ein vertrautes Gespräch der Seele mit
Gott, so wie sich ein Kind mit seinem Vater unterhält oder eine Frau mit ihrem Mann oder eine
Freundin mit ihrem Freund.
Wir sind nicht von dieser Welt, und wir haben das
Ordensleben gewählt, um ohne Unterlass an unserer Vollkommenheit zu arbeiten. Diese besteht
in unserer Verbindung mit Gott, unserem Ur19
Rabe des Elia
Supplement
darum, uns ganz mit Gott zu vereinen, nicht nur
auf gewöhnliche Art und Weise, so wie es mit
seiner Gnade geschieht, sondern auch indem wir
jederzeit unser Herz und unseren Willen auf ihn
ausrichten und durch innere Akte nach Erkenntnis und Liebe streben. Dies kann sich nur mit
Hilfe des inneren Gebetes verwirklichen.
Diesbezüglich muss man anmerken, dass es einen Unterschied gibt zwischen den gewöhnlichen
Gläubigen und denen, die nach Vollkommenheit
streben. Die wahren Gläubigen bemühen sich mit
aller Kraft, die Tugenden von Glaube, Hoffnung
und Liebe beständig in die Tat umzusetzen. Die
anderen besitzen lediglich den Glauben als göttlichen Zustand. Sie glauben, ihn in sich zu haben, ohne weiter voranzukommen und ohne die
Praxis und die Erfahrung in die Tat umzusetzen.
Aber die innerlichen Menschen erfahren und verkosten sie so, wie es die Apostel und die Heiligen
konnten, gemäß dem Zeugnis des hl. Paulus. Er
sagte, dass Gott ihm durch seinen Geist Dinge
enthüllte, die kein Auge je gesehen, kein Ohr je
gehört und was in keines Menschen Herz jemals
gekommen. Diese Dinge sind nichts anderes als
die Einsicht und die Erkenntnis der Gaben Gottes sowie der übernatürliche Zustand, zu dem
seine Majestät ihn erhoben hatte.
Als Gläubige und Ordensleute sind wir einzig
in der Welt, um schon jetzt und für immer mit
Gott, unserem Ursprung und letzten Ziel, vereint
zu sein. Beständig müssen wir ihm unsere Aufmerksamkeit schenken, indem wir unser Herz
und unseren Willen auf ihn ausrichten. Letztlich
bleibt uns nur, diesen festen Beschluss zu fassen,
dass unsere Gedanken, Sehnsüchte und Leidenschaften, unser Leiden und unsere Taten, auf dieses wichtige Ziel ausgerichtet sind. Nehmen wir
die Mittel, um hierhin zu gelangen mit der Gnade
Gottes! Diese bestehen in dieser Beschäftigung
und diesem inneren Handeln, um dieses Ziel bereits jetzt zu erlangen, das die Hauptsache in unserem Leben darstellt.
Wenn jemand nicht versucht, die Übung des inneren Gebetes zu seiner Hauptbeschäftigung und
seinem Ein und Alles zu machen, sondern es nur
als ein Mittel neben anderen ansieht, um einfach
Gott besser zu dienen und besser zu handeln,
dann wird dieser nie zur wahren Vollkommenheit
und zum Ziel des wahren inneren Gebetes gelangen. Dies besteht allein in der inneren und beständigen Einheit unseres Herzens mit Gott, der
Dominique de Saint Albert
Mitte und dem Ursprung, von dem wir gekommen sind, um zu ihm zurückzukehren.
Diese Wahrheit bedeutet, dass wir in der Welt
sind, dass wir einzig dazu leben und existieren, um
zu dieser Einheit zu finden durch unser inneres
Tun der Erkenntnis und der Liebe. Daraus folgt
ganz selbstverständlich und absolut sicher, dass
wir aus dieser inneren Beschäftigung nicht nur
die Hauptsache in unserem Leben machen sollen,
sondern unser Ein und Alles, und dass unsere Tätigkeiten, Sehnsüchte, Beschäftigungen und Pläne
daraus hervorwachsen sollen. Anders gesagt: Alles, was uns nicht tiefer mit unserem höchsten
Ziel, nämlich mit Gott vereint, ist umsonst und
verloren, gemäß den Worten der hl. Väter: Alles,
was der Seele nicht dient, ist schädlich für sie.
Ich kann nicht genug auf dieser Wahrheit insistieren, die so unbekannt und so wenig geachtet, gesucht und geliebt ist, dass nur wenige Menschen
ihr anhängen wollen. Einige sind davon überzeugt
und wollen andere davon überzeugen, wenn sie
mit anderen Menschen sprechen, die die Gelübde
des inneren Lebens und des mystischen und kontemplativen Lebens gemacht haben, dass es sich
um etwas handelt, das nicht für alle gemacht ist.
Für sie handelt es sich um die seltenen und unverdienten Gnadengaben, die Gott einigen auserwählten Seelen gewährt, die er an dieses Leben
ziehen will und aus anderen Gründen.
All diesen Menschen möchte ich die Frage stellen: Sind wir nicht alle verpflichtet, uns unentwegt
nach Gott zu sehnen und auf ihn auszurichten,
ihm, dem letzten Ziel unseres Lebens, dem wir
gehören? Dies ist möglich dank der Mittel, die uns
direkt mit ihm verbinden, indem wir unsere Erkenntnis und unseren Willen benutzen, die ja einzig dazu geschaffen sind, um diesem Ziel zu dienen, und uns mit ihm zu beschäftigen. Ich frage
in der Tat: Was ist das geistliche Leben, wenn es
nicht das göttliche Leben ist, aus dem wir leben?
Ist Gott nicht Geist? Und wer sich ihm beständig
nähert, wird er nicht selbst eines Geistes mit ihm,
wie es der hl. Paulus sagt: Wer zu Gott gehört,
wird eines Geistes mit ihm.
Ich glaube, dass es deshalb so wenige geistliche
Menschen gibt, weil man es für gering achtet und
das Gespür fehlt, dass das innere geistliche Leben
das wahre Leben unserer Seele ist. Wenn man euch
fragen würde: Wollt ihr nicht vollkommen, heilig
und erfüllt mit großer Gottesliebe sein, so würdet
ihr mir mit ja antworten. Ich aber sage euch, dass
20
Rabe des Elia
Supplement
ihr es nicht sein könnt, wenn ihr keine geistlichen
Menschen seid. Ihr werdet heilig in dem Maße, in
dem euch der Heilige Geist führt.
Diesbezüglich ist es gut eines zu bedenken: Man
muss nicht denken, dass die Hauptsache des geistlichen Lebens in erhabenen Gedanken besteht
oder auch darin, von Gott die unverdiente Gabe
der Erkenntnis, Gnaden oder außergewöhnliche
Gunsterweise zu erlangen. Nein, worum handelt
es sich bei diesem Leben? Es besteht in der liebenden Achtsamkeit des Herzens und unseres
Willens auf Gott. Dadurch sehnen wir uns nach
ihm in innerlicher, gegenwärtiger und beständiger
Weise. Je mehr wir versuchen uns Gott zu nähern,
uns nach ihm zu sehnen und ihn zu lieben, desto
mehr werden wir von ihm erfüllt und ganz Geist
wie er.
Was ist von all dem Gesagten zu behalten? Wir
müssen ernsthaft über unsere Situation nachdenken, entweder bei den zehntägigen Jahresexerzitien, den monatlichen Exerzitien oder bei der
wöchentlichen und täglichen Zeit der Besinnung.
Prüfen wir uns: Schätzen wir genügend das geistliche und innere Leben? Sofern wir diese wichtige
Übung nicht getan haben, können wir sicher sein,
dass das ein Hauptgrund dafür ist, dass wir nicht
voranschreiten.
Wozu sind wir zum Ordensleben berufen? Zum
Studium, zum Unterrichten, zum Predigen, zum
Beichtehören? Nein, wir sind dazu allein deshalb
berufen, um wahre Ordensleute zu sein. Um dies
wirklich zu sein, genügt es nicht, die Regel und die
Konstitutionen zu beachten und von Zeit zu Zeit
andere Tugendhandlungen zu verrichten. Die guten Christen in der Welt tun dies sehr gut. Warum
und wozu sind wir also da? Um ständig mit Gott
verbunden zu sein und mit dem Herzen und dem
Geist innerlich mit ihm beschäftigt und auf ihn
achtsam zu sein. Das ist es, was einen wahren Ordensmann ausmacht. Ohne diese Achtsamkeit gegenüber Gott und ohne diese Beziehung zu ihm
ist alles andere nichts, oder nur sehr wenig.
Es stellt sich nun die Frage, ob wir uns danach
sehnen und streben, die Vollkommenheit zu erreichen, zu der uns Gott ruft und ob wir uns wirklich mit solchem Eifer und Ernst danach sehnen,
wie wir es sollten. Es ist notwendig, dass wir uns
damit beständig auseinandersetzen, um allein für
Gott zu leben, der in uns selbst ist - indem wir
innerlich und vertraut mit ihm umgehen, indem
wir uns seinem liebevollen und anbetungswürdi-
Dominique de Saint Albert
gen Willen unterwerfen, was sich durch unseren
Gehorsam zeigt.
Alles andere darf für uns nicht mehr zählen, zumindest sollen wir dem gegenüber gleichgültig
sein. Wenn wir wirklich wir selbst sein wollen,
dann dürfen wir den ersten Platz nicht mehr der
Predigt, dem Studium, dem Beichthören oder anderen Tätigkeiten geben. Wir können den ersten
Platz nur dem einzig Notwendigen und der wichtigen Beschäftigung des inneren Lebens geben,
um alles Übrige dann an dieses Ziel anzubinden,
weil es das Wichtigste ist, so wie man das Zweitrangige an das Wesentliche unseres Lebens anbindet. Davon hängt unser ewiges Glück ab.
Wenn wir diesen Entschluss als absolut notwendige Bedingung und Voraussetzung gefasst haben,
um dahin zu gelangen, müssen wir nach Gott zu
streben beginnen, der die Mitte unseres Lebens
ist, und dazu die Mittel einsetzen.
2. Die notwendigen Mittel, um im inneren Gebet voranzukommen
Am Anfang unserer Umformung ist unser Geist
noch plump und wie an die Materie gebunden,
voller Illusionen und voll von Gedanken an die
Welt und die Geschöpfe. Deshalb ist es nötig,
dass er sich zunächst der Betrachtung der göttlichen Geheimnisse hingibt. Dabei müssen wir
mit Methodik, Ordnung und entsprechenden Anwendungen die Gründe, die Besonderheiten und
Umstände betrachten, die sie begleiten, bevor wir
unseren Willen dazu anleiten, Reue, Gnade und
Liebe zu Gott zu erwecken, und auch anderes, das
den Themen entspricht, mit denen wir uns im inneren Gebet unterhalten können.
Die Erkenntnis und das Bewusstsein der Wirkung
des Erbarmens und der unbegrenzten Güte Gottes uns gegenüber, welche sich in seinem Heilsplan und der Erfüllung aller Geheimnisse für uns
alle und einen jeden einzelnen von uns erweisen,
als wenn wir allein auf der Erde wären, erweckt in
unserer Seele und in unserem Herzen das Gefühl
tiefer Dankbarkeit und Liebe zu dem Urheber
solcher Wohltaten.
Wenn wir uns so bemühen, unseren Geist allmäh­
lich an diese Überlegungen zu gewöhnen und
ihn beständig mit diesen guten Gedanken, Betrachtungen und Gefühlen der Liebe erfüllen,
dann verlieren die Phantasien, Ideen und Ein­
drücke des Geschaffenen und der Dinge dieser
Welt nach und nach an Bedeutung. Und obwohl
21
Rabe des Elia
Supplement
sie sich zunächst gegen unseren Willen aufzulehnen scheinen, können sie dennoch nicht unsere
Zustimmung gewinnen, weil der Wille schon aufgrund der vorausgegangenen Betrachtungen von
der Liebe vorgewarnt, berührt und durchdrungen
ist.
In der ersten Zeit seid ihr mit der Methode der
Meditation beschäftigt und erwägt aufmerksam
und tiefgründig die Ursachen, die Akte des Verzichtens und die Umstände, die in guten Büchern
nachzulesen sind. Ihr habt gespürt, dass euer Wille von der Erinnerung an Gott und vom Wunsch,
sich mit göttlichen Dingen zu beschäftigen,
berührt ist.
Danach muss man aber unmerklich zu einer einfacheren, verborgeneren und unmittelbareren
Form der Meditation, zu einem vertrauteren Gespräch mit Gott kommen. Zum Beispiel könnt ihr
euch direkt vor seine göttliche Majestät und Güte
stellen, nachdem ihr längere Zeit die Umstände
der Geburt unseres Herrn oder ein anderes Geheimnis meditiert habt, und wenn ihr den Geist
bereits angefüllt habt mit der Erkenntnis von all
dem, was man dazu sagen kann. Ihr könnt es tun,
indem ihr liebevoll mit ihm sprecht , indem ihr ihn
demütig fragt, indem ihr ihm antwortet, ihn anbetet, ihm dankt, und indem ihr zahlreiche Werke
der Liebe tut, indem ihr den Beschluss fasst, ihm
immer besser zu dienen, immer in seiner Gegenwart zu wandeln, seine Tugenden, seine Liebe
und Lebenssituationen nachzuahmen, etc.
Schließlich, wenn ihr einige Zeit damit verbracht
habt, innerlich und vertraut mit dem Gott zu spre­
chen, der Mensch geworden ist, und seine Geheimnisse zu bedenken, wird es gut sein, zu unserem viel vertrauteren und innerlicheren Gespräch
mit diesem Gott der Liebe, dem ungeschaffenen
Gott, zu kommen.
Ihr könnt ihn jetzt durch den einfachen Blick des
Glaubens schauen, wie er allen Dingen innewohnt
und noch innerlicher in uns selbst ist. So sagte es
einst der Apostel Paulus bei seiner Rede auf dem
Areopag: “Der unbekannte Gott, den ich heute
verkünde, ist nicht ein Gott, der uns fern ist. Er
ist ein Gott, in dem wir leben, uns bewegen und
in dem wir beständig sind.“ Er ist wie eine anbetungswürdige Gegenwart, die alle Wesen mit
seiner Unendlichkeit und Größe erfüllt. Von jetzt
an dürft ihr euch nicht mehr vorstellen, dass er
mehr im Himmel als auf der Erde gegenwärtig
ist, denn er wohnt in euch und ist euch viel näher
Dominique de Saint Albert
und innerlicher, als ihr euch selbst seid. So wie es
die antiken Philosophen bezeugen: „Ihr seid mir
innerlicher als das Innerste in mir, und über allem,
was das Erhabenste in mir ist.“
Dies ist die einfache Sicht des Glaubens, der
leuchtet, voller Geschmack und von Liebe erfüllt
ist. Es handelt sich um die Gegenwart Gottes in
euch, die wie eine unfehlbare Wahrheit ist, die
der hl. Geist durch den Mund und die Erfahrung
des Prophetenkönigs (David) bezeugt, das Licht
unseres Glücks, o mein Herr und mein Gott, ist
in der Tiefe unserer Seele und unseres Herzens
eingeschrieben. Eure aktuelle Übung besteht jetzt
darin, zwischen Gott und euch ein Gespräch zu
entwickeln, ähnlich wie das zwischen einem guten Sohn und seinem Vater oder zwischen zwei
treuen Freunden. Sie sind beständig beieinander,
sie leben, essen und trinken miteinander, schlafen im selben Zimmer, sind immer füreinander
da und tun nichts ohne den anderen. Euer Gesprächsstoff wird hauptsächlich die Liebe und
die gegenseitige Sehnsucht sein, nie voneinander
getrennt zu sein und sich gegenseitig Freude zu
bereiten.
Wenn dem Menschen dieses Gefühl tief ins Herz
geprägt ist, dass sein Gott ihn unablässig und voller Aufmerksamkeit anschaut, als ob es niemanden sonst auf der Welt gäbe, auf den er achten
müsste und für den er da ist als nur diesen einen
Menschen, und dass Gott sich unendlich danach
sehnt, immer bei ihm zu sein, von ihm geliebt,
angerufen, gebraucht zu werden und dass es seine
größte Wonne ist, sich ihm mitzuteilen und ihn
im Inneren fühlen zu lassen, wie liebevoll und
zärtlich er zu den Menschen ist, die ihn suchen
und die die Wahrheit lieben – dann wird seine
hauptsächliche Übung darin bestehen, sich mit
Hilfe der großen Liebe und des lebendigen Glaubens zur Gegenliebe zu diesem guten und unendlich liebenswürdigen Gott zu ermuntern und zu
sagen: „O Gott der Liebe, wo bin ich, wozu lebe
ich, wenn nicht dazu, dich, meinen liebenswürdigen Herrn, zu lieben. Ich glaube fest, dass du
voller Achtsamkeit für mich bist und dich danach
sehnst mich zu besitzen und mich mit dir selbst
zu erfüllen. Wie könnte ich dich, o meine göttliche Liebe, auch nur einen Augenblick vergessen?
