SWR 2 ZEITWORT 15.07.2014, 6.36 Uhr 15.07.1099: Die ersten Kreuzritter erobern Jerusalem Von Ulrich Pick© „An jenem Freitagvormittag begannen wir mit dem Angriff auf die Stadt von allen Seiten. Doch ohne Erfolg. Aber als sich die Stunde näherte, da der Herr Jesus Christus in seiner großen Güte für uns die Folter am Kreuz erlitt, da erkletterte einer unserer Ritter mit Namen Litold die Mauer der Stadt. Und als er hinaufgeklettert war, da flohen alle Verteidiger.“ So wie diese christliche Quelle die Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer überliefert hat, dürfte sie sich an jenem 15. Juli 1099 nicht zugetragen haben. Dennoch ist die Schilderung ausgesprochen aufschlussreich. Für die römische Kirche nämlich stand die Einnahme der für sie Heiligen Stätten nicht nur in einem politischen sondern stets auch in einem heilgeschichtlichen Kontext. Und den machten ihre Vertreter immer wieder für sich nutzbar. So predigten sämtliche Päpste bis hin zu Innozenz XI. im Jahre 1684 – also noch fast 500 Jahre lang – mit Hinweis auf diesen entscheidenden Sieg das Kreuz. Angefangen hatte alles mit Papst Urban II. Dieser rief auf der großen Synode von Clermont im November 1095 erstmals in dramatischer Form zur Befreiung von Jerusalem auf. Sein Ziel war, die Kirche als Ordnungsmacht in Mittel- und Südeuropa zu etablieren, und dafür war ein Kreuzzug genau die richtige Initiative. Zudem war die Zeit günstig, die Massen zu mobilisieren. Denn sie war geprägt von tiefer Religiösität und Angst vor dem drohenden Ende der Welt. Und so prägte der Pontifex das Motto „Gott will es“ und versprach den Kreuzfahrern Ablass ihrer Sünden und – wie es heiß - nie welkenden Ruhm im Himmelreich. Nachdem der erste Aufbruch Richtung Palästina im Frühjahr 1096 gescheitert war, machte sich ein Jahr später ein zweites Heer auf den Weg in den Orient. Zwischen 50.000 und 60.000 Menschen, darunter 7.000 Ritter, zogen nach Osten. Bis Byzanz, dem heutigen Istanbul, ging es zügig, in Kleinasien aber gab es große Schwierigkeiten. Die Belagerung von Antiochia dauerte sieben Monate. Ähnlich mühsam gestaltete sich die Eroberung Mossuls, vor dessen Toren die Christen beinahe aufgegeben hätten, wäre ihre Motivation nicht durch einen heilsgeschichtlichen Trick wieder aufgebaut worden. Man hatte nämlich in der Nähe eine Lanze gefunden, und die wurde kurzer Hand als dasjenige Gerät interpretiert, welches dem Gekreuzigten einst die Seite durchbohrt hatte. Für die Kreuzfahrer: ein Wink des Himmels Als die Belagerung Jerusalems begann, war die Zahl der Kreuzfahrer auf 10.000 bis 15.000 geschrumpft. Hitze, Dürre und Hunger hatten ihren Tribut gefordert und katholische Kämpfer wurden sogar immer wieder zu Kannibalen. Kein Wunder, dass die arabischen Geschichtsschreiber die christlichen Eroberer als Rohlinge bezeichneten: Eine Bezeichnung, die bei der Einnahme Jerusalems noch einmal unterstrichen wurde. Denn nach dem 15. Juli 1099 richteten die Christen unter der jüdischen und muslimischen Bevölkerung ein wahres Gemetzel an. Endlich hatte die heiligen Orte – aus Sicht der römischen Kirche – ihre wahren Beschützer erhalten Auch wenn die Herrschaft der Christen nur recht kurze Zeit dauerte – 1187 ging sie wieder verloren – die Eroberung Jerusalems wurde stets als ein Zeichen Gottes verstanden und von den Päpsten als solches propagandistisch eingesetzt. Entsprechend wurde bis ins 17. Jahrhundert hinein erklärt: Wenn die Rückeroberung nicht gelänge, sei dies lediglich ein Ausdruck zu geringer Bußbereitschaft und Liebe. Denn immerhin sei dies schon einmal mit dem Willen Gottes gelungen. Die erste und einzige Eroberung Jerusalems durch römisch-katholische Kämpfer wurde somit zum päpstlichen Druckmittel, das letztlich Zehntausenden das Leben kostete.