Kapitel-18

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18. Kapitel
Fuselis Traum
Ich kam zu mir aus traumloser Finsternis und Leere – dies schien bei mir zur Angewohnheit
zu werden – und fand mein Lager umstellt von fünfzehn oder zwanzig Frauen jeden Alters –
Bal maidens – plötzlich war der Begriff, den Max Rankin genannt, wieder vor meinem Gedächtnis. Sie starrten besorgt auf mich nieder.
Ich fand mich auf ein Lager gebettet von meinem beziehungsweise Mr. Hamlets Pelz und
Mantel, ferner auf Tücher und Decken, die die Frauen beschafft, in einem Trog oder einer
Wanne liegend, in der man mich auch getrost hätte baden können. Ich sah Licht, Lampen, und
über mir, zwischen den Gesichtern der Frauen, eine niedrige, geflickte Decke aus Holz und
Metall. In der Nähe hörte ich die rumpelnden und schleifenden Geräusche von Maschinen,
hörte das matallische Schwingen schnellaufender Riemen, das Rauschen und Plätschern von
Wasser von einem Becken in ein darunterliegendes - daher wußte ich, daß ich mich immer
noch in der Mine befand, in den Arbeitsgebäuden, die sich weitflächig den Hang hinabzogen
– und wo sonst hätte ich auch sein können? Hier wurde Zinn produziert.
Man hatte mir das Gesicht mit Feuchtigkeit beträufelt, mir vorsichtig Tropfen kühlen, köstlichen Wassers eingeflößt – ich litt Durst und wollte mehr davon trinken, aber die Frau, die am
dichtetsten bei mir saß, verwehrte es mir. Es war die, wollte mir scheinen, die ich zuvor in der
Tür gesehen.
„Ruhig, ruhig“, mahnte sie. „Nicht zu viel auf einmal, das mag gefährlich sein.“
Ich ließ mich erschöpft zurücksinken.
„Bleibe ruhig, mein Freund“, sagte die Frau. „Du bist gerettet. Bist gut aufgehoben bei uns,
bist in sicheren Händen. Hast Glück gehabt. Gleich Mitternacht. In einer Stunde wären wir
alle fortgewesen von hier, dann wäre hier alles dunkel gewesen, denn morgen ist der Tag des
Herrn, da ruht die Arbeit in der ganzen Anlage, da wäre, wenn du gekommen wärst, alles hier
verlassen gewesen und abgeschlossen.“
Samstag also, dachte ich. Samstag nacht, im Grunde, wie ich gedacht, - jetzt wußte ich es
genau: elf Uhr, eine Stunde vor Mitternacht. Ich versuchte zu sprechen, aber es wurde nur ein
rauher, undefinierbarer Laut daraus, und die Frau verstand mich nicht. Ich versuchte es noch
einmal, sie lauschte mit Aufmerksamkeit.
„Ist hier zufällig eine, die Jane heißt?“ krächzte ich.
Die Frau lachte plötzlich hell auf - wie auch einige von denen, die darum herumstanden, bemerkte ich, amüsiert das Gesicht verzogen.
„Jane?“ fragte die Frau, gespielt erstaunt. „Nun, die Hälfte von uns hier heißt Jane, denke ich.
Wie sollten wir sonst heißen?“
Sie nahm ein Tuch und benetzte und reinigte vorsichtig weiter mein Gesicht. Sie nahm einen
Krug und ließ mich nippen.
„Jane!“, machte ich mühsam. „Sie muß Jane heißen! Eine Jane, die mit einem Manne namens
Pinnick zusammenlebt, verstehen Sie?!“
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„So beruhige dich doch“, sagte die Frau erheitert, die ich zuerst in der Türe gesehen und die
mich jetzt hier pflegte und mir zu trinken gab, während die anderen zusahen und im Hintergrund die Maschinen lärmten. „Ich bin Jane, mein Freund, Bal maiden ihres Zeichens. Und
ich bin gewiß von den vielen Janes, die du hier finden kannst, die Jane, die du gesucht. Merke auf: Gottes Wege sind wunderbar. Ich weiß sogar, wer du bist, ich weiß, was du hier
willst – ich weiß es aus den genauen Beschreibungen, die ich über dich gehört: Du bist Domenic Holland, nicht wahr?“
Ich schluchzte auf, ich konnte nicht anders – alles war so geheimnisvoll. Die zehn oder fünfzehn Frauen jeden Alters, die darum herumstanden, wirkten bewegt. Die Frau, die Jane war,
beugte sich über mein staubiges und verschmutztes Gesicht und küßte mich. „Es ist gut, mein
Junge, beruhige dich“, flüsterte sie. „Wir werden dich sicher hier herausbringen, sobald die
Schicht zuende ist. Mein Bruder Max läßt dich von Herzen grüßen.“
.....
Und sie brachten mich heraus. Ein Mann, ein Vorarbeiter, wie man mir zuflüsterte, kam durch
die Hallen, gab Kommandos, brüllte herum. Dann hörte ich, wie die Maschinen herunterliefen. Ich lag zugedeckt in meinem Trog. Der Trog, wie ich später erfuhr, war ein größerer
Handbarrow. Lichter wurden gelöscht, es wurde dunkler mit der Zeit. Ich spähte unter dem
Tuch aus meinem Behältnis heraus. Aufgrund der ablaufenden Maschinen wurde es stiller,
man hörte das Herabplätschern von Wasser deutlicher. Füßen traten über Holz. Die Halle, wie
ich erkannte, als ich mich hob und hinausspähte, war auf der nackten, abfallenden, roten Erde
des Abhangs errichtet, aber nirgends berührte ein Fuß den Boden, weil alles auf Stegen wie
zum Anlegen von Booten, Holzwegen, Treppen erstellt war – ein unübersichtliches Gewirr
von Becken, herabhängendem Werkzeug, Rohren, Haken und Geländern in der riesigen Halle,
genannt „die Mühle“, die sich über hunderte Yards den Berg hochzog.
Dann wurde mein Handbarrow aufgehoben. Ich wäre gern leichter gewesen für die zwei
Frauen, die mich trugen, aber sie waren das Schleppen ganz anderer Lasten offensichtlich
gewöhnt. Ich wurde über Treppen und Stege, um Ecken herum und durch Türen in Zwischenwänden, die auf einzelnen Niveaus die Baracke durchzogen, bugsiert. Ich las Schilder
im Vorbeigetragen-Werden: „Kompressor-Haus“ mit einem Pfeil, „Schleuse“, „Torfkammer“,
„Calciner“, „Maschinenhaus“, „Trockenkammer“, „Pumpenhaus“, auch Profanes wie „Buchhaltung“ und „Kleiderkammer“ und „Werkzeuglager“. Oben aus der Mühle wurde ich herausgetragen auf einen nächtlichen Platz. Die Frauen blieben stehen und flüsterten.
Es gab ein unübersichtliches Gewirr von Baracken, Schuppen, Hütten, Masten mit hochhängenden Öllampen, Absperrungen, Förderbänder, eine hoch über alles führende Rinne quer
über das Gelände, die Wassser transportierte, denn aus ihr tropfte es, und im Hintergrund etliche steinerne Häuser mit diversen Anbauten. Ich sah das Pumpenhaus, aus großen Steinen
gebaut, mit seinem mächtigen, runden Schlot aus roten Ziegeln, wo der Rauch nur noch leise
herausdampfte, das Fauchen war verstummt.
Rechterhand in den Nachthimmel erhob sich filigran und kompliziert das Gerüst des Förderturms, Riemen liefen hinauf und schräg quer durch die freie Luft hinüber zum Maschinenhaus
- das große Rad dort oben, das die Man Machine trieb, stand jetzt still. Ich dachte flüchtig
daran, daß ich nun über der Stelle war, wo in dieser Nacht, 44 Ebenen tief in der Erde, der
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Besitzer dieser Mine, Sir Enid Luciter, schmählich zu Tode gekommen. Hier oben schien
niemand davon zu wissen. Vorübergehend wurde ich abgesetzt, ich hörte weiteres Flüstern,
dann wurde ich erneut aufgehoben und weitergetragen.
Wir kamen an einen Zaun, ein hohes, offenes Tor. Ich versteckte mich tiefer unter dem Tuch.
Männer lachten, grobe, jedoch spaßig gemeinte Bemerkungen flogen zwischen ihnen und den
Bal Maidens, die mich trugen, hin und her. Jane schritt an der Seite des Handbarrow.
„Sag Gregory, wenn er sehr viel später kommt, kriegt er kein Essen mehr“, rief sie.
„Ich werde es ausrichten“, versprach der Posten. „Vielleicht … wenn er nicht kommen will,
komme ich!“
Jane schritt unermüdlich weiter, die zwei Bal Maidens trugen mich nebenher.
„Wenn Du kommst, mische ich Rattengift ins Essen“, drohte Jane ohne Ernst.
„So? - Wie willst Du denn Rattengift bezahlen, Mädchen?“
„Wenn er reinkommt, erschlag ihn mit dem Spall-Hammer“, empfahl ein anderer.
Wir passierten das Tor und bogen auf einen zerfahrenen Weg ein. Das Licht und die Lampen
hörten auf. Die Frauen trugen mich die Anhöhe hinauf, in die Dunkelheit, in den Mondschein.
Jane zog das Tuch von meinem Kopf und lächelte zu mir herunter.
„Das bekommen wir hin, mein Guter“, sprach sie. „Keine Angst.“
Eine halbe Stunde später sah ich zwischen den zerfahrenen Wagenspuren im bleichen Licht
die Elendssiedlung wieder, die sich Botallak nannte, wo ich letzten Mittwoch Nachmittag mit
Max Rankin und seinen Maultieren von Mousehole herauf angekommen. Damals hatte ich es
vorgezogen, nicht auf Jane Pinnick und ihren Mann zu warten, sondern war dumm und überstürzt nach ‚Unicorn Mansions’ aufgebrochen. Nun wurde ich hierher zurückgetragen, zm
Zwecke der Rekonvaleszenz.
Nirgendwo brannte Licht. Nur aus wenigen der Ofenrohr-Schornsteine drang Rauch und verwehte schnell im böigen Nachtwind, der von der See her kam.
.....
In der Nacht vom Samstag auf Sonntag, in der ersten, frühen Morgenstunde des Tages des
Herrn, hatten mich die zwei Frauen in die Hütte von Jane Pinnick, geborene Rankin, und ihres
Gatten getragen. Diese Frauen und auch manch andere Nachbarn sah ich in der Folgezeit
manches Mal wieder, wenn sie herüberkamen, um etwas Kohl- oder sogar kräftigende Milchsuppe zu bringen, ansonsten ernährten mich Jane Pinnick und ihr Mann, Stewart, von einem
Teil der Nahrung, der ihnen zustand. Tagsüber waren sie fort in der Mine, nachts kamen sie
zurück, und ich lag auf dem weichen Lager, das sie mir bereitet. Es war ihre eigene Schlafstätte, wie ich sehr wohl wußte, und sie nächtigten in der gegenüberliegende Ecke des Raumes auf einem Fuder Lumpen und deckten sich mit Ziegenfellen zu, aber es war keine Diskussion möglich, wann immer ich die Rede darauf brachte.
Am Dienstag, als ich schon kräftiger essen konnte, brachte Stewart Pinnick gar ein Kaninchen
mit, er wollte nicht sagen, woher, das er unverzüglich häutete und zubereitete, und von dem er
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mir die besten Stücke zuschob. Am Sonntag war nur er bei trübem Wetter mit den anderen der
Elendssiedlung in einem langen Zug, den ich durch’s Fenster gesehen, zur Kirche nach St.
Just gegangen, die so weit fortlag, daß man nicht einmal den Turm sehen konnte, sie hatte bei
einer Stickarbeit bei mir ausgehalten und mich fürsorglich bewacht; der Herr würde sie schon
verstehen, sagte sie grob, als ich sie bat, nicht meinetwegen ihr Seelenheil auf’s Spiel zu setzen.
Die Schicht in der Mine dauerte von zwölf bis zwölf, erst in der Woche vor Weihnachten
würde sie wechseln, erzählte Jane, erst dann würden sie um Mitternacht hingehen müssen und
kämen mittags zurück. Jetzt, die Spätschicht, war ihnen beiden lieber. So gab es an den
grauen Vormittagen Gelegenheit, um den Tisch zu sitzen – ich durfte allerdings mein Lager
nicht verlassen – und sich zu unterhalten. Am Mittwoch, das war der Tag, wo sie mich zum
ersten Mal aufstehen ließen, tauchte unvermutet Max Rankin auf und brachte Kaffee mit, den
er von Ashton Taylor habe, und der hätte ihn „von einem Schiff“. Ich lachte und dachte mir
mein Teil. Jane zerschlug die Bohnen mit einem Hammer und mischte sie mit Malz, bevor sie
das köstliche Getränk aufbrühte und uns einschenkte. Wir hatten die Hände um die wärmenden großen Zinntassen gelegt, und es war ein wunderbares, inniges Gespräch, das, als die beiden zur Arbeit fort mußten, mit Max Rankin den ganzen Nachmittag über anhielt, bevor er
seine Maultiere nahm und bei einfallender Dämmerung nach Mousehole zurückritt. Er schien
nur dagewesen zu sein, um mich zu besuchen.