O Gott der Liebe, lass uns miteinander leben, du
in mir und ich in dir, lass mich dich vor allem nie
aus den Augen verlieren.“
Diese Übung, die aus dem lebendigen Glauben
22
Rabe des Elia
Supplement
mit Liebe und Eifer hervorgeht, gibt uns große
Kraft, um beständig in seiner Gegenwart zu wandeln und uns bei ihm auszuruhen, weil er in unserem Inneren gegenwärtig ist. Der Mensch behält
davon eine liebende Erinnerung an die Gegenwart seiner göttlichen Majestät und tut alles, um
ihm nicht zu missfallen. Ebenso handelt er auch
voller Tugend in all seinem Tun und Verhalten,
so als wenn er bewegt ist von der Gegenwart dessen, der tief in seinem Herzen eingeschrieben ist
gemäß dem Beispiel des Prophetenkönigs, der oft
in seinem Innern zu Gott sagte: „Mein Herz hat
gesagt, o mein Gott, ich suche dein Angesicht,
dein Angesicht, Herr, will ich beständig suchen.“
Wenn wir fühlen, dass die liebende Erinnerung
an Gott erkaltet wegen der vielen Beschäftigungen, oder der verschiedenen Gedanken, oder weil
sich das Herz zusammenschnürt und die Kraft zu
lieben ermüdet ist, oder weil Gott uns von allem
Sinnlichen entwöhnen will, um uns fähi­g zu machen für sein größeres Geschenk und eine größere, viel klarere und ganz bloße Einheit oder aus
welchem Grund auch immer, versuchen wir vorsichtig, ohne uns auszustrecken, uns an seinem
Angesicht und seiner Gegenwart zu sättigen, weil
er uns aus ganzem Herzen liebt, mit folgenden
oder ähnlichen Worten: „O Gott der Liebe, wo
bist du? Warum verbirgst du dich vor mir? Weißt
du nicht, dass ich hier bin und dass ich hier nur
für dich arbeite? Verlass mich nicht mein Gott,
denn ich kann nicht einen einzigen Augenblick
ohne dich sein.“ Wenn wir danach wieder zu uns
gekommen sind, können wir in Ruhe bleiben und
unseren Blick einfach und liebend auf Gott richten, in dessen Gegenwart wir leben, so wie wir
es am Beispiel unseres Vaters Elija üben, der das
ständige innere Gebet tut, weil die Erinnerung,
die man an Gott hat, weder einer einfachen Überlegung gleicht noch einem Nachdenken über
einige Eigenschaften oder besondere Vollkommenheiten. Es handelt sich nur um den einfachen
Blick auf Gott, klar und liebend, sehnend und
dürstend nach Gott, der wie ein Schatz ist und das
Innerste unseres Herzens. Es ist ein Gedanke, der
begleitet ist von liebendem, heftigem und drängendem Sehnen nach Gott. Der hl. Maxim sagte,
dass die Heiligen, obwohl sie auf der Erde leben,
im Grunde bereits im Himmel sind, nämlich in
ihrem Sehnen und Denken.
Der Mensch, den Gott in dieser Übung hält, wird
beständig in der Liebe vorankommen, er fühlt
Dominique de Saint Albert
auch sein Sehnen und Hungern nach Gott beständig wachsen. Er wird wie ungeduldig, und
jede Tat, die er verrichten kann, reicht nicht aus,
um sein Sehnen zu erklären oder auszudrücken.
Und wenn er daran denkt, sich mit Gott über gewöhnliche Dinge zu unterhalten, verspürt er seine
Schwäche, die ihn vor Ohnmacht umbringt, weil
sein Sehnen größer ist als das, was er auszusprechen vermag.
Hier muss darauf geachtet werden, dass wir uns
nicht zum Sprechen oder zum Tun zwingen. Es
ist genug, nur das Wesentliche in der Stille zu sagen, ohne uns an zahlreichen Worten, die vom
Kopf oder Willen kommen, aufzuhalten, und uns
damit zufrieden zu geben, indem wir zum Beispiel
sagen: „O Liebe, o Gott der Liebe, du bist mein
Gott, das genügt mir. Gott ist mein Leben, das
genügt.“ Wenn ein Mensch in Glauben und Liebe
so handelt, ist das für ihn eine größere Genugtuung als ein langes Gespräch oder viele andere
Taten, weil sein Herz direkt zum Herzen Gottes
spricht, und sich beide in vollkommener Weise
verstehen.
Wenn der Mensch durch Offenbarungen oder
liebende Hingabe seines Wesens spürt, dass er in
Gottes Gegenwart wandelt und beständig an ihn
denkt und dass er jeden Tag sich nach ihm sehnt
und nach ihm hungert, Schmerzen empfindet und
nach ihm schmachtet, oder wegen des Elans und
der Liebesempfindungen, die ihn bedrängen, so
wird er den Menschen einladen, sich in Gott zu
verlieren, und sich mit ihm zu verbinden, indem
er sich ihm in seinem ganzen Sein hingibt. Dabei
soll der Mensch selbst seine wesenhafte Umformung lassen, die ihm sozusagen als Hilfe diente
und auf die er sich bislang stützte. Dabei soll er
in der reinen und bloßen Sehnsucht nach Gott
ausharren. Diese Sehnsucht ist nichts anderes als
ein einfacher Akt, durch den er ihn anschaut wie
einen großen, unendlichen Schatz, der allein ihn
sättigen kann.
Daraus entsteht ein großes Gut. Wenn der Mensch
aufgehört hat selbst tätig zu sein und aus eigenem
Antrieb zu handeln, wird Gott seine Sehnsucht
erfüllen und ihn ohne Unterlass wachsen lassen.
Dank seiner Gnade wird er immer in ihm bleiben,
er wird ihn anschauen, betrachten und immer
mehr lieben. Diese Sehnsucht ist nichts anderes
als ein wirkliches Lieben, es ist wie ein unstillbarer Hunger und ein unauslöschlicher Durst nach
Gott, der in uns die Erinnerung und die erfahre23
Rabe des Elia
Supplement
ne Gotteserkenntnis bewirkt. In der Tat: Gott ist
das Gute und die unendliche Güte, und es ziemt
sich ihn innerlich zu ersehnen. Diese Sehnsucht
besteht darin, dass wir ihn verkosten. Aber weil
wir ihn nicht lieben können wie er es verdient,
je mehr ich ihn liebe, desto mehr sehne ich mich
danach ihn zu lieben, weil der Geschmack den
Hunger für den Geliebten bewirkt und wachsen
lässt.
Dieser Zustand ist der Zustand der innigen Einigung des geschaffenen Geistes mit dem ungeschaffenen. In ihm ist der Höhepunkt des
Geiste­s, der Herzensgrund und der Wille direkt
und ohne Vermittlung in einzigartiger und unmittelbarer Weise mit Gott verbunden, dass man ihn
über allem schaut, unabhängig von jeder Vorstellung, Gefühl und Geschmack. Die Seele verliert
sich mehr und mehr in diesem weiten Ozean und
diesem Abgrund, wo sie sagen kann: „Er bewegt
mich in diesem schönen Abgrund. Dorthin gehe
ich und verliere ich mich. Ihm überlasse ich mein
Sein, das Sein allen Seins. Komm mich zu besitzen.“
Es ist zu bemerken, dass diese Tugend, die den
Grund der Seele erfüllt, nichts anderes ist als die
Liebe und die beständige Sehnsucht nach Gott,
und dies geschieht direkt und innerlich, so dass
die Sehnsucht nicht darin besteht Gott zu sehen,
sondern sich an Gott zu erfreuen, weil er Gott ist.
Dieser Akt ähnelt dem der Heiligen, die im Sein
Gottes leben, ohne über sich selbst nachzudenken.
Gott aber hat die Sehnsucht der Seele nach ihm
geweckt und erfüllt, und er ist es, der ihr Regung
verleiht, der sie wachsen, sich entfalten und in
sich aufgehen läßt. In dem Maß, wie er sie erfüllt,
macht er sie immer fähiger, ihn immer mehr beständig zu besitzen. Je mehr diese Fähigkeit sich
vergrößert, desto größer wird ihr Bedürfnis, ihr
Mühen und ihr Hunger nach ihm.
In diesem Zustand hat der Verstand keine andere
Aktivität als die des bloßen Glaubens. Zu Gunsten dieses Glaubens hat er dem Willen gezeigt,
dass Gott unfassbar ist und dass er allen Sinn und
Verstand übersteigt. Der Wille hat dieses unaussprechliche Ziel durchdrungen und hat es verdient, es zu verkosten, weil der Geschmack eine
Art der Erkenntnis ist, die der Macht und der Fähigkeit entspricht, die man schmecken und lieben
kann, und die nichts anderes ist als der Wille. Das
ist etwa vergleichbar mit einer Person, die Honig
Dominique de Saint Albert
genossen hat, ohne jemals davon gehört zu haben. Dennoch kann man sagen, dass diese Person
eine aus der Erfahrung gewonnene und sichere
Erkenntnis hat.
Von daher kommt auch die Erleuchtung in den
Verstand, die bewirkt, dass der Glaube viel klarer
und lebendiger ist, und dass man das, was man vor
dieser Erfahrung mit einem ganz gewöhnlichen
Glauben glaubte, jetzt auch mit dem Verstand
besitzt. Jetzt scheint es uns, dass wir die Dinge,
die wir wahrnehmen, durch den Glauben sehen,
obwohl diese Erkenntnis nicht den Verdienst des
Glaubens wegnimmt, weil er nicht ganz klar ist.
Dennoch machen wir die Erfahrung, dass unser
Glaube sicher ist.
In diesem Zustand müssen wir uns treu darum
bemühen, die Entäußerung, Verzicht und Entbehrungen, die auf uns zukommen, mit Großmut
zu erdulden. Tatsächlich sehen wir uns gewöhnlich so von allem entäußert und so leer, dass wir
glauben, weder Gedanken noch Erinnerungen
an Gott zu haben aufgrund der Zerstreuungen,
der Boshaftigkeiten und der Extravaganzen der
Phantasie, aber auch wegen der Gespräche, Überlegungen und Ideen, die unser Verstand von allen
Dingen ausbildet, die sich uns präsentieren.
Inmitten all dieser Unklarheiten müssen wir uns
stets fest und unbeugsam in einem größtmöglichen Gleichgewicht halten. Wir denken nachdrücklich und sind überzeugt, dass es weder die
Gespräche noch die Gedanken oder Worte sind,
die uns zu Gott bringen oder uns von ihm entfernen, sondern allein die innerste Sehnsucht, die wir
im Grunde unseres Herzens und unseres Willens
haben. Diese Sehnsucht ist durchdrungen und
beseelt von Gott selbst, der reiner Geist ist. Seine
Majestät handelt unablässig im Geheimen mit
dieser selben Sehnsucht, indem sie sie reinigt und
stärkt. Sie tut es umso mehr, wenn die Sehnsucht
durch Widerstände, Störungen und Hindernisse
der Vorstellung und des Verstandes angefochten
und bekämpft wird, die ihren Antrieb, ihre Freiheit oder Freude zu verringern oder auszulöschen
scheinen.
Wäre Gott von der Erkenntnis oder der Fassungskraft des menschlichen Herzens abhängig, dann
könnten unsere Gedanken und Reden ihn dort
erreichen und dort festhalten. Gott aber ist reiner
Geist, unsichtbar und unantastbar für uns. Wir
glauben an ihn nur mit den Augen des Glaubens.
Das ist auch notwendig, um wirklich mit ihm ver24
Rabe des Elia
Supplement
eint zu sein, nämlich mit Hilfe eines unbekannten
und unaussprechlichen Mittels, damit unsere Erkenntnis keine verstandesmäßige Erkenntnis ist,
sondern eine unmittelbare, das heißt unvermittelte, ohne Nachdenken und ohne Rückwendung
zu uns selbst.
Ebenso ist es, wenn das Bewusstsein der Seele bezeugt, dass sie allein Gott will und sich nach ihm
allein sehnt, wenn sie in diesem Zustand verweilt.
Die umherschweifenden Gedanken an andere
Dinge, die wir verabscheuen und missbilligen,
können uns zusetzen, indem sie unsere Sinne und
unsere Vorstellung treffen. Aber im Gegensatz
dazu ist das Feuer viel stärker, wenn es vom Gegenteil getroffen wird, so wie im Winter, wenn es
viel stärker brennt. So ist es auch mit den Mühen
und Abschweifungen, die nur dazu dienen, die
Sehnsucht nach dem Geliebten zu vergrößern,
und das umso mehr, wenn sie ihm die Freude und
das Besitzen entreißen wollen. So wird die Sehnsucht beständig von Liebe erfüllt, dass kein Wasser sie auszulöschen vermag. Im Gegenteil, der
Schmerz und die Mühsal, die diese Widersprüche
und Widerstände in der Seele verursachen, verhelfen dazu, das Brennen der Flamme zu vergrößern
und zu intensivieren.
Es handelt sich hier um tiefste Geheimnisse, die
niemand versteht, wenn er nicht selbst die Erfahrung macht. Diese besteht darin, dass der Wille
ohne Hilfe des Verstandes handeln kann, und
das im Moment, wo man ganz eingenommen ist
vom Denken und Verstehen. Das ist ohne Zweifel bemerkenswert, das man nicht sehr schätzt
und liebt. Aber wir sollen und dürfen nicht daran
zweifeln, dass dies nur mit der nötigen Gnade geschehen kann. Das ereignete sich in besonderer
Weise bei unserem Herrn, der zugleich die erworbene und eingegebene Erkenntnis hatte. Diese
standen nicht im Widerspruch zueinander. Seine
heilige Seele und sein Wille taten, was von dieser
eingegebenen Erkenntnis kam.
Diesbezüglich ist zu bedenken, dass diese Tätigkeit der Seele, die wir Sehnsucht nach Gott und
Streben nach Gott nennen, keine bestimmte,
durch Gespräche und Überlegungen geformte
Kenntnis von dem Objekt erfordert, das sie anzieht. Seine Majestät kann sich ihr einprägen, sie
in ihrer Sehnsucht an sich ziehen, selbst dann,
wenn der Verstand mit anderen Dingen erfüllt
und beschäftigt ist. Ist es nicht so, dass wir oft
mehrere Dinge zugleich tun ohne daran zu den-
Dominique de Saint Albert
ken, weil wir sie tun ohne nachzudenken? Eine
Person, die Laute spielt, ist sowohl auf das Instrument aufmerksam als auch auf die musikalische
Logik. Dennoch sinnt sie nicht darüber nach,
sondern macht es spontan.
Seid gewiss, in diesem Zustand bemerkt man,
dass man immer achtsam ist – das ist eine Gewohnheit – wenn auch ohne große Anstrengung.
Ich sage euch, dass Gott, der unseren Geist und
unsere Seele sozusagen voneinander trennt, und
die Sehnsucht unseres Wollens vom sinnlichen
Tun der Einsicht, dass Gott in uns einen Schmerz
hervorruft wie einen geheimen Vorwurf in all der
Zeit, wo die Erkenntnis durch die Überlegung
und das Nachdenken ein Hindernis für ihn war.
In der Tat, das Proprium einer Person, die unter dem Einfluss der Liebe Gottes steht, ist es,
sich beständig nach ihm zu sehnen in einem reinen, einfachen Glauben und auf dem Weg der
Entäußerung, indem sie sich über alles Sichtbare
und Erkennbare erhebt, und indem sie über alles
Sinnliche hinausgeht. Je stärker die Tätigkeit der
Sinne ist, desto mehr vermehrt sie, im Gegensatz
dazu, die inneren Kräfte der Seele und des Willens. Sie reinigt und stärkt sie in dem Maße, wie
die sinnlichen Dinge sie ermüden und mühsam
sind, indem sie sie stören. Je weniger eine Person
Gott verspürt, desto klarer und tiefer wohnt Gott
in ihr. Da er reiner Geist ist, vereint seine Majestät auch unseren Geist mit sich in rein geistlicher Weise, unerkannt von unserem Verstand und
unseren Sinnen. Das bewahrheitet sich durch die
Gnade, die wir in den Sakramenten empfangen,
zum Beispiel bei der Beichte, wo wir glauben, dass
bei der Absolution Gott uns die heiligmachende
Gnade schenkt, obwohl wir davon nichts spüren.
Ein Mensch also, der tief mit Gott vereint und
ganz in ihm verloren ist, aufgegangen und begraben in ihm ist, darf sich weder auf seine eigenen
Kräfte verlassen noch auf seine natürliche und
grobe Art zu handeln, unter dem Vorwand, dass
er dadurch schneller zu Gott voranschreitet. Aber
wenn er sich immer fest und unbewegt hält, wenn
er in Ruhe und Geduld die Abschweifungen und
Hindernisse der Phantasie und der Vernunft erträgt, die sich der Intention und den Absichten
des Willens entgegenstellen, so wird auch die innere Sehnsucht ihr widerstehen im tiefsten Inneren der Seele und des Herzens. Je klarer, reiner
und entäußerter er sich an Gott hält, desto weniger spürt er den Widerstand von Seiten der Natur
25
Rabe des Elia
Supplement
und der Sinne.
Ihr werdet bemerken, dass es dabei einen Schmerz
und ein geheimes Schmachten gibt, die die Seele
und den Geist in Gott fließen lassen durch ein
unaussprechliches Seufzen, wie es der hl. Paulus
sagt: In dem Maß, wie die Sehnsucht groß und
stark war – vor den Angriffen und Hindernissen
von Seiten der Sinne und des Verstandes – verspürt der Mensch immer mehr, dass er aller Gefühle, greifbaren und fassbaren Überlegungen
beraubt ist, die in diesem Zustand für ihn nicht
existieren.
