Ethik - die vernachlässigte Dimension

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„Nach mir die Sintflut“ oder:
Wie können wir (als Christen/Gemeinden/Kirchen) angemessen
auf die ethischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts reagieren?
Die Antwort darauf soll schrittweise erarbeitet werden, indem auf folgende Fragen Antworten
gesucht werden:
1. Was sind die Veränderungen im 21. Jahrhundert, die zu Herausforderungen werden? (sozial,
politisch, ethisch)
2. Was sind die (berechtigten) Erwartungen an die Christen/Gemeinden/Kirchen?
3. Wie können wir dazu beitragen, dass bei der Vielfalt der möglichen Perspektiven, unter
denen die Herausforderungen betrachtet werden können (und müssen), die ethische nicht zu
kurz kommt?
Oder ist nicht die Ethik auch in den Kirchen gegenüber der Ökonomie eine vernachlässigte
Dimension?
Wir konzentrieren uns dabei hier auf vier verschiedene Spannungsfelder, in der wir in den
Gemeinden in besonderer Weise herausgefordert werden:
a. Wirtschaftlichkeit contra Fürsorgepflicht (am Beispiel Diakonie)
b. Wem gehört der menschliche Körper – zwischen Verfügungs- oder Nutungsrecht
(Enhancement (Optimierung des Menschen) contra Geschöpflichkeit)
c. Wo beginnt und wo endet Menschsein (Hirntod contra Gesamttod, )
d. Pluralität der Welterklärungen (Weltbilder) contra Wahrheitsanspruch des
Christentums
Zu 1. Was sind die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts?
Angestoßen von den wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen, vollziehen sich in gegenwärtig
eine Reihe von Veränderungen.
-2Diese Veränderungen haben z.T. immense Auswirkungen auf viele Lebensbereiche, so wie auch auf
Kunst, Kultur, Philosophie und Religion. Diese Situation, in dem sich die gegenwärtige abendländische
Gesellschaft befindet, wird allgemein als Übergang von der Moderne zur Postmoderne bezeichnet.
Als Postmoderne im besonderen Sinn gilt eine politisch-wissenschaftlich-künstlerische Richtung,
die sich gegen bestimmte Institutionen, Methoden, Begriffe und Grundannahmen der Moderne
wendet und diese aufzulösen und zu überwinden versucht. Die Vertreter der Postmoderne
kritisieren das Innovationsstreben der Moderne als lediglich habituell und automatisiert. Sie
bescheinigen der Moderne ein illegitimes Vorherrschen eines totalitären Prinzips, das auf
gesellschaftlicher Ebene Züge von Despotismus in sich trage und das bekämpft werden müsse.
Maßgebliche Ansätze der Moderne seien eindimensional und gescheitert. Dem wird die
Möglichkeit einer Vielfalt gleichberechtigt nebeneinander bestehender Perspektiven
gegenübergestellt (Relativismus). Mit der Forderung nach einer prinzipiellen Offenheit von
Kunst wird auch kritisch auf die Ästhetik der Moderne Bezug genommen.
Die Diskussion über die zeitliche und inhaltliche Bestimmung dessen, was genau postmodern
sei, wird etwa seit Anfang der 1980er Jahre geführt. Postmodernes Denken will nicht als bloße
Zeitdiagnose verstanden werden, sondern als kritische Denkbewegung, die sich gegen
Grundannahmen der Moderne wendet und Alternativen aufzeigt. Ich verwende hier den Begriff
„Postmoderne als eine Zustandsbeschreibung gegenwärtiger gesellschaftlicher Situation.
Elemente postmodernen Denkens und Urteilens sind:
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Absage an das seit der Aufklärung betonte Primat der Vernunft (ratio) und an die
Zweckrationalität (die bereits in der Moderne erschüttert wurden)
Verlust des autonomen Subjekts als rational agierende Einheit
Neue Hinwendung zu Aspekten der menschlichen Affektivität und Emotionalität
Ablehnung oder kritische Betrachtung eines universalen Wahrheitsanspruchs im Bereich
philosophischer und religiöser Auffassungen und Systeme (sog. Metaerzählungen oder
Mythen wie Moral – wodurch Postmoderne zum Amoralismus wird – , Geschichte, Gott,
-3-
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Ideologie, Utopie oder Religion, aber auch, insofern sie einen Wahrheits- oder
Universalitätsanspruch trägt, Wissenschaft)
Verlust traditioneller Bindungen, von Solidarität und eines allgemeinen
Gemeinschaftsgefühls
Sektoralisierung des gesellschaftlichen Lebens in eine Vielzahl von Gruppen und Individuen
mit einander widersprechenden Denk- und Verhaltensweisen
Toleranz, Freiheit und radikale Pluralität in Gesellschaft, Kunst und Kultur
Dekonstruktion, Sampling, Mixing von Codes als (neue) Kulturtechniken
Zunehmende Zeichenhaftigkeit der Welt
Versuche der Abkehr von ethno- und androzentrischen Konzepten
Mittelalter
Moderne
Postmoderne
Jüdisch-christliches Weltbild
Großes Vertrauen in die
Möglichkeiten der Vernunft
Verschiedene Wahrheiten
werden akzeptiert
Gott als Mittelpunkt
Wissen als Mittelpunkt
Individuum als Mittelpunkt
Macht bei der Kirche
Macht beim Wissen
Macht bei der persönlichen
Erfahrung
Bibel nach der Auslegung der
Kirche
Bibel nach der Interpretation
der Vernunft
Bibel ist eine von vielen
religiösen Schriften in der
eigenen Interpretation
„Ich glaube an eine Ordnung,
die ich verstehe.“ Anselm
(1033-1099)
„Ich denke, also bin ich“
Decartes (1596-1650)
„If it makes you happy, it can‘t
be bad“ Sheryl Crow
1.1. Sozial:
Die Bevölkerung lebt zunehmend in verschieden, von einander getrennten Lebenswelten. Als
Lebenswelten lassen sich dabei grundlegende Wertorientierungen verstehen, ebenso wie
Alltagseinstellungen – zur Arbeit, zur Familie, zur Freizeit, zu Geld und Konsum. In ihnen
finden sich Menschen, die sich in ihrer Lebensauffassung und Lebensweise ähneln.
Nach jahrzehntelanger sozialwissenschaftlicher Forschung hat das private
Marktforschungsinstitut Sinus Sociovision 2007 erstmals eine Analyse vorgelegt, in der
Menschen in solch vergleichbaren Lebenswelten sogenannten Sinus-Milieus zugruppiert werden.
Das ursprüngliche Modell beruht auf dem Konzept der Lebensweltforschung. Bei der Definition
der Milieus handelt es sich im Unterschied zur traditionellen Schichteinteilung um eine
inhaltliche Klassifikation. Die Grenzen zwischen den Milieus sind dabei fließend, sie sind durch
Ähnlichkeiten untereinander und durch Übergänge gekennzeichnet. So lassen sich die einzelnen
Milieus auch tendenziell in Obergruppen zusammenfassen. Die Milieus dokumentieren
unterschiedliche Zugänge zu den Medien, verschiedene Interessen und Erwartungen und damit
auch Sparteninteressen.
Die Sinus-Milieus stellen eine bewusste Abkehr von formalen demografischen Kriterien wie
Schulbildung, Beruf oder Einkommen dar. Ihnen liegt die Einsicht zu Grunde, dass
soziodemografisch gleiche Menschen sich in ihren Präferenzen, Einstellungen und
Verhaltensweisen sehr voneinander unterscheiden können und damit zwei völlig verschiedenen
Zielgruppen angehören können. Man könnte die Milieus als "Gruppen Gleichgesinnter"
bezeichnen; denn die Vorlieben für bestimmte Marken und der Konsum bestimmter Produkte
werden nicht nur von soziodemografischen Merkmalen, sondern auch vom Lebensstil der
jeweiligen Gruppen, von Wertorientierungen und ästhetischen Präferenzen beeinflusst.
-4Die Studie teilt die Bevölkerung in 10 Milieus ein, die sich durch die soziale Lage und die
Grundorientierung ergeben.
„Die Grenzen zwischen den Milieus sind fließend; Lebenswelten sind nicht so (scheinbar) exakt
eingrenzbar wie soziale Schichten. Wir nennen das die Unschärferelation der
Alltagswirklichkeit. Ein grundlegender Bestandteil des Milieu-Konzepts ist, dass es zwischen
den Milieus Berührungspunkte und Übergänge gibt. Diese Überlappungspotenziale sowie die
Position der Milieus in der Gesellschaft nach sozialer Lage und Grundorientierung
veranschaulicht die Milieugrafik (auch „Kartoffelgrafik“ genannt): Je höher ein Milieu in dieser
Grafik angesiedelt ist, desto gehobener sind Bildung, Einkommen und Berufsgruppe; je weiter es
sich nach rechts erstreckt, desto moderner im soziokulturellen Sinne ist die Grundorientierung.
