Thema Grundschrift in der Presse

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Das Thema Grundschrift in der Presse
Teil 3: Zusammenstellung vom 30.01.2011
WDR, Lokalzeit, Studio Duisburg
vom 21.01.2011, Ein Beitrag von Helge Drafz
Weg mit der Schreibschrift? - MEDIATHEK - WDR.de
Lothar Bode ist Gundschulrektor in Alpen-Veen und steht an der Spitze einer Bewegung, die
altbewährtes Kulturgut abschaffen will: die schöne Schreibschrift. Was Generationen von
Grundschülern mühsam einübten, hat Bode als Unterrichtsinhalt gekippt.
Außerdem noch: Ulrich Hecker im Interview
http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/2011/01/21/lokalzeit-duisburg-schreibschrift.xml
Teil 2: Zusammenstellung vom 23.01.2011
OV am Sonntag (Oldenburgische Volkszeitung), 23.01.2011
Fortsetzung zum Themenschwerpunkt „Schreiben“
In der Lehrerausbildung spielt Handschrift kaum eine Rolle
Studenten müssen an die Tafel
von Peter Beutgen
Vechta – „Wenn man angehende Lehrkräfte ausbildet, sollte man meinen, dass der Blick auf
Handschriften besonders geschärft sei. Dem ist aber nicht so“, gibt Juniorprofessorin Dr. Anja
Wildemann, Dozentin für „Didaktik der deutschen Sprache“ an der Uni Vechta zu.
Sie erinnert sich daran, dass dieses Thema auch in ihrer pädagogischen Ausbildung nur eine
untergeordnete Rolle spielte. Und heute? „Der technische Fortschritt macht sich auch in den
Seminarräumen bemerkbar“, berichtet Wildemann aus dem akademischen Alltag. PowerPoint-Präsentationen mit Laptop und Beamer bestimmen den Alltag von Studenten und Uni-Dozenten
– ein sauberes Tafelbild hingegen kaum noch.
„Universität und Schule scheinen hier weit auseinander zu liegen“, meint sie, „das trifft besonders auf
die Grundschule zu.“ Denn dort spielt die Handschrift eine entscheidende Rolle.
Sie ist, so Wildemann, für die Kinder ein Türöffner in die Welt der Erwachsenen:
„Ihr Motor für das Schreiben ist nicht das Schönschreiben, sondern der Wille, sich mitzuteilen.“
Dass Grundschüler heute erst die Druckschrift und später dann eine verbundene Schreibschrift lernen,
sei für viele Kinder frustrierend.
Durch mechanische Schreibübungen werde die Schreiblust der Schülerinnen und Schüler, die
Druckbuchstaben in der ersten Klasse bereits erlernt haben, oft gehemmt. „Deshalb ist die
angeschobene Debatte wichtig“, so das Fazit der Hochschullehrerin. Sie hofft inständig, dass diese
„nicht zu einer Polarisierung beiträgt, sondern neue Horizonte öffnet“.
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Mit Spannung erwartet Wildemann nun verlässliche empirische Daten darüber, ob Kinder mit der
Grundschrift einfacher und schneller eine persönliche Handschrift entwickeln.
Dabei dürfe man die schwachen Schreiberinnen und Schreiber nicht aus dem Blick verlieren. Ob die
Grundschrift gerade ihnen hilft, mehr Aufmerksamkeit für das orthographisch korrekte
Schreiben zu entwickeln, müsse sich erst noch in der Praxis erweisen.
Grundschulrektor Ulrich Hecker hatte selbst mal eine „Sauklaue“ und hat jetzt einen Wunsch:
Interview: „Eine Schrift für alle Kinder!“
von Peter Beutgen
Oldenburger Münsterland – Ulrich Hecker ist Grundschulrektor in Moers-Meerfeld (NRW) und
Stellvertretender Vorsitzender des deutschen Grundschulverbandes.
Er arbeitet an der Regenbogenschule, einer städtischen Gemeinschaftsschule, seit einem halben
Jahr mit der „Grundschrift“, die – wie in der vergangenen Woche berichtet – in Zukunft das Erlernen
einer verbundenen Schreibschrift überflüssig machen könnte.
Der OV am Sonntag erklärt er in einem Interview, welche Vorteile das hat.
OVS: Wann waren Sie das letzte Mal froh, über eine saubere Handschrift zu verfügen?
Hecker: Gestern noch. Denn froh darüber, lesbar, flüssig und auch in der Form ansprechend schreiben
zu können, bin ich eigentlich täglich, wenn ich Wörter und Sätze für Kinder
an die Tafel oder Texte in ihr Heft schreibe. Wer mit Kindern an ihrer Handschrift arbeiten will, der
sollte auch selbst ein „Schreibvorbild“ sein.
OVS: Hand aufs Herz: Waren Ihre Klassenarbeiten, als Sie selbst zur Schule gingen, immer
einwandfrei lesbar?
Hecker: Nein! Ich habe noch Schulhefte aus der Mittelstufe und wundere mich heute über das
Wohlwollen meiner Lehrerinnen und Lehrer, dieser „Sauklaue“ noch Sinn zu entnehmen.
Im Ernst: Besonders während der Pubertät war meine Handschrift weder formklar noch gut lesbar.
Damals habe ich darauf auch keinen Wert gelegt.
OVS: Kinder sollen mit der Hand schreiben, um sich Inhalte besser zu merken und ihre Feinmotorik
zu schulen. Warum gelingt das heute so schlecht?
Hecker: Für Erstklässler galt immer: Schreiben lernen sie mit einer Ausgangsschrift.
Heute gibt es die absurde Situation, dass die meisten Kinder zwei Ausgangsschriften
lernen: die Druckschrift in den ersten Schulmonaten, danach eine der drei genormten
Schulausgangsschriften.
Wenn Kinder die Buchstaben gelernt haben und allmählich sicher werden, werden sie
plötzlich mit völlig anderen Buchstaben- und Bewegungsformen an der Weiterentwicklung
ihrer eigenen Handschrift gehindert. Dieser Bruch ist lernpsychologisch für viele Kinder katastrophal.
Hinzu kommt, dass dem Schreibunterricht und der Frage, wie Kinder besser schreiben lernen, in den
letzten zwei Jahrzehnten recht wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde.
OVS: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Lesbarkeit und orthographischer Korrektheit einer
Handschrift?
Hecker: Aus meiner Erfahrung: eindeutig ja! Wenn Kinder von Anfang an Klarheit und Sicherheit im
Umgang mit Buchstaben und Wörtern gewinnen können, werden sie aufmerksamer und routinierter
bei der Rechtschreibung. Eine flüssige Schrift, die Kindern leicht
von der Hand geht, entlastet und macht den Kopf frei für das, was sie schreiben.
Auch für die Rechtschreibung.
OVS: Mit LA, VA und SAS gibt es heute bereits drei Ausgangsschriften parallel.
Warum brauchen wir nun eine vierte, die neue „Grundschrift“?
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Hecker: Die Grundschrift ist keine vierte Schrift. Sie will die einzige Schrift für Kinder sein. Die
Schrift, mit der jedes Kind seine eigene Handschrift entwickelt.
OVS: An Ihrer Grundschule wird die Grundschrift bereits seit einiger Zeit unterrichtet. Wie sind
die ersten Erfahrungen?
Hecker: Durchweg gut. Mit der Grundschrift lernen die Kinder schreibend die Buchstaben. Sie
sprechen miteinander über ihre Schreiberfahrungen. Sie probieren aus, Buchstaben auch miteinander
zu verbinden. Wendebögen am Ende von Grundschrift-Buchstaben bieten sich zur Weiterführung zum
nächsten Buchstaben an. Mit schreibhäufigen Wörtern können die Kinder ausprobieren, was sich für
ihre Hand schwungvoll schreiben lässt. Das schreibende Kind entwickelt so seine eigene, ganz
persönliche Handschrift: gut lesbar und flüssig, d.h. gut zu
schreiben.
OVS: Dürfen denn alle Schulen in Deutschland schon heute mit der neuen Grundschrift arbeiten?
Hecker: Ja, meines Wissens ohne Probleme. Auf eine mündliche Anfrage im niedersächsischen
Landtag („Schreiben lernen an Niedersachsens Schulen“) antwortete das Kultusministerium im Juni
2010 beispielsweise, dass sich die Fachkonferenz Deutsch jeder Schule selbst für die Einführung der
Grundschrift entscheiden kann.
* Buchstabenkarten, Materialien und Argumente finden sich unter www.diegrundschrift.de .
Hessische Allgemeine (HNA)
Dienstag, den 18. Januar 2011
Kasseler Grundschule testet neue Schrift
Bisherige verbundene Schreibschriften bereiten Schülern Probleme
von Katja Rudolph
KASSEL. Die herkömmlichen Schreibschriften, die zig Schülergenerationen gelernt haben,
stehen auf dem Prüfstand. Der Grundschulverband hat eine Initiative gestartet, die sogenannte
Grundschrift einzuführen. Das ist eine an die Druckbuchstaben angelehnte Schreibschrift, bei der die
einzelnen Buchstaben zwar auch verbunden werden können, aber nicht müssen.