Inmitten all diesen Nebels und dieser Finsternis
bleibt im Menschen jene beständige Unruhe, die
ihn immer mehr und weiter zu Gott trägt und
drängt, wie zu seiner Mitte, immer tiefer und innerlicher, und dies umso mehr, je größer die Mühsal und die Arbeit ist. In der Tat glaubt er eine Last
zu tragen, die so groß und drückend ist, dass er in
Verzweiflung geriete, wenn Gott ihm nicht helfen
würde. Aber die göttliche Majestät, seine Mitte
und Hilfe, hat seine Liebe so sehr in sein Herz geschrieben, dass sie ihm immer einen verborgenen
Antrieb gibt, dass er sie führt und zu sich streben
lässt. Das ruft im Menschen diese Unruhe, dieses
Sehnen und diesen Hunger nach Gott hervor und
neigt ihn zu ihm wie zu seiner Mitte. Gott zieht
ihn beständig zu sich und bleibt ihm im Innersten
verbunden, während der Mensch Müdigkeit und
Hindernisse der Vorstellungs- und Einbildungskraft erleidet.
Dominique de Saint Albert
zieht ihn an, nicht mehr und nicht weniger wie ein
Magnet das Eisen natürlich anzieht. Der Mensch
spürt dabei nicht, wie all das geschieht, weil er
sich keines Mittels bedient, um dorthin zu kommen. Nichtsdestoweniger zählt all das nicht, was
er empfangen kann, seine unstillbare Sehnsucht
und Unruhe lassen ihm keine Ruhe. Der Mensch
soll sich immer ruhig verhalten, wie die Nadel
eines Kompasses, die vom Magneten angezogen
wird.
Was die entgegengesetzten Verfassungen angeht,
wenn sich der Mensch in der Situation befindet,
in der er weder klare Erkenntnis noch Gedanken
oder Gefühle an Gott hat, und wenn er ganz von
den Sinnen und Ausschweifungen der Phantasie
und selbst des Verstandes gefangen ist, so soll er
gar nicht aus seinem inneren Seelengrund herausgehen, wo sich die Zuneigung und die Achtsamkeit der Seele befinden. Das heißt, er soll diese
innere Sehnsucht nicht aufgeben, die er inmitten
von allem in seinem Herzen und in seinem Willen beständig empfindet, um zu handeln und zu
überlegen, unter dem Vorwand, dass er seine Erinnerung an Gott wachhält. Er soll wissen, dass
er sich daran mehr erinnert, wenn er nicht denkt.
Was er tun soll, das ist ihn zu umarmen wie seine
Mitte, mit beiden Armen des Glaubens und der
Liebe, und nach ihm umso mehr zu streben, als
die Widerstände ihn daran zu hindern scheinen.
In dem Maß, wie die Schwierigkeiten größer werden und die Überlegungen und Vorstellungen ihn
drängen und ermüden, verdoppelt sich diese Unruhe umso mehr im Herzensgrund und in seinem
Willen, und er lässt sich mehr und mehr zu seiner
Mitte tragen und sich mit ihr innerlicher vereinen
als das wahrnehmbar ist, und doch zugleich wahr
ist.
Die Erfahrung einzelner Personen zeigt dies ganz
deutlich. Nach Dunkelheit und Mühsal, Ängsten
und Hindernissen, die vom Verstand, der Natur
und den Sinnen kommen, fühlen sie sich stärker
erhoben und von Gott erfüllt als je zuvor. Dennoch geschah dies im Moment, wo sich diese
Menschen verloren und untergegangen glaubten,
ohne eine Vorstellung oder ein Gefühl von Gott
zu haben. Als sie dachten, dass Gott sie sterben
lassen würde, da vergrößerte und erhob er sie in
so reiner und innerlicher Weise, dass sie davon
nichts sahen und wussten.
Es ist gut anzumerken, dass Gott sich besser und
innerlicher mit jemandem vereint, der im passi-
3. Über die beiden verschiedenen Verfassungen, in denen sich der Mensch in dieser Situation von Licht und
Finsternis befindet, und über die Art und Weise, wie
er sich verhalten soll.
Der Mensch, der Gott liebt, muss wissen, wie er
sich verhalten soll, wenn Seine Majestät ihm klare
Erkenntnis, gute Gefühle und manchmal auch
verstandesmäßige und einsichtige Worte über seinen gegenwärtigen Zustand eingibt. Er soll sich
dieser bedienen um voranzuschreiten und sich
mehr und mehr in Gott zu verlieren. Was er tun
muss, ist ganz einfach in seiner einfachen Sehnsucht zu verharren, die alles übersteigt. Durch das
alleinige Mühen vereint ihn diese Sehnsucht mit
Gott tiefer und fester als jede andere Tätigkeit,
die von Erleuchtungen kommt, die er vielleicht
erhalten hat. Der Verstand ist dieses: Die gleiche
innere Sehnsucht erhält von Gott sofort ihre Prägung. Diese berührt ihn, gibt ihm die Regung und
26
Rabe des Elia
Supplement
ven Zustand ist, als mit jemandem, der sich im
aktiven befindet. Der aktive Zustand besteht zum
Beispiel darin, seinen Zustand zu fühlen und mit
dem Verstand zu kennen, ebenso wie seine gegenwärtige Verfassung. Man sieht sich ihn Gott,
indem man überlegt und indem man ihm äußerste Achtsamkeit entgegenbringt, so als wenn man
schon wirklich in der Ewigkeit wäre. Man denkt
nicht an andere Dinge, nur an ihn, und erinnert
sich nur an ihn. Gott erfüllt die Seele mit einem
fast unendlichen Licht, mit einer solchen Zärtlichkeit und Fülle, dass es ihr erscheint, dass sie
ihn niemals verlassen dürfte und sie keine andere
Person als ihn verkosten noch sehen würde. Dieser Mensch denkt, dass er sich bereits im Hafen
der Seligkeit befindet. Der passive Zustand besteht darin, nichts von all dem zu fühlen. Im Gegenteil, man empfindet nur Kummer, Mühe und
Schmerz und Abscheu. Er besteht darin, weder
Licht, Visionen, Gedanken und Gefühle an Gott
zu haben. Er besteht darin, nur eine Vorstellung
zu haben, die von Ausschweifungen und schlechten und bösartigen Zuständen erfüllt ist. Und was
dabei die Mühsal dieses Menschen verdoppelt,
ist, dass er sich in alle mögliche Gedanken und
schlechte Ideen verwickelt und angegriffen sieht,
die sie sehr mit Leid erfüllen. Schließlich sieht er
sich ärmer und leerer als die, die noch nie vom inneren Gebet gehört haben.
Im passiven Zustand handelt Gott mehr in der
Seele. Gott ist reiner Geist. In ihm gibt es nichts
Sinnliches, nichts was sinnlich ins Herz des Menschen fällt, so wie es der hl. Paulus sagt (1Kor
2,9): Gott ist nichts von dem, was wir hören, verstehen oder verkosten können. Danach berührt
der göttliche Geist den Gipfel des geschaffenen
Geistes und den tiefsten Grund der Seele und des
Willens. Dies ist nichts anderes als dieses vornehmste Streben nach Gott wie nach unserer Mitte,
welches dank seiner selbst und nicht durch eine
erkannte Gabe die verborgene Regung der Unruhe nach der Mitte unserer Seele hervorruft, die
nichts anderes als Gott selbst ist.
Im Gegenteil dazu kann auch dies vorkommen:
man kennt und empfindet mit dem Verstand seinen Zustand und seine gegenwärtige Verfassung.
Man fühlt sich umgeben von klaren Erkenntnissen und erhabenen Gefühlen Gott gegenüber,
obwohl man sich nicht ausruht, und man fühlt,
dass die Sehnsucht sich weder anhalten noch an
etwas festmachen lässt, aber dass sie immer mehr
Dominique de Saint Albert
nach dem Unendlichen strebt. Dieses Gefühl und
diese Erkenntnis, die wir von der Anstrengung
und dem Streben dieser selben Sehnsucht haben, bewirkt, dass die Seele weniger rein ist, und
dass das Wirken Gottes in ihr schwächer ist. In
der Tat, je weniger man weiß und je weniger man
Gott beim Nachdenken fühlt, desto mehr schreitet man voran, dringt sozusagen in ihn ein und
verliert sich dort wie in seinem Urgrund und in
einem weiten Ozean der Liebe und des unendlichen Glücks.
Die Personen, die versuchen Gott gegenüber treu
und aufmerksam zu sein, können dies bezeugen.
Während sie die Erfahrung des Alleinseins, des
Zweifels, der Angst, des Todes und der Verlassenheit machen, fühlen sie gewöhnlich in all dieser
Zeit, dass ihr Bewusstsein viel ruhiger und klarer ist, weil Gott sie wie in einem Schmelztiegel
hält, um sie innerlich zu läutern und zu reinigen.
So macht er sie zu einer viel innigeren und voll­
kommeneren Vereinigung mit Seiner göttlichen
Majestät fähig. „Selig die reinen Herzens sind, sie
werden Gott schauen.“ (Mt 5,8).
Um ein reines Herz und eine reine Seele zu haben, darf nur Gott allein in uns eintreten, in
unaussprechlicher Weise, d.h. entäußert von allem Sinnlichen oder Intellektuellen, das wir vom
Verstand her kennen. Die Anzeichen dafür, dass
Gott in unsere Seele und in unser Herz kommt,
um in ihnen zu handeln, sind diese Unruhe, dieser
Appetit und diese Sehnsucht, die man verspürt.
Je mehr wir uns Gott wie unserer Mitte nähern,
desto mehr bewegen wir uns mit Kraft auf ihn
zu und umso heftiger sehnen wir uns nach ihm.
Wir werden immer unersättlicher nach ihm, weil
dieser Hunger nach ihm in dem Maße wächst, wie
wir auf Gott, unsere geliebte Mitte, warten. Es ist
zum Beispiel so, wie wenn Seine göttliche Majestät ein Magnet wäre, der das Eisen mit aller Kraft
an sich zieht ohne dorthin zu kommen, und wenn
dieser Magnet empfindungsfähig wäre, so würde
er sich desto mehr seinem Objekt nähern, je mehr
er von ihm angezogen und zu ihm hingeneigt
würde, mit all seiner Kraft bis in Unendlichkeit,
wenn das möglich wäre.
So ergeht es auch dem Herzen, das von der Liebe
und dem Geist Gottes bewegt und ergriffen ist.
Dieser hinterlässt im Herzen einen tiefen Eindruck durch seine Güte und unendliche Liebe. Als
bewegende Kraft und Ursprung bewirkt er mit der
Regung der wirksamen, zuvorkommenden Gnade
27
Rabe des Elia
Supplement
einen tiefen Eindruck und ein tiefes Streben, die
den Menschen beständig in Regung hält und ihn
zur göttlichen Mitte trägt. Weil diese Mitte und
dieses Objekt eine unendliche Anziehungskraft
haben, will das Herz ihn auch lieben und bis in
die Unendlichkeit mit ihm verbunden sein. Weil
es dies aber nicht vermag, lässt das in ihm eine
ständige Unruhe entstehen. Je mehr es sich Gott
nähert, desto mehr will es Gott näherkommen, je
mehr es ihn berührt und verkostet, desto mehr
hat es Hunger und Durst, Gott zu besitzen und
sich an ihm zu erfreuen. Aber weil es ihn nicht
unendlich lieben kann, wie es dies möchte, wenn
es ihm möglich wäre, so hat es den Eindruck, als
wenn es Gott nicht liebe, während es ihn doch
ohne Unterlass liebt, und dass es in jedem Augenblick ihn so zu lieben beginnt, als ob es ihn
nie geliebt hätte. Dieses unersättliche Streben und
Sehnen zu lieben wachsen in dem Maß, in dem
man Gott verkostet, dessen Güte und Zärtlichkeit
unendlich sind. Dieses Verkosten lässt das Streben und Sehnen wachsen, aber weil diese von einer Art Unruhe, Mühe und Leiden begleitet sind,
so sind diese Taten sehr viel verdienstvoller.
Dominique de Saint Albert
Mittel wünschen sie ihm inständig alles Glück, das
er besitzt, und sie erfreuen sich unendlich an dieser Wirklichkeit. Diese göttliche und unbegrenzte
Güte verdient auch unendliche Liebe und Wohlgefallen, das alle endlichen und begrenzten Kräfte
und Fähigkeiten des Geschöpfes übersteigt. Auch
der Mensch, der sich noch in dieser Welt sieht,
wird, da er keine Grenzen für seine Liebe setzt,
unersättlich nach dieser Liebe und diesem Wohlgefallen. Deshalb sagt er niemals: „Das genügt“,
sondern er liebt immer mehr und sehnt sich nach
dem Gott dieser reinen Liebe der Freundschaft
und des Wohlgefallens.
Darin besteht also das wahre Glück in dieser Welt:
Gott jetzt und ohne Unterlass mit wahrer Liebe
und Hingabe zu lieben. Wir sind nicht nur geboren um Gott zu erkennen, sondern hauptsächlich
und einzig darum um ihn zu lieben, und wir sollen uns nichts anderes wünschen als ihn zu lieben.
Nicht die Größe unserer Erkenntnis, sondern die
Größe unserer Liebe wird die Regel und das unfehlbare Maß für die Größe des Ruhmes und des
Glücks sein, die uns im Himmel gegeben werden.
Deshalb ist es nicht nötig, um Gott in diesem
Leben vollkommen zu lieben, ihn vollkommen zu
erkennen. Und obwohl man eine Sache nicht lieben kann, bevor man sie kennt, wie auch immer,
so ist es jedoch immer wahr zu sagen, dass die
Größe des Entzückens und der Liebe diejenige
der Theorie und der Erkenntnis übertreffen kann.
Wir erkennen Gott auf dieser Erde nicht unmittelbar. Wir erkennen ihn nur durch sein Wirken.
Aber was die Liebe betrifft, so können wir ihn
ohne Schwierigkeit unmittelbar und unvermittelt
lieben, so wie er wirklich ist, und rein um seiner
selbst willen.
Möge uns der Glaube lehren, dass Gott ein
unendliches Sein ist, groß und unerschöpflich an
Güte und Vollkommenheit. Dies genügt, um uns
die Fülle seiner Zuneigung in Erinnerung zu rufen, mit der Aussicht darauf, sie zu vereinen und
sie glücklich ersterben zu lassen in diesem göttlichen Zentrum. Aus ihm schöpfen wir all unsere
Kraft, all unsere Energie und all unser liebendes
Handeln, wie in einem Gegenstand, für den allein und für dessen Liebe wir diese Veranlagung
erhalten haben, nämlich das Vermögen und die
Fähigkeit zu lieben, was wir besitzen.
Deshalb, weil wir die Liebe besitzen, die teilhat an
der ungeschaffenen Liebe, in der sich Gott selbst
unendlich liebt, gibt sie uns diese Empfänglich-
4. Von der Vortrefflichkeit des inneren Lebens
Dank des zuvor Gesagten kann man sich eine
Vorstellung von der Vortrefflichkeit und dem
Verdienst des inneren Lebens, des Gebetslebens
und des vertrauten und beständigen Umgangs mit
Gott machen. Tatsächlich führt dieses die Seele
und erhebt sie zu einer Art engelhaftem und göttlichem Leben, in dem Maß wie dies in dieser Welt
möglich ist. So kann sie fortwährend vor Liebe
brennen, allein von der Liebe leben und nur Liebe
atmen.
Man soll nicht denken, dass die Menschen, die
von dem inneren Gebet und der Kontemplation
angezogen werden und sich ihnen hingeben, im
Nichtstun verharren. Im Gegenteil, sie handeln
unentwegt auf die beste und ausgezeichnetste
Weise, die auf Erden bestehen kann, nämlich indem sie Gott mit reiner Liebe lieben. Diese Liebe
ist dieselbe wie die der Heiligen. Diese leben nur
davon, dass Gott Gott ist, und sie ruhen allein
darin, und dass Gott der ist, der ihnen genügt, um
sie glücklich zu machen.
Ebenso ist es mit den wahrhaft kontemplativen
Menschen. Der Blick des Glaubens und der Liebe,
mit dem sie Gott schauen, ist eine liebende Erinnerung an das, was in ihm selbst ist. Durch dieses
28
Rabe des Elia
Supplement
keit und Neigung, nach Gott zu streben und uns
mit ihm durch Übung der wirklichen Liebe zu
vereinen. Diese Liebe ist ebenso groß und stark
wie die Kraft der Leichtigkeit, die es dem Feuer erlaubt sich in die Höhe zu erheben, und die
Schwer­kraft, die es dem Stein erlaubt nach unten
zu fallen.
Leider glauben wir aufgrund des Glaubens, den
wir haben, in dieser ausgezeichneten Haltung und
Veranlagung und in diesen schönen eingegebenen
Tugenden, die sich in unserem Seelengrund befinden. Jedoch bedienen wir uns ihrer nicht, und
so bleiben sie ohne Wirkung, denn wir handeln
zu selten. Daraus ergibt sich, dass wir nicht die
Erfahrung dieses Zustandes haben, zu dem wir
durch die heiligmachende Gnade erhoben sind.
Dominique de Saint Albert
zu erkennen; und dennoch sind es doch nur sehr
wenige, die die wahre Erkenntnis Gottes und der
Heiligen suchen. Aber was ist die wahre Erkenntnis Gottes? Ist das nicht eine fruchtbare, wirksame und effektive Erkenntnis, die Gott dazu bringt
sich selbst zu lieben, insoweit wie seine unendliche Majestät sich als liebend erkennt, d.h. unendlich liebend. In Gott ist die Liebe ebenso groß
wie die Erkenntnis selbst. In der Tat, er ist ein
Gegenstand, der in der Unendlichkeit erkennbar
ist, er ist unendlich erkannt, und weil die Liebe
seiner Erkenntnis entspricht, wie er sich als bis
zur Unendlichkeit liebenswürdig erkennt, muss er
sich notwendiger Weise unendlich lieben.
