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____________________________________________________________COLLASIUS
Stefan Winkle
Struensee, der lange verpönte und verkannte kontagionistische
Pionier auf dem Gebiet der Seuchenprophylaxe
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“Die Politik ist weiter nichts als Medizin im Großen!"
Rudolf Virchow, Medizinische Reform. Berlin 1848.
“Ich mißtraue allen Systematikern und gehe ihnen aus dem Wege. Der Wille zum
System ist ein Mangel an Rechtschaffenheit."
Nietzsche, Götzendämmerung Sprüche und Pfeile 26
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Dem Andenken meines einstigen Chefs und Lehrers am Robert-Koch-Institut in Berlin,
Prof. Dr. med Eduard Boecker (1886-1953) in Dankbarkeit
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Bereits als junger Assistenzarzt am Robert-Koch-Institut in Berlin trug ich mich mit dem
Gedanken einer Kulturgeschichte der Seuchen. Beim Quellenstudium fand ich Mitte
März 1940 in der dortigen Bibliothek ein Bündel vergilbter Schriften über Tierseuchen,
darunter auch eine Abhandlung aus dem 18. Jahrhundert, deren Verfasser ein gewisser
Dr. Johann Friedrich Struensee aus Altona war (1). Von diesem Arzt, der in keiner
Medizingeschichte erwähnt wird, wußte ich damals nur soviel: Er soll ein Abenteurer
gewesen sein und wurde wegen eines Verhältnisses mit der dänischen Königin
hingerichtet. Doch von seiner Publikation, in der er das Krankheitsbild und die
Epidemiologie der Maul- und Klauenseuche, die man bis in die Mitte des 19.
Jahrhunderts mit der Rinderpest verwechselte, zum ersten Mal als eine Krankheit sui
generis genau beschrieb und zur Verhütung dieses kontagiösen Leidens, ähnlich wie
bei den menschlichen Pocken, die “Einpfropfung", d. h. die Schutzimpfung, in Erwägung
zog, war ich so fasziniert, daß ich von nun an nach weiteren Schriften und Publikationen
von ihm zu suchen begann (2). Da ich aber in Berlin nichts finden konnte und Struensee
von 1757 bis 1768 Stadtphysikus von Altona war, suchte ich mit Unterstützung meines
damaligen Chefs, Prof. Eduard Boecker, über drei Jahre immer wieder, so oft es sich
einrichten ließ, das Altonaer Stadtarchiv auf, bis es am 25. Juli 1943 bei dem
Großangriff “Gomorrha" durch Fliegerbomben zerstört wurde.
BILD
Jens Juel
Johann Friedrich Struensee mit dem Caroline Mathilde-Orden
Das Porträt wurde 1771, wenige Monate vor der Hinrichtung, gemalt und ist verschollen. Ein Pendant
dieses Porträts (nur mit anderer Blickrichtung der Augen und einem M statt CM im
Caroline-Mathilde-Orden) erwarb vor 1O Jahren D. J. Leister aus dänischem Privatbesitz für die neu
eingerichteten Caroline Mathilde-Räume im Celler Schloß, wo die unglückliche Königin ihre letzten Jahre
verbrachte.
Bei meinen Archivstudien in Altona stieß ich auf zahlreiche handschriftliche Notizen,
Briefe und Entwürfe, Denkschriften, Sektionsund Seuchenberichte Struensees und
schließlich auf eine ganze Reihe seiner totgeschwiegenen und völlig in Vergessenheit
geratenen Veröffentlichungen, von denen ich 1982 einige im Anhang eines Buches in
Faksimile-Druck wiedergeben ließ (3). Beim Studium der in Altona vorgefundenen
1
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Archivalien erkannte ich im Laufe der Zeit immer deutlicher die Bedeutung Struensees,
der als Arzt, Aufklärer und später auch als Staatsmann seiner Zeit auf verschiedenen
Gebieten weit voraus war (3a). Was mich dabei besonders beeindruckte, war seine
Menschlichkeit, sein Mitgefühl mit allen Leidenden, sein leidenschaftliches Eintreten für
Benachteiligte, Ausgestoßene, Aufgegebene - kurz seine Humanität und seine
Toleranz. Daher habe ich einen großen Teil meines Lebens der Rehabilitierung dieses
genialen Arztes gewidmet, der neben Lessing einer unserer bedeutendsten Aufklärer
war. Da viele zeitgenössische Berichte und Hinweise auf Struensees amtsärztliche
Tätigkeit meist in unveröffentlichten Aktenstücken, Notizen, Briefen und wenig
bekannten Publikationen über viele Archive, Bibliotheken, Museen (in Halle Altona,
Hamburg, Kiel, Schloß Gottorf, Celle, Kopenhagen, Oslo) und im Privatbesitz verstreut
sind, habe ich jahrzehntelang in mühsamer Kleinarbeit auf vielen Reisen Steinchen für
Steinchen gesammelt und sie in Verbindung mit den Zuständen und Ansichten jener
Epoche in einer großen Monographie (1983) zu einem Mosaik zusammengefügt (4).
Struensee, der 1737 als Sohn eines pietistischen Pastors in Halle zur Welt kam, begann
an der dortigen Universität als Frühreifer mit 14 Jahren sein Medizinstudium, das er als
19jähriger beendete. Als sein Vater, Adam Struensee, 1757 als Hauptpastor nach
Altona berufen wurde, das damals mit 20000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt
Dänemarks war, erhielt der Zwanzigjährige dort die Stelle des Stadtphysikus. Zugleich
wurde er auch Physikus der Landschaft Pinneberg und bald danach auch der
Grafschaft Rantzau. In seinem Arbeitsbereich fand er sich durch die Auswirkungen des
Siebenjährigen Krieges mit einer höchst gefährlichen epidemiologischen Situation
konfrontiert. Die Besetzung Mecklenburgs durch die Preußen mit der Einschleppung
von Fleckfieber, Ruhr, Diphtherie sowie Maulund Klauenseuche, die Massenflucht
wehrfähiger Mecklenburger vor den preußischen Werbern aus ihrer verseuchten Heimat
ins Nachbarland, die Massierung dänischer Truppen in Holstein entlang der
mecklenburgischen Grenze samt der damit verbundenen Zwangseinquartierung in die
ohnehin beengten und in sanitärer Hinsicht unzulänglichen Bauernhäuser, schufen eine
epidemiologische Situation, bei der sich jeder Infektionsfunke zum Seuchenbrand
ausweiten konnte. Ruhr, Typhus, Fleckfieber, Lues, Pocken, Diphtherie, Tollwut sowie
Maul- und Klauenseuche flackerten immer wieder bald hier, bald dort auf und drohten
epidemische Ausmaße anzunehmen. Dies alles war geeignet, auch erfahrene, ältere
Ärzte verzagen und verzweifeln zu lassen. Doch Struensee war aus anderem Holz
geschnitzt. Er schien durch jede neue Aufgabe, bei der es eine Schwierigkeit zu
bewältigen galt, mit seinem Auftrag gewachsen.
Da er seit seinem Studium gegenüber den verschiedenen spekulativen medizinischen
Systemen eine Abneigung empfand, ging er von Vorurteilen und dogmatischen
Ansichten unbelastet an die schier unlösbar anmutenden Probleme heran und traf nach
örtlichen Inspektionen von Fall zu Fall die nach dem gesunden Menschenverstand am
zweckmäßigsten erscheinenden Entscheidungen. Seine schnellen Entschlüsse und
klaren Anordnungen mit den prompt einsetzenden Maßnahmen waren das Geheimnis
seiner epidemiologischen Erfolge, die den Zeitgenossen oft unerklärlich und rätselhaft
erschienen.
“Nicht wer etwas gesagt hat, sondern was er gesagt hat, ist wichtig ... Die Erfahrung sey
unsere Wünschelrute" (5), erklärte 1760 in einer Abhandlung respektlos der blutjunge
Physikus, der als Skeptiker nur das glaubte, was ihm vernünftig erschien oder wovon er
sich selbst überzeugen konnte.
BILD
2
3
Die erste Seite aus dem Entwurf des 16jährigen Struensee zu seiner Inauguraldissertation. Rechts unten
zwischen den Zeilen hat der junge Doktorand einen Mädchenkopf gezeichnet. Der mehrseitige Entwurf
und auch noch andere Manuskripte aus Struensees Altonaer Zeit befinden sich in der Osloer
Universitätsbibliothek.
Die Heilkunde des 18. Jahrhunderts steckte noch tief in humoralmedizinischen
Anschauungen der hippokratischgalenischen Säftelehre, wonach die Gesundheit von
der guten Mischung der vier Kardinalsäfte abhängt. Die therapeutischen Maßnahmen
der Ärzte waren daher ganz und gar auf die Eliminierung des verdorbenen, des
störenden Säfteanteils, der materia peccans, ausgerichtet, was man durch Aderlassen,
Purgieren, Schwitzkuren usw. zu erreichen versuchte. Obwohl sich der gesunde
Menschenverstand schon im 17. Jahrhundert gegen diese zu Dogmen erstarrten
Ansichten wandte - man denke bloß an die Komödien Molières und an die Briefe
Liselottes von der Pfalz beherrschten sie bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts das
ärztliche Denken und Handeln.
BILD
Titelseite von Struensees Inauguraldissertation, Halle 1757, die er drei Ärzten widmete: seinem Großvater
mütterlicherseits, Dr. Johann Samuel Carl, und dessen beiden Söhnen.
Betraf eine Krankheit in einem begrenzten Gebiet gleichzeitig oder in laufender Folge
eine größere Anzahl von Menschen, so wurde eine “Verpestung" der Luft, ein Miasma,
als die Ursache vermutet. Die Termini “Malaria" (mala aria = schlechte Luft) und
“Epidemie" (von epi = über, demos = Volk, d. h. etwas, was wie die Luft über dem
ganzen Volke ist) lassen diesen Ursprung noch erkennen. Die Entstehung des Miasmas
deutete man gewöhnlich als Ausdünstungen eines sumpfigen oder durch Erdbeben
erschütterten Bodens oder in Fäulnis übergegangener Stoffe, an denen es sowohl in
den unkanalisierten Städten als auch in den besonders betroffenen überfüllten
Lazaretten, Gefängnissen, Waisenhäusern usw. niemals mangelte. Das Miasma als
“Exhalation
eines siechenhaften
Bodens"
spielte
sogar noch in der
Boden-Grundwasser-Theorie Pettenkofers eine wichtige Rolle und wurde von ihm auch
noch anläßlich der Hamburger Cholera-Epidemie im Jahre 1892 gegen die
kontagionistischen Ansichten Robert Kochs ins Feld geführt.
*
Als Struensee Ende 1757 Physikus und Armenarzt von Altona wurde, war er über den
desolaten Zustand der ihm anvertrauten Waisenkinder, die sämtlich krätzig waren,
entsetzt, zumal er als Vergleich die Franckesche Stiftung in Halle vor Augen hatte. Doch
das Waisenhaus in Halle war eine rühmliche Ausnahme, galt doch in jener Zeit “krätzig"
als Attribut von Waise. Storch bezeichnete daher die Waisenhäuser als “Seminaria der
Krätze", “die in ihnen niemals auszurotten sey" (6). Schuld daran war in Altona wie auch
andernorts, daß die Waisen zu mehreren in einem Bett schliefen. - Eine ähnlich
unangenehme Überraschung erlebte Struensee, als er die ihm als Physikus
zustehenden Lazaretträume im Altonaer Zucht- und Werkhaus an der Kleinen
Mühlenstraße übernahm. Auch dort lagen die Patienten zu mehreren in einem Bett und
hatten daher oft zusätzlich noch die Krätze (7). Entschlossen forderte er, daß jeder
Kranke sein Bett für sich haben müsse. Als Pastorensohn wies er seine engherzigen
Kontrahenten im Magistrat darauf hin, daß bereits Bugenhagen, der Reformator des
Nordens, in der Lübecker Kirchenordnung von 1531 in Zusammenhang mit dem Bau
von Krankenhäusern dasselbe verlangt hat: “Dar schal eyn jewelick krancke, dat de
eyne denn andern nycht mehr vergyfftige, hebben sine egene affgedelede stede." (“Da
soll ein jeder Kranker, damit der eine den andern nicht anstecke, einen abgeteilten Ort
haben.") (8) Sodann ließ er kurzentschlossen sowohl die Waisenkinder als auch die
3
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skabiösen Patienten mit Schwefelsalbe einreiben und sie auf getrennten Lagerstätten
(“Strohsäcken") unterbringen. Obwohl die Schwefelkur (bei den Skabiösen) einen
prompten Erfolg bewirkte, wurde Struensee, wie er es in einem Aufsatz 1760 selbst
schildert, wegen seiner “höchst gefährlichen und der Arzneywissenschaft
widersprechenden Behandlung, die ein Ausscheiden der materia peccans aus den
verdorbenen Säften verhindert", heftig angegriffen (9). So schrieb z. B. der
hochangesehene Johann August Unzer in seiner vielgelesenen medizinischen
Wochenschrift “Der Arzt" voller Empörung:
“Es giebt Ausschläge der Haut, welche nicht zurückgetrieben werden können, ohne die
Kranken in Lebensgefahr zu stürzen. Die Krätze, die Finnen (Pickel) oder der Kopfgrind
(Favus) sind von dieser Art. Ein böser Geist beeinflußt das niedere Volk, diese
Ausschläge mit Schwefel, Quecksilber und anderen gefährlichen Mitteln zu vertreiben.
Von der zurückgetriebenen Krätze sieht man allzu oft, was die Beobachter aller Zeiten
schon davon haben entstehen sehen, nämlich Schlagflüsse, Verlähmungen,
Schwindsucht und lauter solche Krankheiten, welche bald oder später tödten." (10)
Die älteste dermatologische Terminologie läßt noch deutlich die im
humoralpathologischen Sinne vermuteten “inneren Ursachen der Hautausschläge"
erkennen, z. B. Exanthem (von ex = aus, anthos = die Blume) = die Blume, die nach
außen blüht"; Effloreszenz (von efflorescere = hervorblühen) = Hautblüte; Ekzem
(aufkochen, aufbrausen) = Juckflechte; Apostase (Ablagerung) = Abszeß etc. (11)
Noch Autenrieth, der den kranken Hölderlin in Tübingen behandelte, führte die meisten
chronischen Krankheiten auf “verdrängte Krätze" zurück und pflegte daher einer
Ausheilung der Krätze energisch zu widerraten (12).
*
Da es innerhalb einer noch so umfangreichen Studie nicht möglich ist, auch nur
anzudeuten, wie Struensee auf den verschiedensten Gebieten der Medizin, z. B. der
Geburtshilfe,
Säuglingsfürsorge,
Psychiatrie,
Augenheilkunde,
Sozialmedizin,
Städtehygiene, Heilmittellehre, Tierheilkunde, die sich zum großen Teil erst damals zu
differenzieren begannen, völlig neue, z. T. bahnbrechende Wege einschlug, möchte ich
mich als einst vor allem epidemiologisch und seuchenprophylaktisch engagierter
Mikrobiologe nur auf einige Infektionskrankheiten beschränken, um an diesen
Beispielen zu verdeutlichen, wie sehr er sich in seinen therapeutischen und
seuchenprophylaktischen Maßnahmen und Überlegungen von seinen Zeitgenossen
unterschied und wie weit er seiner Zeit auch auf diesem Gebiet voraus war.
*
Eines der schwierigsten epidemiologischen Probleme des 18. Jahrhunderts waren die
Pocken. Man rechnete damals, daß dreiviertel aller Menschen an Pocken erkrankten,
woran jährlich allein in Westeuropa etwa 400000 starben. Obgleich die Pocken einen
endemischen Charakter angenommen hatten und damit zu einer Kinderkrankheit
geworden waren, kam es in Zeitabständen von vier bis sieben Jahren, je nachdem, ob
eine größere Anzahl von noch undurchseuchten, pockenfähigen Neugeborenen
heranwachsen konnte, immer wieder zu mehr oder weniger schweren
Pocken-epidemien.
Mit einer solchen Seuchenwelle wurde Struensee schon zu Beginn seiner Tätigkeit in
Altona (1758 / 59) konfrontiert. Es war eine schwere Epidemie, die fast gleichzeitig mit
4
5
Schweden auch Dänemark heimsuchte. Besonders verheerend wirkten sich bei den
Pocken die unsinnigen Schwitzkuren aus, die man damals allgemein bei
exanthematischen Krankheiten anwandte, um die materia peccans “aus den
verdorbenen Säften an die Oberfläche zu treiben". “Es sterben", klagte Struensee,
“mehr Kranke von den üblen Verfahren und den verkehrten Mitteln, so man zu ihrer
Herstellung anwendet, als von der Gefährlichkeit der Krankheit selbst. Könnten nur die
in dieser Hinsicht eingerissenen schädlichen Vorurtheile und die verkehrten Meynungen
ausgerottet werden, so würde dem Gemeinwesen hierdurch genug Vortheil
erwachsen...” (13).
Und in einer anderen seiner Abhandlungen heißt es: “...der Kranke muß schwitzen. Er
wird mit Betten überhäufet, die Vorhänge am Bette zugezogen, alle Fenster und Türen
fest verwahret. Man giebt ihm häufig heißes Getränk ... Anstatt ihn zu erleichtern, wird
er gemartert; das Blut wird entzündet und die Krankheit eine tödliche." (14)
Die “hitzige Kur" wurde nicht nur in Holstein, sondern auch in anderen Teilen
Deutschlands, sogar in den Städten bei nornehmen Familien praktiziert, was z. B. einer
Mitteilung Goethes zu entnehmen ist, der als Kind, ebenso wie Struensee, eine schwere
Pockeninfektion durchgemacht hat. “Das Übel", schreibt er in “Dichtung und Wahrheit",
“betraf nun auch unser Haus und überfiel mich mit ganz besonderer Heftigkeit. Der
ganze Körper war mit Blattern übersäet ... Indessen hielt man uns, nach herrschendem
Vorurteil, so warm als möglich und schärfte dadurch nur das Übel ..." (15).
Während der erwähnten Pockenepidemie (1759) ließ Struensee die Landbevölkerung
mit Hilfe der Pastoren “von der Kanzel herab" vor der “hitzigen Kur" warnen. Der
Wortlaut dieses Aufrufs ist aus seiner Abhandlung “Von den Blattern und der
Blattern-Einpfropfung" bekannt. “Der Kranke soll im Sommer nicht mit zu vielen Betten
bedeckt seyn. Auch sollen die Fenster den Tag über einigemal eröffnet werden, damit
frische Luft hereinkomme .... Im Winter sollen die Stuben nicht übermäßig eingeheizt
und der Kranke nicht zu nahe an den Ofen gelegt werden. Durch die übermäßig heißen
Stuben und durch das hitzige Verhalten werden nicht nur die Blattern, sondern auch die
gutartigen Masern und Rötheln in bösartige Krankheiten verwandelt, und die meisten
Kinder dem Tode preisgegeben. Es ist überhaupt besser, wenn die Stuben eher kalt als
zu heiß gehalten werden." (16)
BILD
Überfüllter Krankensaal im Hamburger “Pesthof" mit sechs "Tollkoben" (Einzelzellen für gemeingefährliche
Geisteskranke) im Hintergrund. Aus zwei Türluken glotzen zwei Geisteskranke hervor. Rechts und links
liegen Sterbende. Ein Toter wird von zwei Wärtern aus dem Saalgetragen. Davor die Verteilung von Brot
an Sieche, die z. T. auf dem Boden herumrutschen. Ganz im Vordergrund eine Beinamputation (ohne
Narkose). Links davon eine Starstichoperation und noch weiter links die Tröstung eines Sterbenden durch
einen Pastor. Davor die Labung eines halbnackten Bettlers (mit Krückstock). Über dem Bittblattaus dem
Jahre 1750, mitdem in derHansestadt“milde Gaben"fürden “Pesthof"gesammelt wurden, stand
mitFettdruck die Aufforderung an die Spender:
“Neunhundert schreyn hier Weh und Ach! Thu wohl! Gott segne tausendfach."
(Staatsarchiv Hamburg: Plankammer t3) 91-74-5-1
Diese Ratschläge lassen ein Prinzip erkennen, das Struensee nicht nur als Physikus bei
verschiedenen Epidemien, sondern später auch als königlicher Leibarzt bei der
Erziehung des Kronprinzen “zwecks Abhärtung" konsequent befolgt hat und das ihm
dann in der Anklage als “crimen laesae majestatis" (“Majestätsverbrechen") angelastet
wurde. Struensee verwarf das “beschleunigte Hervortreiben des Ausschlages durch
schweißtreibende Mittel" und empfahl “kalte Abwaschungen" und “kühlende
Umschläge", was oft eine verblüffende “Linderung des schmerzhaften
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Entzündungsprozesses während der Pustelbildung und eine fast narbenlose Heilung"
zur Folge hatte (17).
*
Aber nicht nur in therapeutischer Hinsicht, sondern auch mit seinen klaren und
vorausschauenden seuchenprophylaktischen Überlegungen, bei denen alle
Eventualitäten mit einkalkuliert waren, wich er von den althergebrachten Ansichten ab.
Er warnte vor dem Waschen der Toten, ihrer Ausstellung im offenen Sarg und den
Bewirtungen im Sterbehaus, was damals, besonders auf dem Lande, viel zur
Weiterverbreitung der Seuche beigetragen haben dürfte.