An der Kasseler Schule am Heideweg werden in den nächsten Wochen zwei Klassen mit der neuen
Schriftart arbeiten. Nach HNA-Informationen ist sie die einzige der 55 Schulen in Stadt und Altkreis
Kassel, die die Grundschrift bereits zur Anwendung bringt.
Bundesweit beteiligen sich nach Schätzungen des Grundschulverbands etwa 100 Schulen an der im
Mai 2010 gestarteten Grundschrift-Initiative. Genau erfasst ist bislang aber nicht, welche Schulen
schon Erfahrungen mit der neuen Methode sammeln.
Der hessische Rahmenplan für Grundschulen ist hinsichtlich der Schriftform offen formuliert.
Dort heißt es, dass der Übergang zur verbundenen Schreibschrift nicht forciert werden müsse. Die
Wahl der Schreibschriftart bleibe den Schulen überlassen, erklärt Dr. Ernst Purmann vom
Staatlichen Schulamt in Kassel. Hintergrund des Vorstoßes sind Beobachtungen, dass viele Schüler
nach dem Beherrschen der Druckbuchstaben beim Erlernen einer zweiten Ausgangsschrift
Schwierigkeiten haben. Motorisch seien manche Kinder überfordert, alle Buchstaben nach den
Vorgaben der herkömmlichen Schreibschrift - in der Regel ist es in Hessen die vereinfachte
Ausgangsschrift – miteinander zu verbinden, berichten Grundschullehrer. Einige
Schüler machten dann vermehrt wieder Rechtschreibfehler.
Ziel der Grundschrift ist es laut Grundschulverband, den Übergang zu einer verbundenen
Schrift ohne Bruch in der Schreibentwicklung zu gestalten.
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ZumTage
Zeitgemäß schreiben
KATJA RUDOLPH über die Grundschrift
Papa, warum muss ich das lernen? Ich kann die Buchstaben doch schon“, fragte der achtjährige Sohn
eines Kollegen kürzlich. Der Junge bringt damit ein Problem auf den Punkt, das vielen
Grundschullehrern bekannt ist. Die Kinder haben gut lesen und schreiben in Druckbuchstaben gelernt,
und dann müssen sie sich auf eine neue Schreibschrift umstellen.
Auch Laien ist einsichtig, dass es dabei zu Reibungsverlusten kommen kann.
Der Vorschlag des Grundschulverbands leuchtet deshalb ein: Weniger Verwirrung beim Wechsel zur
Schreibschrift, indem die Buchstaben an den Drucklettern orientiert sind. Natürlich
wird es Verfechter der bisherigen Schreibschriften geben. Diese waren ja auch kein Unsinn, sondern
ein Schritt in der Entwicklung der Schrift.
Jetzt kann der nächste folgen. Im digitalen Zeitalter, in dem ohnehin immer mehr an der Tastatur statt
mit dem Stift geschrieben wird, ist es nur folgerichtig, auch die verbundene Schrift an
Druckbuchstaben anzulehnen. Eins ändert sich dabei nicht: Die Freiheit eines jeden, seine persönliche
Handschrift zu entwickeln.
STICHWORT
Rahmenplan Grundschule
Als Erstes lernen Kinder in der Grundschule beim Lesen die Druckschrift kennen.
Im Rahmenplan Grundschule des Hessischen Kultusministeriums, der seit 1995 gilt, heißt es:
„Schreiben muss mit der Druckschrift beginnen. (...) Der Übergang zur verbundenen Schrift muss
nicht forciert werden. Durch Schreibdrucken wird die Entwicklung zur verbundenen
Handschrift nicht beeinträchtigt.“ Der Zeitpunkt des Erlernens der Schreibschrift „sollte der
Entscheidung jedes Kindes überlassen bleiben (...).“ Die Vereinfachte Ausgangsschrift,
heißt es weiter, sei „strukturell den Formen der Druckschrift ähnlich und bietet daher die günstigsten
Voraussetzungen für die kontinuierliche Entwicklung zu einer persönlichen Handschrift.“ Daher sei ihr
Vorrang einzuräumen. (rud)
Spielraum beim Schreiben
Pilotprojekt Grundschrift an Heideweg-Schule – Fließender Übergang von Druckbuchstaben
von Katja Rudolph
KASSEL. Die Karteikästen mit den Buchstabenkarten sind fertig, die Arbeitsmaterialien
vorbereitet: An der Grundschule am Heideweg in Bad Wilhelmshöhe soll jetzt in zwei Klassen die
Grundschrift gelehrt werden. Als sie sich mit dem Projekt des Grundschulverbands beschäftigt habe,
sei ihre erste Reaktion gewesen: „Das ist es!“, sagt Lehrerin Stephanie Hertha.
Sie hat immer wieder beobachtet, dass einige Grundschüler in der zweiten Klasse beim Erlernen der
Schreibschrift Probleme haben.
Das flüssige Schreiben der verbundenen Buchstaben falle den Kindern schwer. Und die neu zu
lernende Form der Schreibschrift-Buchstaben, die teilweise deutlich von der Druckschrift abwichen,
sorge für Verwirrung.
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„Einige Kinder entwickeln regelrecht Blockaden“, sagt die Grundschulpädagogin. Viele Kinder seien
auch von den motorischen Abläufen überfordert, ergänzt ihr Kollege Frank Schumacher-Henrich, der
das Pilotprojekt „Grundschrift“ mit betreut. In der Folge würden durch die starke Konzentration auf
den Schreibvorgang an sich wieder vermehrt Rechtschreibfehler gemacht.
Die Grundschrift will den Kindern den Übergang von der Handschrift in Druckbuchstaben
zur verbundenen Schreibschrift leichter machen. Dadurch, dass dann lediglich die Verbindungen
zwischen den einzelnen Buchstaben geübt und keine zweite, komplett neue Schriftart antrainiert
werden muss, soll ein Bruch in der Schreibentwicklung verhindert werden. „Das Umlernen
fällt weg“, sagt Stephanie Hertha. Generell seien die Spielräume für die Kinder bei der Grundschrift
größer. Zwar würden Vorschläge gemacht, welche Buchstaben man verbinden kann. Doch rege man
die Schüler an, selbst herauszufinden, wie sie am besten zu rechtkommen. So werde schon frühzeitig
die Entwicklung einer individuellen Handschrift gefördert. Später, sagt Frank Schumacher-Henrich,
würden die meisten Erwachsenen ohnehin maximal drei bis vier Buchstaben ohne Unterbrechung
schreiben.
Im November hatte das Kollegium der Schule am Heideweg beschlossen, die Grundschrift in der
Praxis zu testen. Bei einem Elternabend mit der teilnehmenden Klasse habe es Zustimmung für das
Projekt gegeben, sagt Lehrerin Hertha. Sie betont, dass auch das Schönschreiben bei der Grundschrift
nicht zu kurz komme. Und natürlich gebe es nach wie vor Regeln zum Schreiben und zur Gestaltung
der Buchstaben.
„Angst vor dem großen Kritzeln und Krakeln muss keiner haben.“ An anderen Schulen in Stadt
und Altkreis Kassel gibt es offenbar bislang keine konkreten Pläne, die Grundschrift zu erproben.
Viele Schulleiter verfolgen aber die Diskussion. „Die Gedankengänge kann ich gut nachvollziehen“,
sagt Dieter Herrmann von der Fridtjof-Nansen-Schule in Süsterfeld-Helleböhn.
Allerdings wolle man erst mal die weiteren Erfahrungen mit der Grundschrift abwarten.
Das sagt das Schulamt
Schriftliches Äußern ist das Ziel Entscheidend sei, Grundschülern die Kompetenz zu vermitteln,
sich schriftlich zu äußern, sagt Dr. Ernst Purmann vom Staatlichen Schulamt für Stadt und Landkreis
Kassel. Dazu solle auch eine verbundene Form der Schrift erlernt werden. Welche
genau, das könnten die Schulen selbst entscheiden. Der Rahmenplan Grundschule (siehe Stichwort) sei
hier sehr offen formuliert. Allerdings achte das Schulamt darauf, dass es innerhalb
der Schulen eine klare Linie gebe. „Es darf nicht so aussehen, dass die 1a die eine und die 1b
die andere Schrift lernt.“ Die meisten Schulen in der Region arbeiteten mit der Vereinfachten
Ausgangsschrift, sagt Purmann. Aber auch die Schulausgangsschrift und vereinzelt die Lateinische
Ausgangsschrift würden noch gelehrt. (rud)
Das sagt der Professor
Sinnvoller Vorschlag
„Wir wissen, dass viele Kinder sich damit abquälen, unbedingt eine verbundene Handschrift zu
finden“, sagt Prof. Dr. Norbert Kruse, an der Universität Kassel Professor für Deutschdidaktik
mit dem Schwerpunkt Grundschule. Insofern halte er die Grundschrift, die der Grundschulverband
vorschlage, grundsätzlich für sinnvoll. Dabei handele es sich nicht um eine reine unverbundene
Schrift, betont Kruse. Kinder würden dabei durchaus angeleitet, Buchstaben
miteinander zu verbinden, dabei hätten sie aber mehr Möglichkeiten.
