Traumatologie in der Transpersonalen Psychotherapie

Werbung
1
Die „verletzte Seele“.
Psychotraumatologie aus transpersonaler Sicht1.
A. Reiter, Salzburg
Durch die Erkenntnisse der neurobiologischen Traumaforschung etabliert sich
die Psychotraumatologie zunehmend zu einer eigenständigen Fachdisziplin
der Psychotherapie. Sie befasst sich mit der Erforschung und Behandlung
psychischer Verwundungen, die auf einzelne oder kumulative Ereignisse
zurückgehen. Im Erleben extremer Angst und Hoffnungslosigkeit waren die
psychischen Verarbeitungsmöglichkeiten überfordert (wie bei Kriegstraumen,
Katastrophen, sexueller Missbrauch, Gewalteinwirkung bei Kind etc). Die
Fragen konzentrieren sich darauf, welche Vorgänge solche psychische
Traumen im Gehirn auslösen und wie pathologische Folgen daraus
(Posttraumatische Belastungsstörungen) verhindert oder behandelt werden
können (Fischer, Riedesser, 1998).
Diese Forschung bewirkte auch in den psychodynamisch ausgerichteten
Psychotherapieschulen ein Umdenken. Die genetischentwicklungspsychologische Betrachtung veränderte sich zu einer
traumaspezifischen Sicht. Dies auch bei strukturellen Störungen wie bei
Borderline, wo die Tendenz besteht, einem psychischen Trauma die eigentliche
Verursachung dieser Störung zuzuschreiben. (Reddemann, Sachse, 1999)
Obwohl die Traumadiskussion auf neurobiologischer oder psychoreaktiver
Ebene geführt wird, begegnen wir hier häufig dem Begriff Seele. Man spricht
von „seelische Verwundung“, bei Anorexia oder Selbstverletzenden Verhalten
von „verletzten Seelen“, oder bei Büchern zu Sexuellem Missbrauch von
„Seelenmord“ (Wirtz, 1989).
Es ist möglich, dass damit intuitiv erfaßt wird: Es geht hier um mehr als um eine
funktionale Beeinträchtigung, sondern um eine Erschütterung essentieller
Bereiche unseres Menschseins.
Jede große psychotherapeutische Ausrichtung hat eigene Methoden zur
Behandlung traumabedingter Störungen ausgearbeitet. Aber man stellt sich
nicht oder nur halbherzig der Frage, was bei einem Einzel-, oder wiederholtem
seelischen Trauma verletzt wird. Von neurobiologischen Seite her sind die
Vorgänge weitgehend erforscht, nicht aber, was darüber hinaus betroffen ist,
das mit „seelische Verletzung“ angesprochen wird.
Die Folgen eines Frühtraumas als strukturellen Schaden bei der psychischen
Entwicklung mit Nachhaltigkeit zu diskutieren, erfasst nicht hinreichend die
1 Erschienen:
A. Reiter (2007) Die „verletzte Seele“. Psychotraumatologie aus transpersonaler Sicht.
In: K.M. Fischer (Hg.) Die Seele ist transpersonal. Edition pro mente: Linz, S. 228-302.
2
tiefgehende seelische Erschütterung. Auch nicht, wenn - wie in den
psychoanalytischen Tradition - immer frühere Möglichkeiten der psychischen
Traumatisierung angenommen werden (ödipale, symbiotische, pränatale
Traumen). Es bleibt die Frage: Wer ist die eigentliche Instanz, die das Trauma
erfährt, die sich „verhüllt“, oder – wie Laing (1987) es anspricht – die
unverkörpert bleibt und „falsche Selbstorganisationen“ in die weitere
Entwicklung schickt? Für die Beantwortung dieser Frage brauchen wir ein Bild
vom Menschen, das möglichst alle seine Dimensionen erfasst.
Das naturwissenschaftliche Wirklichkeitsverständnis reicht dazu nicht aus. Wir
brauchen dazu die Vielfalt paradigmatischer Wirklichkeitskonstruktionen, wie
sie unsere Kulturgeschichte hervorbrachte(vgl. Fasching, 2000, S. S.6). Dazu ist
es notwendig, unsere positivistisch geprägte Wirklichkeitsvorstellung infrage zu
stellen und die Mächtigkeit unserer Bewusstheit selbst zu relativieren.
Unser rational bestimmtes Denken erfasst nur die Oberfläche unseres Wesens.
Das setzen wir mit Bewusstsein gleich. Wir merken nicht, dass wir mit unserem
Denken uns selbst und unsere Umwelt ständig „erschaffen“ und meinen, das
sei die Realität und das unsere Identität (Siefer, 2006).
Die Bewusstseinsforschung der Transpersonalen Psychologie (Belschner u.a.
2005; Walsh u.a. 1988) verweist uns darauf, dass wir mit unserem Ichbewusstsein
nur einen sehr bescheidenen Teil von dem realisieren, was uns im Spektrum
unseres Bewusstseins zur Verfügung steht.
Östliche und westliche Weisheitslehren erweitern diesen Rahmen um die
Dimension des Seins. Nach diesen Erkenntnissen verbirgt sich unter unseren IchHüllen unser eigentliches Selbst das transzendenter Natur ist. Wir sprechen hier
vom Erleben und Erkennen im Seinsparadigma. Von dieser Sicht her
betrachtet, hängt ein Gelingen unseres Menschseins davon ab, wie sich unser
eigentliches Wesen entfalten kann. Dieses sollte in unsere Verkörperung
sinnenhaft erfahrbar und erkannt werden.
Diesem Gedanken folgend ergibt sich die Frage, inwiefern eine
Verunmöglichung dieser Entwicklung als ein primäres Trauma erlebt wird und
welche Nachhaltigkeit es nach sich zieht.
Wissenschaftstheoretisch ist dies ein anspruchsvolles Unternehmen, weil
Aussagen darüber nur soweit gemacht werden können, als mit der jeweiligen
Bewusstheit die Komplexität des Menschseins durchdrungen werden kann.
Bevor eine psychotraumatologische Sicht aus transpersonaler Perspektive
erwogen wird, soll auf die Erweiterung unseres Menschenbildes mit dem
Seinsparadigma näher eingegangen werden.
Gegensätze von Ichhaftigkeit und Sein
Was mit der Gegensätzlichkeit von der Vorstellungswelt meines vertrauten Ichs
und dem Erleben im Seinsparadigma gemeint ist, kann in folgenden Träumen
verdeutlicht werden.
3
Ein naturwissenschaftlich ausgerichteter Akademiker möchte eine Analyse
beginnen. Mehrere Wochen vor Analysebeginn träumt er in mehreren
Nächten folgende zwei Träume hintereinander.
Traum: Ich war in einer Runde von Leuten. Wir übten memorieren. Wir
suchten Querverbindungen, mit denen wir Vergangenes aus unserem Leben
erinnerten. Das ging immer besser. Ich freute mich schon auf die Analyse,
weil ich die Methode dazu – wie ich meinte – schon gut beherrschte.
Auf träumte er jeweils folgenden Traum:
Traum: Ich treffe meinen Doppelgänger. Ich stehe selbst vor mir. Dieser
andere – ich selbst - schaut mich ruhig, klar, durchdringend an. Bei diesem
Blick gibt es kein Tricksen. Er sieht und erkennt alles in mir. Es ist
anstrengend sich diesem Blick auszusetzen. Ich beneide ihn um die Ruhe
und Klarheit. Ich werde wütend. Mich macht das klein. Ich rette mich ins
Erwachen. Noch beim Aufwachen denke ich: Aber auch der andere bin ich
und das beruhigt mich wieder.
Als naturwissenschaftlicher Forscher weiß er um die Bedeutung der
Methode und bereitet sich entsprechend vor. Im ersten Traum übt das
Assoziieren. Das geht immer besser. In seiner vertrauten Vorstellungswelt
meint er damit, die Analyse schon im Griff zu haben.