Zugleich wies er darauf hin, daß man Spielsachen blatternkranker oder an Blattern
verstorbener Kinder nicht weitergeben und Kleider oder Bettwäsche von Verstorbenen
nicht verschenken oder an Trödler weiterverkaufen sollte, “da sie wie ein Nessoshemd
wirken könnten" (18).
BILD
Blick in die einstige “Kleine Papagoyenstraße" in Altona, erbaut nach dem “Schwedenbrand" 1713,
gezeichnet um 1930. Im 18. Jahrhundert war die Straße eine Art Ghetto, in dem arme Juden lebten. Aus
einem Bericht Hartog Gersons über die Bräune-Epidemie in der “Kleinen Papagoyenstraße" geht hervor,
daß die Fachwerkhäuser von den Kellern bis in die Dachkammern dicht bewohnt waren. -An der linken
Ecke der Straße wohnte Struensee als Mieter von 1760 bis 1762. Das Eckhaus wurde 1938 “als baufällig
abgerissen ".
Ungeachtet der Gefahr, bei seinen humoralmedizinisch und miasmatisch denkenden
Kollegen in den Geruch der Unseriosität zu geraten, versuchte er, seine Zeitgenossen
mit dem Begriff der Kontagiosität und der “Qualität des Ansteckungsstoffes" vertraut zu
machen, der sich “kraft seiner unendlichen Theilbarkeit aus sich selbst vermehret": “So
wie die Eigenschaft des Magneten durch Berührung auf viele Eisenstücke übergehen
kan, ebenso kan das Blatterngift von einem Kranken auf noch ungeblatterte Personen
übertragen werden." (19)
Und damit er auch von den Bauern verstanden wird, wiederholt er den
Deutungsversuch mit einem simpleren Gleichnis: “So wie der Schimmel von einer faulen
Frucht auf viele andere Früchte noch übergehen kan, ebenso kan der Ansteckungsstoff
der Pocken oder der Ruhr von einem Kranken auf noch gesunde Personen übertragen
werden." (20)
Vier Jahre später versuchte Struensee in einer weiteren Abhandlung (“Anmerkung über
die Gifte") einen scharfen Trennungsstrich zwischen die oft noch wechselweise
benutzten Begriffe “Contagium" und “Miasma" zu ziehen: “Unter allen Giften", erklärte
er, “ist keines, das diese Benennung mit größerem Recht verdienet, als diejenige
Materie, welche die ansteckenden Krankheiten fortpflanzet. Die Ärzte, die es (d. h. den
Pockenstoff) Miasma nennen, müssen gestehen, daß ihnen seine Art zu würken
unbegreiflich ist. Ein Brief, der von einer Person, die die Blattern hat, geschrieben wird
und über 50 Meilen auf der Post gehet, giebt demjenigen, der ihn liest, die nemliche
Krankheit. Gewiß, eine unglaubliche Sache, wenn sie nicht durch viele Beispiele
bestätigt worden wäre." (21)
Mit seinen kontagionistischen Ansichten fand Struensee lediglich bei zwei Ärzten
Verständnis, die, obwohl sie um zehn Jahre älter waren, fast gleichzeitig mit ihm
promoviert hatten: Johann Albert Heinrich Reimarus und Hartog Gerson. Beide hatten in
Holland und England studiert. Der eine wohnte im benachbarten Hamburg im Hause
seines hochangesehenen Vaters, des Orientalisten und Religionsphilosophen Hermann
6
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Samuel Reimarus, der andere in der unmittelbaren Nähe von Struensee, in der
ghettoartigen Kleinen Papagoyenstraße, wo er zunächst als jüdischer Armenarzt seine
dort lebenden mittellosen Glaubensgenossen betreute (22).
*
Die einzige Möglichkeit, sich damals vor den Pocken zu schützen, bestand in der sog.
“Variolation", wobei man Pusteleiter von leichten Pockenfällen auf Gesunde inokulierte,
eine nicht ganz ungefährliche Methode, die die Frau des englischen Gesandten bei der
Pforte, Lady Montagu, 1716 in Konstantinopel kennengelernt und nach ihrer Rückkehr
in die Heimat auch dort bekannt gemacht hatte. Auf dem europäischen Festland konnte
sich jedoch die Methode infolge der humoralmedizinischen Vorurteile nur sehr langsam
durchsetzen, was Goethe in Zusammenhang mit seiner Pockenerkrankung in “Dichtung
und Wahrheit" recht eindrucksvoll beschreibt: “Die Einimpfung der Pocken wird bei uns
noch immer für sehr problematisch angesehen, und obgleich sie populäre Schriftsteller
schon faßlich und eindringlich empfohlen, so zauderten doch die deutschen Ärzte mit
einer Operation, welche der Natur vorzugreifen schien. Spekulierende Engländer kamen
daher aufs feste Land und impften gegen ein ansehnliches Honorar die Kinder solcher
Personen, die sie wohlhabend und frei von Vorurtheil fanden. Die Mehrzahl jedoch war
noch immer dem alten Unheil ausgesetzt; die Krankheit wüthete durch die Familien,
tödtete und entstellte viele Kinder und wenige Eltern wagten es, nach einem Mittel zu
greifen, dessen wahrscheinliche Hülfe doch schon durch den Erfolg mannigfaltig
bestätigt war" (I. Teil, 1. Buch).
Aber auch noch während Struensees Amtsarzttätigkeit in den sechziger Jahren war die
Impftechnik außerhalb Englands so sehr mit Risiken belastet, daß sich kaum ein
gekröntes Haupt dem Können einheimischer Ärzte anzuvertrauen wagte.
Kennzeichnend hierfür ist der Mißerfolg zweier namhafter Berliner Ärzte, die 1765 neun
Kinder aus vornehmen Familien inokulierten, wobei es zu sechs Todesfällen kam, zu
denen auch zwei Kinder des Ministers von der Horst gehörten. 1768 ließ die russische
Zarin Katharina den berühmten englischen Inokulator Dimsdale nach Petersburg rufen,
um sich und ihren Sohn von ihm impfen zu lassen. Dimsdale erhielt das “fürstliche
Honorar" von 10000 Pfund Sterling, dazu 2000 Pfund Reisekosten, eine lebenslängliche
Rente von jährlich 500 Pfund sowie den Titel eines Barons. Fast zur gleichen Zeit lud
Maria Theresia, die bereits mehrere Kinder an den Pocken verloren hatte, Dr.
Ingen-Housz, einen Schüler von Dimsdale, nach Wien ein, um ihre Söhne Maximilian
und Ferdinand inokulieren zu lassen. Sie selbst hatte sich ein Jahr vorher (1767) bei der
Pflege der zweiten Frau ihres Sohnes, Joseph Il., die ebenso wie dessen erste Frau an
den Pocken starb, infiziert und wurde durch die Narben so entstellt, daß sie nicht mehr
in der Öffentlichkeit erschien und alle Spiegel aus ihren Wohnräumen in der Burg
entfernen ließ. Da in Berlin 1766 eine Pockenepidemie mehr als tausend Kinder
dahinraffte, wollte Friedrich der Große, dessen Lieblingsneffe Prinz Heinrich ebenfalls
zu den Opfern gehörte, durch englische Inokulatoren in seinen Landen Impfungen
größeren Umfanges vornehmen lassen, was aber daran scheiterte, daß die Engländer
für jede Impfung den außerordentlich hohen Betrag von 32 Talern (!) forderten. (Ein
Lakai oder eine Köchin verdienten damals in Berlin etwa 12 Taler im Jahr.) Dies alles
geschah zu einer Zeit, als Struensee schon etwa zehn Jahre lang ohne viel Aufhebens
die Zöglinge des “Altonaer Waysenhauses" und die ungeblatterten Kinder auf den
holsteinischen Herrenhöfen “umsonst oder für einen Papenstiel" inokulierte.
Struensee war aber nicht nur einer der ersten deutschen Ärzte, der sich für die
Pockenschutzimpfung mit Pockeneiter einsetzte und sie auch meisterhaft beherrschte,
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sondern wohl auch der erste, der ihre Gefahren bei unzulänglicher Technik, besonders
bei tiefen Schnitten, erkannte. Diese könnten, so meinte er, nicht selten statt der
erwarteten leichten Erkrankung einen schweren oder gar tödlichen Pockenbefall
heraufbeschwören. Außerdem bilde jeder nicht abgesonderte Impfling für die
Nichtgeblatterten in seiner Umgebung eine Infektionsgefahr (22a). Struensee, der sich
dessen bewußt war, daß die Pockenschutzimpfung nur dann erfolgreich sein konnte,
wenn sie vom Staat organisiert würde, regte als erster die Schaffung von Impfanstalten
an, in denen durch Absonderung der Frischgeimpften eine Verschleppung der Pocken
auf noch nicht Geblatterte ebenso vermieden werden könnte wie eine kurpfuscherische
Impftechnik unerfahrener Inokulatoren. “Das Sicherste wird allezeit seyn, wenn die
Einpfropfungen öffentlich in dazu eingerichteten Häusern geschehen. Bey dem
gemeinen Mann, dem größesten Theil der menschlichen Gesellschaft, kan solches nie
in seiner Wohnung ohne Wagnis unternommen werden. Erlaubt man jedem, die
Blattern einzupfropfen, der nur Dreistigkeit genug hat, sich einen Arzt zu nennen oder
Geld genug, um auf einer Universität den Doctor-Titel zu kaufen, so wird sie bald in
übeln Ruf kommen und untersagt werden müssen. (23) Auch sollten die Kinder vor
Blattern-Einpfropfungen nicht durch Aderlassen und Purgieren unnötig geschwächt
werden, danach aber zehn bis vierzehn Tage lang abgesondert bleiben. Wie ernst es
Struensee mit dieser Absonderung meinte, ist aus einer in der Parallelabhandlung
empfohlenen Maßnahme zu ersehen, wonach man “während der Vereyterung der
Blattern" keine Fliegen in der Krankenstube dulden solle, da sie “von dem Eyter der
geplatzten Pusteln angelockt" werden und “den Blatternstoff verschleppen könnten"
(24) - eine erstaunlich scharfsinnige Vermutung, die ihm bei seinen
“humoral-medizinisch und miasmatisch orientierten Fachgenossen" bestenfalls ein
verständnis-loses Kopfschütteln einbrachte.
BILD
Peder Als
Caroline Mathilde mit dem Kronprinz Friedrich auf Hirschholm 1771 (Aquarell aus dem Reichsarchiv
Kopenhagen).
Da Struensee als Landphysikus viel mit Bauern und Landwirten in Berührung kam,
dürfte er auch von der Übertragbarkeit menschlicher Pocken auf Haustiere etwas gehört
haben, denn in Zusammenhang mit der “Einschränkung einer Ansteckung auf Thiere
von einerley Art" bemerkt er: “Für jede ansteckende Seuche gibt es einen besonderen
Stoff. Aus diesem Grunde stecken Viehseuchen, mit Ausnahme der Hundswuth, keine
Menschen an, und menschliche Seuchen, mit Ausnahme der Blattern, keine Tiere an."
(25) Allein die Möglichkeit einer Rückübertragung des Pockenstoffes von infizierten
Haustieren auf pockenfähige Menschen, eine Möglichkeit, die später die Grundlage der
Vakzination bildete, erwähnte Struensee nicht, obwohl damals gerade in Holstein diese
Idee bereits in der Luft lag (26).
Die ärztliche Voreingenommenheit gegenüber der Inokulation war zunächst groß und
wurde meist rein fachlich begründet. In Wirklichkeit war sie jedoch bei der Mehrzahl
dieser Ärzte, wie Struensee in seiner Abhandlung (1760) bemerkte, “nicht ganz frey von
selbstsüchtigen Erwägungen" (27). Entsprang doch ein ganz beträchtlicher Anteil ihrer
Honorare in jener Zeit aus der Behandlung Pockenkranker. Sie konnten daher die
laufend erforderliche Behandlung dieser Art geradezu als ein “Fixum" in ihrem
Einkommen buchen. In ihrer Abneigung gegen die Inokulation brauchten sich die Ärzte
jedoch gar nicht persönlich zu engagieren, denn sie hatten einen natürlichen
Verbündeten, der die Verteufelung dieser ihnen so abträglichen Methode viel
wirkungsvoller und erfolgreicher betrieb: den Klerus. In vielen Ländern verdammten die
8
9
Geistlichen der verschiedensten Konfessionen die Inokulation von den Kanzeln als
“Teufelswerk". So erklärte z. B. der Erzbischof von St. Andrews in Schottland, “Hiobs
Beulen" seien nichts anderes gewesen “als Impfung, ausgeübt durch Satan höchst
persönlich". Und der Erzbischof von Paris meinte, “die körperliche Feiung wider die
Pocken setze die Seele in Gefahr". Selbst Struensees Vater hielt das “Blattern-Belzen"
für einen “vermessenen und sündhaften Eingriff in die göttliche Vorsehung" (28).
*
Erst im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts wurde die Inokulation in ganz Deutschland
aufgegriffen und durchgeführt. Da aber die meisten Ärzte aufgrund
humoralmedizinischer Vorstellungen die hohe Kontagiosität der Pocken nicht
wahrhaben wollten, unterließen sie die Absonderung der Frischgeimpften. Es kam sogar
vor, daß man pustelübersäte Impflinge in Postkutschen in die verschiedensten Orte
mitnahm, um mit deren Pusteleiter - (einen Impfstoff im heutigen Sinne gab es noch
nicht) - ohne jegliche Vorsichtsmaßnahmen weitere Impfungen vorzunehmen. Das
Ergebnis dieser fahrlässig durchgeführten Inokulationen war eine Kette von nicht
abreißenden Pockenepidemien (29). Zu den schwersten Seuchenausbrüchen kam es
1788 in Weimar, 1794 in Hamburg und 1795 in Berlin. Was Struensee befürchtet hatte,
trat
ein.
Eine
unter
Berücksichtigung
bestimmter
Vorsichtsmaßnahmen
seuchenprophy-laktisch wirkende Methode war aus Gedankenlosigkeit in ihr Gegenteil
verkehrt worden, so daß man sie als öffentliche Gefahr empfand und verboten hätte,
wenn sie nicht infolge der kurz vor der Jahrhundertwende (1796) entdeckten
Jennerschen Vakzination auch sonst überflüssig geworden wäre.
*
Kurz nach dem Abklingen der Pockenepidemie von 1758/59 wurde in Struensees
Dienstbereich durch Flucht wehrfähiger Mecklenburger vor den preußischen Werbern
und Häschern im Frühjahr 1759 Fleckfieber eingeschleppt. Im Schleswig-Holsteinischen
Landarchiv fand ich vor etwa 50 Jahren einen als “kurze Anweisung" bezeichneten
Seuchenbericht, den Struensee im Frühjahr 1759 in der Nähe von Elmshorn - in
Klostersande - während einer mörderischen Fleckfieber-Epidemie an Ort und
Stelle - auf zehn engbeschriebenen Folioseiten - “in aller Eile" zu Papier gebracht hatte.
“Als ich mich", berichtet er, “in die Häuser, welche dieses Unglück betroffen, begab, so
fand ich, daß die Verstorbenen sowohl als auch diejenigen, welche noch krank
darniederlagen, mit einerley Krankheit befallen waren, deren Verlauf und Zufälle
(Symptome), wie ich es aus den Erzählungen der Umstehenden und der noch damit
Behafteten entnehmen konnte, in folgendem bestanden: Empfindung einer Schwere in
den Gliedern, Verlust des Appetits, Müdigkeit, Abwechslung von Frost und Hitze,
Kopfschmerzen, Übelkeit, Angst, Brechen, Brennen in der Hertzgrube. Hierauf
anhaltende Hitze ohne Nachlaß. Nach dem vierten Tag sind meistentheils kleine
rötliche, nicht über die Haut erhabene Flecken an Brust, Hals, Armen zum Vorschein
gekommen. An einer Frauensperson, die neun Tage krank gewesen, habe ich sogar
sehr große feuerrothe Flecken (petechiale Blutungen) gesehen. Diejenigen, welche
starben, sind in einen Stupor verfallen, nachdem sie vorher irre geredet hatten. Die
meisten von denen, die mit solchen Kranken umgegangen, sich mit ihnen in einer Stube
befunden, sie gewartet, sind kurz nachdem diese verstorben, auf dieselbige Art krank
geworden. Wenn ich alle diese angezeigten Umstände zusammennehme und die
Zufälle der beschriebenen Krankheit nach medizinischen Grundsätzen prüfe, so kann
ich von der Natur derselben nicht anders urtheilen, als daß sie wirklich epidemisch
ansteckend und ein bösartiges Fieber - Febris continua epidemica, maligna petechialis
sei." (30)
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10
Nach dieser geradezu klassischen Krankheitsbeschreibung und prägnanten
diagnostischen Schlußfolgerung empfahl Struensee - nebst Entleerung des
Magen-Darmtraktes zur Verhütung einer weiteren Ausbreitung der Seuche die Lüftung
der Krankenstuben. Statt der “hitzigen Kur" sollten “die Kranken nicht zu warm
zugedeckt und die Stube nicht zu heiß eingeheizt" werden. Auch die “kühlenden
Abwaschungen" mit wasserverdünntem Weinessig und die immer wieder zu
erneuernden “kalten Umschläge und Packungen" widersprachen völlig den
therapeutischen Grundsätzen der Humoralmedizin bei exanthematischen Krankheiten
(31).
Von der Übertragung des Fleckfiebers durch Kleiderläuse, die Charles Nicolle erst 1909
in Tunis entdeckte, hatte man damals noch keine Ahnung. Dennoch schränkte die im
Sinne der Miasmalehre empfohlene Lüftung der Krankenstuben eine weitere
Ansteckung schlagartig ein, da durch den Luftzug den Läusen das Weiterkriechen
verleidet wird, was während des Ersten Weltkrieges mehrere österreichische Militärärzte
(Weigl, Felix, Hempt u.a.) unabhängig voneinander beobachtet hatten. So konnte
Struensee auf dem Gebiet der Fleckfieberbekämpfung - trotz ätiologisch verkehrter
Prämissen - einen geradezu verblüffenden Erfolg erzielen.
Was die Bauern an Struensee besonders beeindruckte, war die Unerschrockenheit, mit
der er die befallenen Häuser betrat, die Kranken untersuchte, Fragen stellte, Ratschläge
erteilte und Anordnungen traf. Wagten sich doch seine Vorgänger (Dr. Oswald und Dr.
Bolten) in ähnlichen Fällen nicht einmal über die Hausschwelle und erteilten ihre
Instruktionen, ohne die Kranken untersucht zu haben, “per distanziam", das
essenzgetränkte Taschentuch vor die Nase haltend, um sich vor dem gefürchteten
Miasma zu schützen.
Struensee dürfte inmitten dieser epidemiologischen äußerst bedenklichen Situation
beim Anblick der übervölkerten, ghettoartigen Kleinen Papagoyenstraße, in der es von
Trödlern und Lumpenhändlern nur so wimmelte, vor allem an die hier akkumulierte
Infektionsgefahr gedacht haben, denn alte Kleider und Lumpen galten seit jeher als
gefährliche Seuchenvehikel, zumal poröse Stoffe besonders geeignet schienen zur
Aufnahme eines Miasmas. Stammte doch diese von der Obrigkeit so gefürchtete Ware
bei mörderischen Epidemien zum großen Teil von Verstorbenen. Fast auf sämtlichen
öffentlich angeschlagenen “Proklamationen für Seuchenabwehr" aus jener Zeit wurde
der Handel mit alten Kleidern strengstens verboten und vor “Trödeljuden" besonders
gewarnt, denen der Einlaß in Stadt und Land - ebenso wie Bettlern, fahrenden Leuten
und Zigeunern - unter Androhung der Todesstrafe untersagt war. Wußte man doch, daß
nicht nur die Pest mit solchen Waren - trotz mehrwöchiger Seefahrt - auch in ferne
Länder verschleppt wurde. Struensee ließ daher sowohl in Altona wie auch auf dem
Lande über die Pastoren die Bevölkerung von der Kanzel davor warnen, Kleider,
Wäsche und Gebrauchsgegenstände von Verstorbenen an Trödler zu verkaufen.
Zugleich bat er Hartog Gerson, auf seine Glaubensgenossen in der Kleinen
Papagoyenstraße in gleichem Sinne einzuwirken (32).
Anläßlich des gehäuften Auftretens von “brandiger Halsbräune" (Diphtherie) im Frühjahr
1759, von der die kinderreiche “Kleine Papagoyenstraße" besonders schwer betroffen
wurde, lernte Struensee seinen jüdischen Kollegen erst richtig kennen. Suchte er doch
in dessen Begleitung Tag für Tag die “vom Keller bis zur Dachkammer dicht bewohnten
Fachwerkhäuser" in der Judengasse auf und war immer wieder von Neuem davon
erschüttert, daß man den qualvoll erstickenden Kindern nicht helfen konnte.
10
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Auch auf dem Lande ging der “Würgeengel" um, und die abergläubischen Bauern
munkelten von Hexerei, wobei sie oft alte Frauen, die ihr Mißtrauen erregt hatten,
verdächtigten. Um Klarheit zu schaffen, obduzierte Struensee mehrere Verstorbene und
erkannte in der pharyngealen Pseudomembranbildung mit ihren Verästelungen bis in
die Bronchien die eigentliche Ursache der grauenvollen Erstickungsanfälle (33).
