ANLAGE zum PROTOKOLL der 471. Plenartagung am 4./5. Mai 2011

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Europäischer Wirtschafts- und Sozialausschuss
ANLAGE-II
zum Protokoll der
Plenartagung im Mai
Brüssel, den 23. Juni 2011
ANLAGE
zum
PROTOKOLL
der 471. Plenartagung
des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses,
am 4./5. Mai 2011
in Brüssel
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Sitzung am 5. Mai
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Punkt 17 der Tagesordnung
Erörterung beiderseits interessierender Fragen und der Aussichten für eine Zusammenarbeit
zwischen dem Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und dem französischen Wirtschafts-, Sozial- und Umweltrat im Beisein von Jean-Paul DELEVOYE, Präsident des
französischen WSUR
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Tel. +32 25469011 — Fax +32 25134893 — Internet: http://www.eesc.europa.eu
DE
-1Der Präsident des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses (EWSA), Staffan NILSSON,
begrüßt Jean-Paul DELEVOYE, Präsident des französischen Wirtschafts-, Sozial- und Umweltrates,
und sieht der anstehenden Diskussion über beiderseits interessierende Fragen und Möglichkeiten für
eine weitere Zusammenarbeit mit Interesse entgegen. Er dankt zudem Jean-Paul DELEVOYE für
die Einladung zur Feier zu dessen Amtsantritt. Staffan NILSSON unterstreicht die engen Kontakte
zwischen den beiden von ihnen vertretenen Organisationen sowie die wichtige Rolle des Wirtschafts-,
Sozial- und Umweltrates in der institutionellen Struktur Frankreichs. In Zusammenhang mit der Rede
von Jean-Paul DELEVOYE weist Staffan NILSSON auf das gewichtige Mandat des Wirtschafts-,
Sozial- und Umweltrates mit spezifischen Aufgaben hin und äußert die Hoffung, dass die bestehenden
Kontakte und die langfristige Zusammenarbeit zwischen den beiden Institutionen vertieft werden können. Die Rolle der Zivilgesellschaft sei offiziell anerkannt worden und jetzt stehe als nächster Schritt
an, die Reformprogramme der Mitgliedstaaten für die Europa-2020-Strategie nicht nur von Brüssel,
sondern auch von der nationalen und lokalen Ebene aus umzusetzen. Hier sei eine enge Zusammenarbeit von grundlegender Bedeutung. Die anstehende Konferenz über Ernährungssicherheit biete die
Gelegenheit, die Erwartungen der Zivilgesellschaft an eine weltweite Nahrungsmittelversorgung zu
erörtern, einschließlich der Lage in Ländern, die Nettoimporteure für Nahrungsmittel seien und in
denen die Lebenshaltungskosten stiegen. Staffan NILSSON spricht auch die sozialen Rechte von
Arbeitnehmern an, die soziale Dimension des europäischen Handelsprogramms sowie die Situation in
Nordafrika, einschließlich des Aufstands der Zivilgesellschaft für die Einführung der Demokratie und
die massiven Ströme von Einwanderern mit großen Erwartungen an Europa. Die Beziehung zwischen
dem EWSA und dem französischen Wirtschafts-, Sozial- und Umweltrat sei langfristig und auf der
Grundlage der gegenseitigen Achtung angelegt. Wie bereits Jean-Paul DELEVOYE festgestellt
habe, habe eine Gesellschaft ohne gemeinsame Werte keine Zukunft.
Im Folgenden ist die Rede des Präsidenten des französischen WSUR, Jean-Paul DELEVOYE,
zusammengefasst.