Als er fort war, warf ich mir meinen Schafspelz um und im letzten Dämmerlicht ging ich ein
Stück Weges auf ‚Unicorn Mansions’ zu, allerdings nur so weit, bis in in der Ferne den Hügel
sah, von dessen Spitze aus ich das Anwesen beobachtet, denn ich bemerkte, daß ich mich
trotz der Ruhe und der guten Ernährung dennoch noch recht zitterig und klapprig befand. Ich
setzte mich auf ein Mäuerchen aus Feldsteinen am Wegrain, bis es ganz und gar Nacht war.
Ich wartete und fror, bis der abnehmende Halbmond hinter jenem Hügel im Osten aufging,
und dann lief ich in seinem Licht, einen langen Schatten vor mir herwerfend, nach Botallak
zurück, trat in die mir nun vertraute Hütte, setzte mich ans Fenster, sah dem höhersteigenden
Mond zu und dachte, wie die anderen Abende, an denen ich allein gewesen, daran, wie es nun
weitergehen sollte.
Auberge … Auberge … konnte es sein - wenn ich denn schon nicht sterben wollte, nicht in
der Mine verhungert und verdurstet war - daß meine Sehnsucht mich innerlich zerfraß?
Aber ich hatte manches Gespräch mit meinen beiden herzensguten Gastgebern geführt, auch
mit den Nachbarn, wenn diese vorbeigekommen, auch mit den beiden wunderbaren Frauen,
die mich in jener Nacht getragen, und die keineswegs Jane hießen, sondern Sondra Miles und
Jennifer Hamlock, die beide nicht verheiratet waren, aber anrührende Menschen und wie Jane
und ihr Mann um die vierzig und von der Arbeit vorzeitig gealtert – aber all diese hatten,
wenn die Rede auf ‚Unicorn Mansions’ kam, nur dringend davon abgeraten, dort ein weiteres
Mal einzubrechen. Solches könne einzig Unglück bringen, zumal in meinem geschwächten
Zustand.
Sie alle, Jane, Stewart, Sondra Miles und Jennifer Hamlock,wie zuvor schon Max Rankin,
wußten, wenn schon nicht aus meinen, so aus des letzteren Erzählungen inzwischen hinreichend von meinen Plänen, Zielen, Wünschen hinsichtlich des Hauses und der verzweifelten
Frauen, die dort eingekerkert, aber gleichwohl, sie alle rieten mir dringend davon ab, eine
weitere Dummheit wie die vergangene zu begehen und auch nur den Versuch zu unternehmen, dort heimlich einzudringen. Ebenso gut könne ich versuchen, ohne daß man mir darauf
kam, im Tower zu London die Kronjuwelen durch Kartoffeln oder Veilchen zu ersetzen.
Ich konzedierte, daß mir der erste Angriff auf ‚Unicorn Mansions’ schauerlich mißlungen sei,
gab aber mit Dringlichkeit zu verstehen, daß ich bereits in ‚Morass Manor’ erfolgreich eingedrungen und hinausgekommen sei und schilderte alle betreffenden Einzelheiten.
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„Eben!“ äußerte Jane Pinnick trocken. „Du bist dort lebend hinein und hinausgekommen,
während das arme Mädchen in deinem Beisein getötet wurde, du bist in ‚Unicorn Mansions’
einmal lebend hinein- und hinausgelangt, und du hast sogar, unglaublich, hinein und hinaus,
Wheal Geavor lebend überstanden – meinst du nicht, daß du deinen Schutzengel inzwischen
genug strapaziert hast, mein Freund? Jeder Mensch hat nur ein gewisses Quantum an Glück.
Ich denke, du hast, ohne undankbar sein zu sollen, deines inzwischen gründlich aufgebraucht,
meinst du nicht?“
„Aber Auberge … aber die Frauen!“ rief ich verzweifelt. „Wenn nicht ich, wer wird ihnen
denn zur Hilfe beistehen?!“
„So bleiben Sie nur ruhig, Mr. Holland“, gab Max Rankin zu bedenken und schmauchte
Rauchwolken an seiner kleinen Pfeife vorbei. „Ich glaube fast, die Dinge bewegen sich über
kurz oder lang von allein – Sie wissen, warum, Sie wissen, was Stewart gesagt hat.“
Stewart Pinnick saß dabei und nickte. Er war ein Mann, der nur sprach, wenn es unumwunden
nicht zu vermeiden war, und auch dann nur die wenigsten Worte. Er war ein Mensch um die
fünfzig, vielleicht war er jünger, aber die Arbeit unter Tage hatte ihn vorzeitig alt gemacht. Er
liebte seine Frau., das merkte man jedem Blick und jeder Geste an, und sie paßten zusammmen. Es gab große Waschräume in den Gebäuden bei der Mine, dort reinigte er sich jede
Nacht nach Ende der Schicht, aber wenn er nach Hause kam, wusch er noch weiter Augen
und Hände, und trotzdem blieben ewige dunkle Spuren in den Falten um seine Augen erhalten.
Oh ja, ich wußte, worauf Max Rankin anspielte, was Stewart Pinnick gesagt. Ich war selber
daran schuld. Ich hatte zuerst Jane und dann Pinnick und auch anderen ausführlich erzählt,
daß man auf Sohle 44 dicht beim Hauptschacht die Leiche des Besitzers der Mine finden
könne, ich hatte den Mord detailliert geschildert, die Mörder genannt - Pinnick hatte all dies
auf Verabredung an einen Arbeitskollegen oder Freund seines Vertrauens weitergegben, der
sollte es seinerseits einem Menschen aus der Buchhaltung weitersagen, und bereits am
Dienstag hatte das Verfahren Früchte getragen.
Es wurde den Bal Maidens, die in den Gebäuden an der Oberfläche beschäftigt waren, klar,
daß Aufregung herrschte, Unruhe bei den Verantwortlichen. Es gab Ein- und Ausfahrten in
den Hauptschacht von Männern in „guten“ Anzügen, die dort normalerweise nichts verloren
hatten, Kutschen verkehrten in reger Abfolge zwischen der Mine und dem Inneren des Landes, höchstvermutlich mit dem Anwesen von ‚Unicorn Mansions’ und anderen Stellen, weiter
östlich, vielleicht bis Truro. Sogar ein bekannter Anwalt aus Carbis Bay sollte in den Büros
der Leitung im nördlich gelegenen Trakt der Fabrik gesichtet worden sein, mit wenigen Worten: Obwohl man sich offenbar bemühte, alles unter einem Mantel der Verschwiegenheit zu
halten, war es ganz offenbar, daß Dinge abliefen, die alles andere als regulär waren.
Am Dienstag, gegen Abend, wollte eine der Frauen, die sich verbotenerweise in den Waschräumen aufhielt, von einem Fenster aus gesehen haben, wie ein Bündel oder Sack über die
Man Machine heraufgeschafft, auf einen Wagen geladen und abtransportiert worden sei, und
zur Unterstützung, daß ihre Geschichte wahr sei, konnte immerhin ganz allgemein angeführt
werden, daß zufällig gerade zu dieser Zeit die Bal Maidens mittels einer Anweisung, so sonderbar, daß dafür jedes Beispiel fehlte, für eine kurze Weile aus der Mühle vetrieben gewesen
- die Bänder und Maschinen wurden dazu eigens für einige Minuten in den Leerlauf geschaltet.
Ja, und dann waren Gerüchte aus ‚Unicorn Mansions’ vernommen worden, niemand konnte
mehr sagen, wer zuerst derartiges gewußt – daß auch dort die Ordnung zusammenbrach, seit
bekannt war, daß der Besitzer nicht mehr lebte. Sondra Miles behauptete sogar, daß in Land’s
End, das 5 Meilen südwestlich lag, drei Neger erschossen worden seien, die dort versucht
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hätten, an den Ozean vorzudringen. - Kurz, es schien wie ein Fieber eine geheimnisvolle Unruhe über dem gesamten Landstrich zu liegen, deren Natur nicht genau zu ergründen war.
„Deshalb“, meinte Max Rankin bei seinem Besuch am Mittwoch und wippte beruhigend mit
seinem Pfeifenstil in meine Richtung, „sollte man einfach noch ein, zwei Tage warten.“
Er hatte natürlich recht. Als auch er gegangen, sich auf sein Maultier und nach Mousehole
zurückgeritten war, nachdem ich meinen verzweifelten Ausflug wenigstens in Richtung des
geliebten Mädchens gemacht und im Mondschein frierend zurückgekommen, während ich
nun am Fenster saß und meine Gastgeber erwartete, die nach Mitternacht zurückkommen
würden, während ich trachtete und dem höhersteigenden Mond zusah, wußte ich, daß Max
Rankin recht gehabt. Noch ein oder zwei Tage, in Gottes Namen denn. Donnerstag und Freitag, obwohl ich auch für diesen Fall nicht wußte, was dann zu unternehmen sei. Ich hoffte,
daß Max Rankin recht haben würde: noch zwei Tage: Donnerstag und Freitag – es war eine
harte Geduldprobe fütr mich – denn seit fast fünf Tagen lag ich hier untätig herum.
Ich brauchte in der Tat nur bis Donnerstag zu warten, bis ich erfuhr, daß er recht behielt.
Donnerstag mittag – dies war Donnerstag, der 27. November, als Jane und Stewart Pinnick
sich zur Arbeit in der Mine von mir verabschiedet hatten, litt ich es nicht länger allein im
Haus: Ich mußte an die Luft. Ich machte mich auf einen Spaziergang. Ich schaffte es in der
Tat, nicht in der Richtung auf ‚Unicorn Mansions’ zu laufen, sondern wandte mich nach
Nordwesten über die Hügel bis zu einem Dorfe namens Morvah und bummelte von dort über
die Klippen die Küste entlang zurück bis zu einem erhöhten Punkt, von wo hinunter ich in
einiger Entfernung die Anlage der Mine beobachten konnte, in deren Tiefen ich vor einer
knappen Woche fast gestorben. Es war dies in der Tat nur ein unschuldiger Ausflug, eine
Wanderung ohne Hintergedanken, allenfalls dem, zu prüfen, wie weit meine Gesundheit inzwischen wiederhergestellt sei. Und von dort, als es dunkelte, spazierte ich in Richtung auf
Botallak zurück.
Als ich mich der desolaten Siedlung und schließlich der Hütte von Jane und Stewart Pinnick
näherte, sah ich, wie sich gerade deren Tür öffnete und ein junger Mann heraustrat. Er schaute
sich um, zwangsläufig konnte ich sein Gesicht erkennen - und mich rührte sozusagen, metaphorisch gesprochen, der Schlag. Es war doch einfach aber auch zu sonderbar:
Da war ich vor knapp zwei Wochen zu meinem einsamen Auftrag ins ferne Cornwall aufgebrochen, das Mädchen Auberge zu erretten. Nun gut, mir war klar, daß Sir Enid Luciter dort
mitreiste und meinethalben auch Dr. Copeland und der verdammte Sekretär von Luciter,
welchletztere mir in Moretonhampstead meine Auberge entführt. Ich hatte mehr oder minder
entfernt damit gerechnet, daß sie mir irgendwie und irgendwann über den Weg laufen würden.
Aber es hatte mich schon erheblich Wunder genommen, daß Fiona de Cato auch hier war. Es
hatte mich im Grunde sogar noch mehr verblüfft, Virginia Sykes anzutreffen, und es hatte
mich, offen gesprochen, geradezu schockiert, meinen Freund Sebastian Frideric-Horne in
jenem Raum bei Enid Luciter und den anderen wiederzusehen. Nun gut, aber jetzt dies?
Grundgütiger im Himmel, hatte mich denn ganz London auf meiner einsamen Reise hierher
begleitet?!
Der junge Mann, der soeben aus der Türe der Pinnicks getreten war und sich umsah, war eindeutig Franklin Stifel.
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Er erkannte mich unmittelbar, nachdem ich ihn gesehen und verhielt abwartend auf der obersten Stufe vor der Tür. Ich trat die letzten vierzig, fünfzig Schritte näher. Er verneigte sich in
einer leicht ironisch wirkenden Verbeugung vor mir, als ich auf Sprechweite heran war, und
meinte: „Sieh, da, Mr. Holland selbst, umso besser.“
„Wen hatten Sie erwartet?“ fragte ich zurück, „den Lordadmiral? Offen gesagt: Sie wirkten
gerade, als hätten Sie überhaupt niemanden erwartet. Mithin: Was verschafft uns die Ehre?
Wie, wenn ich fragen darf, kommen Sie überhaupt hierher?“
Er hob in abwehrender Bewegung die Hände. „Viele Fragen auf einmal“, sprach er. „Ich
komme, um mit der letzten Antwort zu beginnen, direkt von ‚Unicorn Mansions’.“
„Oh, in der Tat!“ rief ich spöttisch aus. „Seit wann ist dies der Platz Ihres Wirkens?“
„Sie wissen es“, sagte er, „ich bin seit zwei Wochen hier, ich reiste auf seinen Befehl in der
Kutsche mit Sir Enid.“
„Oh, ich weiß es“, bestätigte ich bitter, „denn als ich nach Morass Manor eindrang, waren Sie
schon gar nicht mehr da. Deshalb schickten Sie den anderen begabten, jungen Mann: James
Crucible.“
„Ganz recht, Sir“, sagte Franklin Stifel. „Was wäre Ihnen lieber gewesen – niemanden anzutreffen?“
Dies verschlug mir für’s erste die Sprache. Natürlich hatte er recht.