“In den Leichnamen", berichtete er im ,Gemeinnützigen Magazin 1760', “findet man in
der Luftröhre eine weiche, dicke, weißliche Haut, die sie inwendig umkleidet und oft bis
in die Lungenzweige fortgeht. Sie sitzt lose an der Luftröhre, so daß sie oft als eine
Röhre herausgezogen, auch von den Kranken zum Theil ausgehustet werden kann.
(34)
Wenige Monate später wies Hartog Gerson in der gleichen Zeitschrift darauf hin, daß
diese mit Erstickungserscheinungen einhergehende Krankheit, die man daher im 16.
und 17. Jahrhundert “Morbus strangulatorius" bzw. “Morbus suffocatus" nannte, bereits
im babylonischen Talmud unter dem Namen “Askara" Erwähnung fand: “Die schwerste
unter allen Todesarten, die Askara ( m-izots ) gleichet einem Thaue in der Öffnung der
Speiseröhre" (Seder Zeraim, Traktat Serakhoth I, i fol, 8a) (35). Nach dieser Stelle, die
wie eine Bestätigung des oben zitierten Sektionsbefundes klingt, betonte Gerson, daß
die Askara laut Talmud “vor allem Kinder befällt" (Taan IV, 27b). “Während man sonst
beim Ausbruch einer Seuche erst dann in den Schofar blies, wenn mindestens drey an
ihr gestorben waren, wurde bey der Askara aus Angst schon beym ersten Todesfall
diese Maßregel ergriffen" (T. Taan II, 9). Da Hartog Gerson die Halsbräune für ebenso
ansteckend hielt wie die Pocken, empfahl er in Analogie zu dem in jedem
jüdisch-orthodoxen Haushalt üblichen Speiseritual mit zweierlei Eßgeschirr und
Eßbesteck für den getrennten Genuß von Fleisch- und Milchgerichten eine Trennung
dieser Gerätschaften auch zwischen Kranken und Gesunden vorzunehmen (36). Man
hat den Eindruck, als versuchte Gerson den rituellen Begriff “koscher" (“rein") dem
epidemiologischen Begriff “kontagiös" als Antithese entgegenzusetzen.
BILD
HamburgerAbtrittserker über der Kleinen Alster mit Trinkwasserentnahme von derselben Stelle.
Nach einem verschollenen Gemälde aus dem 17. Jahrhundert.
Struensee, der die Krankheit ebenfalls für kontagiös hielt, wünschte zum Ärger der
Pastoren und Kantoren, die Begleitung der Leichen an Bräune verstorbener Personen
durch Schulkinder und das Kurrendesingen am offenen Sarge oder Grabe zu verbieten
(37).
Aus der gegenseitigen kollegialen Achtung, die sich aus dem gemeinsamen Kampf
gegen eine nach längerer Zeit neu auf-. getauchte unheimliche Infektionskrankheit
ergab, entwickelte sich allmählich etwas, was zwischen Christen und Juden damals
ungewöhnlich war: eine Art Freundschaft, die immer inniger wurde, je häufiger sich der
junge Physikus mit dem klugen Judenarzt unterhielt (38).
*
Da sich Struensee als Physikus von Altona mit dem Gedanken trug, im Sinne von
Leibniz eine medizinische Topographie seines Physikatsbereiches zu schreiben und
vergleichsweise auch das benachbarte Hamburg in seine epidemiologischen und
sozialmedizinischen Betrachtungen einzubeziehen, ist es nicht verwunderlich, daß er
bereits 1761 in seiner Abhandlung “Vom Ruhrgang und dem Faulfieber" eine
seuchenhygienische Parallele zwischen den beiden Städten zog und dabei auf einen
11
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wesentlichen Unterschied hinwies (39). Obwohl die rege Kommunikation zwischen den
beiden benachbarten Gemeinwesen seit jeher eine enge Verflechtung des
Seuchengeschehens zur Folge hatte, gab es in bezug auf das “Faul- bzw.
Schleimfieber", wie man damals den Abdominaltyphus nannte, einen deutlichen
Unterschied zugunsten Altonas.
Um zu verstehen, warum Hamburg im Gegensatz zu Altona ein endemischer
Typhusherd war, in dem später die Cholera wiederholt zu verheerenden Epidemien
führte, muß man die Trinkwasserversorgung und Abfallbeseitigung in diesem
Gemeinwesen kennen, das einst analog zu Amsterdam oder Venedig mit einem dichten
Netz von Kanälen (“Fleeten") durchzogen war (40). An den fleetseitigen Häuserfronten
befanden sich oft erkerartig angebaute Aborte (sog. “Lauben"), aus denen die
Exkremente unmittelbar, ohne Abfallrohr, in das Wasser fielen, dem man übrigens ohne
Bedenken, wie auf einem Hamburger Gemälde aus dem 17. lahrhundert zu sehen ist,
das Brauch- und Trinkwasser entnahm (41). Ganze Stadtteile waren daher auf die mehr
oder weniger kostspieligen Dienste von “Wasserträgern" angewiesen. Wer ahnt heute
noch, wie oft wohl die Eimer an den Querstangen der Wasserträger, die man so häufig
auf alten Hamburger Stichen sehen kann, mit verseuchtem Wasser aus der Alster oder
den Fleeten gefüllt waren? Wie oft wurden die Juden im Falle einer Seuche vom
aufgehetzten oder leichtgläubigen Pöbel als “Brunnenvergifter" bezichtigt! Bei dem
Hamburger Wasserträger, der oft mit seiner sehr gefährlichen Ware von Haus zu Haus
zog, ahnte man jedoch kaum etwas Böses, obwohl er der denkbar gefährlichste
“Bazillenträger" war! Gehörte er doch zum Lokalkolorit der alten Hansestadt wie die
Fleete und die Fachwerkhäuser (42).
BILD
a)
Schem. XXlll. Figur 1: Tarsen eines Fliegenfußes mit Krallen und Haftläppchen
BILD
b)
Schem. XXIV Kopf einer Fliege (Dronefly) mit meisterhafter Darstellung der facettierten Augen
Abbildungen aus Hooke's “Micrographia" (1665), einem Buch, das Struensee von seinem
mikroskopierenden Großvater Dr.Johann Samuel Carl (1677-1757) erbte und das er seinem ebenfalls
mikroskopierenden Freund Hartog Gerson für dessen mikroskopische Insektenuntersuchungen überließ.
Der Unterschied in der Trinkwasserversorgung der beiden Nachbarstädte - in Altona
Quellwasser, in Hamburg meist durch Abtrittserker verunreinigtes Fleetwasser - war so
offenbar, daß sich hieraus ein Verdacht bezüglich der epidemiologischen Diskrepanz
des Faulfiebers - d. h. Typhusbefalls - geradezu aufdrängte und ein so scharfsinniger
Beobachter wie Struensee, der die Exkremente von Ruhrbzw. Faulfieberkranken
ohnehin für ansteckend hielt, den Schluß ziehen mußte, auch fäkal kontaminiertes
Trinkwasser sei ansteckend und daher zu meiden. Erfuhr er doch immer wieder, wie
Bewohner Altonas nach einem kurzen Aufenthalt in Hamburg an Faulfieber erkrankten,
das sie “Hamburger Krankheit" nannten. Als Armenarzt bekam er oft fiebernde
Handwerksburschen zu sehen, die auf ihrer obligaten Wanderung vorher eine gewisse
Zeit in Hamburg haltgemacht und, da sie stets knapp bei Kasse waren, ihren Durst mit
Wasser gelöscht hatten. Da fast nur “Wassertrinker" von dem Übel befallen wurden,
schien das Wasser die Hauptursache der Krankheit zu sein (43). Zu einer Zeit, als man
die Ätiologie der infektiösen Darmkrankheiten im humoralmedizinischen Sinne auf ein
durch Säfteverderbnis bedingtes Gallenfieber zurückführte, dürfte man es in
Ärztekreisen besonders befremdend empfunden haben, daß sich ein Angehöriger ihres
Faches bei seinen abweichenden Ansichten weniger auf medizinische Autoritäten als
vielmehr auf Beobachtungen des gemeinen Volkes berieft (44).
12
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*
Im Rahmen seiner epidemiologischen Überlegungen stieß Struensee auf eine weitere
Infektionsmöglichkeit: die Verschleppung des Ansteckungsstoffes durch Insekten. Bei
der unvorstellbaren Fliegenplage, die infolge der unzulänglichen hygienischen
Verhältnisse in den ruhrbefallenen Dörfern herrschte, drängte sich dieser Gedanke
geradezu auf. War doch in seinen Augen das verräucherte, von Dunghaufen umsäumte
Bauernhaus “mit seinen Pferden, Kühen, Schweinen, Hunden und Menschen unter
einem Dach" eine “wahre Arche Noah" und zugleich eine einzige “Brutstätte von
Fliegen". Das sorgfältige Studium der vergrößerten Insektenabbildungen in Hookes
“Micrographia", einem Werk, das ihm sein 1757 verstorbener Großvater Dr. Johann
Samuel Carl vermacht hatte, bestärkte Struensee in seinem Verdacht, daß auch die
vom Pusteleiter des Pockenkranken als auch vom Stuhl der Ruhrkranken angelockten
Stubenfliegen mit ihren Tarsen und Saugrüsseln das jeweilige Kontagium dieser
Krankheiten verschleppen könnten (44a). Bald hatte sein mikroskopierender Freund
Hartog Gerson an den Fliegenbeinen Fäkal- und Eiterpartikel nachweisen können, die
ihn an ein von Swift geschildertes Gullivererlebnis im Lande der Riesen (Brobdingnag)
erinnerte, “bey dem man versucht ist, sich die Nase zuzuhalten".
“Das Königreich", berichtet Gulliver, “wird im Sommer sehr von Fliegen heimgesucht,
und diese verhaßten Insekten, von der Größe einer Lerche, gönnten mir keinen
Augenblick Ruhe. Oft setzten sie sich auf meine Nahrung und ließen dort ihren
ekelhaften Unrat zurück. Bisweilen setzten die Tiere sich auf meine Nase und reizten
mich dadurch bis zum äußersten, denn zugleich stanken sie auch auf höchst ekelhafte
Weise." (45)
*
Es ist erstaunlich, wie nahe man sich im Zeitalter der Aufklärung trotz der noch recht
primitiven Mikroskope an die richtigen ätiologischen und epidemiologischen
Schlußfolgerungen herangetastet hatte, was aber von den meist humoralmedizinisch
orientierten Ärzten überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wurde und durch die
naturphilosophischen Spekulationen der darauf folgenden experimentierfeindlichen
romantischen Medizin zum großen Teil völlig in Vergessenheit geriet. Nicht umsonst
stellt Struensee in seiner großen sozialmedizinischen Abhandlung die Frage:
“Ist es nicht zu verwundern, daß die Größe, worauf die Wissenschaften anitzt (jetzt)
gestiegen sind, so wenigen Einfluß hat? Was nützet es zu wissen, wie man ein Land
groß, reich und seine Bewohner glücklich machen kann, wenn man es nicht anwendet
und ausführet." (45a)
Von Kant hat Goethe einmal gesagt, wenn er ihn lese, sei ihm zumute, als trete er in
einen lichten Raum. Wenn man an die abwegige humoralmedizinische Interpretation
und oft unklare Diktion der meisten medizinischen Abhandlungen jener Zeit denkt, so
bewirkt die intellektuelle Klarheit des jungen Struensee einen ähnlichen Effekt.
Als Physikus einer Hafenstadt erkannte Struensee bald in den vielen Animierkneipen
am Rande seines Amtsbereiches, wo der Alkohol als “Kuppler den Berauschten mit
Menschen zusammenbringt, die er im nüchternen Zustand meiden würde", die
gefährlichsten Brutstätten der Lustseuche. Pflegen doch Dirnen, die oft
geschlechtskrank sind, gerade solche Lokale aufzusuchen, in denen der Alkohol
Betriebmacher ist (46). Daraus schlußfolgerte er, daß an der erschreckenden
Ausbreitung der Geschlechtskrankheiten neben der mit der Prostitution verbundenen
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sexuellen Promiskuität vor allem die Trunksucht schuld sei. Bereits 1761 empfahl er
daher, die Branntweingewinnung mit einer hohen Steuer zu belegen, damit das
Erzeugnis für die Hersteller wegen des zu geringen Nutzens reizlos und für die Menge
wegen der zu hohen Kosten unerschwinglich würde (47).
Als Armenarzt hatte Struensee besonders den Mikrokosmos der Elendsquartiere
kennengelernt. Man lebte dort täglich von der Hand in den Mund, ohne Rücklagen für
Alter, Krankheit, Arbeitsunfähigkeit und Unglücksfälle. Kein Wunder, daß einem solchen
Milieu Diebstahl und Gewalttätigkeit, Trunksucht, Landstreicherei und Prostitution
entsprangen. Genügte doch ein ganz alltägliches Ereignis - wie die Erkrankung des
Hauptverdieners, die Geburt eines dritten oder vierten Kindes - um die Armut der
Familie in bitterste Not zu verwandeln. Eine Folge davon war, daß sich häufig Scharen
verwahrloster Kinder bettelnd auf den Straßen herumtrieben. Andersens Mädchen mit
den Schwefelhölzern, das in einer Winternacht auf der Straße erfror, ist nicht der
dichterischen Phantasie entsprungen; es hatte seine Vorgängerinnen bereits im 18.
Jahrhundert.
Alltäglich mit den sozialen Problemen seiner Zeit konfrontiert, bemerkte Struensee bald,
daß man es in der Gesellschaft leider nicht mit einem gütigen Vater zu tun hat, der
sich - wie es so rührend in der Bergpredigt heißt - um die Lilien auf dem Felde und
Vögel im Freien sorgt, sondern nur mit einer hartgesottenen Obrigkeit, die entwurzelte,
zu Bettlern und Landstreichern deklassierte Bauern ins Werk- und Zuchthaus sperrt
oder an den Pranger stellt und gestrauchelte Mädchen auspeitschen läßt.
Nur wenige kannten diese unterernährten, verlausten, dem Trunk ergebenen, von der
Hand in den Mund lebenden Menschen, die in muffigen, typhusverseuchten
Kellerwohnungen hausten besser als er in seiner Eigenschaft als Armenarzt (48).
BILD
Auspeitschung lediger Mütter nach ihrer Entlassung aus einer Entbindungsanstalt.
(Stich von Daniel Chodowiecki 1782, Kupferstichkabinett Dresden)
Es lag nahe, das Elend dieser Armen ihren Lastern zuzuschreiben. Es erforderte
unvergleichlich mehr Einsicht und Anteilnahme, diese Menschen für das zu halten, was
sie in den meisten Fällen waren: Opfer der Armut. Mit Terenz konnte Struensee von
sich sagen: “Homo sum; humani nihil a me alienum puto." (,Mensch bin ich; nichts
Menschliches ist mir fremd").
Aufgrund seiner großen Erfahrung mit dem unerschöpflichen Krankengut einer
Hafenstadt, wo seit jeher “ln Baccho et Venere kräftig gesündigt wurde", hielt er Lues
und Gonorrhoe für zwei ganz unterschiedliche Krankheiten. “Es gibt unstreitig Gifte",
schrieb Struensee 1761, “welche einen Körper ansteckend machen, ohne vorher eine
bemerkbare Krankheit erregt zu haben. Die Gifte der Lustseuche und des Trippers
gehören dazu (49). Wie oft steckt nicht ein Venerischer oder Tripperkranker andre
schon wieder an, ehe er noch selbst bemerkt, daß er angesteckt sey?" (50)
Mit dieser rhetorischen Frage gab Struensee deutlich zu erkennen, daß er auch von der
ärztlichen Überwachung der Prostituierten keine hundertprozentige Verhütung von
Lustseuchen erwartete (50a).
*
Da die mittellosen Kranken infolge fehlender Behandlung oft durch abstoßende
Hautausschläge gekennzeichnet - als Bettler auf den Straßen und vor den
Kirchenportalen zum Ärgernis der Bürger wurden, pflegte man sie in einstigen
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Leprosorien oder neu errichteten Isolierhäusern einzusperren, die mehr den Charakter
von Strafanstalten als von Hospitälern hatten. Allein durch das Betreten eines solchen
Hauses konnte ein Arzt in den Augen des honetten Publikums als “unrein" erscheinen
und seinen bisherigen Patientenkreis einbüßen. Die Konsequenz war, daß kaum ein
arrivierter Arzt noch bereit war, sich der Behandlung einer so “abgesonderten Canaille"
anzunehmen, weshalb die Behörden rohe Empiriker (“Barbier-Chirurgen") für dieses
“wenig lukrative und noch weniger ehrenhafte Amt" abzukommandieren pflegten. Doch
auch diese fanden es oft unter ihrer Würde und wehrten sich dagegen energisch (51).
Als die Lues Anfang des 16. Jahrhunderts erstmals in Hamburg auftrat und die
Lustsiechen “... up den Straaten als wie Bestien verstorven sin, derwele Jedermann se
medede" (sie mied), bezeichnete man das Übel “wegen der eitrigen Blattern", mit denen
sie “wie Hiob vom Scheitel bis zur Sohle übersät waren", einfach als “Bladdern" oder
“Pocken", und das Gebäude, in dem man sie unterbrachte, “Bladdernhus" oder
“Pockenhaus" (52).
Als man es 1743 als Fachwerkbau erneuerte, erhielt es den Namen Hiobshospital. Es
war berüchtigt wegen der drastischen Salivationskuren, die zu schweren
Quecksilbervergiftungen mit Geschwürsbildung an Zunge, Gaumen und Lippen,
Lockerung und Ausfall der Zähne, aashaftem Mundgeruch und im weiteren Verlauf zu
blutigen Brechdurchfällen mit meist tödlichem Ausgang führen 12a) . Als Struensee das
Physikat in Altona übernahm, besichtigte er auch die Krankenanstalten der
Nachbarstadt. Beim Besuch des Hamburger Hiobshospitals hatte er den Eindruck,
“einen Blick in die Hölle gethan zu haben". “Wenn man durch ihre (d. h. der
Lustsiechen) Stuben geht", schrieb er, “muß man verdammt aufpassen, um nicht
auszugleiten, da der Boden voller Schleim und Speichel ist ... Sie liegen in einem
pestialischen Dunst auf halbverfaultem Stroh und absolviren ihre Salivationskur. Ebenso
miserabel wie ihre Behandlung scheint auch ihre Verpflegung zu sein.” (53)
Wie berechtigt Struensees Empörung über die Behandlung der Lustsiechen war und
wie wenig sich in dieser Hinsicht auch nachher geändert hatte, ist aus einer vierzig
Jahre später (1801) erfolgten Schilderung des St. Hiobshospitals durch den Hamburger
Physikus Rambach zu entnehmen: “Die Zucht darin ist sehr streng ... die medizinische
Behandlung einem Wundarzt übertragen ... Die Methode, welche dieser anwendet,
besteht darin, daß er durch die heftigsten Ausleerungen das Gift aus dem Kranken zu
treiben sucht. Er gibt daher den Merkur (Quecksilber), und zwar in solchen Dosen und
so anhaltend, daß eine starke Salivation dadurch entsteht. Ich habe einige gesehen,
deren Speichelfluß ich einen wahren Speichelsturz nenen möchte. Wer sollte es
glauben, daß in einer Stadt, die sich eines ziemlichen Grades von medizinischer
Aufklärung rühmen kann, solch ein Unwesen noch stattfinden kann? Wahrscheinlich
beachtet man so wenig die unglücklichen Opfer einer ekelhaften Krankheit, weil man
diese für eine Strafe hält.° (54)
BILD
Hospital St. Hiob für Lueskranke in der Spitalerstraße (kurz vor dem Abriß). Nach einer Photographie aus
dem Jahre 1883.
BILD
Räucherung syphilitischer Patienten mit Quecksilberdämpfen. Der bettlägerige Patient im Hintergrund
beim Vollzug des Speichelflusses.
Titelkupferzu Steven Blankaart(1650-1704)“Die Belagert- u. Entsetzte Venus" (Deutsche Ausgabe) Leipzig
1689.
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Struensee, der auf der Dach-Etage des Altonaer Zuchthauses mehrere Lustsieche
abgesondert vorfand, schaffte bei diesen Ausgestoßenen und Verachteten sofort die
von seinen Vorgängern geduldete unmenschliche “Salivationskur" ab, bei der die täglich
ausgeworfene Schleimmenge 4-6 Pfund betrug (54a). Bei seinen “milden Kuren"
bediente er sich vor allem des sog. “Liquor mercurialis Swietenii" (0,036 g Sublimat in
35 g Kornbranntwein), “welches jedoch nicht vom Leibarzt der Maria Theresia
erfunden, sondern diesem von seinem Leidener Studienkollegen Antonio Núñez Ribeiro
empfohlen wurde.” (55)
*
Als Armenarzt von Altona, der aber zugleich als Landphysikus auch auf den
Herrenhöfen in der Provinz manches zu hören und zu sehen bekam, konnte Struensee
anhand der Lustseuche besser als irgendwer die Auswirkung der konventionellen
Doppelmoral auf die Medizin erkennen. Hielt man doch die “Lustseuche des gemeinen
Haufens" für eine “wohlverdiente göttliche Strafe an den Körpertheilen, mit denen man
gesündiget" (56). In Adelskreisen dagegen galt das Übel als “galante
Kavalierskrankheit", deren Wunden die “vergifteten Pfeile Amors" oder der “Speer der
Venus" verursacht hatten, die aber “Merkur" (d. h. Quecksilber) zu heilen vermag (57).
