doc - CFS

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12 MAI * INTERNATIONALER CFS-TAG
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Informationen zum Chronic-Fatigue-Syndrom, CFS
Chronisches Erschöpfungssyndrom
Von Hans-Michael Sobetzko
Viele Namen - ein Krankheitsbild
Für das Krankheitsbild existiert eine Vielzahl
unterschiedlicher
Bezeichnungen.
In
der
medzinischen Fachliteratur werden vorwiegend
folgende Begriffe benutzt:
•
Chronic Fatigue Syndrome (CFS) / USA
•
Chronic Fatigue/ Immune Dysfunction Syndrome (CFIDS) / USA
•
Myalgic Encephalomyelitis (ME) /
u.a. GB, Australien, Kanada, Neuseeland
•
Chronisches Erschöpfungssyndrom (CFS) /
Deutschland
ICD 10: G 93.3
organische Störungen des Gehirns:
•
Postviral Fatigue Syndrome (PVFS)
•
Benign Myalgic Encephalomyelitis" (BEME)
Stellen Sie sich vor,
ab morgen haben Sie nur noch einen Bruchteil
Ihrer gewohnten Energie. Eine extreme, lähmende
Erschöpfung und zahlreiche schwere Symptome
machen den Alltag zur Hölle. Kein noch so langes
Ausruhen bringt Erholung. Selbst kleinste
Aktivitäten werden zur Qual und verschlimmern die
Beschwerden tagelang. Sie fühlen sich todkrank,
kränker als jemals vorher in Ihrem Leben. Sie
wären nicht überrascht, wenn Ihr Hausarzt eine
schwerwiegende
und
lebensbedrohliche
Erkrankung feststellte.
Aber
trotz
einer
umfangreichen
und
gewissenhaften medizinischen Abklärung finden
sich keine Erklärungen für Ihre schlechte
Verfassung,
die
ungeachtet
verschiedener
Behandlungsversuche anhält. Bei Ihnen entsteht
mit der Zeit der Eindruck, daß man Sie für einen
Spinner oder Drückeberger hält, auch wenn dies in
nettere Worte gekleidet wird.
Tatsache ist: Sie haben eine Krankheit, die es in
den Lehrbüchern der Mediziner nicht gibt, die
scheinbar kein Arzt diagnostizieren, geschweige
denn behandeln kann und, schlimmer noch, die es
völlig unmöglich macht, ein halbwegs normales
Leben zu führen.
PROJEKT_CFS 3/1998
„...CFS zu haben heißt, in einem lähmenden Nebel aus
tausend Beschwerden, Schmerzen und dieser absurden
Erschöpfung leben zu müssen, jeden Tag, jahrelang!“
eine Betroffene
Beschwerden
Der Beginn der Erkrankung ist meist grippeähnlich
und abrupt, in einigen Fällen auch einschleichend.
Charakteristisch sind Hals-, Kopf-, Lymphknoten-,
Muskelund
Gelenkschmerzen,
ständige
Benommenheit sowie schwerwiegende Störungen
der
Konzentrationsfähigkeit
und
des
Kurzzeitgedächtnisses.
Schwächeund
Schwindelgefühl, Sehstörungen, unterschiedliche
Missempfindungen im ganzen Körper, auch im
Gesichtsbereich,
mäßiges
Fieber
bzw.
Fiebergefühl, Schlafprobleme und Übelkeit werden
geschildert. Häufig entsteht in der Folgezeit eine
verwirrende Vielfalt weiterer Symptome.
Die extreme, oft über Jahre anhaltende, lähmende
Erschöpfung und Erschöpfbarkeit durch geringste
Anstrengungen haben dem Krankheitsbild seinen
Namen gegeben.
Ursache und Entstehung
Ursachen und Krankheitsmechanismen des CFS
sind bis heute ungeklärt, es gibt keinen
charakteristischen objektiven Einzelbefund und
1
Informationen zum Chronic-Fatigue-Syndrom, CFS
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keine beweisende Befundkombination. Der CFSDefinition von 1994 liegt ein Konzept zugrunde, bei
dem ein sog. Syndrom mit möglicherweise
verschiedenen Ursachen erfaßt wird. Es könnte
sich demnach sowohl um eine einzelne Erkrankung
als auch um eine Gruppe verschiedener
Krankheiten oder Vergiftungen mit ähnlichem
Beschwerdebild bzw. gemeinsamer Endstrecke
handeln.
Viren, u.a. EBV, HHV6, Enteroviren, Bornaviren,
Retroviren, Borrelien, Pilze, Fehlfunktionen des
Hormonsystems,
neurologische
Störungen,
andauernde Überlastungen im Vorfeld der
Erkrankung und eine Vielzahl von Umweltgiften,
v.a. nervenschädigende Substanzen, werden als
Auslöser und Kofaktoren des CFS in Betracht
gezogen,
ohne
daß
dafür
bisher
ein
wissenschaftlich zwingender Beweis vorgelegt
werden konnte.[1,2,8,9]
Obwohl
CFS
in
einigen
Fällen
neben
psychiatrischen Erkrankungen auftritt, gibt es
keinen Beweis dafür, daß CFS selbst eine Störung
dieser Gruppe ist. Zudem ist umstritten, ob es sich
