Messung mechanischer Eigenschaften von Hartgeweben ist nicht nur eine Frage von Nass oder Trocken Fränzel1, Wolfgang; Gerlach2, Reinhard 1 Martin-Luther-Universität Halle, Institut für Physik 2 Martin-Luther-Universität, Universitätsklinikum, Klinik für Strahlentherapie, Abteilung für Klinische Strahlenphysik Zusammenfassung Eine etablierte Methode zur Messung lokaler mechanischer Eigenschaften von Hartgeweben ist die Nanoindenter-Technik. Die Proben werden aber meist in trockenem Zustand gemessen. Dabei wird für eine vermeintliche Reproduzierbarkeit billigend in Kauf genommen, dass die mechanischen Kennwerte deutlich höher als in der Realität gemessen werden. Für eine reelle – in vitro – Beurteilung ist dies aber völlig unzureichend und führt zu falschen Schlussfolgerungen, wie es am Beispiel der Wirkung therapeutischer Tumorbestrahlung auf Zahnhartgewebe gezeigt wird. Einleitung Patienten mit malignen Tumoren im Kopf-Hals-Bereich werden häufig mit ionisierender Strahlung therapiert, üblicherweise mit ultraharter Röntgenstrahlung bis zu Gesamtdosen von 60...70 Gy [1]. Dabei ist nicht zu vermeiden, dass gesunde Nachbargewebe mit geschädigt werden. U. a. sind schon kurz nach den ersten Bestrahlungsdosen Defekte an der Zahnsubstanz feststellbar [2], die bis zum vollständigen Zahnverlust führen. Ursache für diese Zahnschädigung ist zunächst die radiogen bedingte Veränderung der Zahnsubstanz selbst, verbunden mit einer Verschlechterung der mechanischen Eigenschaften, dem Auftreten von Rissen und der Zunahme der Oberflächenrauheit [3]. Die Beurteilung der mechanischen Eigenschaften von Zahn- bzw. Hartgeweben erfolgt mit der inzwischen etablierten Nanoindenter-Technik, aber meist an dehydrierten Proben, die zudem in Epoxydharz eingebettet sind. Nachteilig hierbei sind die nicht unwesentlich erhöhten mechanischen Kennwerte [4]. Aufwendiger sind in vitro – Untersuchungen. Sie erfordern die Lagerung der Gewebe in speziellen Lösungen, die zudem eine Demineralisation der Probenoberfläche vermeiden sollen. Anderenfalls würde mit zunehmender Lagerzeit eine Verringerung der mechanischen Eigenschaftswerte gemessen [5]. Wurde die Nanoindentierung hauptsächlich zur Bestimmung mechanischer Eigenschaften von Strukturelemente, die der konventionellen Prüftechnik nicht zugänglich sind, eingesetzt, wird die Nanoindentertechnik vermehrt zur Charakterisierung von Gewebeveränderungen infolge äußerer Einflüsse benutzt. Am Beispiel der therapeutischen Bestrahlung von Zahngewebe wird untersucht, welchen Einfluss die Probenvorbereitung auf die Beurteilung der Strahlungswirkung hat. Material und Methoden Für die Studie wurden 10 frisch extrahierte, retinierte dritte Molare präpariert (Sägen , Schleifen, Polieren) und im Dentin und Schmelz ein Bereich von 2 x 2 mm² markiert, in dem alle Messungen vorgenommen wurden. In Gruppe 1 wurden Zähne eingeteilt, die nach Extraktion und zwischen den einzelnen Bearbeitungsstufen bzw. Messungen in physiologischer Lösung bei 6°C lagerten. Gruppe 2 bildeten Zähne, die ausschließlich in Luft getrocknet und gelagert wurden. Die Bestrahlung erfolgte analog der Therapie mit einem Beschleuniger (SIEMENS MXE-2 (U = 6 MV)) fraktioniert bis zu einer Gesamtdosis von 60 Gy. Die Proben der Gruppe 1 befanden sich während der Bestrahlung in physiologischer Lösung [6], die Proben der Gruppe 2 formschlüssig und trocken in einem PMMA-Phantom. Die mechanischen Veränderungen infolge der Strahlungseinwirkung wurden nach jeder Dosisapplikation gemessen. Die Messung von Härte und Elastizitätsmodul für Dentin