Diese wird durch den jeweils folgenden Traum erschüttert. Er begegnet
sich selbst als Doppelgänger. Er weiß, das ist er, und doch ist der andere
wie aus einer anderen Welt. Dessen Blick ist klar, ruhig, einfach da. Mit
seiner Vorstellungswelt kann er hier nicht bestehen. Er versucht
auszuweichen, erlebt sich klein, wird wütend und rettet sich schließlich ins
Erwachen, wo er noch denkt: Aber der andere bin auch ich.
Im ersten Traum führt die uns vertraute Ich-Vorstellung Regie. Im zweiten
ist diese einer anderen Wirklichkeit gegenübergestellt. Der Träumer
begegnet – im transpersonalen Sinne verstanden – seinem eigentlichen
Selbst.
Im zweiten Traum kommt auch die unterschiedliche Dynamik der beiden
Welten zum Ausdruck. Das Ich fühlte sich dem eigentlichen Selbst
gegenüber klein und ohnmächtig. Beim Aufwachen ist die Lektion der
Beschämung vergessen und kehrt diese zur Großartigkeit um: Der andere
bin ja auch ich.
Integration von Körper/Geist und transzendentem Selbst
Im nächsten Beispiel arbeitet die Träumerin gezielt mit dem „Wissen aus dem
Selbst“. Nicht mehr Ego-Welt und Seinswelt stehen sich gegenüber, sondern sie
soll verstehen, wie Körper und Geist mit der Seele eine Einheit bilden.
Traum: Ich war in einem Geschäft. Ich hatte Männerkleidung an. Ich merkte,
die passt nicht zu mir. Ich suchte ein Dirndlkleid für mich aus. Ich fand aber
keine passende Bluse dazu. Ich war schon einmal in diesem Geschäft, hatte
auch eine passende gefunden, konnte mich damals aber nicht entscheiden.
4
Und nun fand ich keine passende. Ich dachte mir, muß ich mir also selbst eine
nähen.
In der Durcharbeitung des Traumes beschreibt sie, wie die Bluse ausgesehen
hat, für die sie sich nicht entscheiden konnte: Das Besondere sei die
Stoffqualität gewesen. „Der Stoff an sich war brüchig, hauchdünn. Beim
leisesten Windstoss wäre er auseinander gefallen. Um den Kragen der
Bluse waren Perlen. Sie waren nicht als Kette herumgelegt. Die Perlen
waren einzeln fest mit dem Stoff verbunden, wie eingeschweißt. Sie
gaben dem Stoff erst die Festigkeit. Die Perlen stehen für Unendlichkeit.
Erst wenn ich die Perlen habe, kann ich das ganze Kleid tragen. Aber
ohne das Kleid habe ich die Perlen nicht zur Verfügung. Ich könnte
sagen: Dieser alte hauchdünne Stoff ist der vergängliche Körper, der
einmal zerfallen wird. Aber ich kann die Perlen ohne diesen Stoff nicht
haben. Ich muss die Begrenztheit des Körpers und die Unendlichkeit des
Seins verbinden, sonst werde ich nie den Augenblick leben können.“
Im Gegensatz zum ersten Beispiel kann die Träumerin den Sinn des
Traumes in der folgenden Aufarbeitung mit einem bereits „erwachten
Bewusstsein“ begreifen. Sie erkennt die Aufgaben, die in ihrer
Individuation anstehen (Auflösen von Identifizierungen, um ganz Frau
werden zu können) und wie diese in einem übergeordneten Rahmen
eingebettet sind, wo nicht die Form (Bluse) das Reale ist sondern die
Essenz (Kraft der Perlen) der Form zeitliche Dauer gibt.
Die Aussagen dieses Traumes betreffen Kerninhalte östlicher wie
westlicher Weisheitslehren. Die Perlen, die für das Sein, die Unendlichkeit
stehen, sollen mit der endlichen Form, dem Körper, zu einer Einheit
werden. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Menschsein ist –
im Bild des Traumes – Gestalt gewordenes, in Zeit und Raum
gekommenes Sein.
In der Vedanta-Philosophie ist dies folgend formuliert: „Brahman ist das
Absolute, der Ursprung, aus welchem alles hervorgeht. Brahman und Atman
meinen dasselbe. Brahman bezieht sich jedoch auf das Absolute, wenn es für
das gesamte Universum gilt, während Atman das Absolute bezeichnet, wenn
das Individuum gemeint ist. Jiva ist die individuelle Seele, ist Atman, die sich mit
dem Körper und Geist, den begrenzenden Hüllen (Upadhis) identifiziert,
wodurch das Bewusstsein verhüllt wird. Die Aufgabe im Leben sei es, Jiva von
den Identifizierungen mit dem Körper und Geist wieder zu befreien, um seine
wahre Natur (Atman) wieder zu erkennen. (Schönherr, 2004, S. 206)
Das deckt sich mit Grundannahmen der Transpersonalen Psychologie. Die
Seele ist – so Wilber – transpersonal. Es gilt, das Bewusstsein zum Wissen aus
dem „Selbst in Transzendenz“ (er nennte es „Zeugenbewusstsein) zu erweitern.
Unsere Selbstreflexionsfähigkeit muss zuerst erkennen, dass das begrenzt ist,
5
was wir als unsere Identität bezeichnen. Unser Identitätsgefühl ist das Ergebnis
von Identifizierungen. Diese sollen erkannt und relativiert werden.
Durch Desidentifizierungen wird das Konzept von uns selbst transparenter. „Der
Bewusstwerdungsprozess entwickelt sich zur Bewusstheit, zum
Zeugenbewusstsein und wird sich seiner selbst gewahr als Präsenz, als
Gegenwärtigsein, als reines Bewusstsein. Dies wird als Qualität des eigenen
Wesens erkannt und erfahren. Auf dem Grund unseres Erlebens werden wir
unserer Seele gewahr.“ (Galuslka, 2004, S. 17) Die Seele sei – so Wilber (2001, S.
125) - „der bedeutende Vermittler und Bote zwischen reinem Geist und
individuellem Selbst“.
Die Transpersonale Psychologie verweist auf die im Menschen innewohnende
Transzendenz. Wie die psychische Entwicklung überlebensnotwendig auf den
anderen verwiesen, also grundlegend dialogischer Natur ist, so lässt sie mit
dem Zugang zur Transzendenz den eigentlichen Dialogpartner erkennen: der
Beziehung zwischen Gott, Schöpfung und Mensch.
Erwacht das Wissen aus meinem eigentlichen Selbst, ist nicht mehr die Frage,
wie ich die Transzendenz in meine Vorstellungswelt integriere, sondern „wie
entfaltet und verwirklicht sich das Absolute und Unmanifestierte als dieser
gegenwärtige Moment? Wie erfüllt sich das Göttliche in dem Menschen, der
ich bin?“ (Galuska, 2004, S. 18) Im „Wissen in Transzendenz“ bekomme ich dazu
Zugang. Ich nehme am Erkennen und Erleben des Schöpfers in mir teil. Es ist ein
Erkennen, das aus der dialogischen Beziehung des Schöpfers zu seinem
Geschöpf hervorgeht.
Erkenntniswege und Modelle spiritueller Erfahrungen
Für eine wissenschaftliche Stützung solcher Aussagen brauchen wir eine
erkenntnistheoretische Erforschung. Die Kapazität unseres Erkenntnisvermögens
ist eine Abhängige vom erreichten Verwirklichungsgrad des Menschseins. Es
vertieft und erweitert sich progressiv. Mit dieser werden Erkenntnisse zum Wesen
des Menschseins generiert. So ein Verständnis sollte die Grundlage einer
psychologischen Anthropologie sein. Nur mit einem „erwachtem Bewußtsein“
können die Dimensionen des Menschseins durchdrungen werden, d.h. wie
Menschsein in seiner Auszeichnung gelebt werden könnte und sollte.
Ein reicher Erfahrungspool liegt uns dazu in den transkulturellen spirituell
orientierten Heiltraditionen bzw. der Weisheitsliteratur vor. Modelle und
Verwirklichungswege wurden dazu konkret in den Traditionen der
Transpersonalen Psychotherapie wie bei C.G. Jung, R. Assagioli, G.Dürkheim,
St. Grof, K. Wilber u.a. erarbeitet (siehe van Quekelberghe, 2007. S. 234 f).
