05 P. Dominik Riegler:_Berufung

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Gedanken zum Thema „Berufung“ – 16. Oktober 2005 zusammengestellt v. P. Dominik Riegler, OSB
I.
Was meint „christliche Berufung“?
Christliche Berufung ist immer ein Ruf in die Gemeinschaft, weil Gott selbst
Gemeinschaft ist. 1 Joh: „Gott ist Liebe“.
Das Geheimnis, das wir Gott nennen, ist in sich ungetrübte Gemeinschaft und über sich
hinaus das Geheimnis, in dem wir alle hinein genommen und aufgenommen sind. Wir
Christen sind hineingeliebt in die sich verschenkende Liebe des Vaters, die empfangende
Liebe des Sohnes und die Einheit stiftende Liebe des Hl. Geistes. Diese Liebe ist
unauslotbar und unüberbietbar…
Der Begriff „Heil“ im christlichen Sinne heißt an der vollen Gemeinschaft Gottes, der
Menschen und der gesamten Schöpfung teilzuhaben.
Das sakramentale Heilszeichen, das heilige Zeichen schlechthin, ist die Taufe.
Die Taufe ist
 der konkrete Punkt der gemeinsamen christlichen Berufung.
 das bleibende Fundament christlichen Lebens, Wachsens und Reifens.
 ein beständiger Ruf Gottes in die Verantwortung füreinander.
Getauft sein bedeutet bedingungslos dem dreifaltigen Gott überantwortet sein, in der
Gnadenwirklichkeit Gottes zu leben.
Getauft sein bedeutet auf die Liebe Gottes zu antworten, dem Leben Gottes im
Lebensvollzug Raum zu geben.
Getauft sein bedeutet aufgenommen zu sein in die Kirche, dem Leib Christi, die heilige
Versammlung Gottes.
1. Gottes Ruf ist unverfügbar, Gnade, Geschenk und will wahrgenommen werden (vgl.
1 Sam 3ff)
2. Gottes Ruf ist einmalig, einzigartig, intim; weil jeder Mensch mittelbar oder
unmittelbar von Gott angerührt wird. (vgl. Joh 1: Das wahre Licht, das jeden Menschen
erleuchtet, kam in die Welt…)
3. Gottes Ruf führt zur Fähigkeit, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.
Er lehrt, „Ich“- zu sagen…
Aus der Regula Benedicti: „Wenn Du das hörst und antwortest: „Ich“, dann sagt Gott zu Dir: Willst Du
wahres und unvergängliches Leben? Bewahre Deine Zunge vor Bösem und Deine Lippen vor falscher
Rede…; Wende Dich ab vom Bösem und tu das Gute, suche Frieden und jage ihm nach…
Wenn Ihr das tut, blicken meine Augen auf Euch, und meine Ohren hören auf Eure Gebete; und noch
bevor ihr zu mir ruft, sage ich euch: Seht: ICH BIN DA.“
Das Geschenk des „Ich-Sagens“ vor Gott, d.h. ein Leben in Verantwortung vor Gott
und füreinander ist Er selbst, seine Gegenwart…
4. Gottes Ruf bedarf der Klärung, der Unterscheidung und der offiziellen Bestätigung.
Geistliche Begleitung!
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5. Berufung erfordert ein hohes Maß an Wachsamkeit, und Aufmerksamkeit,
Hörfähigkeit.
6. Berufung ist höchst personales Geschehen. Gott schenkt sich nicht am Menschen
vorbei, sondern durch Menschen hindurch. (in mittelbarer Unmittelbarkeit).
7. Berufung erfordert Bedächtigkeit: Bedenke, wer Dich ruft, bewahre das Geheimnis
der Mitteilung Gottes in deinem Herzen; denn es ist die Geschichte Gottes mit Dir.
Es ist angemessen, zu zögern, wenn es um die Sache Gottes geht. – vgl. Lk 1,26…
Basis jeder Berufung: „Gott ist Liebe“ – vgl. der Aufschrei im Herzen des Hl. Franziskus:
„Die Liebe wird nicht geliebt, die Liebe wird nicht geliebt, d.h. Gott wird nicht mehr erkannt!
II.
