„Eine andere Welt ist möglich“ Impulse für das Sozialwort aus dem Europäischen Sozialforum Zehntausende Menschen trafen sich von 6. bis 10. November in Florenz zum Weltsozialforum. Dabei wurden jene sozialen Themen behandelt, die heute dringlich erscheinen und aus sozialethischer Sicht auch für die christlichen Kirchen grundlegend sind. Die Themenschwerpunkte: 1. „Neoliberalismus und Globalisierung“: Die vorherrschende Wirtschaftspraxis ist dominiert durch wenige dominante Großkonzerne, undemokratische Entscheidungen und lebensbedrohende Folgen. Es wurde nach sach- und menschengerechten Alternativen gesucht, wie Wirtschaft so gestaltet werden kann, dass nicht wenige Weltkkonzerne die Existenz und Zukunft der vielen ArbeitnehmerInnen, Wirtschaftstreibenden, ja aller BürgerInnen bestimmen. Das Abwenden der steigernden Armut, der Protest dagegen, dass die sozialen Grundsicherungen zum Luxus werden, den sich in Zukunft nur Teile der Bevölkerung leisten können, Instrumente gegen die in vielen Ländern enorme Arbeitslosigkeit – dies prägte die Diskussionen. 2. „Krieg und Frieden“: Auch hier zeigten sich deutlich die Wirtschaftsinteressen, die hinter den Kriegen stehen und ein Hauptfaktor sind, dauerhaften Frieden zu verhindern. In eindrucksvollen Kundgebungen wurde gegen den Irakkrieg und für Frieden in Israel-Palästina demonstriert. 3. „Menschenrechte und die Krise der Demokratie“: Nicht nur die „Demokratie“ in Italien stellte ein hautnahes Beispiel für die Grundprobleme der Menschlichkeit dar. In allen Ländern des europäischen Kontinents (und darüber hinaus) stellt der wachsende Rechtsextremismus ebenso eine Herausforderung dar wie auch der Umgang mit Einwanderern und Flüchtlingen und der sozialen Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen. Das Anliegen, das die teilnehmenden Personen, Gruppen und Organisationen verband, ist auch ein zutiefst christliches Anliegen: Die Sehnsucht nach einer menschlichen, gerechten Welt. Man wird dem Sozialforum nicht gerecht, wenn man es als Treffen linker Gruppen abtut. Nicht Ideologien sind als Mittelpunkt der Veranstaltung zu sehen, sondern diese konkreten Bedenken und Visionen. Die Themen sind Grundfragen unserer Welt und einer menschlichen Zukunft. Daher waren dort die verschiedensten Bewegungen, Organisationen, Experten und Einzelpersonen zu finden, die an eine Mitgestaltung und die Möglichkeit einer anderen – besseren – Welt glauben. So ist es wichtig, dass auch die Kirche gemeinsam mit anderen diese Anliegen diskutiert und für menschliche Strukturen eintritt. Werden die Kirchen als gewichtige soziale Stimme wahrgenommen? Eine klare, öffentliche Positionierung der Kirchen zu diesen sozialen Themen heute scheint notwendig – sowohl für die sach- und menschengerechte Diskussion und Suche nach Alternativen, als auch hinsichtlich der Glaubwürdigkeit der Kirchen. Es ist auffallend und stimmt nachdenklich, dass man aus den Anfragen von Teilnehmenden im Zuge der Diskussionsveranstaltung „Die Rolle der Religionen im Rahmen der Globalisierungskritik“ durchwegs zu erkennen war, dass von den Kirchen deren Einsatz für soziale Fragen nicht wahrgenommen und auch nicht erwartet wird. Die Bestätigung dieses Eindrucks konnte man auch bei persönlichen Gesprächen immer wieder finden: Die Assoziationen mit „christlichen Kirchen“ gehen über „Papst und dessen