Spirituelle Phänomene werden im Spektrum des Bewusstseins reflektiert und
geortet. K. Wilber stellt dazu ein anspruchsvolles Modell vor. In seinem
psychologisch- integrativen Quadraten-Modell (2001) bezieht er alle Ebenen
des Seins als Potential in seine Bewusstseinskonzept ein. Alle Quadranten
(innerlich-individuell/intentional; äußerlich-individuell/verhältnismäßig; innerlichkollektiv/kulturell; äußerlich-kollektiv/sozial) sind in Wechselwirkung miteinander.
6
Eine integrative Psychotherapie kommt nicht umhin, das ganze Spektrum des
Menschseins in seine therapeutische Zielvorstellung einzubeziehen. Wilber
fordert eine integrale Transpersonale Psychotherapie, in der der Therapeut
Geburtshelfer für das ganzen Bewußtseinsspektrums sein soll. (Wilber, 2001.S. 91)
K. Wilbers Beiträge zur Transpersonalen Psychologie drängen uns, spirituelle
Phänomene im Bewusstseinskontinuum zu orten und zu erforschen. Er postuliert
und entwirft dazu eine Psychologie des Bewusstseins.
Ermutigend für eine solche Forschung sind anerkannte Größen der modernen
Physik wie Albert Einstein, Erwin Schrödinger, Lous de Broglie, Max Planck, Niels
Bohr, Wolfgang Pauli, Sir Arthur Eddington und Sir James Jeans ( Wilber, 1984, S.
29; Obermüller, 2005, S. 116) mit Ihren Beiträgen zur Quantenphysik. Ihr Weltbild
ist in grundlegenden Aussagen ein spirituelles bzw. mystisches und stützt
Grundaussagen der Mystik, „dass wir im Innersten, im Kern unseres reinen
Gewahrseins, zeitlos, ewig und unwandelbar eins sind mit dem Geist, dem
Göttlichen, dem All.“ (Wilber, 1991, S. 30) Gleichzeitig betonen sie, dass damit
nicht die Quantenphysik Aussagen der Mystik und die von ihr generierte
Realität bestätigt, sondern dass die Mystik den übergeordneten
Erkenntnisrahmen darstellt (Wilber, 1991, S. 32).
„Naturwissenschaft und Transzendenz“ sind heute aktuelle Themen
anerkannter Quantenphysiker (Dürr, 2006). Die moderne holistische Physik stellt
gewohnte Vorstellungen auf den Kopf. Die eigentliche Wirklichkeit wird als
Potentialität verstanden, die einen neuen Zugang zur Transzendenz ermöglicht.
Seele und Gehirn entsprechen verschiedenen Realisatoren der Potentialität.
Das Bewusstsein wird als „Grundeigenschaft der Realität“ betrachtet (Russell,
2003, S. 110). Die Quanteninformation wird als Äquivalent zu Materie und
Energie verstanden (Görnitz, Görnitz, 2007), das einen kreativen Kosmos ergibt.
Van Quekelberghe wendet die Erkenntnisse der modernen Quantenphysik an
den Phänomenen verschiedener spiritueller Erfahrung an und sieht im
individuellen Bewusstsein Potentiale, die zu ihrer Entfaltung hin angelegt sind.
Vom fraktalsystemischen Modell her betrachtet habe unser Bewusstsein vier
„Supereigenschaften“. Die Autorekursivität, die Nicht-Linearität, die
Selbständigkeit und die Totalität oder Nicht-Teilbarkeit/Nicht-Trennbarkeit.
(Quekelberghe, 2007, S. 45) Das menschliche Bewusstsein – nicht zuletzt das
spirituelle Bewusstsein – würde diese vier Supereigenschaften in hohem Maße
realisieren. Je höher wir in der Bewusstseinspyramide steigen, umso intensiver
und umfassender würden diese vier Eigenschaften miteinander verschränkt
werden; für desto mehr Potentialitäten werde unser Bewusstsein durchlässig.
Van Quekelberghe kommt zu folgendem Pyramidenmodell des Bewusstseins:
(2007. S. 50)
7
Absolutes Bewusstsein
Nicht-duales Bewusstsein
Einheitsbewusstsein
Spirituelles Bewusstsein
Trance-Bewusstssein
Alltagsbewußtsein
Die erste Stufe bilde das Alltagsbewusstsein. Im Trance-Bewusstsein erfolge eine
erste Kontraktion des Bewusstseins auf sich selbst und sein eigenes Limit. Bei
weiterer Kontraktion gehe es um die eigentliche spirituelle Transformation des
Ich-Bewusstseins. Beim spirituellen Bewusstsein (3. Stufe) erfolge eine alleinige
Konzentration auf eine von allen konventionellen Ich-Konstruktionen
allmähliche Distanzierung (Tao, Gott, Alleins etc). Sobald die Ich-Grenzen des
Alltags oder Trance stark verdünnt seien, kämen wir in die Zone des
Einheitsbewusstseins. Hier seien Erfahrungen einer allumfassenden Stille, ein
alles durchdringendes gleißendes Licht, eine einheitliche vibrierende Energie,
eine allgegenwärtige tiefe Präsenz. Das vorletzte, vermutlich aber für das
menschliche Bewusstsein das letzte Entwicklungsstadium, erweise sich als das
nicht-duale Bewusstsein. Die gängigen Unterscheidungen zwischen Ich und
Du, Subjekt und Objekt schwinden zunehmend. Wir erleben die Verschränkung
mit allem. Die Spitze der Pyramide des Bewusstseins mitten in uns und in allem
könnten wir lediglich postulieren bzw. „erahnen“. Es sei im eigenen Bewusstsein
absolut immanent und absolut transzendent zugleich.
Das absolute Bewusstsein, das All-Eine, der GEIST sei auf jeder Stufe präsent.
Der Begriff Seele ist aus dieser Sicht identisch mit (der Essenz des) Bewusstseins.
Die Seele ist bzw. das Bewußtsein - so van Quekelberghe (2007, S.51) – von
Natur aus spirituell.
Sein Modell bleibt auf einer bewusstseinspsychologischen Ebene und
vermeidet ontologische Aussagen. Bewusstsein ist in seiner Essenz „Sein“ und
legt sein Wesen mit der Zunahme seiner Potentialitäten bei aufsteigender
Hierarchie frei. So komme die Allgüte als Attraktor des spirituellen Bewusstseins
bei Menschen mit unterschiedlichsten Erlösungswegen zum Ausdruck (Van
Quekelberghe, 2005, S.469). Die Allgüte sollte auch ein Hauptziel einer
Spirituellen Psychotherapie sein.
Mit diesem Modell ergibt sich für die Psychologie ein Forschungsfeld, das die
Essenz ihres Gegenstandes ausmacht: Die Lehre von der Seele. Spiritualität
kann und soll unabhängig von religiösen Systemen wissenschaftlich untersucht
und therapeutisch relevant gemacht werden.
8
Forschungszugänge zu spirituellen Erfahrungen
In der Tradition spirituell orientierter Psychotherapien (Quekelberghe, 2007, S.
147f) finden wir zum Spirituellen in uns einen reichen Erfahrungsschatz
hinsichtlich Ziel, Zugängen und Methoden.
Ich selbst bekam die Möglichkeit für eine systematische Erforschung
kontemplativ gewonnener Erkenntnis in meiner psychotherapeutischen Arbeit;
hier im Besonderen aus der Arbeit mit Frau A2. Ihre Einsichten und Träume
zwangen mich, mein Freudsches Menschenbild in Richtung C.G. Jung, der
Grundpostulate der Humanistischen Psychologie, der Transpersonalen
Psychologie und den Weisheitslehren und Mystik zu erweitern.
In den Gesprächen fiel der klare, gerade zu apodiktische Charakter einer von
innen her lenkenden Instanz auf. Diese führte Regie, drängte und gab
deutlich zu erkennen, wenn die Richtung nicht mehr stimmte. Während Frau A.
unbeirrbar und spontan ihren jeweiligen Standort und die anstehenden Schritte
ortete, hatte ich alle Mühe, diesen Weg verstandesmäßig mitzuverfolgen.