„Trotzdem“, murmelte ich, „etwas mehr Offenheit von seiner Seite wäre vielleicht nicht
schlecht gewesen.“
Franklin Stifel zuckte die Schultern. „Ich habe das ihm überlassen, Sir. Er wußte, was Sie
wollten, nämlich das Mädchen herausholen – und alles andere war, denke ich, für Sie höchst
uninteressant, nicht wahr?“
„Gewiß“, stimmte ich zu. „Nur war das Mädchen zu dem Zeitpunkt auch schon weg.“
„Mag sein“, versetzte Franklin Stifel, „aber das konnte ich nicht ahnen, als ich abreiste. - Und
nochmals, Sir Enid sagte zu mir: ‚Komm mit’, da kam ich mit, es entsprach herzlich wenig
meiner eigenen Entscheidung.“
„Sir Enid“, meinte ich. „Und jetzt ist er tot.“
„Ja“, sprach Frankin Stifel, „und ich glaube, deshalb bin ich hier.“
„Sie glauben?“
„Ja“, sagte Franklin Stifel und schaute sich verschwörerisch über die Schulter in der Richtung
um, in der ‚Unicorn Mansions’ lag. „Dort hinten geht alles darunter und darüber“, meinte er
bedeutsam und zeigte mit dem Daumen.
„Ich vernahm dergleichen“, sagte ich hämisch.
„Gewiß, Sir“, beeilte er sich zuzustimmen. „Aber ich weiß nicht, ob das unbedingt gut für uns
- oder für Sie und Ihre Pläne ist.“
Mir fuhr eiskalter Schreck ins Herz. Natürlich abermals: Er mochte, zur Hölle, recht haben!
Sir Enid war beseitigt, jetzt führten der Doktor und der Questor das Regiment, und ich wollte
nicht ahnen, was für eines dies war - und was es für die gefangenen Frauen bedeutete.
Ich legte Franklin Stifel die Hand auf den Arm. „Gut“, beendete ich das Geplänkel. „Weshalb
sind Sie hier?“
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Er neigte den Kopf und deutete auf die Türe hinter sich. „Ich habe Ihnen einen Brief gebracht,
Sir. - Er liegt drinnen auf dem Tisch, wo ich ihn niedergelegt, nachdem ich Sie nicht antraf.“
„Einen Brief? – Von wem?“
Franklin Stifel wiegte den Kopf. „Ich weiß, offen gesprochen, den Namen nicht, Sir, es ist ein
Gast des Hauses, der seit einiger Zeit da ist.“
Mir schoß sofort durch den Kopf, daß dies im Grunde nur eines heißen konnte.
„Und, sollten Sie auf Antwort warten?“ erkundigte ich mich
„Nein, Sir, das war nicht unbedingt vorgesehen. – Ich wollte gerade zurück dorthin.“
„In Ordnung, Stifel“, sagte ich. „Ich möchte Sie dennoch noch einmal mit mir hineinbitten zu
warten, während ich den Brief lese. Sollte er irgendeine Antwort erfordern, so könnten Sie
diese gleich mitnehmen.“
„Sehr wohl, Sir“, sagte er, „wie Sie meinen.“
Wir gingen hinein. Der Brief lag auf dem Tisch, so daß er jedem sogleich ins Auge gesprungen wäre. Ich eilte darauf zu und fühlte, wie mir die Finger zitterten, als ich ihn öffnete.
Franklin Stifel wartete an der Tür.
Dies waren mehrere Bogen. Meine Augen flogen über die diversen Seiten in der altvertrauten
Handschrift hin, welchletztere mir dennnoch hastiger, fahriger, flüchtiger als gewöhnlich hingeschleudert schien:
„Bester Freund!
– indem Du diesen Brief liesest, bist Du am Leben, wofür ich Gott danke!
Indessen weiß ich es nicht, ob diese Nachricht Dich erreicht – so bleibt mir nur
der schlechtere Part, die Angst und die Sorge um Dich, und ob Du es mögest
verstanden haben, glücklich auf die Seite der Lebenden zurückzukehren.
Über eine Woche habe ich Dich nicht gesehen. Immerhin dringen auch hierher
Gerüchte vor, und von einem habe ich gehört, das mein Herz springen macht.
Ein junger Mann, hieß es - ein schlimmes Abenteuer in den Minen hinter sich –
habe gastweise bei einer bestimmten Familie in Botallak Unterschlupf gefunden
– so gebe ich denn diese Botschaft einem der hiesigen Pagen mit, dessen Intelligenz ich für hinreichend erachte, Deinen Aufenthalt dort auszuspüren.
Jawohl, wenn Du diese Zeilen liesest, bist Du am Leben, und mich erfüllt heiliger Stolz, daß diese Tatsache nicht zuletzt auch meiner Mitarbeit geschuldet
sein mag. - Ja, ich habe die Vergünstigung genutzt, die die Bösewichter mir gewährten, indem sie es als eine Probe meiner Loyalität ihnen gegenüber erachteten, Dich maßgeblich in die Mine zu schaffen. Bedauerlicherweise war ich in
Begleitung einiger Wilder, so daß es sich verbot, Dich auf diesem Wege sofort
in Freiheit zu setzen. Ohnehin, eine zu auffällige Hilfe hätte Dir nichts genutzt,
wie Du wohl weißt, sondern sie hätte - bei Entdeckung - Dir nur endgültig geschadet. - Dir unbeobachtet ein Messer in die Tasche zu stecken war das Äußerste an Beistand, das ich wagen durfte, und indem Du diesen Brief liesest, weiß
ich, hast Du guten Nutzen davon gemacht.
Die Zeit, unter unvermuteter und sporadischer Beobachtung hier zu schreiben,
ist leider unendlich knapp, mein lieber Freund, sonst würde ich Dich sofort genauestens in Kenntnis setzen, warum ich – beruflich - das Vertrauen der Bösewichter zu suchen hatte (der Auftrag ging nicht von mir aus, wie Du vermutlich
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ahnen kannst - wer wäre ich, dergleichen Wahnsinniges freiwillig zu unternehmen?!) – ich hoffe jedoch, es wird sich fürderhin für Dich und mich noch genug
Gelegenheit finden, dies alles im traulichen Gespräche nachzutragen.
Zudem: Ich bin nicht nur, nicht nur beruflich hier.
Entsinne Dich, wie Du auf jener Kutschenheimreise nach London, zu der ich
Dich nächtlich in der Heide auflas, zu mir gesprochen von einer, die in dem
höllischen Gemälde Deinen Geist verhext. Nun denn, so vernimm, daß dies
längst zuvor geschehen mit mir und einer anderen – Du kennst sie als Demeter
und Persephone. Das hatte nichts mit dem schändlichen Bildnis zu tun - das geschah lange vorher.
Fiona de Cato, Klientin unserer Kanzlei und die Gattin eines anderen Mannes,
der überdies ein überaus bedauernwerter und lieber Mensch ist, dem ich persönlich verbunden bin und dem man anständigerweise nichts Übles antun sollte,
- ich mag mich zu den möglichen und höchst kompliziert-komplexen Nachwehen dieser unglücklichen Liaison nicht äußern – Fiona de Cato indessen hat sich
grausam in mein Herz gegraben, Domenic – und sie weiß nichts davon.
Du hast jene – wie war das? – ‚Io’ in dem Bildnis gesehen – und Deine Existenz, immerhin, erlaubt, frei und glücklich genug in den Tag hinein zu bestehen
und Deinen Sehnsüchten unmittelbar zu willfahren - und so hast Du wohl, braver Jagdhund, der Du bist, und nicht zuletzt mit meiner Hilfe, wie ich weiß, die
Spur ins Ungewisse aufgenommen, Dein geheimnisvolles Mädchen gesucht sie mit langem Atem verfolgt und sie am Ende gefunden, anderenfalls mir Dein
plötzlicher Aufenthalt hier im fernen Cornwall nicht erklärlich wäre: In gewisser Hinsicht beneide ich Dich!
Ich bin Fiona de Cato nachgereist, nachdem sie auf skandalöse Weise von einem Besuch meines guten, alten Vaters verschwunden. Ich hatte gehört, daß sie
entführt worden! Und es traf sich, wie gesagt, gleichzeitig, daß von verzweifelter Seite ein Hazardeur gesucht ward, ein Leichtfertiger und Wahnsinniger, der
die feindlichen Linien unterwanderte und sie für die Kräfte des Guten ausspionieren sollte.
Nun gut: Ich wollte – aus genannten Gründen – gerne dieser Hazardeur sein.
Jetzt, mein Freund, weißt Du - fast - alles. Ich verschone Dich (Dich nicht zu
belasten) mit dem Namen meines Auftraggebers – ich hoffe, es wird am Ende
alles gut!
Trotzdem, und auch deshalb, nein – vor alledem deshalb schreibe ich Dir: Dies
sind schreckliche Tage in ‚Unicorn Mansions’. Seit ich Dich in die Mine bringen lassen mußte, lacht hier die Hölle frei heraus und schlägt nach mir zurück
mit blutigen Krallen. Sir Enid hat sein Ende gefunden (was höchst erstaunlich
ist) und woran Du womöglich Deinen eigenen, unendlich berechtigten Anteil
haben magst, – aber das Resultat hier auf dem Anwesen ist dergestalt, daß ich
mich nun meinerseits um Hilfe wende an Dich.
Ein Mensch, den sie den Quaestor nennen (wie passend!), und ein gewisser Dr.
Copeland (oh, ich weiß, mein Freund, ich habe ihn aus Deiner Schilderung in
der Kutsche damals sofort wiedererkannt, als er vor einer Woche hier eintraf –
auf der Vernissage damals indessen ist er meiner Aufmerksamkeit platterdings
entgangen, vielleicht bin ich ein weniger guter Beobachter als Du?) – wie dem
sei, dieses duo infernal führt hier das Kommando, seit Sir Enid nicht mehr ist,
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was sich darin ausdrückt, daß sie im Grunde gar kein Kommando führen und
demzufolge hier - wie soll ich es nennen? - die letzten Hemmungen und Grenzen zusammengebrochen sind. Das beginnt mit der Art und Weise, wie Sir
Enids Leichnam heute morgen ohne viel Federlesens irgendwo an der östlichen
Grundstücksgrenze verscharrt wurde, nachdem man ihn gestern nacht aus der
Mine geholt und hergebracht.
Der Maler ertränkt sich Gottseidank in Alkohol – aber ich zittere für den Moment, da er halbwegs nüchtern sein wird und in den Keller will. Cirka die Hälfte
der Schwarzen ist weggelaufen – Nachrichten laufen hier ein, daß man die armen Kerle überall im Landstrich abknallt, wo sie auftauchen, es ist grauenvoll.
Aber selbst die, die noch da sind, gehorchen nicht mehr recht – sie trinken wohl
auch gelegentlich die Flaschen aus, die der Maler übrigläßt, sie werden ungeschickt, gestern abend hat einer in meinem Schlafraum die Vorhänge in Brand
gesetzt, das Feuer konnte mühsam gelöscht werden. Ich mag nicht in die Zukunft schauen, ich fürchte, der Augenblick wird kommen, daß diese Wilden vor
dem Verlies der Frauen, das sie bislang mit heiligem Respekt behandeln, nicht
mehr haltmachen. Oh, Domenic, alles ist so gräßlich – und ich brauche den
Freund.
Auf sonderbare Weise scheine ich hier unter so etwas wie Hausarrest gesetzt.
Oh, versteh mich, das würde niemand zugeben, aber sobald ich mich in den
Park begebe, folgen mir drei bis vier der weißen Diener. Noch Unangenehmeres
erlebe ich, wenn ich mich versuchsweise den Kellern nähere. Sonntag oder
Montag hatte ich mich gegenüber dem Arzt – ich kann es nicht anders ausdrücken – zu verantworten, er stellte ein regelrechtes, jawohl, Verhör mit mir an
und ließ sich durch meine Empörung nicht davon ablenken.
Mir geht es um Fiona de Cato – Du verstehst?! Ich würde sie sehr gerne in Sicherheit bringen, aber ich fürchte, ich kann es nicht, jedenfalls nicht allein. Du
willst die Deine retten, ich die meine (die nichts von ihrem „Glücke“ ahnt) und
die, solange ihr Gatte lebt, von mir auch immer nur von Ferne wird verehrt werden können – einerlei!
Ich die meine, Du die Deine – wie wäre es, frage ich Dich als Freund, wenn wir,
sozusagen in der Mundart des Militärs, unsere Kräfte vereinigten? Ich führe die
Hauptspitze, und Du deckst die rechte oder linke Flanke – oder umgekehrt.
Nein, im Ernst: Komm hier vorbei, wann Du kannst. Ich mache mir gerechte
Hoffnung, daß Dein Eindringen hier herein diesmal nicht bemerkt werden wird,
wenn Du bestimmte Regeln befolgst. Krieche nicht irgendwo und irgendwann
am hellichten Nachmittag heimlich über den Zaun, sondern komme ganz offen
zum großen Tor, zur Verladestation, und zwar heute, innerhalb der ersten zwei
Stunden nach Mitternacht. Ich denke, daß ich hier unter der weißen Dienerschaft noch genügend Rückhalt habe (jedenfalls noch für ein, zwei Tage), daß
ich Dir abermals (so wie mit diesem Brief) jemand Vertrauenswürdigen schi ken kann, der Dich dort abholt und unbeobachtet hier hereinbringt.