„Es geht nicht darum, eine Norm zu erfüllen, sondern eine lesbare Handschrift zu entwickeln.“
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Dadurch dass Kinder nicht gezwungen würden, grundsätzlich Verbindungen herzustellen, könnten sie
sich auf die kommunikative, also mitteilende Funktion der Schrift konzentrieren. Allerdings, betont
der Grundschuldidaktiker, müssten sowohl Schüler als auch Lehrer Beurteilungskriterien der Schrift an
die Hand bekommen. „Es darf nicht beliebig werden.“ (rud)
OV (Oldenburgische Volkszeitung) am Sonntag
SEITE 4 • SONNTAG, 16. JANUAR 2011
Die geschwungene Handschrift scheint durch SMS und Tastaturen immer unwichtiger zu
werden
Tschüss Schreibschrift, mach’s gut!
von Peter Beutgen
– „So eine Sauklaue, die kann doch keiner lesen!“ Mit diesem Fluch auf den Lippen schütteln viele
Lehrer über Klassenarbeiten verzweifelt den Kopf. Kein Wunder. Denn die Gelegenheiten,
selbst den Stift in die Hand zu nehmen, werden für Kinder immer weniger.
Viele klicken sich durch die Menüs von Handy und Computer, lange bevor sie den Füllfederhalter in
die Hand nehmen. Und Zeitungen und Bücher erscheinen bekanntlich in Druckschrift.
Erschwerend kommt hinzu, dass an den Grundschulen seit Jahrzehnten keine einheitliche
Schreibschrift mehr unterrichtet wird. Die Lateinische Ausgangsschrift (LA), die Vereinfachte
Ausgangsschrift (VA) und die einstmals in der DDR eingeführte Schulausgangsschrift (SAS)
konkurrieren um die Gunst der Pädagogen. Der Streit um Häkchen und Schwünge ist zu einem
Knoten verwachsen, den der deutsche Grundschulverband nun durchschlagen möchte: Kinder
sollen demnächst gerundete Druckbuchstaben lernen – die sogenannte „Grundschrift“ – und daraus
selbst individuelle, aber gut lesbare Handschriften entwickeln.
Der Verband hat vor einem halben Jahr eine Initiative zur Abschaffung der Ausgangsschriften
gestartet. Rund einhundert Grundschulen machen in der Erprobungsphase mit, die im Laufe dieses
Jahres ausgeweitet werden soll. Bislang lernen Kinder das Alphabet in der ersten Klasse
in Druckbuchstaben, ab der 2. Klasse kommt dann die verbundene Schreibschrift dran. Die Reformer
halten dieses zweite Schreibenlernen – immerhin werden mehr als hundert Unterrichtsstunden darauf
verwendet – für pure Verschwendung: In dieser Zeit könnten die Kinder besser Rechtschreibung,
Grammatik und Ausdruck üben.
Die Reformer stellen die Frage, wozu die User von morgen überhaupt noch eine normierte
Schreibschrift beherrschen sollen. Tastaturen haben das Schreiben von Hand bereits auf Nischen wie
Einkaufszettel oder Postkarten verdrängt. Und trotz Normschrift schwingt dabei jeder den Stift wie es
ihm passt. „Die Argumente für die Schreibschrift sind fast immer ästhetischer Natur“, meint der
Siegener Grundschuldidaktiker Hans Brügelmann. Wer Schönschrift lernen wolle, könne das im
Kunstunterricht tun. Ansonsten solle die Lesbarkeit den Vorzug vor willkürlichem Standard
bekommen. Das ruft Widersacher auf den Plan. Vehement wehrt sich der Verein „Lesbar Schreiben“
gegen die Abschaffung der guten alten Schreibschrift. Damit werde
„den Kindern noch mehr Schaden zugefügt als zuvor“, wettert der von namhaften Wissenschaftlern
unterstützte Verein. Er macht vor allem die mangelhafte Schreibausbildung der
Grundschullehrer selbst für das kryptische Gekrakel der deutschen Kinder verantwortlich.
„Wer etwas nicht kann, kann es auch nicht unterrichten“, wettert der Verein im Internet gegen
das „Versagen des Schreibschrift-Unterrichts“.
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Getreu dem Motto „Zurück in die Zukunft“ verkaufen die Experten von „Lesbar Schreiben e.V.“ eine
neu entwickelte kindgerechte Ausgangsschrift (KAS), die eng an die Lateinische Anfangsschrift
angelehnt ist. Eben jene war bis etwa 1970 an allen deutschen Grundschulen Standard und hatte erst in
den 50er Jahren das Sütterlin abgelöst. Freunde der „deutschen Kurrentschrift“, der ersten deutschen
Standard-Handschrift, haben den Abschied bis heute kaum verschmerzt und beklagen den herben
„Kulturverlust“.
Kinder, die heute die Schulbank drücken, haben indes andere Probleme: Ihre Handschrift muss lesbar
sein – zumindest für Lehrerinnen und Lehrer.
Ein Experten-Interview zu diesem Thema lesen Sie in der kommenden Ausgabe
der OV am Sonntag.
Handschriften im Lauf der Zeit
(pb) – Druckervater Gutenberg hatte nur ein Vorbild beim Schnitzen der ersten Typen: Die
Handschriften seiner Zeit. Der Erfolg der neuen Technik setzte in der Folgezeit die vielen Schreiber
unter Druck und sie wendeten flugs einen Trick an: Sie verbanden die Buchstaben
zu einer Schreibschrift, die der Drucker lange nicht nachahmen konnte.
Es klingt so profan, wie es ist: Handschriften passten sich immer den Bedingungen ihrer Zeit an –
indes meistens zu spät. Als der Grafiker Ludwig Sütterlin 1911 eine einheitliche Schreibschrift
entwickelte, weil die Wirtschaft dringend tüchtige Schreiber brauchte, war die Schreibmaschine
längst erfunden und begann ihren Siegeszug in den Büros. Die in Deutschland übliche Gotische
Schrift wurde 1941 per Führererlass aus den Lehrbüchern gestrichen, weil sie die Kommunikation mit
dem Ausland erschwerte. Die Lateinische Ausgangsschrift prägte das Nachkriegsdeutschland und
sollte Kindern das Erlernen einer persönlichen Handschrift
erleichtern. Tut sie aber nicht. Experten führen das darauf zurück, dass sie zwischen Verbindungsstrich
und Buchstabenstrich zu wenig unterscheidet, um alle Lettern eines Wortes zu verbinden. Das
erschwert Kindern heute das Erlernen einer Handschrift, argumentieren
Verfechter der neuen Grundschrift. Sie orientiert sich an Druckbuchstaben, die unseren Alltag
bestimmen und misst den Verbindungsstrichen eine untergeordnete Bedeutung bei. Dadurch
soll die Handschrift nicht verdrängt, sondern gerettet werden: Wenn es leichter wird, ordentlich zu
schreiben, tun es auch mehr Leute, hoffen die Pädagogen.
_ Mehr Infos im Netz unter www.die-grundschrift.de
Reformitis
von Peter Beutgen
Die Grundschule leidet. Sie leidet an Reformitis – einer chronischen Erkrankung Stoffwechsels.
Beispiel Schreibunterricht. Seit Sage und Schreibe sechs Jahrzehnten wurde das Schriftbild der
Kinder drei Mal reformiert: Sütterlin, Lateinische Ausgangsschrift, Vereinfachte Anfangsschrift.
Da zwei Pädagogen grundsätzlich drei Meinungen entwickeln – zumindest wenn sie nicht jeden
Morgen an der Tafel stehen –, differenziert sich jede Reform wieder in Unterreformen, die durch
Erlasse und Kultusministerkonferenzen weitere Blüten streuen. Mit dem überzeugenden Resultat, dass
heute zum Zwecke der Standardisierung unterschiedliche Methoden parallel unterrichtet werden.
Zumindest das sauber gezogene Schleifen-S wird die kommenden Dichter
und Denker bestimmt nicht verbinden.
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Dabei weiß jeder Krimifreund: Die Handschrift ist individuell wie ein Fingerabdruck. Die Normierung
der Handschrift hat zu Sütterlins Zeiten der Lesbarkeit von Dokumenten gedient, erreicht heute aber
das Gegenteil. Weil sie die Kinder zwingt, ihre Sprache gleich zweimal zu lernen, gedruckt und
handgeschrieben. Dazu sollen die Dreikäsehochs heute aber auch Englisch lernen, den
Computerführerschein machen und soziale Kompetenz aufbauen, die zu Hause oft
nicht gefragt ist. Da bleibt für saubere Häkchen und Schnörkel kaum Zeit. Das Ergebnis: Selbst Drohund Abschieds- und Erpresserbriefe müssen Schreiber heute aus Zeitungslettern zusammenkleben,
damit sie ihren Adressaten lesbar erreichen. Traurig, aber wahr. Pädagogen, Eltern und
Kultusministern, die diese Reformitis kurieren möchten, gebe ich einen Tipp: Schauen Sie im nächsten
Urlaub mal ins Gästebuch der Herberge. Am besten sind die Dankesworte der Reisenden zu lesen, die
in Druckbuchstaben schreiben, egal woher sie kommen.