Am schwierigsten waren die Schritte zu verstehen, wo es darum ging, den
Paradigmenwechsel von meiner Verstandesebene zur Seinsebene bzw. zum
Erkennen und Erleben aus dem „eigentlichen Selbst“ nachzuvollziehen.
Obwohl Frau A. nachweislich die Grundaussagen der Weisheitsliteratur nicht
aus Büchern kennt, decken sich ihre Aussagen mit diesen.
Die Äußerungen zum Urtrauma ergaben sich in einem Gespräch, als ich mich
für einen Vortrag zum Thema: „Psychotraumatologie und Grundstörung“
auseinandersetzte. Die Annahme, das Urtrauma mit dem Verlust des SeeleSeins in Verbindung zu bringen, geht auf ihre Aussagen zurück. Im unten
angeführten Protokoll sind Auszüge aus diesem Gespräch.
Das Urtrauma aus der Sicht des Seinsparadigmas
Aus transpersonaler Perspektive soll ich mich von falschen Selbstsystemen
trennen, um wieder zum transzendenten, eigenltichen Selbst zu kommen. Die
hier geforderten Desidentifizierungsschritte bedeuten ein Loslassen von IchIdentitäten. Das ist nicht weniger als eine Vorstellung von sich aufzugeben, die
man meint zu sein, in die hinein wir sozialisiert wurden. Dieses Loslassen sind IchTode, die zugelassen werden müsse, um wieder unser eigentliches Wesen frei
zu bekommen. Diese “Tode“ verweisen auf ein Urtrauma, wo der Weg, meine
Seele zu leben und aus ihr zu erkennen, durch äußere Einflüsse nicht mehr
fortgesetzt werden konnte.
Die Vorstellung von einem Urtrauma zählen zu den übereinstimmenden
Aussagen aller Religionen. Auf den Verlust des Paradieses folgen
Gegensätzlichkeit, Bedürftigkeit, Mühe, Zwist, Tod. Die Eschatologie der
2 2
Es handelt sich um Frau E. Aichhorn, 50 J., verheiratet, zwei Kinder. Weitere Auskünfte beim Verfasser.
9
Religionen will dem Menschen wieder einen Erlösungsweg aufzeigen. Die altwie neutestamentliche christliche Lehre ist gefüllt mit Entwicklungswissen über
den Verlust und die Möglichkeiten, das verlorene Leben wiederzugewinnen.
Fr. A. kommt über ihre mystische Erkenntnis zu folgendem Menschenbild:
„Menschsein in seiner Auszeichnung verstanden“ würde gelebt werden, wenn
wir Seele leben dürfen. Dazu müssten mich Eltern begleiten, die selbst Seele
leben. In einer solchen Atmosphäre könnte sich der Mensch erlebend-wissend
bewusst werden.
Weil meine Umwelt nicht darum weiß, noch sie lebt, kommt das Kind nicht zum
Erleben seines Wesens noch erkennt es dieses. Diese Nichtbeantwortung des
eigenen Wesens durch den konkreten anderen unterbindet das allmähliche
Gewahrwerden der Seelendimension in meinem Bewusstsein. Anstatt Seele zu
erleben, nehme ich mich und meinen Körper wahr, bin nicht mehr Erlebender
und Wissender der Ganzheit. Ich bin dann in einem anderen System; wir
können es „Kopfsystem“ nennen. Ich schaffe mir die Welt über die Vorstellung,
anstatt in mir die Ganzheit des Seins zu erleben und zu erkennen. Diesen
radikalen Wechsel des Daseins von Seins- zur Vorstellungswelt bezeichnet Frau
A. als Urtrauma, als Seelentod. Auf dieses Urtrauma würden alle späteren
Traumen aufbauen.
Die „Selbst-Entfremdung“ bestehe darin, dass man mit dem Verlust des
Seinszustandes gezwungen ist, ein Wissen darüber zu machen, anstatt ihn zu
leben. Jedes folgende Trauma wird weitere Schutzhüllen darüber legen. In
diesem Zustand meine ich, dass die Schutzhüllen bzw. Identifikationen mit
meiner Umwelt meine Identität sind. Mein eigentliches Wesen, meine Seele will
aber das leben, was sie ist und drängt, mit ihren Möglichkeiten ihre
Bestimmung im Menschsein leben zu können.
Auszüge aus einem Gespräch mit Frau A.
Der folgende Gesprächsausschnitt mit Frau A. erfordert vom Leser Geduld, weil
die Aussagen in der Sukzession von vielen Gesprächen steht, in denen eine
eigene Semantik entstand, in die der Leser erst eingeführt werden müsste. Um
ihm den Einstieg zu erleichtern, sind zwischendurch Interpretationen eingefügt.
Der Text erfordert auch ein Umdenken. Eine mystische Erkenntnis schöpft aus
einer – wohl den meisten - nicht vertrauten Erfahrungsquelle. Diese
Andersartigkeit bezeichnen wir häufig mit „erleuchtet“. Der Forscher, der nicht
selbst aus einer solchen Erfahrung schöpft, kann die Aussagen nur als
Phänomene wertschätzend stehen lassen und kann sie schwer hinterfragen.
Von seinem Denken her hat er alle Mühe, die Stimmigkeit der Aussagen im
bisherigen Kontext nachzuvollziehen. Dennoch: In diesem Bemühen wird er für
die Erkenntnisbildung substanziell. Er wird dadurch ein notwendiger
atmosphärischer
Dialogpartner, wodurch sich erst der mystische
Erfahrungsprozess entfaltete.
10
Der Leser sei auch auf die Asymmetrie im Gespräch vorbereitet. Der Forscher
hat sich zurückzunehmen. Er muß soweit es ihm möglich ist, das Gespräch mit
wertschätzender Empathie tragen, um den mystischen Erkenntnisprozess nicht
zu stören. Zeit für eine analytische Betrachtung der Aussagen hat er
nachträglich bei der Transkription der Tonbandaufnahme und Aufarbeitung
des Textes.
Im folgenden Gesprächsauszug wurden der Kürze halber meine Interventionen
meistens weggelassen. Sie waren für den Duktus der Aussagen nicht
wesentlich.
Es folgen die Auszüge aus einem Gespräch mit Frau A. zum Thema „Urtrauma
der Seele“:
Frau A.: Damit du Seele Leben kannst, hast du ein Erkenntnisvermögen. Mit
dem lässt du das Erleben zu, was du eigentlich bist. Wirst du von dem seitens
der Umwelt getragen, was Du in deinem eigentlichen Wesen bist, nämlich
Seele, dann darfst du sie leben und kannst allmählich auch erkennen, was Du
als Seele bist. Es wird dir bewusst, was dein Körper fühlt. Du weißt, was Du bist.
Und sonnst- wenn die Umwelt Seele nicht lebt - wirst du Wissender von einer
Seele, die du nicht sein darfst.
Sie leben dann mit dem Verstand ein anderes System. Du hast eine Haltung
übernommen: Du darfst nicht sein. Ich werde dann Wissender von diesem
Erleben.
Wenn du nicht „sein“ darfst, heißt das, du darfst nichts erleben, wodurch du
Wissender von deiner Seele wirst. Ich schalte die Funktion des Erlebens ab.
Damit schalte ich gleichzeitig die Funktion ab, die mich die Auswirkung spüren
lässt. Ich will mich damit im weiteren nicht mehr konfrontieren.
Kommentar: Darf ich die Atmosphäre erleben, wo ich als Seele sein darf,
erkennt mein Verstand allmählich, was ich in meinem Wesen bin. Die Seele
lebt meine Sinne und meine Erkenntnis. Ich lebe die Besonderheit des
Menschseins.
Darf ich das nicht leben, registriert der Verstand, wer und was mich nicht leben
lässt. Damit passiert eine folgenschwere Spaltung. Ich reflektiere jetzt mich, eine
Person, die nicht Seele lebt.