Bist Du erst einmal hier – vorausgesetzt, niemand ahnt von Deiner Existenz - so
wirst Du Dich, glaube ich, in dem großen Hause einigermaßen unbeobachtet
bewegen können, es gibt unendlich viele ungenutzte Zimmer als Versteck. Zumindest sollte es uns möglich sein, uns heimlich zu treffen und einen Plan zu
schmieden!
Wie immer es kommt, steh’ Deinem alten Freunde bei! –
416
Ich liebe Dich!
Stets der alte
Seb
.....
Ich ließ die Blätter sinken.
Franklin Stifel stand immer noch abwartend bei der Tür.
„Sie haben recht“, sagte ich. „Es braucht keine Erwiderung.“
Er neigte wie in Zustimmung den Kopf und machte Anstalt, sich zurückzuziehen.
„Warten Sie!“ sagte ich hastig - und er verharrte mit hochgezogener Augenbraue. „Falls Sie
Mr. Frideric-Horne sehen, nur falls Sie ihn sehen sollten – das ist der Gentleman, der Ihnen
den Brief anvertraut – dann richten Sie ihm bitte aus, daß ich heute in den beiden ersten Stunden nach Mitternacht … unten am Lagerhaus sein werde. Wenn Sie ihn nicht sehen, so ist es
einerlei, er erwartet mich ja. Er soll mir jemanden schicken, zum unauffälligen Abholen, zum
heimlichen Einschleusen ins Haus, er soll mir jedenfalls jemanden schicken – vielleicht Sie?“
Franklin Stifel zeigte ein schmales Lächeln. „Vielleicht mich, Sir“, wiederholte er.
Ich sah, wie er einen Augenblick überlegte, ob er mir noch Weiteres vertrauen sollte, dann
setzte er zögernd hinzu: „Ich denke, es kann nur von großem Nutzen sein, Sir, Mr. Holland,
wenn Sie kommen. Die Dinge dort müssen sich grundsätzlich ändern …“
„Ich weiß“, sagte ich leise, „ich weiß … das habe ich hier gelesen. – Nun gut … kehren Sie
jetzt zurück nach ‚Unicorn Mansions’.“
Er neigte leicht den Kopf, und eine Sekunde später war er hinaus.
Ich hörte vor dem Fenster seine Schritte verklingen und war allein.
.....
Ich stand noch einen Moment wie benommen, dann suchte ich mir einen Stuhl beim Tisch
und ließ mich darauf nieder. Die Blätter in meiner Hand zitterten. Mir schien, mich wollte
angesichts der neuen Entwicklung neue Schwäche befallen - ich ächzte. So Vieles hatte ich zu
überlegen, so viel!
Der Tonfall des Briefes schien mir eine sonderbare Mischung aus kunterbunter Tollheit und
Heiterkeit, wie ich sie an meinem Freunde immer geschätzt, und schierer Verzweiflung, eine
Melange, die mich zutiefst beunruhigte. Ich dachte an seine hinreißenden grauen Augen.
Immerhin – jetzt war es eindeutig am Tage: Während ich ihm bitter unrecht getan, weil ich
seine Loyalität angezweifelt, mehr als das, ihn finster auf der Seite der Schurken gesehen –
417
schrecklicher Moment, als er dort hinten aus dem Sessel aufgestanden und scheinbar nur kaltes Interesse bekundet an meiner Hinrichtung - so war er in Wahrheit doch nur als ein tapferer
Engel dorthin eingedrungen, um den Feind zu besiegen. Ich, ich, der ich meinen dunklen Verdächten erlegen, hatte, wenn man so wollte, ihm die Treue gebrochen, nicht umgekehrt - er
dagegen war mir immer unverändert geblieben. Ich hatte ihn verleugnet wie Petrus einst den
Jesus Christus - er hatte sich dafür revanchiert mit einem Messer in meiner Tasche, welches
mir das Leben gerettet. –
Denn eindeutig: Ohne diese scharfe Klinge wäre ich unwiderruflich verloren gewesen, und
meine Leiche wie die von Enid Luciter lägen jetzt noch unentdeckt dort in den höllischen
Tiefen der Mine.
Ja, er war mir treu geblieben. Und was er über Fiona de Cato gesagt … Ich las die betreffenden Zeilen ein zweites Mal. Auch ihr und ihrem Gatten hielt er das Vertrauen in einer derart
edlen Manier, daß ich mich fast dafür schämte, wie ich nur egoistisch meinem Ziele gefolgt.
Ja – welches Wort hatte er dafür benutzt; ich schaute nach – ja, so war es wohl: Ich hatte Auberge „gejagt“ – natürlich hatte ich geglaubt, es ihretwegen zu tun – ja, aber ich hatte sie „gejagt“, gleichsam ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Rücksicht darauf, ob sie gerettet sein
wollte oder nicht oder welche Gefühle sie mir gegenüber möglicherweise überhaupt hegen
mochte. Welche Gefühle sollten dies sein?
Woher sollte sie sie nehmen, die sie mich nicht kannte? Ja, gewiß, dachte ich, aber sie hatte
mich in den Kellern von ‚Unicorn Mansions’ in die Arme geschlossen. Und Virginia Sykes
hatte gesagt: „Da ist er wieder, unser Todesengel …“ - Da war er wieder, dieser scheußliche,
wenngleich ferne Verdacht, daß ich auf irgendeine komplizierte Weise am Tode all der anderen Mädchen schuld sei?
Was mich auf die konkrete nähere Zukunft brachte. Heute nacht - abermals, zum dritten Mal würde ich also heimlich in ein Anwesen Sir Enid Luciters eindringen, den es inzwischen gar
nicht mehr gab. War dies, mein Eindringen, gut oder war dies schlecht? - gemessen an den
Folgen, die es auf irgendeine geheimnisvolle Weise heraufrufen würde. –
Ich würde dorthin eindringen, dachte ich, und meine Auberge wiedersehen und retten. Ich
würde damit den ausdrücklichen Wunsch, die letzten Worte eines Toten mißachten: „Halten
Sie sich von meinen Töchtern fern.“ Der gute Vater wollte seine Kinder schützen, vor mir
schützen, wußte er irgendetwas Schreckliches, etwas, das ich nicht wußte und das gleichwohl
mit mir zusammenhing? Im übrigen: Töchter, welche Töchter? Aber – ich hob die Hände gegen die Schläfen – dies war zu viel: Eines nach dem anderen, dachte ich, eines nach dem
anderen. Alles würde sich mit der Zeit weisen.
Ich würde also dorthin vordringen. Ich könnte so etwas für Fiona de Cato tun und damit für
meinen edlen, besten, ältesten Freund Seb, der mich dringend erwartete, der – das war anders
als die anderen Male sonst – der mein Kommen diesmal ausdrücklich wünschte. Ja, ich würde
helfen können, heilen können, gutmachen können – ich würde retten, retten, sogar Virginia
Sykes. Ja, Gott im Himmel, keine Frage, es war gut, es war richtig und mehr als berechtigt,
daß ich dorthin eindrang.
Ich faltete mit bebenden Händen den Brief zusammen und steckte ihn in meine Tasche. Ich
erhob mich von dem Stuhl, trat hinüber zu meinem Lager, auf dem Jane und Stewart Pinnick
mich gesundgepflegt, und ließ mich halb kniend darauf nieder, um aus dem Fenster in den
grauen, sinkenden, späten Nachmittag zu starren. Halb sah ich die sich den seichten Hang
hinabziehenden Reihen der Elendshütten unterhalb liegen, mit ihren krummen OfenrohrSchornsteinen, aus deren wenigsten weißer Rauch stieg, halb sah ich sie nicht. Halb sah ich
die zerfahrene, karge Erde zwischen den Baracken, die der Regen ausgewaschen hatte, halb
sah ich sie nicht.
418
Botallak: mein armes, trostloses Nest – heute würde ich dich letztmalig verlassen, das wußte
ich mit sonderbarer Sicherheit – ich würde nicht zurückkehren, so nicht und so nicht. Armes
trostloses Botallak, windschiefe Elendshütten aus Holz und Blech einen traurigen Abhang
hinab und dieses schäbige, winzige Haus der Pinnicks in der obersten Reihe ... und trotzdem
bist du mir eine Zeitlang wunderbare Heimat gewesen, Botallak, hast mich gerettet - und nur
herrliche Menschen hier: Sondra Miles, Jennifer Hamlock und all die anderen und Stewart
Pinnick und die gute Jane … Heute mußte ich euch verlassen, und es war richtig, obwohl ich
es andererseits nicht gerne tat.
Ich überlegte, und nach einem Moment stand ich auf. Ich ging an die Brotbüchse, nahm das
angeschnittene Brot, das darin lag, heraus, fischte aus den ergiebigen Taschen meines Mantels
meinen Beutel - ja, welchletzteren mir all unterdessen niemand entwendet und der mich trivialerweise sogar durch die Torturen der Mine begleitet – ich nahm das letzte Geld, das von
Finlay Burkitts großzügiger Spende übriggeblieben, es mochte die knappe Hälfte der ursprünglichen Summe sein, nahm ein Messer aus der Schublade, machte einen kleinen Schnitt,
legte das Messer zurück und drückte die Münzen von unten durch die Kruste des Brotes hinein. Dort würden sie sie finden, wenn ich weg war – zwei Sovereigns und etwas Kupfer für
ein gerettetes Leben, schäbig, wenig, allzu wenig, wie ich trübe befand, aber vielleicht als
hilflose Geste wohlverstanden. Ich danke Euch, meine geliebte Jane, geliebter Stewart – ihr
wart unaussprechlich gut zu mir …! Ich kann nichts sagen …
.....
Der Rest des Nachmittags, der Rest des Abends war Warten. Ich war von einer eigenartigen
Unruhe, während draußen die Dunkelheit fiel, die Nacht kam. Wie beschreibe ich diesen Zustand? Einerseits wußte ich, was kam. Ich kannte die Örtlichkeit. Und ich würde Auberge und
die anderen und meinen Freund Seb wiedersehen, der mein Kommen erwartete. Und es würde
schlecht ausgehen oder gut, es würde irgendwie ausgehen. Alles bisher war immer irgendwie
ausgegangen. Einerseits fühlte ich größere Sicherheit, als wie ich das erste Mal mit dem Boot
von Peter Hobblit lautlos auf ‚Morass Manor’ zugetrieben. Der weiße, milchige Nebel, der im
Mondschein über dem nächtlichen Flusse hing …
Andererseits all die ungeklärten Fragen, die Geheimnisse … halte dich von meinen Töchtern
fern … Ich wußte mit hundertprozentiger Gewißheit, daß ich in wenigen Stunden in ‚Unicorn
Mansions’ sein würde … und doch war es gleichzeitig so, als hätte ich mir sagen müssen, in
wenigen Stunden würde ich mich auf einer Reise zum Mond befinden, draußen durch das
helle Licht im All, und der Mond kam groß auf mich zu … Ich würde wieder in ‚Unicorn
Mansions’ dort hinter dem Hügel sein … aber unwirklich, unschilderbar all dies …
.....
419
Bald nach Mitternacht kamen Stewart und Jane gemeinsam nach Hause. Ich hatte kein Licht
aufgesteckt, um ihren Talg zu schonen. Sie verwunderten sich etwas darüber, und gemeinsam
entzündeten wir den Leuchter.
Ich zeigte den Brief vor, erläuterte die Umstände, wie ich in ihrer Abwesenheit daran gekommen, erzählte das wenige Notwendige, das sie noch nicht kannten, über Sebastian, Fiona
de Cato und Virginia Sykes und unterrichtete sie vom Inhalt des Briefes und daß Seb mich
dort haben wollte. Dies alles, obwohl ich mich kurzgefaßt, mochte doch wohl eine halbe
Stunde gedauert haben – zum letzten Male saßen wir gemeinsam am Tisch um die Kerze –
und obwohl ich aufbrach, um Auberge, Fiona de Cato und Virginia Sykes zu retten, war mir
doch weh ums Herz.
„Gut, so heißt es also Abschied nehmen“, stellte Jane trocken fest. Ihrem strengen, guten Gesicht unter dem blonden, ergauenden Haar war keinerlei Regung abzulesen.
„Ja“, gab ich zu.
„Nun gut“, meinte sie. „Willst du noch etwas essen, Junge?“
„Nein“, entgegnete ich hastig, da ich fürchtete, sie würden das Geld im Brot finden.
„Du mußt etwas essen, Junge“, beharrte sie.
„Nein, nein“, sprach ich, „ich komme sonst zu spät. Sie erwarten mich spätestens um zwei, ihr
habt doch gehört. – Mrs. Pinnick, Mr. Pinnick … wie ihr zu mir gewesen, ich weiß nicht, was
ich sagen soll …“
Jane stand auf, kam heran zu mir, küßte mich, wie zur Begrüßung, zum Abschied auf den
Mund. Wir umarmten uns. Dann ging sie zu ihrem Stuhl zurück. Ich wollte auch Stewart umarmen, aber er blieb sitzen und hielt mir nur die Hand hin. Ich drückte sie und spürte die harte,
rissige, mich unendlich anrührende Haut, die Schwielen, die harte Arbeit, ein Leben lang.