Aussagen über die Empfängnisregelung“ nicht hinaus. Die klaren Aussagen etwa der päpstlichen Dokumente hinsichtlich Kapitalismus, Krieg usw. sind einfach nicht bekannt. Die Kirche – eine gewichtige soziale Stimme Die Kirchen sind herausgefordert: Entgegen der herrschenden Welt-Wirtschaftspraxis, die Menschen, kleinere Betriebe und ganze Länder zum Mittel für eigene Gewinnmaximierung missbraucht, sagt die Kirche deutlich: Der Mensch steht im Mittelpunkt – und nicht an erster Stelle der Gewinn, die Produktivität oder der Erfolg. Demgemäß wurde am Forum von Vertretern der Religionen vor einer „unheiligen Allianz der Kirchen mit dem Neoliberalismus“ gewarnt. Entgegen der Ausgrenzung von Fremden und dem Bedürfnis, nur oder vor allem das Eigene zu sichern, weiß die Kirche um den Reichtum der Vielfalt. Das heißt auch, keine Angst vor anderen Kulturen, vor anderen Religionen oder anderen Menschen, sondern im Gegenteil diese als Schatz zu sehen und das Gemeinsame und Ergänzende zu finden. Es bedeutet darüber hinaus aber auch eine grundlegende Skepsis gegen Strömungen, die nur ein Einziges – und keine Unterschiede – duldet; und das gilt auch hinsichtlich der Duldung nur einer einzigen wirtschaftlichen Macht. Entgegen dem Glauben, dass Fortschritt an sich der größte Wert ist, fordert die Kirche, dass sich Fortschritt an der Gerechtigkeit messen muss. So bedeutet unsere Option für die Armen die Forderung, prophetische Worte und Taten dem einseitigen Neoliberalismus gegenüber zu geben. Die Aufgabe der Kirchen ist es wesentlich, auch hinsichtlich der drei Themenbereiche des Sozialforums Zeichen der Hoffnung zu setzen. Es ist notwendig, dies in deutlichen Worten und öffentlich wirksam zu tun: - Überall, wo die Angst vor dem Anderen und Fremden um sich greift und besonders auch die Politik im weiteren Sinne prägt, haben die Kirchen das – theoretische/theologische Instrumentarium, die Vielfalt als Chance und als menschenentsprechend zu verdeutlichen sowie eine „Einheit in Vielfalt“ vorzuleben. - Die Kirchen haben national und insbesondere für ein neues Europa die Aufgabe, sich nicht zur Komplizin des Neoliberalismus zu machen, sondern auf ein Europa hinzuwirken, das mehr ist als ein gemeinsamer Markt, das eine interkulturelle und interreligiöse Gemeinschaft ist, das sich in der Umsetzung einer Maxime des Neoliberalismus widersetzt: dass alles – auch das Leben – zur Ware wird. - Die Kirchen haben um der Menschlichkeit willen einzuklagen, dass einem Wissen in der wirtschaftlichen und politischen Praxis Rechnung getragen wird: nämlich, dass es keinen Frieden ohne Gerechtigkeit gibt. - Die Kirchen können nicht Hauptakteure im Sozialen – anstelle des Volkes – sein. Sie haben aber die unverzichtbare (Glaubens-)Pflicht, ihre Möglichkeiten wahrzunehmen: Sie können eine Dynamik entwickeln und fördern. Sie dürfen sich ihres prophetischen Auftrages nicht entziehen, gegen einen einseitigen Neoliberalismus sich deutlich auszusprechen. - Der Makroökumene (als „Ökumene“ über die Grenzen des Christentums hinaus) wird eine grundlegende Bedeutung zugewiesen, insofern die Bedeutung eines interreligiösen Diskurses vor allem hinsichtlich des Islam heute offenkundig ist: Einerseits ist der Islam ein wesentliches Element bei der Klärung von Ursachen von Gewalt und Kriegen weltweit und bei der Entwicklung von Wegen zum