Heilige – „Herausgeliebte“ Liebende
Die Glaubenserfahrung von den Heiligen – Gott ist Liebe – Gott ist Beziehung und schafft
neue Beziehungwirklichkeit
 Paulus – Apg 9,1ff
dem großen Theologen geht es primär nicht um Theologie, sondern um die Erfahrung: Er,
Christus, meint mich. Hinter diesem Christus steht der Gott und Vater unseres Herrn Jesus
Christus, der „Abba“ – liebende Vater.
Er, Paulus, durfte Christus „Schauen“ (gr.- passiv: ophte). Dieses Schauen führte ihn in
die Ganzhingabe an die Person Jesu Christi und an die Menschen.
„Soweit ich noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich
geliebt und sich für mich hingegeben hat.“
Zum Menschsein erlöst, herausgeliebt, kann Paulus erlösend, ohne Gewalt die Rettung
durch den Tod und Auferstehung Jesu Christi verkünden.
Das Wort Jesus bedeutet: „Gott rettet, Gott!!!“
 Madleine Debrel
„Du lebtest, und ich wusstet nichts davon… Weil du nicht da warst, erschien die ganze
Welt mir klein, das Schicksal der Menschen dumm und böse. Als ich wusste, dass Du
lebst, dass Du mich ins Leben gerufen hast, da habe ich Dir gedankt für mein Leben und
für das Leben der ganzen Welt.“
Vielen Heiligen gemeinsam ist
 das mühevolle, zähe Ringen um ihre eigentliche Berufung, die Frage nach dem
konkreten Willen Gottes für ihr Leben…
„Höchster, glorreicher Gott!
Erleuchte mir die Finsternis meines Herzens
Und schenke mir rechten Glauben
Gefestigte Hoffung, vollendete Liebe und tief gründende Demut!
Gib mir Herr, das Empfinden und Erkennen
Damit ich deinen heiligen Auftrag erfülle,
den Du mir in Wahrheit gegeben.
Amen.“
(Hl. Franziskus)
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 ein anfängliches Missverstehen von Gottes Wort. Die treibende Kraft ist die Sehnsucht
nach Gott in ihrem Herzen. Sie gaben ihr Raum und gaben Gott damit die Gelegenheit, sie
zu umwerben, liebevoll und behutsam in seine Liebe zu locken und sie mit Gnaden zu
überschütten, an denen sie uns Anteil schenken…
 die Gnade, ganz intensiv mit Gott und vor Gott zu leben, ja die Freundschaft Gottes zu
erwerben…
 die Aufgabe, auf eine ganz konkrete Not der Menschen, der Kirche zu antworten,
geheiligtes sichtbares Zeichen für das ewige Erbarmen Gottes zu werden!
Mich dürstet! – Nach Dir – Dieser Ruf Jesus am Kreuz ist das verzweifelte Betteln Gottes
nach jedem Menschen. Dieser Ruf gilt allen, vor allem jenen, die ihn kreuzig(t)en!
III. Allgemeine Zusammenfassung
 Berufung ist etwas Persönliches, Intimes
Vergleichbar mit der Ehe, ein „heilig-öffentliches Geheimnis“ (Alfred Polger)
Sie steht mitten in der Gesellschaft, ist also höchst politisch!
 Berufung weitet den Horizont und durchwirkt das Leben ganz und gar
„Gott ist Liebe“, Gott liebt und leidet die missbrauchte Freiheit, das Bösen und den
Bösen, die missbrauchte Liebe um!
„Einer aus der Heiligsten Dreifaltigkeit hat gelitten!“ – Ausspruch der skytischen Mönche.
K. Rahner: Darin liegt die ganze Wahrheit des Christentums beschlossen!!!
 Berufung befreitt in die Fähigkeit zu Handeln für die Welt und in ihr..
Gott ist mitten im Leben jenseitig. Nicht an die Dinge gebunden sind wir befreit für das
Gebet und den Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden. (Ora et labora – weit gefasst!!)
Berufung heißt nicht nur Gott suchen, sondern die Suche nach Gott mit der Sendung durch
Gott verbinden.
 Berufung meint gefunden werden und sich finden;
…meint einstehen für etwas, was ewig, endgültig ist. Berufung stellt die Frage nach der
Zeit. Was bleibt am Ende unseres irdischen Weges..