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Jean-Paul DELEVOYE dankt Präsident NILSSON für seine Einladung, die im französischen Wirtschafts-, Sozial- und Umweltrat sofort auf großes Interesse gestoßen sei. Zudem weist er auf die
Bedeutung des Besuchs von Staffan NILSSON als erstem Gast nach seiner Wahl zum Präsidenten des
Wirtschafts-, Sozial- und Umweltrates hin. Dies sei der Beginn einer regelmäßigen, fruchtbaren und
auf Effizienz ausgerichteten Zusammenarbeit, deren Modalitäten noch festgelegt werden müssten, für
die äußerst leistungsfähige Informationsnetze geschaffen würden und der das jeweilige Fachwissen
zugute kommen würde. Es sollte über die Arbeitsthemen nachgedacht werden, die den Prioritäten der
beiden Institutionen entsprächen und für die anderen Gremien der Union sowie die einzelstaatlichen
Regierungen eine echte Unterstützung bedeuteten. So nennt Staffan NILSSON als erste Themen,
denen sich seine Institution vorrangig widmen werde, die Bewertung der öffentlichen Hand, Bürgerpetitionen und die Vorwegnahme der Entwicklung der Gesellschaft. Er unterstreicht, dass es auf effiziente Überlegungen ankomme, und ruft dazu auf, am Ende des Treffens erste konkrete Vorschläge zu
unterbreiten.
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Jean-Paul DELEVOYE fragt sich, ob es sich beim Demokratiedefizit, unter dem Europa leidet, um
einen Rückzug der Bürgerinnen und Bürger oder um eine fehlende Vision und mangelnde Hoffnung
im Hinblick auf die EU handelt. Die Mobilisierung der Bürger sei nur mit einer Vision und einem von
gemeinsamen Werten getragenen Projekt möglich. Aber in diesen Krisenzeiten werde das Fundament
der europäischen Überzeugungen durch die Emotionen erschüttert, die bei den Bevölkerungen durch
Ereignisse wie die griechische Finanzkrise, die diplomatische und militärische Reaktion im Maghreb
oder der Umgang mit den tunesischen Immigranten hervorgerufen wurden und die schmerzlich das
aufzeigen, was in ruhigen Zeiten unterschwellig schwelt.
Jean-Paul DELEVOYE ist sich mit Staffan NILSSON darin einig, dass die internationale Wetterlage derzeit unsicher ist und die Vorzeichen beunruhigend sind, weshalb diese Krise eine gemeinsame
und kollektive politische Reaktion erfordert. Viele europäische Staaten verteidigten ihre eigenen
Interessen noch erbitterter und sähen ihre Nachbarländer als Konkurrenten oder Last an und nicht als
einen Partner, mit dem man ein Zukunftsprojekt gestaltet. Diese politischen Reaktionen seien das
Echo der Reaktionen der Bevölkerungen selbst, die dem verführerischen Diskurs des Populismus
nicht abgeneigt seien und den Rückzug auf sich selbst der Öffnung vorzögen. Der Zusammenprall der
Egoismen könne den Nährboden für den Populismus bilden und der nationale Rückzug die in die EU
gesetzte Hoffnung zerstören. Dabei habe die Krise in Griechenland gezeigt, dass die EU als Sicherheitsnetz fungieren kann, indem die Solidarität der Mitgliedstaaten eingefordert werde, gleichzeitig
jedoch sei auch das Zögern der Mitgliedstaaten deutlich geworden, in der EU den Ausweg aus der
Krise statt den Ursprung des Problems zu sehen.
Im Übrigen fragt sich Jean-Paul DELEVOYE, ob die Krise in der EU wirklich als so schmerzhaft
erlebt wird, und weist darauf hin, dass der Kontinent im Lauf der Geschichte zahlreiche Bewährungsproben durchgestanden hat und sie für seine Entwicklung zu nutzen wusste. Das Projekt Europa
wurde nach dem Zweiten Weltkrieg auf Ruinen und Feindseligkeit aufgebaut. Es wäre naiv, der EU
alle Tugenden zuzuschreiben, aber es sei nicht zu leugnen, dass die Zwänge, die durch sie auferlegt
wurden, sich langfristig positiv ausgewirkt hätten. Die Zivilgesellschaften und die demokratischen
Institutionen stünden in der Verantwortung, und er frage sich, ob sie künftig das Gemeininteresse über
die Einzelinteressen stellen und ihrer Aufgabe gerecht würden, der EU und ihren Mitgliedstaaten den
Weg in die Zukunft aufzuzeigen.