bei beobachteten Auffälligkeiten nicht in erster Linie
um die Folgen eines äußerst belastenden
chronischen Krankheitsverlaufs handelt. Die
Abgrenzung
zu
Depressionen
und
Somatisierungsstörungen
bereitet
erhebliche
Schwierigkeiten.[7,11]
Aufgrund erniedrigter Werte des Hormons
"Cortisol" wurde bei einem Teil der Patienten eine
Störung
der
HypothalamusHypophysenNebennierenrinden- Achse (HHN-Achse), die
große Bedeutung für die Reaktion des Organismus
auf Streß besitzt, diskutiert. Eine Gabe von
"Cortisol" in niedrigen Dosierungen erwies sich
jedoch im Rahmen einer breit angelegten Studie
als weitgehend wirkungslos[13].
Wie die synonyme Bezeichnung "Chronic Fatigue
Immune Dysfunction Syndrome, CFIDS" andeutet,
sind mit dem Krankheitsbild oft Auffälligkeiten des
Immunsystems
verbunden,
die
in
der
Vergangenheit jedoch stets uncharakteristisch und
nicht in allen Fällen nachweisbar waren.
Zunehmend richtet sich das Interesse auf den für
die Virusabwehr zentralen 2,5A-Synthetase/
RNase-L-Pfad, der bei CFS in vielen Fällen eine
unerwartet hohe Aktivität aufweist. Im Juli 1997
wurde
erstmals
über
CFS-spezifische
Veränderungen des Enzyms RNase-L (Low
Molecular Weight RNase-L) berichtet [12]. Ob sich
der labortechnische Nachweis dieser Ribonuklease
als
beweisender
CFS-Befund
eignet,
ist
Gegenstand zur Zeit laufender Untersuchungen.
PROJEKT_CFS 3/1998
Denkbar ist auch eine Kombination und
gegenseitige Beeinflussung mehrerer Faktoren, die
an der Entstehung und Ausprägung des CFS
beteiligt
sein
könnten
("Biopsychosoziales
Krankheitsmodell").
Klassifikation von
Erschöpfungszuständen
Eine Expertengruppe der Centers for Disease
Control and Prevention, CDC in Atlanta/USA, die
"International Chronic Fatigue Syndrome Study
Group" schlug 1994 folgende Einteilung zur
Erfassung von Erschöpfungszuständen vor [2]:
Verlängerte
Erschöpfung:
kontinuierliche
Erschöpfung, die 1 Monat oder länger andauert
Chronische Erschöpfung: Erschöpfungszustand,
der kontinuierlich oder rezidivierend mindestens 6
Monate andauert
Idiopathische chronische Erschöpfung: Zustand
klinisch gesicherter, ungeklärter chronischer
Erschöpfung, der die Definitionskriterien des CFS
nicht erfüllt
Chronic-Fatigue-Syndrom: klinisch gesicherter,
ungeklärter Zustand chronischer Erschöpfung, der
die vorgeschlagenen Definitionskriterien erfüllt
Abklärung
Da die beobachteten Beschwerden durchweg
unspezifisch sind und bei verschiedenen Störungen
auftreten können, ist zunächst eine gewissenhafte
Abklärung notwendig. Die International Chronic
Fatigue Syndrome Study Group empfiehlt die
folgenden Schritte zur Differentialdiagnostik
chronischer Erschöpfung vor [2]. Die meisten der
aufgeführten
Untersuchungen
dürften
im
Anbetracht der belastenden Symptomatik bereits
vor
Erreichen
der
Sechs-Monats-Grenze
durchgeführt worden sein.
Basisdiagnostik in allen Verdachtsfällen
 ausführliche Krankengeschichte
 gründliche körperliche Untersuchung
 Untersuchung
der
geistig-seelischen
Verfassung (mentaler Status)
 Laborscreening: komplettes Blutbild, BSG,
GPT, Gesamteiweiß, Albumin, Globuline,
Alkalische Phosphatase, Ca, Phosphat,
2
Informationen zum Chronic-Fatigue-Syndrom, CFS
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Glucose, Harnstoff, Elektrolyte, Kreatinin, TSH,
Urin- analyse
Über
den
vorgeschlagenen
Umfang
hinausgehende Grunduntersuchungen haben nach
Aussage der Centers for Disease Control and
Prevention beim derzeitigen Kenntnisstand keinen
erkennbaren Wert für die CFS-Diagnosestellung.
Immunologische, hormonelle und virologische
Untersuchungen können bestenfalls Hinweise
liefern.
Mit
EEG,
CCT,
SPECT,
PET,
Kernspintomografie oder ähnlichen Techniken ist
die Diagnose "CFS" weder zu sichern noch zu
widerlegen. Eine ausufernde Diagnostik bringt
keine erkennbaren Vorteile [2, 13].
Körpermasseindex = Körpergewicht
(Körperlänge in Metern)²
Nach Abschluß dieser
ausgeschlossen sein:
Diagnostik
jede aktive Störung, die eine chronische
Erschöpfung
verursachen
könnte,
wie
unbehandelte Hypothyreose, Schlafapnoe,
Narcolepsie und iatrogene Faktoren, wie z.B.
Medikamentennebenwirkungen