In dieser „strategischen Landkarte“ können Produkte, Marken, Medien etc. positioniert
werden.“1
Kurzcharakteristik:
Gesellschaftliche Leitmilieus
Sinus B1 (Etablierte) 10% Das selbstbewusste
Machbarkeitsdenken und ausgeprägte Exklusivitätsansprüche
Establishment:
Erfolgs-Ethik,
Sinus B12 (Postmaterielle) 10% Das aufgeklärte Nach-68er-Milieu: Liberale Grundhaltung,
postmaterielle Werte und intellektuelle Interessen
Sinus C12 (Moderne Performer) 10 % Die junge, unkonventionelle Leistungselite: intensives
Leben – beruflich und privat, Multi-Optionalität, Flexibilität und Multimedia-Begeisterung
Traditionelle Milieus
Sinus A12 (Konservative) 5% Das alte deutsche Bildungsbürgertum: konservative Kulturkritik,
humanistisch geprägte Pflichtauffassung und gepflegte Umgangsformen
Sinus A23 (Traditionsverwurzelte) 14% Die Sicherheit und Ordnung liebende Kriegsgeneration:
verwurzelt in der kleinbürgerlichen Welt bzw. in der traditionellen Arbeiterkultur
1
SINUS Markt- und Sozialforschung GmbH, Heidelberg
-5Sinus AB2 (DDR-Nostalgische) 4% Die resignierten Wende-Verlierer: Festhalten an
preußischen Tugenden und altsozialistischen Vorstellungen von Gerechtigkeit und Solidarität
Mainstream-Milieus
Sinus B2 (Bürgerliche Mitte) 15% Der statusorientierte moderne Mainstream: Streben nach
beruflicher und sozialer Etablierung, nach gesicherten und harmonischen Verhältnissen
Sinus B3 (Konsum-Materialisten) 12% Die stark materialistisch geprägte Unterschicht:
Anschluss halten an die Konsum-Standards der breiten Mitte als Kompensationsversuch sozialer
Benachteiligungen
Hedonistische Milieus
Sinus C2 (Experimentalisten) 9% Die extrem individualistische neue Bohème: Ungehinderte
Spontaneität, Leben in Widersprüchen, Selbstverständnis als Lifestyle-Avantgarde
Sinus BC3 (Hedonisten) 11% Die Spaß-orientierte moderne Unterschicht/ untere Mittelschicht:
Verweigerung von Konventionen und Verhaltenserwartungen der Leistungsgesellschaft
Erwähnenswert ist in unserem Zusammenhang auch die Tatsache, dass innerhalb der Milieus auf
unterschiedliche Ethikbegründungen zurückgegriffen wird, die dann auch unterschiedliche
Argumentationsstratgien bevorugen.
Eine Befürchtung, die sich auftut, ist die Frage: Was geschieht, wenn die Milieus weiter
auseinander driften und es zu einem „Kampf der Subkulturen“ kommt?
Allein die Kurzbeschreibung der einzelnen Gruppen gibt schnell Aufschluss darüber, in welchem
Milieu sich die meisten Gemeinden und Gemeinschaften befinden.
Ohne Zweifel können der größte Teil unserer Gemeinden der bürgerlichen Mittelschicht
zugerechnet werden. Unsere Kirchen und Gemeindezentren sind hochwertig eingerichtet. „Sie
bevorzugen eine Mischung aus konventionell und modern, aus gediegen und repräsentativ. Sie
investieren viel in die Ausstattung ihrer Wohnung / ihres Hauses, lassen dabei aber auch nicht ihr
-6eigenes Outfit zu kurz kommen.“2 Es wird deutlich: „etablierte Gemeinden“ (als Milieukirchen)
schließen durch ihre Prägung mindestens 50% der Gesamtbevölkerung aus.
Je genauer wir uns die Lebensäußerungen, Interessen und Werte der einzelnen Milieus ansehen,
umso mehr lassen sich Gräben und Mauern entdecken.
Die Frage, die sich für Christen/Gemeinden/Kirchen in diesem Zusammenhang stellt ist die, wie
andere als die bisherigen Milieus mit dem Evangelium erreicht werden können. Drei Entwürfe
als Antwort auf diese Herausforderungen:
– Ein eher struktureller Ansatz von Michael Forst und Alan Hirsch3 und
– ein stärker auf unser Wesen als Christen bezogener Ansatz von Dr. Markus Müller4.
– Dan Kimball (Autor), Ingo Schütz (Übersetzer), Emerging Church - Die postmoderne
Kirche: Spiritualität und Gemeinde für neue Generationen
Der strukturelle Ansatz von Michael Forst und Alan Hirsch5
Die zwei Evangelisten aus Australien haben aufgrund ihrer weltweiten Beobachtungen von
Gemeinden in postmoderner Zeit eine theologisch fundierte Zeitanalyse vorgelegt. Sie zeigen
Entwicklungsschritte und Herausforderungen für die Kirche auf und plädieren für einen
leidenschaftlichen Aufbruch.
Attraktional oder inkarnatorisch
Mit zwei Adjektiven beschreiben Hirsch und Forst die erste Veränderung, die für die
Entwicklung des 21. Jahrhundert wichtig ist: attraktional und inkarnatorisch. Attraktional heißt
etwas verkürzt: Wir erwarten, dass die Menschen zu uns kommen und Teil unserer Gemeinschaft
in unserer Kultur und in unserem Milieu werden. Egal wie unsere Mission, unsere Verkündigung
und unsere konkrete Umsetzung aussehen: Es bedeutet immer, dass wir unser Ziel erreicht
haben, wenn die „Neuen“ zu uns kommen und so werden wie wir. Inkarnatorisch leitet sich vom
griechischen Verb für die Fleischwerdung Jesu ab. Es bedeutet zu den anderen zu gehen und so
zu werden wie sie, um dort mit ihnen die frohe Botschaft zu leben und letztlich in ihrem Milieu
und ihrer Kultur Gemeinde zu bauen.11 Dies würde praktisch bedeuten, ich beginne mit den
Menschen in meiner Nachbarschaft zu leben, die nicht der bürgerlichen Mittelschicht angehören.
Oder ich ziehe in einen Stadtteil, wo dies der Fall ist. Die bestehenden Gemeinden würden nicht
ihre eigene Versorgung und den eigenen Erhalt als oberstes Ziel sehen, sondern die Gründung
von neuen Gemeinden in anderen Milieus. Für die Mission in anderen Ländern dieser Welt und
in anderen Kulturen ist zum Glück schon länger klar, dass wir die Menschen nicht mit unserer
Kultur missionieren wollen, sondern mit dem Evangelium. Dieses Bewusstsein ist sicher auch
für die kirchliche Arbeit im Inland geeignet.
Dualistisch oder messianisch
Die nächsten Begriffe dualistisch oder messianisch entlarven erneut ein Denkmuster, das sich
tief in unser christliches Bewusstsein eingeprägt hat, obwohl es nicht primär christlich ist. Wir
denken griechisch, also dualistisch: Es gibt richtig und falsch, gut und böse, christlich und
unchristlich. Und die einen Begriffe kennzeichnen alles, was gut, hilfreich und erlaubt ist,
während die anderen Begriffe alles Schlechte, Gefährliche und Böse beschreiben.
Hirsch und Forst zeigen auf, dass Jesus stark im jüdischen Denken verwurzelt war und
„messianisch“ lebte und dachte. Er baute keine Grenzen zwischen profan und heilig. Er lebte mit
2
Kimball, Dan: Emerging Church, die Postmoderne Kirche, Asslar 2003
Michael Forst, Alan Hirsch: Die Zukunft gestalten, Innovation und Evangelisation in der Kirche des 21. Jh.
4
Dr. Markus Müller, St. Chrischona beim Treffen von Verantwortlichen im Feb. 08 in Schw. Gmünd.
5
Michael Forst, Alan Hirsch: Die Zukunft gestalten, Innovation und Evangelisation in der Kirche des 21. Jh., Asslar
2008
3
-7den Menschen ohne zu urteilen und Grenzen zu ziehen. Er kam in die sündige Welt zu allen
Sündern, um alle zu retten. Diese Art zu denken hat nicht die eigene Absicherung im Blick,
sondern die Hinwendung zum Anderen, ungeachtet seiner Situation oder Stellung. Können wir
ohne Negativfolien „die Welt da draußen“ hier drin überhaupt gut leben? Sind wir bereit, den
Stolz „besser zu sein“ oder wenigsten „besser dran zu sein“ abzulegen und den anderen
gleichwertig zu begegnen?
Und noch ein weiterer Ansatz mit einem Begriffspaar:
Hierarchisch oder apostolisch
Ist unsere Kirche hierarchisch oder apostolisch? Hierarchisch bedeutet kurz gefasst: Die Macht
wird von höherer menschlicher Instanz verliehen. Für ein solches Amt qualifiziert man sich
durch intellektuelle Leistungen. Die übertragene Macht und Verantwortung ist immer mit einer
gewissen Entmündigung der anderen sogenannten
Laien verbunden. Apostolisch beschreibt die urchristliche Art der Autorität. Der Einzelne erhält
sie aufgrund seiner von Gott verliehenen Gaben und der von der Gemeinde erlebten und
anerkannten Vollmacht. Das hierarchische Denken zieht einen Wust von rechtlichen Regelungen
und Bestimmungen nach sich. Auf der anderen Seite gibt die Hierarchie auch Sicherheit, weil die
Verantwortlichkeiten geklärt sind.