Frieden. - Andererseits wächst der Anteil der Muslime in den meisten europäischen Staaten. Hierin könnte ein wesentlicher Beitrag der Kirchen liegen, Vorurteile und Ängste mit konstruktivem Dialog zu tauschen. Viele sehen im Potential der Kirchen, international ihren Einfluss bei den großen sozialen Fragen geltend zu machen, eine große Hoffnung. Schließlich muss erkannt werden, dass es heute nicht mehr nur um die Menschenrechte Einzelner geht, sondern Grundrechte der Menschheit auf dem Spiel stehen. Alle drei großen Themenbereiche des Sozialforums ließen das deutlich werden. Die christlichen Religionen sind hier herausgefordert; denn die christliche Anthropologie weiß zutiefst von der Unteilbarkeit der menschlichen Würde und den fatalen, brutalen Folgen, wenn etwa Gewinn oder Macht zu falschen Göttern (Götzen) werden. Allein die Zahl der Teilnehmenden am Sozialforum (40.000 – 60.000) und an der Friedenskundgebung (600.000 – 1 Mio.) zeugen von der Betroffenheit der Menschen und der Sehnsucht nach einer menschlicheren Welt: Demokratisierung der Weltwirtschaft Nachhaltigkeit Partizipation (und nicht Ausbeutung) der ärmeren Länder soziale Grundsicherung für alle Zukunft der Jugend (Bildung, Ausbildung, Arbeit) demokratische Weltordnung Ermöglichung eines dauerhaften Friedens (und nicht Forcierung aus wirtschaftlichen und machtorientierten Interessen) Verantwortung über die nationalen Grenzen hinweg (Palästina und Israel, Balkan, Iran usw.) soziale Integration und Parteinahme für die Rechtlosen Nicht-Ökonomisierung von sozialen, grundlegenden Diensten (gegen GATS) und des Lebens (Frage der Patentierungen) Edeltraud Koller, Sozialreferat der Diözese Linz Im Folgenden einige Eindrücke der TeilnehmerInnen aus der Diözese Linz: Jugendliche für eine veränderte Welt Das war der Grundtenor in Gesprächen mit Jugendlichen, die zu tausenden zum Europäischen Sozialforum gekommen waren. Eine friedvolle Welt ohne Hunger, ohne Ungerechtigkeiten, in der alle die gleichen Chancen haben – das ist es, wofür es sich lohnt, sich einzusetzen. Solch eine Welt wollen sie mitgestalten. Dass ein gemeinsames Leben und arbeiten junger Menschen möglich ist, zeigt sich in einem Projekt, das im Rahmen des Sozialforums vorgestellt wurde: Im Dorf Loppiano. Hier leben Menschen aus allen Kontinenten und wirtschaften gemeinsam. Die Betriebe, in denen sie arbeiten, setzen den Gewinn nicht für Kapitalanhäufung ein, sondern je zu einem Drittel für Bedürftige, ein Drittel für die Ausbildung der jungen Menschen, und ein Drittel wird wieder in die Betriebe reinvestiert. Wenn den Jugendlichen die Möglichkeit gegeben wird, sich politisch zu engagieren, wenn sie ernstgenommen werden und dies auch ausdrücken können in einer repräsentativen Demokratie, sind sie bereit dazu. In einer formellen Demokratie (wie wir sie zur Zeit in Italien erleben – Paul Ginsborg, Uni Florenz), in der Reiche den Wahlkampf dominieren, die Massenmedien dem Einfluss machtvoller Persönlichkeiten gehorchen, ist Politikverdrossenheit Jugendlicher vorprogrammiert. Wir sollten die Jugendlichen ermutigen, ihre Hoffnungen, Sehnsüchte – die so eindrucksvoll bei der Friedensdemonstration und beim abschließenden Fest – spürbar waren, nicht aufzugeben. Es gilt den Weg der Persönlichkeitsbildung der Jugendlichen, wie ihn die Katholische Jugend Oberösterreichs in vielen