In Bezug auf das neue Wachstum, so Jean-Paul DELEVOYE, sei durch die Banken- und Finanzkrise klar geworden, dass die Märkte angesichts ihrer mangelnden Selbstregulierung regulierte werden müssen. Es sollte über neue Regulierungs- und Finanzierungsmodelle für private Spareinlagen
und öffentliche Gelder sowie angesichts der von den Märkten bevorzugten kurzfristigen Finanzierungen von Projekten über langfristige Finanzierungen nachgedacht werden. In einer Gesellschaft, die
unter dem Diktat der Dringlichkeit und des Wettbewerbs um jeden Preis lebe, müsste die Zweckmäßigkeit des Handelns und der Entscheidungen in Politik und Wirtschaft geprüft werden.
Die Prioritäten des Mandats von Präsident NILSSON entsprächen denen des französischen Wirtschafts-, Sozial- und Umweltrates. Das intelligente und nachhaltige Wachstum umfasse Herausforderungen wie die damit einhergehenden neuen Situationen in den Bereichen Beschäftigung und
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-3Technologie, Sozial- und Solidarwirtschaft, der dem Menschen im Wirtschaftssystem zugewiesene
Platz sowie die Gewerkschaftsorganisationen. Der Aufbau des sozialen Europas habe zu Überlegungen zur Zukunft des Sozialschutzes, zum Gleichgewicht zwischen öffentlicher und privater Solidarität, zum sozialen Dialog und zur sozialen und steuerlichen Harmonisierung geführt. Die Unabhängigkeit in den Bereichen Energie und Nahrungsmittelversorgung, die neuen Regierungs- und Verwaltungsformen, die demografische Entwicklung einschließlich der Einwanderungsfrage sowie die
Beziehungen der EU zum Mittelmeerraum seien gemeinsam anzugehende Fragen. Die Beziehungen
zwischen den Wirtschaftsräten könnten dazu beitragen, Lösungen zu finden und den Dialog aufzunehmen.
Jean-Paul DELEVOYE zählt ebenfalls die Arbeitsbereiche des französischen Wirtschafts-, Sozialund Umweltrates auf, die ggf. von Interesse für den EWSA sind: Mobilität der Jugend, Indikatoren für
nachhaltiges Wachstum, Energiedebatte und Bericht über die Lage in Frankreich.
Dann spricht er die engen Kontakte zwischen der Kontaktgruppe "Organisierte Zivilgesellschaft" und
der Abteilung für europäische und internationale Angelegenheiten des französischen Wirtschafts-,
Sozial- und Umweltrates an, die einen Beitrag zur Europa-2020-Strategie geleistet habe und ein
wichtiger Ansprechpartner für den Umgang mit den Herausforderungen des G20 sein werde.
Anschließende erläutert Jean-Paul DELEVOYE die Prioritäten seines Mandats an der Spitze des
französischen Wirtschafts-, Sozial- und Umweltrates. Er wolle diesen zu einem "Bürgerschaftshaus"
machen, einem Ort, an dem sich die Bürgerinnen und Bürger Frankreichs als Akteure und Verantwortliche für das kollektive Schicksal ihres Landes einbringen könnten. Er strebe ein Forum zur Belebung der intellektuellen Debatte an, in dem der Scharfblick unerlässlich und die Frechheit nicht
ausgeschlossen sind, da die Bequemlichkeit der Gewissheiten und konservativen Ansichten noch zu
oft Vorrang vor unbequemen Fragen hätten.