Teil 1: Zusammenstellung vom 09.01.2011
DER SPIEGEL
Abschied vom Schleifen-s
03. Januar 2011, Seite 126, Bildung
Lernforscher und Lehrer fordern die Abschaffung des Schreibschriftunterrichts.
Geht der jahrzehntelange Streit ums Schreibenlernen zu Ende?
Jedes Schuljahr aufs Neue mühte sich Lothar Bode, Grundschulrektor im Örtchen Veen am unteren
Niederrhein, seinen Schülern eine schöne Handschrift beizubringen. Rund 200 Unterrichtsstunden
lang quälte sich Klasse für Klasse durch den sogenannten Schreibschriftlehrgang – mit ziemlich
erbärmlichem Ergebnis. „Wir konnten die Schrift der Kinder einfach nicht lesen“, gesteht Bode. Auch
die Kollegen der weiterführenden Schulen klagten über das kryptische Gekrakel.
„Am Ende haben wir beschlossen, den Quatsch zu lassen“, erinnert sich Bode.
Ihre ersten Schreibversuche machen Grundschulkinder in Deutschland ohnehin längst in
Druckbuchstaben. Erst in Klasse zwei kommt eine von drei normierten „Ausgangsschriften“ dazu, je
nach Bundesland, Schule oder Geschmack des Lehrers mit mehr oder weniger Schnörkeln, Bögen,
Auf- und Abstrichen. „Nach einem Jahr Druckschrift haben die meisten Kinder gerade Spaß am
Schreiben“, sagt Lehrer Bode, „war - um sollen wir dann diesen Formalkram drüberstülpen?“
Immer mehr Pädagogen folgen inzwischen dem Beispiel der Niederrheiner, die seit 2003 nur noch
Druckbuchstaben lehren.
Auch für die meisten Forscher sind vorgeschriebene Schwünge und Bögen ein überholter Umweg zur
eigenen Handschrift. „Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass ein solcher Zwischenschritt
sinnvoll ist“, sagt Erika Brinkmann von der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd, die das
Schreibenlernen seit 30 Jahren untersucht. „All die festgelegten Schnörkel sind anachronistisch“,
assistiert Ulrich Hecker vom Grundschulverband, „sie waren nie eine Lösung für die Probleme
beim Schriftspracherwerb.“
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Dabei wurde die bewegte Entwicklung des Schul-Abc stets von pädagogischer Fürsorge
vorangetrieben: Die Lateinische Ausgangsschrift (LA) sollte später, anders als das steife Sütterlin, das
die Nazis 1941 verboten hatten, mehr individuelle Freiheiten erlauben. In den siebziger Jahren schien
dann auch die LA mit ihren vielen Richtungswechseln, Auf- und Deckstrichen zu schwierig für
ungeübte Kinderhände.
Der Pädagoge Heinrich Grünewald entwickelte daraufhin die „Vereinfachte Ausgangsschrift“
(VA) mit „Köpfchen-e“, „gespreiztem t“ und „Schleifen-s“. Der Clou: Sämtliche VA-Buchstaben
haben gleichsam eine natürliche Andockstelle für anschließende Lettern, und die Zeichen sind
weitgehend der Druckschrift nachempfunden – jenen Buchstaben also, die die Kinder im Alltag
umgeben, ob in Büchern, Zeitungen, im Supermarkt oder auf dem PC.
Ohne Studium der Grundschulpädagogik indes sind manche VA-Buchstaben kaum als solche zu
erkennen, das s etwa oder das t. „Was hat man sich nicht alles einfallen lassen, um das kleine s in die
Schreibspur einzufädeln“, klagt der Hildesheimer Schulforscher Wolfgang Menzel, „man sollte ihm
das Recht auf seine Urform belassen, statt es in jedes Wort kunstvoll einzuhäkeln.“
Menzel, inzwischen Emeritus, wähnt sein Lebenswerk kurz vor der Vollendung: „Die Schreibschrift
hat mich mein ganzes Hochschullehrerleben lang beschäftigt.“
Der Forscher lieferte das wissenschaftliche Fundament für die vielleicht letzte Reform der
Schulschreibschrift: deren vollständige Abschaffung. Ihr Scheitern beruhe auf dem Grundirrtum,
Schreiben sei in erster Linie „ein Vorgang der Verbindung von Buchstaben“. Tatsächlich ist die
durchgehend verbundene Schrift in anderen Ländern wenig verbreitet. Englische und spanische AbcSchützen etwa lernen eine Art Druckschrift, in der Schweiz verdrängen Druckbuchstaben gegenwärtig
die traditionelle „Schnürlischrift“.
Bundesweit rund hundert Schulen hat der Grundschulverband für sein Projekt „Grundschrift“
gewonnen. Die Lehranstalten verzichten auf Bögen und Aufstriche, die Kinder sollen aus den
Druckbuchstaben nach und nach eine eigene Handschrift entwickeln –mit Verbindungen nur dort, wo
es dem persönlichen Schreibfluss nutzt. Im April 2011 werden auf einer wissenschaftlichen Tagung
die Ergebnisse des Probelaufs diskutiert.
Bei Rektor Bode jedenfalls hat sich seit der Veener Reform niemand mehr über die Klaue der Kinder
beschwert. „Den Schülern fehlt nichts“, resümiert der Pädagoge, „aber wir haben viel Zeit gewonnen,
die wir sinnvoller nutzen können.“
Viele Praktiker lassen die Schreibschrift längst aus reiner Not weg: An Brennpunktschulen sind die
Lehrer oft froh, wenn die Kinder überhaupt halbwegs Lesbares zu Papier bringen. Und genügt das
nicht auch in Zeiten von SMS und World Wide Web, wo Handgeschriebenes ohnehin fast nur noch in
Formularen eine Rolle spielt?
„Die Argumente für die Schreibschrift sind fast immer ästhetischer Natur“, erklärt der Siegener
Grundschuldidaktiker Hans Brügelmann: „Wer in Zukunft Schönschrift lernen will, kann das im
Kunstunterricht tun.“
Druckschrift für alle?
Gebräuchliche Schulschreibschriften:
Lateinische Ausgangsschrift (LA)
Im Unterricht verwendet seit 1953 (Westdeutschland)
Schulausgangsschrift (SAS)
Im Unterricht verwendet seit 1968 (Ostdeutschland)
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Vereinfachte Ausgangsschrift (VA)
Alternativ im Unterricht verwendet seit 1973
Grundschrift (Vorschlag)
Derzeit Modellversuche an etwa hundert Grundschulen
Sonntag aktuell (Stuttgart)
19.12.2010
Die Schreib-Katastrophe
VON RAINER WEHAUS
Grundschullehrer schlagen Alarm: Immer mehr Kinder können ihre eigene Handschrift nicht lesen.
Baden-Württemberg will nun erproben, wie man das Schreibenlernen einfacher und besser machen
kann.
Frustrierte Jungs, ratlose Lehrer und immer mehr unleserliche Handschriften – die Art,
wie den Kindern in der Grundschule das Schreiben beigebracht wird, stößt auf Kritik.
Baden-Württemberg will darauf nun als erstes Bundesland reagieren. Kultusministerin Marion Schick
(CDU) kündigte gegenüber dieser Zeitung Gespräche über Verbesserungen für den Anfang des neuen
Jahres an. „Spätestens zum März werden wir Schulen auswählen, die dann zum kommenden Jahr mit
der Erprobung starten können.“
In der Kritik sind vor allem die alten Schreibschriften, die gelehrt werden: die Lateinische und die
Vereinfachte Ausgangsschrift. Experten halten sie für zu kompliziert und kaum schreibbar. Schick ist
bereit, sie abzuschaffen und durch eine einfachere Schrift zu ersetzen. „Ich will nicht, dass die Kinder
sich an der Schrift abarbeiten“, sagte sie. „Ich will, dass sie ihren Hirnschmalz für Deutsch, Mathe und
die anderen Fächer verwenden“, so die Ministerin.
Laut Grundschulverband verlassen immer mehr Kinder die Grundschule, ohne leserlich schreiben zu
können. Verbandsvize Ulrich Hecker schätzt, dass inzwischen ein Drittel der Jungs und zehn Prozent
der Mädchen hier „erhebliche Probleme“ hätten. Er begrüßte Schicks Vorstoß. „Wir sind gerne bereit,
bei der Reform mitzuwirken.“ Die Handschriftentrainerin Susanne Dorendorff, die bereits rund 1000
problematische Handschriften analysiert hat, spricht von einer „Katastrophe“. Vor allem Jungs werde
an den Schulen früh die Lust am Schreiben und damit auch am Lesen genommen.
