Konfirmationspredigt Psalm 143,8 - ref. Kirchgemeinde St.Gallen

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Konfirmationspredigt Psalm 143,8.10
21. Mai 2006, evangelisches Kirchgemeindehaus St. Gallen St. Georgen
gehalten von Markus Unholz, Pfr.
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Festgemeinde
Unterschiedlich sind die Meinungen zum Sinn des Lebens ausgefallen, die wir in der Umfrage
gehört haben, unterschiedlich die Antworten, die wir in den Theaterszenen gesehen haben,
Unterschiedliches wird Ihnen während des stillen Moments in den Sinn gekommen sein. Und
doch meine ich, gebe es Beobachtungen zum Thema, die über das rein Individuelle
hinausgehen.
Die Frage nach dem Sinn, nach der Ausrichtung des Lebens stellt sich besonders an einer
Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt. Ihr steht jetzt an einer solchen, von der Kindheit
zum Erwachsenenleben. Entscheidungen gilt es zu treffen: Welche weitere Ausbildung will
ich wählen, zu welchem beruflichen Ziel soll sie mich führen? Was ist mir im persönlichen
Leben und im Zusammenleben mit anderen Menschen wichtig? Wie verbringe ich meine freie
Zeit – beim Chillen, beim Ausspannen mit Kollegen oder beim Meditieren, am Computer
oder beim Sport (es muss ja noch nicht gleich so bald das Schwangerschaftsturnen sein)? Wo
kann ich beruflich, privat, Sinn und Erfüllung finden? Und: Was trägt mich in Zeiten, wo ich
mich einsam und unglücklich fühle? Wo ist das Netz – das Beziehungsnetz – , das mich da
vor dem Absturz retten kann? Mit manchen offenen Fragen steht ihr, so denke ich, dem Leben
gegenüber, aber auch mit Prägungen, hilfreichen und schwierigen, die ihr mitbringt.
Auch wir Eltern stehen an einer Schwelle. Wir sind dabei, unsere Kinder, die doch eben noch
als kleine Primarschüler miteinander ins Hebelschulhaus (oder ins Leonhard) gingen, nun, wo
manche von ihnen fast gleichgross oder gar grösser als wir selbst sind, ins Erwachsensein
ziehen zu lassen, wir erleben, wie sie immer selbständiger werden.
Wie kann es an diesen verschiedenen Schwellen gelingen, auf seine persönliche Art Sinn zu
finden? Wenn wir der Herkunft des Wortes nachspüren, gibt uns dies Anhaltspunkte. Das
Wort Sinn kommt von „Unterwegssein, gehen, eine Reise unternehmen, eine Fährte suchen“.
Das finde ich vielversprechend, ermutigend. Wir brauchen uns also nicht unter Druck zu
setzen, zuerst einen Sinn gefunden haben zu müssen und dann erst losziehen zu können.
Sondern es ist oft genau umgekehrt: Wir begeben uns auf den Weg und da, beim
Unterwegssein, mag sich uns Sinn erschliessen. Wer eine gute Fährte sucht, muss, solange er
lebt, stets von neuem aufbrechen, aufmerksam, geduldig und beharrlich sein.
Das heisst also: Sinn lässt sich nicht finden, wenn wir stehen bleiben, sondern da, wo wir
hinausgehen, wo wir aus uns herausgehen, uns nicht in ein Schneckenhaus verkriechen,
sondern auf die Welt, auf die Menschen zugehen, neugierig, gespannt, vertrauensvoll, offen
für Neues.
In letzter Konsequenz führt dies auch zu einer Offenheit gegenüber Gott, so wie es die Worte
aus dem 143. Psalm ausdrücken:
„Lass mich, Herr, am Morgen deine Gnade hören,
denn auf dich vertraue ich.
Tue mir kund den Weg, den ich gehen soll,
denn zu dir erhebt sich meine Seele.
Lehre mich, deinen Willen zu tun,
denn du bist mein Gott,
dein guter Geist leite mich
auf ebenem Grund.“ Psalm 143,8.10
Das sind Worte eines Gebets. Für mich wird dadurch deutlich: Sinn lässt sich nicht einfach
selbst erzeugen, etwa mit einer besonders guten Strategie oder mit einer speziellen Technik.