Frau A.: Aber da drinnen (zeigt auf die Brust) ist etwas, das jeden Augenblick
sich meldet: Ich bin programmiert zu leben! Auch wenn ich mich damit nicht
konfrontieren möchte, klopft das da drinnen trotzdem weiter. Ich habe ja
diesen Körper. Die Sinne sind darauf ausgerichtet, zu erleben. Dann hole ich
mir eben was anderes, damit der Körper etwas erlebt.
Man stelle sich das vor: Da drinnen ist etwas, das pocht und bohrt und keine
Ruhe gibt, weil das (was da pocht) bin ich. Ich habe das große Geschenk,
dass mir das bewusst werden darf, was ich bin. Ich bin Seele, die verkörpert
sein soll. Ich erlebe das Sein, das ich umgibt. Was ich dann lebe, ist eine
radikale Umstülpung. Jetzt bin ich vereinzelt, eingeschlossen in mir.
Kommentar: Dazu Wilber: „Wenn ich mich auf das Ego zusammenziehe, dann
habe ich den Eindruck, im Körper eingeschlossen zu sein, der im Haus
11
eingeschlossen ist, das wiederum im großen umgebenden Universum
eingeschlossen ist. Aber wenn ich als der Zeuge ruhe, als das weite, offene,
leere Bewusstsein, dann wird offensichtlich, dass ich nicht im Körper bin,
sondern der Körper in mir… dass ich nicht im Universum bin, sondern das
Universum in mir.“ (S. 201, S. 232)
Frau A.: Es kam ja von außen, das das Licht nicht „sein“ lässt und du musstest
zumachen. Dann bist du im Kopf, machst dir eine Vorstellung von dem, was du
erlebt hast, kannst es aber nicht mehr leben.
Wenn du im Kopf bist, ist das da drinnen in der Brust trotzdem da. Das will
heraus. Das ist zum Fliessen programmiert. Jetzt müsstest du im Kopf
umschalten und sagen: Ich lasse das zu. Damit würdest du zu dem in dir
stehen. Du machst das nicht. Weil zuerst käme dann diese Qualität, diese
Angst, diese Trauer hoch, was es verursacht hat, dass du zumachen musstest.
Und vor diesen Gefühlen laufe ich davon. Die sind nicht auszuhalten.
Du hast aus Not zugesperrt. Aber das da drinnen will heraus. Es lässt dir keine
Ruhe. Das will das umsetzten, was es ist. Das ist Licht. Und wenn es heraus darf,
dann erlebt es der Körper und du wärest Erlebender von dem, was du da
(innen) bist. Du bist Licht. Du bist der Geruch der Blume. Du bist die Härte des
Steines. Du bist alles das, wo Gott sich hineinverschenkt hat.
Kommentar: Das sind Grundaussagen östlicher wie westlicher mystischer
Erfahrung. Im Innersten, im Kern unseres reinen Gewahrseins, sind wir zeitlos,
ewig, und unwandelbar eins mit dem Göttlichen, dem All. (Jäger, 2005, S.202 f.)
Frau A.: Warum kannst du nicht aufsperren? Was das (das Sein in mir) leben
will, kannst du nicht bereitstellen. Weil das nicht da war, musstest du
zumachen. Und das hast du im Kopf abgespeichert. Jetzt bist du bedürftig. Du
brauchst etwas von außen. Das soll jetzt den Schlüssel abgeben, damit das in
der Brust aufgeht. Das geht aber nicht auf, weil der Schlüssel dafür bei dir im
Kopf ist. Der hat abgespeichert: Es ist nichts da! Der muss wieder begreifen,
dass alles herum „Sein“ ist.
Kommentar: Wir werden an das Spektrum des Bewusstseins von Wilber erinnert.
Es gelte, die Identifizierungen mit der Umwelt zu erkennen, die mich meinem
eigentlichen Wesen entfremdet hat. Der Schlüssel dazu liege im Kopf. „Deshalb
ist es das Bewusstsein, das zählt.“ (Wilber, 2001, S. 232). Erst wenn sich das
Bewusstsein mit dem „Selbst in Transzendenz“ identifizieren kann, bin ich
Wissend-Erlebender aus dem Sein.
Frau A.: Eine Seele kann nur fließen oder nicht fließen. Das eigentliche Trauma,
was erlebt worden ist, geht nicht zu erleben. Ich kann nur die Folgen davon in
mir speichern. Das ist aber schon eine Hülle, ein Ich über der Seele.
Wenn ich sage, du bist dieses Fliessen, dann bist du es als Ganzer. Du bist das
Erleben des Fliessens. Es gibt nur dieses Fliessen. Und dann kommt das Trauma.
Du darfst dieses Fliessen nicht sein. Es ist wie der Hinauswurf aus dem Paradies;
Du wirst in das Kopfsystem hineingedonnert, das registriert: Fliessen hat
aufgehört. Das Fliessen hat ja keine Möglichkeit, von sich eine Vorstellung zu
machen.
12
Kommentar: „Fliessen“ ist für Frau A. der Zustand im Sein. Form ist
gestaltgewordene Essenz in Raum und Zeit. „Sein“ leben heißt Essenz sein und
nicht die Form. Darf ich Sein nicht leben, bilde ich mir ein Wissen um die Essenz,
lebe sie aber nicht mehr. Ich werde zum Formdenker. Ich erschaffe mich immer
wieder in der Form und meine Umwelt dazu.
Essenz leben bedeutet, sich immer wieder zu verschenken. SEIN ist das
Göttliche selbst. Sein Wesen ist Liebe und dessen Prinzip sich ständiges
Verschenken. Lebe ich im Sein, kann ich nur dieses Prinzip leben, nämlich sich
ständig zu verschenken. Deshalb kann ich im Zustand des Seins nur „Fließen“
sein.
Frau A.: Noch einmal: Du bist Fülle und diese Fülle muss von dir wegfließen
dürfen. Erst dann bekommst du sie ins Erleben. So lange Fliessen passieren darf,
erlebe ich die Fülle. Ich bin die Fülle, weil ich es erleben darf.
Wenn das nicht mehr fließen darf, ist dieses Nicht-Erleben der Fülle in mir
gespeichert. Jetzt darf dieses Licht nicht mehr heraus, also darf ich auch nicht
mehr erleben, dass ich das Licht bin. Ich weiß nur noch darum. Ich bin im
Kopfsystem. Das dann weiterlebt, muss die Konsequenz erdulden, was es
bedeutet, wenn es nicht mehr fließt. D.h. ich bekomme die Fülle, was ich bin,
nicht mehr ins Erleben. Und damit ist die Bedürftigkeit geboren; weil ich das,
was ich bin, ins Erleben bekommen muss.
Kommentar: Auch nach der Abspaltung will sich das, was ich eigentlich bin, ins
Erleben bringen, ohne aber - im neuen System - eine Aussicht zu haben, Fülle
erleben zu können.
Dieser Hunger nach „Fülle“ muss sich jetzt auf das richten, was mir im neuen
System angeboten wird. Die eigentliche Bedürftigkeit ist damit geboren. Es ist
ein Unterschied, wenn entwicklungsbedingte Bedürfnisse nicht eingebunden
sind in die Ganzheit des Seins. Bedürfnisse werden jetzt zu einer vom Menschen
gemachten Bedürftigkeit und damit zur eigentlichen Not.
Es stellt sich die Frage, was mit der Zuwendung und Liebe der Eltern ist, die mir
nach der Abspaltung angeboten wird. Ich spreche das an:
Reiter: Angenommen. Das Urtrauma ist passiert. Ich bin jetzt im Kopfsystem. Ich
habe Eltern, die mir ihre Liebe und Zuwendung geben. Was ist damit?
Frau A: Was können sie anbieten? - und zwar immer auf das Urtrauma hin
betrachtet. Sie können nur eine Fotokopie von dem anbieten, was das Kind
eigentlich erleben könnte. In vielen Fällen wird das Kind aber auch diese Liebe
nicht oder nur mangelnd bekommen. Was passiert dann? Dann kommt es
zurück zum Urtrauma. Dieses wird noch verfestigt.