Derzeit lernen die Kinder in der Regel zuerst die Druckbuchstaben, müssen sich dann aber auf eine der
Schreibschriften umstellen. Dies verbrauche viel kostbare Unterrichtszeit, die besser für anderes
verwendet werden sollte, sagt die Lehrergewerkschaft GEW. Die GEW unterstützt daher die Initiative
des Grundschulverbands, der dafür plädiert, aus den Druckbuchstaben eine einfachere Schreibschrift
zu entwickeln. Dann müssten die Kinder auch nicht mühsam umlernen, sagte Hecker. Schick zeigte
sich offen für den Vorschlag: „Wenn er etwas bringt, sind wir in Baden-Württemberg bereit, die Praxis
zu ändern.“ Sollte das Erlernen der Schrift für die Kinder demotivierend sein, „dann müssen wir
Konsequenzen ziehen“. Der renommierte Bildungsforscher Klaus Hurrelmann unterstützt die Pläne.
Die Jungs würden im Bereich Lesen und Schreiben seit Jahren stagnieren, sagte er dieser Zeitung. Der
Rückstand auf die Mädchen habe sich beim Pisa-Vergleich sogar vergrößert. „Es muss unbedingt
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experimentiert werden, wie man bei den Jungs den Spaß am Lesen, aber auch beim Schreiben weckt“,
so Hurrelmann.
Wer nicht richtig schreiben könne, habe auch keine Lust zum Lesen.
Das Folter ABC
VON RAINER WEHAUS
Marco (11) hat ein Problem. Er kann seine eigene Schrift oft nicht lesen – die Lehrer schon gar nicht.
Wenn er Vokabeln paukt, lernt er sie nicht selten falsch. Wenn er sich auf eine Klassenarbeit
vorbereitet, hilft ihm sein Aufschrieb wenig. Er behilft sich mit dem Schulbuch und könnte sich das
Lernen erleichtern, fasste er die wichtigsten Punkte zusammen. Aber auch diesen Aufschrieb könnte er
kaum entziffern. Kurzum: Seine unleserliche Schreibe macht Marco das Schulleben schwer.
Lehrer und Kultusbürokraten geben die Schuld dafür gerne den Betroffenen. Viele Eltern ließen ihre
Jungs zu lang vor Computern und Spielkonsolen sitzen, sagen sie. Entsprechend schlecht seien die
Jungs feinmotorisch drauf, wenn es in der Schule an das Schreibenlernen gehe. Aber Marco hat keine
Spielkonsole, und an den Computer darf er nur selten.
Er ist sportlich, strickt auch mal gern und hat es immerhin aufs Gymnasium geschafft. Warum also
kann er nicht ordentlich schreiben? Hat er vielleicht eine Störung? Quatsch, sagt Susanne Dorendorff.
Sie ist Handschriften-Trainerin und hat schon viele weinende Mütter am Telefon gehabt. Als sie mal in
einer Elternzeitschrift ihre Kontaktdaten preisgab, musste sie wegen der riesigen Resonanz ihre
Mailadresse wechseln. So wie Marco geht es Millionen Jungs in Deutschland. Selbst Jura-Studenten suchen bei Dorendorff Rat. Denn eine lesbare Schrift braucht man –
entgegen der landläufigen Meinung – auch im Computerzeitalter ein Leben lang.
Laut Dorendorff versagen Deutschlands Grundschulen darin, den Kindern das Schreiben beizubringen
– und das seit Jahrzehnten. Die Lehrer seien schlecht oder gar nicht ausgebildet und die vorgegebenen
Schriften weder für Schüler noch Lehrer schreibbar. Dorendorff spricht von einem „Folter-Abc“.
Leidtragende seien vor allem die Jungs, die sich besonders schwer mit den Schriften und
Lehrmethoden täten und denen so schon früh die Lust am Schreiben und damit auch am Lesen
genommen werde.
Dorendorffs Kritik wird vom Grundschulverband im Grundsatz geteilt. Ulrich Hecker,
stellvertretender Vorsitzender des Verbands, schätzt, dass rund ein Drittel der Jungs und etwa zehn
Prozent der Mädchen „erhebliche Probleme“ bei der Entwicklung einer lesbaren Handschrift hätten.
Vor allem bei den Jungs hätten die Probleme zugenommen, auch weil immer mehr von ihnen eine
schlechte Feinmotorik hätten. Studien dazu gibt es nicht – laut Hecker ein Beleg dafür, wie sehr das
Thema in den Schulen und in der Gesellschaft unter den Tisch gefallen ist. „Da muss man sich
umorientieren“, sagt er.
Derzeit wird den Kindern das Schreiben oft auf eine ebenso verwirrende wie umständliche Weise
beigebracht. Erst lernen sie die Druckbuchstaben, dann sollen sie plötzlich auf eine Schreibschrift
umstellen, bei der die Buchstaben wieder ganz anders aussehen. „Diese Tatsache verbraucht viel
kostbare Unterrichtszeit, die besser für das Erlernen der Rechtschreibung und des Texte-Schreibens
verwendet werden könnte“, heißt es bei der Lehrergewerkschaft GEW. Die GEW unterstützt daher die
Initiative des Grundschulverbands, der dafür plädiert, aus den Druckbuchstaben eine einfachere
Schreibschrift zu entwickeln. Dann müssten die Kinder auch nicht mühsam umlernen, sagt Hecker.
Die bisherigen Schreibschriften – in Westdeutschland sind dies die lateinische und die vereinfachte
Ausgangsschrift – hält er für historisch überholt. „Die müssen ins Museum.“
„Grundschrift“ nennt der Grundschulverband die neue Schrift. Eine kleine Grundschule am
Niederrhein hat im Jahr 2004 eigenmächtig auf diese Schrift umgestellt – nachdem die Kritik an der
Handschrift der Kinder immer lauter geworden war. Seitdem sei die Schreibe der Kinder „deutlich
lesbarer und formklarer“, sagen die Verantwortlichen.
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Auf einer Tagung im Frühjahr will der Grundschulverband die Kultusministerien der Länder von der
Idee überzeugen.
Handschriften-Trainerin Dorendorff plädiert für die Einführung einer anderen Schrift als der
Grundschulverband (angelehnt an die lateinische Ausgangsschrift) und macht ebenfalls mobil. Sie hat
dazu eigens den Verein „Lesbar schreiben“ gegründet und sammelt als Munition von den Eltern
verkorkste Handschriften der Kinder. Rund 1000 hat sie schon ausgewertet, 97 Prozent davon seien
von Jungs. Sie hat den renommierten Bildungsexperten Klaus Hurrelmann davon überzeugen können,
dass die Art, wie an den Schulen Schreiben gelehrt wird, ein Problem ist. Es sei fällig, mal
auszuprobieren, „mit welchen Methoden man die Jungs hinter dem Ofen hervorlocken kann“, sagt
Hurrelmann. Er vermutet, dass die Leseschwäche der Jungs bei den
Pisa-Tests auch damit zu tun hat. „Wenn ich nicht richtig schreiben kann, habe ich auch keine Lust
zum Lesen“, sagt er.
Einig sind sich alle darin, dass vor allem den Jungs das Schreiben anders als bisher schmackhaft
gemacht werden muss und das Thema aufgewertet gehört. Vor allem Jungs würden nur das lernen, was
ihnen soziale Anerkennung und Aufstieg verspricht, sagt der Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther.
Entscheidend für den Lernerfolg sei daher stets, was unsere Gesellschaft für bedeutsam erachte.
Hüthers drastischer Befund: „Heute muss man nicht schön schreiben, heute muss man ein großes Maul
haben. Und deshalb haben die auch alle ein großes Maul.“
„Ich will nicht, dass Kinder sich an der Schrift abarbeiten“
Baden-Württembergs Kultusministerin Marion Schick lässt prüfen,
wie die Schüler im Land einfacher und besser schreiben lernen können.
VON RAINER WEHAUS
Frau Schick, es gibt Kritik an der Art, wie Kindern das Schreiben beigebracht wird.
Ist Ihnen das Problem bekannt?
Ich bin hellhörig geworden, als der Grundschulverband vor Monaten vorschlug, dass es
Bildungsbarrieren beseitigen könnte, wenn die Kinder nur die Druckschrift lernen und daraus eine
individuelle Handschrift entwickeln. Ich habe mein Ministerium beauftragt, den Vorschlag zu prüfen.
Wenn er etwas bringt, sind wir in Baden-Württemberg bereit, die bisherige Praxis zu ändern.
Sie wären also bereit, die alten Schreibschriften
an den Schulen abzuschaffen?
Ja, denn wir sind im Dienste der Kinder unterwegs – gerade an den Grundschulen.
Ich will nicht, dass die Kinder sich an der Schrift abarbeiten. Ich will, dass sie ihren Hirnschmalz für
Deutsch, Mathe und die anderen Fächer einsetzen.
Wie schnell könnte so etwas gehen?