jede früher diagnostizierte Störung, deren
Heilung nicht zweifelsfrei dokumentiert ist und
deren weitere Aktivität eine chronische
Erschöpfung
erklären
könnte,
z.B.
vorbehandelte
Malignome
und
nicht
ausgeheilte Fälle von Hepatitis B oder C

jede frühere oder aktuelle Diagnose einer
schweren Depression mit psychotischen oder
melancholischen Anteilen; bipolare affektive
Störungen; Schizophrenien jeden Typs; alle
Formen paranoider Störungen; jede Form von
Demenz; Anorexia nervosa; Bulimie

Alkohol oder Drogenmißbrauch innerhalb der
letzten zwei Jahre vor Beginn der chronischen
Erschöpfung oder zu jedem Zeitpunkt danach

Adipositas permagna mit einem Körpermasseindex von 45 oder mehr
PROJEKT_CFS 3/1998
/
Demgegenüber bieten die folgenden Umstände
alleine keine ausreichende Erklärung für eine
chronische Erschöpfung. Sie können im Sinne
einer Begleiterkrankung parallel zu einem CFS
bestehen, schließen einen Fall von der Diagnose
Chronic-Fatigue-Syndrom jedoch nicht aus:

jede Störung unter einer spezifischen Therapie,
die geeignet ist, alle Symptome zu lindern und
deren korrekte Anwendung dokumentiert ist.
Dies schließt Hypothyreose, für die eine
ausreichende
Hormonsubstitution
durch
normale TSH-Spiegel nachgewiesen oder
Asthma, für das die Eignung der Therapie
durch Lungenfunktionstests oder andere
Untersuchungen belegt ist, ein.

jede Gesundheitsstörung wie Borreliose oder
Syphillis, die mit der vorgeschriebenen
Therapie
vor
Entwicklung
der
CFSSymptomatik abschließend behandelt wurde

jeder isolierte und unerklärte körperliche
Untersuchungsbefund, Labortest oder jeder
isolierte und unerklärte Befund bildgebender
Verfahren, der nicht ausreicht, um das
Vorhandensein
einer
ausschließenden
Bedingung zu belegen. Dies schließt einen
erhöhten antinukleären Antikörpertiter ein, der
ungeeignet ist, ohne weitere klinische
Auffälligkeiten oder Laborbefunde eine diskrete
Bindegewebserkrankung zu belegen.

jede Gesundheitsstörung, die primär durch
Symptome definiert ist und nicht durch
Laboruntersuchungen verifiziert werden kann,
einschließlich Fibromyalgie, Angststörungen,
funktionelle Störungen, nichtpsychotische und
nichtmelancholische Depression, Neurasthenie
und MCS (Multiple Chemical Sensitivity)
müssen