„Gott sei dir gnädig, mein Sohn“, sagte er, „und beschütze dich auf all deinen weiteren Wegen …“, als ich bereits in der offenen Türe stand.
Es stimmte: Er sprach wirklich nur, wenn es unumgänglich nötig war.
Jane schwieg jetzt und blickte mir gerade in die Augen.
Ich zögerte eine Sekunde. Ich nickte zu den beiden Leuten zurück, die traulich um die Kerze
saßen. Ich hoffte, daß sie meine Tränen nicht sahen und schlug die Türe hinter mir zu.
.....
Ich wanderte im Mondlicht, schritt rüstig aus, nahm den Weg, den ich schon einmal gegangen. Den Tag über war es noch grau und bedeckt gewesen, den Abend über aber war der
Wind vom Meer her aufgefrischt, hatte Wolken vor sich hergetrieben, die im Lauf der Zeit
fleckiger und dünner geworden, so daß nun das bekannte grauweiße Licht herniederströmte
und mich auf meinem Wege zwischen den Mäuerchen enlang der Wiesen und Äcker begleitete. Schon das erste Mal, als ich mich umdrehte, war Botallak hinter dem Hang verborgen
gewesen, den hinab es sich erstreckte, und ich konnte es nicht mehr sehen.
420
Ich überlegte, daß ich ungefähr eine halbe oder dreiviertel Stunde brauchen würde, schwer abzuschätzen, wieviel ich einsparte, da ich nicht über den spitzen seitwärtig gelegenen, einsamen Hügel zu klettern brauchte wie beim ersten Mal. Und da war er auch bereits wieder, eine
halbe Meile voraus, ein weithin sichtbares Landschaftszeichen, blaß im Mondlicht. Als ich
ihn sah, hielt ich mich links, folgte dem Hauptweg, der hier etwas in eine Senke hinein abfiel.
Vorne erkannte ich bereits undeutlich die Gebäude am Eingang, die Stallungen, als ich näher
kam, auch das Tor und den Zaun. Dies hatte sicher weniger als eine halbe Stunde gedauert. Es
mochte eins sein, kurz danach, zwischen eins und halb zwei, die Nacht war frisch, aber nicht
kalt.
Es war eigenartig, offen auf dem Hauptweg zu laufen und sich nicht zu verbergen, aber da
mein Kommen sowieso kein Geheimnis darstellte, jedenfalls denen nicht, die mich erwarteten, sah ich keinen Anlaß zur Heimlichtuerei - ungesehen würde ich ohnehin nicht hineingelangen, man stand bereit, mich zu geleiten. Zum Verstecken bestand wahrlich kein Grund –
kein Grund; ich kam sehr spät darauf, es dennoch zu tun, und in einem plötzlichen, sehr verspäteten Anfall von berechtigter Panik setzte ich über eines der seitlichen Mäuerchen hinweg
und verbarg mich dahinter und hinter einem kleinen Dickicht von Föhren, schweratmend,
geduckt.
Mit klopfendem Herzen wartete ich eine Minute ab, ob man mich gesehen, ob geschrien
wurde, ob gar jemand hergelaufen kam, um mich zu holen. Aber nichts dergleichen geschah.
Schließlich reckte ich sorgsam meinen Hals hervor und betrachtete die Anlage in cirka 300
Fuß Entfernung. Sie lag friedlich.
In der Mitte befand sich das Tor, überbreit, so daß dort mehrere Kutschen nebeneinander hätten hinein- oder hinausfahren können: ein Stück beweglichen Zaunes, das sich in seiner Gesamtheit zur Seite aufschwingen ließ, überspannt von einem Halbbogen aus Holz. Gleich dahinter erhoben sich beidseits der Zufahrt, baugleich identisch einander gegenüber, zwei Wärter- oder Pförtnerhäuschen, klein, mit zierlichen, schmucken Zwiebeldächern, nicht viel mehr
als Gartenpavillions. Weiter hinten, vor den ersten Bäumen des Parks, gab es eine ganze
Menge flacher, langgestreckter Gebäude: Magazine und Stallungen, nahm ich an, die meisten
aus Stein errichtet, wenige aus Holz. ‚Unicorn Mansions’ selbst konnte man von hier aus natürlich nicht sehen, das war noch eine gute halbe Meile in den Park hinein. Aus der Ferne
hatte ich all dies im übrigen bereits oben vom Hügel aus beobachtet. Nichts war mir daher
wirklich neu oder überraschend.
Das Interessante derart aus der Nähe jedoch waren die Pförtnerhäuschen; ringsum fast völlig
verglast, deshalb gemahnten sie mich ja an Gartenpavillons, so daß man gut im Rund herausblicken und jetzt auch hineinblicken konnte, jedenfalls in das rechte der beiden – denn dort
brannte Licht, während das linke gänzlich dunkel lag. - Der Pförtner saß in dem rechten der
Häuschen – oder jedenfalls, meinte ich, hätte er dort sitzen sollen. Das Merkwürdige war, daß
dort zwar helles Licht brannte, aber niemand schien da. Ich beobachtete dieses Glashaus vorsichtig, eingängig, über Minuten, aus meinem Föhrengebüsch heraus, aber ich sah dort keinerlei Kopf, keine menschliche Gestalt, keinerlei Bewegung.
Das war sehr seltsam, dachte ich. Wenn jemand dort war, wieso sah ich ihn nicht irgendwann? Und wenn andererseits wirklich niemand dort war, wieso hatte man das Licht brennen
lassen? Und auch - dritte Variante - wenn sich dort etwa jemand versteckte, der unter Umständen mich sehen, aber selbst nicht gesehen sein wollte, wäre es da nicht verdammt viel
klüger gewesen, das Licht zu löschen und mich nicht unnötig aufmerksam zu machen? Im
Hellen zu sitzen, während ich aus dem Dunklen herankam? Was ging da vor? –
Mein Blick glitt hinüber zu dem dunklen Pförtnerhaus auf der anderen Seite, ob sich etwa dort
jemand verbarg, aber da es auf dieser Seite, wie ich bereits zuvor bemerkt, gänzlich finster
war, konnte ich natürlich bezüglich eines Hinterhalts erst recht nichts ausmachen. Zudem, was
421
hieß verbergen – hatte man mir nicht eigentlich bedeutet, daß man mich erwartete? … hineingeleiten würde?
Ich beobachtete das Ganze, bis mir die Augen tränten, aber da war keinerlei Bewegung. Was
hatte ich zuvor gemeint, das Anwesen lag friedlich? Im Gegenteil, ich konnte es nicht mehr
friedlich nennen – es machte mir die pure Angst.
Schließlich raffte ich mich zusammen, pirschte mich hinter den Föhren und dem Mäuerchen
näher und näher und sicherte aufmerksam hinüber. Aber das Ergbnis blieb auch aus größerer
Nähe gleich, ich sah keinen Menschen. Schließlich ging es nicht mehr weiter, ich kam nicht
näher heran, sondern mußte über die Mauer zurück. Ich spähte ein letztes Mal aus, ergebnislos, dann setzte ich über die Einfassung und schritt nun langsam, etwas gebückt und uneingeschränkt alarmbereit, wieder auf dem offenen Fahrweg gehend, vorsichtig der Schranke entgegen.
Es geschah nichts, es blieb absolut still.
Neben dem großen Tor gab es seitlich eine weitere Öffnung, ein schmales Türchen, für den
Fall, daß der einzelne Passant hineinzugelangen wünschte, so wie ich jetzt, und daß man nicht
extra die breite Barriere für die Kutschen öffnen mußte. Die Nackenhaare stellten sich mir
auf, als ich nach dem Knauf griff, der das Türchen öffnete. Es blieb gänzlich still, so daß man
das Knarren dieser Tür weithin gut vernahm, obwohl ich vorsichtig war - auch im Park war
keinerlei Laut, ich hörte keine Hunde oder dergleichen. Im gläsernen Pavillon brannte hell das
Licht.
Sollte ich rufen? Sollte ich halblaut fragen: „Heda?“ – Ich sah jetzt, daß die Tür zum Pavillon
nur angelehnt war. Ich trat dort hinüber, meine Schritte knirschten auf dem nächtlichen Kies.
Nein, ich rief nicht „heda“, trat nur heran und zog behutsam die Tür auf, um hineinzublicken.
Mein erster Eindruck war: Blut. Es triefte buchstäblich von den Wänden. Es waren dies
Wände, die mehr oder weniger nur bis in Bauch- oder Brusthöhe reichten, oberhalb gab es,
ich hatte dies erwähnt, eine Konstruktion lediglich von Balken und Sprossen und Fenstern, die
das Dach trugen. Unterhalb, die ganze hölzerne, innen weißgestrichene Wand, war bespritzt
von einer Unmenge Blutes, das in einem feinen Gesprüh von Tropfen, verschmierten Stellen,
auch großen Klecksen, Flecken, breit herabrinnenden Bahnen, in verschiedenen Rottönen dort
herunterlief, und auch auf dem Glas der Fenster, das hatte ich von außen gar nicht bemerkt,
klebte an vielen Stellen das Blut.
Der Boden war allenthalben verschmiert von dem Lebenssaft. Zur Seite saß, mit hängenden
Armen gegen die Wand gelehnt und die Beine flach zur Mitte hin ausgestreckt, mit gebrochenen Augen in meine Richtung starrend, in seiner Dieneruniform jener Mann, der mich am
Abend der Vernissage einst an seinen Herrn verraten, ich erinnerte mich, daß sein Name
o’Haney gewesen. Soweit ich erkennen konnte, war seine Kehle durchschnitten, denn die
ganze Brust der Uniform, der Bauch, der Schoß, war vom Halse an abwärts dunkelrot getränkt. Ich hatte ihn nur das eine Mal flüchtig gesehen, wir hatten kaum zwei unpersönliche
Worte miteinander gewechselt – und schon war er zu seinem Herrn und Meister gelaufen, den
es inzwischen auch nicht mehr gab, und er hatte mich angezeigt. Er hatte mich denunziert, aus
Loyalität, aus Dienstbarkeit und Treue – jetzt lag er hier ermordet, und sein Herr konnte ihm
nicht mehr helfen.
In der Mitte des Raumes, die Hand zwischen die Füße von o’Haney ausgereckt, lag ein lediglich mit einem Lendenschurz bekleideter Neger bäuchlings, mit einer kleinen, aber üblen
Stichwunde im Rücken. Sonderbar war, wie hell sein Blut zu der dunklen Haut kontrastierte,
das Blut genauso rot wie das o’Haneys. Auf der Vorderseite des starken Schwarzen mochten
sich weitere erhebliche Verletzungen befinden, denn eine riesige Lache hatte sich unter seinem muskulösen Körper ausgebreitet.
422
Halb in diese Lache hingestreckt lag, seitlich verkrümmt, rittlings, ein zweiter Neger, dieser
gänzlich nackt, keinen Faden am Leib. Ich vermutete, daß er sich sehr gewehrt, denn seine
Hände und Arme zeigten sich grauenvoll zerschnitten, sein Gesicht übel zugerichtet. Getötet
worden war er schließlich offenbar durch einen Stich ins Herz, wie ich erkennen konnte, denn
ein kleiner Dolchgriff ragte dort noch, hübsch und silberverziert, makaber perlmuttglitzernd,
aus seiner Brust.
Ganz zur Rechten lag der vierte Mann, auch er war natürlich genauso tot wie die anderen, wie
o’Haney mit durchschnittener Kehle und wie er, ihm gegenüber, halb gegen die Wand gelehnt, auch er in Dieneruniform.
Auch ihn kannte ich. Ich blickte fassungslos in sein junges, erloschenes Gesicht. Nein, es war
nicht Franklin Stifel, nein – aber ihn hatte ich vor zwei Wochen für kurze Zeit im Keller von
‚Morass Manor’ kennengelernt: Es war James Crucible, der, den Virginia Sykes geliebt ...
Für eine Minute oder noch länger war ich zu etwas wie kochendheißem Eis gefroren. Ich hatte
dergleichen nie gesehen, geschweige denn erwarten können. Ich hielt mich am Türpfosten.
Ich war mir absolut unsicher, ob ich mich nicht etwa übergeben müßte. In dem kleinen, engen
Raum, obwohl die Tür nicht ganz geschlossen gewesen, herrschte ein Geruch, wie ich ihn
schlechterdings nicht beschreiben kann. Ich wußte nur eines sicher - sofern ich überhaupt irgendetwas denken konnte: Ich wußte nur, daß hier etwas fürchterlich schiefgegangen war. Ich
wußte, hier war etwas nicht Absehbares geschehen, und es mußte höllisch plötzlich heraufgezogen sein, denn dergleichen hatte sich des Nachmittags, als Franklin Stifel mich besucht, als
Sebastian ihn zu mir gesendet, offensichtlich noch nicht angekündigt.
Sebastian war in heftiger Sorge gewesen, das hatte der Brief mir hinlänglich verdeutlicht.