Bemühen wir uns diese Erkenntnis Gottes nachzuahmen, uns danach zu sehnen, ihn allein deshalb zu erkennen um ihn zu lieben, und ihn so
sehr zu lieben, selbst mehr als wir ihn erkennen.
Dies ließ den hl. Petrus Thomas, einen Karmeliten unseres Ordens, in seinen Maximen sagen:
„Zu sagen und zu glauben, dass es auf den Wegen
zu Gott viele Schwierigkeiten gibt, ist ein Irrtum
von mehreren Personen, die sich hier getäuscht
haben aufgrund der Unvollkommenheit ihrer
Vorstellung. In der Tat ist es nur die Frage, einen
unendlich liebenswerten Gott zu lieben und unendlich zu lieben, wenn das möglich wäre.“ Doch
leider! Wir tun es nicht und tun sogar das Gegenteil. In der Tat werden wir nicht müde, zu studieren, zu überlegen, nachzudenken, und wir sind
unfähig uns Gewalt anzutun, um unsere Seele und
unser Herz zum inneren Gebet zu bringen. Ich
spreche von nicht einmal einer oder zwei Stunden
am Tag und von der wirklichen Übung der Liebe
und der Gegenwart Gottes. Oft machen wir es
gar nicht. Und wir wissen, dass wir allein durch
die Liebe Gott nahekommen und nur durch sie
in der Beziehung mit Seiner göttlichen Majestät
voranschreiten können.
Alle Wissenschaft und alle spekulative Erkenntnis von Gott können in einem Menschen sein,
der sich im Zustand der Todsünde befindet. Ach,
wozu dient ihm das alles, wenn er es nicht in die
Tat umsetzt, wenn nicht zu einem viel strengeren
Urteil?
Wir müssen also hauptsächlich die Lehre der Heiligen suchen, die die Liebe in unseren Herzen
hervorbringt, und es als unser einziges Ziel und
Vorhaben ansehen, uns in allen Geschäften, zu
denen die Vorsehung und der Gehorsam uns rufen, mit Gott aus Liebe immer mehr zu vereinen.
5. Worin besteht die wahre Kontemplation in diesem Leben?
Wenn wir sagen, dass das wahre geistliche und
kontemplative Leben in der Nächstenliebe und in
der Liebe zu Gott besteht, dürfen wir nicht denken, dass diejenigen, die eine Haltung der größten
Nächstenliebe haben, auch die kontemplativsten
Menschen sind. Die Haltung der Nächstenliebe
lässt uns Gott nicht unmittelbar erfahren und verkosten, uns an ihm erfreuen, oder uns an ihn erinnern. Nein! Aber es sind die wirkliche Nächstenliebe und die wirkliche Liebe zu Gott, die uns Gott
beständig ersehnen lassen, nach ihm schmach­ten
lassen, nur nach ihm atmen lassen und in der Konsequenz unsere Erinnerung, unsere Erkenntnis,
unser Herz und unseren Willen an ihm festmachen lassen, indem wir jetzt und immer beständig nach ihm streben, wie nach der Mitte unserer
Seele. In dieser liebenden, sozusagen hungrigen,
Erinnerung, und voller Leidenschaft durch das
Genießen Gottes und seine beständige Gegenwart, besteht die wahre Kontemplation in dieser
Welt. Man muss mit Gott durch das Denken und
durch die Zuneigung vereint sein, wie wir im 2.
Kapitel gesagt haben. Das Denken allein ohne die
Zuneigung und die Sehnsucht vereint die Seele
nicht mit Gott und formt sie nicht in ihn um. Die
Zuneigung und die wirkliche Liebe können nicht
ohne die Gedanken bestehen, die sie begleiten.
Aber wenn ich daran denke, ist das ganz und gar
der Frömmigkeit würdig, zu sehen, dass fast alle
Christen, auch die Ordensleute, die durch ihren
Stand und die Gelübde dazu verpflichtet sind,
sich mit solcher Leidenschaft danach sehnen Gott
29
Rabe des Elia
Supplement
Einige sehnen sich in Aufrichtigkeit und Wahrheit
danach, einzig für Gott allein zu leben und sich
ganz der inneren Sammlung, der Achtsamkeit, der
Aufmerksamkeit und der ständigen Verbindung
mit Seiner göttlichen Majestät zu widmen, durch
eine Rückkehr und wie ein ständiges Zurückfließen der Liebe in sich wie in ihre Mitte. Und sie
versuchen treu zu sein in dieser liebenden und
unübertrefflichen Übung (sofern es sich um Personen handelt, die unter dem Gehorsam leben).
Es ist wahr, dass sie niemals ablehnen sollen, was
man von ihnen verlangt, selbst wenn es sich um
Tätigkeiten handelt, die die Äußerlichkeit begünstigen und die den Geist zerstreuen. Unter diesen
ist die Konzentration auf das Studium der Philosophie und der Theologie oder anderer Fächer die
mühsamste von allen. Ein Ordensmann, der von
der Kontemplation angezogen ist und sich ihr
widmet, möchte sich lieber inmitten einer Armee
befinden als bei den Argumenten des Aristoteles.
Der Grund dafür ist klar, weil in dem einen Fall
allein die Sinne abgelenkt sind, aber in dem anderen der Geist ganz und gar absorbiert scheint.
Von nun an ist er nicht mehr achtsam auf Gott,
sondern er hat nur noch die Absicht und den
Wunsch, ihm in dieser Beschäftigung zu gefallen.
Dominique de Saint Albert
Umso mehr glauben wir daran, dass Gott unsere
innere Vollkommenheit unendlich mehr ersehnt
als wir selbst. Und weil wir doch diesen Zustand,
diese Tätigkeit, diese Beschäftigung, zu denen
uns seine Vorsehung ruft: zum Lektor, Prediger,
Beichtvater oder was auch immer, aus uns selbst
heraus weder gesucht noch erhalten haben, so
müssen wir glauben, dass es unmittelbar Er ist,
der uns trägt und uns dazu beruft. Glauben wir
daran, dass Seine Majestät vorausschauend dafür
sorgt, dass wir Fortschritte machen, besonders im
inneren Leben, wenn wir ihm treu sind, wie er es
von uns ersehnt und wünscht.
In der Tat, im Inneren leben wir aus dem Glauben, der Liebe und dem Handeln. Gott berührt
uns und zieht uns an sich, über uns selbst hinaus.
Auf gleiche Weise sollen wir im äußeren Bereich
handeln, d.h. auf alle Auswahl und Wahl verzichten, wir sollen nichts erbitten und nichts zurückweisen, sondern blindlings dahin gehen, wohin
uns Gottes Geist und sein Wille tragen.
Es bleibt uns nur, treu in dieser Verfassung und
bei diesem starken und festen wirklichen Entschluss zu bleiben, z.B. zum Studieren, Predigen,
Beichtehören, Arbeiten, und diese Dienste einzig
auszuüben um Gott mehr zu lieben. Nicht um
mehr Kenntnisse von Gott zu gewinnen, sondern um uns mehr mit Gott zu beschäftigen, weil
derjenige, der von Gottes Geist bewegt ist, nicht
dorthin gelangt, das in gewisser Weise zu tun. Das
heißt, dass er keine mit Hilfe der Wissenschaften,
der Spekulation und des scholastischen Denkens
erworbenen Kenntnisse nötig hat um zu lieben.
In der Tat, der einfache Glaube, das Verkosten
und die Erfahrung, die Gott ihm von sich selbst
gegeben hat, die Salbung und die verschiedenen
Eindrücke seines Geistes geben ihm ein erhabenes Gefühl Seiner Majestät. Es geht also nicht
darum, mehr Kenntnisse zu erwerben um Gott
mehr zu lieben, nein, es geht darum, durch das
Leiden und den grausamen Tod, den er von all
diesen geschaffenen Gedanken und Kenntnissen
erdulden wird, seine Seele und sein Herz mehr zu
reinigen, damit der Geist durch das Nachdenken
und die ständige Verwendung des Verstandes gezwungen sein wird zu sammeln, was ihn bedrückt
und unendlich bedrängt.
Das ist die schlimmste Hölle, die ein Herz, das in
Gott verliebt ist, erleiden kann. Es sucht mit Gott
allein, rein und einfach nur die Unterredung, seine
Gegenwart und die Beziehung zu ihm, um sich
Nichtsdestoweniger müssen wir, wenn der Gehorsam uns zum Studium ruft, uns diesem einfach widmen und glauben, dass Gott uns darum
bittet und darin seinen Willen sehen. In der Tat
haben wir darauf verzichtet, nach unserer eigenen Vorstellung zu handeln, um ihm den Platz zu
lassen, und uns von ihm durch seine göttlichen
Taten in übernatürlicher Weise vorbereiten und
bewegen zu lassen durch das Bemühen und den
ständigen Antrieb, den er unserem Herzen und
Sehnen gibt, indem er diese heftig und wirksam
berührt. Gleichfalls sollen wir bei all unseren Taten und äußeren Tätigkeiten nicht auswählen oder
selbst bestimmen, sondern von Gott den Anstoß
erhalten für den Weg, den er befiehlt, d.h. durch
unsere Oberen und die, die an ihrer Stelle sind,
durch deren Mund er zu uns spricht und uns
seinen Willen kundtut. Dies ließ den großen hl.
Angelus aus unserem Orden in seinen geistliche
Maximen sagen, dass der wahre Gehorsame mit
einem Geist der Milde, der Güte und der Gelassenheit all das annehmen muss, was ihm rechtmäßig befohlen wird, ohne es zu prüfen und selbst
ohne über die Sache eigenwillig nachzudenken.
30
Rabe des Elia
Supplement
so weit wie möglich von allem loszumachen und
dessen zu entledigen, was nicht Gott ist. Doch
sieht er sich gezwungen, seinen Verstand mit einer Unzahl von Ideen und geschaffenen Bildern
zu erfüllen und auszuschmücken. Das bedeutet,
ständig den grausamsten und größten Feind, den
es in der Welt gibt, in seiner Wohnung aufzunehmen.
Aber bleiben wir mutig und trösten wir uns in dieser Situation, wo wir durch viele Reden und erhabene Gedanken, von denen nichts Gott ist, von
Gott getrennt sind. Im Gegenteil, wir hängen uns
an ihn durch ein liebendes Bemühen, durch ein
innerliches Sehnen und ein liebendes Streben unseres Herzens und unseres Willens, ohne andere
Erkenntnis zu benutzen als die des Glaubens, so
vermute ich. Je mehr diese Gespräche und Gedanken unsere Anziehung, unseren Hang und unsere Neigung zu Gott so zu vermindern scheinen,
als würden sie sie auslöschen, desto mehr rufen
sie in uns eine Unruhe, eine Regung und ein Brennen im Herzen hervor. In gewisser Weise ist es
so, als wenn man sich bemüht eine große Flamme
auszulöschen, indem man etwas Schweres darauf
wirft. Je mehr sie unterdrückt wird, desto mehr
hat sie Kraft und Stärke um zu handeln, um sich
zu bewegen und sich viel stärker und mächtiger
zu erheben dank ihres natürlichen Elans, den man
mit Gewalt angehalten hat.
Es ist bei uns ebenso, obwohl wir uns dessen
nicht bewusst sind und nicht daran denken, wenn
wir ganz in Tätigkeiten, Nachdenken und Handlungen aufzugehen scheinen. Später werden wir
sehen, dass unsere Seele einfacher, heiterer und
weiter in Gott ist als je zuvor. Und durch Erfahrung sehen wir, dass alle rein erworbene Wissenschaft und Erkenntnis sich mit der erfahrenen
Erkenntnis, die wir von Gott haben, weder berühren noch vermischen, dank der Anstrengung
und des liebenden Strebens des Willens. Die erworbene Wissenschaft, die in unserem Herrn war,
behinderte in seiner Seele nicht die eingegebene
Erkenntnis, die sie vom selben Gegenstand hatte.
Deshalb darf der Mensch sich in diesem Zustand
keine Sorgen machen und sich nicht verwirren lassen, wenn er in Bezug auf Gott gleichzeitig zwei
Bereiche der Aktivität und der Aufmerksamkeit
hat, nämlich gleichzeitig die Sinne, das Reden und
den Verstand. Das würde bedeuten sich durch
Geschwätz zu belasten. In der Tat: je mehr man
aufmerksam auf das eine ist, desto weniger ist
Dominique de Saint Albert
man es auf das andere, so als wolle man zum Beispiel über die Liebe und Güte Gottes meditieren
und zur gleichen Zeit darüber nachdenken und
argumentieren. Dies sind zwei verschiedene Dinge, die ihrer Natur nach unvereinbar sind, und das
ist auch nicht notwendig. Man muss sich um das
Studieren oder eine andere Tätigkeit so bemühen,
als hätte man nur das zu tun. (Ich spreche hier für
die, die zu diesem Stand gehören, wo man weder
Meditation noch Verstand, noch andere Erkenntnis benutzt, die von den Handlungen kommen,
die uns an Gott erinnern.) Man muss Gott in der
Mitte des Herzens und des Willens handeln lassen, die die göttliche Güte anzieht, und die sie reinigt wie ein sehr reines Öl, ohne sich mit allen geschaffenen Dingen zu vermischen, d.h. mit allen
Vorstellungen, Gedanken und Erkenntnissen des
Verstandes und der Phantasie. Und der Grund,
dass es scheint, dass wir nach all diesen Gedanken
und Überlegungen nicht mit Gott geeint sind, ist,
dass wir seine Tätigkeit nicht gefühlt haben, dass
wir davon keine überlegte Erkenntnis haben, und
dennoch waren wir ihn der Tat ihm innerlich sehr
verbunden, so wie wir es im 3. Kapitel, das den
Zustand des Entzugs und der Finsternis behandelt, dargelegt haben.
Daraus folgere ich dies: für die Menschen, die sich
in Gott verloren haben, indem sie ihre eigenen
Fähigkeiten entfalten – eine wahre Anziehung an
Gott immer vorausgesetzt – und die sich selbst
übertreffen, können das Studium, eine andere
Übung oder welche Beschäftigung auch immer,
selbst die entspannteste, die sie von Gott entfernen und in ihnen einen dauernden Zustand der
Trockenheit und des Entzugs bewirken, nicht nur
nicht schädlich sein, sondern sie dienen ihnen im
Gegenteil allein dazu, sich noch tiefer mit Gott zu
vereinen. Ich glaube, wenn unsere Schwäche Gott
stärken könnte mit der gleichen Sehnsucht und
der gleichen Leidenschaft wie Seine göttliche Majestät und Güte dies tut für die Reinigung und die
Vollkommenheit unserer Seelen, so würde Gott
uns unser ganzes Leben lang in einem Zustand
des Todes und der ständigen Entbehrung lassen,
wenn wir dazu fähig wären, so wie es die Heiligen erfahren haben, die diesen Zustand durchgemacht haben.
Aber Gott müsste uns außergewöhnliche Gnaden
geben, um weiterzuleben ohne zu verzweifeln.
Und seine göttliche Weisheit, Vorsehung und
Führung würden uns von seiner Seite aus niemals
31
Rabe des Elia
Supplement
fehlen, vorausgesetzt, dass wir ihn handeln ließen
und dass wir gerne sein göttliches Tun und seine
Prüfungen ertragen würden, wie der Heilige Geist
durch den Mund der Weisheit bezeugt: „Ertragt
gerne die Prüfungen und das Tun Gottes in euch!“
Ertragt sie geduldig im Geist des Glaubens, der
Liebe, der Selbstentäußerung, des Opfers und der
Hingabe eures Lebens in seine Hände, um ihn in
euch das geschehen zu lassen, was ihm gefällt und
wie es ihm gefällt. Tut dies ohne wissen zu wollen,
was er tun will, so wie er es richten wird, um euch
ganz in ihm auszuruhen und euch ihm anzuvertrauen, in der Überzeugung und dem festen Glauben, dass er immer gut handeln wird. Aber leider,
nur wenige Menschen kommen dazu, sich selber
zu verlieren, weil nur wenige sich verlieren wollen.
„Wer sein Leben verliert, wird es finden“, sagt der
Herr. Dennoch: Glückliches Verlieren, durch das
es geschieht, dass man sich in Gott findet wie in
seiner Mitte.
Kommen wir zu unserem Thema zurück. Glauben wir nicht, dass wir von Gott entfernt oder getrennt sind, wenn wir keine guten Gedanken oder
Gefühle von seiner göttlichen Gegenwart und
seiner Majestät haben. Im Gegenteil: es ist gerade
dann, dass wir besonders innerlich mit ihm vereint sind, und dies viel entäußerter, reiner, sicherer und geistlicher, dank der Akte des Glaubens
und der Nächstenliebe, deren ständiges Streben
im Grund unseres Herzens und unseres Willens
für uns nicht fühlbar und nicht wahrnehmbar
sind. Ebenso ist es mit den vielen anderen Taten,
die wir gewöhnlich tun und die für uns sozusagen
natürlich sind. Wir kennen sie nicht durch unseren Verstand, sondern wir sind wirklich darauf
aufmerksam durch unser ständiges, tiefes und innerliches Sehnen, auf dem wir uns immer beruhigen, ausruhen und uns wie in Sicherheit aufhalten
können.