Kilogramm
Nicht ausschließende Bedingungen
weiterführende Diagnostik im Einzelfall
 gezielter Ausschluß anderer Diagnosen durch
streng an den Leitsymptomen und auffälligen
Befunden des Einzelfalls ausgerichtete weitere
Untersuchungen
Ausschlüsse
in
Liegen
keine
ausschließenden
Differentialdiagnosen und Auffälligkeiten vor,
handelt es sich um eine klinisch gesicherte,
ungeklärte chronische Erschöpfung, die im
nächsten Schritt entweder als Chronic-FatigueSyndrom, CFS oder als idiopathische chronische
Erschöpfung zu klassifizieren ist.
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Informationen zum Chronic-Fatigue-Syndrom, CFS
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Informationen zum Chronic-Fatigue-Syndrom, CFS
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Kriterien des
Chronic-Fatigue-Syndroms
Für die Diagnose Chronic-Fatigue-Syndrom, CFS
muß ein Fall folgende Kriterien für Erschöpfung
und begleitende Symptomatik erfüllen[2]:
Erschöpfungskriterien:
Chronische Erschöpfung, die
 klinisch gesichert und ungeklärt ist.
 neu und mit zeitlich bestimmbarem Beginn
auftrat (nicht bereits lebenslang besteht).
 sich nicht spürbar durch Ruhe bessert.
 nicht
Folge
einer
noch
anhaltenden
Überlastung ist.
 zu einer substantiellen* Reduktion früherer
Aktivitäten in Ausbildung und Beruf sowie im
sozialen und persönlichen Bereich führt.
Symptomkriterien:
4 oder mehr der im folgenden aufgeführten 8
Symptome, die frühestens mit Beginn der
Erschöpfung aufgetreten sein dürfen, müssen für
einen
Zeitraum
von
mindestens
6
aufeinanderfolgenden
Krankheitsmonaten
persistierend oder rezidivierend nebeneinander
bestanden haben:

selbstberichtete
Einschränkungen
des
Kurzzeitgedächtnisses oder der Konzentration,
die schwer genug sind, eine substantielle*
Reduktion des früheren Niveaus der Aktivitäten
in Ausbildung und Beruf sowie im sozialen und
persönlichen Bereich zu verursachen

Halsschmerzen

empfindliche Hals-und Achsellymphknoten

Muskelschmerzen

Schmerzen
mehrerer
Schwellung und Rötung
Sind alle Erschöpfungskriterien erfüllt und besteht
eine Begleitsymptomatik in der geforderten
Konstellation, liegt ein Chronic-Fatigue-Syndrom,
CFS vor.
Sind die geforderten Kriterien für Erschöpfung oder
Symptomatik nicht erfüllt, ist ein Fall als
idiopathische
chronische
Erschöpfung
einzuordnen. Dieser Begriff bezeichnet keine neue
Entität, sondern ist als Kategorie zur Vereinfachung
vergleichender Studien gedacht.
Zahlen
Verwertbare statistische Zahlen zum CFS liegen für
den Bereich der Bundesrepublik nicht vor, ebenso
fehlen Ergebnisse von Untersuchungen an großen
Kollektiven. Lediglich einzelne Kliniken und Praxen
haben ihre Daten veröffentlicht, die jedoch unter
kaum vergleichbaren Rahmenbedingungen und mit
unterschiedlichen Strategien erhoben wurden.
Zudem muß bei vergleichsweise geringen
Fallzahlen die Gefahr statistischer Verzerrungen
durch die Zusammensetzung bzw. Auswahl des
Patientenkollektivs (selektional bias) berücksichtigt
werden.
Daten aus dem anglo-amerikanischen Raum:

Angaben zur Häufigkeit des Syndroms
schwankten in der Vergangenheit sehr stark.
Nach
einer
1995
veröffentlichten
amerikanischen Studie [4] gaben zwischen ca.
2 und 6 Prozent der Befragten an, seit
mindestens 6 Monate chronisch erschöpft zu
sein. Demgegenüber erfüllten nur etwa 1 bis
maximal 3 Promille die Kriterien des CFS.
Gemessen
am
Symptom
"Chronische
Erschöpfung"
ist
das
"Chronic-FatigueSyndrom" sehr selten und muß klar abgegrenzt
werden.
ohne

Die Mehrzahl der Betroffenen befindet sich im
mittleren Lebensabschnitt (30-50 Jahre).