Haben wir den Mut diese Gedanken weiterzudenken, stellt sich die Frage, ob wir uns Gemeinde
Jesu Christi ohne Kirchengebäude, ohne hauptamtliche Pastoren, ohne Kirchenordnung oder
ohne Gottesdienst am Sonntagmorgen um 10 Uhr vorstellen können. Diese Frage scheint
theoretisch und unrealistisch. Wenn man jedoch sieht, dass z.B. in China viele Menschen neu
zum Glauben kommen und die (Untergrund-) Kirche sehr schnell wächst - fast ohne Gebäude,
ohne feste Gottesdienstzeiten und ohne hauptamtliche Pastoren, dann wird unsere Wertigkeit
dieser „Institutionen“ noch deutlicher hinterfragt.
Ansatz von Dr. Markus Müller: Das Wesen der Christen
Dr. Markus Müller hat in einer beeindruckenden Weise die komplexen historischen,
europaweiten Entwicklungen und ihre Folgen für uns Christen aufgezeigt. Es würde den Rahmen
sprengen, dies hier ausführlich zu beschreiben. Was lohnend sind, sind die Schlüsse, die er aus
diesen Entwicklungen und Herausforderungen zog.
Die Lammesnatur
Die Lammesnatur sei prägend für die kommende Zeit. Markus Müller verwendet hier einen
ungewohnten Begriff, der selten auftaucht. Er hat seinen Ursprung bei Jesus,
dem Lamm Gottes (Joh. 1,29), das in die Welt gekommen ist, um durch sein Leiden den Sieg zu
bringen. In der Sendung der Jünger durch Jesus (Joh. 20.21) sei nicht nur ein Auftrag enthalten.
Auch die Art und Weise der Erfüllung habe Jesus durch sein Leben vorgegeben - als Lamm.
Dies ist keineswegs ein machtlos ausgeliefertes Lamm, sondern das Lamm, das gleichzeitig der
„Löwe von Juda“ ist (Vgl. Off. 5,5). Die Lammesnatur Christi und der Christen widerspricht
grundsätzlich der oben beschriebenen Art, über Macht und Einfluss christliche Interessen zu
vertreten, und zeigt eine Alternative. In einer dienenden Haltung und bereit eigene Nachteile
hinzunehmen seien wir in die Welt gesandt. Die „Erfolge“ der Kirche würden in Zukunft nicht
durch großartige Machtanstrengungen erreicht, sondern durch die Hingabe einzelner
Nachfolgerinnen und
Nachfolger. Nicht die Großevangelisation und die Massenevents, sondern der Dienst an den
Armen und Kranken, das Zeugnis des Glaubens in Widrigkeiten und die Bereitschaft, für das
Evangelium zu sterben, würde in Zukunft von Bedeutung sein.
-8Die königliche Priesterschaft
Die königliche Priesterschaft fasst einen zweiten Aspekt der geistlichen Antwort auf die
Herausforderungen zusammen. Wir seien als Christen allem zu dieser Aufgabe berufen. (1.Petr.
2,5-9; Off.1,6)
Gott macht seine Geschichte nicht mit einzelnen, besonders ausgewählten „Heiligen“, sondern er
gebrauche und bevollmächtige alle, die in seine Nachfolge treten. In den letzten Jahrhunderten
wurden die priesterlichen Aufgaben in der Regel auf Hauptamtliche übertragen und an ein Amt
gebunden. Dieser Umgang hat zwei Seiten: Auf der einen entmündigt er die Laien und
verweigert die Ausübung des allgemeinen christlichen Auftrags z.B. bei der Austeilung des
Abendmahls oder in der Beichte. Auf der anderen Seite birgt eine solche Konzentration der
Verantwortung und Macht auf Einzelne Bequemlichkeit für die Masse in sich. Wer einfach nicht
darf, braucht sich auch keine Gedanken und Mühen über diesen Auftrag machen und wird diese
Aufgabe auch nicht einüben und trainieren. Es gilt diese königlich-priesterliche Aufgabe neu für
alle Christen zu entdecken, anzunehmen und in ihr zu wachsen.
Unsere Pilgerschaft
Als Drittes führt Müller den Begriff „unsere Pilgerschaft“ ein. Er erinnert daran, dass gerade im
Petrusbrief unser Leben als Pilgerschaft beschrieben ist (1. Petr. 1,17; 2,11). Eine der Antworten,
wie Christsein im angebrochenen Jahrhundert gelebt werden kann, ist die Bereitschaft,
Fremdling und Pilger zu sein.
Für die bürgerliche Mittelschicht würde dies aber eine besonders große Herausforderung
bedeuten. Gerade sie zeichnet sie sich ja durch das sogenannte „cocooing“ aus - dem sich im
eigenen Lebensraum einnisten und abschotten.
Dan Kimball (Autor), Ingo Schütz (Übersetzer), Emerging
Church - Die postmoderne Kirche: Spiritualität und
Gemeinde für neue Generationen
Die Ausrichtung auf Kirchendistanzierte hat das Verständnis
von Kirche revolutioniert. doch am Beginn eines neuen
Zeitalters fühlt sich eine immer größer werdende Gruppe von
Menschen durch diese Form von Gemeinschaft nicht mehr
angesprochen. Wie sollte ein Gottesdienst aussehen, damit er
Menschen erreicht, die postmodern denken und fühlen? Was
sollte sich dazu an den Predigten, Gottesdiensten und
evangelistischen Veranstaltungen ändern? Und das Wichtigste:
Wie muss sich unser Verständnis von Kirche ändern? Dieses
Buch geht über die bloße Theorie hinaus und gibt zahlreiche
Anregungen, wie Kirche heute aussehen kann. Dan Kimball
führt einen neuen Begriff ein -"Vintage Christianity"(RetroSpiritualität) - und füllt ihn mit Leben: der erfrischende Weg
zurück zu einer unapologetischen, heiligen, direkten,
historischen und auf Jesus ausgerichteten missionarischen
Arbeit. Diese Retro-Spiritualität spricht die neuen Generationen der Postmoderne an, die
geistlich offen sind, sich zutiefst nach Gemeinschaft sehnen, aber kein Interesse an "Kirche"
haben. Jedem Pastor, Leiter und interessierten Christen bietet Dan Kimball hier einen fesselnden
und leicht verständlichen Einblick in die aktuellen Veränderungen der Gesellschaft. Er
beschreibt die neue Art von Gemeinde, die in unserer Mitte entsteht. Mit Kommentaren von Rick
Warren, Fabian Vogt, Dr. Peter Aschoff und anderen.
-9Egal ob wir diese Überlegungen teilen oder nicht, die Veränderungen unserer Gesellschaft
werden nicht vor den Kirchentüren halt machen. Und so sind wir herausgefordert, darauf zu
reagieren.
Fragen zum Weiterdenken - Konkret kann das heißen zu fragen:
-
Wo bieten wir Erlebnisräume in unseren Gemeinden und Hauskreisen für Menschen, die auf
der Suche sind?
-
In wieweit ist mein Glaube auf die „Serviceleistungen“ der obengenannten „Institutionen“
(Gebäude, Ordnung, Pastor und Sonntagsgottesdienste) gegründet und in wieweit könnte ich
auch unter anderen Umständen mein Christsein leben?
-
Bin ich bereit, mein Milieu als Pilger zu verlassen, um mich auf andere Menschen
einzulassen und Fremdling zu sein?
-
Bin ich bereit, auf Macht zu verzichten und die Lammesnatur Christi zum Vorbild zu
nehmen?
1.2. Politisch:
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts schien die Welt überschaubar und sicherer zu sein:
Marktwirtschaft und Demokratie sofort und überall auf der Welt. Im Wettkampf der Ideologien
hatte der Westen klar gesiegt. Fukuyama6 sprach sogar vom Ende der Geschichte.
Mittlerweile ist diese Gewissheit geschwunden. Das bipolare System existiert nicht mehr, aber
eine neue Weltordnung ist auch nicht in Sicht. Man spricht fasziniert von Multipolarität, aber
man ahnt, dass ein solches System im Nuklearzeitalter höhere Risiken mit sich bringen kann als
das ziemlich stabile Gleichgewicht der Abschreckung zwischen den beiden früheren
Großmächten.
Dabei sind die Instabilitäten nicht nur strategischer Natur. Soziale, ökologische und kulturelle
Ungleichgewichte erscheinen als zusätzliche Sicherheitsrisiken, die den militärischen an
Gefährlichkeit langfristig kaum nachstehen. Die Liste dieser Risiken ist mittlerweile hinlänglich
bekannt:

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
Bevölkerungsexplosion
Klimaveränderungen
Armutswanderungen
Atomschmuggel
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Drogenhandel
Fundamentalismen jeder Couleur
Völkermorde
Zerfall staatlicher Ordnungen.
Fukuyamas Prognose erweist sich also als falsch. Plötzlich haben wir wieder Geschichte im
Überfluss. Und dann kommen natürlich apokalyptische Szenarien hoch. Sie reichen von Samuel
Huntingtons ,,Kampf der Zivilisationen" bis zu Norman Stones Rückfall in das mittelalterliche
Zeitalter der Bettler, der Seuchen, der Feuersbrünste und des Aberglaubens.