Man scherzte ganz offen darüber und verfaßte Spottlieder (58).
Beim “gemeinen Volk" dagegen, wo die Lues als “Sünde, ja sogar als Schande galt",
pflegte man die Krankheit, was Struensee besonders betont, zu “verschweigen und zu
verheimlichen", weshalb sie “nur selten rechtzeitig behandelt und richtig auskurirt
wurde" (59).
Nachdem Struensees Vater 1760 als Generalsuperintendent von Schleswig-Holstein
nach Rendsburg übersiedelte, bezog der junge Physikus, der bis dahin im elterlichen
Heim wohnte, mit seinem Jugendfreund, dem Juristen David Panning, ein bescheidenes
Fachwerkhaus an der Ecke der Kleinen Papagoyenstraße als Mieter. Hier, wo er jeden
Tag rembrandesken Gestalten begegnete, lernte er die Lebensweise der Juden besser
kennen als die meisten seiner christlichen Zeitgenossen. Der Arzt bewunderte
besonders ihre Nüchternheit (60). Da er seit jeher an statistischen Auswertungen
besonders interessiert war, fiel ihm bald auf, daß sich unter den Geschlechtskranken
und Gewaltverbrechern nur ein ganz geringer Prozentsatz von Juden befand. Er
schlußfolgerte daraus: das Verschontbleiben der “Enkel Abrahams" sei vor allem ihrer
Abscheu vor der Trunksucht zu verdanken. Doch dieses Verhalten war wohl weniger
aus hygienischer Erkenntnis als aus der sozialen Lage zu erklären. Da der schutzlose
Jude stets viel gefährdeter als der Nichtjude war, galt für ihn Nüchternheit als
dringendes Gebot. Denn ein betrunkener, randalierender Jude hätte das größte Unheil
nicht allein über sich, sondern über die gesamte Judenschaft seines Wohnortes
heraufbeschwören können (61). Das war einer der Hauptgründe ihrer Mäßigkeit, für
Struensee aber zugleich auch eine indirekte Bestätigung seiner Überzeugung. die
Trunksucht wirke sich als Wegbereiterin der Lustseuche aus (62).
Doch abgesehen von der Abstinenz bewahrte die Juden vor Geschlechtskrankheiten
auch noch die Frühehe (63) und das strenge Sittenleben im Ghetto (64). Hinzu kam
aber auch noch ein weiterer Umstand: mit dem Auflodern der Judenverfolgungen im
ausgehenden Mittelalter wurde nämlich den Israeliten das Betreten von
Freudenhäusern strengstens untersagt. Die fromme und tugendhafte Obrigkeit behielt
das Privileg des Bordellbesuches ausschließlich ihren christlichen Untertanen vor. Diese
“sexuelle Exklusivität", die bis Ende des 18. Jahrhunderts währte, verwandelte sich seit
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der Entdeckung Amerikas in eine “potenzierte Anwartschaft der Christen auf die Lues"
(65).
Schließlich beeindruckte Struensee, der später als Minister wegen seiner rigorosen
Sparmaßnahmen und Luxussteuern vom Adel als “Puritaner" gescholten wurde, die
Sparsamkeit und bescheidene Zurückhaltung auch vermögender Juden. Hatten sie
doch durch die Luxusverbote aus der Ghettozeit jahrhundertelang viel weniger
Gelegenheit als die Christen, ihr Geld auszugeben; auch mußten sie infolge ihrer
ständigen Zurücksetzung im bürgerlichen Leben all jenen Veranstaltungen fernbleiben,
“die nie Geld eintrugen, sondern nur viel Geld kosteten" (66). Um die Mißgunst ihrer
ohnehin feindlich gesonnenen Umwelt nicht noch mehr zu reizen, vermieden sie in der
Regel mit ihrem Vermögen zu protzen (67).
*
Als der bekannte Pädagoge J. B. Basedow (1723-90) 1760 wegen seiner freigeistigen
Ansichten seine Professur an der dänischen Ritterakademie Sorö einbüßte und als
Gymnasiallehrer nach Altona versetzt wurde, lernte er dort bald den um 14 Jahre
jüngeren geistesverwandten Physikus kennen. Struensee unterhielt sich mit ihm oft über
prophylaktische Maßnahmen, die man bei der heranwachsenden Jugend ergreifen
sollte, um sie vor Geschlechtskrankheiten zu bewahren. Basedow, dessen Eltern ihr
Lebensende als Pröwen (eine Art Untermieter) im Hiobs-Hospital zu Hamburg verbracht
hatten, ging wiederholt mit Struensee durch die mit Geschlechtskranken überbelegten
Räume dieses berüchtigten Hauses und beide kamen zu der Überzeugung, daß die
Besichtigung eines solchen Hospitals mit einem Jugendlichen diesen schneller und
leichter als lange Moralpredigten davon überzeugen könnte, wie gefährlich “Amors
vergiftete Pfeile" sind (68). Man kann sich gut vorstellen, wie entrüstet man in den
prüden und pietistischen Kreisen der damaligen Zeit auf diesen ungewöhnlichen
Vorschlag reagiert hat. War man doch sogar über das “Unsittliche" an der
Einteilungsmethode der Pflanzen, wie sie der schwedische Naturforscher Linné (1753)
in seinem “Species plantarum" aufgrund von männlichen und weiblichen
Geschlechtsmerkmalen (Staubgefäßen und Fruchtknoten) vorgenommen hatte, zutiefst
empört (69)
Welche
Schwierigkeiten
einst
die
Prüderie
gerade
hinsichtlich
der
seuchenprophylaktischen Bestrebungen bereitete, ist aus dem Empörungssturm zu
ersehen, den die Empfehlung des verdienstvollen Freiburger Chirurgen Mederer von
Wuthwehr (1739-1805) auslöste: gegen die Lues Präservative zu benutzen (70).
Besonders sein Vorschlag, die Bordelle mit einem Vorrat an Präservativen zu versehen,
wurde von den Kanzeln als “Eingriff in die göttliche Vorsehung" bezeichnet, sei doch die
Lues “eine wohlverdiente göttliche Strafe an den Körpertheilen, mit denen man
gesündiget" hat (71).
*
In das Konzept der Pietisten von einer “wohlverdienten göttlichen Strafe" paßte
allerdings nicht, daß oft auch unschuldige Kinder von dem Übel betroffen waren. Mit
dem Hinweis, daß die Lues sogar auf außergeschlechtlichem Wege, z. B. durch
infizierte Ammen, übertragbar sei, versuchte Struensee dem Übel das Odium der Sünde
zu nehmen. Indem er die Offentlichkeit auf die potentiellen Infektionsgefahren beim
Stillen aufmerksam machte, bemerkte er: Eine ärztliche Kontrolle wäre nicht nur bei der
anzustellenden Amme, sondern auch bei den auftraggebenden Eltern notwendig. Die
gleiche wechselseitige Vorsicht wie beim Stillen gelte seines Erachtens auch für das
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Entbinden, bei dem nicht nur Hebammen gefährdet sind, sondern auch gesunde Mütter
durch infizierte Hebammen angesteckt werden können (72). Mit dem Hinweis auf die
potentielle Gefahr einer Luesübertragung durch infizierte Ammen versuchte Struensee
zugleich die Mütter zum Selbststillen ihrer Kinder zu bewegen (73).
*
In Zusammenhang mit dieser Problematik sei eine kleine Episode erwähnt, die
sympathische Züge von Uneigennützigkeit und menschlichem Mitgefühl in Struensees
Charakter beleuchtet. Im Landesarchiv Schleswig-Holstein (Schloß Gottorf) fand ich vor
Jahrzehnten einen Schriftwechsel zwischen Struensee und dem Landdrosten von
Pinneberg, v. Berckentin (74), aus dem zu ersehen ist, daß der junge Physikus im Mai
1763 eine venerisch erkrankte Bäuerin aus Haselau, die sich als Amme an einem
Herrenhof infiziert und dann auch ihre beiden Kinder angesteckt hatte, in sein Lazarett
nach Altona kommen lassen wollte, um sie dort mit ihren Kindern auf Kosten des Amtes
behandeln zu können. Vier Monate später, am 4. Oktober 1763, nach abgeschlossener
Kur, schrieb er in obiger Angelegenheit an den Landdrosten: “Für meine Bemühungen
habe ich nichts angesetzt, weil ich es Ew. Exzellenz überlasse, zu bestimmen, ob ich
solches ex officio zu thun schuldig bin ... Da ich diese Verrichtung mehr aus Mitleiden
als um Vortheile willen unternommen habe, so werde ich mit allem vollkommen
zufrieden seyn, was Ew. Exzellenz deswegen zu verfügen geruhen wollen. Einige kleine
Ausgaben, die ich wegen der großen Armuth dieser Leute gehabt, wie Strümpfe für die
Kinder, Thee, Zucker, Milch, habe ich nicht mit anschreiben wollen."
*
Wieviel Leid und wieviel Elend hätte man bei der Beachtung noch einer weiteren
Gefahr, auf die Struensee in Zusammenhang mit der Pockenschutzimpfung
aufmerksam gemacht hatte, vermeiden können! Hatte er doch - trotz seines
leidenschaftlichen Einsatzes für die Findlinge - bereits 1760 darauf hingewiesen, daß
ein relativ hoher Prozentsatz der ausgesetzten Kinder venerisch verseucht sei, weshalb
man den Eiter pockenkranker Findlinge nicht zu Inokulationen verwenden solle, weil mit
deren Blatternstoff auch das Gift der Lustseuche überimpft werden könnte (75). Aber
auch diese Warnung wurde in den Wind geschlagen. Sogar in den ersten siebzig
Jahren der Vakzinations-Ära - solange man in Ermangelung animaler Lymphe von Arm
zu Arm impfte blieben viele Impfanstalten zwecks Gewinnung eines größeren
Impfvorrats an “Findelhäuser" angeschlossen. So dienten z. B. von 1865 bis 1867 im
Petersburger Findelhaus elf Kinder, die später die “Anzeichen angeborener Lues"
zeigten, als Stammimpflinge (76). Ähnliches geschah fast zur gleichen Zeit auch in
Wien, wo man ebenfalls die Sehutzpocken-Lymphe vom Findelhaus bezog (77). Auch in
Hamburg kam es noch 1874 zur Übertragung von Syphilis durch ein “hereditär
luetisches Kind" als “Impfkönig" (Lymphspender), was die sofortige Absetzung des
damaligen Oberimpfarztes zur Folge hatte (78).
Trotz seiner glänzenden therapeutischen Erfolge schwebte Struensee zu keinem
Zeitpunkt eine Praxis aurea für wohlsituierte Privatpatienten vor. Bei seinen
Inspektionsfahrten durch die Provinz und seinem Einsatz als Armenarzt hatte er in den
Dörfern Holsteins und in den Elendsquartieren Altonas aus nächster Nähe die
unheilvolle Verkettung von Not, Krankheit, Aberglauben und Analphabetentum
kennengelernt und damit zugleich auch eine Erklärung dafür gefunden, warum so vieles
“faul im Staate Dänemark" sei. Was ihn reizte, waren seuchenprophylaktische und
sozialmedizinische Aufgaben einer noch zu schaffenden Staatsmedizin. Das klingt
18
19
bereits im Schlußsatz seiner vier Seiten umfassenden erfolglosen Promemoria um eine
Gehaltserhöhung an:
“Sollte nun dieses mein submissest (untertänigstes) Gesuch, wie ich die unterthänige
Zuversicht habe, stattfinden, so würde ich hierdurch in den Stand gesetzt, meine
Amtsverrichtungen mit mehrerem Eifer und Vergnügen obzuliegen und da ich alsdann
nicht mehr durch andere Geschäfte und weitläufige Praxin mich zu distrahieren
(verzetteln) genöthiget wäre, dem Publico mit mehrerem Nachdruck und Nutzen meine
Bemühungen zu widmen. Altona den 6. November 1762 - Struensee." (79)
BILD
Letzter Satz aus Struensees vierseitigem erfolglosen Gesuch (“Promemoria ") vom 6. November 1762 um
eine Gehaltserhöhung. Sein Hungerlohn betrug 40 Reichstaler als Physikus und zusätzlich 30 Reichstaler
als Armenarzt, also insgesamt 70 Reichstaler im Jahr. (Nach einer Photographie aus dem Altonaer
Stadtarchiv Abt. XXXVI K1. B. 1. 13. fol. 5. Das Original verbrannte am 25. 7. 1943).
Noch deutlicher geht dieser Wunsch Struensees aus einem in der Universitätsbibliothek
von Oslo befindlichen Entwurf für eine Denkschrift hervor. Dieser Entwurf war die
Vorwegnahme einer größeren Abhandlung (“Gedanken eines Arztes von der
Entvölkerung eines Landes"), die im Heumonat (Juli) 1763 als Leitartikel im ersten
Stück der in Hamburg herausgegebenen “Monatsschrift zum Nutzen und Vergnügen"
veröffentlicht wurde. Ursachen der Entvölkerung seien Landflucht und hohe
Sterblichkeit, bedingt durch Mangel an Ärzten, unzulänglicher Geburtshilfe,
Säuglingsfürsorge, “hitzige Kuren" bei akuten Infektionskrankheiten und abergläubische
Sitten, unwissende Hebammen und gewissenlose Kurpfuscher, Alkoholismus und
Verseuchung der Landbevölkerung durch Einquartierung venerisch infizierten Militärs
usw. usf. Noch niemand ahnte, wer der Autor dieser anonymen Abhandlung war, in der
es vom Anfang bis zum Ende von sozialen Problemen nur so wetterleuchtete. Trafen
doch die darin geschilderten Mißstände fast für alle deutschen Länder zu, und nur
einige Formulierungen ließen erahnen, es handle sich bei dem Autor um einen
dänischen Untertanen, und das namentlich nicht bezeichnete Land sei kein anderes als
Schleswig-Holstein. Die Abhandlung, die in nuce bereits einen Großteil des
sozialmedizinischen Programms enthielt, das Struensee zehn Jahre später als
dänischer Minister mit seinen Reformen in Angriff nahm und zu realisieren versuchte,
führt zu der Erkenntnis, die 85 Jahre später (1848) der junge Virchow so definierte:
“Politik ist weiter nichts als Medizin im großen."
Die Abhandlung “Von der Entvölkerung eines Landes", die seit Leibnizens “Vorschlag
zur Gründung einer Medizinal-Behörde (1690) den wesentlichen deutschen Beitrag im
Bereiche des öffentlichen Gesundheitswesens darstellt und eindeutig beweist, daß
Struensee schon Jahrzehnte vor Johann Peter Frank bahnbrechend auf dem Gebiet der
sozialen Medizin tätig war, habe ich in meiner Struensee-Monographie einer
eingehenden Analyse unterzogen (80). Übrigens habe ich Struensees Abhandlung
“Gedanken eines Arztes von der Entvölkerung eines Landes" in den “Beiträgen zur
Geschichte Hamburgs, Bd. 19 im Faksimile-Druck wiedergeben lassen (81).
BILD
Türsturz der ersten norddeutschen Entbindungsanstalt im Altonaer Zucht- und Werkhaus. Die Inschrift
lautet:
“Königliche Algemeine Hebammenschule Für Das Herzogthum Holstein Königlich. Antheils. Der
Stadt Altona UAL Und Der Gebährsaal Worauf Arme Schwangere Frey Verpfleget Werden Können
Den XV August MDCCLXV Eröfnet”
Der Sandstein befindet sich im Hof des Altonaer Museums.
19
20
Man kann sich heute kaum vorstellen, welch vermessenen Mut Struensee in seinen
jahrelangen Bemühungen dazu aufbringen mußte, um in einer Atmosphäre voller
Anfeindungen und Unterstellungen die Zulassung der ersten Entbindungsanstalt
Norddeutschlands durchzusetzen, wenn auch nur im Altonaer Zuchthaus, wo man
bisher “liederliche Weibsstücke durch Arbeitszwang und strenge Zucht zu bessern
versucht hatte" und sie im Falle einer Schwangerschaft nach ihrer Niederkunft auch
noch demütigen Strafen zu unterziehen pflegte. Ganz ungewöhnlich für jene Zeit war
auch sein menschliches Mitgefühl für diese Unglücklichen:
“Ein Mädgen", erklärte er bereits 1760, “das ein Kind gebirt, wird öfter härter bestraft als
eine liederliche Weibsperson, die sich jedermann preisgiebet und die Früchte ihrer
Ausschweifungen austheilet; die Schande, womit es überhäufet wird, nöthiget es nicht
selten, dem Beyspiele dieser zu folgen. " (82)
In einer anderen Abhandlung hat Struensee den gleichen Gedanken mit einer an
Chamfort erinnernden Prägnanz und Hintergründigkeit in die Frage gekleidet: “Wie oft
sind Laster und Tugend keine Ursachen, sondern nur Folgen?! (82)
Als Armenarzt hatte er in den “Abgrund menschlichen Elends" geblickt und unter dem
Eindruck des dort Gesehenen erklärt: “Die Ausstoßung der ledigen Mütter aus der
menschlichen Gemeinschaft hat zur Folge, daß nicht nur sie, sondern auch ihre Kinder
der Betteley, Dieberey oder Hurerey verfallen.” (84)
*
Abhold jeglicher Systematik beschritt Struensee bereits damals erstmalig viele Wege,
die man heute in der Präventivmedizin für selbstverständlich und immer dagewesen
hält. Dabei mußte er sich meist mühsam durch das Gestrüpp von überholten
Lehrsätzen, zähen Vorurteilen, abergläubischen Sitten, gehässigen Verdächtigungen
und heimtückischen Verleumdungen durchschlagen. Da seine Vorgänger infolge ihres
sozialmedizinischen Desinteressements die Kreise anderer Instanzen kaum störten,
empfand man sein Engagement um so lästiger als ständige Einmischung in fremde
Kompetenzen.
Struensee war ein heller Verstandesmensch, der im höchsten Maße das besaß, was
Nietzsche als “intellektuelle Rechtschaffenheit" bezeichnet (85). Sein leidenschaftlicher
Einsatz für die Verbesserung der Geburtshilfe, für die straflose Entbindung
unverheirateter Mütter und die Gleichberechtigung unehelicher Kinder, für das Verbot
der Quacksalberei und die Reformierung des Arzneimittelwesens, für die
Humanisierung der Luesbehandlung und das Verbot des Schnapsbrennens, für die
Milderung des Strafvollzugs und die Lockerung der Pressezensur, womit nur einige
Beispiele seiner sozialmedizinischen und sozial-ethischen Intentionen erwähnt sind, mit
denen er schon als Physikus immer häufiger gewisse Kreise vor den Kopf stieß, lassen
erkennen, daß er im Sinne Hegels - ein “Instrument der Moral von morgen" war.
*
Dazu den Patienten, denen Struensee in schwerer Not geholfen hatte, auch immer
mehr Mitglieder des Holsteiner Adels gehörten, ist es nicht verwunderlich, daß sie ihn
als Reisearzt König Christian VII. empfahlen, als dieser im Frühjahr 1768 nach England
zu Besuch seines Schwagers Georg III. fuhr. In Christians Vorliebe für Voltaire fand
Struensee bald einen Anknüpfungspunkt, über den er als geistreicher Causeur und
profunder Voltaire-Kenner sich sehr schnell dessen Zuneigung erwarb. Mit dem
20
21
Spürsinn eines geborenen Diagnostikers beobachtete Struensee schon während der
Reise nach England seinen Herrn, und obgleich es damals noch keine Psychiatrie gab
und die Differenzierung der Geisteskrankheiten erst später einsetzte, war sein Verhalten
gegenüber seinem Patienten das einzig richtige (86). Mit dem geradezu
traumwandlerischen Instinkt des Menschenkenners packte er den jungen König an
seinem Ehrgeiz und versuchte bei ihm das Interesse für die Staatsgeschäfte zu wecken.
Lernte man doch auf der Reise durch wirtschaftlich entwickeltere Länder (Holland,
England, Frankreich) immer wieder Institutionen kennen, die nach Struensees Ansicht
auch dem dänischen König Ruhm und seinem Volk Wohlstand hätten einbringen
können. Es war die bereits in Altona von ihm empfohlene Beschäftigungstherapie bei
Gemütskranken, die er als Reisearzt hier anzuwenden versuchte, um seinen Herrn
durch Festigung des Selbstgefühls aus der staatspolitischen Teilnahmslosigkeit
herauszureißen (87).
Als Struensee im Gefolge von König Christian VII. im Herbst 1768 nach England kam,
ließ ihn dort die industriell fortgeschrittene gesellschaftliche Situation mit ihren
Schattenseiten (wachsende Landflucht, Bildung von Slums, Alkoholismus, Zunahme
von unehelichen Geburten, vermehrten Kindesaussetzungen etc.) erkennen, was in der
nächsten Zeit an neuen sozialen Schwierigkeiten auch auf das noch rückständigere
Dänemark zukommen würde (88). Er war davon überzeugt, daß die unvermeidliche
Zuspitzung dieser Entwicklung nur durch entsprechende Reformen zu entschärfen sei.