Kopfschmerzen eines neuen Typs, Musters
oder Schweregrades

Nach fast allen Studien sind mehr Frauen als
Männer betroffen [7].

keine Erholung durch Schlaf


Zustandsverschlechterung für mehr als 24
Stunden nach Anstrengungen
Unter
den
Kranken
fanden
sich
in
Großbritannien überdurchschnittlich viele in
medizinischen Berufen Tätige und Lehrer[7].

Es gibt deutliche Anhaltspunkte dafür, daß
unterschiedliche und teilweise ungeeignete
Gelenke
*Die Größenordnung einer substantiellen Reduktion wurde in
der ersten CFS-Definition von 1988 mit mindestens 50 Prozent
des Niveaus vor Krankheitsbeginn angegeben [1,6].
PROJEKT_CFS 3/1998
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Informationen zum Chronic-Fatigue-Syndrom, CFS
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Erhebungsmethoden
zu
erheblichen
Verzerrungen in der statistischen Einschätzung
führten. [2]
Skala nach Bell: Ein Maßstab für
Behinderungen und Einschränkungen
Einheitliche, an großen Kollektiven getestete
Maßstäbe
zur
Bewertung
CFS-bedingter
Einschränkungen und Behinderungen liegen bisher
nicht vor. Bekannte Skalen, wie z.B. der KarnofskyScore, erfassen CFS-spezifische Probleme nur
bedingt. Als pragmatischer Ansatz bietet sich die
folgende, von David S. Bell [3] vorgeschlagene
Punkteskala an. Sie ist zwar bisher nicht in großen
Studien validiert worden und erfaßt vor allem die
Selbsteinschätzung des Patienten bzw. den
subjektiven Eindruck seines Arztes, hat sich
andererseits aber in der Praxis als brauchbares
Instrument zur Abschätzung von Ist-Zuständen und
Verläufen bewährt. Sie orientiert sich an den
Kriterien "Symptome in Ruhe", "Symptome unter
Belastung",
"Gesamtaktivität"
und
"Arbeitsfähigkeit":
100 Punkte:
Keine
Beschwerden;
normale
Aktivität; Arbeit und Belastungen problemfrei
90 Punkte:
unter
Beschwerden; normale
Belastungen problemfrei
Belastung
leichte
Aktivität; Arbeit und
80 Punkte:
in Ruhe leichte Beschwerden, die
sich unter Belastung verschlimmern; minimale
Einschränkungen der Aktivitäten bei Belastung;
anstrengende Ganztagsarbeit mit Problemen
70 Punkte:
in Ruhe leichte Beschwerden, die
sich unter Belastung verschlimmern; Aktivität liegt
nahe 90% des Gewohnten, klar erkennbare
Begrenzung
einiger
Tagesaktivitäten;
Ganztagsarbeit mit Problemen
60 Punkte:
in Ruhe leichte bis mäßige
Beschwerden,
die
sich
unter
Belastung
verschlimmern; Aktivität liegt bei 70-90% des
Gewohnten, klar erkennbare Begrenzung der
Tagesaktivität; nicht in der Lage, ganztags mit
körperlichem Einsatz zu arbeiten, aber fähig, einer
leichten Vollzeitbeschäftigung bei gleitender
Arbeitszeit nachzugehen
50 Punkte:
in Ruhe mäßige Beschwerden, bei
Anstrengungen mäßige bis schwere; Aktivität auf
70 % des Gewohnten reduziert; unfähig,
anstrengendere Aufgaben zu bewältigen; imstande,
PROJEKT_CFS 3/1998
leichtere Aufgaben 4-5 Stunden am
auszuführen; Ruhepausen werden benötigt.
Tag
40 Punkte:
in Ruhe mäßige Beschwerden, bei
Anstrengungen mäßige bis schwere; Aktivität auf
50-70 % des Gewohnten reduziert; nicht auf das
Haus
beschränkt;
unfähig,
anstrengendere
Aufgaben
auszuführen;
imstande,
leichtere
Aufgaben 3-4 Stunden am Tag auszuführen;
Ruhepausen werden benötigt.
30 Punkte:
in Ruhe mäßige bis schwere
Symptome, starke Beschwerden bei allen
Anstrengungen; Aktivität auf 50 % des Gewohnten
reduziert; hauptsächlich auf das Haus beschränkt;
unfähig, irgendwelche anstrengenden Pflichten zu
übernehmen; fähig, leichte Arbeiten 2-3 Stunden