6
In seinem berühmt gewordenen Buch Das Ende der Geschichte (1992) beschreibt Francis Fukuyama den Verlauf
der geschichtlichen Evolution als gesetzmäßige und teleologische Verkettung von Ereignissen: Die Geschichte ist
demnach keine zufällige Anhäufung von Umständen. Unter Bezugnahme auf eine moderne Variante der Hegelschen
Dialektik versucht Fukuyama zu erklären, dass das Ende des Zweiten Weltkrieges und der Fall der Berliner Mauer
(1989) zu einer Schlussphase der politischen Systementwicklung geführt haben. Totalitäre Systeme, wie z. B. der
Kommunismus und der Faschismus, stellen keine politischen Alternativen mehr dar. Vielmehr ist der Weg frei für
eine liberale Demokratie. Totalitäre Systeme sind zum Scheitern verurteilt, weil sie dem Grundgedanken des
Liberalismus widersprechen. Der Faschismus (gemeint ist hier der Nationalsozialismus) sei ebenso wie der
Kommunismus an inneren Widersprüchen gescheitert, so Fukuyama. Beide Systeme verloren in den Augen der
Menschen an Legitimität; zum einen haben sie nicht die Bedürfnisse der Menschen hinreichend abgedeckt, zum
anderen, und dies ist in den Augen Fukuyamas der wohl viel wichtigere Grund, haben sie es nicht verstanden, ein
Gefühl von Anerkennung und Selbstwertgefühl entstehen zu lassen. Im dialektischen politischen Prozess legt
Fukuyama also die liberale Demokratie als Endstadium aus.
- 10 -
1.3. Ethik im 21. Jahrhundert:
Die rasante Entwicklung von Wissenschaft und Technik eröffnet uns in den verschiedensten
Bereichen unseres Lebens (Medizin, Raumfahrt, Kommunikation, Handel ...) ständig neue
Möglichkeiten. Gleichzeitig wirft sie damit aber auch eine Unmenge von neuen moralischen
Problemen auf, auf die wir in der Regel nicht vorbereitet sind. So bedarf es unser Handeln
zunehmend begleitende ethische Reflexion. Nicht alles das, was technisch machbar erscheint
muss zugleich auch „gut“ sein.
Zeitgleich mit den rasanten Entwicklungen sind nun manche ältere moralische Ordnungen,
aufgebaut auf allgemein anerkannten Glaubensregeln, ins Wanken geraten. Das erschwert es,
moralische Entscheidungen zu treffen. Zusätzlich kommt noch dazu, dass in den entwickelten
Gesellschaften alle Entscheidungen in einem pluralistischen Klima getroffen werden müssen. Es
scheint, dass im moralischen Klima von heute nie Einigkeit über richtig und falsch erzielt
werden kann. Nicht selten entarten Auseinandersetzungen über die richtige Entscheidung in
gegenseitigen Verletzungen und Vorwürfen. Statt Klärungen hinterlassen solche
Auseinandersetzungen dann nur noch größere Unsicherheiten. Manche lässt diese Situation
verzweifeln, andere suchen nach hilfreicher Unterstützung.
I. Der Unterschied zwischen Ethik und Moral
Philosophie und Lebenswelt haben oft nicht viel miteinander zu tun. Bei der Ethik als
Teildisziplin der praktischen Philosophie ist das anders: Ihr ist gerade daran gelegen, die
kollektiven und individuellen Moralentwürfe im Alltag der Menschen kritisch zu untersuchen.
Damit ist zugleich etwas über den Unterschied zwischen Ethik und Moral gesagt, über Begriffe,
die häufig fälschlicherweise synonym gebraucht werden.
Es geht bei Ethik und Moral um zwei Ebenen des Diskurses über menschliches Verhalten: Die
Ethik stellt Bedingungen der Möglichkeit einer moralischen Beurteilung dieses Verhaltens auf,
die Moraltheorien. Davon gibt es eine ganze Menge, die man nach bestimmten Kriterien ordnen
kann, zumeist nach den Prinzipien, die ihnen zugrunde liegen. Moraltheorien ihrerseits liefern
vernünftige Beurteilungskriterien für denjenigen, der sie anerkennt. Ein Mensch handelt dann im
- 11 konkreten Fall moralisch, wenn er sich im Einklang mit dem allgemeinen Prinzip der
Moraltheorie befindet. Sprechen wir über Ethik, dann suchen wir Fehler in den Moraltheorien,
indem wir ihre Prinzipien auf Begriffe wie Verallgemeinerbarkeit, logische Kohärenz,
Vereinbarkeit mit anderen normativen Systemen (Wissenschaft, Recht, Religion usw.) etc.
beziehen; urteilen wir hingegen über Moral, suchen wir Fehler im konkreten Verhalten eines
Menschen (im Hinblick auf eine anerkannte Moraltheorie).
Moralische Sachfragen („Ist es moralisch gut, Terroristen vor der Ausübung ihrer Arbeit zu
töten?“, „Ist es moralisch gut, außerhalb des Ehestandes sexuelle Beziehungen zu unterhalten“?,
„Ist es moralisch gut, Pflanzen/Tiere/Menschen zu klonen?“ usw.) lassen sich bezogen auf eine
Moraltheorie beantworten (Frage zwei in bezug auf die Morallehre der katholischen Kirche etwa
mit einem deutlichen „Nein!“). Ethische Reflexion hat nun die Aufgabe, die Moraltheorie, die zu
dieser Antwort führt, zu analysieren.
Zunächst müsste dazu – ich bleibe im Beispiel – die moraltheoretische Argumentation selbst
untersucht, also der Frage nachgegangen werden, wie sich das Prinzip einer speziellen
Morallehre (hier: der Sexualmoral) in die Struktur der grundlegenden Prinzipien der katholischen
Morallehre einbettet (also: in das Menschenbild) und ob die Spezialnorm innerhalb dieses
Normensystems richtig abgeleitet ist. Hier geht es um die Begründetheit von Unter-Sätzen
(einzelne Prinzipien) aus Ober-Sätzen (Grundprinzipien) innerhalb einer Moraltheorie, also um
deren innere Kohärenz. Es wäre ferner zu prüfen, ob das dem „Nein!“ im Beispiel zugrunde
liegende Prinzip („Menschen sollten außerhalb des Ehestandes keine sexuellen Beziehungen
unterhalten.“) überhaupt einsichtig ist (etwa durch Vergleich mit anderen, konkurrierenden
Moraltheorien, die abgeschwächte oder gar gegenteilige Prinzipien beinhalten, gewonnen aus
einem System abweichender Grundprinzipien, in die sich die in Frage stehende Spezialnorm
nicht einpassen lässt) und/oder vereinbar ist mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen in der
Anthropologie.
Philosophische Ethik ist also in erster Linie argumentationstheoretische Analyse, oder anders: Es
ist die Aufgabe der Ethik, unseren Moralvorstellungen auf den Grund zu gehen.
II. Deskription, Normation, Meta-Analye. Ebenen der Argumentation
Dieser Aufgabe versuchen Ethiker auf drei Ebenen gerecht zu werden: auf der deskriptiven
Ebene, der normativen Ebene und der Meta-Ebene. Auf der deskriptiven Ebene wird
beschrieben, was ist. Psychologen, Soziologen, Ethnologen und Anthropologen liefern
empirische Daten über tatsächlich gelebte Moralvorstellungen. Philosophen strukturieren die in
der Geschichte erarbeiteten Argumente und die gewonnenen Erkenntnisse und liefern so die
Basis für die Arbeit auf der normativen Ebene. Auf dieser wird dann darüber beraten, was sein
soll. Hier findet die Kritik des beschriebenen Materials statt, sowohl der empirischen Daten, wie
auch der historischen Argumente. Es findet also eine Reflexion auf Moral und Moraltheorie statt.
Auf der Meta-Ebene findet nun eine Reflexion auf die Ethik selbst statt. Ihre Instrumente und
Techniken werden durchleuchtet, die von ihr verwendeten Begriffe analysiert. Es geht also um
mehr als um die „Bedingungen der Möglichkeit moralischer Beurteilung“, es geht um die
Bedingungen der Möglichkeit ethischen Argumentierens, also um die allgemeinen Bedingungen
dafür, Bedingungen der Möglichkeit moralischer Beurteilung aufstellen zu können.
Dazu ein Beispiel: Sei p der empirische Befund, dass in einer Kultur K regelmäßig zum Zweck
der Unterhaltung Babys gefoltert werden. Sei q die Auffassung einer Moralvorstellung MV, dass
es moralisch verwerflich ist, Babys zum Zweck der Unterhaltung zu foltern. Dann entspricht MV
der Moraltheorie MT, wenn es in MT ein Prinzip P1 gibt, zu dem q einen Unterfall darstellt,
etwa: „Es ist nicht gut, Menschen zum Zweck der Unterhaltung zu foltern.“ P1 lässt sich zum
Grundprinzip GP verallgemeinern: „Niemand soll gefoltert werden.“ Die Ethik müsste nun die
„Bedingungen der Möglichkeit moralischer Beurteilung“ von p(K) durch q(MV) untersuchen,
also schauen, ob q(MV) ein Unterfall von P1(MT) ist und ob P1(MT) kohärent zu GP(MT)
- 12 verallgemeinerbar ist. Es könnte sich für den Fall der „Baby-Folter zu Unterhaltungszwecken“
zum einen die Frage stellen, ob zwischen „Menschen“ (menschliche Lebewesen) und „Personen“
(Menschen, die fähig sind, „Wünsche zweiter Ordnung“, „Meta-Gedanken“ oder „Interessen“ zu
entwickeln) zu unterscheiden ist, zum anderen, ob es Zwecke geben könnte, die Folter
rechtfertigen, in denen es also „gut“ wäre zu foltern, etwa die damit möglicherweise zu
erreichende Vereitelung eines Terroranschlags. Die Meta-Ethik fragt nun nach den Bedingungen,
unter denen diese Fragen beantwortbar sind.