Schließlich geht Jean-Paul DELEVOYE auf das mangelnde Ansehen der politischen Entscheidungsträger in den Augen einer Bevölkerung mit sich widersprechenden Erwartungen ein. Es bestehe die
Gefahr, dass die demokratische Debatte in Richtung radikaler oder sogar für das Schicksal der Nation
und die eigene Zukunft selbstzerstörerischer Lösungen umschwenke. Hier komme den Institutionen
wie dem EWSA und den einzelstaatlichen Wirtschafts- und Sozialräte eine wichtige Rolle zu, die
darin bestehe, das Vertrauen zwischen Bürgern und Entscheidungsträgern wiederherzustellen, sich der
Aufgabe zu stellen, die Bürger "zurückzugewinnen", neue kollektive Erwartungen zu wecken, um
nicht denjenigen das Feld zu überlassen, die sich Ängste und Demütigungen zunutze machen. JeanPaul DELEVOYE äußert den Wunsch, dass der französische Wirtschafts-, Sozial- und Umweltrat hier
mitwirkt und allen Bürgerinnen und Bürgern offensteht, und lädt Präsident NILSSON zu einem baldigen Besuch im Palais d'Iena ein, um diese Themen zu diskutieren.
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-4Staffan NILSSON dankt Jean-Paul DELEVOYE für seine Rede, die eine fruchtbare Inspiration für
die Zukunft und für die anstehende Debatte sei. Angesichts der derzeitigen Probleme und für die
Suche nach Lösungen sei es wichtig, eine Zukunftsvision zu haben, sowohl um die Unterstützung der
Öffentlichkeit zu gewinnen als auch um Gerechtigkeit, Solidarität und eine fairere Gesellschaft
anzustreben.
Staffan NILSSON eröffnet die allgemeine Aussprache.
Georgios DASSIS (Vorsitzender der Gr. II, EL) heißt Jean-Paul DELEVOYE herzlich willkommen
und hebt hervor, dass der französische Wirtschafts-, Sozial- und Umweltrat als Vorbild für den
EWSA gedient hat. Im Großen und Ganzen unterstütze er die Äußerungen von Jean-Paul
DELEVOYE und schlage vor, gemeinsam auf das von ihm Dargelegte hinzuarbeiten. Die wichtigste
der auf der Tagesordnung stehenden Fragen sei die Zukunft der europäischen Integration. Es wäre
wesentlich einfacher auf internationaler Ebene zu handeln, wenn die Europäer als solche auftreten
würden. Er frage sich, ob die europäischen Institutionen zur Verbesserung des politischen, wirtschaftlichen und sozialen Klimas beitragen könnten. Das Projekt Europa kranke, da seine Bürger nicht
mehr an dieses Projekt glaubten, und ihr Urteil beruhe auf dem, was sie sähen. Die Solidarität sei in
Gefahr, weshalb angesichts der Wirtschaftskrise eine mögliche Maßnahme darin bestünde, innerhalb
der Eurozone Geld zu einem normalen Zinssatz zu verleihen. Kleine Staaten in Randlage, wie
Griechenland, Portugal und Irland, hätten im Namen der europäischen Integration viel aufgeben müssen. Solidarität habe nichts mit Menschenfreundlichkeit zu tun, sondern sei eine besondere Haltung.
Jetzt komme es darauf an, zum Fortbestand des Projekts Europa beizutragen.
Für Evelyne PICHENOT (Gr. III, FR) kommt die Debatte über den Ausbau der Kontakte zwischen
den beiden Institutionen und die Aussichten auf einen künftigen Austausch zum rechten Zeitpunkt.
Der Frühjahrsgipfel 2011 sei durch Beiträge zur Vollendung des Binnenmarkts bereichert worden,
was zeige, dass es vorangehe. Mit Blick auf die Reform des französischen Wirtschafts-, Sozial- und
Umweltrates begrüße sie den Ansatz der Geschlechterparität und die Erweiterung seiner Befugnisse
im Umweltbereich. Die Gruppe III habe sich bemüht, ihren Beitrag zur europäischen Integration zu
verbessern, was in einen Fahrplan für partizipative Demokratie gemündet habe, in dem der Dialog mit
der Zivilgesellschaft und die Bedeutung der europäischen Bürgerschaftsinitiative hervorgehoben
werde. Die nationalen Räte sollten stärker in den Konsultationsprozess, die Bewertung und die
Folgenabschätzung eingebunden werden. Sie hoffe, dass die Umsetzung der europäischen Bürgerschaftsinitiative 2012 in den einzelnen Mitgliedstaaten als eine Etappe angesehen wird.