Erklären wir es noch deutlicher: Diejenigen, die
es gewöhnt sind, ihre inneren oder äußeren Handlungen aus Liebe zu Gott zu verrichten ohne bewusst darüber nachzudenken, tun dies ebenso gut
und sogar besser, als diejenigen, die es bewusst
aus Liebe zu Gott tun, aber nicht die gewöhnliche
innere Haltung dazu haben. Die natürliche und
moralische Erklärung dafür ist, dass das Ziel, das
in unserem Herzen und Willen vorherrschend ist,
so wie der erste Beweger ist, der den Schwung
und die Regung für fast all unser Sehnen, unsere Zuneigung und unsere Neigungen gibt. Wenn
Dominique de Saint Albert
eine Person z.B. leidenschaftlich den Reichtum
liebt, so strebt alles, was sie tun kann, unmerklich
darauf hin, diesen zu erhalten, ob sie kommt oder
geht, was immer sie tut, alle Tätigkeiten zielen nur
darauf ab, Güter zu gewinnen und anzuhäufen.
Hier ist es ebenso: Gott ist das einzige Ziel, das
verfolgt wird, nicht nur was die Absicht anbelangt, sondern auch was die Aufmerksamkeit und
die Sehnsucht. Er ist tatsächlich unser einziger
Schatz, und wir glauben ihn bereits zu besitzen.
Das befriedigt uns und zieht uns unmerklich an
und bewirkt in uns beständig den Hunger und
Durst ihn zu besitzen und uns mehr und mehr an
ihm zu erfreuen. Es kann vorkommen, dass wir
verwirrt sind oder viele Gedanken im Bereich der
Sinne, in unserer Vorstellung oder unserem Denken haben, dennoch ist das Ohr unserer Seele und
unseres Herzens immer offen für die ewige und
fortwährende Stimme dieses unerbittlichen Meisters, der uns unablässig im Inneren sagt: „Liebe,
liebe, liebe den, der dich ewig und unendlich geliebt hat und der dich auch jetzt ohne Unterlass
liebt“. Diese Stimme erregt unser Herz und lässt
es nicht zur Ruhe kommen, aber sie hält es in einer beständigen Unruhe und Regung, damit wir
auf diese unendliche Liebe so antworten, wie wir
es mit wirklicher und beständiger Achtsamkeit
können.
Ich gestehe, dass diejenigen, die sich noch nicht
hinreichend beherrschen, und deren Gipfel der
Seele, d.h. deren Grund des Herzens und des Willens, noch nicht genug von der göttlichen Liebe
durchdrungen und entzündet sind, und die auch
nicht von großem Hunger und großer Sehnsucht
nach Gott beseelt sind, dass diese Personen, so
sage ich, Mühe haben, in der Gegenwart Gottes
zu wandeln inmitten ihrer äußeren Tätigkeiten,
vor allem, wenn sie mit dem Verstand argumentieren. So wie das Mittel, dessen sie sich bedienen,
nur ein vertrautes und liebevolles Gespräch ist,
das von diesen Reden und diesen Überlegungen
unterbrochen wird, so scheint es ihnen, als seien sie nicht mehr bei Gott, wenn sie nicht mehr
mit ihm sprechen. Das stört sie unendlich und
führt dazu, dass sie es nicht wagen, sich ganz dem
Denken und dem Studieren zu widmen, denn sie
sind überzeugt, dass sie mit ihrem Empfinden in
beide Richtungen aufmerksam sein müssen, zugleich auf Gott, indem sie über ihn nachdenken,
als auch auf den Gegenstand, über den sie meditieren und den sie hin und her wenden. Dar32
Rabe des Elia
Supplement
auf muss für alle Menschen hingewiesen werden,
die sich verschiedenen Aktivitäten widmen, weil
sie so ihre Gesundheit erheblich beeinträchtigen
und in bedauernswerte Schwierigkeiten kommen
könnten.
Das sollen sie tun bei diesen Begegnungen: Sie
sollen sich durch einen Blick des Glaubens, der
Liebe und des Loslassens tief in Gott werfen.
Danach sollen sie einfach ihren Verstand gebrauchen, d.h. ihre Erinnerung und ihre Einsicht für
die Dinge, die Gott von ihnen verlangt, indem
sie seinen liebenden Willen berücksichtigen, indem sie die hl. Schutzengel nachahmen, damit
der Wille Gottes überall geschehe. Sie glauben,
dass Seine Majestät sie beständig anschaut, als
hätte er nur sie auf Erden zu beachten. So bewahren diese Menschen so weit wie möglich im
Grunde ihrer Seele und ihres Herzens die innere
Sehnsucht und die liebende Erinnerung an Gott.
Diese Sehnsucht und Erinnerung bewirken, dass
sie sich ohne Unterlass mit Gott unterhalten und
ihm ihre Liebe und Treue bezeugen, ohne sich
mit Gewalt anzustrengen, um immer mit ihm zu
sprechen, was ihnen später schädlich sein könnte.
Aber sie können sich nur von Zeit zu Zeit und
mit Unterbrechungen durch liebende Blicke und
wesentliche Unterhaltungen über ihr Sein mit ihm
vereinen, indem sie sich in ihn wie in ihre Mitte
und wie in einen weiten Ozean der Liebe ergießen. Sie sagen zum Beispiel: „O Gott der Liebe,
ziehe mich an dich! O meine Mitte und Seligkeit“.
Und eine der Prüfungen, die man haben kann,
um in dieser ganzen Zeit nicht von Gott getrennt
zu sein, ist es, dass man sich gehalten fühlt, das
innere Gebet zu verrichten, und dass man im
Grunde seines Herzens und seines Willens eine
gewisse Anhänglichkeit an die Gegenwart Gottes
und eine innere Sehnsucht nach ihm fühlt, wenn
man dort herauskommt. Die innere Mühsal, die
wir wegen all der äußeren Hindernisse fühlen, bezeugt unseren guten Willen und unsere reine Absicht Gott gegenüber.
Zu diesem Thema habe ich diese wichtige Anweisung zu geben: Es ist wichtig die Personen, bei
denen man eine besondere Anziehung von Gott
für die inneren Dinge feststellt, nicht all zu früh
auf das Studium, auf Übungen und Beschäftigungen zu orientieren, die die Veräußerlichung und
die Zerstreuung begünstigen. In der Tat könnte
es ihnen an der Zeit fehlen, ihre Anziehung und
ihren inneren Zustand zu erkennen und zu un-
Dominique de Saint Albert
terscheiden, und durch die Prüfungen und die
verschiedenen Wege bei den Übungen des geistlichen Lebens und der Praxis der Tugend und der
Vollkommenheit, zu der sie berufen sind, hindurchzugehen. Folglich würden sie es aufs Spiel
setzen, niemals in die verborgene Kammer des
Herzens des Bräutigams einzutreten und in die
Wirkungen seiner göttlichen Liebe, durch die er
in denen handelt, die ihm treu sind.
Ich denke auch, dass es sehr schwierig ist für jemanden, der zuvor mit Gott in vertrauter und
liebender Weise gesprochen hat, und der sich
seitdem dem Forschen und dem Studium der
Wissenschaften, vor allem der Theologie, gewidmet hat, auf den Weg der überwesentlichen, d.h.
der übernatürlichen und eingegebenen, Liebe zurückzukommen. Als dieser Mensch noch auf dem
Weg der Gespräche und der Handlungen war, so
war es ihm sehr leicht, seiner natürlichen Neigung
zu folgen ohne sie zu überwinden, und der Anziehung Gottes und seinem göttlichen Handeln zu
folgen sowie aus den Motiven der theologischen
Wahrheiten zu schöpfen, über die er nachgedacht
hat und die ihm als Mittler zwischen Gott und
ihm selbst dienten. Danach es für diese Menschen
besser, zwei, drei oder sogar vier Jahre damit zu
verbringen, das forschende Nachdenken sowie
die formellen Tätigkeiten zu lassen, um sich in
Liebe umwandeln zu lassen und die Liebe und
die erfahrene Gotteserkenntnis zu praktizieren,
die die Wissenschaft aller Wissenschaften ist.
Wenn der Mensch dann die Anziehung und den
Geschmack daran gefunden hat, wird alle andere erworbene Wissenschaft keinen Wert mehr für
ihn haben, was ihn danach viel verfügbarer und
fähiger macht, diese für den Ruhm Gottes und
das Wohl des Nächsten zu erwerben.
6. Die Übung der Tugenden im Zustand der Vereinigung
Bisher haben wir nichts gesagt über die Treue, die
man beim Verrichten der Tugenden haben muss,
bei den Gelegenheiten, die sich in diesem Zustand
ergeben. Aber es genügt zu sagen, dass es an der
Liebe fehlt, wenn man eine einzige Tugend verfehlt. Und ein Mensch kann das nicht tun, ohne
im Inneren einen großen Vorwurf zu verspüren.
In der Tat, da er ganz an Gott hingegeben ist und
im Inneren nur für ihn lebt, muss er auch äußerlich nur für ihn leben. Und derselbe Gegenstand
und das gleiche Prinzip beseelt ihn im Inneren,
33
Rabe des Elia
Supplement
lässt ihn handeln und lässt ihn ohne Unterlass die
Gegenwart seines Gottes suchen, die nichts anderes ist als Gott selbst. Er bringt ihn dazu, im
Äußeren zugleich Tugendübungen zu verrichten,
die seinem Zustand und den Gelegenheiten, die
die Vorsehung ihm präsentiert, entsprechen, um
dieses Vorhaben zu erfüllen, wo er Gott gegenwärtig schauen soll. Gott erwartet dies von ihm,
er wünscht es und fordert es von ihm.
Wenn man gelegentlich eine Beleidigung, ein Unrecht, eine Verleumdung oder eine üble Nachrede
hinnimmt, so kann man es natürlich nicht lassen,
darin die Strafe und den Schlag heftig zu spüren,
denn die falsche Beschuldigung stört selbst den
Weisen, sagt der Hl. Geist. Gott bewahrt uns
nicht davor, einen körperlichen oder geistlichen
Schmerz zu spüren. In der Tat, weiß Seine Majestät sehr wohl, dass wir empfindlich sind. Überdies
musste seine heilige Menschheit, ganz vereint mit
der Gottheit in der Person des Wortes, folglich all
seine göttliche Kraft und Tugend entfalten, um
seinen Leib und heilige Seele unempfindlich für
Schmerzen und Leiden zu machen. Gleichwohl
wollte er sie als Mensch spüren, um uns zu trösten und die Art und Weise zu lehren, in der wir
uns nach seinem Beispiel verhalten sollen. So weit
wie möglich sollen wir die Widerstände der Natur,
der Sinne und des Verstandes beherrschen, um
im Grunde der Seele und des Herzens mit ihm
zu sagen: „Dennoch, mein Gott, soll dein Wille
geschehen und nicht der meine.“ Halten wir uns
fest, immer mutig und unerschütterlich bei diesen Begegnungen, um den Kelch zu trinken und
alle Bitterkeit mit Liebe herunterzuschlucken, süß
wie Milch, indem wir sie aus der Hand Gottes annehmen, der uns dadurch umgestalten und uns in
sich aufnehmen will. Schließlich soll das Feuer der
Liebe alles in uns aufzehren und alle Leidenschaften und Anhänglichkeiten sterben lassen, die uns
noch von außen halten können, wie eine ewige
Glut, die in unserem Herzen entzündet ist. Sie
verbrennt und verzehrt all das, was zu verhindern
scheint, dass seine Flamme in seine Sphäre und in
seine Mitte aufsteigt, die Gott selbst ist.
In diesem Zustand sollen wir dann einzig und
gerne über Gott nachdenken, vor dem wir immer
stehen dank der liebenden und brennenden Erinnerung, die wir von seiner göttlichen Gegenwart
besitzen. Und weil wir sehen, dass diese Widersprüche und kleinen Verfolgungen nur von ihm
kommen und mit seiner ausdrücklichen Erlaub-
Dominique de Saint Albert
nis, so dienen sie nur dazu, unsere Liebe zu Seiner
göttlichen Majestät zu verdoppeln. Wir machen
uns dann eine Freude daraus, dass es für uns eine
neue Gelegenheit ist, ihm zu gefallen und weitere
Fortschritte in seiner Liebe und in einer sehr reinen und sehr vollkommenen Vereinigung mit ihm
zu machen.
Man muss dabei folgendes Prinzip und folgende
Maxime voraussetzen: Im Inneren besteht die innere Übung in einer wirklichen Liebe der göttlichen Nächstenliebe, mit deren Hilfe unser Herz
sich ohne Unterlass und beständig zu Gott bewegt
und neigt wie zu seiner Mitte. Ebenso äußerlich,
alles was wir tun, unterlassen und leiden, muss zu
der wirklichen Liebe in Beziehung gesetzt werden
und von ihr beseelt sein und kein anderes Ziel als
Gott haben. Er ist der einzige Gegenstand, den
unser Wille ununterbrochen betrachtet und nach
dem er sich ohne Unterlass sehnt. Dadurch nähern wir uns ihm immer mehr, wie dem ersten
Anfang, unserem erhabenen und letzten Ziel in
dem Maß, dass in uns selbst alles nur noch Liebe
ist, die allein von der Schau und der Liebe Gottes
erhellt und beseelt wird.
Hier liegt das wahre Geheimnis und Mittel, alle
anderen Tugenden vollkommener und dauerhafter zu erwerben, als wir sie wegen ihrer eigenen
oder besonderen Vollkommenheit ausüben würden, denn weil sie geschaffen sind, führen sie uns
nur auf Umwegen zu Gott.
Es ist die göttliche Liebe, die Gott direkt betrifft
und die das Geschöpf direkt wie mit seiner natürlichen Mitte mit ihm vereint. Sie ist die einzige Regel, das einzige Maß, dem der Genuss des
Zieles und erhabenen Gutes entspricht, nach dem
wir streben und das nichts weniger als Gott selbst
ist. So besitzen ihn diejenigen, die sich sehnlichst
nach Gott sehnen, nach ihm geschmachtet und
öfters beständig nach ihm geeifert haben, und sie
erfreuen sich an ihm entsprechend ihrer Sehnsucht, ihres Brennens und ihrer wirklichen und
beständigen Liebe. In der Tat, mit der Kraft des
Sehnens haben wir in uns einen größeren Durst,
einen größeren Appetit und einen unersättlichen
Hunger nach Gott entstehen lassen. Und wir sind
entsprechend erfüllt mit dem Appetit, Hunger
und Durst und folglich mit der mehr oder weniger großen Fähigkeit, die wir erworben haben,
um Gott zu besitzen und uns an ihm zu erfreuen, dank unserer Treue und der wirklichen und
beständigen Liebe. Dazu sagte die leidenschaftli34
Rabe des Elia
Supplement
che Magdalena von Pazzi in einer Verzückung der
Liebe: „Jemand der keine große Fähigkeit der Seele und des Herzens hat, um Gott zu besitzen und
sich an ihm in Fülle zu erfreuen, ihn zu lieben und
ihn höher und vollkommener zu verherrlichen,
der weiß niemals genug zu lieben“.
Abgesehen von der Übung der Tugend, in der wir
unsere unmittelbare und hauptsächliche Übung
machen wollen, dient sie nur dazu, alles zu entfernen, was ein Hindernis sein und was das Aufsteigen der Seele zu Gott verhindern kann, der
erfüllt ist von der Nächstenliebe und dieser wirklichen Liebe. Tatsächlich besteht das Besondere
der Tugenden nur darin, unsere Leidenschaften
zu zügeln und uns zu helfen, unsere Eigenliebe
und das Begehren unserer eigenen Vortrefflichkeit zu überwinden. Aber trotz allem ist die Seele
noch nicht in Gott verloren, und obwohl sie Tugendhandlungen hervorbringt wegen der Vorzüglichkeit und Anständigkeit, die sie begleiten, wegen des Nutzens und der Vorteile, die sie davon
zu gewinnen erhofft, so dient das nur dazu, diese
schöner zu machen, zu schmücken und sie für die
Vereinigung mit Gott durch diese Nächstenliebe
und diese wirkliche Liebe bereit zu machen.
Es ist anzumerken, dass, um zu Gott zu gehen
und nach der Vereinigung mit Seiner Majestät
durch die Übung der beständigen Liebe zu streben, nicht bedeutet, dass man zuvor alle Tugenden erworben hat und dass das auch nicht nötig
ist. Aber um dorthin zu gelangen und sie mit größerer Leichtigkeit und Beständigkeit zu erwerben,
müssen wir zuerst Gott zu unserem Ziel machen
und ihn uns zuerst in unserem Herzen einprägen
als unseren ersten Ursprung und unseren letzten
Ausgang, durch den wir in dieser Welt sind, leben
und atmen. Und dann müssen wir in der Kraft
dieser starken und wirksamen Sehnsucht, dorthin
zu gelangen, koste es was es wolle, mit seiner heiligen Gnade, die uns niemals fehlt, weil wir alle für
dieses liebenswürdige Ziel geschaffen sind, den
festen Entschluss fassen, tapfer alle Hindernisse,
Bindungen und Schwierigkeiten zu überwinden,
die unsere Sinne, Launen, Leidenschaften und
entgegengesetzten Gewohnheiten uns später als
Hindernis entgegen stellen könnten. Und in dem
Maß, in dem die Sehnsucht nach diesem Ziel in
uns wächst, nimmt in demselben Maß auch die
Leichtigkeit zu, Handlungen und Mittel hervorzubringen und auszuüben, um dahin zu gelangen.