Kurzum: (1) MV hält p mit q nicht für „gut“, (2) MT liefert mit P1 und GP Leitsätze, die
untermauern, dass MV richtig ist, es also richtig ist, p nicht für „gut“ zu halten, (3) die Ethik gibt
Auskunft darüber, ob MT richtig ist, es also richtig ist, mit MT MV für richtig zu halten, die
besagt, dass es richtig ist, p nicht für „gut“ zu halten und (4) die Meta-Ethik fragt: Was heißt
„richtig“? Was bedeutet „gut“?
III. Streben und Sollen. Grundtypen moraltheoretischer Begründungsmodelle
Im Laufe der letzten 2500 Jahre haben Menschen immer wieder versucht, Moraltheorien zu
entwickeln. Dabei lassen sich modellhaft zwei Grundtypen unterscheiden: die teleologischen und
die deontologischen Ansätze. Aus ihren Annahmen erwachsen die klassischen Antagonismen der
Ethik, die Gegensätze von zweckgerichteter Tugend und prinzipieller Pflicht, von Glück und
Gerechtigkeit, von „gutem Leben“ und „rechtem Leben“, von Streben und Sollen. Diese
grundlegende Differenz wird in vielen Ethik-Einführungen paradigmatisch durchdekliniert an
Aristoteles’ eudaimonia und Kants kategorischem Imperativ, wobei die teleologische Front
motivational durch den Konsequentialismus (Prinzip: Gut ist, was gute Folgen hat; bekannt aus
utilitaristischen Theorien), die deontologische durch den Intentionalismus (Prinzip: Gut ist, was
aus guten Motiven getan wird; bekannt aus der Strafrechtstheorie) gestärkt wird.
Fraglich ist auch, wie sich in den Theorien das Gute als das mit der Moral der Gemeinschaft
Übereinstimmende mit dem Guten des glücklichen Gelingens individueller Lebensvollzüge
paart. Zu klären ist, wie sich die Güte zum Glück verhält und das Glück zur Güte, unter welchen
Umständen der Glückliche gut und der Gute glücklich wird.
Kant entwickelte im Umfeld des preußischen Pietismus’ sein Konzept einer autonom
begründeten deontologischen Ethik. Er trägt damit seiner Abneigung gegenüber neuen
eudämonistischen Strömungen Rechnung, die mit dem frühen Utilitarismus Benthams aus
England auf den Kontinent hineinzubrechen drohten: Pflicht und Gebot statt happiness und
pleasure. Das Problem ist dabei (im Pietismus mehr als in der Ethik Kants): Nicht nur, dass das
Gute und das Glück auseinander fallen, auch werden die Liebe und andere Tugenden zur Pflicht
gemacht. Sie werden nicht mehr um ihrer Selbst willen und wegen ihres glücksstiftenden
Moments, sondern als Konsequenz der Gebotstreue verfolgt. Das Glück spielt keine Rolle mehr,
es ist aus der Moral ausgeklammert. Ein gefährliches Unterfangen, denn wir können ohne das
Streben nach Glück nicht leben. Andererseits können wir auch ohne Moral nicht leben – ein
echtes Dilemma. Aber ist es denn wirklich so, dass das Glück und das Gute in den teleologischen
und den deontologischen Ansätze bei Aristoteles respektive Kant auseinanderfallen? Mitnichten!
„Gutsein“ und „Glücklichsein“ – in der griechischen Antike war die Unterscheidung der beiden
Begriffe überhaupt kein Gegenstand. „Gutsein“ als Gesamtheit tugendhafter Lebensvollzüge und
„Glücklichsein“ als Gefühlskomponente fielen zusammen. Auf die Frage „Geht es Dir gut?“
antwortete man „Ja, ich handle gut.“ Es geht mir gut, wenn ich gut handle! Mit anderen Worten
erwächst aus tugendhaftem (=gutem) Handeln Glück. Bei Aristoteles gilt: Ich bin glücklich,
wenn ich gut bin. Kant wiederum zeigt uns in der Güte der Befolgung des moralischen Gesetzes
ebenfalls eine Spur des Glücks. Moralisches Handeln geschieht zwar aus Pflicht, verursacht
dabei jedoch eine tiefe innere Gefühlsregung, eine Bewegtheit, die Kant Achtung nennt. Diese
Achtung vor dem moralischen Gesetz, die jeder Mensch empfindet, sorgt dafür, dass aus
- 13 pflichtgemäßem (=gutem) Handeln Glück erwächst. Auch bei Kant gilt also: Ich bin glücklich,
wenn ich gut bin.
IV. Ethik für alle Lebenslagen
Unsere Welt wird immer „unübersichtlicher“ (Habermas). Die Wissenschaft differenziert sich
immer weiter aus, neue Medien und Kommunikationsmöglichkeiten entstehen, angehende Ärzte
beraten im ersten Semester über Sachverhalte, die der Medizin vor zehn Jahren noch gänzlich
unbekannt waren, eine Mars-Mission wird vorbereitet. Zugleich wird unsere Welt heimgesucht
von Krieg und Terror, mehr als 1 Milliarde Menschen hungert und der Klimawandel bedroht
unsere Existenz, wobei immer klarer ersichtlich wird, dass dies unserem Verhalten geschuldet
ist, ohne dass irgendjemand den Eindruck zu haben scheint, wirklich etwas falsch gemacht zu
haben. Wenn die Flugreise oder das Steak zum Gegenstand der Moraldebatte wird, muss sich
ihre Reflexionsinstanz, die Ethik, an diese neue Situation herantasten; Bereichethiken entstehen.
Es ist aber nicht nur die Umwelt- und die Tierethik, die verhältnismäßig neu sind und vehement
in den Diskurs drängen, es ist insbesondere die Bioethik, die Schlagzeilen macht, häufig in
Gestalt ihrer Abteilungen Gen- und Neuroethik. Daneben entsteht Bedarf für weitere
Anwendungsfelder ethischer Argumentation aus wissenschaftlichen Neuerungen, die die
Lebenswelt der Menschen beeinflussen, was sich in Gattungen wie Technikethik, Medienethik
und Informationsethik (Cyber Ethics) zeigt. Und dann sollen ja nicht nur die Ergebnisse, sondern
auch der Prozess wissenschaftlicher Arbeit moralisch beurteilbar sein, was eine Forschungsethik
nötig macht. Die Globalisierung wiederum hat zu einer Flut an Publikationen zum Thema Global
Ethics geführt, die neue Rolle internationaler Institutionen in Fragen der Armutsbekämpfung,
Entwicklungshilfe und kollektiver Sicherheit zur Institutionenethik. Schließlich gibt es
Lebensbereiche, deren Moral einer besonderen Analyse unterzogen werden muss, die schon vor
2500 Jahren relevant waren und es immer noch sind, ich denke an die (Straf-)Rechtsethik, die
Politische Ethik und die Wirtschaftsethik.
Die Liste der Versuche, das Nachdenken im Rahmen der Ethik praxisrelevant und
anwendungsbezogen auszugestalten, ließe sich noch fortsetzen. Es soll hier aber nicht um
Vollständigkeit gehen, sondern um den Grundgedanken: Ethische Reflexion ist kein
Selbstzweck, sondern soll dazu beitragen, Bedingungen für mehr Moral zu schaffen und damit,
so hoch sollte der Anspruch hängen, für eine bessere Welt.
Zu 2. Was sind die (berechtigten) Erwartungen an die Christen/Gemeinden/Kirchen?
In der Schweiz ist im Jahr 2002 eine Spezialstudie in Auftrag gegeben worden, um zu ermitteln,
welche Erwartungen die Schweizer Bevölkerung an die Kirchen hat. 7 Im Ergebnis dieser Studie
stellte sich heraus, dass das Interesse und die Erwartungen an kirchliche Gemeinschaften recht
gering sind: So äußerten bedeutend weniger Personen überhaupt noch Erwartungen, als dies die
doch nach wie vor relativ hohen Mitgliederzahlen der Kirchen es vermuten ließen. Offenbar
erwarten auch Kirchensteuer zahlende BürgerInnen nicht mehr viel konkretes Engagement von
ihren Kirchen, oder sie haben mindestens keine konkreten Vorstellungen davon.
Gleichgültigkeit gegenüber kirchlichem Engagement, sei dies gesellschaftlicher oder kultischer
Natur, überwiegt. Immerhin entspricht aber der knappe Drittel, der noch Erwartungen äußert,
doch einem bedeutend größerem Anteil an der Gesamtbevölkerung als die Anzahl regelmäßiger
Gottesdienstbesucher; ein immerhin bedeutendes Potenzial über den "harten Kern" der
Kirchgemeinden hinaus.
Die Frage, die gestellt wurde war: "Wenn Sie an kirchliche Institutionen denken: Nennen Sie
stichwortartig die beiden wichtigsten Aufgaben bzw. Bereiche, in denen Sie künftig mehr
7
Die Grundlage für die vorliegende Analyse bildet eine durch das GfS-Forschungsinstitut (GfS Forschungsinstitut
Wirtschaftsforschungs und Sozialmarketing, Riedtlistr. 9, 8006 Zürich) zusammen mit sechs verschiedenen
Hochschulinstituten zwischen dem 4. und 22. Februar 2002 durchgeführte Befragung.