Nach Ansicht von Henri MALOSSE (Vorsitzender der Gr. I, FR) hat Präsident DELEVOYE mit
seinen Ausführungen das Fundament für die künftige Zusammenarbeit zwischen den beiden
Institutionen gelegt. Die europäischen Bürger seien ernüchtert und zwar einschließlich der Unternehmer, die enttäuscht seien, dass der Binnenmarkt nach so vielen Jahren immer noch nicht vollendet ist.
Die Europäische Union habe immer noch keine echte Industriepolitik und die europäischen Industrien
seien im Verschwinden begriffen. Er unterstütze das Programm für die Mobilität der Jugend und stelle
fest, dass die fehlenden Beschäftigungsmöglichkeiten und die spezifischen Kompetenzen, die notwendig seien, um Arbeit zu finden, ein gemeinsames Anliegen seien. Die europäischen Institutionen hätten Schwierigkeiten. Obwohl die Europa-2020-Strategie Unterstützung finde, teile die Öffentlichkeit
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-5sie nicht wirklich. Die europäischen WSR sollten als Netz gemeinsam an Schlüsselprojekten arbeiten,
die die Menschen mobilisieren könnten, z.B. durch die Ausprägung einer europäischen Identität auf
nationaler und regionaler Ebene oder die Konzipierung einer gemeinsamen Vision für Europa. Die
europäischen Institutionen und die Zivilgesellschaft könnten bei der Umsetzung solcher Projekte
zusammenarbeiten. Die Arbeitgeber unterstützen den Gedanken, die derzeitigen Arbeitsmethoden zu
überprüfen und die Prioritäten neu zu setzen, wie das der französische Wirtschafts-, Sozial- und
Umweltrat gerade getan habe.
Pierre-Jean COULON (Gr. II, FR) weist darauf hin, dass das Treffen von Jean-Paul DELEVOYE
mit dem marokkanischen WSR am 19. April den Einfluss des französischen Wirtschafts-, Sozial- und
Umweltrates im Mittelmeerraum widerspiegelt. Er frage sich, ob es möglich sei, den WSR im Süden
"europäische" soziale Regeln und sozialen Dialog zu erläutern, wenn sich die Europäer selbst bei
Maßnahmen für Migranten, grüne Arbeitsplätze und erneuerbare Energieträger uneinig seien. Europa
müsse seine geistige Abgespanntheit bzw. Depression überwinden und zu grundlegenden Werten
zurückkehren, um so seine eigene Lage zu verbessern. Die Europäische Union müsse geschlossen
auftreten, um Ergebnisse zu erzielen. Dies könnte den Ländern Hoffnung geben, die in der EU ein
Vorbild sehen.
Corrado ROSSITTO (Gr. III, IT), der sowohl die europäische als auch die nationale Ebene vertritt,
geht auf die Bemerkungen von Jean-Paul DELEVOYE zum Wunsch der Organisationen der Zivilgesellschaft nach mehr Teilhabe ein. Im Hinblick auf das Netz der nationalen WSR zeige die Palette
der von der Zivilgesellschaft vertretenen Interessen ganz deutlich, wie stark die Öffentlichkeit tatsächlich einbezogen sei. Er vergleicht die auf größere Teilhabe der Zivilgesellschaft ausgerichtete Reform
des französischen WSR mit dem italienischen Modell, das vor 50 eingeführt wurde und durch das die
Interessen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern sowie anderer Gruppen wie Verbraucher, Umweltschützer und Jugendlicher, vertreten würden. Um die Mitwirkung der Öffentlichkeit zu verbessern,
müssten sich die durch den Vertrag von Lissabon übertragenen Befugnisse in der Arbeitsweise der
WSR widerspiegeln. Deshalb sollte auf eine größere Koordinierung zwischen den verschiedenen
WSR und den partizipativen Gremien sowie verschlankte Verfahren hingearbeitet werden, um die
Vertretung einer breiten Interessenpalette zu gewährleisten.