Aber mir war klar, daß es auf einem gänzlich anderen Blatte geschrieben stand, wenn hier vier
Diener des verblichenen Enid Luciter meuchlings hingeschlachtet. Das hatte er nicht gefürchtet.
Er hatte gefürchtet, ja, das wohl - aber anderes – und das tat ich nun auch. Ich starrte brennend zu meinen Füßen. Ich fürchtete um Sebastian, um Fiona de Cato, um Virginia Sykes und
um Auberge … Wie mochte es erst drinnen im Hause hergehen oder zugegangen sein, wenn
es bereits in der Pförtnerhütte derartig aussah. Was war hier geschehen?
Ich stieß mit dem Rücken die Tür wieder auf und taumelte rückwärts hinaus. Als ich heraußen
war, hörte ich das wilde, knirschende Mahlen von Rädern im Kies. Aus dem Park heraus kam
in erheblicher Geschwindigkeit ein offener, nur zweirädriger Einspänner angesprengt, kaum
das Richtige für derartige Nacht und Winterwitterung. Ein Mann saß nicht, er stand auf dem
Bock und hielt die Zügel locker und geläufig in den Händen, als das Gefährt herangeprescht
kam.
Ich stand wie Eis. Vielleicht wäre es sogar noch Zeit gewesen, fortzulaufen, davonzuhetzen,
sich im seitwärtigen Buschwerk zu bergen, - vielleicht, aber ich weiß es nicht. Sicher ist, ich
hätte nicht gekonnt. Zu sehr waren meine Beine wie toter Lehm.
Die Diligence kam heran, einen Augenblick dachte ich, er wolle mich von dem Gaul niederrennen, niedertrampeln lassen, Aber er meisterte das rasende Fahrzeug mit Lässigkeit, er
stand und zerrte an den Riemen. „Brrr …!“ hörte ich ihn halblaut rufen.
Ich zitterte am ganzen Leibe wie Seegras im Winde. Knirschend kam der Wagen zwei Fuß
von mir zum Stehen. Er blickte herab, ich stierte hinauf. Wie nun dies? – ich verstand überhaupt nichts mehr.
Ich kannte sein Gesicht, gewiß, ich kannte es - konnte aber, wie vormals, es schlecht einordnen, weil es so blaß, so blond und nichtssagend war. Kaum hatte man ihn gesehen, diesen
423
Menschen, war er auch schon wieder vergessen. Dann, endlich, sackte die Erkenntnis, und ich
wußte wieder, wo ich ihn zuvor getroffen.
„Schön, daß Sie da sind“, sagte der Mann, „steigen Sie auf. Wir haben Sie dringend erwartet.“
– Und, als ich atemlos und bewegungsunfähig verharrte: „Na los, nun kommen Sie schon!“
Ich ging herum und kletterte hinauf.
„Haben Sie das da drinnen gesehen?“ fragte ich mit flauer Zunge und zeigte auf das hellerleuchtete Pförtnerhäuschen.
„Wir haben alles gesehen“, schnarrte er ungnädig, „hier und im Haus. Man kann nur beim
besten Willen nicht behaupten, wir hätten es augenblicklich im Griff. – Wie immer dem sei,
Mr. Holland, halten Sie sich fest.“
Ich blickte ihn seitlich an, als er mit großem Geschick vor der Schranke den Wagen wendete:
ehemals Frank Purcell, seinerzeit unter einer Kutsche zu Tode gekommen, seither Bo Swensson, Informer und Bow Street Runner in Diensten von Noah Whelmsley.
.....
„Ist Mr. Whelmsley auch hier?“ fragte ich hoffnungsstark, als wir durch den Park hin zum
Anwesen preschten und uns im grauen Mondlicht unter niedrigen, uns ins Gesicht peitschenden Zweigen von Trauerweiden bücken mußten.
Bo Swensson lachte freudlos. „Nun, was meinen Sie, Mr. Holland“, erkundigte er sich tro ken. „Sieht Noah Whelmsley so aus, als ob er weite Reisen nach Cornwall unternähme? –
Nein, er ist in London, aber Dr. Gaddison ist hier und Chase und andere Freunde auch, die Sie
kennen.“
Ich erinnerte mich düster an Chase. Das war der Lenker von Whelmsleys Kutsche in jener
fürchterlichen Nacht nach der Ermordung Rosetta Manderleys gewesen, der uns nach Bunhill
Fields respektive Finsbury gebracht. Und auch Dr. Gaddison tauchte vor meinem geistigen
Auge auf, der Arzt, der seine Approbation verloren, auf den gleichwohl Whelmsley große
Stücke hielt, Gaddison, wie er sich über mich gebeugt und mir Cognac eingeflößt, ein Mann
von vielleicht vierzig Jahren, mit ernstem, schmalem, glattrasiertem Gesicht und Augengläsern.
„Seit wann sind Sie alle hier?“ fragte ich Swensson.
„Oh, das ist kompliziert“, entgegnete dieser. „Unterschiedlich. Mr. Frideric-Horne war der
erste, der in unserem Auftrag hier eintraf. Aber er war schon seit gut vierzehn Tagen hier.“
„Sebastian?!“ rief ich. „Er ist hier in Ihrem Auftrag?“ Ich entsann mich der einen, etwas rätselhaften Stelle seines Briefes. So also war die Lösung … so einfach, wenn ich so ehrlich sein
sollte, dies zuzugeben.
Bo Swensson musterte mich mit schnellem Blick. „Im Auftrag Mr. Whelmsleys, um genau zu
sein“, sagte er knapp. „Mr. Frideric-Horne, hinter der Fassade des erfolgreichen Anwalt, ist
ein recht zweckvoller Bow Street Runner, Sir. Haben Sie das nicht gewußt? Seit Jahren auf
Sir Enids Spuren, was sich indessen dieser Tage erledigt hat. Nun, wie dem sei, als Sie hier in
Cornwall auftauchten, schlug Sebastian Frideric-Horne Alarm. Er tat das, indem er Dr. Gad424
dison noch einmal nach London zurückschickte. Gaddison hatte seit anderthalb Wochen hier
gewohnt, in St. Ives, muß man der Genauigkeit halber sagen, in einem Bed&Breakfast Place –
soll sehr nett da sein. Und so reiste er nun als Mr. Frideric-Hornes Bote nach London zurück,
am Tag, nachdem man Sie in die Mine gesteckt. Whelmsley in London hörte die Geschichte
und daraufhin schickte er umgehend die anderen und mich hierher zur Verstärkung.“
Bo Swensson schnalzte und schwang die Peitsche über dem Pferd. Wir flogen wie der Wind
unter den Bäumen entlang. Seitab im Mondlicht sah ich den Teich und als weiße Flecken sogar die Schwäne am Ufer, die langen Hälse unter ihr Gefieder gesteckt.
„Wir kamen heute spät am Abend an“, fuhr Swensson fort, „vor etwa drei Stunden, um genau
zu sein. Von Tavistock an einem einzigen Tage bis hier - wir fanden das eine ganz ordentliche
Leistung; leider scheinen wir dennoch zu spät gekommen zu sein, wie Sie sehen. Immerhin
erfuhren wir, daß wenigstens Sie vermutlich aus der Mine herausgelangt sind, ferner, daß es
Luciter erwischt und wo und wie man ihn bestattet hat, falls man da von einer Bestattung reden will, - Verschiedenes reimte sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zusammen, undsoweiter.“
Es war eine wilde Reise. Ich hielt mich krampfhaft an einem Holm der offenen Kutsche fest,
der Wind fuhr mir durchs Haar, während Swensson frei auf der Fläche stand und Peitsche und
Zügel führte. Eine geheime Kraft schien ihn an der hölzernen, bebenden Fläche festzuheften,
er hatte sichtlich keine Angst hinunterzustürzen.
„Wir wissen eines“, sprach er weiter, und er deutete über die Schulter abwechselnd nach hinten und nach vorn, „was immer hier passiert ist - im Pförtnerhaus und im Hauptgebäude: Es
kann erst heute abend geschehen sein, nach Einbruch der Dunkelheit, vielleicht gegen sieben,
vielleicht gegen neun, sehr kurz jedenfalls vor unserer Ankunft – was es besonders ärgerlich
macht. Wenn ich Dr. Gaddison entbehren könnte, würde er das uns bald genauer sagen können, aber ich brauche ihn wie jeden anderen zum Suchen. Und im Grunde ist es gleich, ob es
um sieben oder acht geschah, solange wir nicht verstehen, was überhaupt geschehen ist,
stimmen Sie mir zu?“
In mir häuften sich Fragen über Fragen auf – die ich gewissenhaft abarbeiten mußte.
„Sie brauchen Dr. Gaddison zum Suchen?“ forschte ich. „Zum Suchen wonach?“
„Zum Absuchen der Umgebung natürlich, Mr. Holland, zum Suchen nach weiteren Toten …
oder Überlebenden, hoffen wir das Letztere … Der Mond scheint, die Leute haben Lampen,
es sind zu wenig Leute für dieses Gebiet, groß und unübersichtlich, aber wir bauen auf unser
Glück.“
In mir war ein scheußliches Zittern. Auf einmal konnte ich meine Furcht kaum mehr bemeistern.
„Zwischen sieben und neun“, erkundigte ich mich. „Warum fragen Sie nicht einfach jemanden von denen, wann es geschah?“
Er musterte mich mit einem eigenartigen, abrupten Blick. Wir kamen um eine Kurve, und ein
Stück voraus sah ich das Herrenhaus liegen. Die Vorderfront lag in tiefem Schatten, aber der
Mond stand inzwischen hoch genug über dem Dach, daß der untere Teil der noblen Fronttreppe bereits erleuchtet war. Ich konnte auch die beiden steinernen Einhörner am Fuß links
und rechts der Stufen im Mondlicht erkennen.
„Wen hätten wir wohl fragen sollen …“, sagte Bo Swensson langsam, „wenn niemand da
war, den wir hätten fragen können.“
„Aber Sie haben doch ganz offensichtlich gefragt!“ stieß ich verzweifelt aus. „Woher wüßten
Sie sonst, daß ich aus der Mine zurück war, daß Enid Luciter getötet worden und wo er be425
graben ist – Sie wissen, daß die Bluttat von heute nach sieben geschehen sein muß, aber vor
neun und ähnliches mehr! - Sie waren jedoch zu diesen Zeiten nicht da! Also, bittesehr: Mit
wem haben Sie gesprochen?“
Bo Swensson warf mir einen weiteren dieser sonderbaren, kurzen Blicke zu. „Wir haben uns
auf Sie gefreut, Mr. Holland“, meinte er statt einer direkten Antwort. „Sie werden uns in mancherlei Beziehung weiterhelfen können, hoffen wir. - Uns war klar, daß Sie vermutlich heute
nacht hier eintreffen würden. Ich habe folglich einen der hiesigen Diener Sir Enids auf einem
Pferd zum Tor beziehungsweise in das Wäldchen dahinter geschickt. Als er Sie kaum zwanzig Minuten später im hellsten Mondlicht mitten die Straße heruntertapern sah, wendete er das
Pferd, kam zum Haus zurück, und ich fuhr los und holte Sie ab, das ist alles.“
„Sie wußten, daß ich kommen würde?“ schrie ich erregt und wiederholte die Frage von vorher. „Mit wem haben Sie gesprochen?!“
„Aufzeichnungen, Mr. Holland. – Wir haben mit niemand gesprochen.“
„Aufzeichnungen?“
„Ja, gewiß, Mr. Holland“, sagte er, „wir waren fleißig: Tagebücher.“
„Tagebücher?“ fragte ich entgeistert. „Um Gottes Willen: wessen Tagebücher?“
„Mr. Frideric-Hornes“, sagte Bo Swensson.
Die im Schatten liegende Fassade flog heran, und der Gatte der ermordeten Eusebia Purcell
brachte mit einem ebensolchen kühnen Manöver wie dem zuvor vorne am Tor die Kutsche
wenige Inches neben der aus der Nähe sehr luxuriös wirkenden Treppe zum Halten. Er sprang
ab, ich dagegen wäre fast unkontrolliert zur Seite heruntergefallen. Er schnürte die Leinen der
Pferde flink an der Kutsche fest, sie schnaubten unruhig und überanstrengt, aber sie standen.
Er kam um die Kutsche herum, und mit einer eleganten Bewegung, die fast an einen Tänzer
gemahnte, der seine Partnerin zum beschwingten Walzer bittet, bot er mir an, mir von oben
herunterzuhelfen. Ich war nicht herabgestürzt, Herrgott, und ich besaß genug Stolz, allein
abzusteigen. Ich sprang herab, und er hatte sich bereits gewendet und eilte die Treppen hinauf.
Ich stürzte ihm hinterher, zwischen den Einhörnern hindurch. Zum ersten Male benutzte ich
den Fronteingang von ‚Unicorn Mansions’.
„Sebastian?“ rief ich schrill, während wir die Stufen hinaufeilten, im unmittelbaren Anschluß
an das Vorherige, „was ist mit Sebastian Frideric-Horne? – Ist er tot?!“
„Das wissen wir nicht, Mr. Holland, wir wollen es nicht hoffen. Jedenfalls ist er nicht da.
Seine Tagebücher gaben uns Aufschluß über das, was ich Ihnen erzählt. Der letzte Eintrag
stammt von heute respektive gestern, dem frühen Nachmittag. Zu diesem Zeitpunkt hatte Mr.