Man kann das nicht übers Knie brechen. Wir werden zu Beginn des neuen Jahres Gespräche mit allen
Beteiligten führen und Experten dazu anhören. Ich will wissen: Wie sind die Erfahrungen, wie ist der
Stand derForschung? Was sagen die Lehrkräfte und die Eltern? Spätestens ab März werden wir
Schulen auswählen, die dann zum kommenden Schuljahr mit der Erprobung starten können. Auch
möchte ich das Thema auf der Kultusministerkonferenz ansprechen. Wenn wir in
Baden-Württemberg eine Entscheidung treffen, sollen die Kinder bei einem Umzug keine
Nachteile haben.
Ein einheitliches Bild gibt es in der Bildungspolitik aber so gut wie nie.
Man muss realistisch sein. Die Forschungslage ist nicht eindeutig, und die Interessen sind
unterschiedlich. Aber wenn sich eine Möglichkeit auftut, die Kinder zu entlasten, dann nutze ich die.
Könnte die Art, wie das Schreiben gelehrt wird, ein Grund sein, warum Jungs beim Lesen hinter den
Mädchen liegen?
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Die Datenlage ist noch zu dünn, um das beurteilen zu können. Aber ich glaube schon, dass es vor
allem Erfolgserlebnisse sind, die Kinder zum Lernen motivieren. Wenn das Erlernen der Schrift dabei
ein Stolperstein ist, dann müssen wir Konsequenzen ziehen.
Was wollen Sie sonst noch tun, um die Jungs in Sachen Lesen zu fördern?
Es geht nicht nur um die Jungs. Was mich bei Pisa erschreckt hat, ist, dass in Mathematik die Mädchen
nicht näher an die Jungen heranrücken und in der Lesekompetenz die Jungen nicht näher an die
Mädchen.
Was wollen Sie dagegen tun?
Mein Haus wird über alle Schularten hinweg umfassend untersuchen, wie Jungs und Mädchen in den
unterschiedlichen Kompetenzbereichen zusätzlich gefördert werden können. Der Mathematikunterricht
muss attraktiver werden für Mädchen und umgekehrt das Lesen für die Jungen.
Marion Schick - Die 52-Jährige aus Oberbayern ist seit Ende Februar Kultusministerin
von Baden-Württemberg und seit März CDU-Mitglied. Zuvor saß die Diplom-Handelslehrerin
im Vorstand der Fraunhofer-Gesellschaft. Schick ist geschieden und hat einen erwachsenen
Sohn und eine Tochter im Teenager-Alter
taz. de
vom 28.09.2010 |
Zurück zur guten Handschrift
Ute Andresen: Zur Bedeutung der Handschrift
In den Bundesländern herrscht die Kakofonie der Erstschriften. Jeder lässt anders schreiben,
viele Kinder verpassen so den fundamentalen Lernvorgang: Handschrift.
VON UTE ANDRESEN
Am Ende der vierten Klasse sollen die Kinder unserer Grundschulen "eine gut lesbare Handschrift
flüssig schreiben". Das hat die Konferenz der Kultusminister mit den Bildungsstandards 2001
beschlossen. Dieser Auftrag wird weitgehend ignoriert. Dabei behindert eine unbeholfene Schrift das
Lernen in fast allen Fächern, auch in Mathematik und Technik. Und Tippen kann das Schreiben nicht
ersetzen. Was läuft schief?
Unsere Schulanfänger sind unterschiedlich gestimmt: Die einen sind zuversichtlich bereit, Neues zu
lernen und sich anzustrengen. Andere sind ängstlich bemüht, nur ja nichts falsch zu machen, um Eltern
und LehrerIn nicht zu enttäuschen. Manche sind überzeugt, alles werde ihnen mühelos zufallen, und
was sie tun, das sei sowieso großartig. Viele sind verstört und verloren in einer fremdartigen
Umgebung, deren Sprache und Ansprüche ihnen rätselhaft sind.
Buchstaben als das Sichere
Für alle ist der Schulanfang ein Aufbruch ins Unbekannte, dem sie gewachsen sein möchten. All
diesen Kindern täte es gut, in der Schule bei Aufgaben anzukommen, die sie wirklich verstehen, die sie
bewältigen können. Und an denen sie erleben, dass ihre Fertigkeiten wachsen, wenn sie sich darum
bemühen. Das bietet ihnen ein konsequenter Unterricht im Schreiben der Buchstaben, wenn sie ihn
denn bekommen.
An den Buchstaben in verbindlicher Schreibweise erfährt jedes Kind: Das hier kann ich noch nicht,
aber ich will und ich werde es lernen! Ich bekomme mit den anderen genau gezeigt, wie ich das
schaffe und wann ich das Ziel erreicht habe. Ich bin in einer gerechten Schule! Denn alle, gerade aber
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die Unbeholfenen erleben immer wieder: Unsere Lehrerin hilft uns. Sie verlangt von jedem einzelnen
Kind, durchzuhalten. Ihre fürsorgliche Strenge sagt jedem: Du gehörst zu uns, du bist angekommen in
einer Gemeinschaft von Lernenden! - Nichts ermutigt so zum Lernen wie diese Erfahrung. So könnte
es überall sein. Vielerorts ist es nicht so.
Ungerechtigkeit und Entmutigung beginnen nicht nur mit Schultüten und Ranzen von protzig bis
ärmlich. Einige Kinder verstehen genau, was die Lehrerin sagt. Weil sie ihre Sprache kennen und ihre
Art, mit Kindern umzugehen. Anderen ist das alles fremd. Ungerechtigkeit wird schmerzlich und
verwirrend offenbar, wenn die Kinder Blätter, auf denen sie ihre Tüte oder sich selbst gemalt haben,
mit Namen kennzeichnen sollen. Ein Teil der Kinder kann den eigenen Namen längst schreiben andere haben das noch nie versucht. Oder sogar die in der Schule geltenden Buchstaben noch nie
bewusst gesehen. Zum Beispiel Karim, der seinen Namen bisher nur in arabischer Schrift kennt, die
mit ganz anderen Buchstaben und von rechts nach links geschrieben wird.
An Karim und der Schreibweise seines Namens können wir ermessen, wie hoch die Hürde vor dem
Weg in die deutsche Schriftsprache für Kinder ist, die täglich aus einer fremden Schriftumwelt
kommen. Aber Theorie wie Praxis des Schriftspracherwerbs sind für diesen Aspekt der Integration
noch weitgehend blind.
Mahmoud aus Ägypten hat mir erklärt: Das Wort "Wort" steht auf dem Papier in vier einzelnen
Zeichen, geschrieben und zu lesen von links nach rechts. Schreibt man dasselbe Wort in arabischer
Schrift, deren Zeichen nicht nur anders, sondern verbunden erscheinen und in Gegenrichtung - also
von rechts nach links - geschrieben und gelesen werden, müsste es "Fort" gelesen werden, weil es in
dieser Schrift kein Extrazeichen für "W" gibt. Übersetzt man das Wort ins Arabische, sieht es wieder
anders aus und wird "KA-LI-MA" gelesen.
Es kommt noch hinzu, dass es im Arabischen jeden Buchstaben nur einmal, die Buchstaben des
deutschen Alphabets aber jeweils doppelt - als Majuskel und als Minuskel - gibt und im Falle von
"Wort" zwei Buchstabenpaare, W/w und O/o einander gleichen, die beiden anderen aber, R/r und T/t
ganz ungleich geschrieben werden. - Wenn sie in der deutschen Schulschrift heimisch werden wollen,
ähnelt die für Kinder aus deutschem Umfeld den Schriften, die sie daheim sehen, für Kinder aus
arabischem Umfeld aber gar nicht. Ihre Vorerfahrungen mit Schrift helfen nicht, sie stören beim
Lernen. Woran sollen sie sich halten?
Wenn man nicht weiß, was man gehört hat. Wenn man den Sinn vieler Wörter nicht greifen kann.
Wenn man nicht verstanden hat, was man tun soll. Wenn man nicht begreift, was die Kinder ringsum
reden. Wenn man im Schulalltag schwimmt, können Buchstaben, deren Schreibbewegung man
zuverlässig erkennt und genau richtig folgen kann, Sicherheit geben. Ungenaue Buchstaben können
das nicht.
Lieber gleich richtig
Mit einer einzigen großen Aufgabe könnten wir all unsere Schulanfänger herausfordern und nachhaltig
ermutigen: "Lerne die Buchstaben unserer Schriftsprache mit der Hand so zu schreiben, dass sie dem
Vorbild entsprechen, damit jeder sie mühelos lesen kann, du selbst sie nicht verwechselst, sie dir eines
Tages ohne Nachdenken aus der Hand laufen, du dann mit Vergnügen alles schreiben kannst, was du
nur willst, und sogar auf dein Geschriebenes stolz sein darfst." Das muss nicht gepredigt werden, aber
die Lehrerin muss es leben.