Göke FRERICHS (Gr. I, DE) sieht die Zukunft des Erweiterungsprozesses der EU optimistisch, selbst
wenn verschiedene wichtige Aufgaben nicht in Angriff genommen worden seien. Die jüngere Generation setze ihre Hoffnungen in die ältere und der französische Wirtschafts-, Sozial- und Umweltrat sei
mit gutem Beispiel vorangegangen. Europa habe ein gemeinsames Schicksal und seine Zukunft könne
nur durch die gemeinsame Bewältigung der Herausforderungen gesichert werden. Viele Staaten klopften
bei der Europäischen Union an und sie sollten nicht enttäuscht werden. Abschließend weist er auf die
ausgezeichnete Zusammenarbeit innerhalb der Gruppen des EWSA hin. Der Wert einer solchen Zusammenarbeit habe im Mittelpunkt der Rede von Jean-Paul DELEVOYE gestanden.
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-6Jean-Paul DELEVOYE geht auf alle Redner ein und äußert seine Hoffnung auf weitere konstruktive
Gespräche während des Mittagessens.
Zu Georgios DASSIS Äußerungen unterstreicht er, wie wichtig es ist, der Fragilität der Demokratie
Rechnung zu tragen, die durch eine erneute Diktatur zerstört werden könnte. Obwohl derzeit eine
Tendenz zur Demokratie bestehe, stelle sich die Frage, was die Menschen anschließend aus ihrer Freiheit machen wollten. Frankreich möchte diejenigen unterstützen, die ihre Freiheit gerade wiedergewonnen hätten, um sie davor zu bewahren, wieder in die oft grausame Diktatur zu verfallen, die sie
bereits erlebt hätten.
Bezüglich der Frage der Solidarität verweist Jean-Paul DELEVOYE auf die Wirtschaftskrise und
die Lage in Griechenland. Wie sei es möglich, Solidarität zu leben, wenn die schwächsten Mitglieder
den höchsten Zinssatz zahlen sollten. Wenn die Solidarität angewandt werden sollte, müssten die Länder Verantwortung für die eigene Bevölkerung übernehmen und strikter sein, wenn es darum gehe,
die Konten auszugleichen und ein beispielhaftes Verhalten der Öffentlichkeit zu garantieren. Dieses
dürfe nicht durch negative Verhaltensweisen gefährdet werden. Die Frage sei, wo die Grenzen der
europäischen Solidarität lägen und was ihm Rahmen des Solidaritätspakts verlangt und abgelehnt
werden könne. In 40 oder 45 Jahren werde es vielleicht eine Weltzentralbank geben, die keine
finanziellen und wirtschaftlichen Ungleichgewichte zulassen würde. Wenn die gesteckten Ziele
erreicht werden sollten, bestehe die Herausforderung darin, nicht weiterzuträumen. Es sei gelungen,
die Katastrophe zu verhindern und das Bankensystem zu retten, aber nur durch die Umwandlung
privater in öffentliche Schulden.
Zum politischen Klima, das durch äußere Ereignisse beeinflusst werden könnte, stellt Jean-Paul
DELEVOYE die Frage, wie die Lage in zwei Jahren aussehen könnte und ob China mit sozialen
Spannungen konfrontiert werden oder das Defizit der USA aufgrund mangelnden Risikomanagements
Probleme verursachen könnte. Außerdem fragt er sich, wer die Stabilität in den Ländern des Maghreb
oder die Lage in Syrien garantieren könne, die sich auf Saudi Arabien auswirken könnte, das einen
Anteil von 25% an der weltweiten Energieversorgung habe. Ein weiteres Thema sei die Volatilität der
Nahrungsmittelpreise in den Entwicklungsländern, die den internationalen Handel beeinflussen
könnte. Die derzeitige Tendenz bestehe darin, den Schmerz zu lindern, ohne nach der Ursache zu
forschen. Es stünden jetzt umfangreiche Informationen zur Verfügung, mit deren Hilfe vom Krisenmanagement zur Einführung dauerhafterer Strukturen übergegangen werden könne, die die politische,
wirtschaftliche und soziale Lage in den kommenden 15 bis 20 Jahren ändern würden.