Wir können nur immer wieder darum bitten, dass er sich uns zeigt, dass er uns von Gott,
geschenkt wird. Ein solches Vertrauen in Gott spricht aus den Worten im Psalmgebet.
Lass mich, Herr, am Morgen deine Gnade hören,
denn auf dich vertraue ich.
Oder anders gesagt: Lass mich jeden Morgen offene Augen und ein waches Herz haben für
das, was du, Gott, mir an diesem Tag schenken möchtest. Gnade, das sind gute Erfahrungen,
Begegnungen, die uns geschenkt sind, ohne dass wir etwas dazutun könnten.
Tue mir kund den Weg, den ich gehen soll.
Zeige mir, welches ein verheissungsvoller Weg ist für mich. Hilf mir, vor Entscheidungen zu
erspüren und zu erkennen, was gut ist für mich und andere.
Zu dir erhebt sich meine Seele.
Das ist die Einladung, unsere Seele, unser Inneres zu öffnen, auf Gott hin, im Vertrauen, dass
er uns beschenkt, uns weit macht, uns ermutigt.
Lehre mich, deinen Willen zu tun,
denn du bist mein Gott,
dein guter Geist leite mich
auf ebenem Grund.
Dass unser Weg, auf dem wir Sinn finden, zwar individuell verschieden, aber nicht völlig
beliebig ist, sondern dass dabei die Frage nach dem Willen Gottes uns in eine gute Richtung
lenkt: darauf vertraut, wer diese Bitte ausspricht.
Wie wir Gottes Willen erkennen können? Ich meine z.B., wenn wir darauf schauen, wie Jesus
den Menschen mit Aufmerksamkeit, Zuneigung, Liebe begegnete, da, wo sie ihn brauchten,
so, wie es ihnen gut tat; oder wenn wir auf die innere Stimme unseres Gewissens achten, so
leise sie sich manchmal auch nur melden mag. Auf solche Weise, da bin ich überzeugt, kann
auch uns, kann auch euch Gottes guter Geist leiten auf einem Weg, der durch fruchtbare
Lebenslandschaften führt. Wenn ihr dabei eure Seele öffnet für das, was ihr unterwegs erlebt,
und euch auch zum Handeln und Mitgestalten des Lebens und der Welt herausfordern lasst,
so erschliesst sich euch Sinn, da bin ich überzeugt.
Sinnerfüllt leben heisst, im Einklang sein mit sich und mit der Welt und mit Gott. Es heisst,
leben in allen Dimensionen.
Wir sind im Konfirmandenlager in Ungarn mit Behinderten zusammen getroffen. Und wir
müssen auch selbst erleben, dass wir in unserem Leben, auch wenn wir äusserlich gesund
sind, in mancherlei Hinsicht sozusagen „behindert“ sind. Wir spüren z.B., da fällt uns etwas
schwer, was anderen viel leichter fällt, dort gibt es unter den Menschen, mit denen wir
zusammenleben, Probleme, oder unser Glaube ist oft voller Fragen und Zweifel. Ist das Leben
deswegen sinnlos?
Viktor Frankl, ein jüdischer Psychiater, der selbst das Konzentrationslager erleiden musste,
sagte, im Rückblick gerade auch auf diese Erfahrung zur Frage, was für ihn Sinn sei:
„Trotzdem Ja zum Leben sagen.“
Wie ist das möglich? Dadurch, meine ich, dass wir auf Gottes Ja zu uns, auch mit unseren
dunkleren Seiten und auch in schwierigen Phasen unseres Lebens, zu vertrauen versuchen.
Gott traut uns zu, solange wir leben, dass wir immer mehr von dem, was er in uns angelegt
hat, entfalten können – nicht indem wir uns einen dauernden Sinn-Such-Stress auferlegen,
sondern ganz einfach, indem wir leben. Der Dichter im Theater vorhin hat uns darauf
hingewiesen, dass wir nicht vor lauter dem Sinn des Lebens Nachjagen das Leben selbst
verpassen.