Darin sehe ich aber sogar etwas Positives. Dann hat das Kind wenigstens die
Chance, beim Urtrauma stecken zu bleibt. Und sonst wird es lebenslang mit
Fotokopien gefüttert und bekommt nie die Chance zu merken, dass es da
zugesperrt hat und immer nur mit einem Abglanz von der eigentlichen Fülle
abgespeist wird.
Das Prekäre von dem Kopfsystem ist, dass ich nicht mehr die Fülle lebe
sondern höchsten noch weiß um sie. In diesem System ist dann außen nicht
mehr für mich Sein, obwohl mich die Fülle umgibt. Das, was da in der Brust
13
heraus will, ist ja außen. Ich sperre mich aber durch mein Kopfsystem davon
aus, töte das Licht draußen. Damit töte ich mich selbst. Wenn ich mit dem Kopf
das Licht draußen vernichte, dann nützt mir das Licht da drinnen nichts.
Kommentar: Sie spricht die Macht unserer Gedanken an. Sie schaffen
Wirklichkeiten. Je nachdem, wie wir gespiegelt worden sind, können wir am
Schöpfungswerk teilnehmen (Seele leben) oder uns von diesem separieren
(anstatt Sein zu leben, nur noch um diesen Zustand zu wissen). Der
Seelenzustand des anderen wird für mich schicksalhaft. Wir ermöglichen oder
verhindern das zu leben, was Menschsein in seiner Besonderheit ist.
Bekomme ich die Spiegelung für meine Seele nicht, kann ich Seele nicht leben.
Ich „töte“ damit auch das Licht um mich herum. Ich erkenne nicht mehr, dass
alles um mich Licht, Sein ist. Ich kann aber auch andere nicht mehr zum „Seele
leben“ zünden.
Reiter: Wie kann ich das Urtrauma wieder auflösen?
Frau A: Es muss das, was ich eigentlich bin, außen zur Verfügung sein. Nur,
wenn du nicht „sein“ darfst, darfst du das nicht erleben, was du bist. Es ist ja im
Außen da, nur du hast dich davon ausgesperrt. Du kannst mit dem Kopfsystem
nicht in dieses Fliessen zurück.
Jetzt müsstest du mit dem Verstand dieses Ich loslassen, das zugesperrt hat. Ich
muss das Außen dalassen. Dieser Ichanteil, der zugesperrt hat, bekommt dabei
Panik. Der fürchtet, dass wieder die Konsequenz eintritt, die passiert, wenn du
die Fülle nicht mehr bekommst. Der kann nicht erleben, dass er nicht mehr
fließt, aber er hat die Konsequenz begriffen.
Wenn du endlich so weit gekommen bist, dass du merkst: Du selbst hast dich
ausgesperrt; du wirst aus dem Wissender, was der Körper erlebt. Du bist
Wissender davon geworden, dass Fliessen aufgehört hat. Damit ist Sein für Dich
im Außen nicht mehr da.
Wenn du mit dem Verstand loslassen kannst, löst sich diese „Person“
(Identifikationen) auf. Löst sich diese auf, löst sich das Trauma auf. Du erlebst
wieder Fliessen und wirst gleichzeitig Wissender daraus.
Kommentar: Der Weg zurück ist davon abhängig, wie ich das dem Selbst
entfremdete Bewusstsein wieder frei bekomme. Es gelte – so Wilber – das
egozentrierte Geschehen zu suspendieren, damit das ego-überschreitende
bzw. transpersonale Bewusstsein sich bilden und schließlich wieder die Seele
leben kann.
Frau A.: Damit man in das Erleben des Seins wieder kommt, braucht man den
Mut, sich auflösen zu lassen. Dies geht nur, indem du begreifst, daß ja alles Sein
ist; der ganze Kosmos. Nur mit meinem Ich schließe ich mich davon aus. Es
braucht dann keinen Halt mehr, wenn es sich nicht mehr ausschließt. Dann
verschmilzt es mit allem. Mit dieser Erkenntnis kann sich der Verstand am Sein
anbinden. Man begreift, dass das Sein in der sinnenhaft-wahrzunehmenden
Welt lebt, ja dass diese sinnenhaft wahrgenommene Welt das Sein ist. In dem
14
Moment kann der Verstand die richtige Entwicklung beginnen. Es ist ein Gefühl,
als wenn du vollkommen im Licht stehst.
(Ende des Protokolls)
Das Urtrauma hat – so in diesem Konzept – ein Erkennen hervorgebracht, das
aus der Not des Seinsverlustes entstanden ist. Anstatt Sein zu leben, entwickle
ich ein Wissen um dieses. Ich entferne mich in der neuen Ökonomie durch
Identifikationen immer weiter von diesem Wissen.
Will ich zurück zum „Selbst in Transzendenz“, muss ich die Hüllen der
Selbstentfremdungen wieder aufgeben. Jede Hülle steht im Dienste der
Traumaabwehr. Gebe ich diese auf, erlebe ich immer wieder das Urtrauma.
Man stirbt Tode.
Auf dem Weg zurück bekam sie zuerst für kurze und dann immer längere Zeit
das ganzheitliche Erleben im Sein ins Erleben. Sie bezeichnete dies als
Leuchttürme, damit sie weiß, dass sie am rechten Weg ist. Gleichzeitig wurde
das Wissen aus dem Selbst immer klarer und drängender.
Im Prozess kann mitverfolgt werden, wie sie die Stufen der
Bewusstseinshierarchie vom spirituellen Bewusstsein, über das
Einheitsbewusstsein zum Bewußtsein in Non-Dualität (v. Quekelberghe, 2007.
S.50) aufsteigt.
Symbolik des Schmerzkörpers
Die obigen Protokollauszüge stammen aus jüngster Zeit. In den Jahren vorher
dominierten Symbole, wie sich das Urtrauma bzw. die Folgetraumen auf die
„Seele-Körper-Einheit“ ausgewirkt haben. Diese „weiß“ um den Verlust, kann
aber nicht mehr Sein leben. Sie hat die Konsequenzen dieses Verlustes zu
tragen. Der Körper lebt nicht mehr in der Fülle des Seins. Er wird zu einem
Schmerzkörper.
In Träumen begegnen wir Symbolen, die auf diesen Schmerzkörper verweisen
(Reiter, 1993). Frau A. träumte über Jahre immer wieder von einem Bündel,
etwas in Stoff Eingewickeltes, das sie wo versteckt und Angst hatte, dass man
es findet.
Die Bündelträume veränderten sich: Sie sollte es nun aufschnüren, hatte aber
panische Ängste davor; als wäre darin etwas schlimm Gequältes,
Geschundenes, Verwundetes. Dabei war immer wieder die Vorstellung, das
selbst verursacht zu haben, dafür schuldig zu sein.
Jahre später kamen wieder Bündelträume. Im Bündel war nicht mehr das
geschundene Kind sondern „Leben pur“. Das galt es jetzt zu leben. Es bleibt
stimmig, wenn sich mit dem Durchleiden der „Seelentode“ der Inhalt zu
„Leben pur“ wandelt; also Seele leben wieder möglich wird.
Die Bündelträume waren über Jahre wie eine Kennmelodie, die den Weg
zurück zur Freilegung des transzendenten Selbst begleiteten. Auch warum sie
bei diesen Träumen stets das Gefühl hatte, etwas Schlimmes getan zu haben,
15
wurde ihr zugänglich: Für das Urtrauma kann sie nichts. Aber sie war es – wenn
auch aus Not – die zugemacht hat, die in das „Kopfsystem“ ging und damit ihr
eigentliches Leben „eingeschnürt“ hat. Schuldig wird sie, wenn sie um dieses
„weiß“ und nicht alles daran setzt, Seele wieder leben zu können.
Die Bündelträume zeigen, dass wir diese ohne das Konzept des Urtraumas nur
begrenzt verstehen können. Das bedeutet aber auch, wie wichtig es ist, mit
diesem Urtrauma in der Psychotherapie zu rechnen.
