Lesepredigt 2. Adventssonntag - Lesejahr A (5. Dezember 2010) Ev

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Lesepredigt
2. Adventssonntag - Lesejahr A (5. Dezember 2010)
Ev: Mt 3,1-12
Liebe Schwestern und Brüder!
"Gegensätze ziehen sich an", sagt das Sprichwort. Vor allem, wenn sich ganz
unterschiedliche Menschen zu einem Paar finden, wird es oft zitiert - manchmal lächelnd,
manchmal achselzuckend und wohl auch skeptisch. Wo Feuer und Wasser aufeinander
treffen, ist das eben immer auch ein Risiko.
"Gegensätze ziehen sich an" - das scheint sich auch der Prophet Jesaja gedacht zu
haben. Da wird auch von ganz grundverschiedenen Paaren erzählt, die zueinander finden:
Wolf und Lamm, Panther und Ziegenböckchen kommen da zusammen. Löwe und
Kälbchen liegen beieinander, und auch eine Kuh und eine Bärin leben miteinander. In
einem Zoo ginge das wohl nicht lange gut!
Was an diesem Bild so traumhaft erscheint (und wovon wohl auch Jesaja geträumt hat),
ist die Überwindung aller Gegensätze und Feindschaften, die in unserer Welt natürlich
erscheinen - in unserer Welt, die nach dem Grundsatz "fressen oder gefressen werden" zu
funktionieren scheint. Die Gegnerschaft zwischen Raubtier und Plfanzenfresser ist hier
aufgehoben, und auch die von Tier und Mensch: Auch ein kleines Kind hält sich mitten
unter den wilden Tieren auf und kann sie hüten. Verschiedenheit ist nicht mehr gefährlich.
Unterschiedliche Geschöpfe leben miteinander, wohnen zusammen. Gegensätze
versöhnen sich.
Und es gibt in dieser Welt nichts Böses mehr. Auch ganz kleine Kinder können gefahrlos
leben, können spielen, wo sie wollen, und furchtlos mit den wilden Tieren umgehen. Das
Leben ist nicht mehr bedrohlich für den Menschen; man muss sich nicht mehr ängstigen.
Der ursprüngliche Friede der Schöpfung ist wiederhergestellt - es ist wie eine Rückkehr ins
verlorene Paradies.
Aber wir können nicht zurück ins Paradies, so werden viele sagen. Eine Utopie ist das, ein
"Nirgendwo". So etwas gibt es nicht, nirgends, niemals. Wirklich nicht? So etwas gibt es
doch: wenigstens als Vorstellung und als Sehnsucht. Und als eine solche Vision ist das
Bild vom endgültigen Schöpfungsfrieden sehr real, es begeistert und bewegt immer wieder
neu die Menschen. Utopien sind immer auch Widerstand gegen die Welt, wie sie ist. Für
Jesaja war diese Vision ein Widerstand gegen die Machtpolitik und Kriegstreiberei seiner
Zeit, die auf Kosten derer ging, die sowieso schon arm dran waren.
Und heute? Utopien sind auch heute noch ein mächtiger Einspruch gegen das Grau der
eingefahrenen Gleise, gegen abgestorbene und dürre Winterwüsten, gegen die Kälte
zwischen den Menschen. Sie sind Widerstand gegen das Prinzip, dass der Mensch des
Menschen Wolf ist - und sonst nichts. Jesaja hält sich und allen mit seiner Vision vor
Augen: Es muss nicht so sein! Es muss nicht so bleiben! Das geht nur, wenn man hofft;
wenn man daran glaubt, dass dies alles möglich ist, dass sich etwas verändern kann.
Woher nimmt Jesaja diese Hoffnung? Woher nehmen wir eine solche Hoffnung?
Jesaja spricht am Anfang seiner Vision vom Geist Gottes, von Gottes Kraft, die sich auf
einem Menschen niederlässt, auf ihm ruht. Da kommt einer, der "geistbegabt" ist. Er ist ein
neuer König David, der aus der alten Wurzel Isais hervorsprießt. Aber er ist keine
Neuauflage alter Helden! Ganz anders ist dieser Geistträger, als man es von ihm erwartet.
Nicht Rüstung und Waffen sind seine Stärke, sondern sein Wort, seine Gerechtigkeit,
seine Zuverlässigkeit. Mit diesen gewaltlosen Waffen tritt er den Gewalttätigen entgegen
und entscheidet zugunsten der Armen. Anders als erwartet, anders als normal: Dieser
Geistträger geht neue Wege und leistet Widerstand gegen Augenschein und Hörensagen.
Und genau diese neuen Wege, die die Kraft Gottes ihn führt, schaffen Frieden und
Gerechtigkeit; sie schaffen es, dass sich die Gegensätze versöhnen.
Die größte Herausforderung ist dabei, die Verschiedenheiten dieser Welt und die
Unterschiede unter uns Menschen so zu versöhnen, dass sie nicht verschwinden, aber
doch nicht mehr Angst machen. Das ist eine gewaltige Herausforderung - für unsere
Gemeinde, für unseren Stadtteil / unser Dorf… (hier fallen Ihnen sicher Beispiele ein!).
Überall haben wir mit unserer Verschiedenheit zu kämpfen, mit den Unterschieden in
unserer Herkunft, Sprache und Kultur, mit unterschiedlichen und manchmal unvereinbar
scheinenden Einstellungen und Glaubensüberzeugungen. Hier nicht mehr "wie Hund und
Katz" miteinander (oder besser gegeneinander) zu leben, sondern in versöhnter
Verschiedenheit friedlich zusammenzuleben, das braucht eine Menge Mut. Es braucht die
Kraft und den Geist Gottes. Er gibt uns dafür die Hoffnung ins Herz. Er schenkt uns die
Weisheit, nicht nach Augenschein und Hörensagen zu gehen, sondern dem Traum vom
Frieden zu einem Stück Wirklichkeit zu verhelfen .
Fürbitten
Gott, Du hast uns Jesus gegeben als den neuen Menschen, auf dem Dein Geist ruht. Er
hat uns in seine Nachfolge gerufen und auch uns diese Geistkraft geschenkt, die die Welt
verändern kann. Durch ihn bitten wir dich:
- Für alle, die in ihrem Alltag mit der Verschiedenheit unter Menschen leben müssen,
für die Jungen und Alten, die Einheimischen und Zugezogenen, für die Menschen
verschiedener Kulturen und Glaubensüberzeugungen, die bei uns wohnen: Wir
bitten dich, erhöre uns!
- Für alle, die es nicht miteinander aushalten, für die Familien, in denen Streit
herrscht, für alle, die kein Zuhause haben, für die Opfer von Gewalttaten und auch
für ihre Täter, für die Menschen in den Kriegsgebieten der Welt: Wir bitten dich,
erhöre uns!
- Für uns und alle Schwestern und Brüder, die im Sakrament der Taufe und Firmung
Deinen Geist empfangen haben und so zu HoffnungsträgerInnen wurden: Wir bitten
dich, erhöre uns!
- Für unsere Verstorbenen: Nimm sie auf in Deine neue Welt und lass sie bei dir den
Frieden und die Versöhnung aller Gegensätze finden: Wir bitten dich, erhöre uns!
Gott, Dein Geist kann das Gesicht der Erde verändern. Darauf hoffen und vertrauen wir
heute und alle Tage unseres Lebens! Amen.
Dr. Ursula Silber, Bildungsreferentin in Schmerlenbach
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