Dazu eine kleine Geschichte:
In einem Hühnerhof lebte ein Adler. Weil er schon von Klein an unter den Hühnern
aufgewachsen war, verhielt er sich wie ein Huhn. Er scharrte und pickte Körner.
Da kam ein Vogelkundler auf den Hof und sagte zum Bauern: „Dieser Vogel dort ist ein
Adler, kein Huhn.“
„Ja, das stimmt, ursprünglich schon, aber nun ist er ein Huhn unter Hühnern, auch wenn seine
Flügel drei Meter breit sind.“
„Nein“, sagte der andere, „er ist immer noch ein Adler, denn er hat das Herz eines Adlers, und
das wird ihn hoch auffliegen lassen in die Lüfte.“
„Nein, nein“, entgegnete ihm der Bauer, „er ist jetzt ein richtiges Huhn und wird es bleiben.
Niemals wird er fliegen.“
Da nahm der andere den Adler in die Hand, hob ihn hoch und sagte: „Fliege!“
Aber der Adler sah unter sich die Hühner nach ihren Körnern picken, und er sprang wieder zu
ihnen hinunter.
Am nächsten Tag stieg er mit dem Adler auf das Dach und wollte ihn von dort fliegen lassen.
Aber als dieser die Hühner im Hof unten scharren sah, sprang er zu ihnen hinunter und
scharrte ebenfalls wieder.
Am nächsten Morgen sehr früh wollte er es noch ein drittes Mal versuchen. Er brachte den
Adler hinaus aus der Stadt an den Fuss eines hohen Berges: „Adler“, sagte er, „du bist ein
Adler. Breite deine Schwingen aus und fliege.“
Der Adler blickte umher, zitterte, es schien, dass ihn neues Leben erfüllte – aber er flog nicht.
In diesem Moment ging die Sonne hinter dem Berg auf und leuchtete dem Adler direkt ins
Gesicht. Und da breitete er seine Flügel aus, erhob sich mit einem Schrei und zog seine
Kreise, hoch und höher, bis er nicht mehr gesehen wurde.
Ich hoffe auch für uns, dass immer wieder eine solche Sonne über dem Leben aufgeht. Für
mich ist sie das Ja Gottes zum meinem Sein. Und plötzlich ist der Mut da, die Flügel
auszubreiten, in ihrer ganzen Spannweite, und zu spüren: Ja, ich werde getragen. Und ich
kann weite Kreise ziehen. Da öffnet sich eine neue Dimension des Lebens.
Übrigens: Der Adler ist nicht bloss der über alles erhabene König der Lüfte. Er vermag auch
schützend seine Flügel über seine Jungen zu breiten. Und er lehrt sie fliegen, indem er sie aus
dem Nest schubst, aber dann blitzschnell unter sie fliegt und sie mit seinen grossen Flügeln
behutsam auffängt, bis sie selbst zu fliegen im Stand sind.
So wünsche ich euch, dass ihr wie ein Adler weite Kreise in eurem Leben zu ziehen vermögt,
dabei aber auch erkennt, wo jemand eure Nähe und Zuwendung und Fürsorge braucht.
Und ich wünsche euch, dass ihr erkennt, wo jemand eingesperrt ist wie ein Adler im
Hühnerhof, und dass ihr ihm dann geduldig helft, seine wahre Natur, die Gott in ihm angelegt
hat, zu entdecken. Die Schwingen seines Körpers, seines Geistes und seiner Seele ausbreiten
muss dabei jeder selbst. Aber uns gegenseitig ermutigen dazu und einander die Sonne zeigen,
das können wir.
Auf beide Weisen, im Entfalten der eigenen Adlernatur wie auch in der Unterstützung von
jemand anderem, dass dieser sich entfalten kann, zeigt sich meines Erachtens etwas vom Sinn
des Lebens. Und die Bitte des Psalms erfüllt sich:
Lass mich, Herr, am Morgen deine Gnade hören, denn auf dich vertraue ich.
Tue mir kund den Weg, den ich gehen soll, denn zu dir erhebt sich meine Seele. Amen.
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