So war z. B. die Branntwein-Destillation in England von 527 000 Gallonen (24 000 hl) im
Jahre 1648 - ohne entsprechenden Bevölkerungszuwachs - auf 5394 000 Gallonen
(245 181 hl) im Jahre 1735 gestiegen. Ein Schöffengericht in Middlesex schrieb einen
großen Teil des Elends und der Verbrechen in der Hauptstadt dem Branntweinabusus
zu. Das Destillieren von Branntwein, meinte Defoe, verbrauche Korn und deshalb nütze
es dem Grundbesitz; das Parlament der Grundherren dachte ähnlich. Das Ergebnis:
Jedes sechste Haus in London war ein Wirtshaus und der Alkoholismus nahm
beträchtlich zu (89). In der Hauptstadt gab es fast 50 000 Dirnen und die Zahl der
öffentlichen Häuser soll nach dem kundigsten Sittenschilderer jener Zeit, James Boswell
(1740-1795), um die 2000 betragen haben (90). Die Verquickung von Alkoholismus,
Prostitution und Geschlechtskrankheiten verursachte so manchem englischen Arzt
Kopfzerbrechen. Vieles von dem, was Struensee damals zu sehen und zu hören
bekam, überzeugte ihn von der Richtigkeit seiner einstigen Bemühungen in Altona.
BILD
William Hogarth
Ausschnitt aus dem “Schnapsgäßchen" (1751).
Hogarth beabsichtigte damit, die Bemühungen um ein Verbot des
Branntwein-Ausschankes zu unterstützen. Wie einst die Welt der Prostitution
durchleuchtete er in diesem Kupferstich, bei dessen Anblick man, laut Lichtenberg, den
“Branntwein geradezu riecht", mit bitterem Spott das Laster derTrunksucht. Rechtsim
Vordergrund des Bildes ein zum Skelett abgemagerter Trinker, der sterbend Karaffe
und Glas noch in den Händen hält; links von ihm auf der Treppe eine betrunkene Mutter
mit syphilitischen Geschwüren am Bein, die nicht einmal bemerkt, daß ihr Säugling über
das Geländer stürzt. Wo man hinblickt: nur Betrunkene. Die königliche Schnapsdestille,
die Hogarth durch das Schild “Gin Royal" boshaft in den Vordergrund des ganzen Bildes
gerückt hat, erklärt überzeugender als ein Dutzend Traktate, warum die Bemühungen
zur Einschränkung des Branntweinausschankes keinen Erfolg hatten. - Ein Abdruck
dieses Kupferstiches hing laut Hartog Gerson in Struensees Altonaer Wohnung.
Als man Anfang 1769 nach Dänemark zurückkehrte, wurde Struensee zum Leibarzt
ernannt und folgte seinem Herrn an den Hof von Kopenhagen. Dort gelang ihm die
21
22
Versöhnung des seit langem völlig zerstrittenen königlichen Ehepaares. Nach einer
schweren Pockenepidemie, der 1770 allein in Kopenhagen 1200 Kinder zum Opfer
fielen, impfte Struensee auf Wunsch der Königin den von ihr abgöttisch geliebten
zweijährigen Kronprinzen. Als die Impfung - damals noch ein Wagnis - komplikationslos
verlief, überschüttete man Struensee mit Beförderungen. Damit begann sein steiler
Aufstieg von der grauen Eminenz bis zum allmächtigen Geheimen Kabinettsminister.
Ich möchte zunächst nur die Reformen erwähnen, die direkt oder indirekt mit der
Bekämpfung des Alkoholismus und der Geschlechtskrankheiten zusammenhingen,
denn sie wurden von moralisierenden Kreisen, die selbst alles andere als moralisch
waren, in anonymen Veröffentlichungen immer gehässiger gegen Struensee
ausgedeutet und trugen viel zu seinem späteren Sturz bei. Die Zeitstimmung wies eine
beängstigende Parallelität mit der aktuellen Verteufelung vorausschauender
Epidemiologen, die nach den verpaßten Chancen des ersten AIDS-Jahrzehnts endlich
die konsequente Anwendung seuchengesetzlicher Bestimmungen fordern (90a).
Auch in Dänemark war die weitverbreitete Syphilis mit der Trunksucht der breiten
Massen, über die sich bereits Shakespeare im “Hamlet" lustig machte, eng verknüpft
(91). Obwohl Struensee schon lange vor seiner Englandreise wußte, daß man die
Gutsbesitzer, die am Absatz des manufakturmäßig gebrannten Kornes sehr interessiert
waren, allein mit einer Besteuerung des Branntweins zur Weißglut bringen würde, wollte
er von diesem als sozialmedizinisch und seuchenprophylaktisch richtig erkannten
Vorhaben nicht ablassen (92). Als er im Herbst 1770 an die Spitze des dänischen
Staates gelangte, was zeitlich mit einer Mißernte zusammenfiel, entschloß er sich,
diesen gordischen Knoten mit einem Schlag zu lösen, indem er durch eine königliche
Kabinettsorder nicht nur die Getreideausfuhr, sondern auch das Schnapsbrennen aus
Roggen verbot.
Im Zuge der Reorganisation des Krankenhauswesens ließ er auch unbenutzte Kapellen
in Hospitäler umwandeln, eine Maßnahme, auf die später auch Joseph II. in Österreich
verfiel. So wurden damals auf Struensees Anordnung die Kirche des Friedrichshospitals
und die Kapelle von Sölleröd zu Heilanstalten für Luetiker (93). Struensees Fürsorge um
die Geschlechtskranken, die man bis dahin als eine Art von Aussätzigen genauso hart
und unmenschlich behandelte wie die Geistesgestörten, die als Besessene oder
Schwerverbrecher galten, war nur eine Facette seines vielseitigen Reformprogramms
zur Humanisierung der Krankenpflege und des Strafvollzugs. Wie oft hatte man schon
früher in Not- und Kriegszeiten, da es um die schnelle Unterbringung zahlreicher
pflegebedürftiger Menschen ging, auf Kirchen zurückgegriffen! Doch diesmal handelte
es sich um Subjekte, die als verrucht und gezeichnet galten, weshalb jeder Einsatz für
sie in den Augen der prüden und moralisierenden Umwelt als ein vermessener,
blasphemischer Eingriff in die göttliche Vorsehung erschien (94). Mit seinem
Engagement für die Straffreiheit unverheirateter Mütter und die Gleichberechtigung
unehelicher Kinder hatte Struensee bereits in Altona die pietistisch-prüden Kreise
schockiert. Obwohl diese Maßnahmen nur zwei Glieder in einer langen Kette eng
zusammenhängender sozialmedizinischer Reformen darstellten, wurden sie “in einer
wenig moralischen, aber um so mehr moralisierenden Zeit" bewußt aus diesem
Zusammenhang herausgerissen und nicht nur als “Untergrabung der öffentlichen
Moral", sondern auch als “Rechtfertigung eigener Verbrechen" interpretiert.
Die von Struensee eingeführte Pressefreiheit drohte nun mit der tödlichen
Kehrtwendung eines Bumerangs, ihn selbst zu vernichten. Die Anonymität der
Publikation, die im Zeitalter der Intoleranz als eine lebenswichtige Notwendigkeit galt,
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23
war nach Aufhebung der Zensur zur Tarnkappe von publizistischen Brunnenvergiftern,
Ehrabschneidern und Meuchelmördern geworden (95).
*
Selten ist über jemanden so viel Absurdes kolportiert und geschrieben, besser gesagt:
kritiklos voneinander abgeschrieben worden wie über Struensee. Pamphletisten,
Moritatensänger, Journalisten, Romanschreiber, Librettisten, Dramatiker und
Filmregisseure haben sich wiederholt des Themas angenommen. Man verwandte dabei
meist die berüchtigte “Schlüssellochperspektive der Chronique scandaleuse", die Hegel
so definierte: “Für einen Kammerdiener giebt es keinen Helden ... nicht aber darum, weil
dieser kein Held, sondern weil jener der Kammerdiener ist ... Die geschichtlichen
Personen, von solchen psychologischen Kammerdienern in der Geschichtsschreibung
bedient, kommen schlecht weg; sie werden nivelliert, auf gleiche Linie oder vielmehr ein
paar Stufen unter die Moralität solcher feinen Menschenkenner gestellt. (96)
Solche psychologische Kammerdiener haben vor allem Struensees “Liaison dangereux"
mit der Königin breitgetreten und diese als den eigentlichen Grund für seinen
kometenhaften Aufstieg und jähen Sturz bezeichnet (97). In Wirklichkeit galt diese
Liaison seinen eigentlichen Gegnern, die selbst keineswegs tugendhaft waren, nur als
Vorwand, mit dem sie die Ressentiments verschiedener Kreise und Volksschichten
anheizen konnten, was eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen ihres von langer
Hand geplanten Staatsstreiches war. Um Struensees verhaßte Reformen möglichst
abschaffen zu können, mußte er diffamiert und zum zwielichtigen Abenteurer
gestempelt werden (98). Man kennt daher sein Bild fast nur so, wie es seine Gegner
und Ankläger gemalt und beschrieben haben, “deren Pinsel und Feder von Haß und
Voreingenommenheit triefen". Sein Charakterbild' ist infolgedessen bis heute noch in
ähnlicher Weise verzerrt wie jenes von Spinoza bis in die zweite Hälfte des 18.
Jahrhunderts, von dem man bis dahin nach Lessings Worten wie von einem “toten
Hunde" sprach.
Das “Zwielichtige an Struensees Gestalt", worüber so viel gedeutelt wurde, ist in
Wirklichkeit eine Erfindung seiner Gegner, die sich in Anbetracht seiner vielen,
offenkundigen und nicht abzustreitenden positiven Eigenschaften und Leistungen
dessen bewußt waren, daß eine völlige Schwarzmalerei ihre Beschuldigungen
unglaubwürdig erscheinen ließe. Das Positive an dem verhaßten Reformer mußte daher
als “Popularitätshascherei", als vorgetäuschter tarnender Schein gedeutet werden,
hinter dem er ungestört seine dunklen, gegen Staat und Religion, gegen Volk und König
gerichteten Schachzüge vorzubereiten oder vorzunehmen versuchte. In Wirklichkeit ist
an Struensees Charakter nichts Zwielichtiges oder Zweideutiges. Sein tragischer
Lebenslauf weist eine zielbewußte Geradlinigkeit ohne die geringsten Schwankungen
oder Abweichungen auf, wobei die sozialmedizinischen Vorstellungen des Arztes und
Schriftstellers aus Altona fast kongruent den späteren Reformen des Ministers in
Kopenhagen entsprachen. Denn auch für Struensee war - wie bereits erwähnt - “die
Politik weiter nichts als Medizin im Großen". Hatte sich während der Altonaer Zeit in
dem jungen Arzt mit sozialethischen Zielen der politische Reformator geregt, so erwies
sich später der Staatsmann mit den gleichen Zielen wiederum ganz als Arzt. Als Arzt,
der es jetzt nicht mehr mit dem Körper eines einzelnen Individuums zu tun hatte,
sondern mit dem Staatskörper. Und da er als Arzt erkannt hatte, daß die fortschreitende
geistige Umnachtung des Königs, der diesen Staat repräsentierte, nicht mehr
aufzuhalten war, versuchte er den völlig kranken Staatskörper zu heilen, indem er die
Machtbefugnisse des Königs nach außen hin bis zum Absolutismus steigerte, dabei
23
24
aber vorgeblich im Namen der Majestät nach seinem eigenen Willen dekretierte und
reformierte.
BILD
Die Grabinschrift auf Hartog Hirsch Gerson's Grabstein (Stele)
auf dem Jüdischen Friedhofzu Altona (Königstraße) lautet:
“ Wehe um den Gerechten, der in Treue lebte! O, Du Herrlicher, der Du auf der Höhe
des Lebens standest. Tief warest Du in den Schacht der medizinischen Wissenschaft
hinabgestiegen, wußtest den richtigen Maßstab an alle Leiden der Menschen
anzulegen. Nur durch Dich gelang Heilung und Genesung von allen Krankheiten. Du
erfreutest Leidende. -Sehet,IhrWanderer. Wer hier seine Ruhestätte gefunden! Lasset
die Tränen fließen ob des gewaltigen Verlustes, denn hier ist hingesunken ein Fürst, ein
Großer. Aberauch als Mensch war ergroß und übte Wohltun an allen Ecken und Enden.
Es ist der berühmte Arzt Zebi Hirsch, Sohn des Arztes Dr. Gerson, gestorben 24. Kislew
5562" (29. November 1801 nach unserer Zeitrechnung).
Die ersten acht Zeilen der Grabinschrift sind ein gereimtes Lobgedicht. Die
Anfangsbuchstaben (v. r.) bilden ein Akrostichon: Hirsch Rofe (der Arzt Hirsch).
Die Grabinschrift ist in deutsch, nur die Lettern sind hebräisch.
BILD
Die letzte (17.) Seite der von Struensee etwa 14 Tage vor seiner Hinrichtung in
französischer Sprache verfaßten Denkschrift über König Christians Geisteszustand.
Zu einer Zeit, als es noch keine Psychiatrie gab, hat er das Krankheitsbild seines
Patienten so genau beschrieben, daß man anhand der Symptomatik retrospektiv die
Diagnose Schizophrenie stellen kann. Reichsarchiv Kopenhagen (Frederik VI's arkiv 46:
Struensee, Reg. 109, pg. 17).
Seine überragende Intelligenz und enzyklopädische Bildung mit der genauen Kenntnis
der sozialen Mißstände hatten ihn, den einstigen Armenarzt, für die längst fälligen
Reformen geradezu prädestiniert. Er trieb die Reorganisation des komplizierten
Staatskörpers in hektischer Eile voran, so daß sich die von ihm erlassenen Gesetze und
Verordnungen geradezu überstürzten. Mehr als 1800 Kabinettsorder hat er in seiner
kaum anderthalbjährigen Regierungszeit mit leidenschaftlicher Hingabe erlassen (99).
Nur seine ungewöhnliche Arbeitskraft und sein Blick für tüchtige Mitarbeiter -deren
bester wohl sein älterer Bruder Carl August Struensee, der spätere preußische
Finanzminister war - erklären es, daß er in einer so kurzen Frist so viele Reformen
durchführen oder in Angriff nehmen konnte. Erwähnt seien: die Verkündigung der
Pressefreiheit, Einschränkung der bäuerlichen Frondienste als erster Schritt zur
endgültigen Aufhebung der Leibeigenschaft, Abschaffung der Folter, Milderung der
Strafgesetze, Beschleunigung des Geschäftsganges im Verwaltungsapparat, Verbot
von “Sporteln" (Schmiergeldern), Verkündigung der Gleichheit aller Staatsbürger vor
dem Gesetz, Bekämpfung der Rangsucht, Regelung der Stellenbesetzung nach
bürgerlichen Gesichtspunkten und Ausschließung unwürdiger Personen von Ämtern,
Erweiterung der religiösen Toleranz, Aufhebung der kirchenpolizeilichen Aufsicht über
die Sitten, Gleichstellung der unehelichen Kinder mit den ehelichen vor dem Gesetz,
Reform des Schulwesens mit Abschaffung der Prügelstrafe, Reform der Universität mit
der Absicht, statt Latein Dänisch als Unterrichtssprache in Kopenhagen einzuführen,
Zulassung von Bürgerlichen an die Ritterakademie von Sejrö, Erlaß von Luxussteuern,
Einschränkung von Luxus am Hofe, Auflösung kostspieliger Garderegimenter mit nur
repräsentativem Zweck, Verbot der Getreideausfuhr und des Schnapsbrennens aus
Roggen, Anlage von staatlichen Kornmagazinen zur Vermeidung von Wucherpreisen in
24
25
Notzeiten, Freigabe der Korneinfuhr für das südliche Norwegen, Erlaß der ersten
dänischen
Armengesetze,
Reorganisation
der
Geburtshilfe
und
des
Krankenhauswesens, gemeinsame Ausbildung der bis dahin unstandesgemäßen
Chirurgen mit den Medizinern, Umwandlung unbenutzter Kapellen in Hospitäler,
Errichtung einer Pockenimpfanstalt in Kopenhagen zur Intensivierung der Inokulation
und
einer
Quarantäneanstalt
am
gleichen
Ort
zur
Vermeidung
der
Seucheneinschleppung aus fremden Häfen, Bekämpfung der Kurpfuscherei,
Fertigstellung einer dänischen Pharmakopöe, Gründung einer tierärztlichen Hochschule
in Christianshafen, Verbot des Sklavenhandels in den überseeischen dänischen
Kolonien (auf den Karibikinseln St. Thomas, St. Croix und St. Jan), Einsetzung des
Stadtphysikus von Kopenhagen als erstem Beigeordneten des Bürgermeisters für
städtehygienische Maßnahmen zur Vermeidung einer Boden-, Wasser- und
Luft-Verseuchung, Reinhaltung und Beleuchtung der Straßen, Numerierung der Häuser
usw. usf.
Mit seinen Reformen, die nach seinem Sturz zum großen Teil wieder abgeschafft
wurden, hatte Struensee auf unblutige Weise wichtige Maßnahmen der Französischen
Revolution vorweggenommen. Seine gesetzgeberische Reformtätigkeit kommt einem
wie eine sich atemlos steigernde und j äh abbrechende Fuge vor, deren meiste Themen
allerdings schon während des kaum beachteten zehnjährigen Präludiums in Altona
administrativ oder publizistisch angeklungen waren. Was Benedetto Croce einmal von
Leonardo da Vinci sagte, trifft auch für Struensee zu: “Wie ein Simultan-Schachspieler
ging er, von innerer Unrast getrieben, umher, um da und dort einen Zug zu machen, von
denen so mancher wie eine Offenbarung wirkte, mußte dann aber die fast schon
gewonnenen Partien mitten im Spiel abbrechen und stehen lassen." (100)
Hätte sich Struensee mit seinen Erlassen direkt an das Volk, dem er doch helfen wollte,
gewandt, wäre er in der Lage gewesen, sich auf breiter Basis einen Rückhalt zu
schaffen. Doch infolge seiner deutschsprachigen Erlasse blieb er dem Volke fremd und
ermöglichte es seinen Gegnern, mit Hilfe der “entfesselten Presse" ihn als “Verächter
der dänischen Sprache" zu verteufeln. Dabei diente Deutsch in Dänemark schon seit
der Mitte des 17. Jahrhunderts als Amtssprache. Deutsch war damals die
Kommandosprache im Heer, deutsch die Geschäftssprache in den Kammern. Da man
auch bei Hofe deutsch sprach, mußte sogar bei der Aufführung Holbergscher Komödien
in der Hofloge des königlichen Theaters eine deutsche Übersetzung vorliegen. Es ist
kennzeichnend, daß von der Hand Bernstorffs, der vor Struensee über zwanzig Jahre
die Geschicke Dänemarks lenkte, auch nicht eine einzige Zeile in der Landessprache
existiert (101). Die Gepflogenheit, Verordnungen in deutscher Sprache auszustellen, fiel
bei Struensee nur deshalb so peinlich auf, weil er in den anderthalb Jahren seiner
Amtszeit fast täglich drei und mehr Kabinettsordern erließ und diese in ihrer Auswirkung
für die einst tonangebenden adligen und orthodoxen Kreise alles andere als angenehm
waren. Obwohl Struensee den hohen Adel, der zum großen Teil deutsch war,
keineswegs protegierte, gelang es seinen Feinden den lange vor seiner Ankunft latent
angestauten Deutschenhaß der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Kreise
Kopenhagens auf ihn, ihren neu geadelten Kontrahenten, abzulenken, indem sie ihn,
einen enzyklopädisch gebildeten Geist mit weltbürgerlich-humanitären Idealen, zum
“Dänenfeind" stempelten (102). Diese absurde Behauptung vermag ein einziges
Beispiel zu widerlegen: Bei der schon längst als notwendig empfundenen Reform des
Kopenhagener Universitätsunterrichts ließ Struensee, wie bereits erwähnt, statt des
üblichen Lateins gerade das Dänische als Sprache des Lehrvortrages einführen.
In Wirklichkeit war Struensee ebenso wie auch die anderen großen Deutschen jener
Zeit (Lessing, Wieland, Herder und Goethe) kein Chauvinist, sondern in seiner ganzen
Bildung weltbürgerlich und gehörte mit ihnen zu den “besten Europäern", die es je
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26
gegeben hat. Goethes Erklärung, warum er während der Freiheitskriege keine
antifranzösischen Lieder schreiben konnte, gehört zu den edelsten Offenbarungen
dieser geistigen Haltung: “Wie hätte ich nun Lieder des Hasses schreiben können ohne
Haß! ", sagte er am 14. März 1830 zu Eckermann. “Wie hätte ich, dem nur Kultur und
Barbarei Dinge von Bedeutung sind, eine Nation hassen können, die zu den
kultiviertesten der Erde gehört und der ich einen so großen Teil meiner eigenen Bildung
verdanke! Überhaupt ist es mit dem Nationalhaß ein eigenes Ding. Auf den untersten
Stufen der Kultur werden Sie ihn immer am stärksten und am heftigsten finden. Es gibt
aber eine Stufe, wo er ganz verschwindet und wo man gewissermaßen über den
Nationen steht und man Glück oder Wehe seines Nachbarvolkes empfindet, als wäre es
dem eigenen begegnet." Ähnlich empfand auch Struensee, der mit seinen
Reformen - zunächst unter Deutschen (in Altona und Holstein) und dann auch in
Dänemark dem Volke helfen wollte und dafür auf dem Schafott sterben mußte.