Mit Recht ist hier die Frage zu stellen, wie ein Therapeut einen solchen Prozess
begleiten kann, wenn er selbst nicht diese spirituellen Bewusstseinsebenen
freigelegt hat. Er brauchte dies für die Begleitung essenziell. Das Urtrauma
geschah, weil diese Atmosphäre fehlte. Die Auflösung des Urtraumas ist nur
möglich, wenn die Schritte zurück von dieser Atmosphäre getragen sind. Das
ist wohl die Bedeutung von „Linienhalter“ in östlichen Erlösungslehren. Sie
wissen nicht nur um das Licht in uns sondern leben es.
Wenn der Therapeut das nicht anbieten kann, sollte er solche Prozesse
überhaupt begleiten? Wenn ein Therapeut für die Wirklichkeit der Seele offen
ist, wird er vom Prozessgeschehen her zum Dialogpartner der Seele des
anderen. Nicht nur im Klienten ist der „Absolute Geist“ wirksam. Er ist auch im
Therapeuten wach und kommuniziert. Auch der Therapeut „weiß“ auf Grund
dieses seines inneren Zeugen mehr als er mit seinem Ich verstehen kann.
Dennoch. Es ist keine adäquate Begleitung und prolongiert – höchst
wahrscheinlich - unnotwendig den Entwicklungsprozess. Die Etablierung einer
expliziten „Spirituellen Psychotherapie“ wäre dringend notwendig.
Zusammenfassung
Die Beobachtung, dass Frühtraumatisierte häufig zu transpersonalen Inhalte
Zugang haben, sollte meine Bezugsysteme offen halten, ob nicht unter der
Grundstörungsebene noch ein vorgelagertes Trauma in seiner Nachhaltigkeit
wirkt. Gleichzeitig ist zu warnen, zu schnell alle späteren Störungen über den
Leisten eines solchen Urtraumas zu spannen und dies mit den hier häufig
transpersonalen Begleiterfahrungen zu begründen. Die neurobiologische
Nahtodforschung kann heute viele Phänomene, die früher als spirituelle
Erfahrungen angenommen wurden wie Lichterscheinungen, Austrittserlebnisse,
Zeitkomprimierungen etc. , als Produktionen unseres Gehirns isolieren (Unfried,
2004, S. 89 f). Aber auch hier bleiben Phänomene unerklärt, die auf
transpersonale Dimensionen verweisen.
Auch aus therapeutischen Gründen dürfen weitere Schichten, die auf
Primärtraumen aufbauen, nicht vernachlässigt werden. In den
Lebensgeschichten von Klienten, die zu spirituellen Erfahrungen Zugang
haben, zeigen sich häufig Frühtraumen, deren Nachhaltigkeit durch den
spirituellen Weg überdeckt sein kann. Ein Beispiel dafür ist Segal. Ihr Zugang zur
Erleuchtung führte über einen krisenhaften Weg (Segal, 2002, S. 70-73). Über
16
Jahre trug sie das Erleben und Wissen aus dem Sein, bis der fragile psychische
Untergrund nicht mehr kompensiert werden konnte und sie kurz vor ihrem Tode
in einen psychotischen Zustand geriet (Troll, 2003, S. 117-118).
Jakel (2005) verweist in diesem Zusammenhang auf Frühtraumen, die über die
Rückbindung zum „essentiellen Selbst“ zu kompensieren versucht werden, das
auf Kosten der interpersonellen Bindung geht. Eine solche Traumatisierung
kann auch bereits vorgeburtlich geschehen. Die Pränatale Psychologie (Reiter,
2002) wie auch die pränatale Bindungsforschung stützen dies.
Traumakompensatorische Entwicklungen können Erleuchtungszustände
hervorbringen. Das sind Spaltungspositionen, die auf Kosten einer gesunden
Entwicklung gehen. Erfahrene spirituelle Lehrer raten ihren Schülern zu einer
Psychotherapie, wenn sich schwere Blockaden auf dem Weg zum Selbst
ergeben. Der Psychotherapeut wird seine Arbeit auf diese Blockaden
auszurichten haben. Er wird aber nur eine effektive Hilfe sein können, wenn sein
Entwicklungsverständnis die transpersonale Dimension mit einschließt. Damit
können Aspekte des bisherigen spirituellen Weges als Spaltungsposition erkannt
und einer neuen Entwicklung Raum gegeben werden.
Die Sicht von Frau A. zum Urtrauma ist originell. Es ist verwunderlich, dass
therapeutische Ansätze, die mit der Realität der Seele rechnen – wie es die
transpersonale Psychotherapie tut – diese Sicht nicht schon in Betracht
gezogen haben. Auch in nahezu allen Heilsgeschichten wird der „Hinauswurf
aus dem Paradies als ursprüngliches und folgenschweres Trauma thematisiert.
Psychodynamische Entwicklungskonzepte beziehen diese Symbolik auf die
Trennung von der prä- und perinatalen Mutter-Kind-Beziehung (Reiter, 1987).
Kulturen, die von der Seele her denken, wie vedantische bzw. indische
Traditionen, sehen die erste belastende Situation für die Seele darin, wenn sie
mit der Zeugung in Zeit und Raum tritt. Auf diesem Weg verliere sie immer
mehr das Wissen um ihre eigentliche Natur und muss es erst mühsam
wiedererlangen. Im indischen Märchen „Der Königsgaukler“ wird ein solcher
Entwicklungsweg idealtypisch beschrieben(Kübber, 1993): Mantao, der
Königsgaukler, begleitet ein weiser Mönch, der selbst Seele lebt. So kann
Mantao auf seinem Individuationsweg sich immer mehr seines eigentlichen
Seins bewusst werden und Seele leben.
Was aber wenn die Seele diese Atmosphäre bzw. Spiegelung nicht bekommt,
die sie braucht um „zu erwachen“? Aus der Sicht der Seele kann das
verstehbar als traumatisch gesehen werden. Es wird als Folge darauf ein
Erleben und Erkennen aus dem Zustand „nicht mehr Seele zu leben“ gebildet.
Es ist möglich, dass Berichte von Aborigines darauf anspielen, wenn sie von sich
als die „ganzen Menschen“, und uns als die „veränderten“ sprechen, die aus
der Ganzheit herausgefallen sind. Dieser Verlust sei so gravierend, dass sich die
noch verbliebenen Aborigines nicht mehr vermehren wollen, wenn ihr
„Ganzsein“ durch äußere Umstände nicht mehr gewährleistet werden kann.
Auch im Entwicklungswissen des Schöpfungsmythos könnte das gemeint sein,
wenn nach dem Verlust des Paradieses von einem „Erkennen“ (Und sie
17
erkannten sich…) gesprochen wird, das sie sie aus dem Paradies ausschließt
und in Not und Tod stürzte. Das Alte Testament ist von der Hoffnung auf einen
Messias getragen, der dem Menschen wieder den Weg zu seinem eigentlichen
Wesen zeigen soll. Eine mystische Erkenntnis scheint solche Zusammenhänge
erfassen zu können.
Frau A. bringt mit ihrer Sicht eine wichtige Perspektive in die wissenschaftliche
Diskussion der Traumapsychotherapie; aber auch für die psychologische
Anthropologie. Unser Menschenbild ist entsprechend zu erweitern. Dazu
müssen Methoden als legitime Forschungswege akzeptiert werden, die in der
science community wenig bis keine Akzeptanz haben wie Intuition,
Kontemplation und mystische Erkenntnis. Es wäre vordringlich, diese
Erkenntniswege interdisziplinär zu erforschen.
Dabei ginge es nicht nur um Paradigmen, die jenseits naturwissenschaftlichen
Denkens sind; sondern gerade auch um solche, die innerhalb der
Naturwissenschaft Grenzen gesprengt haben wie die Quantenphysik, das
holographische Weltbild, das Paradigma der morphischen Felder (Sheldrak)
u.a.. Bewusstsein wird im Lichte der Quantenphysik neu bewertet. Der Materie
wird Bewusstseinsfähigkeit zugesprochen; ja ist verdichtetes Bewusstsein.
(Russell, 2003, 37). Jede Zelle und jedes System trage sein Mental in sich
(Satprem, 1992).
Eine Psychologie des Bewusstseins hätte zu ergründen, welche Potentialitäten
unserem Bewusstsein zugesprochen werden können. In der Erforschung von
Sonderbegabungen staunen wir, was das menschliche Gehirn zu leisten
imstande ist. Beim Phänomen des „genetischen Sehens“ (Schmücker, 1991,
191) kann das „Gedächtnis“ eines lebendigen Organismus visualisiert werden.