Diese große Aufgabe teilt sich ganz natürlich in 53 Teilaufgaben beziehungsweise Teilziele: die 26
Buchstaben als Majuskel und als Minuskel, dazu das ß. Jeder einzelne Buchstabe ist ein
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Kunststückchen, das man sich aneignen kann. Je mehr man beherrscht, desto leichter gehts voran. Eine
ideale Situation, weil jedes Kind erlebt, dass es sein wachsendes Können vor allem sich selbst
verdankt, seinem eigenen, geduldigen, achtsamen Üben. Später entwickelt es seine Handschrift als
zuverlässig brauchbares Handwerkszeug bei allem, was es für die Schule schriftlich festhalten,
ausarbeiten oder vorweisen muss. Dank seiner selbst und der Meisterin oder dem Meister, die es
rechtzeitig an die Hand genommen und nicht losgelassen haben, bis es die Schreibkunst sicher genug
beherrschte, um sie aus eigenem Antrieb zu achten und zu bewahren.
Ein Jammer, dass solche "Schriftpflege" seit Jahrzehnten nicht mehr selbstverständlich ist in unseren
Schulen! GrundschullehrerInnen werden im Westen Deutschlands schon lange nicht mehr fachgerecht
für den Schreibunterricht aus- oder fortgebildet. Entsprechend verwahrlost sind die Handschriften in
den Schulen. LehrerInnen klagen über flegelhafte und kaum lesbare Schriften. Eltern verzweifeln über
den wüsten Hefteinträgen ihrer Kinder. Therapeuten bestätigen, dass LRS und Legasthenie mit einem
fundamentalen Fehlen von Buchstabensicherheit verbunden sind. Kinder und Jugendliche schämen
sich ihrer Handschrift, statt mit Stolz vorzeigen zu dürfen, was sie geschrieben haben.
Im Osten Deutschlands hat man die verlässliche Ausbildung für den Schreibunterricht erst mit der
Wende eingebüßt, dazu die Extrazeit für Schriftpflege im Stundenplan. Zum Glück hat man dort an der
eigenen Schreibschrift aus DDR-Zeiten, der SAS, festgehalten, und sich der verkorksten VA aus dem
Westen verweigert. Schreibschriften seien hier aber nur am Rande erwähnt. Jetzt geht es in den
Schulen um die Schrift, die Kinder in Ost und West schreiben lernen, wenn sie auch lesen lernen: die
Druckschrift. Die heißt so, weil ihre Buchstaben denen der tatsächlich gedruckten Schriften
weitgehend entsprechen und unverbunden nebeneinander stehen.
taz.de vom 05.10.2010
Plädoyer einer Schreiblehrerin
Die Handschrift ist unersetzbar
Kinder sollen die Buchstaben vor der Schule lernen, findet Schreiblehrerin Ute Andresen: Mit
einer plausiblen Druckschrift, die einen bruchlosen Übergang zur Schreibschrift erlaubt.
VON UTE ANDRESEN
Am Ende der vierten Klasse sollen die Kinder unserer Grundschulen "eine gut lesbare Handschrift
flüssig schreiben". Das hat die Konferenz der Kultusminister mit den Bildungsstandards 2001
beschlossen. Dieser Auftrag wird weitgehend ignoriert. Dabei behindert eine unbeholfene Schrift das
Lernen in fast allen Fächern, auch in Mathematik und Technik. Und Tippen kann das Schreiben nicht
ersetzen. Was läuft schief?
Druckschriften sind fürs Drucken gedacht, nicht für das Handschreiben. Man kann sie aus Strichen,
Bögen und Kreisen zusammenfügen: zwei Striche ein t, Kreis und Strich ein a, drei Striche ein z: taz.
Hoppla! Das a ist ja nicht so gedruckt, wie mit der Hand "gedruckt"! Da braucht man ein anderes
Muster. Die hDs als handgeschriebene Druckschrift zeigt mit ihren bewegungsleitenden Punkten und
Pfeilen wie t und a und z geschrieben werden müssen. Warum genau so? Damit jeder Buchstabe seine
ganz eigene Bewegungsgestalt bekommt! In ihr unterscheiden Augen und Hand im Hirn koordiniert
jeden Buchstaben von allen anderen. Kaum noch ein Risiko, d und b zu verwechseln. Auch nicht r/n/h,
wenn die kleinen Unterschiede zwischen ihnen genau artikuliert wurden. Die hDs als Handschrift 1
bereitet die Buchstaben darauf vor, sich in der späteren Schreibschrift wie aus einer Schnur zum Wort
zu verbinden. Kinder, die die Handschrift 1 sicher schreiben können, lernen eine daran anknüpfende
Schreibschrift als Handschrift 2 leicht und rasch. Sie verfügen dann über zwei innerlich ähnliche, aber
im Auftritt verschiedene Handschriften.
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Zu viel Schwung und Hast
Das Konzept dieser Handschrift 1 nimmt an, dass Anfänger nicht wissen und oft auch nicht erkennen
können, worauf es bei den einzelnen Buchstaben ankommt. Mit wohlüberlegter Anleitung lernt
zunächst ihr Auge, den Beginn und die Führung der Linien zu erkennen. Ihre Hand lernt ganz bewusst
und vom Auge begleitet, dem Bewegungsvorbild genau zu folgen. Bei Ziffern wie bei Buchstaben; so
profitiert auch die Mathematik.
Man muss sich nicht quälen, wenn man lernt, schön und leserlich zu schreiben. Aber hastig und ohne
gründliche Übung gelingt es nicht. Nur wenn klare Bewegungsmuster sehr oft langsam und
gleichförmig wiederholt werden, geraten sie allmählich schlank und elegant, bis sie aus der Hand
fließen. Da muss man sich etwas bescheiden, gedulden und zügeln. Das fällt vielen Jungen schwer.
Aber dann merken sie: Das macht ja Spaß! Wenn sie ihr Tempo und einen schlüssigen
Bewegungsrhythmus gefunden haben. Formtreues, klares Schreiben beginnt immer wieder neu mit
"Zeitlupenschreiben". Darf die Grundschule den Kindern Zeit dafür lassen? Will sie das überhaupt?
Der Vorstand des Grundschulverbands will mit seiner "Grundschrift" das Schreibenlernen versimpeln
und beschleunigen. Dabei übersieht er Eigengesetzlichkeiten des Schreibens als feinmotorische
Fertigkeit. Seine "Grundschrift" soll schnell und nach Kartei gelernt und gleich mit Schwung
geschrieben werden. Sie erlaubt schon den Anfängern Eigenwilligkeiten. Ob die in die Irre führen,
wird man zu spät erkennen, wenn sich Gewohnheiten verfestigt haben, die das flüssige Schreiben und
das Lesen allzu individueller Schriften behindern. Ein Experiment auf Kosten von Kindern und
LehrerInnen.
Falsche Gewohnheiten
Die Kinderhandschriften, die der GSV als Ergebnisse präsentiert, bleiben weit unter dem, was
Grundschulkindern möglich ist, wenn man ihnen gönnt, was sie für den Anfang brauchen: eine
bewegungskluge und verbindliche Schriftvorlage; genaue und geduldige Anleitung durch lebendige
LehrerInnen, die wissen, was sie verlangen dürfen; dazu ausreichend Muße. Und vier Jahre lang so
viel ausgiebige Schreibaufgaben wie nötig sind, um Handschriften zu stabilisieren. Nicht immerzu
Vorgedrucktes zum Ausfüllen.
Es ist höchste Zeit, allerorts nachzusehen, ob die Grundschule ihre Aufgabe erfüllt, die Handschriften
zu fundieren. Tut sie das nicht, dann hilft wohl nur eins: Die Kinder müssen vor der Schule lernen, ihre
Buchstaben richtig zu schreiben. Daheim, in Kita oder Kurs. In Frankreich lernen Kinder Buchstaben
schon in der École maternelle. Und in Japan lernen sie die Zeichen der Hiragana von der Mutter.
Kindern aus einer arabischen Schriftwelt würde die deutsche Sprache sicher schneller vertraut, käme
sie ihnen früh mit unseren Buchstaben entgegen. Die wären etwas Greifbares aus der deutschen
Sprachwelt. - Damit nicht die letzte freie Spielzeit der Kita draufgeht, müsste man allerdings manche
Zeitfresser verbannen: Mandalas zum Ausmalen, unwirksame Förderprogramme …
"Drei Viertel meiner Schulanfänger halten den Stift falsch!" Gut, wenn die Lehrerin das in der ersten
Schulwoche erkannt hat. Besser wäre es, hielten die Kinder ihre Stifte immer schon richtig. Das würde
ihnen später mühsames Umlernen ersparen. Das Gemeine ist nämlich: Soll man eine alte motorische
Gewohnheit ändern, fühlt sich das Neue sehr lange falsch an und möchte vermieden werden.
Obama ist Linkshänder. Vielleicht hat ihm keiner gezeigt, wie er den Stift klugerweise halten sollte.
Später wars dann zu spät. Er blieb bei seinem Hakengriff und unterschreibt vor den Kameras der
Weltpresse mit nach innen gebogener Hand von oben her. Wer so oder anders verdreht und verkrampft
nicht nur einzelne Wörter, sondern lange Texte von der Tafel abschreibt, Prüfungsaufsätze verfasst
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oder im Studium mitschreibt, dem tun bald Finger, Hand, Arm und Schulter weh. Wer das mit dem
Tippen in allen Lebenslagen kurieren will, unterschätzt das Potenzial, das im Schreiben steckt. Man
lernt mit dem Stift in der Hand sehr viel mehr als nur das Verfertigen von Buchstaben auf dem Papier,
wie man auch beim Spielen eines Instruments sehr viel mehr lernt als nur das Erzeugen von Tönen.