- 14 Engagement der Kirchen erwarten? Das müssen nicht unbedingt nur klassische kirchliche
Dienstleistungen sein?" (Mehrfachnennungen waren möglich).
Das Ergebnis:
Erwarte überhaupt nichts
Keine Antwort
Offenheit / Toleranz
Jugendarbeit
soziale Aufgaben allgem.
bessere Seelsorge
mit der Zeit gehen
Bedürftigen helfen
Entwicklungshilfe
Ausländer/Asyl (Integration)
Unterstützung der Alten
Menschlichkeit
Friedensförderung
Obwohl das Verhältnis von Kirche und Staat zunehmend kritisch hinterfragt wird, sieht sich die
Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) weiterhin als wichtige religiös-moralische Instanz.
«Dass die Selbstverständlichkeit, mit der die Kirchen in unserer Gesellschaft verankert sind,
nicht mehr für alle nachvollziehbar ist, macht es nötig, intensiver als früher das Verhältnis
plausibel darzulegen», sagte der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider der Deutschen
Presse-Agentur.
Die Bedeutung der Kirche als religiös-moralischer Eckpfeiler der Demokratie sei weiterhin groß.
Schneider: «Wir sind nach wie vor gefragt. Das zeigt, dass es immer noch ein Bewusstsein dafür
gibt, dass unsere Gesellschaft und vor allem der demokratische Rechtsstaat davon leben, dass es
Institutionen wie die Kirchen gibt, die für das Ganze und den Zusammenhalt in der Gesellschaft
Sorge tragen.» 8
Die meisten modernen Herausforderungen erscheinen als sektorale Probleme, die technisch,
ökonomisch, politisch, medizinisch, juristisch, also „praktisch" gelöst sein wollen und
entsprechende Sachkompetenz erfordern. Dass neben den verschiedenen pragmatischen
Dimensionen nun aber immer auch eine ethische existiert, wird leider oft übersehen oder
verdrängt. Die ethische Dimension bezieht sich dabei auf die Normen, Prinzipien bzw. Werte,
die von den angestrebten Lösungsstrategien berührt werden. In der Medizin sind das z.B. die
„vier Prinzipien mittlerer Reichweite“9.
8
http://www.aachener-zeitung.de/lokales/region/ekd-chef-sieht-kirche-trotz-kritik-als-moralische-instanz1.484395#753947364
9
Beauchamp und Childress beschrieben in ihrem Buch "Principles of Biomedical Ethics" 1977 vier ethischmoralische Prinzipien, welche im Bereich des heilberuflichen Handelns ethische Orientierung bieten und inzwischen
als klassische Prinzipien der Medizinethik gelten.
- 15 Eine sittliche Dimension haben Entscheidungen überall dort, wo die Bedürfnisse und
Lebensräume anderer Existenzen (Menschen, belebt und unbelebte Mitwelt) mit berührt werden.
Ein Mensch handelt dann sittlich verantwortlich, wenn er sich im Rahmen seiner Möglichkeiten
bemüht, die für eine Entscheidung relevanten Gesichtspunkte zu finden und wenn er imstande
und bereit ist darzulegen, wie und aus welchen Gründen er im Rahmen der objektiven
Vorraussetzungen wichtet.
Die Frage, die sich stellt ist: Wer könnte nun in der Lage sein, die ethischen Dimensionen
sowohl wahrzunehmen und als auch darauf aufmerksam zu machen?
Lange Zeit waren es die Kirchen, die (in Europa) als moralische Instanz galten und sich in
unterschiedlicher Weise10 den ethischen Herausforderungen ihrer Zeit stellten. Doch spätestens
seit der Reformation hat sich das geändert. An die Stelle der Kirche traten andere Instanzen und
Personengruppen: Philosophen, Schriftsteller (Böll, Walter Jens, Günter Grass), Politiker
(Bundespräsident), Sportler (Doping), Fernsehschaffende (U. Wickert).
Neben der Frage, wer in Lage ist auf die ethischen Dimensionen aufmerksam zu machen, stellt
sich allerdings auch die Frage, was sich für ethische Urteile als Grundlage eignet.
Religionen orientieren sich dabei an ihren Grundtexten wie Bibel, Koran …die Philosophie an
der menschlichen Vernunft. Und auch diese Quellen werden zunehmend kritisch hinterfragt.
Also:
-
Eignet sich die Bibel / der Koran (in ihrer Gesamtheit) als Maßstab bzw. Orientierung für
moralisches Handeln oder müssen nicht immer Texte ausgewählt und (mit ethischen
Absichten) interpretiert werden?
-
War die Kirche jemals in ihrer Geschichte eine Institution, von der hilfreiche Impulse für
moralisches Handeln ausging?
-
Reicht die Vernunft aus, um zu ethischen Orientierungen zu kommen?
Alle diese Fragen werden in unserer Zeit zunehmend verneint.
SPIEGEL Ausgabe 34/2010 Moral: Die neuen Deutschen von Alexander Smoltczyk
„Warum genießen ein 91-jähriger Kettenraucher und ein Fußballtrainer mehr Ansehen als die
Kanzlerin und der Papst? Zu wem haben die Bürger Vertrauen…
-
Respekt vor der Autonomie der Patientin / des Patienten (respect for autonomy)
Das Autonomieprinzip gesteht jeder Person Entscheidungsfreiheit und das Recht auf Förderung der
Entscheidungsfähigkeit zu. Es beinhaltet die Forderung des informierten Einverständnisses (informed consent)
vor jeder diagnostischen und therapeutischen Maßnahme und die Berücksichtigung der Wünsche, Ziele und
Wertvorstellungen des Patienten.
- Nicht-Schaden (nonmaleficence)
Das Prinzip der Schadensvermeidung fordert, schädliche Eingriffe zu unterlassen. Dies scheint zunächst
selbstverständlich, kommt aber bei eingreifenden Therapien (z.B. Chemotherapie) häufig in Konflikt mit dem
Prinzip der Fürsorge.
- Fürsorge, Hilfeleistung (beneficence)
Das Prinzip der Fürsorge verpflichtet den Behandler zu aktivem Handeln, das das Wohl des Patienten fördert
und ihm nützt. Das Fürsorgeprinzip steht häufig im Konflikt mit dem Prinzip der Schadensvermeidung (s.o.).
Hier sollte eine sorgfältige Abwägung von Nutzen und Schaden einer Maßnahme unter Einbeziehung der
Wünsche, Ziele und Wertvorstellungen des Patienten vorgenommen werden.
- Gleichheit und Gerechtigkeit (justice)
Das Prinzip der Gerechtigkeit fordert eine faire Verteilung von Gesundheitsleistungen. Gleiche Fälle sollten
gleich behandelt werden, bei Ungleichbehandlung sollten moralisch relevante Kriterien konkretisiert werden.
Diese Prinzipien stehen zunächst gleichberechtigt nebeneinander, d.h. im Einzelfall müssen die Prinzipien jeweils
konkretisiert und gegeneinander abgewogen werden. Moralische Kontroversen können als Konflikte zwischen den
verschiedenen gewichteten Prinzipien dargestellt werden.
10
Z.B. durch Enzykliken, Hirtenbriefen, in Verkündigung, Unterweisung und Seelsorge
- 16 Der SPIEGEL hat in diesem Sommer in zwei Umfragen herauszufinden versucht, wem die
Bundesbürger noch vertrauen, nach den Enttäuschungen der letzten Monate, nach
Schuldendebakel, Präsidentenwahl, Reformstillstand, wer bestehen bleibt als moralische Instanz.
Wem wird noch geglaubt, und in welchen Deutschen sehen die Bürger sympathische Deutsche,
Menschen also, die von anderen Nationen als moderne Deutsche gesehen werden sollen?
Das Ergebnis ist erstaunlich. Es zeigt ein Land, in dem einem Quizmaster fast genauso viel
Vertrauen entgegengebracht wird wie dem Papst. In dem ein schwuler Komiker mehr Respekt
genießt als ein Altkanzler aus Hannover, der sein Land aus einem Krieg herausgehalten hat. In
dem ein junger Mann mit Namen Mesut Özil für mehr als die Hälfte der Bevölkerung das ideale
Deutschland verkörpert.…Wenn es nach den Bürgern ginge, dann säße Günther Jauch im
Schloss Bellevue und nicht Christian Wulff. Der allgegenwärtige und allwissende Fernsehmann
ist für 84 Prozent der Befragten ein Deutscher, der als Vorbild taugt. Auch Benedikt XVI. wird
darin um Längen geschlagen von der armen Verkehrssünderin Margot Käßmann.
Für die große Mehrzahl der Deutschen ist Ursula von der Leyen die politische Idealfrau. Wenn
man sie selbst nach einer wichtigen
moralischen Instanz gefragt hätte, dann
hätte von der Leyen - neben Helmut
Schmidt und Richard von Weizsäcker den Namen einer Frau genannt: "Alice
Schwarzer. Sie ist eine Frau von Format
und mit Charisma. Sie hat einen geraden
Lebensweg, der sicherlich nicht leicht
war. Aber sie stand für ihre Sache schon
in
den Siebzigern, als das schwierig war.