Frideric-Horne einen Diener mit einem Schreiben zu Ihnen nach Botallak losgeschickt, um
Sie heute nacht zwischen Mitternacht und zwei hierherzulotsen. Daher wußten wir, wann
etwa Sie zu erwarten wären.“
Oben an der Treppe stand ein Diener in der Livree Sir Enids. Ich kannte ihn nicht. Er zitterte
vor Kälte oder Angst, ich wußte es nicht zu entscheiden. Er hielt uns die Tür ins Haus auf.
„Sie können hier weg“, sagte Bo Swensson flüchtig zu ihm im Vorbeigehen. „Vielen Dank,
mein Freund, gehen Sie zurück zu den anderen. Diese Tür brauchen Sie nicht abzuschließen!“
Ich sah nicht, was der Diener daraufhin machte, vermutlich folgte er einfach der Aufforderung
des Bow Street Runners. Wir liefen, ohne uns zu kümmern, derweilen einen langen Korridor
hinunter, er immer einen halben Schritt vor mir.
426
Er erläuterte zu mir über seine Schulter: „Und was wir nicht aus Mr. Frideric-Hornes Dokumentation wissen - so zum Beispiel, wann das Spektakel heute abend hier frühestens über die
Bühne ging - denn darüber gibt es leider keine Aufzeichnungen mehr von Mr. Frideric-Horne
- das wissen wir von den Dienern.“
Der Gang, den wir liefen, erinnerte mich vage an die Begebenheit, eine gute Woche zurück, in
der die Neger mich aus dem Kellerverlies in den Raum geleitet, wo ich auf Dr. Copeland, Sir
Enid, den Maler Condonniere und am Ende Sebastian Frideric-Horne gestoßen und bevor ich
schließlich zum Sterben in die Mine verbracht worden war. Es erinnerte mich daran, obwohl
an dieser Situation alles ganz anders war. Vielleicht lag es nur daran, daß wir uns demselben
Teile des Hauses zu nähern schienen, in dem damals die vorerwähnte Szene stattgefunden.
„Dienern?“ fragte ich atemlos, während ich ihm hinterherhetzte. „Welchen Dienern, und was
haben die Ihnen gesagt?“
„Nun, als wir hier ankamen, Mr. Holland, fanden wir das Haus verlassen, ziemlich verlassen
zumindest, keine lebende Seele, möchte ich sagen, außer einem Pferd.“
„Bitte was?“ fragte ich fassungslos. „Ich weiß nicht, was Sie meinen.“ Ich jagte ihm hinterher,
er ging sehr geschwind. Nur gelegentlich brannten in diesem sehr trüben Gang Öllichter an
den Wänden.
„Ein Pferd, Mr. Holland“, sagte er ungeduldig im Vorwärtsstürmen, „ein Königreich für ein
Pferd, Mr. Holland - wissen Sie nicht, was ein Pferd ist?“
„Oh, ich weiß, was ein Pferd ist“, rief ich aufgebracht. „Aber ich weiß nicht, was Sie meinen!“
„Ich will es Ihnen ja gerade zeigen. Es ist noch da. Ein verdammter Gaul! Und das war das
einzige Lebende, das wir im Hause fanden, außer den Dienern.“
Ein Pferd war im Haus? fragte ich mich verwirrt. Was sollte dies nun wieder heißen? Mir fiel
ein, daß ich irgendwo gelesen, daß der wahnsinnige Kaiser Caligula im Angesicht des römischen Senats einst sein Pferd zum Senator ernannt, und daß er es sogar hatte in seinem Bett
schlafen lassen.
„Was ist mit den Dienern?“ fragte ich. „Was wollten Sie mir erzählen?“
„Seit drei Stunden sind wir hier“, wiederholte Bo Swensson. „Niemand Lebendiges war hier
außer diesem Hengst, Wallach, Araber, Schimmel, was weiß ich, ich muß Ihnen gestehen, ich
habe keine Ahnung von Pferden. Nun, kurz und gut, wir stellten das Haus auf den Kopf,
gründlich, jeden Winkel, jede Ecke, jeden staubigen Verschlag. Dann den Keller, und dort
fanden wir in einem Gelaß eingesperrt ein halbes Dutzend verschüchterter Diener in Livree
und ungefähr doppelt so viele nackte oder zumindest halbnackte Neger. Wir ließen sie heraus
und erkundigten uns, seit wann sie dort drinnen gefangen wären, - nun, und daher nehmen wir
an, daß es nach sieben gewesen sein muß, daß das Theater hier losging, denn das war wohl
ungefähr die Zeit, wo man sie dort eingeschlossen. - Jetzt sind sie in der Küche, soweit ich
weiß, beruhigen sich, soweit sie können, und fressen allesamt übriggebliebenen Kuchen und
saufen Bier. Ich hoffe, man wird sie dennoch irgendwann mit Anstand verhören können.“
„Sie waren im Keller, Mr. Swensson“, erkundigte ich mich, „und Sie haben dort gewiß alles
gründlich abgesucht? Haben Sie kein Verlies gefunden mit drei Frauen darin?“
Er blickte mich kurz an, bog um eine Ecke und wies mir den weiteren Weg. „Mein Freund“,
sagte er, „wir haben alles abgesucht im Keller – wenn da ein Kirschkern gelegen hätte, hätten
wir ihn gefunden, wenn dort ein Verlies mit Frauen gewesen wäre, hätten wir es definitiv aufgespürt. Ich nehme vielmehr an, daß Sie die Gewölbe meinen, in denen wir die gefangenen
Diener aufgetrieben. Sie können sie sich nachher gerne anschauen, ob es die Fraglichen sind.
427
Aber Frauen waren da nicht, mein Wort darauf, Mr. Holland. Wenn da zuvor Frauen gewesen
sein sollten, so jedenfalls jetzt nicht mehr, glauben Sie mir. Wenn da Frauen waren, so hat
man sie inzwischen von diesem Grund und Boden fortgebracht. – Die meisten zumindest“,
fügte er rätselhaft an.
Erneut überfielen mich der Brechreiz und die elende Furcht. Worauf ging alles dies hinaus?
Wir bogen um eine Ecke. Es war dies definitiv der Gang, den ich damals mit meinen schwarzen Bewachern unten vom Verlies heraufgekommen – ich erkannte ihn wieder – und im gleichen Moment steuerte Bo Swensson bereits auf die schwere Tür zu, hinter der, wie ich wußte,
der langgestreckte Saal mit der Balkendecke, dem Kamin, der Front aus französischen Fenstern zum Park hin lag, mit all den kostbaren Teppichen, Diwanen, Sesseln, der Salon, in dem
ich zum Tode verurteilt worden – und so verhielt es sich in der Tat.
Wir traten ein. Die schwere Standuhr gegenüber zeigte auf neunzehn Minuten vor zwei, das
Pendel schwang tickend, das Feuer im Kamin war erloschen. Anders als beim ersten Mal war
sehr wenig Licht aufgesteckt, das meiste noch rechterhand bei dem Bild. Dort links, wo es
jetzt dunkel war, hatte Luciter, mit den Händen auf seinen Stock gestützt, im Sessel gesessen,
dort bei den Fenstern hatte Dr. Copeland gestanden, dort vor dem Gemälde hatte zum Schluß
Condonniere in seinem sinnlosen Rausch an der Erde gelegen. Wir traten auf das Gemälde zu,
und, ganz gleich, was es einst gewesen oder was es bedeutet - mich überkam schauernde Erschütterung. Abermals fragte ich mich, was hier heute abend vorgegangen.
Denn es war grundsätzlich zerstört. Dutzende von Zerstückelungen hatten in beispielloser
Wut die Leinewand zerfetzt, schnitten durch Gesichter, Brüste, Schenkel und Fels, in breiten
Fetzen und Bahnen hing der Stoff chaotisch herunter, viel war nicht mehr auszumachen als
etwas gischtendes Wasser auf der Linken, als dort auf blankem Fels ein Fuß, vermutlich von
Metis - Virginia Sykes - und, herunterlappend und verdreht, eine Hand, vielleicht von Europa
- Rosetta Manderlay - denn ich meinte auch ein Stück vom Horn des Stiers zu erkennen, und
oben am Rand etwas von dem tödlichen Licht, das über Semele - Asunción Lozano, ja, sie
war die erste gewesen - hereingebrochen. Eusebia Purcells schwangere Gestalt, gewiß, die
Gattin meines Führers, Fiona de Cato in der doppelten Abbildung, Leda – Gossamer Floyd,
und Io, ja, Io, auch meine Auberge, meine Auberge - alle waren sie hingegangen, fort, in Fetzen, man sah statt dessen nur noch den leeren Raum, das Holzgerüst dahinter und die mit einer chinesischen Seidentapete bespannte Wand in einigem Abstand.
„Mein Gott!“ stieß ich hervor. „Wer ist das gewesen?!“
„Tja“, sagte Bo Swensson knapp. „Ich habe es ja nie intakt zu Gesicht bekommen, Mr. Holland. So jedenfalls fanden wir es heute abend vor. Ist mir etwas entgangen? – war es gut?“
„Ich weiß nicht, ob es gut war, Mr. Swensson“, brachte ich mühsam hervor. „Auf jeden Fall
war es … beeindruckend.“
Er nickte, etwas ungeduldig, schien mir.
„Nun, wie dem sei, Mr. Holland: Ich kann dem Gefühl des Verlustes sicher nicht ganz folgen,
den Sie zu empfinden scheinen. Und ein zerstörtes Kunstwerk ist gewiß nicht das Schlimmste,
das Sie heute abend hier antreffen. Um gewissermaßen in den gleichen Kategorien zu bleiben,
Sir, ein toter Mensch ist auf alle Fälle das größere zerstörte Kunstwerk. Meinen Sie nicht?“
Ich dachte an die vier elend Dahingeschlachteten draußen im Pförtnerhäuschen und nickte
schwach. Natürlich hatte er recht. Grauenvoll, entsetzlich, abscheulich …!
„Kommen Sie“, forderte Swensson mich auf und winkte einladend mit der Hand.
Er trat voraus auf das Bild zu, dann rechts daran vorbei und dahinter – ich folgte ihm und
wunderte mich, was wir in dem schmalen Bereich zwischen dem zerstörten Bild und der
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Wand vorhätten. Dann erblickte ich vor uns eine Tapetentür - sie war so gut getarnt, daß ich
sie erst im letzten Augenblick erkannte, bevor Swensson sie für mich öffnete.
„Da hinein“, sagte er knapp.
Dahinter tat sich, sofort rechtwinklig abknickend, parallel zur Wand, Richtung Hausinneres
geführt, ein niedriger, finsterer Gang auf. Ich bückte mich, trat hinein und stockte.
„Keine Sorge“, sagte Swensson, „nur ein Stückchen, Mr. Holland, auf der anderen Seite ist es
wieder hell. Gestatten Sie?“
Und ohne Umstände drängte er sich an mir vorbei und tappte vorauf durch die Finsternis.
„Kommen Sie nur, kommen Sie“, hörte ich seine Stimme in der Dunkelheit. „Was ich Ihnen
hier zeigen will, ist auf alle Fälle das Exquisiteste, das wir in diesem Hause auffanden, als wir
vorhin hier eindrangen. Wir haben es vorerst ganz so gelassen.“
Ich tastete mich seiner Stimme hinterher. Ein Lichtspalt war plötzlich vor mir in der Finsternis, und ich hörte, wie über eine Feder eine Tür aufschnappte. Es war eine Tapetentür der
nämlichen Art wie jene, durch die wir hier eingestiegen.
„Schauen Sie sich das an“, sagte Bo Swensson und stieg vor mir durch die Türe hinaus. Ich
folgte ihm unmittelbar nach.
Wir waren in ein erhebliches, weitläufiges Schlafgemach gelangt, und ich sah, entsetzt, fassungslos, versteinert, was er mir hatte zeigen wollen. Ich weiß nicht, welche Kennzeichnung
ich schließlich dafür gefunden: ‚exquisit’ hätte ich es in keinem Fall genannt. ‚Krank’ vielleicht, oder ‚hysterisch’ oder ‚verschroben’ oder ‚zerstört’ oder ‚erloschen’ - es war auf alle
Fälle das bei weitem Bizarrste, das ich je im Leben gesehen.
Das Zimmer war mächtig und weit, wie gesagt, und es atmete etwas verboten Verruchtes. Es
war ein lästerliches Boudoir, in dem man das Aroma der Sünde gewissermaßen mit allen Sinnen greifen konnte.
„Grundgütiger Himmel, mein Gott!“ würgte ich hervor. Erneut war dieses beängstigende
Klopfen wie von einem Hammer in meiner Brust, und der Brechreiz stieg mir übel im Halse
auf.
Die ganze gegenüberliegende Seite der Örtlichkeit war von einem langfallenden Vorhang aus
rotem Samt verdeckt, hinter dem sich ein weiterer Teil des Raumes verbergen mochte. Vor
dem Vorhang stand ein Lager, ein Bett von auffallender Größe.