Der französische Moralist Chamfort (1741-1794), der Struensee 1768 in Paris als
Reisearzt des jungen Dänenkönigs kennengelernt hatte und vom Wahnsinn seines
Souveräns nichts ahnte, präzisierte seine Enttäuschung nach der Hinrichtung des
großen Reformers in einer rhetorischen Frage, deren trauriger Wahrheitsgehalt sich
auch nach mehr als zweihundert Jahren um keinen Deut vermindert hat: “Wenn man
bedenkt, daß dreißig bis vierzig Jahrhunderte Arbeit und Aufklärung zu nichts geführt
haben, als daß dreihundert Millionen Menschen auf der Erde zum größten Teil
einfältigen Despoten ausgeliefert sind, von denen wieder jeder einzelne von drei oder
vier mitunter stupiden Schurken beherrscht wird - was soll man dann von der
Menschheit denken, was in Zukunft von ihr erwarten?" (103)
Struensee ist ein tragisches Beispiel dafür, daß ein Genie, mag es noch so
hervorragend sein, nur dann zur Wirkung gelangt, wenn - um mit Hegel zu
sprechen - “die Zeit reif ist und die Umwelt sich in einer Entwicklung befindet, die der
welthistorischen Persönlichkeit die Gelegenheit bietet, ihr Wollen in die Tat
umzusetzen." (104)
______________________________________________________________________
Anmerkungen und Schlußbemerkungen auf Seiten 28ff
ANMERKUNGEN
(1)
Johann Friedrich Struensee, Versuch von der Natur der Vehseuche und der Art, sie zu
heilen. Schleswig-Hollsteinische Anzeigen. Glückstadt 1764, Stück 7, Sp. 97-108.
(2)
Struensee (wie Anm. 1) Sp. 108. - Mit seiner Erwägung, “die Einpfropfung könne dieser
Viehseuche nützlich sein, zumal ein Tier, so sie einmal überstanden, solche nicht
widerbekommt", hat Struensee mit seherischem Scharfblick die erfolgversprechendste
Art der Prophylaxe bei der Maul- und Klauenseuche angedeutet, die erst 180 Jahre
später ernsthaft in Angriff genommen wurde: die aktive Immunisierung. Aus der gleichen
Arbeit konnte ich ersehen, daß Struensee es nicht unter seiner Würde fand, verendete
Rinder und Pferde zu sezieren, was bis dahin nur Schinder und Metzger getan
hatten. - So wurden z. B. im benachbarten Hamburg noch 11 Jahre später “bei einer
bedrohlichen, in der Umgegend herrschenden Viehseuche" - wie aus einem
26
27
Bürgermeisterprotokoll von 1775 hervorgeht - “für die veterinaerpolizeiliche Aufsicht
zwei Schlachter aus Eppendorf in Eid genommen".
(3)
Stefan Winkle, Struensee und die Publizistik. (Beiträge zur Geschichte Hamburgs, Bd.
19), Hamburg 1892. - Im Altonaer Stadtarchiv fand ich seinerzeit auch Struensees
Privatbibliothek, die er nach seiner unerwarteten Berufung als königlicher Reisearzt
Anfang Juni 1768 bei dem Altonaer Apotheker Nebelung hinterließ, mit dessen Tochter
er verlobt war. Darunter befanden sich nicht nur medizinische Werke, sondern auch
Schriften von Montaigne, La Rochefoucauld, Voltaire, Rousseau, d'Alembert, Diderot,
Swift, Rabener und Liscow. Aus Anstreichungen und Randbemerkungen in diesen
Büchern konnte man entnehmen, was Struensee interessierte und wie er darüber
dachte, was für mich sehr aufschlußreich war. - Von seinen vielen medizinischen
Büchern, die ich in Altona fand, möchte ich nur das bedeutende Seuchenbuch von
Fracastoro: De contagione et contagiosis morbis eorumque curatione libri III. Venet.
1546 erwähnen. Struensee hatte auf dem Umschlag handschriftlich nur den gekürzten
Titel: “De morbis contagiosis" vermerkt. In der 1772 in Kopenhagen gedruckten
Versteigerungsliste von dem bescheidenen Nachlaß des hingerichteten Struensee
wurden namentlich 241 philosophische und medizinische Werke aus seiner dortigen
Bibliothek angeboten. Unter Nr. 47 fand ich abermals den Titel “De morbis contagiosis".
Er hatte es sich in Kopenhagen neu besorgt!
(3a)
Wie wenig man jedoch darüber wußte, was Struensee während seines zehnjährigen
Wirkens in Altona als Arzt eigentlich getan und geleistet hat, geht aus dem
abschätzigen Satz in Schlössers Dissertation hervor, mit dem er die Berufung des
jungen Physikus im April 1768 zum königlichen Reisearzt als die entscheidende Zäsur
in dessen Laufbahn kennzeichnet. “Was im Leben dieses Mannes vor dem genannten
Zeitpunkt liegt, beschattet das Dunkel der Alltäglichkeit" (Rainer Schlösser, Struensee in
der deutschen Literatur, Altona 1931, S. 1). Schlösser, der 1933 Reichsdramaturg
wurde, hat, wie ich von dem Stadtarchivar Dr. Paul Th. Hoffmann erfuhr, über zwei
Jahre an seiner Dissertation am Altonaer Stadtarchiv gearbeitet! Hoffmanns knapper
Kommentar: “Der hat eben von Seuchenmedizin nichts verstanden."
(4)
Stefan Winkle, Johann Friedrich Struensee. Arzt, Aufklärer und Staatsmann. - Beitrag
zur Kultur-, Medizin- und Seuchengeschichte der Aufklärungszeit. 658 Seiten. Gustav
Fischer, Stuttgart 1983. 2. Aufl. 1989.
(5)
J. Fr. Struensee, Gedanken eines Arztes vom Aberglauben und der Quacksalberey.
Gemeinnütziges Magazin 1760 (ohne Angabe des Erscheinungsortes), Stück II, S. 82.
(6)
J. Storch, Theoretische und praktische Abhandlungen von Kinderkrankheiten. Eisenach
1751, Bd. 4, S. 138. -Besonders schlimm waren die Zustände im Potsdamer großen
Militärwaisenhaus, das einst vom Soldatenkönig - vor allem für die unehelichen Kinder
seiner Grenadiere - gegründet worden war. Süßmilch, der einstige Feldprediger
Friedrichs des Großen, schrieb gewissermaßen zur Rechtfertigung der dortigen
Zustände in seinem medizinalstatistischen Standardwerk: “Ich habe mir sagen lassen,
daß die Krätze im Pariser Findel- und Waisenhaus ihren ewigen Sitz aufgeschlagen
habe." J. P. Süßmilch, Die göttliche Ordnung in den Veränderungen des menschlichen
27
28
Geschlechtes. 3. Aufl. Berlin 1765, Bd. I, S. 113. - Auch dieses Buch befand sich in
Struensees Altonaer Privatbibliothek.
(7)
Auch im benachbarten Hamburg waren die Verhältnisse nicht besser. Noch 1789
berichtet Krunitz, daß im dortigen “Pesthof" (der zwar seit der Epidemie im Jahre 1713
keine Pestkranken mehr beherbergte) “falls jemand zu später Stunde starb, dieser bis
zum Morgen in seinem Bett blieb", und “in diesem Fall muß der Lebendige, der an
demselben Bette Theil hat, entweder die ganze Nacht an der Seite des Toten liegen
oder aufsitzen". (Ökonomischtechnologische Enzyklopädie. Hrsg. von dem Arzt Joh. G.
Krunitz (17731798), Teil 47, S. 567 f.). Erst um 1770 erfolgte eine Absonderung der
ansteckenden Fieberkranken von den übrigen Insassen des Pesthofes.Im “Pesthof", der
mit 800-1000, zeitweise mit 1100 Personen belegt war, war die Luft in allen Sälen durch
Nachtstühle verpestet, und da der ganze Gebäudekomplex von einem Graben umgeben
war, in den sich sämtliche übelriechenden Abwässer entleerten, gewann man nichts,
wenn die Saalfenster geöffnet wurden.
(8)
Altonaer Stadtarchiv, Abt. 36. KI.B.l. 12 fol. 18. (am 25. Juli 1943 verbrannt). - Von
Anfang an war Struensee bemüht, die ihm anvertraute Institution aus einem “Hort der
Caritas" in ein “Krankenhaus" umzugestalten, in das statt Sieche und Unheilbare,
Kranke aufgenommen und behandelt werden sollten. Dabei berief er sich auf den
Grundsatz des großen Sydenham: “Aegrorum nemo a me alias tractatus est, quarr
egomet tractari toperem, si mihi ex iisdem morbis aegrotare contigeret." (“Niemand ist
anders von mir behandelt worden, als ich behandelt sein möchte, wenn ich dieselbe
Krankheit bekäme.") So forderte er u.a., die Kranken sollten vor der Aufnahme im
Lazarett nicht nur “gewaschen und gesalbt", sondern auch mit sauberer Leib- und
Bettwäsche versehen werden. Das Gleiche gelte auch für die Kinder im Waisenhaus.
(9)
Struensee, Gedanken eines Arztes vom Aberglauben (wie Anm. 5), S. 82. - Es ist gewiß
kein Zufall, daß Struensee gerade in seiner Abhandlung “Vom Aberglauben und der
Quaeksalberey" der Krätze einen so breiten Raum gewidmet hat, denn was über ihre
Ätiologie in den verschiedensten Köpfen herumspukte, war purer Aberglaube und was
therapeutisch unternommen wurde, nichts weiter als Quacksalberei.
(10)
Von unvernünftigen Curen der Krankheiten des gemeinen Mannes. “Der Arzt", Hamburg
1759. Zweyter Theil, 54. Stück, S. 294-295. - Wie allgemein dieses Vorurteil war,
beweist auch eine Notiz Lichtenbergs, der sich zunächst für die Französische
Revolution begeisterte, dann aber unter dem Eindruck des einsetzenden Terrors die
Meinung vertrat, Frankreich sei toll geworden, “teils von verdorbenen Säften her und
teils von den Heilmitteln, die man ihm verordnete, ohne die Krankheit gehörig untersucht
zu haben. Man hat Exempel, daß Leute von einer übel behandelten Krätze toll
geworden sind" (Paul Wiegler, Geschichte der deutschen Literatur, Berlin 1930, Bd. 1,
S. 490).
(11)
28
29
Da die Pocken in den vergangenen Jahrhunderten so allgemein verbreitet waren wie
noch unlängst die Masern, hielten viele Ärzte das Pockenexanthem für einen
erforderlichen physiologischen Läuterungsprozeß, den jeder Mensch einmal
durchmachen müsse, um aus seinen Säften die materia peccans zu eliminieren. Noch
1812 vertrat der angesehene Jenenser Kliniker Kieser (in seinen Vorlesungen über
allgemeine Pathologie und Therapie) die Ansicht, daß Pocken-, Masern- und
Scharlach-Exantheme “normale Entwicklungsvorgänge beim Kind" darstellten. Deshalb
sei es “verwerflich", wenn man durch Impfung oder sonstige Maßnahmen “den
Ausschlag zu verhindern oder unterdrücken" versucht, da er in solchen Fällen
“zurückschlagen" und zu schweren “inneren Störungen" führen könnte.
(12)
Spezielle Nosologie und Therapie, nach dem System eines berühmten deutschen
Arztes, hrsg. von Reinhard, Würzburg 1834-1836. - In einem Gespräch auf St. Helena,
das Napoleons Generaladjutant Gourgaud in seinem Tagebuch unter dem 28. Januar
1817 notiert hat, berichtete der Kaiser mit beißendem Sarkasmus über eine ähnliche
Erfahrung: “Wirklich, eine schöne Sache, die Medizin! In Wien (1809) hatte ich am Hals
eine juckende Flechte, die mir viele Beschwerden machte. Ich ließ Johann Peter Frank
kommen. Er versicherte mir, es sei gefährlich, die Flechte zu vertreiben, weil sie nach
innen schlagen könnte; der Kurfürst von Trier sei infolge einer solchen Krankheit
wahnsinnig geworden. Ich wartete, bis Corvisart (sein Leibarzt) kam. Er sagte mir:
“Was? Bloß darum lassen Eure Majestät mich von Paris kommen? Ein bißchen
Schwefel und die Flechte ist verschwunden. Und tatsächlich war ich in einigen Tagen
vollkommen geheilt (Gaspard Gourgaud, Sainte Hélène. Journal inédit de 1815 à 1818.
Paris 1899. Hrsg. von Grouchy u. Guillois).
(13)
Struensee Von der Einpfropfung der Blattern. Schleswig-Hollsteinische Anzeigen 1763,
Stück 40, Seite 652 f.
(14)
Struensee, Gedanken eines Arztes von der Entvölkerung eines Landes. Monatsschrift
zum Nutzen und Vergnügen. Hamburg 1763, Stück I, S. 14.
(15)
Goethe, Dichtung und Wahrheit, 1. Teil, 1. Buch.
(16)
Struensee, Von den Blattern und der Blattern-Einpfropfung. Gemeinnütziges Magazin
1760, Stück III, S. 164-165.
(17)
Struensee, Von den Blattern (wie Anm. 16), S. 165. - Heute ahnt man kaum, wieviel
Menschen damals von den Pocken gezeichnet und für ihr Leben entstellt waren. Die
Bilder der Fürsten und Vornehmen aus jener Zeit in unseren Schlössern und Museen
sind nur allzuoft von den Malern idealisiert worden, so daß ihr in Wirklichkeit
pockennarbiges Gesicht makellos erscheint. Wer weiß schon heute, daß Gluck, Haydn,
Mozart und Beethoven pockennarbig waren? In Steckbriefen aus der 2. Hälfte des 18.
29
30
Jahrhdts. wurde noch als besonderes Kennzeichen angegeben, daß der Flüchtige “nicht
pockennarbig" sei.
(18)
Struensee, Von den Blattern (wie Anm. 16), S. 183. - 34 Jahre später (1794) hat
Struensees Freund und Kollege aus Hamburg, Dr. Reimarus, in der Vorrede zu einem
Pesttraktat den “Seuchenstoff" so charakterisiert: Das Merkzeichen, welches den
Seuchenstoff von eigentlichen Giften auszeichnet, finde ich darin, daß sich die durch ihn
erregte Krankheit im lebendigen Körper von einem zum andern fortpflanzt. Ich vermuthe
daher, daß er (d. h. der Seuchenstoff) eine Art von feinem, lebendigen und sich
vermehrenden Wesen ist." (“Herrn von Antrechauxs merkwürdige Nachrichten von der
Pest in Toulon, übersetzt und herausgegeben von Baron Knigge. Hamburg 1794, S. 31,
32.
(19)
Struensee, Von den Blattern (wie Anm. 16), S. 185.
(20)
ebenda.
(21)
Struensee, Anmerkungen über die Gifte und ihre Arzneikräfte. Schleswig-Hollsteinische
Anzeigen, Glückstadt 1764, Stück 43, Sp. 685. - Die für seine Zeit verblüffend modern
anmutenden kontagionistischen Ansichten Struensees sind zweifellos durch die bereits
um die Mitte des 17. Jhdts. einsetzende “Mikroskopierleidenschaft" bedingt, von der
sogar sein Großvater mütterlicherseits, Dr. Johann Samuel Carl, nicht ganz verschont
blieb. Dieser bedeutende Arzt, der als Lieblingsschüler des mit Leibniz
korrespondierenden Hallenser Klinikers Ernst Stahl (1660-1734) galt, vollendete 1699
unter dessen Anleitung seine wertvolle Inauguraldissertation “Decorum medici". Darin
beklagt er den Mangel an Krankenhäusern in Deutschland und verlangt zugleich, daß
diese durch Angliederung von anatomischen Theatern, botanischen Gärten,
chemischen
Laboratorien
und
sonstigen
wissenschaftlichen
Einrichtungen
vervollkommnet, der ärztlichen Ausbildung dienen sollten. Dies war ganz im Sinne von
Leibniz, der sich seit seiner frühen Jugend der Bedeutung des Mikroskops für die
medizinische Diagnostik bewußt war und daher dessen Anwendung für alle
Untersuchungen des Harnes, des Blutes, des Speichels und “der anderen liquorum"
forderte: “weil solches wird tausenderley Dinge entdecken machen, wird man in kurzer
Zeit zu solchen Resultaten kommen, so alle bisherigen übertreffen" (Leibniz, Directiones
ad rem medicam pertinentes. Hss. der Staatsbibliothek Hannover med.I.3).
(22)
Aus der Familie Gerson sind in Altona und Hamburg über mehrere Generationen
hinweg tüchtige Ärzte hervorgegangen. In den beiden Nachbarstädten sprach man
daher scherzhaft vom “Stamm der Gersoniden". Der Hamburger Physikus Dr. Gernet
veröffentlichte in seinen“ Mitteilungen aus der älteren Medicingeschichte Hamburgs"
(Hamburg 1869, S. 316) sogar einen kurzen Stammbaum der Gersoniden. Auch der
erste Ordinarius für Venerologie und Dermatologie an der Hamburger Universität, Paul
Gerson Unna (1850-1929) gehörte zu dieser ärztlichen Familie.
(22a)
Die Variolation, die den Effekt der “Infektionsübertragung" unbestreitbar erkennen ließ,
machte Struensee bereits zu Beginn seines Physikats zum überzeugten Kontagionisten.
30
31
(23)
Struensee, Von der Einpfropfung (wie Anm. 13), S. 651-652.
(24)
Struensee, Von den Blattern (wie Anm. 16), S. 186. - Genau 40 Jahre später äußerte
der Arzt und Entomologe Jördens in Zusammenhang mit der Stubenfliege den gleichen
Verdacht: “In der Pockenkrankheit sieht man sie zur Zeit der Abtrocknung beständig auf
den stinkenden Blattern und Krusten herumirren und das Blattergift einsaugen.
Unaufhaltbar durch alle Absonderungsmittel und Pockenhäuser wird also das Blattergift,
blos durch die Stubenfliege, in ganz entfernte Gegenden verpflanzt, und dadurch
erklärbar, wie Personen, die oft ganz abgesondert wohnen, auf einmal ganz unerwartet
die Pocken bekommen können" (Johann Heinrich Jördens, Entomologie und
Helminthologie. Hof 1801, 1. Bd. 1, S. 154).
(25)
Struensee, Von den Blattern (wie Anm. 16), S. 184.
(26)
1769 schrieb Amtmann Jobst Böse in den Göttinger “Allgemeinen Unterhaltungen", daß
sich in seiner Heimat (wahrscheinlich Holstein) solche Leute, die einmal Kuhpocken
gehabt haben, “gänzlich schmeicheln, vor aller Ansteckung von unseren gewöhnlichen
Blattern gesichert zu seyn." Der “Wandsbeker Bote" von Matthias Claudius berichtet,
daß 1787 der Pächter Jensen auf Bockhorst bei Neumünster in Holstein fünf seiner
sechs Kinder gemäß einer Familientradition mit Kuhpocken geimpft habe. Das sechste
Kind, das bei der Impfung gerade nicht zu Hause gewesen war, erkrankte später an
echten Pocken, steckte aber seine fünf geimpften Geschwister nicht an.
(27)
Struensee, Von den Blattern (wie Anm. 16), S. 189. - Nicht umsonst heißt es in Goethes
“Zahmen Xenien": “Die Krankheit ist ein Kapital, wer wollte das vermindern?"
(28)
M. Schian, Über Prediger und die Medizin, Leipzig 1905, S. 63. - Besonderes Aufsehen
erregte Struensees Entschluß, 1758 “alle noch nicht gepockten Waisenkinder zu
belzen".
(29)
J. Ch. W. Juncker, Archiv der Ärzte und Seelsorger wider die Pockennoth. 7 Bände.
Leipzig 1796-1798.
(30)
Struensee “Kurze Anweisung, wie man sich bey dem seit einiger Zeit im Schwange
gehenden hitzigen Fieber zu verhalten hat" befindet sich im Schleswig-Holsteinischen
Landesarchiv (Abt. 172, Nr. 553, fol. 5-11).
(31)
Struensee, Von den hitzigen Fiebern und wie man sich bey ihnen zu verhalten hat.
Gemeinnütziges Magazin 1761, Stück 1, S. 28. - Zwei erfahrene Seuchenhygieniker, die
das Fleckfieber bereits während des Ersten Weltkrieges in Anatolien kennengelernt
hatten, erklärten noch 1942: “Nehmen wir täglich Abwaschungen des Körpers vor, und
leeren wir täglich den oft trägen Darm, so haben wir auch alles versucht, einen
31
32
Menschen dem Fleckfiebertod zu entreißen" (H. Zeiß und E. Rodenwaldt, Einführung in
die Hygiene und Seuchenlehre. Stuttgart 1942, 4. Aufl. S. 250).
(32)
Struensee, Von den hitzigen Fiebern (wie Anm. 31), S. 29.
(33)
“Gedanken eines Arztes vom Aberglauben", (wie Anm. 5), S. 85. - Auch Pastor
Süßmilch (der Pionier der Seuchenstatistik) berichtet vom plötzlichen Auftauchen der
Diphtherie während des Siebenjährigen Krieges: “Dieses Übel zeigte sich im Jahre 1758
und 1759 auch hier in Berlin an Kindern, deren Eltern wegen der russischen Invasion
hierher geflüchtet waren. Ich habe einen Auszug aus dem Kirchenbuch zu Messow,
nicht weit von Crossen, gemacht. Innerhalb eines Jahres sind in einer einzigen
Landparochie siebenundfünfzig Kinder daran gestorben ... Der böse Hals allein hat also
in einem Jahr ohngefehr den zwanzigsten Theil der Einwohner weggerafft. Man
schließe von dieser Dorfpfarre auf andere, so wird man leicht urtheilen, daß es vielleicht
mehr als Tausenden das Leben gekostet ..." (Süßmilch, Die göttliche Ordnung. Berlin
1763, 3. Aufl., I. Teil, S. 528 ff.).