Hl. Augustinus: „ Wir suchen Gott, um ihn zu finden, und wir finden ihn, um ihn
neuerlich zu suchen. Aber als Suchende sind wir Gesandte…!
Der christliche Berufungsbegriff ist ein Beziehungsbegriff! Die Beziehung zum
lebendigen Gott und zueinander ist das Herzstück gelingenden Lebens.
Menschliche Beziehungen haben nur in und durch die Gnade Gottes Bestand.
Im menschlichen Versagen, im Scheitern nimmt Gott seine Zusage nicht zurück.
Roger Schutz: Gott kann nur lieben…In Jesus Christus bleibt der Himmel für jeden
Menschen, für alle Völker geöffnet, er nimmt seine Liebe nicht zurück. Gott bleibt Bettler
unserer Liebe bis zum letzen Atemzug. Vgl. Nunc dimitis – Lk 2,29ff
„Nun lässt Du, Herr, Deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden.
Denn Deine Augen haben das Heil gesehen, das Du vor allen Völkern bereitet hast.
Ein Licht, dass die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für Dein Volk Israel!“
IV.
Texte von Heiligen zum Thema Berufung
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Ignatius v. Loyola
„Prinzip und Fundament“ (aus den „Exerzitien, Johannes – Verlag)
1. Der Mensch ist geschaffen, dazu hin, Gott, unseren Herrn zu loben, Ihm zu verehren
und Ihm zu dienen, um so seine Seele zu retten!“
2. Die anderen Dinge auf Erden sind zum Menschen hin geschaffen, und um ihm bei der
Verfolgung seines Zieles zu helfen, zu dem hin er geschaffen ist…
3. Hieraus folgt, dass der Mensch sie so weit zu gebrauchen hat, als sie ihm zu seinem
Ziele helfen, und soweit zu lassen, als sie ihn daran hindern!
Theresia v. Avila
…Über die Möglichkeit des freundschaftlichen Umgangs mit Gott (aus dem Buch von
Erika Lorenz: Ich bin ein Weib, und obendrein kein Gutes)
***
Sie meinen, Gott könne sich mit niemand so menschlich einlassen…
Da haben sie aber ihren Glauben nicht durchdacht.
Wenn man bekennt, dass Gott Mensch wurde, wie kann man dann die Möglichkeit
bezweifeln, dass Gott zum Menschen spricht? Ist es mehr, einem seiner Knechte zu
erscheinen und mit ihm zu sprechen, als sich zum Knecht aller zu machen und für sie den
Tod zu erleiden?
***
Das Äußerste, dass Gott für seinen Freund tun kann, ist, sich ihm zu schenken! Und das
äußerste, was ein Mensch vermag ist, sich Gott zu schenken! Doch können wir letzteres
nicht vollkommen tun, ohne seiner Hilfe! Sagt doch die Braut zuerst: „Mein Geliebter ist
mein und nicht: Ich bin sein!“
Therese v. Lisieux - Was zählt, ist Liebe…
(aus dem Buch von Rudolf Stertenbrink: Allein die Liebe)
Die Liebe gab mir den Schlüssel meiner Berufung.
***
Ich begriff: Wenn die Kirche einen Leib hat, der aus verschiedenen Gliedern besteht, dann
fehlt ihr nicht das notwendigste, das edelste von allen; ich begriff, dass die Kirche ein
Herz hat, und dass dieses Herz vor Liebe brennt.
*
Ich begriff, dass allein die Liebe die Gliede der Kirche zum Handeln befähigt, dass die
Apostel das Evangelium nicht mehr verkündigen und die Martyrer sich weigern würden,
ihr Blut zu vergießen, wenn die Liebe erlischt!!!
*
Ich begriff, das die Liebe alle Berufungen umfasst, dass die Liebe alles ist, dass sie alle
Zeiten und Orte umgreift, mit einem Wort, dass sie ewig ist! Hierauf rief ich im Übermaß
meiner großen Freude: „Jesus, meine Liebe, endlich habe ich meine Berufung gefunden,
meine Berufung ist die Liebe…
*
Im Herzen der Kirche, meiner Mutter, werde ich die Liebe sein…
Auf diese Weise werde ich allen alles sein. So wird sich mein Traum verwirklichen!!!
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