und Schmelz erfolgte mit dem NanoindenterII (MTS-Systems, Knoxville, TN, USA) unter Verwendung eines Berkovich-Indenters im „load control mode“ mit konstanter Lastrate bei Raumtemperatur (~ 21°C). Die Belastung erfolgte bis zur Maximallast von 1 mN, gefolgt von einem Haltesegment von 10 s. In jedem markierten Bereich wurden 12 Eindrücke erzeugt und nach Oliver und Pharr [7] ausgewertet. Ergebnisse und Diskussion Die Bestrahlung der in physiologischer Lösung gelagerten Zahngewebe führt zu einer bedeutendenVerringerung der mechanischen Eigenschaften (Abb. 1 und 2). Bereits nach etwa 5 Gy ist im Schmelz nur noch eine Resthärte bzw. Elastizität von 5 % im Vergleich zum Ausgangswert vorhanden. Für Dentin vermindern sich die entsprechenden Werte ab 10 Gy auf etwa 30%. Ein Einfluss der Lagerung in physiologischer Lösung auf die mechanischen Eigenschaften konnte nicht festgestellt werden [8]. Völlig andere Ergebnisse werden an trockenen Zahngeweben erhalten (Abb. 3 und 4). Unter Einbeziehung der Messunsicherheit scheint im Mittel keine Veränderung der mechanischen Parameter durch Bestrahlung feststellbar. 1,2 Elastizitätsmodul EOP in rel. Einheiten 1,0 Härte in rel. Einheiten 1,2 Dentin Schmelz 0,8 0,6 0,4 0,2 0,0 Dentin Schmelz 1,0 0,8 0,6 0,4 0,2 0,0 0 10 20 30 40 50 60 Dosis in Gy 0 10 20 30 40 50 60 Dosis in Gy Abb. 1: Härteänderung der in physiologischer Lösung gelagerten Zähne in Abhängigkeit von der Dosis Abb. 2: Änderung der Elastiziätsmoduln EOP der in physiologischer Lösung gelagerten Zähne in Abhängigkeit von der Dosis (Eop- E-Modul nach Oliver/Pharr) 1,4 Härte in rel. Einheiten 1,2 1,0 0,8 0,6 0,4 0,2 0,0 Dentin Schmelz 10d trocken0,5 Gy 1 Gy 2 Gy 5 Gy 10 Gy 20 Gy 60 Gy Probenzustand Abb. 3: Härteänderung dehydrierter Zahngewebe in Abhängigkeit von der Dosis Abb. 4: Änderung der Elastiziätsmoduln EOP dehydrierter Zahngewebe in Abhängigkeit von der Dosis (Eop- E-Modul nach Oliver/Pharr) Die Ergebnisse zeigen, dass bei der Untersuchung der Strahlenwirkung auf Gewebe die Verwendung dehydrierter Proben zu einer völlig falschen Beurteilung führt. Im vorgestellten Beispiel zur sicherlich falschen Aussage, dass das Zahngewebe durch die Bestrahlung mechanisch nicht beeinträchtigt wird. Zur Bestimmung reeller mechanischer Werte sollte, bei aller experimentellen Schwierigkeit, der in vitro – Messung der Vorzug gegeben werden. [1] Folwaczny M, Hickel R: Aspekte der zahnärztlichen Betreuung immunsupprimierter Patienten. Dtsch Zahnärztl Z 56 (2001) 285-297. [2] Grötz KA, Duschner H, Kutzner J, Thelen M, Wagner W: Neue Erkenntnisse zur Ätiologie der sogenannten Strahlenkaries. Strahlenther Onkol 173 (1997) 668-676. [3] Ding J: Untersuchung der mechanischen Eigenschaften von tumortherapeutisch bestrahltem humanen Zahngewebe (Dentin/Schmelz). Masterarbeit. Universität Halle, 2004. [3] Ebenstein DM, Pruitt LA: Nanoindentation of biological materials. nanotoday 1 (2006), 26-33. [5] Habelitz S, Marshall GW, Balloch M, Marshall SJ. Nanoindentaion and storage of teeth. J Biomech 35 (2002) 995-998. [6] Eckardt I, Henning S, Syrowatka F, Gerlach R, Hein H-J: Mechanische Veränderungen des Knochens nach Röntgenbestrahlung mit niedrigen Dosen. Radiologie 41 (2001) 695-699. [7] Oliver WC, Pharr GM: An improved technique for determining hardness and elastic modulus using load and displacement sensing indentation experiments. J Mater Res 7 (1992) 1564-1582. [8] Fränzel W, Gerlach R, Hein H-J, Schaller H-G: Effect of tumor therapeutic irradiation on the mechanical properties of teeth tissue. Z Med Phys 16 (2006) 148-154.