(34)
Gedanken eines Arztes vom Aberglauben (wie Anm. 5), S. 85. - Diese Schilderung
erschien 16 Jahre später wortwörtlich ohne Quellenangabe in “Unzers medicinisches
Handbuch" (Leipzig 1776, S. 234 f). - Als es 1764 in Frankfurt a. M. zu einer “Cynanche
trachealis" genannten DiphtherieEpidemie kam, der auch Dr. von Bergens 6. Tochter
zum Opfer fiel, ließ der Vater das vor ihrem Tode ausgehustete pseudomembranöse
Röhrchen samt Verzweigungen in Kupfer stechen und seiner Krankheitsbeschreibung
beifügen.
(35)
Der Talmud und die Arzneykunde. - Gemeinnütziges Magazin 1761, Stück II, S.
103. - Beiläufig erwähnt Gerson, der die Nachfahren vieler einst aus Spanien nach
Holland geflohener Glaubensgenossen kannte, daß die brandige Halsbräune" aufder
iberischen Halbinsel “Garottillo" hieße, nach der “Garotte", dem Halseisen, womit dort
die Todesstrafe durch Erdrosseln vollstreckt wurde.
(36)
Der Talmud und die Arzneykunde (wie Anm. 35), S. 105. - Dieses rituelle Speisegebot
wurde aus z. Mos. 25, 3. und 5. Mose 14, 21 (“Du sollst das Böcklein nicht in der Milch
seiner Mutter kochen") abgeleitet, wo der Genuß von Mischgerichten aus Fleisch und
Milchprodukten verboten wird. Daher waren für den rituell geführten Haushalt zweierlei
Töpfe, Geschirr und Bestecke erforderlich, streng getrennt für Fleisch- und
Milchgerichte.
(37)
Gedanken eines Arztes vom Aberglauben (wie Anm.5), S. 85. Dadurch entfielen den
Betroffenen die sich aus häufigen Beerdigungen ergebenden wichtigen
Nebeneinnahmen. So beklagte sich z. B. einst aus Leipzig Johann Sebastian Bach in
einem Brief vom 18. Oktober 1730 an seinen Jugendfreund, den “kaiserlich-russischen
Agenten zu Danzig", Georg Erdmann: “Meine itzige Station beläufet sich auf etwa 700
Thaler, und wenn es etwas mehrere als ordinairement Leichen gibt, so steigen auch
32
33
nach Proportion di accidentia; ist aber eine gesunde Lufft, so fehlen hingegen auch
solche, wie denn voriges Jahr (1729) an ordinairen Leichen accidentia über 100 Thaler
Einbuße gehabt` (Johann Sebastian Bachs Briefe !Gesamtausgabe], Hrsg. v. Hedwig
N.E.H. Müller von Asow. Regensburg 1950, S. 119.
(38)
Dabei erfuhr Struensee, daß Hartog Gerson der Enkel eines Amsterdamer Talmudisten
war. Sein Vater David Gerson ließ sich nach beendetem Medizinstudium in Utrecht
(1734) zuerst in Hamburg und dann in Altona nieder, wo er als heimlicher Spinozist mit
seinem Gesinnungsgenossen Dr. Gottfried Polykarp Kuhnard befreundet war. Hartog
Gerson war zwölf Jahre alt, als der aus dem Kerker entflohene heimliche Spinozist
Johann Lorenz Schmidt unter dem falschen Namen Schröder in seinem Elternhaus
Unterschlupf fand und dort 1742 Spinozas ,Ethik" zum ersten Mal ins Deutsche
übersetzte. (Näheres hierüber in: Stefan Winkle, Johann Friedrich Struensee und das
Judentum. Aus: Jahrbuch des Instituts für Deutsche Geschichte an der Universität
Tel-Aviv. Bd. XV, 1986, S. 55 ff. -Stefan Winkle, die heimlichen Spinozisten in Altona
und der Spinozastreit. Beiträge zur Geschichte Hamburgs. Bd. 34, Hamburg 1988, S. 57
ff.
(39)
J. Fr. Struensee, Vom Ruhrgang und dem Faulfieber. Gemeinnütziges Magazin 1761,
Stück II, S. 95. -Struensees zahlreiche medizinische Abhandlungen waren Vorstufen zu
dieser geplanten, infolge seiner Berufung nach Kopenhagen jedoch nicht mehr
fertiggestellten medizinischen Topographie.
(40)
Auch Stockholm und Amsterdam galten mit den stagnierenden Gewässern ihrer Kanäle
als Brutstätten des Typhus, und in Venedig kam noch die Malaria hinzu. Ein großer Teil
des Hamburger Kanalnetzes wurde nach dem großen Brand 1842 im Zuge der
Aufbau- und Sanierungsarbeiten mit dem Schutt zugeschüttet. Mit weiteren Fleeten
geschah das gleiche infolge der Zerstörungen während des 2. Weltkrieges,
insbesondere durch die Juli-Katastrophe von 1943 (“Unternehmen Gomorrha°).
(41)
“Die Fleete", berichtet der Hamburger Physikus Rambach noch 1801, “nehmen aus
Gassen und Häusern eine Menge Unreinigkeiten auf . . . Wer an einem Fleete wohnt,
darf es ungescheut zum Rezipienten seiner tierischen Ausleerungen machen und das
thut auch ein jeder" (J. J. Rambach, Versuch einer physisch-medizinischen
Beschreibung von Hamburg. Hamburg 1801, S. 48.) - Nach Rambach zogen die
Hamburger das Fleetwasser dem besten Brunnenwasser vor: “Manche trinken sogar
das in den Kanälen stehende Elbwasser, besonders aus denen, wo es sich mit dem
Alsterwasser mischt, sehr gern, und finden trotz seiner mannigfaltigen Verunreinigung
viel Geschmack daran. Zum Kochen und Brauen gebrauchen die Hamburger es ohne
allen Ekel" (ebenda, S. 128). -Spöttelnd pflegte man darauf hinzuweisen, daß das im
Mittelalter so berühmte Hamburger Bier, das zu den begehrtesten Ausfuhrartikeln der
Hanse gehörte, seinen “unnachahmlichen Wohlgeschmack" einst direkt der
“spezifischen Beschaffenheit des Fleetwassers" verdankte. Die Vorliebe der Brauer für
dieses Wasser war auf dessen geringere Härte zurückzuführen, die eine leichtere
Herstellung obergäriger Biere ermöglichte. Noch 1783 wetterte Johann Peter Frank
gegen die Unsitte der Bierbrauer, hartes Wasser durch Beimischung von Kuhmist weich
zu machen (J. P. Frank, System einer vollständigen medicinisohen Polizey, 3. Bd., 2.
Teil, Mannheim 1783).
33
34
(42)
Die liebevolle und rührende Heimatpflege schuf aus einem imbezillen Vertreter der
Wasserträgergilde, den die Straßenjungen wegen seiner brummigen Wesensart mit
dem Ruf “Hummel, Hummel!" zu hänseln pflegten, eine symbolische Gestalt, dessen
Spitzname heute überall in der Welt instinktiv die Gedankenassoziation mit Hamburg
auslöst.
(43)
Struensee, Vom Ruhrgang (wie Anm. 39), S. 95. - Die gleiche Meinung vertrat vier
Jahrzehnte später auch Rambach: “In Hinsicht auf die Gesundheit", versicherte er,
“steht Hamburg fast überall in einem übeln Ruf . . . Die vorzüglichsten Gründe, warum
diese Meinung so allgemein ist, sind ... die Fleete und die elende Bauart unsrer Gassen
... Sehr viele Fremde werden in den ersten Wochen ihres Aufenthaltes krank ... Eine Art
dieses Übelbefindens ist besonders häufig und wird von den Handwerksburschen
die,Hamburger Krankheit' genannt. Ich habe sie bei solchen Ankömmlingen mehrmals
beobachtet. Sie besteht in einem Fieber, dazu kömmt in den allermeisten Fällen ein
Durchfall und ein unleidliches Kopfweh. Die Ursache dieses Übels scheint aber nicht in
unserer Luft, sondern vielmehr in unserem Wasser zu liegen..." (Rambach [wie Anm.
41], S. 282-283).
(44)
Struensee hat als Pastorensohn mehr als andere das Lutherwort befolgt und dem Volk
aufs Maul geschaut. Bei der Lektüre von Struensees Seuchenberichten, Denkschriften
und Veröffentlichungen war ich immer wieder verblüfft über die vielen genau
beobachteten Details, die von anderen übersehen wurden. Ich mußte an Goethes
Mutter (die Frau Rath) denken, die von ihrem Sprößling einmal sagte: “Wenn mein Sohn
Wolfgang von Frankfurt über den Main nach Sachsenhausen geht, erlebt und bemerkt
er mehr, als wenn ein anderer eine große Reise macht."
(44a)
Struensee, Vom Ruhrgang (wie Anm. 39), S. 99. - Struensee, Von den Blattern (wie
Anm. 16), S. 186, s. Anm. 24.
(45)
Jonathan Swift, Gullivers Travels, London 1726. z. Buch, 3. Kap.
(45a)
“Gedanken eines Arztes über die Entvölkerung eines Landes". Monatsschrift zum
Nutzen und Vergnügen, Hamburg 1763, Stück I, S. 18.
(46)
Struensee, Von der Lustseuche und was dagegen zu thuen sey, Gemeinnütziges
Magazin 1761, Stück III, S. 185. - Der Alkoholismus spielte damals in der Epidemiologie
der Lues eine ähnliche Rolle wie heute die Drogensucht bei der Verbreitung von AIDS.
(47)
Struensee, Von der Lustseuche (wie Anm. 46), S. 185. Als Armenarzt wußte Struensee
nur zu gut, daß der Rausch für viele eine vorübergehende Flucht aus der
Hoffnungslosigkeit des grauen Alltags ist, “ein Schluck aus der Lethe, um zu
vergessen”.
(48)
Struensee, Von der Lustseuche (wie Anm. 461, S. 185.
34
35
(49)
Struensee, Von der Lustseuche (wie Anm. 46), S. 174. Den Terminus “Tripper" prägte
1711 Stranitzky aus der früheren altertümlichen Bezeichnung “Trüpfer", die noch den
Begriff des Tröpfelns enthält. - Den Begriff des Tropfens findet man auch noch im
französischen Vulgärnamen ja goutte militaire", der zugleich die weite Verbreitung beim
Militär erkennen läßt. Die Bezeichnung “chaude-pisse" deutet auf das Brennen der
Harnröhre beim Urinieren.
(50)
Struensee, Von der Lustseuche (wie Anm. 46), S. 174. Fast die gleichen Sätze kommen
einundzwanzig Jahre später in Johann August Unzers “Einleitung zur allgemeinen
Pathologie der ansteckenden Krankheiten" (Leipzig 1782, S. 79) vor. Doch wirken die
Ausführungen
dieses
alten
Plagiators
gegenüber
Struensees
eindeutig
kontagionistischen Ansichten recht verworren, zumal er die Entstehung der
ansteckenden Materie, die er Miasma nennt, noch ganz im humoralpathologischen
Sinne auf eine Säfteverderbnis zurückführt.
(50a)
Eine Prophylaxe der Geschlechtskrankheiten wurde erst in der bakteriologischen Ära
mit Hilfe des Erreger- oder Antikörpernachweises möglich.
(51)
Als man z. B. 1770 den Berliner Chirurgen Joachim Friedrich Henckel dazu “beorderte",
die Behandlung der Geschlechtskranken in der Charité zu übernehmen, versuchte er
vergeblich, sich dieser “Zumutung" zu entziehen, indem er auf das Medizinaldelikt
verwies, wonach es Chirurgen streng verboten sei, stark wirkende Medikamente wie
Quecksilber innerlich zu verabreichen (Charité-Akten 114 No. 1, Vol. 2, fol.
180). - Abgesehen davon, daß er der “Malice gottverdammter Huren ausgesetzt" sei,
erregte er sich vor allem darüber, daß ihn bei der so aufoktroyierten Tätigkeit ein
Oberinspektor (Habermaas) dienstlich überwachen sollte. “Ich muß mich prostituiret
sehen bey der Nachwelt", klagte er, “wenn man in einer Instruktion lesen wird, daß man
auf mich Achtung geben soll, ob ich auch 2 mahle in der Woche die Charité besuche . .
." (Charité-Akten II 4 No. 1, Vol. 2 fol. 176). - Die berüchtigten und gefürchteten
“Salivationsstuben", wo Geschlechtskranke im Rahmen einer qualvollen Quecksilberkur
“täglich bis zu 4, ja sogar 6 Pfund speicheln" mußten, befanden sich im linken Flügel
des II. Stockwerkes der damaligen Charité.
(52)
Wegen des eitrig-pustulösen Hautausschlages zu Beginn der Luespandemie
bezeichnete man in Unkenntnis des venerischen Charakters der Krankheit in
Deutschland das Übel zunächst einfach als “Blattern" oder “Pocken". Auch in England
sprach man von “pokkes" (“pocks"), in Frankreich von “la vérole", während man die
echten Pocken wegen der kleineren Pusteln “pétite vérole" nannte. Diese konfuse
Terminologie (vérole = Syphilis; petite vérole = Pocken) verleitete den französischen
Esprit oft zu recht zweideutigen Wortspielereien. Als z. B. in einem Pariser Salon erzählt
wurde, daß eine Dame der Gesellschaft an “petite vérole" erkrankt sei, bemerkte der
junge Voltaire: “Das wundert mich nicht, ich habe sie schon immer als sehr
35
36
anspruchslos gekannt." - Der Terminus “la vérole" hatte einen so anrüchigen Beiklang,
daß er sogar noch 1877 in der Gesamtauflage des Voltaireschen Oeuvres nur mit den
Anfangsbuchstaben und drei Pünktchen (v . . .) angedeutet wurde.
(52a)
Man vermutete, daß “die Pocken beim Lustsiechen", wie es noch 1670 der aus
Hamburg stammende Anatom Rollfink definierte, “ein äußerliches Zeichen innerer
Fäulnis sind", woraus sich auch die Antwort des ersten Totengräbers auf Hamlets Frage
erklärt, “wie lange wohl einer in der Erde liegen müsse, eh' er verfault": “Meiner Treu!
Wenn er nicht schon vor dem Tode verfault ist, wie wir denn heutzutage viele
lustsiechen Leichen (“many pocky corpses") haben, die kaum bis zum Hineinlegen
halten, so dauert es auch acht Jahre, bei einem Lohgerber kaum neun Jahre" (5.
Aufzug, 1. Szene).
(53)
Von der Lustseuche (wie Anm. 46), S. 179. - Bei dieser Gelegenheit besichtigte
Struensee auch den Hamburger “Pesthof", der außerhalb der Stadtmauer lag.
Besonders entsetzt war er über die “unmenschliche Behandlung" der Irren, die man dort
oft in enge Tollkoben einsperrte. Sein Fazit: “In solchen Behausungen des Grauens
kann wohl eher ein Vernünftiger zum Wahnsinn als ein Wahnsinniger zur Vernunft
gebracht werden" (Struensee, Gedanken eines Arztes vom Aberglauben, [wie Anm. 5],
S. 80).
(54)
Johann Jakob Rambach, Versuch einer physisch-medizinischen Beschreibung von
Hamburg (Hamburg 1801, S. 419-421). Mit “Strafe" meinte Rambach “Strafe Gottes".
(54a)
Es war dasselbe Milieu, das Mephisto der Witwe Schwerdtlein in Zusammenhang mit
dem Ende ihres lustsiechen Ehegatten so schilderte: “Ich stand an seinem Sterbebette.
Es war was besser als von Mist, von halb verfaultem Stroh, allein er starb als Christ ..."
(Goethe, Urfaust. 1773, Vers 805-806).
(55)
Von der Lustseuche (wie Anm. 46), S. 175.
(56)
M. Schian, Über Prediger und die Medizin. Leipzig 1905, S. 43. - Peter Hessel, der seit
1671 Prediger am Pestlazarett vor den Toren Hamburgs war, wetterte in einer seiner
Kapuzinaden auch gegen die Lues: “Was für ein Sündennest ist allein Hamburg! ... Es
kompt nicht ungleich der Stadt Sodom und Gomorrha, davon Gott der Herr sagt: Es ist
ein Geschrey zu Sodom und Gomorrha / das ist groß / und ihre Sünde ist schwer. /
Eben daß mag der gerechte Gott / auch wol über Hamburg außruffen / darin Hurerey,
Franzosen (Lues) und Mordthaten (an Neugeborenen) im vollen Schwange gehen ..."
(Peter Hessel, Hertzfliessende Betrachtungen von dem Elbe Strom. Altona 1675).
(57)
Es gab Ärzte, die sich bei der Behandlung vermögender Luetiker in der geradezu
alchimistischen Kunst übten, “Quecksilber in Gold zu verwandeln". Nicht umsonst ließ
der Regimentsmedikus Schiller in seinem Erstlingswerk den Räuber Razmann erklären:
“Ich kenne einen Dokter, der sich ein Haus aus purem Quecksilber gebauet hat" (Die
Räuber, 1. Akt, z. Szene).
36
37
(58)
So bezog z. B. der junge Voltaire (1714) in einem Couplet auf die Schauspielerin Duclos
mit tändelnder Ironie deren Krankheit samt Quecksilberkur ein: “Belle Duclos! / Vous
charmez toute la nature! / Belle Duclos, / Vous avez les dieux pour rivaux: / Et Mars
tenterait l'aventure, / s'il ne craignait le dieu Mercure / Belle Duclos!" (“Schöne Duclos!
Sie bezaubern die ganze Natur! Schöne Duclos, Sie haben die Götter zu Rivalen. Und
Mars würde sich in das Abenteuer einlassen, fürchtete er nicht Gott Merkur, schöne
Duclos!"). Voltaire, Oeuvres complètes. Garnier Frères. 1877, Bd. X. (“Poésies
mêllées"), S. 471.
(59)
Struensee, Von der Lustseuche (wie Anm. 46), S. 195. - Struensee, der kein
Verständnis dafür hatte, “wenn zwey dasselbe thuen, es nicht dasselbe sey" (“Si duo
idem faciunt, non est idem°), distanzierte sich ostentativ von der hier praktizierten
Doppelmoral. , Es ist falsch zu glauben was die einen thuen, sey Galanterie, und was
die anderen thuen, sey Unzucht. Es giebt nur eine Moral, wie es auch nur eine
Geometrie giebt ` (Von der Lustseuche ... Op. cit. S. 196).
(60)
Diese an Abstinenz grenzende Zurückhaltung hatte die sauflustige Studentenschaft
kleiner Universitätsstädte schon oft zu beschämenden Ausschreitungen gegenüber den
“Enkeln Abrahams" gereizt. So zwangen z. B. betrunkene Hallenser Studenten einen
alten Juden, sich mit Likör taufen zu lassen. Diese ruchlose Tat, einen Hilflosen in
seiner menschlichen Würde zu erniedrigen, trug vielleicht dazu bei, daß Struensee
schon als Jüngling die aus gelassenen Kneipereien mit dem Ziel, sich gegenseitig unter
den Tisch zu saufen, verabscheute.
(61)
Wozu ein Betrunkener fähig ist, verdeutlichte dem Volk der Bibel Noahs schamloses
Verhalten (1. Mose 9, 21) und Lots blutschänderisches Vergehen (1. Mose 19,32-36).
(62)
Von der Lustseuche (wie Anm. 46), S. 185. - Es ist gewiß kein Zufall, daß im Anschluß
an die Abhandlung, in der Struensee die verderbliche Rolle des Alkoholismus in der
Epidemiologie der Lustseuche besonders betont, in der gleichen Zeitschrift eine
jüdische Parabel folgt, die vermutlich von Gerson beigesteuert wurde. Ihr kurzer Inhalt:
Als Noah den Weinstock anpflanzte, kam Satan und schlachtete zunächst ein Schaf,
dann einen Löwen, ferner einen Affen, schließlich ein Schwein und tränkte jeweils mit
dem Blut die Wurzeln des Rebstockes. Daher sei der Mensch nach dem ersten Becher
Wein zahm wie ein Lamm, nach dem zweiten Becher laut, auftrumpfend und gewalttätig
wie ein Löwe, nach dem dritten geschwätzig und albern wie ein Affe und nach dem
vierten unflätig wie ein Schwein, das sich im Straßenkot wälzt (Gemeinnütziges Magazin
1761, Stück IIl, S. 192).
(63)
So berichtet z. B. Glückel von Hameln, daß sie (1657) im Alter von 12 Jahren verlobt
und zwei Jahre später verheiratet wurde (Denkwürdigkeiten der Glückel von Hameln.
Aus dem Jüdisch-Deutschen übersetzt von Alfred Feilchenfeld. 4. Aufl., Berlin 1923, S.
35). - Das Buch ist eine profunde Quelle zur Geschichte der deutschen Juden im 17.
Jahrhundert.