am Tag auszuführen; Ruhepausen werden
benötigt.
20 Punkte:
in Ruhe mäßige bis schwere
Symptome, starke Beschwerden bei allen
Anstrengungen; Aktivität auf 30-50% des
Gewohnten reduziert; nur selten fähig, das Haus zu
verlassen; die meiste Zeit des Tages im Bett;
unfähig, anstrengendere Tätigkeiten auszuführen
10 Punkte:
in
Ruhe
und
bei
allen
Anstrenungen schwere Symptome; kein Verlassen
des Hauses; die meiste Zeit bettlägerig; kognitive
Symptome verhindern die Konzentration.
0 Punkte:
in Ruhe und bei Anstrengungen
kontinuierlich schwere
Symptome; konstant
bettlägerig; unfähig, für sich selbst zu sorgen
Übersetzung des Originaltextes: Flori Timm
Verlauf und Prognose
Für eine sichere Aussage zum Verlauf fehlen
verläßliche
medizinische
Daten,
zudem
unterscheiden
sich
die
individuellen
Krankengeschichten oft erheblich voneinander.
Todesfälle als direkte Folge von CFS sind nicht
bekannt.
Es
liegen
keine
seriösen
wissenschaftlichen Belege für den Übergang des
CFS in Folgeerkrankungen bzw. bleibende
Organdefekte vor. [5]
Dem meist abrupten Beginn folgt in der Regel eine
Phase größter Leistungseinschränkungen und
ausgeprägtester Symptomatik. In dieser Zeit leiden
die Patienten schon in Ruhe und bei allen
Anstrengungen unter schweren Symptomen,
können vielfach das Haus nicht verlassen, sind
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Informationen zum Chronic-Fatigue-Syndrom, CFS
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weitgehend bettlägerig und erreichen auf der
Skala nach Bell oft nur einen Bereich zwischen 0
und 30 Punkten.
Über Jahre kommt es häufig zu einer langsamen
Besserung mit Rückfällen und Erholungsphasen.
Manche Patienten erholen sich vollständig. Einige
Betroffene berichten von einer langsamen,
kontinuierlichen
Verschlechterung
oder
von
zyklischen Verläufen.
Die britische ME-Association [11] geht davon aus,
daß
 35 % der Betroffenen sich langsam aber stetig
erholen,
 40 % der Fälle einen wechselhaften Verlauf
haben,
 20 % schwerwiegend eingeschränkt bleiben,
 5 % eine kontinuierliche Verschlechterung
erleben.
Belastungen und Rückfälle
Belastungen, auch solche, die früher problemfrei
toleriert wurden, führen häufig zu einer
Verschlechterung
des
Befindens,
die
charakteristischerweise oft erst nach ein bis zwei
Tagen einsetzt [5]. Rückfälle werden u.a. durch
Infekte,
Streßsituationen,
körperliche
Überforderung und nicht zuletzt auch durch zu
hoch dosierte Medikamente, z.B. Antidepressiva,
ausgelöst.
Es ist sehr wichtig, zwischen einer Verstärkung der
Symptomatik und wirklichen Rückfällen zu
unterscheiden:
Eine
halbwegs
normale
Lebensführung ist für die meisten Betroffenen nur
dann möglich, wenn sie dafür ein gewisses Maß an
Beschwerden akzeptieren. Der Kranke selbst muß
diesen Prozeß bewußt kontrollieren und steuern.
Viele andere chronisch Erkrankte haben ähnliche
Probleme. Demgegenüber steht "Rückfall" für eine
gravierende,
anhaltende
Symptomverschlechterung,
die
nicht
mehr
steuerbar ist und das in der jeweiligen
Krankheitsphase gewohnte Aktivitätsniveau für
längere Zeit deutlich reduziert.
CFS und Umfeld
Selten ist eine Krankheit so unterschiedlich
bewertet worden. Betroffene empfinden sie als
jahredauernde Hölle, in der selbst kleinste
Anstrengungen zur Qual werden. Neben den
direkten
krankheitsbedingten
Beschwerden
verschärfen drastische Einschränkungen im
PROJEKT_CFS 3/1998
Familienleben, im Umgang mit Freunden und
Bekannten sowie im Beruf die Situation des