Die Sehnsucht entzündet, wie ich sagte, eine Glut
Dominique de Saint Albert
in unserem Herzen und lässt sie ständig größer
werden, sie verzehrt all unsere Bindungen, unsere Unvollkommenheiten und unsere schlechten
Gewohnheiten schneller und wirksamer, als wenn
wir viel Zeit dafür verwenden würden, eine nach
der anderen auszurotten. Es ist, als wenn, zum
Vergleich, jemand Dornen, Stacheln und Dornbüsche aus einem Gehölz oder Wald ausreißen
wollte. Es ist gewiss, dass er besser und schneller
an sein Ziel käme, wenn er sie verbrennen würde,
als wenn er sie eine nach der anderen mit einem
Messer ausreißen würde.
All das dient einzig dazu, die Art und Weise aufzuzeigen, wie sich diejenigen, die sich auf dem festen Weg der wirklichen Liebe bewegen, mit allen
Tugenden umgehen. Alle tun dies aus dem gleichen Beweggrund und für das gleiche Ziel, was
auch immer ihr Zustand, aktiv oder passiv, ist, d.h.
ob sie handeln oder nicht. Wenn sie noch aktiv
sind, d.h. wenn sie noch innerlich mit Gott sprechen durch Reden und vertrautes Unterhalten mit
Seiner göttlichen Majestät, so tun sie alles, was sie
vollbringen und erleiden, einzig dafür, um dem zu
gefallen, mit dem sie sprechen und dessen Gegenwart tief in ihrem Herzen und ihrer Seele eingeprägt und eingegraben ist. Sie verhalten sich Gott
gegenüber so wie in einem höflichen und angemessenen Gespräch, wo man alles tut, um einem
Freund zu gefallen oder um mehr und mehr sein
Wohlwollen und seine Freundschaft zu gewinnen.
So sollen wir gegenüber dem Gegenstand unserer
Liebe handeln. Wir haben keine andere Sehnsucht
und keine andere Leidenschaft, als Gott in allem,
was wir tun und sagen, immer mehr zu gefallen.
Wir handeln nur, um dem zu gefallen, dem wir
ganz und gar ergeben und geweiht sind.
Wenn wir nicht mehr aktiv sind und wenn wir
bereits durch die Regungen und das Handeln der
Gnade und des Geistes Gottes in uns geführt
werden, so verzehren wir alles im Brennofen unserer Liebe, dessen wir uns bedienen, um weitere Fortschritte zu machen und sozusagen weiter
einzudringen in diesen tiefen Abgrund der Liebe.
7. Über die Versuchungen in diesem Zustand
Die Menschen, die sich in diesem Zustand befinden, sind nicht ohne Sünden und sind wie die
anderen Menschen Versuchungen unterworfen,
wie es der große hl. Apostel Paulus bezeugt, dieser feurige Mann, eingetaucht in die wirkliche
und beständige Liebe zu Gott, der sich oft in sei35
Rabe des Elia
Supplement
ne Briefen beklagt: „Welch unglücklicher Mensch
bin ich, wer befreit mich aus der Sklaverei meines
sterblichen Leibes. Damit die große Anzahl von
Offenbarungen, Ekstasen, Gaben, Gnaden und
Gunsterweisen, die ich von meinem Gott erhalten habe, mir keine Gelegenheit zum Stolz geben,
hat er mir einen Engel Satans gegeben, der mich
unablässig schlägt. Dreimal habe ich den Herrn
inständig darum gebeten, mich in seiner Güte davon zu befreien. Und seine göttliche Majestät hat
mir geantwortet: Meine Gnade soll dir genügen,
und du darfst dich weder wundern noch beunruhigen, weil die Tugend sich in der Schwachheit
festigt und vollkommener wird“ (2 Kor 12,9).
Und die meisten Heiligen sind verfolgt worden.
Was wir in dieser schwierigen Situation tun sollen,
ist zunächst, dass wir unsere Phantasie beherrschen, sobald wir im Licht unseres Verstandes
darüber nachdenken, so wie es der fromme hl.
Bernhard, der milde hl. Franziskus, die seraphische hl. Teresa und die vor Liebe brennende hl.
Magdalena von Pazzi und alle anderen großen
Gott liebenden Herzen getan haben. Das wahre
Geheimnis, um damit zum Ende zu kommen, ist
nicht diese völlig zu bekämpfen und sie zu verachten, denn je mehr wir sie bekämpfen wollen,
desto mehr beeindrucken sie uns. Bitten wir unseren Herrn, selbst den Platz der Versuchung
einzunehmen und unsere Seele, unser Herz und
unsere Phantasie mit seiner Weisheit, Liebe und
göttlichen Reinheit zu erfüllen.
Wir handeln in diesen schwierigen Momenten wie
ein Mensch, der in einem schönen Saal mehrere
Gemälde betrachtet, die hier in großer Zahl vorhanden sind. Wenn er eines sieht, das ihm nicht
gefällt, wendet er seinem Blick davon ab, um ein
anderes anzuschauen, und er tut das ohne zu
überlegen. Wir handeln bei diesen Gelegenheiten genauso. Wenn wir über eine schlechte Idee
oder einen schlechten Gegenstand nachdenken,
vergessen wir ihn ohne zu zögern, ohne zu verhandeln oder zu überlegen, und zwar vergessen
wir ihn gänzlich, ohne freiwillig unter dem Vorwand, zu prüfen, um zu sehen, ob wir dem zugestimmt haben oder nicht, zurückzukehren. Das ist
der kürzeste Weg, um damit fertig zu werden. Wie
wir uns beim mündlichen oder beim inneren Gebet auch an die Gegenwart Gottes erinnern, der
uns nie aus dem Auge verliert, durch einen tiefen,
liebenden und sehnsüchtigen Blick, um ihm zu
gefallen. Dieser beweist Seiner göttliche Majestät
Dominique de Saint Albert
die Abneigung, die wir von all dem haben, und
diese Abneigung ist schon viel wert.
Gott hat diesen Feind in uns lassen wollen wie
beim hl. Paulus und anderen Heiligen, um uns zu
demütigen und uns misstrauisch gegen uns selbst
zu machen. So werden wir ohne Dünkel sein,
wenn seine Güte uns einige Gnaden und außergewöhnliche Gunsterweise gewährt und gewisse
Gaben mit uns teilt, die er gewöhnlich denen gibt,
die ihn lieben. So teilen wir uns nur das Nichts
und die Sünde zu, die beiden einzigen Dinge, deren wir uns rühmen können.
Wenn wir von unserer Seite aus unser Möglichstes
getan haben, um all dem nicht zuzustimmen und
um unser Herz rein von all diesen Zudringlichkeiten der Phantasie und der Sinne zu bewahren,
sollen wir in Ruhe bleiben und uns auf unseren
Geliebten stützen, um uns allein ihm zu widmen.
Wenn die Schwierigkeiten andauern, wie das wegen der Heftigkeit und der Ausschweifungen der
Phantasie oder wegen des Instinkts oder der gewöhnlichen Boshaftigkeit des Teufels, der uns unser Glück neidet, oft vorkommt, dann verdoppeln
wir unseren Glauben, unser Vertrauen und unsere
Liebe zu Gott, um ihn um seine Hilfe zu bitten
und ihm durch tiefes und liebendes Seufzen den
äußersten Schmerz, Abscheu und Entsetzen, den
wir von all dem haben, zu bezeugen. Das kommt
übrigens vom Handeln Gottes in uns und beweist,
dass unser Wille daran in keiner Weise mitwirkt.
Indessen gilt es nicht, zu unserer eigenen Aktivität zurückzukehren und zu unserer eigenen
Handlungsweise, sondern unseren Geist mit Geschicklichkeit in den Begegnungen zu benutzen,
um uns einem anderen gleichgültigen, nützlichen
oder notwendigen Gegenstand zuzuwenden,
damit wir unsere Phantasie so weit wie möglich
den entgegengesetzten Gegenständen entziehen,
sei es dass wir uns im Gedächtnis an etwas erinnern, sei es dass wir uns dem Studium zuwenden,
sei es dass wir uns etwas anderem Unschuldigen
und Belustigendem widmen. In der Tat genügt es
nicht, diese Art von Versuchungen zu verachten,
die sich nur bekämpfen lassen, indem man vor
ihnen flieht, sondern man muss vor ihnen noch
einen Schmerz und ein wirkliches und deutliches
Entsetzen empfinden. Und Gott will nicht, dass
wir unsere Erinnerung und unsere Phantasie mit
Vorbedacht mit gefährlichen und schädlichen
Gedanken beunruhigen, wenn wir sie guten und
nützlichen Gedanken zuwenden können, um ihm
36
Rabe des Elia
Supplement
zu dienen, wie dem Studieren, Beten, Handeln
und anderen ähnlichen Dingen, und all dies ohne
Unrecht tun im Hinblick auf den liebenden Blick
der Seele, wie wir im 5. Kapitel erklärt haben.
Wenn man sich von ähnlichen Dingen angegriffen sieht und dabei in Einsamkeit ist, und wenn
man leicht ein Buch nehmen oder schreiben kann,
oder sich mit etwas anderem beschäftigen kann,
was ohne Gefahr ist, dann ist das gut. Der einzige
Grund ist, dass Gott will, dass wir von unserer
Seite unser Möglichstes tun, um der Versuchung
zu entfliehen. Diese ist nicht wie die anderen, die
sich sichtbar und durch deutliche Taten bekämpfen lassen; diese Versuchung ist äußerst gefährlich wegen der Abhängigkeit und der schlechten
Verlockung unserer elenden Natur zu den sinnlich wahrnehmbaren Dingen. Deshalb ist es viel
besser diese so zu bekämpfen, wie wir es gesagt
haben, lieber indem wir ihnen entfliehen als dass
wir sie bekämpfen, und indem wir uns mit etwas
anderem beschäftigen, das ohne Gefahr ist, sobald wir daran denken, aus Angst uns so wenig
wie möglich freiwillig von ihr anziehen zu lassen.
Deshalb haben die großen Heiligen mit aller Kraft
gemieden, was solchen Ideen und schlechten Gedanken den geringsten Einlass gab.
Und obwohl es unser Herr ist, der es dieser Art
von Versuchung erlaubt zu unserem größten Heil
zu uns zu kommen, wie wir es bei dem großen
Apostel, dem hl. Paulus, gesehen haben, und wie
es andere Heilige erfahren haben wie der hl. Benedikt, der hl. Franziskus, die hl. Katharina von
Siena, die hl. Teresa, die hl. Magdalena von Pazzi und viele andere, so will Seine Majestät nicht,
dass wir sie direkt bekämpfen, sondern dass wir
ihr eher entfliehen, nicht nur indem wir an ihnen
nicht mitwirken, sondern indem wir verhindern,
dass sie überhaupt in uns entstehen, was allein seine göttlichen Gnade möglich macht. Ich glaube
nicht, dass man seine Gedanken, seine Erinnerung und seine Einsicht woanders ablenken soll,
in der Vermutung, dass die Phantasien lebendig
und die Gedanken lange andauert sind, ausgenommen, wenn es nötig ist, so wenn man Beichte
hört oder Fragen darüber liest.
Ebenso geht es mit den anderen Gedanken, die
wir fallen lassen oder verachten können, um die
Anziehungskraft zu unterbinden. Deshalb darf
ein starker und großzügiger Geist nicht mehr
wertschätzen als man Mücken schätzt, die vor den
Augen herumfliegen, oder Träumereien und Er-
Dominique de Saint Albert
zählungen einer Verrückten, die zu unseren Ohren spricht. Mit Blick auf unsere Phantasie, die
eine sehr irrende, verrückte und freche Macht ist,
müssen wir ebenso handeln, denn wir können mit
ihr nur fertig werden, wenn wir sie verachten und
nicht freiwillig auf sie hören.
Was die anderen Versuchungen angeht, besonders diejenigen, die von Zornesgelüsten oder
Wut kommen, wie die Regungen der Ungeduld,
Empörung, Groll, Abneigung oder andere, so
soll ein von der Liebe zu Gott erfülltes Herz sie
verändern und sie sehr schnell im Feuer der Liebe und der Nächstenliebe verbrennen. Widerstehen wir ihnen mit noch mehr Zuneigung zu
unserem Nächsten, als wir entgegengesetzte Regungen und Widerstände von Seiten der Natur
und des Verstandes empfinden. Versuchen wir
diese schlechten Gefühle bereits in der Wurzel
zu ersticken, bevor sie beginnen, so können sie
kaum zum Vorschein kommen. Um es deutlicher
zu sagen: seien wir wachsam, sie nicht nach außen kommen zu lassen, sondern ersticken wir sie
großzügig, indem wir auf Gott und seine Liebe
schauen, und fühlen wir Mitleid gegenüber denen,
auf die wir wütend sind. Wenn die erste Erregung
und die erste Bewegtheit vorbei ist, wird es gut
sein, zu ihnen zu sprechen, sie mit Vorsicht und
Klugheit mit einem Geist der Nächstenliebe zu
unterrichten, wenn es angebracht ist, so wie es der
hl. Franz von Sales tat, der niemals sprach, wenn
er sich erschüttert fühlte.
Versuchen wir nicht übereifrig zu sein, weil sich
die Leidenschaft oft dazugesellt. In der Tat, wie
dieser innere Zustand ein wahrer innerer Tod
ist, und man mehr Fortschritte durch Leiden als
durch das Tun macht, so soll es auch im Äußeren
sein. Seien wir liebende Menschen, im Übermaß
mild und geduldig, wenn man so sagen kann, und
entrüsten wir uns niemals absichtlich gegen irgendjemanden, selbst wenn wir Obere sind oder
wenn wir uns dazu aus Gewissensgründen verpflichtet fühlen.
Eine andere ausgezeichnete Übung für wahrhaft
innerliche Personen ist, dass sie sich niemals zu
sich selbst hinreißen lassen, und durch eine natürliche Zuneigung den Dingen entgegenkommen,
die im Äußeren erscheinen, vor allem denen, die
außergewöhnlich sind. Sie sollen warten, dass
Gott sie dorthin bringt und selbst dorthin führt,
indem sie immer davon ausgehen, dass sie nicht
verpflichtet sind und dass der Nächste davon we37
Rabe des Elia
Supplement
der Schaden nimmt noch ein schlechtes Beispiel
erhält.
Das wahre Geheimnis von all dem ist, immer in
der gleichen Stimmung und im Gleichgewicht zu
bleiben, mit einem Blick voll von Gauben und Liebe, und alle Taten in dieser Absicht zu vollziehen,
indem man sich bemüht so weit wie möglich im
voraus zu planen, ohne dass es etwas Unerwartetes oder nicht Ausgewähltes gibt, und unseren Urheber nachzuahmen. Gott hat alles mit Gewicht,
Zahl und Maß gemacht, er befiehlt uns durch den
Mund der Weisheit, in allen Werken vollkommen zu sein und sie auf vortrefflichste Weise zu
vollbringen. Dies tut sich mit umso mehr Leichtigkeit, als das göttliche Licht unsere Schritte zu
jeder Gelegenheit erleuchten wird, selbst in den
Momenten der Entsagung und Trockenheit, wie
in den Momenten der Freude und der Fülle.
Und wenn wir etwas für Gott getan haben, das
nicht geglückt ist, und man sieht, dass man es hätte anders machen sollen, so dürfen wir nicht denken, dass wir schlecht gehandelt haben. Unsere
Absicht war in der Tat gut und wir können nicht
immer alles voraussehen.
Um schließlich bei all unseren Beschäftigungen
und Tätigkeiten Erfolg zu haben, ist es absolut
notwendig, uns ohne Unterlass etwas Zeit zur
Ruhe und Sammlung vor Gott vorzuschreiben,
selbst wenn wir uns wegen der vielen Beschäftigungen nicht des Friedens oder der Ruhe des
Geistes erfreuen können. Indessen gibt uns in
diesem Augenblick die Schwierigkeit die Erkenntnis, wie der Prophet (Jes 29,19) sagt, d.h. die Anstrengung, die wir tun können, um zu uns selbst
und unserem erleuchteten Verstand zurückzukommen, wird uns erleuchten und uns im Lichte
Gottes die Fehler, die Unachtsamkeiten und die
Überraschungen sehen lassen, die wir an dem Tag
begangen haben.
Dominique de Saint Albert
seine heilige Menschheit im Ölgarten beschränkt
wurde. Er hat es durch die sterbliche Traurigkeit
gezeigt, die er in seiner heiligen Seele in diesem
Augenblick empfand, und durch das Blutschwitzen, das an seinem heiligen Leib erschienen ist.
Ebenso hat er am Kreuz das Übermaß dieser Verlassenheit durch den Schrei nahe der Verzweiflung
ausdrücken wollen, den er an den Vater richtete:
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“. (Mt 27,46)
Auch die Menschen, die Gott in ihrem Leben eher
handeln lassen als selbst zu handeln, finden sich
für gewöhnlich in dem Zustand, wo unser Herr
während seines sterblichen Lebens dem Leiden
unterworfen war. Seine heilige Seele handelte immer aus Liebe, sie sah Gott von Angesicht zu Angesicht und kannte ihn in innigster Weise. Jedoch
ließ er davon weder einen Lichtstrahl ausgehen,
noch Freude oder Trost in seinem Leib und seiner
Seele. Im Gegenteil, er bewahrte durch ein großes
Wunder eine erhabene Traurigkeit und mit einer
erhabenen Freude in seiner vernünftigen Seele,
ohne dass die Freude seine Traurigkeit vermindert hätte, als wenn sie keine Freude fühlte.