(64)
37
38
Das strenge Sittenleben im Ghetto hob sich kraß von der Promiskuität in der christlichen
Umwelt ab. Struensee, der über eine ausgeprägte satirische Ader verfügte, hat den
Voltaireschen Einfall einer bis Kolumbus zurückreichenden Lues-Infektkette in seinem
“Candide"-Bändchen wegen ihrer kunterbunten Skurrilität seitlich angestrichen. Pangloß
(alias Leibniz), der unerschütterlich an die beste aller Welten glaubt, berichtet dort über
die Vorgeschichte seines Leidens: “Sie haben doch sicher die hübsche Zofe unserer
erlauchten Frau Baronin gekannt? In ihren Armen habe ich alle Wonnen des
Paradieses genossen, und diese wiederum sind die Ursachen der Höllenqualen, unter
denen ich jetzt so entsetzlich leide. Sie hatte dieses Geschenk von einem
hochgelehrten Franziskaner erhalten, der es von einer alten Gräfin hatte, die es
ihrerseits von einem Rittmeister bekam; dieser wiederum verdankte es einer Marquise,
die es von einem Pagen übernommen hatte; der aber hatte es von einem Jesuiten
empfangen, welcher es noch als Novize von den direkten Nachkommen eines
Gefährten von Christoph Kolumbus erhalten hatte . . ." (Voltaire, Candide, 4.
Kapitel). - Den homosexuellen Ursprung des skurrilen Stammbaumes, der uns an die
ursprünglich bekanntgewordene Infektkette von AIDS erinnert, hat Struensee mit der
Randglosse “sic!" versehen.
(65)
Die Aufhebung der Ghettoschranken nach der Französischen Revolution, die
Assimilation der Juden an das Bürgertum, äußerte sich mit allen Folgeerscheinungen,
die der bürgerlichen Welt eigen sind. Frühehe und strenge Moral verschwanden, und
auch die Juden machten mit der Trunksucht und der Prostitution ihre Bekanntschaft.
Das Ergebnis war ein rasches Ansteigen der Geschlechtskrankheiten und die Abnahme
der hohen Fruchtbarkeit in den jüdischen Familien.
(66)
Gedanken eines Arztes vom Aberglauben (wie Anm. 37), S. 85. - Auch Shylock warnte
seine Tochter vor dem Vergnügen des venezianischen Karnevals:
“Was gibt es Masken? Jessica, hör' an:
Verschließ die Tür, und wenn du Trommeln hörst
und das Gequäk der quergehalsten Pfeife,
so klettre mir nicht an den Fenstern auf;
steck nicht den Kopf hinaus in offne Straße,
nach Christennarren mit bemaltem Antlitz
zu gaffen stopfe meines Hauses Ohren –
die Fenster, mein' ich, zu und laß den Schall
der albernen Geckerei nicht dringen in mein ehrbar Haus.
Bei Jakobs Stabe schwör ich,
Ich habe keine Lust, zu Nacht zu schmausen."
(W Shakespeare, Der Kaufmann von Venedig, z. Aufzug, 5. Szene)
(67)
Als enyzklopädisch gebildeter und von humanitären Ideen durchdrungener Rationalist
dachte Struensee auch viel über das Unrecht nach, das Menschen wegen einer
anderen Religion oder Hautfarbe zu erdulden haben. Bereits 1763 setzte er sich mit
messerscharfer Ironie in seinem pseudotheologischen Traktat “Über die
Seelenwanderung" für verfolgte Minderheiten (Juden und Indianer) ein: “Ich esse
niemals Hummer, ohne mir dabey die Qual vorzustellen, in welcher sie ihr Leben
geendigt haben. Aber sobald ich denke,daß es wahrscheinlicherweise Spanier in
Mexico oder Inquisitoren zu Goa gewesen sind, esse ich sie ohne Beängstigung meines
Gewissens. Ich vergnüge mich vielmehr dabey, indem ich mir vorstelle, daß ich den
Seelen so vieler Millionen geschlachteter Indianer und armer verbrannter Juden ein
38
39
angenehmes Opfer bringe" (Struensee, Die Seelenwanderung. Monatsschrift zum
Nutzen und Vergnügen, Hamburg 1763, Stück I, S. 30).
(68)
Von der Lustseuche (wie Anm. 46), S. 194. - 1770 empfahl Basedow in seinem
“Methodenbuch für Väter und Mütter der Familien und Völker" aus pädagogischem
Kalkül (“um den moralischen Belehrungen Nachdruck zu verleihen") jenen Weg
einzuschlagen, den er einst mit Struensee im Hiobshospital eruiert hatte: “Ungefähr im
fünfzehnten Jahr", so verlangte er, “sollte ein Knabe nach einer gewissen Vorbereitung
mit seinen Eltern oder Aufsehern etlichemale ein Lazarett besuchen, wo die Hurer und
Ehebrecher durch häßliche und höchst schmerzliche Krankheiten für ihre ehemals
gering geachteten Sünden büßen."
(69)
Besonders anstößig fand man die “schlüpfrige Eintheilung der Pflanzen" in
“bedecktsamige" (Angiospermen) und “nacktsamige" (Gymnospermen), deren
Samenknospen nackt, d. h. nicht wie bei den bedecktsamigen Pflanzen in einem
Fruchtknoten eingeschlossen sind. “Ein so unkeusches S-stem", schrieb ein
Petersburger Botaniker 1774, “dürfe der studierenden Jugend nicht mitgeteilt werden".
(70)
Mederer war es übrigens auch, dem seine Freiburger Studenten eine Katzenmusik
darbrachten und ihn verprügeln wollten, als er 1774 für die Vereinigung der Chirurgie
mit der Medizin eintrat, weil sie darin eine “Herabwürdigung der Heilkunst" sahen (Paul
Diepgen, Medizin und Kultur, Stuttgart 1938, S. 199).
(71)
Schian (wie Anm. 56), S. 43. - Fast mit den gleichen Worten verbot 1826 Papst Leo XII.
den Gebrauch des Kondoms. Und was wir heute - in Anbetracht der AIDS-Gefahr und
der Überbevölkerung in der hungernden Dritten Welt bezüglich der Ablehnung dieses
infektions- und empfängnisverhütenden Mittels ex cathedra Petri zu hören bekommen,
ist von einer erschreckenden Gedankenlosigkeit und wirkt wie ein “seuchenhistorisches
Déjä-vu°-Erlebnis aus finsterster Vergangenheit.
(72)
Von der Lustseuche (wie Anm. 46), S. 182-183.
(73)
Von der Lustseuche (wie Anm. 46), S. 184.
(74)
Schleswig Holsteinisches Landesarchiv Abt. 112, Nr. 553, fol. 54-59.
(75)
Von den Blattern (wie Anm. 16), S. 188.
(76)
Joukowsky, St. Petersburger Zeitschrift 1872, Bd. 1, S. 73.
(77)
Wiener Medizinische Wochenschrift, 4. Juli 1868.
(78)
39
40
E. Paschen, Die animale Vaccine im“ Handbuch der Pockenbekämpfung und Impfung°,
hrsg. von O. Lentz und H. A. Gins. Berlin 1927, S. 364.
(79)
Altonaer Stadtarchiv, Abt. 36, KI B I 13 fol. I f. (verbrannt am 25. Juli 1943). - P. Th.
Hoffmann, Struensee als Altonaer Stadtphysikus. Amtsblatt der Stadt Altona, 6. Jg.
1926, Nr. 14.
(80)
Winkle, Struensee (wie Anm. 4), S. 47-54.
(81)
Winkle, Struensee und die Publizistik, Hamburg 1982, S. 123-155.
(82)
Struensee, Gedanken eines Arztes von der Entvölkerung eines Landes. Monatsschrift
zum Nutzen und Vergnügen. Hamburg, Juli 1763, Stück 1, S. 24.
(83)
Struensee, Von der Geburtshülfe, von den Schwangeren und den Säuglingen.
Gemeinnütziges Magazin 1760, Stück 1, S. 28.
(84)
Struensee, Von der Lustseuche (wie Anm. 46), S. 95.
(85)
Ich habe oft an Struensee denken müssen, wenn ich diese Worte des “Unwetters aller
Werte" las: “Man muß rechtschaffen sein in geistigen Dingen bis zur Härte ... Man muß
nie fragen, ob die Wahrheit nützt, ob sie Einem Verhängnis wird ... Eine Vorliebe der
Stärke für Fragen, zu denen niemand heute den Mut hat; den Mut zum Verbotenen ...
neue Augen für das Fernste. Ein neues Gewissen für bisher stumm gebliebene
Wahrheiten ... (Friedrich Nietzsche, Umwertung aller Werte. Aus dem Vorwort).
(86)
Näheres über die Schizophrenie des jungen Monarchen in meiner Monographie
"Struensee, die Geisteskrankheiten und König Christians Leiden" im Hebbel-Jahrbuch
1980. Heide 1980, S. 97-175, sowie in verschiedenen Kapiteln meines
Struensee-Buches (wie Anm. 4) von S. 87 bis S. 632.
(87)
Die Humanisierung der psychiatrischen Praxis scheint den jungen Physikus bereits in
Altona interessiert zu haben, denn in einem seiner Lieblingsbücher, dem Gulliver-Band,
hat er u.a. sogar eine Stelle angestrichen, die sich als Arbeitstherapie für Geisteskranke
deuten läßt. Es handelt sich um die groteske Szene, da anläßlich Gullivers letzter Reise
auf der Insel der Houyhnhnms (der klugen und edlen Pferde), wo die menschlichen
Wesen, die Yahoos, als abstoßende, obszöne, affenartige Bestien geschildert werden,
ein vornehmer Houyhnhnm Gulliver zu erklären versucht, wie man gegen eine
Abartigkeit dieser verächtlichen Rasse vorgehen könne: “Bisweilen überfällt einen
Yahoo eine absonderliche Laune; er verkriecht sich in einem Winkel, kauert sich
zusammen, heult, stöhnt und jagt alle fort, die sich ihm nähern, obwohl er jung und
wohlgenährt ist und ihm nichts abgeht an Speise und Trank ... Das einzige Mittel, womit
diesem Übel abgeholfen werden konnte, war dies: man ließ ihn harte körperliche Arbeit
verrichten. Alsdann kam er jedesmal unfehlbar wieder zur Besinnung. - Ich, (d. h. der
40
41
Mensch Gulliver) schwieg aus Parteilichkeit für mein eigenes Geschlecht. Doch konnte
ich hier deutlich die wirklichen Hintergründe des Spleens erkennen, der nur die im
Luxus lebenden Müßiggänger befällt. Würden diese zu derselben Kur gezwungen, so
möchte ich mich für ihre Heilung verbürgen." (Jonathan Swift, Gullivers Travels. London
1726, 4. Teil (A Voyage to the Houyhnhnms), Kap. 7. Struensees Randbemerkung dazu
lautete: “Gemüthskranke sollen unter Aufsicht zur Arbeit angeleitet werden, um sie von
ihrem Leiden abzulenken."
(88)
In “Wilhelm Meisters Wanderjahren" schildert Goethe, wie die Handspinnereien in den
Bergtälern vom Eindringen der Maschine bedroht wurden. An einer Stelle heißt es dort:
“Das überhandnehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich, es wälzt sich heran
wie ein Gewitter, langsam, aber es hat seine Richtung genommen, es wird kommen und
treffen" (3. Buch, 13. Kap.). Ähnliches dürfte auch Struensee empfunden haben, als er
an der Peripherie von Manchester die krebsartig wuchernden Slums der Fabrikarbeiter
und in den Betrieben selbst das Überhandnehmen der Frauen- und Kinderarbeit als
Folge der zunehmenden Mechanisierung und Verelendung zu sehen bekam.
(89)
Leopold Mozart, der sich 1764 mit seinen beiden Kindern auf eine Konzertreise nach
England begeben hatte, berichtete einem Freund, daß es in London 8659
Branntweinschänken gebe (Fred Hamel, Mozart. Berlin 1932, s. 19).
(90)
Jeder zehnte Einwohner von London lebte damals in irgendeiner Form als Dirne,
Kellner, Zuhälter oder Wirt von der Prostitution, die geradezu industrielle Formen
angenommen hatte. Die Macht des Sexualtriebes war stärker als alle Vernunft und
Angst vor der Syphilis. Allein in England soll es damals etwa 5 Millionen Syphilitiker
gegeben haben.
(90a)
Laut der neuesten Zahlen der WHO gibt es weltweit 10-12 Mio. HIV-Infizierte. Das
Bundesgesundheitsamt schätzte unlängst die Zahl der Betroffenen bei uns auf 100000.
Es handelt sich um eine folgenschwere Unterlassung, daß man jahrelang nicht den Mut
hatte, auf eine tödliche Infektion, die überwiegend durch Geschlechtsverkehr übertragen
wird, die entsprechenden Bestimmungen unseres Seuchengesetzes anzuwenden. Doch
leider denken die meisten Politiker nicht an die nachfolgenden Generationen, sondern
nur in Vierjahres-Dimensionen. Daher handeln sie stets im Sinne eines pervertierten
kategorischen Imperativs, der da lautet: “Handle in jedem Augenblick so, daß
wenigstens der Schein Deiner Handlungen Dich die nächste Wahl gewinnen läßt."
(91)
Die Charakteristik, die Shakespeare den Dänenprinz über sein Volk sprechen ließ,
lautet: “Der schwindköpf'ge Zecher macht verrufen bei andern Völkern uns in Ost und
West; man heißt uns Säufer, hängt an unsre Namen ein schmutzig Beiwort; und
fürwahr, es nimmt von unsern Taten, noch so groß verrichtet, den Kern und Ausbund
unsers Wertes weg" (Hamlet, 1. Aufzug, 4. Szene).
41
42
(92)
Dem Durst der Dänen ging sogar Christians Schwager, der Landgraf Karl von Hessen,
in seinen Memoiren mit einer erschütternden Schilderung auf den Grund, ohne
allerdings die geschäftstüchtigen Hintermänner zu erwähnen. “Die seeländischen
Bauern", berichtet er, “hatten kleine Pferde, denen im Winter fast nur Kräuter und
Wurzeln als Futter dienten, kleine Karren, mit denen sie ein wenig Korn zum Markt nach
Kopenhagen fuhren . . . Sie kamen auf den Markt, verkauften, liefen ins Wirtshaus, um
sich zu berauschen fuhren betrunken und mit verhängtem Zügel ab, hielten aber
pünktlich bei jeder Kneipe, mit denen die Landstraße alle Viertelstunden weit besäet
war, um nicht aus dem einzig glückseligen Zustand, den sie kannten, herauszukommen"
(Denkwürdigkeiten des Landgrafen Karl von Hessen-Kassel. Kassel 1866).
(93)
Schon 1761 hatte Struensee geschrieben: “Das Vorurtheil, die Lustseuche mit
Verachtung zu behandeln, statt Hülfe - und zwar ohne Geld - anzubieten, führet dazu,
daß die Angesteckten durch Verheimlichung ihre Krankheit verschleppen und somit nur
noch mehr Unheil anrichten. Daher sollte man in Gebäuden, die nicht unbedingt
benöthiget werden, Hospitäler für Lustsieche einrichten" (Von der Lustseuche !wie Anm.
45], S. 192).
(94)
“Die Lustsiechen umsonst zu behandeln", polterte Pastor Münter von der Kanzel, “hieße
der Immoralität Thür und Thor zu öffnen!" Unter dem Hinweis, daß die Portugiesen ihre
Dirnen und Lustsiechen nach Brasilien verbannen, schlug er im Spätherbst 1771 vor,
man möge die beiden Kirchen, die “zu einem Sündenpfuhl entweiht" wurden, räumen
und die “verseuchte Canaille" endlich “nach Westindien (damals dänische Kolonie)
verfrachten" (J. P. Harms, Die Prostitution in Hafenstädten. Hamburg 1885, S. 45).
(95)
Winkle (wie Anm. 81), S. 88 ff.). - Auch für die von Struensee erlassene Pressefreiheit
gilt jene bittere Erkenntnis, die Lichtenberg später so definierte: “Was die wahre Freiheit
am deutlichsten charakterisiert, ist der Mißbrauch derselben" (Sudelbuch-Notiz, Heft L,
402).
(96)
Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Einleitung zu “Vorlesungen über die Philosophie der
Geschichte". - H. H. Glockners Jubiläumsausgabe 1927, 11. Bd., S. 59. - Schon Goethe
hat sich über die Weisheit: “Für einen Kammerdiener gibt es keinen Helden" tüchtig
geärgert und spöttisch erklärt, daß dieses immer nur die Schuld des Kammerdieners
wäre, “der über das Allzumenschliche seines Herrn, das er täglich aus der
Froschperspektive sieht, größenblind geworden" ist. “Vom ganzen Achilles sieht er nur
die Ferse." (P. Wiegler, Goethe in Briefen und Gesprächen. Leipzig 1929, S. 59).
(97)
Als die Königin am 2. Juli 1771 eine Tochter zur Welt brachte, munkelte man, der Vater
sei Struensee. Es war Prinzessin Luise Augusta, die Urgroßmutter der letzten
deutschen Kaiserin. Sie wurde in Kopenhagen allgemein “Prinzessin Struensee"
genannt. “Ich habe nie etwas müßiger gefunden", schreibt der einstige Reichskanzler
Bülow, “als solche recherche de la paternité. Nicht nur, weil ein solches
Herumschnüffeln widerwärtig ist, sondern auch, weil wir vor Gott alle gleich sind. Das
war übrigens auch die Ansicht des Kaisers, der mir einmal eine hübsche Äußerung
seiner
Tante,
der
Prinzessin
Henriette
von
Schleswig-Holstein-Sonderburg -Augusten-burg erzählte ... Als sie einmal wegen ihrer
42
43
angeblichen Abstammung von Struensee gehänselt wurde, erwiderte sie: ,Ich will lieber
von einem gescheuten Arzt abstammen als von einem vertrottelten König: Kaiser
Wilhelm IL fand diese Antwort ausgezeichnet." (Bernhard Fürst von Bülow.
Denkwürdigkeiten. Berlin 1923, Bd. 1, S. 67).
(98)
Trotz Warnung seiner Freunde wollte sich Struensee auch in der großen Politik der für
das Privatleben gültigen Ethik bedienen und blieb somit auf verhängnisvoll unpolitische
Weise tolerant gegenüber der Intoleranz. “Denn zwischen dem Leben, wie es ist und
wie es sein sollte", erklärte schon Machiavelli, “besteht ein gewaltiger Unterschied. Wer
daher das, was man tut, mit dem verwechselt, was man tun sollte, wird eher seinen
Untergang als seine Erhaltung bewirken. Ein Mensch, der immer nur das Gute tun will,
muß zugrunde gehen unter so vielen, die nicht gut sind" (Niccolo Machiavelli, Il Principe,
15. Kap).
(99)
H. Hansen, Kabinetsstyrelsen i Danmark 1768/72. 3 Bände. 1916-1923.
(100)
B. Croce, Leonardo filosofo. Milano 1919, S. 19.
(101)
Als Folge des Eindringens deutscher, vor allem holsteinischer Adliger in die höheren
Hof- und Regierungsstellen begann man den Begriff adlig" mit deutsch und “bürgerlich"
mit dänisch gleichzusetzen. Und so wuchs im Laufe der Zeit in bürgerlichen Kreisen
Dänemarks ein unterschwelliges Ressentiment gegen alles Deutsche, weil man deutsch
gewissermaßen als die Sprache einer fremden Herrenkaste betrachtete.
(102)
Bei der Hetzkampagne gegen Struensee mußte ich immer an eine Bemerkung
Lichtenbergs von zeitloser Aktualität denken: “Ich möchte was darum geben, genau zu
wissen, für wen eigentlich die Taten getan worden sind, von denen man öffentlich sagt,
sie wären für das Vaterland getan worden."
(103)
Schon damals konnte man von jener verhängnisvollen Entwicklung etwas ahnen, die
anderthalb Jahrhunderte später bei uns mit bestürzender Präzision begann und deren
Wegrichtung der hellsichtige Grillparzer so vorausgesagt hat: “Von der Humanität über
die Nationalität zur Bestialität".
(104)
A. Bäumler, Hegel. Leipzig 1927, S. 39. - So ist z. B. die kometenhafte Laufbahn eines
Napoleon nur dann verständlich, wenn man weiß, daß durch die Ideale der
Französischen Revolution und ihre Ausstrahlung auf das französische Bürgertum und
Heer j jedem Grenadier bei geeigneter Tapferkeit und geistiger Fähigkeit ermöglicht
wurde, von dem Marschallstab, den er - nach Napoleons Worten - in seinem Tornister
trug, Gebrauch zu machen. Einige Jahrzehnte vorher, als die höhere Offizierslaufbahn
noch ein ausschließliches Privileg des Adels war, hätten dem körperlich unscheinbaren
43
44
Korsen weder seine persönliche Kühnheit noch seine glänzenden strategischen
Fähigkeiten viel geholfen. Als Napoleon nach einem Siegeslauf sondergleichen mit
seinen Armeen in zwei gesellschaftlich rückständige Imperien (Spanien und Rußland)
eindrang, wo es noch kein aufgeklärtes, selbstbewußtes Bürgertum gab, “war es, als sei
er in ein Vakuum gestoßen: die Ideen der Französischen Revolution, anderswo begierig
aufgegriffen, blieben hier ohne Resonanz" (Alexander Herzen, Russische Zustände.
Leipzig 1854, S. 41).
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