Auf dem Bett lag rittlings eine Frau in einem weißen Gewand ausgestreckt, die Beine etwas
übereinandergeschlagen, den Kopf, von wo aus ich schaute, nach rechts und nach vorne gebettet. Gebettet ist nicht der richtige Ausdruck, denn Kopf, Arme, Schultern hingen in beinahe
unnatürlich geknickter Stellung von dem Lager herab, fast als seien ihr das Genick oder der
obere Rücken gebrochen. Aber es war nur die absolute Schlaffheit des Todes, die diese Frau
dort so daliegen ließ, daß ihr Leib in einer Art grauenerregender Eleganz fast von dem Bette
herunterzufließen schien. Es war das nämliche weiße Gewand, in dem ich sie zuletzt gesehen.
Es war also geschehen, dachte ich schwach. Es war also doch geschehen, trotz all meiner gegenteiligen Bestrebungen, und ich hatte es nicht hindern können. Mein Gott, dies war derart
gespenstisch und grauenvoll! Da lag sie, und sie war tot – die schöne Fiona de Cato, nun also
doch, und wie die anderen vor ihr, unwiderruflich, die fünfte Geliebte des Zeus, die fünfte von
sieben, hingeopfert, von einer infernalischen Kette unsagbaren Verhängnisses in den Abgrund
gezerrt.
Man brauchte nicht näherzutreten, ich sah es von dort aus, wo ich stand: Anders als bei dem
Modell zu diesem grauenhaften Bilde lugte bei Fiona de Cato die Brust blank und bloß aus
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dem Gewand, da wo es zerfetzt war, blutbesudelt wie bei den anderen vor ihr, wo man ihr mit
Brachialgewalt den Brustkorb geöffnet und das lebende, blutige Herz herausgerissen.
Ich nahm undeutlich Bo Swensson wahr, der reglos neben mir stand und wie ich darauf
starrte, obwohl er es schon kannte.
Der zweite Tote im Raum war ein Mann. Auch er lag in dem Bett. Es sah aus, als hätte er
zuvor unflätig auf der Hüfte, dem Bauch, der Lende, dem Unterleib Fiona de Catos gehockt
oder gesessen und war nun im Tode heruntergesunken. Er lag nach hinten ausgestreckt mit
dem Gesicht in den Kissen, so daß man deutlich seinen eingeschlagenen Hinterkopf erkennen
konnte. Jawohl, man hatte ihn erschlagen, daran war er gestorben, und ich war sicher, daß
man ihm das Herz nicht entfernt.
Das hätte – ich wußte es – nicht ins System gepaßt. Auch Sir Enid in der Mine und die Toten
draußen im Pförtnerhaus hatten ihre Herzen behalten dürfen. Es ging nur um die sieben
Frauen.
Da lag er nun, der tote Mann, unzüchtig quer über Fiona de Cato - so hatte auch er sein Ende
gefunden, der Meister des Bildes, der schmierige Deutsche, Giovanni Battista Condonniere.
Eine grauenhafte Parodie auf alle bildende Kunst …
Denn der Vorhang war hinter dem Bett ein wenig zur Seite aufgeschürzt, so daß dort eine
Lücke entstanden war, und hinter dieser Lücke hatte jemand ein Pferd angebunden, das nun
dort gefesselt innehielt und das, indem wir den Raum betreten, über den beiden gräßlichen
Toten den schwarzen Kopf durch den Vorhang hereinstreckte.
Es war ein Araber, und er musterte uns – wild, neugierig, mit verdrehten Augen, schnaubend,
unwillig den Kopf schüttelnd - und doch nichts verstehend.
.....
Ich saß im Sessel, in dem vor einer guten Woche Sir Enid gesessen, und trank seinen Cognac.
Die Standuhr zeigte unterdessen auf kurz nach drei. Ich hatte das dringende Bedürfnis, schien
mir, das ich noch nie im Leben besessen, mich wissentlich bis zur Besinnungslosigkeit zu
betrinken, nur um dies hier nicht mehr zu spüren, diesen Schrecken, diese flaue, kalte Angst,
diesen Ekel, diese Hoffnungslosigkeit – und womöglich würde es mir gelingen. - So endlos
das Ganze und ewig und ohne ein Zeichen von Erlösung, und immer wieder neu und neu und
neu die bestialische Tat. Mein Gott, mein Gott, ich wußte nicht einmal mehr, wie zu beten.
Ich starrte blicklos auf das zerstörte Bild mir gegenüber. Ich dachte an die beiden Toten hinter
der Wand. Ich dachte an den armen, jungen James Crucible, der heute Nacht draußen im
Pförtnerhause ein schauriges Ende gefunden. Ich dachte an die drei anderen, die bei ihm lagen, an Sir Enid, der im Garten verscharrt, an vier weitere tote Mädchen, die Geliebten des
Zeus, denen man in den letzten Monaten das Herz herausgerissen..
Bo Swensson und ich, wir beide waren hinter den Vorhang bei der Bettstatt getreten, und es
hatte einige Mühe gekostet, den Rappen, der unruhig gewesen, loszubinden. Gleich hinter
dem Vorhang war die Fensterfront, wir hatten dort nur die Türen öffnen müssen, um das Pferd
hinauszulassen in den Park, welcher unmittelbar dahinter und zu ebener Erde begann. Genauso hatte der Mörder das Pferd hineingeführt, vor Stunden, und direkt hinter dem Fenster
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angebunden. Jetzt rannte es befreit hinaus ins Mondlicht, schlug aus und sprang wild davon,
verschwand irgendwo rechterhand unter Bäumen.
Was ging hier vor? Ich konnte mich des gespenstischen Gedankens nicht erwehren, daß hier
jemand dabei war, auf unbeschreibliche Art und Weise reinen Tisch zu machen … Sechs Ermordete in dieser einzigen, dieser unheiligen Nacht, auf diesem Grundstück – oh, Gott im
Himmel, welch eine grausige Ernte!
Ich nahm einen weiteren Schluck aus meinem Glas.
So war es gewesen. Dies hatten Bo Swensson und seine Leute vorgefunden, als sie in den
späten Abendstunden nach langer Reise auf dem Anwesen angekommen: offene Türen und
ein leeres Haus. Sie hatten gesucht und entdeckt: sechs oder sieben lebende Diener und zwölf
oder dreizehn Schwarze, alle verängstigt zusammen eingesperrt in den Gewölben des Kellers,
ferner, tot, die vier Männer im Pförtnerhäuschen - und das Paar nebenan im Bett, sowie, nicht
zu vergessen, ebenda, das Pferd. Alle anderen Personen, die sich hier aufgehalten haben
mußten, was Koffer, Reisegepäck, Utensilien bis hin zum stehengebliebenen, erkalteten Tee
zeigten, waren fort, spurlos verschwunden, verweht vom Gelände von ‚Unicorn Mansions’.
Zwar waren auch jetzt noch Leute draußen, die nach ihnen fahndeten und dies die nächsten
Stunden fortsetzen würden, wie ich von Swensson schon zuvor gehört, aber mir schien die
Chance, noch jemanden von ihnen in der Nähe zu finden, in meiner momentanen Verfassung
nichts als ein schrecklicher, ein tödlicher und abgeschmackter Witz.
.....
Franklin Stifel.
Ich hatte einen Geistesblitz, stellte mein Glas beiseite und stemmte mich hoch. Swensson, der
sich damit befaßte, im Kamin ein Feuer zu entfachen, blickte mir erstaunt entgegen. Ich
erkundigte mich, wo ich die Küche zu finden hätte, in der, wie er gesagt, das aufgefundene
Dienstpersonal in seiner Gesamtheit zu warten Anweisung habe und derweil sitze und Kuchen
essse und Bier und Brandy trinke. Er beschrieb mir den Weg, und ich tappte unsicheren
Schrittes durch das große, dunkle Haus, bis ich alsbald – ich mußte nur dem Lärm und den
Stimmen nachgehen – die betreffende Örtlichkeit gefunden. Als ich hereintrat, wurden die
Männer nach und nach still.
Ich schaute mich um, aber Franklin Stifel konnte ich in der Runde nicht entdecken. Die meisten von ihnen waren sehr betrunken, auch die Neger, die mit großen weißen Augen rechts bei
der Esse saßen. Sie alle waren betrunken, und ich kaum weniger. Trotzdem funktionierte die
Begrüßung und meine Frage nach Franklin Stifel. Ja, einige kannten ihn, aber er war nicht mit
ihnen eingesperrt gewesen.
Ich bedankte mich, zog mich zurück und kehrte in den Salon wieder. Bo Swensson hatte den
Raum unterdessen verlassen, und ich war hier allein. Ich ließ mich in Sir Enids Sessel fallen
und leerte das Glas Cognac von zuvor, goß mir gleich ein neues aus der Flasche auf dem
fahrbaren Wagen ein.
Konkret, es waren nicht da: der Quaestor, Dr. Copeland, von den Dienern Franklin Stifel,
mein Freund Sebastian, Virginia Sykes … und, jawohl, gewiß, und unendlich schlimm, un431
endlich schlimm für mich … meine Auberge. Man durfte sich Gedanken machen, was vor
wenigen Stunden hier auf dem Gelände vorgegangen, was jetzt dort draußen Brutales und
Gräßliches irgendwo in der Nacht geschah.
Der Quaestor und Dr. Copeland waren weg, hatten die Flucht ergriffen, und man durfte fuglich annehmen, daß die beiden armen Mädchen mit ihnen waren, gewaltsam mitgerissen. Ich
hoffte, daß wenigstens Virginia Sykes mit ihrem erloschenen Geist nicht allzu viel davon mitbekam. An Auberge konnte, wollte, durfte ich in diesem Zusammenhang nicht denken, oder
es hätte mich augenblicklich in den kalten Wahnsinn gerissen. Deshalb der Cognac, dachte
ich fieberhaft, deshalb der Cognac. Cognac war Manna und Labung, war warm und gut, und
vor allem: Er war wie eine dünne, zerbrechliche Wand zwischen mir und dem höllischen,
unbändigen Schrecken.
Aber Franklin Stifel und Sebastian? Wo waren die beiden Männer? Wurden sie als Gefangene
zusammen mit den Mädchen geführt, waren sie alle vier in den Händen des Quaestors und des
irrsinnigen Arztes? Oder war es möglich, daß vielleicht Franklin Stifel so spät von mir in Botallak zurückgekehrt, daß er gar nicht in die Ereignisse verwickelt worden, sondern daß er
vielmehr Sebastian sogar hatte befreien können? In Augenblicken der Hoffnung wollte mir
dies durchaus als mögliche Lösung erscheinen, in Augenblicken der Verzweiflung dagegen
fürchtete ich jede Sekunde das Hereintreten eines emsigen Boten, der vermeldete, man habe
die Leichen von zwei Männern und zwei Frauen im entferntesten Winkel des Parks gefunden.
Ich krallte mich an mein Glas und nippte von dem Cognac.
Stifel und Sebastian – oh, bitte, lieber Gott! War es möglich, daß sie die Verfolgung der
Schurken aufgenommen? War es möglich, daß sie Virginia Sykes und Auberge, irgendwo
dort draußen in Nacht und Mondschein unterwegs, aus der tödlichen Gefahr befreiten?
Wie mochte es meinem Freunde Sebastian gehen, gesetzt den Fall, er lebte noch. Wußte er
von Fiona de Cato und ihrem schrecklichen Ende? - wußte er, daß der Traum seines Lebens
ausgeträumt? –
Und ich dachte an sie, an Fiona de Cato. Ich starrte ins flackernde Feuer des Kamins, hätte
weinen mögen. Warum? – nur weil sie eine Frau war? - Oder war dies pures, erbärmliches,
schlechtes Gewissen? – Wie ich sie immer wieder falsch behandelt, die schöne Frau?
Ich dachte daran, was ich über sie Negatives gehört, bevor ich sie erstmals gesehen, an jenem
blauen Abend unter den Palmen ihres Wintergartens in Clerkenwell, und wie ich danach letztendlich doch von ihr begeistert gewesen. Dann, nach jener Nacht im Schulhause in Finsbury,
als ich von Noah Whelmsley die Leichen von Eusebia Purcell und Asunción Lozano gezeigt
bekommen, die Tage danach, als ich krank darniedergelegen – wie hatte ich mich zergrübelt,
ihr dringend eine Warnung zukommen lassen wollen.
Ich hatte Angst um sie gehabt, hatte mir Sorgen gemacht, ich sei, wenn ich sie nicht
rechtzeitig warnte, am Ende an ihrem Tode schuld. Dies war umgeschlagen in das Gegenteil,
und ich hatte sie auf der Seite der Bösewichter eingeordnet, und meinen Freund gleich mit,
und warum? – nur weil sie beide zusammen in eine Kutsche eingestiegen. - Und vor einer
Woche und einem Tag, hier unten im Keller dieses Hauses, hatte ich sie abermals schnöde
behandelt, wie schon einmal, bis ich endlich begriff - und doch noch nicht alles begriffen
hatte. Mein Freund und sie - und ein Verhältnis, von dem ich jetzt erst wußte, daß es das
reinste und unerfüllteste geblieben, das sich auf Gottes Erde denken läßt. Nun, nachdem es zu
spät war - und sie dahingeschlachtet wie vier andere vor ihr …
Als die Uhr auf vier ging, kam plötzlich Bo Swensson wieder herein. Er wirkte müde und
abgekämpft.
„Kommen Sie“, sagte er. „Wir haben jemand gefunden.“
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