Facetten geht, beizubehalten und den Wert der Solidarität stärker spürbar und lebbar zu machen. Als Aufgabe dieses Sozialforums bleibt, nach Alternativen zum derzeitigen Wirtschafts- und Sozialsystem zu suchen und in Projekten und Betrieben beginnen umzusetzen. Davon wird es abhängen, ob das Europäische Sozialforum ein einmaliges Ereignis war, oder ob die Hoffnungen und Sehnsüchte, die hier geteilt wurden, auch verwirklicht werden können. König Margret, Forum Arbeit/KAJ Was mich vor allem am Europäischen Sozialforum freute, war die positive Reaktion der BewohnerInnen von Florenz. Trotz der negativen Propaganda im Vorfeld des Treffens wechselte spätestens bei der Kundgebung am Samstag die Meinung bei der Stadtbevölkerung. Beim Marsch durch die Stadt wurde uns immer wieder die Sympathie bekundet. Angerührt von er faszinierenden Stimmung wurden wir mit lachenden Gesichtern aus den Fenstern und von zu tausenden am Straßenrand Stehenden eskortiert. FlorenzerInnen, die sich für das Engagement der Sozialforums-TeilnehmerInnen für eine gerechtere Welt bedankten, Leintücher mit der Aufschrift „Gracie – Danke“ und zurück ein Denk und Gruß der DemonstrantInnen mit Sprechchören: „Firenze – Firenze“. – Ein geglückter Dialog für eine andere Welt. Mittermayr Heinz, KAB „Ein anderes Europa ist möglich“. Das war das Motto des Sozialforums in Florenz. 40.000 (bis 60.000) Menschen vom „alten Kontinent“ versammelten sich in der alten Residenzstadt der Medici, um soziale, ethische und solidarische Themen zu diskutieren. Was ich von diesen 5 Tagen der Vorträge, der Gespräche, der internationalen Vernetzung mitnehme, sind zwei Dinge: 1. Wenn von einer anderen Welt die Rede ist, muss man auf den Rahmen achten, in dem wir uns befinden. Es ist unmöglich, die Entwicklung der letzten 30, 40 Jahre einfach rückgängig zu machen und die vorhandenen Strukturen außer Acht zu lassen. 2. Wenn wir etwas bewegen wollen, muss das auf globaler Ebene passieren. Es ist zwar notwendig, im Kleinen Ideen zu spinnen – doch diese Ideen müssen auf breitere Ebene an die Öffentlichkeit wirklich werden. Es hilft niemandem, wenn ich meine Eindrücke, Informationen und Erfahrungen der letzten Tage für mich behalte. Vom Fortezza da Basso, dem Konferenzzentrum, gehen jetzt tausende Menschen aus ganz Europa nach Hause mit der Idee einer gerechteren Welt. Meine Hoffnung ist, dass die Idee Wellen schlägt und zumindest ein Stück verwirklicht wird. Leonfellner Christian, KAB „Another world is possible“ war für mich vor der Teilnahme am Europäischen Sozialforum mehr ein schöner „Slogan“ als eine realistische Chance. Nach Florenz und den vielen Vorträgen, Seminaren und Workshops ist mir bewusst geworden, EINE ANDERE WELT IST MÖGLICH. Diese internationale Plattform ist nicht bloß ein hohler Zusammenschluss vieler Organisationen. Nein, es ist eine Plattform, in der sich viele Menschen und Organisationen gefunden haben, die gemeinsam an Alternativen für eine gerechtere und friedlichere Welt arbeiten. Die große Vielfalt an Ideen und Ansichten der verschiedensten Organisationen und die „Rückendeckung“ der vielen teilnehmenden Menschen macht auch eine konkrete Umsetzung WIRKLICH möglich. Dass diese erarbeiteten realistischen Alternativen noch viel Arbeit bedeuten, ändert nichts daran, dass auf lange Sicht „EINE ANDERE WELT MÖGLICH IST.“ Feichtinger Markus