Sollte dann nicht auch das Mental des Menschen von unserem Bewusstsein
durchdrungen werden können? Zu einem solchen „Systemwissen“ gehört, in
welcher Ordnung der Menschen zwischen Schöpfung und Schöpfer steht bzw.
was das Besondere des Menschseins in der Schöpfungsordnung ist. Wir
bekommen von sogenannten „Erleuchteten“ dazu übereinstimmende
Aussagen. Erleuchtetsein verweist auf eine solche Erkenntnisfähigkeit.
Weil wir unsre Wirklichkeit zu sehr vom naturwissenschaftlichen Denken her
konstruieren, sehen wir solche Aussagen (Sein im Jetzt, Alleins-Erfahrung,
Nondualität etc.) als nicht erforschbar. Der Erkenntniszugang sei uns nicht
verfügbar. Ein nachvollziehbares Ärgernis für den Forscher. Wir verbinden
solche Phänomene mit Charisma, Auserwählung und damit für den normal
Sterblichen und geben sie zu schnell der esoterischen Szene ab.
Bevor wir aber solche Zustände in die Nichterreichbarkeit hinein idealisieren,
sollten wir die Möglichkeiten einer interdisziplinären erkenntnistheoretischen
Forschung nutzen, um das Spektrum und die Kapazität unseres Bewusstseins
auszuloten. Dazu wird es notwendig sein, auch Forscher miteinzubeziehen, die
selbst zu mystischer Erfahrung Zugang haben. Nur dies kann eine integrative
Sicht auf den verschiedenen Bewusstseinsebenen sicherstellen. Das bedingt
ein ungewohntes interdisziplinäres Forschungssetting. Es erfordert vom
18
einzelnen seine eigenen Erkenntnisgrenzen zugunsten des Forschungszieles
anzuerkennen und jenen, die zu einer mystischen Erkenntnis Zugang haben,
dies zuzugestehen und ihre Aussagen mit einem Vertrauensvorschuss für einen
wissenschaftlichen Diskurs stehen zu lassen.
Die Zeichen für eine solche Forschung stehen gut. Durch die Neubewertung
des Bewusstseins seitens der Quanteninformationsforschung kann eine
Hierarchie der Bewusstseinsebenen auf Grund der dem Bewusstsein
innewohnenden Potentialitäten erstellt werden. Spiritualität kann unabhängig
von religiösen Systemen erforscht werden. Eine „Psychologie des Bewusstseins“
ist dafür die bevorzugte Wissenschaftsdisziplin (Quekelberghe, 2007. S. 35). Sie
wäre gleichzeitig die Grundlage einer „Spirituellen Psychotherapie“ (Eurich,
2005). Die Bedeutung des Gegenstandes mahnt eine solche Forschung ein.
19
Literatur
Belschner W, H.Piron, H. Walach (Hg)(2005) Psychologie des Bewusstseins. Bd.1.
Bewusstseinstransformation als individuelles und gesellschaftliches Ziel. LIt: Münster.
Dürr H-P (2006) http://www.zist-kongress.de/mitwirkende/duerr.php
Eurich C. (2005) Liebeskraft als Erkenntniskraft. Grundzüge einer spirituellen
Wissenschaft. In: Vorgeburtliche Wurzeln der Individuation. A. Reiter (Hg) Mattes:
Heidelberg. S.187 -204.
Fischer, G. & Riedesser, P. (1998). Lehrbuch der Psychotraumatologie. München:
Reinhardt-Verlag.
Görnitz Th; Görnitz B (2007) Der kreative Kosmos. Geist und Materie aus
Quanteninformation. München: Spektrum.
Jakel, B (2005) Der bipolare Weg zum Selbst. Pränatale und bindungstheoretische
Aspekte. In: Bewusstseinstransformation als individuelles und gesellschaftliches Ziel.
Psychologie des Bewusstseins Bd.1. (Belschner W. u.a., Hg) Lit: Oldenburg.
Jäger W. (2005) Konfessionslose Religiosität. In: Spiritualität und Wissenschaft.
Kübber M (1993). Der Königsgaukler. Drei Eichen
Laing D R (1987) Das geteilte Selbst. Köln: DTV.
Leutwyler S (2005) Spiritualität und Wissenschaft: Zwei Wege, die Welt wahrzunehmen.
In: Spiritualität und Wissenschaft. S.Leutwyler, M. Näglei (Hrsg.). vdf: Zürich. S. 13 – 26.
Reddemann L, Sachse U (1999) Trauma first! PTT-Persönlichkeitsstörungen. Theorie und
Therapie (1): 16-20.
Russell P (2003) Quarks, Quanten und Satori (Wissenschaft und Mystik: Zwei
Erkenntniswege treffen sich. Bielefeld: Kamphausen Vg.
Morgan M (1995) Der Traumfänger. Goldmann.
Obermüller K (2005) Spiritualität und Verantwortung. Mystik der offenen Augen. In:
Spiritualität und Wissenschaft. S.Leutwyler, M. Näglei (Hrsg.). vdf: Zürich. S. 109 – 120.
Quekelberghe R v. (2005) Transpersonale Bewusstseinsforschung vom Quantum bis zur
„Wirklichkeit“. In: Psychologie des Bewusstseins ( W. Belschner u.a., Hg). Münster: LitVerlag. S.35 -53
Quekelberghe R. v. (2005) Transpersonale Psychologie und Psychotherapie. Eschborn
bei Frankfurt/M: Klotz.
Quekelberghe, R.v. (2007). Grundzüge der spirituellen Psychotherapie. Eschborn bei
Frankfurt/M., Klotz.
Reiter A. (2002). Pränatale Psychologie als Brücke zwischen naturwissenschaftlicher
und transpersonaler Psychologie. Belschner, W.; Galuska, J.; Walach, H.; Zundel, E.
(Hrsg.). Transpersonale Forschung im Kontext. Oldenburg.
Reiter A. (2002). Entwicklungswissen in der künstlerischen Kreativität. In: Kunstanalyse.
K. Everts, L. Janus (Hrsg.). Heidelberg: Mattes Verlag.
Reiter A (2004). Borderline - Eine Herausforderung für die Theoriebildung. Die
Einbeziehung pränataler und transpersonaler Perspektiven. In: Energie & Charakter 28
(32 -49).
Satprem (1992) Das Mental der Zellen. Evolution&Daimon Vg: Einsiedeln.
Siefer W. (2006) Ich. Wie wir uns selbst erfinden. Campus
Schmaltz G (1951) Östliche Weisheit und westliche Psychotherapie. Stuttgart:
Hyppokrates Vg.
Schmücker E. (1991) Prä- und perinatale Kommunikation unter kulturpsychologischen
Aspekt. Phil. Dissertation Universität Salzburg.
Segal S (2002). Kollision mit der Unendlichkeit. In: B.Jost (Hrsg)Rowohlt:
Reinbeck/Hamburg.
Swami Vishnu-Devananda (1997). Das große illustrierte Yoga Buch. Aurum:
Braunschweig.
20
Troll P (2003). Poesie der Stille. Tanz des Lebens . Kamphausen:Bielefeld.
Unfried N (2005) Bilder als Halt und Bindemöglichkeit am Abrisspunkt – dem Fokus
höchsten Schmerzens und größter Einsamkeit. In: Vorgeburtliche Wurzeln der
Individuation. (A. Reiter, Hg.) Mattes: Heidelberg. S. 89 – 96)
Walsh R.N.; Voughan F (1988) (Hg) Psychologie in der Wende. Rowohlt: Hamburg.
Wirtz, U (1989) Seelenmord. Inzest und Therapie. Kreuz: Zürich 1989.
Erschienen:
A. Reiter (2007) Die „verletzte Seele“. Psychotraumatologie aus transpersonaler Sicht.
In: K.M. Fischer (Hg.) Die Seele ist transpersonal. Edition pro mente: Linz, S. 228-302.
Herunterladen