Kranken. Von der Umwelt wird CFS wegen eines
selbst in schlechtesten Phasen meist relativ
stabilen äußeren Eindrucks oft als übertrieben
dargestellte,
seelisch
begründete
Befindlichkeitssstörung abgetan. CFS bedeutet
nahezu
zwangsläufig
eine
Kollision
mit
gesellschaftlichen Leistungsnormen, die auf lange
Zeit nicht mehr erfüllbar sind. Es entsteht ein
Teufelskreis
aus
direkten
Beschwerden,
wachsenden beruflichen Problemen, zunehmender
sozialer Isolation und ständig abnehmendem
Selbstwertgefühl. Weder sich selbst noch anderen
kann der Betroffene seinen Zustand erklären oder
eine allgemein akzeptierte Gesundheitsstörung als
"Rechtfertigung" vorweisen.
In dieser Situation sollte man eine mögliche
Selbstmordgefährdung sehr ernst nehmen [3],
insbesondere dann, wenn die Diagnose "CFS"
noch nicht gestellt ist. Selbst wenn sich aus der
"Etikettierung"
eines
in
vielerlei
Hinsicht
erdrückenden Beschwerdekomplexes zur Zeit
keine kausalen Therapieansätze ergeben, eröffnet
sich
die
Möglichkeit,
individuelle,
dem
Krankheitsbild
angemessene
Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Darüber
hinaus lassen sich ungeeignete, nicht selten
zusätzlich belastende Therapieverfahren, die oft
auf der Basis von Ausweichdiagnosen verordnet
werden, vermeiden.
Behandlung
Ob
Medikamente
den
Erholungsprozeß
unterstützen können, ist sehr umstritten. Eine
allgemein anerkannte pharmakologische Therapie
gibt es zur Zeit nicht. Vielfach wird daher nur eine
möglichst zurückhaltende, nebenwirkungsarme
symptomatische Behandlung der Beschwerden
empfohlen [5]. Die fast immer erhöhte Sensibilität
der Kranken gegenüber Medikamenten aller Art
muß dabei unbedingt berücksichtigt werden. In
vielen Fällen heißt das, Pharmaka in Dosierungen
deutlich unterhalb der üblichen Minimaldosierung
zu verordnen.
Nachgewiesene
Defizite
im
Vitamin-und
Mineralstoffhaushalt sollten ausgeglichen und eine
ausgewogene Ernährung angestrebt werden. Bei
gesicherten Allergien und Empfindlichkeiten kann
eine entsprechende Diät hilfreich sein.
Obwohl CFS häufig mit einer ausgeprägten
psychischen Symptomatik verbunden ist, handelt
es sich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht um eine
7
Informationen zum Chronic-Fatigue-Syndrom, CFS
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psychogene Krankheit. Zudem erscheint es
äußerst schwierig, primäre und als Reaktion auf
einen
schwerwiegenden
chronischen
Krankheitsverlauf
entstandene
sekundäre
Auffälligkeiten
zu
unterscheiden. Das gilt
insbesondere dann, wenn die Vorgeschichte keine
psychischen Vorerkrankungen aufweist. Oft haben
in Unkenntnis CFS-spezifischer Besonderheiten
angewandte Psychotherapieverfahren die Situation
der Patienten ohne erkennbare Vorteile zusätzlich
belastet.
Kognitive Verhaltenstherapie hat sich bei CFS in
gewissen Grenzen als hilfreich erwiesen:
Betroffene lernen, den verbliebenen Spielraum
optimal zu nutzen, sich in ihrer Haltung und
Lebensgestaltung den aktuellen Limitierungen
anzupassen, ohne sie auf Dauer als unveränderlich
zu akzeptieren. Die Erkrankung als dynamischer
Prozeß
mit
sich
stetig
veränderenden
Rahmenbedingungen
erfordert
ein
flexibles
Krankheitsmanagement, das mit diesem Ansatz
unterstützt und verbessert werden kann[10].
Für alle Behandlungsformen ist im Anbetracht der
unklaren Ursachen des CFS eine strenge
Abwägung des Aufwands, der Risken und des
möglichen Nutzens zu fordern.
Leben mit CFS
Krankheitsmanagement