Das imponiert mir."
Und mit ihr 38 Prozent der Deutschen.
Das ist neu. Eine Emanze, die Buhfrau der
Ära Helmut Kohl, steht heute mehr für
gute neue Werte als der Altkanzler
Gerhard Schröder oder der Spitzenbanker
Josef Ackermann. Das Ansehen von Alice
Schwarzer
ist
auch
bei
CDUStammwählern kaum weniger hoch als im
deutschen Durchschnitt (35 Prozent) und
fast gleichem Maß verbreitet in Ost und
West.
in
Ein Spitzenpolitiker muss wie Alice
Schwarzer in der Lage sein, jedes noch so
heikle Dilemma in drei Minuten zu
benennen. Und seine Entscheidung zu
begründen und den Zuhörer mit dem
Gefühl entlassen, dass er in guten Händen ist. Alles in allem maximal eine Viertelstunde. Es geht
um das, was die Amerikaner "explainer in chief" nennen. Daran mangelt es in der Bundespolitik.
Die Fundamente des wiedervereinigten Deutschland wackeln. Die friedliche Bundeswehr ist in
einen Krieg verstrickt, der nicht gewonnen und nicht beendet werden kann. Der Zustand vieler
Gemeindebibliotheken, Schulen und Straßen ist so, wie man es früher nur aus dem Urlaub in
Südosteuropa kannte. Die Bundesbürger müssen die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise
verkraften, und sie werden in den kommenden Jahren noch mehr ausgeben müssen für
Gesundheit und Vorsorge. Sie werden weniger vom Staat bekommen.
- 17 Wer kann sich da schon um 20 Uhr vor die Kamera setzen und den Deutschen ein Opfer
abverlangen, ohne dass gleich umgeschaltet wird zu Stefan Raab.
Wer kann ihnen den Churchill machen und sagen: Die Lage ist ernst. Die Spielzeit ist vorbei.
Unser Lebensstandard wird deutlich sinken, aber unsere Kinder werden es besser haben.
Oder: Wir müssen in diesen Krieg ziehen. Es wird Opfer geben. Wir werden Fehler machen.
Aber es ist notwendig.
Bei keinem dieser Sätze kann man sich Guido Westerwelle vorstellen. Und schwerlich KarlTheodor zu Guttenberg. Das sind Sätze, bei denen der Respekt vor den Jahren noch wirkt. Das
Gesicht muss Spuren zeigen. Eine faltenlose Stirn deutet auf Unempfindlichkeit hin oder auf
Botox und ist deshalb fehl am Platze. Da helfen auch keine Spin-Doctors, keine PR-Berater und
passende Krawattenfarben. Es geht auch nicht um die richtigen Argumente. Da geht es um ein
Grundvertrauen.
"Helmut Schmidt verkörpert die moralische Instanz in Deutschland. Man spricht ihm auch
generelle Bedeutung schlechthin zu im überragenden Maße", sagt der Politologe Franz Walter.
"Seit Jahren hat er sich auf jede Zigarette hin die Aura eines letzten Bundeskanzlers der
Bundesrepublik kreiert, der bei allen Widrigkeiten im Amt und auch danach stetig und
beharrlich die politischen Linien gezogen hat, ohne dabei populistisch nach Beifall zu heischen,
der überhaupt die internationale Dimension politischer Vorgänge durchweg im Auge hatte."
Das Schmidt-Bild hat sich mittlerweile verblüffend stabil im kollektiven Gedächtnis der
Deutschen festgesetzt. "Obwohl", wie Walter sagt, "alle Probleme - von der Staatsverschuldung,
der Massenarbeitslosigkeit, der Rentenfinanzierung, den neuerlichen Bildungsungleichheiten - in
der Schmidt-Ära ihren betrüblichen Anfang nahmen."
Egal. Die Deutschen sind jetzt schlauer, auch weil sie wissen, was nach Schmidt kam.
Margot Käßmann hat ihr Rücktritt als Bischöfin nach trunkener Fahrt nur noch populärer
gemacht. Sie könnte sich heute für jedes hohe Amt bewerben. Der Bürger will keine Unbefleckte,
er will die Ehrlichkeit und den Mut, der damit verbunden ist. "Eine Person, die ihre moralische
Eignung nicht aus der Länge der Amtszeiten und dem Einfluss von Seilschaften zieht", wie
Richard David Precht kürzlich schrieb.
Günther Jauch ist eine moralische Instanz wider Willen. Er will wohl zur ARD, aber er will kein
Alphatier sein: "Es ist natürlich völliger Unsinn, wenn ich bei Umfragen mal vor, mal nach dem
Dalai Lama und dem Papst genannt werde oder der intelligenteste Deutsche sein soll", sagt er.
"Wir werden doch nur als Projektionsfläche genutzt. Irgendwann wird die Fallhöhe so groß,
dass es nur mit einem möllemannschen Absturz enden kann. Anders wäre es, wenn ich wirklich
in die Politik gehen würde, irgendwo kandidieren und in die Bütt müsste. Dann könnten die
Leute urteilen."
Es sei bemerkenswert, sagt Herfried Münkler, Politikwissenschaftler an der HumboldtUniversität Berlin, "wie sehr die Präsenz in den audiovisuellen Medien dazu führt, dass
öffentliche Akteure als moralische Instanz wahrgenommen werden. Wer bekannt werden will,
muss, wie das Beispiel Alice Schwarzer zeigt, ins Fernsehen gehen. Die Erzeugnisse der Medien
folgen deren Logik - und die ist nicht wesentlich moralischer, sondern kommerzieller Art. Es
mag Ausnahmen geben: Vielleicht ist Marcel Reich-Ranicki die letzte."
Notorische Widerspruchsgeister tummeln sich in Internetforen
Politiker haben diese Medienpräsenz qua Amt und müssen sich darin bewähren. Und schneiden
als moralische Instanz, wie der Parteienforscher Franz Walter amüsiert zur Kenntnis nimmt,
aller Volksverdrossenheiten zum Trotz weit besser ab als "die klassischen Künder und Wächter
- 18 des gesellschaftlichen Gewissens: die Intellektuellen. Damit musste man nicht unbedingt
rechnen".
Da kann sich ein Dichter und Denker wie Hans Magnus Enzensberger sein Leben lang um
Positionen mühen, kann er bedeutende Essays über Krieg, Embryonenforschung und Kapital
verfassen, es wird ihm nicht gedankt. Nur 8 Prozent der Befragten verbinden mit seinem Namen
moralische Autorität.
Dass beinah 80 Prozent der Deutschen ihren wichtigsten Intellektuellen Jürgen Habermas noch
nicht einmal vom Namen her kennen - geschenkt. Auch Adorno, den Vater der Kritischen
Theorie, hätten die Bundesbürger der fünfziger Jahre für einen Magenbitter aus dem RiminiUrlaub gehalten.
Es gab Zeiten, da wurden alte und zornige Frauen und Männer als mutige Stimmen des
Widerspruchs gefeiert. Sie hatten (manchmal auch erfolgreiche) Romane geschrieben und mit
der Mitgliedskarte im PEN-Club das Recht erworben, sich etwa zu Aspekten der Militärstrategie
meinungsstark zu äußern.
Heute tummeln sich Zehntausende von notorischen Widerspruchsgeistern in Internetforen; die
Schar der Blogger klagt stündlich irgendeine Ungerechtigkeit irgendwo in der Republik an.
"An die Kraft und Möglichkeit realistischen wie visionären Vordenkens glaubt in heterogenen
Gesellschaften kaum noch jemand", sagt Franz Walter. Die Zeit der Groß- und
Universalintellektuellen ist vorbei. Gehör findet nur, wer seine Meinung auch in Talkshows
amüsant vertreten kann. Oder wer die Rolle des Engagierten seit Generationen so überzeugend
spielt, bis jeder sie ihm abnimmt. Günter Grass, trotz seiner spätentdeckten SS-Vergangenheit,
ist ein Markenartikel made in Germany, so verlässlich wie Nivea.
"Günter Grass hat in Deutschland die Planstelle für moralische Autorität eingenommen", sagt
Frank Schirrmacher. "Er spielt diese Rolle gut, und deswegen nimmt das Publikum es ihm ab."
Papst Benedikt XVI. ist der andere hauptberufliche Moralist in der Auswahl. Die einzige
moralische Instanz, die ihr Urteil nicht nur aus einem Buch, sondern auch aus einer
jahrtausendealten Erfahrung mit der Welt ableitet.
Man muss nicht Katholik sein, um das Wort aus Rom als Maßstab ernst zu nehmen, ohne sich
gleich daran zu halten.
Es kann jedenfalls nichts schaden, jemanden an Bord zu haben, der auf einem
Wahrheitsanspruch beharrt und eine Sprache spricht, die von weiter her kommt als vom letzten
Trend-Kongress.
Der Katholizismus ist eigentlich eine sehr unbürgerliche Veranstaltung, und es ist immer wieder
erfrischend, den Alten gegen Hedonismus und die angebliche Pflicht zur Selbstverwirklichung
anargumentieren zu hören.
Doch nein. Der Papst mag überall respektiert sein, im Himmel und auf Erden, in seinem
Heimatland ist er es nicht.