Ebenso ist eine Person, die diesen Zustand kennt,
so sehr mit Gott vereint, dank des verborgenen
und vereinenden Tuns der höheren Kräfte, die
Klugheit und Willen sind, dass davon nichts in
den geringeren Fähigkeiten erscheint. Diese Menschen denken, dass sie nicht mehr das Gefühl für
Gott haben, so wie ein derber Christ, der noch
nie vom inneren Beten gehört hat. Sie sind voller
Kummer, Verwirrung, Empörung und Murren.
Sie sehen sich in einem solchen Zustand, dass ihnen alles missfällt, und das schlimmste für sie ist,
dass sie es sich nicht einmal vor Augen führen
können, um es mit Geduld ertragen zu können,
indem sie dem zustimmen. Im Gegenteil, sie spüren in sich selbst eine solche Ungeduld, dass sie in
Verzweiflung fallen würden, wenn Gott sie nicht
zurückhielte.
Das ist für sie ein wahres Fegefeuer, sehr ähnlich
dem, das die Seelen nach dem Tod erleiden. Ihre
Tröstungen, wenn es solche überhaupt gibt, sind
nicht wie die der Martyrer. Diese waren so zahlreich, dass sie ihre Leiden verminderten, indem
sie sie sozusagen von der Liebe Gottes trunken
machten. Aber das ist eine Art Tröstung, die die
Menschen nicht durch den Verstand kennen. Es
sind einzig der Glaube, das Vertrauen und die Liebe, die sie am Willen Gottes festhalten lassen. Das
8. Der Zustand der Trockenheit und der Entbehrung
macht uns dem gekreuzigten Jesus ähnlich
Eine der stärksten Triebfedern, die uns dazu bringen muss, aus unserer Beschäftigung und Unterredung mit Gott nicht nur unsere Hauptbeschäftigung sondern unsere einzig notwendige und
unser alles zu machen, ist die sehr große Ähnlichkeit, die wir dadurch mit dem gekreuzigten Jesus
erhalten. Der Grund dafür ist, dass wir ihn in
seinem Leiden so stark und grausam wie möglich
nachahmen, d.h. im inneren Loslassen, auf das
38
Rabe des Elia
Supplement
hindert sie nicht daran, ebenso von ganzem Herzen den Schmerz des Feuers zu erleiden, als wenn
sie nicht glauben, nicht hoffen und nicht lieben
würden, und unendlichen Schmerz und Traurigkeit zu empfinden.
Ebenso ist es mit den Menschen, die Gott gehören, und die er bewegt und führt durch sein
eigenes Handeln. Seine Majestät reinigt sie in einem Fegefeuer, das diesem fast ähnlich ist, hilflos,
ohne dass sie ihre Leiden ein wenig mindern, sich
bei ihm beklagen oder dem zustimmen könnten,
was ihnen eine gewisse Erleichterung bringen
würde.
Sie können nur leiden und scheinen nicht zu leiden, aber sie sind die Ungeduldigsten dieser Welt.
Und dennoch, inmitten von all dem, bleiben sie
fest mit Gott verbunden, der seine Hand auf sie
gelegt hat; nicht auf positive Weise indem er sie
betrübt, sondern indem er seine Mithilfe und
fühlbaren Gnaden von ihnen entfernt. Er lässt sie
in der reinen Natur und in der Hand ihrer Feinde:
des Teufels, der Welt, der Sinnenwelt, von denen
jeder auf seine Weise ihnen einen Kampf liefert.
Folglich hat Seine Majestät sie einzig durch eine
Art von kleinem Netz mit sich verbunden, das
sie nicht wahrnehmen, d.h. durch einen Akt des
Glaubens und der passiven Liebe. Sie bleiben sehr
der Freude Gottes unterworfen, ohne die Möglichkeit, es ihm zu bezeugen und fast ohne es
glauben zu können.
Aber Seine göttliche Majestät sieht es genug, und
ihr Herz ist in seinen Händen sehr viel stärker
und tiefer, als in dem Augenblick, als sie einen
Zustand der Fülle und der verstandesmäßigen Erkenntnis Gottes spürten. Und als sie sich seiner
so erfreuten, wenn ihnen dann etwas in ihren Augen Unangenehmes passiert wäre oder etwas, was
sie zur Sünde bewegte, so hätte ihr mit der fühlbaren Gnade volles Herz dies mit Hass, Abscheu
und Entsetzen sofort schnellstens verworfen,
denn sie hätten es dann durch ein inneres Zeugnis
wahrgenommen. So ist es auch mit dem inneren
Fegefeuer. Da ihr Herz immer mit Gott vereint
bleibt, empfinden diese Menschen ohne Unterlass
Gefühle der Abneigung, des Hasses und des Entsetzens gegenüber allem, was dem Gegenstand
ihrer Liebe entgegen ist. Sie kannten Gott, als sie
getröstet wurden und freuten sich spürbar über
ihn. Aber da sie keine verstandesmäßige Kenntnis
von ihrem Zustand haben, empfinden sie keinen
so großen Schrecken durch ihre ausdrücklichen
Dominique de Saint Albert
und spürbaren Handlungen.
Ich bestätige es noch mehr: Selbst wenn sie Handlungen vollziehen würden, die der Ungeduld ähneln, so wie der hl. Hiob auf dem Höhepunkt seiner Prüfung sagte: „Möge der Tag verloren sein,
an dem ich geboren bin. Ich habe jede Hoffnung
verloren“ (Hiob 3,3) und andere ähnliche Gefühle – sie sündigten nicht. In der Tat, dies geschieht
nicht im unteren und verstandesmäßigen Teil und
in der fühlbaren Vorstellung, während der Grund
ihrer Seele sehr mit Gott geeint bleibt, gemäß
und ergeben seinem Gefallen. Dies war ebenso
in der Seele meines Heilands in seiner Todesangst
der Fall, jedoch unvergleichbar, als seine heilige
Menschheit sagte: „Mein Vater, wenn es möglich
ist, lass diesen Kelch an mir vorübergehen“. Tatsächlich war er gleichzeitig im Grunde seines Willens eins mit dem seines Vaters, wie er mit den
folgenden Worten zeigt: „Stets geschehe dein
Wille, nicht der meine“. (Mt 26,39)
Dies macht diese Leiden äußerst lobenswert für
diese Personen. Tatsächlich schmälern ihr sehr
großes Talent und die fast natürliche Gewohnheit
Gutes zu tun, die sie dank ihrer Zusammenarbeit
und Treue von der zuvorkommenden Gnade erhalten, ihr Verdienst keineswegs. Im Gegenteil,
sie vermehren es sehr, obwohl sie fast ohne Mühe
und Schwierigkeit handeln. Dasselbe gilt auch für
das Leiden. Obwohl sie große Regungen und Gefühle der Ungeduld inmitten ihrer Prüfung und
ihrem Fegefeuer zu haben scheinen, so stirbt –
weil sie Gott zuvor ihren ganzen Willen anvertraut hatten, damit er sie bewege und führe – ihr
Wille dennoch tausendmal vor Schmerzen, sich
so elend zu sehen, weil es ihnen an Geduld fehlt.
Sie glauben diese nicht zu haben, doch in Wirklichkeit besitzen sie sie in höchstem Maße.
Wenn wir in der Trockenheit sind, kommt es
oft vor, dass wir weder Eifer noch Talent in all
den Übungen haben, und dass wir dann urteilen, weder Liebe noch Sehnsucht nach Gott zu
haben, was uns dann wie den Propheten sagen
lässt: „Meine Seele hat sich danach gesehnt, sich
zu sehnen“. (Ps 118,174) Dennoch ist es gewiss,
dass wir in diesem Augenblick eine größere Sehnsucht haben, als wenn wir den größten Eifer hätten. Auch das kommt davon, dass wir sie trotz
unserer großen Anstrengung nicht fühlen. In der
Tat haben wir den Eindruck, eine schwere Last
auf unseren Schultern zu tragen, die uns hindert
voranzukommen, aber die uns nicht daran hin39
Rabe des Elia
Supplement
dert, uns anzustrengen Anstrengungen zu machen. Diesbezüglich ist es gut anzumerken, dass je
mehr Schmerz wir haben, wir desto mehr voranschreiten auf Gottes Wegen, wie es uns der große
Apostel Paulus versichert: „Jeder wird empfangen
gemäß seiner Arbeit“. (1 Kor 3,8)
Dominique de Saint Albert
besitzt. Seitdem bleibt sie immer bei ihrem Geliebten, ob sie sich nun an ihm erfreut und ihn
besitzt, oder ob sie ihn sucht und aufmerksam bei
ihm bleibt.
Jedenfalls, wie das vollkommene Leben nicht im
Genuss besteht, sondern nur in der Sehnsucht,
der Suche und der Nachfolge, so ist es in der Tat
notwendig, immer zu laufen ohne anzuhalten. Ich
meine nicht, sagt derselbe Apostel, schon erhalten
zu haben, was ich suche noch das, was ich mit
so großem Eifer und so großer Zuneigung, noch
ganz vollkommen und zufrieden zu sein. „Deshalb setze ich meinen Lauf fort und strenge mich
an, zum Ziel zu gelangen, um den Preis davonzutragen, zu dem mich Gott ruft in meinem Retter Jesus Christus“. (Phil 3,13-14). Und derjenige,
der am meisten arbeitet und mehr Anstrengung
vollbringt, ist der, der am schnellsten läuft. Deshalb schreitet man mehr voran, wenn man leidet,
seufzt und stirbt, sozusagen mit Seufzen und Bedauern über die Abwesenheit Gottes, als wenn
man ihn in dem Augenblick seiner Gegenwart
liebkost, umarmt und mit großer Liebe liebt.
Nehmen wir ein Beispiel. Ein Ehemann kennt
wahrhaft die Größe der Liebe und Treue seiner
Frau durch ihre Liebkosungen, durch ihre Anhänglichkeit an ihn und ihre Gegenwart, wenn
sie ihn besitzt und an dem Gespräch, an Unterhaltungen und seinen beständigen Liebkosungen
erfreut. Aber er kennt sie ebenso durch Schmerz,
Kummer und Ungeduld, die ihm ihre Abwesenheit verursacht, vor allem wenn er erfährt, dass
sie in weiter Ferne nach ihm schmachtet, dass sie
untröstlich ist, dass ihr Leben nur aus Tränen,
Seufzen und Schluchzen besteht. Das sind sichere Kennzeichen, dass sein Leben das ihre ist, weil
sie nicht ohne ihn leben will, und das Leben während seiner Abwesenheit für sie wie der Tod ist.
Und wenn der Mann den Zustand und die Verfassung seiner Frau kennt, würde er dann nicht
von neuem den Plan schmieden, sie über alles zu
lieben und ihr in Zukunft um so mehr Gelegenheit zu Zufriedenheit, Genugtuung, Liebe und
Trost zu geben, die ihren Kummer, ihre Mühe
und ihr Schmachten übertreffen. In der Tat muss
die Fülle des Leidens und der Freude der Größe
der Sehnsucht und der Zuneigung entsprechen.
Um mehr miteinander verbunden zu sein, ist es
notwendig, auch mehr Sehnsucht zu haben und
zu suchen, und folglich muss er notwendigerweise weggehen.
Von daher ist zu schließen, dass der Zustand der
Bedürftigkeit und des Leides löblicher ist als der
andere. Wir sind in der Tat wie von einem tiefen Abgrund verschlungen, fast wie jemand, der
sich am Boden eines Brunnens befindet. Dieser
Mensch sieht in Wirklichkeit das Licht von weitem, aber wenn man die Öffnung des Brunnens
verschließt, welcher Schmerz, welcher Kummer,
welche Verzweiflung! Dies erklärt uns der Prophet, der diesen Zustand durchgemacht hat, wenn
er sagt: „Mein Gott, dass mich die Tiefe nicht verschlinge und das Loch des Brunnens sich nicht
über mir schließe“. (Ps 68,16)
Wenn ein Mensch sich im Leiden befindet, hat er
den Eindruck, dass ein großes Chaos, d.h. eine
große Wolke, große Dunkelheit und Verwirrung
ihn von Gott trennt. Das bewirkt, dass er sich
selbst in Schmerzen und Seufzen verzehrt, weil er
das verloren hat, wonach er sucht. Aber die Nebel lassen ihn nicht die Erinnerung verlieren. Im
Gegenteil, sie dienen nur dazu, diese Erinnerung
und Sehnsucht zu vergrößern, so wie man Öl ins
Feuer gießen wollte, um es auszulöschen. Von
nun an ist er untröstlich über die Abwesenheit
und die Trennung von seinem Geliebten. Er sagt
ohne Unterlass zu ihm wie die Braut im Hohenlied: „Komm, mein Geliebter“. (Hld 7,12)
In der Tat, obwohl er nicht bei Gott ist, um sich
an ihm in direkter und spürbarer Weise zu erfreuen, so ist er es doch tatsächlich dank des Glaubens durch die Erinnerung an seine göttliche
Gegenwart, im Geist und in Wahrheit. Und der
wirkliche Schmerz, den er über seine Abwesenheit empfindet, ist nur eine sehr starke Sehnsucht,
sehr heftig und sehr drängend nach seiner Gegenwart, und eine beständige Erinnerung an die verlorene oder weit entfernte Sache. Das ist es, was
der große Apostel ausdrücken will (Röm 8,26),
wenn er sagt, dass der Hl. Geist mit unauslöschlichem Seufzen in uns betet. Das bedeutet, dass der
Hl. Geist, der der Meister und göttliche Besitzer
unseres Herzens und Willens ist, unsere Seele in
unbegreiflicher Weise schreien und seufzen lässt,
während sie keinen Geschmack von Gott mehr
40
Rabe des Elia
Supplement
Das ist es, was unseren Herrn sagen ließ, als er
sich an seine Apostel und Jünger wandte, als er
ihnen nach seiner Auferstehung von Zeit zu Zeit
erschien: „Es ist gut für euch, wenn ich weggehe,
denn wenn ich nicht weggehe, erhaltet ihr nicht
den Heiligen Geist, und wenn ihr meinem Weggehen zustimmt, sende ich ihn euch.“ (Joh 16,7)
Er wollte sie nach und nach von diesem spürbaren Halt seiner göttlichen Gegenwart entwöhnen
und ihren Glauben, ihr Vertrauen, ihre Liebe und
ihre Sehnsucht nach ihm mehr wachsen lassen. Er
wollte sie so bereit machen, sein Licht, seine Gnade, seine Gunst und die Fülle der Gaben seines
göttlichen Geistes zu empfangen entsprechend
ihrer Leere, ihrer Veranlagung und Fähigkeiten.
Wenn Gott zu uns käme, um uns sofort mit seiner Liebe und Güte zu erfüllen und wunschlos
glücklich zu machen, vom ersten Moment unseres Sehnens, das wir empfinden, dann würden wir
nicht so rasche Fortschritte machen, das ist sicher.
In der Tat, Gott ist unendlich liebenswürdig, und
je mehr man ihn liebt, desto mehr spürt man die
Sehnsucht, ihn zu lieben in dem Augenblick, wo
die Seele seine Gegenwart spürt und verkostet.
Auf jeden Fall ist die verstandesmäßige Erkenntnis, die man von der Liebe und der göttlichen
Gegenwart hat, ein sicherer Halt und ein Ruhepunkt, den man in sich hat und der erklärt, dass
wir Gott nicht in reiner Weise lieben. Deshalb ist
es notwendig, dass er uns entzogen ist, damit es
nichts in uns gibt, das nicht nach ihm strebt, und
hätten wir kein Gefühl von ihm, so würden wir
über uns selbst hinausgehen, um allein für ihn zu
leben: „Mein Geliebter ist mein und ich gehöre
ihm.“ (Hld 2,16)
Dominique de Saint Albert
erhabene Gute, der nur Liebe ist und der nichts
anderes verlangt als sich mitzuteilen, euch nach
dem Maß eurer Leere erfüllt. Geht aus euch selbst
heraus und aus dem Bereich der Sinne und alles
Geschaffenen, wenn seine göttliche Gutheit euch
ruft und euch nach innen zieht, um euch besser
seiner Liebe hinzugeben.“ Und hier die Schriftstellen: „Wenn ihr nicht glaubt, dann werdet ihr
nicht hören“. (Jes 7,8) „Der Gerechte lebt vom
Glauben und durch den Glauben“ (Gal 3,11),
der handelt dank der Liebe, seinem Anfang und
Ende. „Dein Glaube hat dich gerettet, gehe hin
in Frieden“, sagt unser Herr zu Maria Magdalena. „Die wahren Anbeter werden meinen Vater
im Geist und in der Wahrheit anbeten, und mein
Vater sucht solche Anbeter“ (Joh 4,23-24), die
ihn im Geist des Glaubens, in der Wahrheit des
Opfers und der Liebe anbeten. Wenn Gott in uns
handelt, wissen wir nicht, was er im Augenblick
tut, aber danach lässt es uns Seine göttliche Majestät, wenn sie es für angemessen hält, als eine
Wirkung und Frucht unseres Glaubens verstehen.
Gewöhnlich kennen wir die mystischen Wege nur,
wenn wir sich durchschritten haben.
„Ich sagte inmitten der Finsternis, dass sie fähig
wäre mich zu bedecken und zu begraben, aber gemäß meinem eigenen Erleben habe ich gesehen“,
so sagt der Prophet, „dass meine Nacht zum Licht
wurde“ (Ps 138,11-12), auf dem Höhepunkt der
geistlichen Wonnen. In der Tat, der Finsternis, die
von dir, o mein Gott, kommt, folgt keine Dunkelheit, und ihre Nacht wird hell wie der schönste
Tag, sein Licht vergrößert sich entsprechend der
Finsternis.