Große Bedeutung besitzt ein dem CFS angepaßter
Lebensstil mit Vermeidung von Streß und
Überlastungen
sowie
einem
möglichst
ökonomischen Einsatz der verbliebenen Energie
und Fähigkeiten. Als Grundlage eines effektiven
Umgangs mit der Krankheit ist die klare
Strukturierung eines geregelten Tagesablaufs mit
einem Grundprogramm an Aktivitäten, das auch an
schlechten Tagen zu bewältigen ist, dringend
anzuraten.
Die
häufig
zu
beobachtende
Tagesrhythmik der Symptome sollte bei der
Planung unbedingt berücksichtigt werden, da
schwerere Aufgaben in den beschwerdeärmeren
Phasen kräftesparender zu erledigen sind. Eine der
geringeren
Leistungsbreite
angemessene
körperliche
Aktivität
(z.B.
Spazierengehen,
Radfahren, Schwimmen) wirkt fast immer positiv
und
sollte
fester
Bestandteil
eines
Behandlungskonzeptes sein, um eine weitere
Schwächung durch Inaktivität zu vermeiden. Die
Belastungsgrenzen muß dabei stets der Patient
selbst bestimmen. Für schwerkranke Betroffene
kann eine adäquate körperliche Aktivität am Anfang
bereits darin bestehen, sich für einige Augenblicke
aufrecht im Bett hinzusetzen.
PROJEKT_CFS 3/1998
Gefragt sind Lebens-und Überlebensstrategien im
Sinne
eines
möglichst
effektiven
Krankheitsmanagements. Oberstes Ziel wird
hierbei weniger die völlige Beschwerdefreiheit sein
können. Vielmehr muß ein individueller Kompromiß
zwischen familiären, sozialen bzw. beruflichen
Notwendigkeiten einerseits und dem Wunsch nach
einer relativ erträglichen Symptomatik andererseits
gefunden werden.
-EndeLiteratur
1. Holmes GP, Kaplan JE, Gantz NM, Komaroff AL,
Schonberger LB, Straus SE, Jones JF, Dubois RE,
Cunningham-Rundles C, Pahwa S, Tosato G, Zegas LS,
Purtilo DT, Brown N, Schooley RT, Brus I: Chronic
fatigue syndrome: a working case definition. Annals of
Internal Medicine 1988; 108:387-9
2. Fukuda K, Strauss SE, Hickie I, Sharpe MC, Dobbins
JG, Komaroff AL and the International Chronic Fatigue
Syndrome Study Group: The Chronic Fatigue Syndrome:
A Comprehensive Approach to Its Definition and Study.
Annals of Internal Medicine 1994; 121: 953-959
3. Bell DS: The Doctor's Guide to Chronic Fatigue Syndrome. Addison-Wesley Publishing Company 1994
4. Buchwald D, Umali P, Umali J, Kith P, Pearlman T,
Komaroff A: Prevalence of Chronic Fatigue and Chronic
Fatigue Syndrome in the Community. Ann.Intern.Med.
1995; 123:81-88
5. CDC (Centers for Disease Control and Prevention ):
The Facts About Chronic Fatigue Syndrome. 1994
6. Fock RRE, Krüger GRF: Chronic Fatigue Syndrome CFS - Chronisches Erschöpfungssyndrom/ Eine
Standortbestimmung. Deutsches Ärzteblatt 1994; 43:
1872-1876
7. National Task Force on Chronic Fatigue Syndrome
(CFS), Postviral Fatigue Syndrome (PVFS), Myalgic
Encephalomyelitis (ME): Report from the National Task
Force on Chronic Fatigue Syndrome (CFS), Postviral
Fatigue Syndrome (PVFS), Myalgic Encephalomyelitis
(ME), Westcare 1994
- weitere Literatur beim Verfasser -
Anschrift des Verfassers:
Hans-Michael Sobetzko, Arzt
c/o Prof. Dr. Stark
Universitätsklinik Eppendorf
Psychiatrische Tagesklinik / PROJEKT_CFS
Martinistraße 52
20246 Hamburg
CFS-Informationen im Internet:
http://ourworld.compuserve.com/homepages
/m_sobetzko
Copyright H.-M. Sobetzko 3/1998
Hinweis: Diese Broschüre darf ungekürzt und
unverändert für Zwecke der nichtkommerziellen
Öffentlichkeitsarbeit vervielfältigt und mit einem
8
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versehen werden.
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