Hier wird das Pontifikat dieses Mannes vor allem anderen mit dem Wort "Missbrauch"
verbunden werden. In Benedikt XVI. sehen nur 35 Prozent der Bürger das Deutschland, das sie
sich wünschen, Margot Käßmann kommt auf 51 Prozent. Als moralische Instanz immerhin liegen
beide gleichauf mit etwa 50 Prozent.
Von wem also wollen sich die Deutschen vertreten sehen? Der ideale Deutsche, von Deutschen
gesehen, ist leichtfüßig wie Mesut Özil, fehlbar wie Margot Käßmann, pragmatisch wie Angela
Merkel, unprätentiös wie Günther Jauch, konsequent wie Jogi Löw, unbeschwert wie Lena
Meyer-Landrut, abgeklärt wie Helmut Schmidt.
- 19 Es gibt sie nicht mehr, die alten Gewissheiten.
Und es gibt eine Brache in der politischen Landschaft, nichts ist bemerkenswerter als die
Tatsache, dass sich diese Brache in den Krisenjahren gehalten hat.
In Frankreich gab es Le Pen, in den Niederlanden Pim Fortuyn und jetzt Geert Wilders mit
seiner Anti-Islam-Partei, in Österreich Jörg Haiders Nachfolger und in der Schweiz den
Populisten Christoph Blocher. Hierzulande ist der Platz des chauvinistischen Tribunen frei
geblieben.
Die Deutschen sind weniger anfällig für Alphatiere
Es gibt drei Erklärungen. Entweder hat sich bisher in Deutschland nur noch kein begabter
Volkstribun herausgebildet. Oder die Politiker machen ihren Job doch besser, als ihr Ruf es
nahelegt.
In Frankreich und den Niederlanden haben sich viele Bürger ungehört und unverstanden
gefühlt, als sie mit der Immigration nicht klarkamen. In Italien wird die Lega Nord gewählt, weil
das politische System in sich selbst gefangen ist, unfähig zu Veränderungen.
Vielleicht nehmen hierzulande die Politiker die Dinge doch protestantisch ernster. Das wäre
eine gute Nachricht.
Es gibt eine dritte Erklärung. Seit den fünfziger Jahren werden die Deutschen als skeptisch
beschrieben, zuerst von Helmut Schelsky, zuletzt von Rüdiger Safranski. Sie seien immun gegen
das Romantische, gegen Exzess und Weltentwürfe. Dem Rausch der Ideologie und des Krieges
entronnen, dem Träumen entwöhnt.
Die Skepsis ist dem Deutschen geblieben und ins Genom eingegangen. Befragt nach seinen
Führern, Vorbildern, Alphatieren wählt er sich die Nüchternen. Die Schmidt, Merkel, Jauch. Die
anderen sind ihm suspekt, und auch Lafontaine reüssiert nur in den Brachen im Osten. Die
Deutschen sind nüchterner geworden. Erwachsener. Sie sind weniger anfällig für Alphatiere.
Das wäre eine noch bessere Nachricht.“
Nun haben aber auch diese in der Postmoderne zusehends ihre Überzeugungskraft und
Glaubwürdigkeit eingebüßt.
Ethik in der Postmoderne orientiert sich nicht mehr an Instanzen und Persönlichkeiten, sondern
erfordet autonome Moralität. Diese geforderte Selbst-Orientierung setzt die schöpferische
Verantwortung eines jeden Menschen voraus. "Unser aller Pflicht, die ich kenne, scheint nicht
das gleiche zu sein wie meine Verantwortung, die ich fühle" (Bauman 1995a, 86).
Somit appeliert die Postmoderne Ethik die Möglichkeiten des moralischen Selbst. "Ich bin
moralisch, bevor ich denke. Es gibt kein Denken ohne Konzepte (immer allgemeinen), ohne
Maßstäbe (wieder allgemeinen), ohne Regeln (immer potentiell verallgemeinerbaren). Doch
wenn Konzepte, Maßstäbe und Regeln die Bühne betreten, macht der moralische Impuls seinen
Abgang; ethisches Denken nimmt seinen Platz ein, aber Ethik ist dem Recht nachgeformt, nicht
dem moralischen Drang" (Bauman 1995a, 97).
Dazu: "Das Recht ist nicht Gerechtigkeit. Das Recht ist das Element der Berechnung; es ist nur
(ge)recht, daß es ein Recht gibt, die Gerechtigkeit indes ist unberechenbar: sie erfordert, daß man
mit dem Unberechenbaren rechnet. Die aporetischen Erfahrungen sind ebenso
unwahrscheinliche wie notwendige Erfahrungen der Gerechtigkeit, das heißt jener Augenblicke,
da die Entscheidungen zwischen dem Gerechten und dem Ungerechten von keiner Regel
verbürgt und abgesichert wird" (Derrida 1999, 225) . Autonome moralische Verantwortung
erscheint nicht durch heteronome ethische Verpflichtung ersetzbar (vgl. Bauman 1995a, 75).
Autonome Moralität bedeutet: "Ich bin für den Anderen, ob der Andere für mich ist oder nicht"
(Bauman
1995a,
81).
- 20 "Das spezifische Verständnis von der Verfassung des moralischen Selbst, wie es ein
postmoderner Standpunkt nahelegt, macht das moralische Leben wahrscheinlich nicht einfacher;
es kann höchstens davon träumen, es ein wenig moralischer zu machen" (Bauman 1995a, 30
H.i.O.).
Denn: "Es gibt keine Alternative dazu, die Bedeutung von Werten selbst einzusehen, ihre
Konstellation für sich selbst zu bestimmen, Prioritäten, um die es im Einzelfall und vor allem im
Konfliktfall immer geht, selbst festzustzen, und im übrigen Werte nicht so sehr zu proklamieren,
sondern zu praktizieren" (Schmid 1999, 50).
Zu 3. Wie können wir dazu beitragen, dass bei der Vielfalt der möglichen Perspektiven,
unter denen die Herausforderungen betrachtet werden können (und müssen), die ethische
nicht zu kurz kommt?
Unsere Gesellschaft ist im Wandel - egal ob religiöse Fragen postmodern gestellt werden oder ob
wir uns mit neuen Milieus auseinander setzen wollen und müssen. Die Zeit, da das Christentum
alleinige religiöse Macht war, ist vorbei. Die „klassischen“ Antworten des Christentums wie
gesellschaftliche Relevanz oder Kooperation mit weltlicher Macht, welche die letzten 1700 Jahre
halfen, greifen nicht mehr. Wie können wir unseren Glauben in Zukunft leben und wie können
wir andere Menschen mit dem Evangelium erreichen?
Es bestünde die Möglichkeit, uns in unser Milieu zurückzuziehen und eine eigene
abgeschlossene Subkultur zu bilden. Hier und da geschieht dies, am auffälligsten bei einzelnen
christlichen Immigrantengemeinden.
Gerade diese Beispiele und die Erfahrung der Geschichte machen deutlich, dass dies nicht der
Weg sein kann.
Die vier verschiedenen Spannungsfelder
a. Wirtschaftlichkeit contra Fürsorgepflicht (am Beispiel Diakonie)
Nach dem Urteil des Bundesarbeitsgerichts zum Arbeitsrecht in Kirche und Diakonie äußerte der
rheinische Präses die Hoffnung auf Verständigung. «Ich hoffe sehr, dass es in der näheren
Zukunft gelingen wird, eine im Grundsatz vorhandene Interessenidentität zwischen den
Gewerkschaften und den Kirchen endlich einmal zu formulieren und gemeinsam zu vertreten:
dass nämlich die Mitarbeitenden gerade im Sozialmarkt anständig bezahlt werden müssen.»
Das Gericht hatte im November entschieden, dass Mitarbeiter in kirchlichen Einrichtungen
künftig unter bestimmten Umständen für bessere Arbeitsbedingungen streiken dürfen, den
Sonderweg der Kirchen aber grundsätzlich bestätigt. Wenn Arbeitnehmer und Arbeitgeber den
sogenannten Dritten Weg beschreiten und unter sich eine Einigung finden, bleiben
Arbeitskämpfe weiterhin ausgeschlossen.
Schneider sagte, durch das Erfurter Urteil sei klar geworden: «Die Kirchen sind glückliche
Verlierer, sie haben die konkreten Einzelfälle zwar verloren, aber in den Grundsätzen gewonnen.
Der Wunsch der Gewerkschaft Verdi, den Dritten Weg verbieten zu lassen, hat sich nicht erfüllt.
Auf der Grundlage des Erfurter Urteils sollten wir zu einem neuen Miteinander kommen. Denn
die Refinanzierung der Kosten für Leistungen im Gesundheitswesen müssen dringend verbessert
werden - das ist unser gemeinsames Interesse.»
Datei – Es muss sich rechnen
b. Wem gehört der menschliche Körper – zwischen Verfügungs- oder Nutungsrecht
(Enhancement (Optimierung des Menschen) contra Geschöpflichkeit)
c. Wo beginnt und wo endet Menschsein (Hirntod contra Gesamttod, )
d. Pluralität der Welterklärungen contra Wahrheitsanspruch des Christentums
- 21 Spätestes mit der Entwicklung der Quantentheorie ist die Gewissheit und die Sicherheit von
Wissen fundamental infrage gestellt.
Die Erkenntnisphilosophie hat darauf u.a. mit dem radikalen Konstruktivismus reagiert.
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