In dieser Zeit der Finsternis müssen wir dem
Patriarchen Abraham, dem Vater der Glaubenden, nacheifern, eine feste Zuversicht gegen allen
Anschein von Hoffnung (Röm 4,18) haben und
glauben, dass es uns gut geht, obwohl wir denken,
dass es uns schlecht geht.
„Wenn er mich töten würde und wenn er mich
verlieren sollte, so würde ich auf ihn hoffen“, sagte der hl. Hiob in seiner tiefsten Prüfung und Verlassenheit. Wir sollen Moses nacheifern, der das
Unsichtbare erduldete und ertrug, als wenn er es
gesehen hätte. (Job 11,27) Wir können uns Gott
vorstellen, als wenn er seinen Aufenthalt und seine Wohnung an einem erhöhten Ort gemacht hat.
Je mehr wir uns ihm nähern, desto mehr entfernt
er sich von uns (Ps 90,9), weil er uns immer unbegreiflicher erscheint. Je mehr jemand das Un-
9. Wie die Seele vorzüglich mehrere Passagen der
hl. Schrift benutzen kann auf diesem mystischen
Weg und bei all diesen Zuständen der Verlorenheit.
Schlussfolgerung über die Wahrheit und Sicherheit
des Zustandes passiver Kontemplation.
Auf allen mystischen und verlorenen Wegen bedienen wir uns sehr der Sprüche und Maximen
der hl. Schrift. Sie sind für uns unendlich vorteilhaft, um Gott in allen Prüfungen anzunehmen,
durch die uns Seine göttliche Majestät gehen lässt,
um uns mehr und mehr und ohne Unterlass für
eine reinere und vollkommenere Vereinigung mit
ihm vorzubereiten. Der große hl. Augustinus bezeugt das: „Macht euch leer von euch selbst und
von allem, das nicht Gott ist in euch, damit dieser
41
Rabe des Elia
Supplement
endliche versteht, desto mehr kennt er es nicht
und sieht ganz deutlich, dass er es nicht verstehen
kann. In der Tat, so wie er unbegrenzt, erhaben
und unergründlich ist, so ist er folglich auch unzugänglich für unseren Geist und unergründlich
für unsere Gedanken. (Sir 18,5) Deshalb beginnt
man immer neu auf diesem Weg der Liebe. Wenn
man glaubt, alles vollendet zu haben, dann fängt
man damit erst an. Jemand, der diese innere und
mystische Führung hundert Jahre lang erfahren
hat, wird zum Beispiel im letzten Augenblick sehen, dass er noch nicht einmal begonnen hat. Der
Grund dafür ist, dass er nach dem Unendlichen
strebt, und dass dieses kein Verhältnis zum Unendlichen hat. Je mehr wir in unsere eigene Tiefe
eindringen um Gott zu finden, desto mehr erhebt
sich Seine göttliche Majestät über uns, um sich
noch mehr ersehnen und suchen zu lassen. (Ps
63,8)
Diese Wege der Liebe sind wahrhaft die verborgenen Geheimnisse der göttlichen Weisheit, die
Gott den gläubigen Menschen offenbart und enthüllt, die sich dessen würdig erweisen und die sich
seiner liebenden Führung überlassen, wenn sie
davon angezogen und gerufen sind. (Ps 50,8) Das
ist das verborgene Manna, das niemand kennt als
der, der es gekostet und erfahren hat. Das „verborgene Manna“ (Apg 2,17). Das Erhabenste und
Höchste in deinen göttlichen Mitteilungen und
Strömen hat mich überschüttet, o mein Gott, sagte der Prophet.
Dies sind jedoch Dinge, die wir ersehnen dürfen,
denn darin besteht unsere Vereinigung mit Gott
wie in der Mitte unserer Seelen, wohin wir beständig streben sollen. Diesen Zustand können wir
von jetzt an kennen. Er ist wie ein mittlerer Zustand, der sich zwischen dem Stand der Heiligen
und dem der gewöhnlichen Christen befindet, die
noch auf dem Weg sind.
Der Unterschied zwischen den Heiligen, den gewöhnlichen Christen auf dem Weg und den wahrhaft geistlichen und mystischen Menschen ist,
dass die ersten Gott sehen und ihn kosten dank
des Lichtes seiner Herrlichkeit und Liebe, mit
der sie Seine Majestät sie ununterbrochen erfüllt.
„In deinem Licht sehen wir das Licht“, sagte der
Prophet, und ihr berauscht uns mit den ewigen
Strömen der Wonne und der Liebe. Die gewöhnlichen Christen sehen und verkosten Gott nur
durch das Licht des Glaubens und einer allgemeinen und vagen Liebe. Die innerlichen Menschen
Dominique de Saint Albert
sehen Gott nicht in Wahrheit mit dem Licht des
Glaubens, aber sie verkosten ihn und haben eine
eingegebene und erfahrene Kenntnis von ihm. Es
ist, als wenn uns jemand versichern würde, dass
der Honig, den wir noch nie gekostet haben, süß
ist. Wir haben davon zuerst eine Vorstellung einer
süßen Sache, einzig weil man es uns sagt. Aber
wenn wir danach es dann gekostet haben, sind wir
uns dessen sicher durch unsere eigene Erfahrung,
die sehr verschieden ist von der einfachen Kenntnis, die wir davon zuvor gehabt haben.
Ebenso ist dieses erfahrene Wissen von Gott keine geschenkte Gabe, wir bereits bemerkt haben,
wie es zum Beispiel die Gabe der Prophetie oder
andere sind. Es ist hingegen die Frucht und das
Ergebnis der Liebe und der wahren Sehnsucht
nach Gott. Er ist ebenso unendlich in seiner Güte
und natürlichen Milde wie in seinem göttlichen
Wesen, und seine göttliche Majestät erfüllt uns
ganz, Leib und Seele, mit seinem selben unendlichen Wesen. Deshalb erfüllt er uns auch mit seiner gleichen Güte und Milde, vorausgesetzt, dass
wir ihm in uns Platz machen, indem wir ihm die
Kraft unserer Seele hingeben, wenn er sich ihrer
bedienen will, um selbst in ihr zu wirken, vor allem in unserem Willen. Wir sind verändert, hungernd und unersättlich, und Gott ist das Objekt
dieses Hungers und Durstes, die in unserem Innersten sind, und er ist noch innerlicher in uns als
wir selbst. Daraus ergibt sich: Wenn wir uns nach
ihm sehnen, dann besitzen wir ihn gleichzeitig.
Aber da Gott unendlich ist, gefällt es Seiner Majestät, diesen Hunger und Durst nach ihm umso
mehr zu entfachen und zu verstärken, ihn mit unersättlicher Sehnsucht zu besitzen. „Diejenigen,
die von mir trinken“ sagt der hl. Geist durch den
Mund des Weisen, „werden noch weiter Durst haben“ (Sir 24,21).
Da dieser Durst und Hunger von Mühen und
Sehnen begleitet wird, die sehr löblich für uns
sind, weiten sie sich aus, vergrößern sie uns, geben
sie uns eine fast unbegrenzte Größe und Fähig­
keit ohne Maß, die sich ständig vergrößert. Wir
können jetzt eines Tages in der Herrlichkeit die
Fülle der Wonne und des Besitzens empfangen,
entsprechend unserer unersättlichen Sehnsucht
nach Gott. Gott hat vom Himmel in meine Seele
und mein Herz ein Feuer geworfen (Jes 1,13). Es
zehrt mich auf bis ins Mark, es erfüllt mich mit
Licht und Liebe und in diesem göttlichen Gegenüber entdecke ich alle Tage aufs Neue Reize, dir
42
Rabe des Elia
Supplement
meine Sehnsucht nach ihm immer unersättlicher
machen.
Diese göttliche Liebe ist vergleichbar mit einem
Fieber, das bis ins Mark verschlingt und verzehrt.
An diesem Liebesfeuer starb der seraphische hl.
Franziskus, der physisch so ausgetrocknet war wie
ein Skelett. Das gleiche ist geschehen bei der vor
Liebe brennenden Magdalena von Pazzi, der hl.
Marguerite du Saint-Sacrement de Beaune und einigen anderen Heiligen.
Es ist richtig, dass diese Liebe nicht immer in körperlichen Sinnen um sich greift, wie das der große hl. Antonius bezeugt. Er war von dieser Liebe
erfüllt und hatte immer ein frisches und rötliches
Angesicht wie eine Rose. Dennoch kannte er diese Zustände und wüstenhaften Erfahrungen, wie
man es in einer Betrachtung über seine Gefühle
sehen kann, die von Cassian berichtet wird: „Dieser“, sagte er, „wenn er sich erinnerte, was er während des inneren Gebetes machte, fand, dass er
nicht vollkommen war.“
Wer nur die Meditation praktiziert, weiß, was er
tut, und wer sich mit Gott in vertrauter Weise unterhält und liebend mit ihm spricht, kann wissen,
was er denkt und sagt; ebenso wie diejenigen, die
ohne Unterlass in wesentlichen Unterhaltungen
und ständigen Erinnerungen an seine göttliche
Gegenwart nach ihm streben.
Man kann also sagen: Der hl. Antonius dachte,
man müsse mit Gott vereint sein, um ein vollkommen inneres Gebet zu tun, und in unbekannter Weise an ihm festhalten, ohne strukturierte
und gegliederte Rede, ohne Überlegungen und
geschaffene Bilder. Gott ist es, der göttlich in der
Seele handelt, er inspiriert sie ohne Unterlass.
Und die Seele arbeitet auf ihre Weise mit, nicht
nur in existentieller und lebendiger Weise, sondern auch wahrhaft frei und folglich löblich. Diese göttliche Tat ist nichts anderes als eine lebendige Erinnerung, unendlich sehnsüchtig nach dem
erhabenen Guten. Dies geschieht ohne die Hilfe
von Formen oder geschaffenen Bildern, noch anderen Erkenntnissen, wie sie von der Sehnsucht
und dem Durst nach diesem unendlich Guten
kommen.
Aber da es unmöglich ist, etwas wirklich zu ersehnen und zu lieben, an das man sich nicht mehr erinnert, so nennt man diese Sehnsucht „liebender
Blick“. Bemerken wir wohl, dass diese heiligmachende und verwandelnde Vereinigung unserer
Seele mit Gott nicht in einer einfachen Erinne-
Dominique de Saint Albert
rung an Gott besteht, die vom Glauben her gesehen ist, dass sie alle Formen der Bilder und
Erscheinungen übersteigt, ohne wahre Liebe zu
ihm. Nein, aber diese wahre Liebe besteht gerade in der vereinigenden Tugend, die die Seele mit
Gott wie mit ihrer sehr geliebten Mitte vereint.
Darin kann man den gleichen Unterschied sehen,
der zwischen zwei Menschen besteht, von der der
eine weiß, wo der Schatz des anderen ist, ohne
ihn zu besitzen oder auch ein Recht an ihm zu
haben. Die Erinnerung, die er daran hat, ist sehr
verschieden von der des Eigentümers, weil er sich
nur daran erinnert, indem er ihn mit Schmerz,
Furcht und Unruhe ersehnt. „Da wo dein Schatz
ist“, sagt unser Herr, „da ist auch dein Herz.“ (Mt
6,21)
Dies einfache Erinnerung, die man an Gott hat,
ist ähnlich der, die man von einem Leckerbissen
hat, zum Beispiel vom Nektar, von Ambrosia
oder einem anderen kostbaren Likör, den man
einst gekostet hatte, und der die Sehnsucht und
die Liebe miteinschließt.
Oder es ist ebenso, wenn man einen großen Schatz
gezeigt bekam und uns Hoffnungen machte, ihn
zu bekommen. Das Streben und die Zuneigung,
die wir zu diesem Schatz empfinden, bewirkt,
dass wir oft daran denken, vor allem, wenn man
uns Zeichen und Versicherungen gibt, dass wir
ihn besitzen können.
Ebenso, wenn ein Mensch im Licht des Glaubens
versteht und aus sicherer Erkenntnis weiß, dass
Gott ein unendliches Wesen ist, das zugleich das
Leben und das unendlich liebende Gute ist, so
genügt ihm das, nachdem er sein Herz und seine Liebe von den irdischen Dingen zurückgezogen hat, um sich in diesen Abgrund der Güte
hineinzustürzen durch seine Sehnsucht, seine Anstrengungen und das zärtliche Gefühl der Liebe.
Diejenigen, die mehr und mehr wachsen, lassen
diesen Menschen glücklicherweise dort wohnen,
wo sein ganzer Schatz ist und all sein Gut. Er hält
sich, wie es der liebende hl. Augustinus sagt, mehr
an dem Ort auf, wo er liebt, als an dem, wo er
lebt, mit der wahrhaft überschwänglichen Liebe,
die nicht mehr sinnlich, sondern sehr göttlich und
übernatürlich ist.
In der Tat, ist es nicht eine ständige Verzückung,
keine andere natürliche Tätigkeit zu haben, aber
eine andere göttliche und übernatürliche Tätigkeit
angelegt zu haben? Diese ist eine sehr hohe Teilhabe an der ungeschaffenen Liebe, mit der sich
43
Rabe des Elia
Supplement
Gott selbst liebt. Dank dieser können wir von
dem Leben Gottes selbst leben. Dieses Leben
besteht in einem ewigen Liebesakt und der Erkenntnis, die Seine Majestät von seinem unendlichen Wesen hat, und es ist auch die Tätigkeit der
Heiligen, durch die sie Gott schauen und sich an
ihm erfreuen.
Es ist wahr, dass unser Zustand in dieser Welt
grundverschieden von dem der Herrlichkeit ist.
In der Tat, in der Herrlichkeit geht die Erkenntnis
der Liebe voraus und ist wie die erste, gemäß der
Lehre des Doctor angelicus (Thomas von Aquin).
Doch hier ist die Erkenntnis von der Liebe verursacht, die die Erinnerung auf den ersehnten Gegenstand aufmerksam macht. Diese Erkenntnis
ist beständig mit der göttlichen Lieblichkeit erfüllt und schmeckt in Wirklichkeit, wie sehr Gott
sanft, mild und liebenswert ist. (Ps 33,9) Das bewirkt, dass die Gabe der Weisheit, die man eine
köstliche Wissenschaft nennt, der Nächstenliebe
entspricht, so wie die Gabe der Einsicht dem
Glauben entspricht. In der Tat bewirkt die Liebe
die Sehnsucht, die Sehnsucht das Suchen, das Suchen erlaubt das Besitzen und das Besitzen einer
guten Sache gibt uns darin den Geschmack und
die Erfahrung, ebenso wie der Geschmack den
Appetit begleitet.
Dominique de Saint Albert
ohne Unterlass zu lieben, und diese wirkliche Liebe erzeugt in ihnen in jedem Augenblick die Erinnerung an die Güte und das unendliche Wesen
Gottes. Diese Menschen können Gott weder lieben noch besitzen wie es Seine göttliche Majestät
verdient, aber sie wünschen es leidenschaftlich.
Diese drängende, unersättliche und sehnende
Erinnerung an Gott, wie wir es schon mehrmals
gesagt haben, ist die höchste Schau, die man von
Gott auf dieser Welt haben kann. In der Tat, sie
schließt den Glauben mit ein und fügt dem noch
die Gaben der Weisheit hinzu, die wie das Verkosten und die Erfahrung der Dinge ist, die wir
glauben.
Dies ist die Weisheit der Heiligen (Spr 9,10),
selbst die der Seraphim, die wir ersehnen dürfen.
Diese erhält man nur durch Kreuze, Prüfungen,
Entbehrungen, Mangel, durch eine vollkommene Entäußerung seiner selbst, durch ein völliges
Loslassen von allem, was nicht Gott ist, und eine
edle Anstrengung unseres Willens. Diesem geht
die Gnade voraus und steht ihm bei, die ihm niemals fehlt, und dieser Zustand zielt nur darauf ab,
uns zu heiligen, in uns alle Tugenden entstehen
zu lassen, um daraus Taten auszuüben mit einem
höchsten Grad an Vortrefflichkeit und Vollkommenheit, d.h. in Gott und für Gott. Wir alle, die
wir nach der Vollkommenheit streben, sollen dieses Gefühl, dieses Ziel und diesen Plan haben.
(Phil 3,16)
Daraus muss man folgern, dass es in dieser Welt
kein anderes Mittel gibt, um wirklich zu wissen,
wer Gott ist, als den Weg des Schmeckens und der
köstlichen Erfahrung. Und dorthin gelangt man
nur durch die beharrliche, starke und edle Übung
der beständigen Liebe und durch einen unstillbaren Durst, den man nach dem Wasser hat, das
zum ewigen Leben strömt.(Joh 4,14) Je mehr Liebestaten man vollbringt, desto mehr steigert man
diese Liebe, desto mehr entzündet man sie, bis
schließlich das Herz davon ganz durchdrungen
und getragen ist. Jetzt nimmt Gott selbst Besitz
von ihm und taucht es in sich hinein wie in einen
weiten Ozean unendlicher Güte, die es erfüllt.
Aber diese Güte verändert es noch mehr, sie vergrößert seinen Durst, sie vermehrt und erweitert
seine Fähigkeiten, damit sie es tränken kann mit
einem neuen Übermaß der Fülle von diesem göttlichen Strom der Wonnen und unvergleichlichen
Freuden.
Man kann ebenso sehen, dass die Menschen, die
diesem Zustand kennen, nicht ohne Beschäftigung sind. Im Gegenteil, ihre Beschäftigung ist es,
44
Herunterladen