Im Hinblick auf die partizipative Demokratie und die Bewertung der Leistungen von Behörden
hält es Jean-Paul DELEVOYE für erforderlich, eine Zusammenarbeit zwischen den für die Bewertung der Behörden auf nationaler und europäischer Ebene Zuständigen einzuführen. Unter Umständen
seien Leistungsvergleiche und Standardindikatoren erforderlich, um auf einer soliden Basis Vergleiche anstellen zu können.
Zur Bürgerschaftsinitiative schlägt Jean-Paul DELEVOYE vor, Foren einzurichten und die
Einführung eines Tages zu erwägen, an dem sich die europäischen WSR mit der europäischen Dimension auseinandersetzen, z.B. einen Tag der Bürgerinnen und Bürger der EU, der in allen europäischen
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-7Ländern begangen würde. Ferner sollten Teams gebildet werden, die die europäische Dimension erörtern, einschließlich sozialer und ökologischer Themen und Jugendpolitik, um die verschiedenen
Ansätze zu harmonisieren und der Öffentlichkeit mehr Einfluss zu verleihen.
Zur Äußerung von Henri MALOSSE bezüglich der Ernüchterung der Gesellschaft erklärt JeanPaul DELEVOYE, dass Frankreich seiner Ansicht nach nicht unter einer Depression litte. Gesellschaften würden durch Hoffnung, Angst und Feindseligkeit strukturiert. Die Hoffnung schwinde derzeit, weshalb Angst und Feindseligkeit zunähmen, was nicht im Interesse Europas liege. Das Fundament der Europäischen Union sei der Frieden, aber derzeit würden sich verschiedene Arten von
Konflikten entwickeln. Deshalb sei es erforderlich, Europa wieder Hoffnung zu geben. Handel fördere
den Frieden und Freiheit fördere den Handel. Allerdings könnte unregulierter Handel Konkurrenz und
Zerstörung Vorschub leisten. Aus diesem Grunde müsse darüber nachgedacht werden, inwieweit
freier Wettbewerb akzeptiert und ob er reguliert werden sollte.
Bezüglich des Treffens in Marokko weist Jean-Paul DELEVOYE darauf hin, dass es Frankreich
nicht zustehe, irgendjemandem Vorschriften zu machen. Ziel solcher Besuche sei es, diejenigen zu
unterstützen, die einen Dialog der Zivilgesellschaft einführen wollten, um die Menschen am
gemeinsamen Schicksal ihres Landes teilhaben zu lassen. Was die Einwanderungspolitik betreffe,
übten die Menschen aufgrund ihrer Ängste Druck auf die Politiker aus, weshalb sich erneut die Frage
stelle, wie Europa wieder Hoffnung gegeben werden könne.
Bei der Frage des Demokratiedefizits und der unterschiedlichen Kulturen stimmt Jean-Paul
DELEVOYE der Notwendigkeit zu, über die Zukunft nachzudenken und Optimismus an den Tag zu
legen, der jedoch nicht blind sein dürfe. Unter der Voraussetzung, von der europäischen Vision und
Hoffnung überzeugt zu sein, sollten wir den Mut haben zu sehen, dass wir manchmal bestimmte
Regelungen beibehalten, die statt zur Verwirklichung der europäischen Vision beizutragen, die Menschen in Bereichen wie Umweltschutz, soziale Bestrebungen oder sogar Lebenserwartung destabilisieren und enttäuschen. Abschließend betont Jean-Paul DELEVOYE, dass wir scheinheilig genug
seien, im Namen einer größeren Sache sektorale und kurzfristige Interessen zu verfolgen, und fragt
sich, ob wir in der Lage seien, diese Scheinheiligkeit aufzugeben und der Realität ins Auge zu sehen.
Staffan NILSSON dankt Jean-Paul DELEVOYE für seine inspirierende Rede.
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