Verwirrend wird es, wenn Schulanfänger Buchstaben schon gewohnheitsmäßig falsch schreiben. Das
gibt es jetzt häufig. Kinder dürfen sich vor der Schule für Buchstaben interessieren, aber man zeigt
ihnen nicht die richtige Linienführung. Man merkt nicht, dass sie sich Falsches fest und störend
angewöhnen. Eben erkennbare Buchstaben werden kritiklos bestaunt. Das ist nett, aber irreführend!
Was spricht gegen: "Toll! - Ich zeig dir, wie du den Buchstaben ganz richtig schreiben kannst!"?
Vielleicht, dass Erzieherinnen und Eltern nicht wissen, wie Kinder die Buchstaben am Anfang
schreiben sollten. Anders als Erwachsene sie schreiben. Die müssten innehalten und sich umstellen.
Verbummelte Handschrift
Druckbuchstaben kann man abmalen. Viele Kinder tun das lange vor der Schule. Ihren Namen lassen
sie sich vorschreiben. Andere Wörter entstehen dadurch, dass sie die Laute, die sie hören, in
Buchstaben übersetzen. Das nennen die Fachleute "verschriften". Kinder nehmen aber längst nicht all
das in den Wörtern wahr, was die Großen zu hören meinen. So machen die Kleinen
Rechtschreibfehler, die eigentlich gar keine sind, weil sie von Rechtschreibung noch nichts ahnen. Und
die Erwachsenen sind entsetzt oder entzückt.
Das "Verschriften" von Wörtern, Sätzen und Erzählungen in spontan erfundenen Schreibweisen hat
man "freies Schreiben" genannt und in die Schule verlängert. Im Kampf dafür und dagegen wurde die
eigentliche Handschrift als Handwerk des Schreibens übersehen. Der "Fortschritt" wollte, dass die
Kinder die Buchstaben bei Bedarf aus einer Anlauttabelle abmalen. Grad so gut, dass man erkennt,
welcher Buchstabe gemeint sein könnten. So übt man Nachlässigkeit ein und die nötige
Schriftsicherheit bleibt aus. Voraussehbare Nebenwirkungen. Vorgedruckte Hefte und Karteien zur
selbstständigen Übung können dem Schriftelend auch nicht abhelfen, wenn die sorgsame Grundlegung
der Handschrift in einem ganz altmodischen, bedächtigen, kühn frontalen Unterricht durch
MeisterInnen der Handschrift versäumt wurde.
Frankfurter Rundschau,
Tschüss, Schreibschrift
Wissenschaft - 16 | 9 | 2010
Von Alice Ahlers
Zu unleserlich, zu krakelig, schwankende Buchstaben nach links und rechts. Immer häufiger hörten die
Lehrer der Grundschule in Veen am Niederrhein diese Klage über ihre ehemaligen Schüler: Sie
schreiben einfach zu unleserlich. So fasste das Kollegium im Jahr 2003 einen Beschluss: Unsere
Schüler lernen nur noch Druckschrift, eine andere Schreibschrift gibt es nicht mehr.
Ihren Schritt sieht die Schule als gelungene Entrümpelung. Seitdem hat sich nie wieder jemand
beschwert. Im Gegenteil: Die Schrift der Kinder aus Veen wird eher gelobt und als gut lesbar
beschrieben.
Dass Kinder mit Druckbuchstaben das Schreiben anfangen, ist nichts Neues und mittlerweile an fast
allen Grundschulen Realität. Normalerweise lernen sie dann aber zu Beginn des zweiten Schuljahres
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eine weitere Schrift, bei der die Buchstaben verbunden werden − entweder die Lateinische
Ausgangsschrift (LA), mit vielen Häkchen, Schleifen und Bögen, oder eine vereinfachte Form davon,
die seit Anfang der 70er immer häufiger unterrichtet wird.
Doch wozu eigentlich diese zweite Schrift?, fragt jetzt der Grundschulverband und fordert, dass
Kinder nur noch eine „Grundschrift“ erlernen, die im Wesentlichen auf den Druckbuchstaben basiert.
„Schreibschrift muss heute keine Schönschrift mehr sein“, sagt Ulrich Hecker, Vizechef des
Grundschulverbands. All die Schnörkel und Schwünge − historisch überholt. Dass beispielsweise das
L in der Schreibschrift eine Schleife habe wie ein Hasenohr, habe nur damit zu tun, dass man früher
durch diesen Bogen Tintenspritzer aus der kratzenden Tintenfeder vermeiden wollte.
Druckschrift motorisch einfacher
Schrift müsse heute nur schnell schreibbar und gut lesbar sein. Dass Kinder zunächst mit
Druckbuchstaben Schreiben lernen, ist plausibel. Denn diese Schriftzeichen begegnen ihnen bereits
vor der Einschulung überall − auf Schildern, im Fernsehen, in Büchern, auf Produkten. Es ist die
Schrift, mit der sie auch lesen lernen. Warum sollten also die Buchstaben, die man liest, anders
aussehen als die, die man schreibt?
„Auch motorisch ist die Druckschrift viel einfacher“, sagt Mechthild Dehn, Professorin für
Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg. „Da gibt es senkrecht, waagerecht, schräg und
rund. Das sind alle Grundelemente.“ Die Schrift, die der Grundschulverband vorschlägt, soll vor allem
keine Normschrift mehr sein. „Sie gibt den Kindern sehr viel Freiheit“, sagt Ulrich Hecker. Auch in
Lineaturen soll sie niemanden mehr zwängen. Wenn Kinder eher groß schreiben, sollen sie das von
Anfang an tun. Vorbei seien die Zeiten, in denen Schüler Buchstaben so formgetreu nachmalen
müssen, dass jedes kleine Häkchen genau an der richtigen Stelle sitzen muss.
„Für manche Kinder ist es eine enorme Anstrengung, etwas so aufs Papier zu bringen, dass die
Lehrerin damit zufrieden ist,“ sagt Mechthild Dehn. Vor allem die Jungen täten sich damit schwerer.
„Beschämungen wie das Gefühl eines Schülers, den kleinen Bogen im Aufstrich des großen M nie
hinzubekommen, sind doch wirklich vermeidbar.“
Aus der einen „Grundschrift“ sollen die Kinder ihre individuelle Handschrift automatisch entwickeln.
Das tun sie sowieso. Denn wer schreibt als Erwachsener schon noch so, wie damals in der
Grundschule, als alle Buchstaben in einem Wort miteinander verbunden waren? Kaum einer, denn
wenn es im täglichen Leben gilt, sich rasch Notizen zu machen, ist die verbundene Schrift einfach
nicht effizient.
Ästhetische Gründe und Nostalgie
„Wenn wir schneller schreiben, versuchen wir, Drehrichtungswechsel und Haltepunkte zu vermeiden.
Die Druckschrift hat davon viel weniger, deswegen schreiben Erwachsenen automatisch mehr in
Druckbuchstaben“, sagt Wilhelm Topsch, Professor am Institut für Pädagogik an der Universität
Oldenburg. Mehr als zwei oder drei Buchstaben verbindet kaum einer. Da, wo es schneller und leichter
gehen soll, setzen die meisten einmal ab. Das entspannt auch die Muskulatur. „Wenn Kinder zwei
Schriften lernen, lernen sie zwei Alphabete“, sagt Ulrich Hecker. „104 verschiedene Zeichen − das
verwirrt nur.“
Dem widerspricht Wilhelm Topsch. „Kinder müssen nicht bei Null anfangen, wenn sie eine zweite
Schrift lernen“, sagt der Professor. Sie müssten das Gelernte nur weiter ausdifferenzieren. Die meisten
Druckbuchstaben hätten ähnliche Strukturen wie die sogenannte Schreibschrift. Dass man nach der
Druckschrift auch eine verbundene Schrift lernt, hält er für durchaus sinnvoll. Lehrerinnen sollten
zwar nicht mehr auf jedes Häkchen und i-Tüpfelchen achten. „Es sollte aber trotzdem einen
didaktischen Blick darauf geben, dass keine falschen Bewegungsabläufe entstehen.“
Ästhetische Gründe und Nostalgie sind es, die die meisten die Kritiker der Druckschrift antreiben. Die
Schrift sehe schöner aus. Dieser Fluss, der Schwung, das Dahingleiten. Wenn es optisch nach jedem
Buchstaben stockt, dann könnten doch auch die Gedanken nicht fließen. Studien zeigen, dass das nicht
stimmt. Auch, wenn die Verbindung auf dem Papier nicht zu sehen ist: Computeranalysen ergaben,
dass die Hände die verbindenden Bewegungen auch beim Schreiben von Druckbuchstaben ausführen.
Sie verknüpfen die Buchstaben quasi in der Luft − ohne grafische Spur auf dem Papier.
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Grundschüler schreiben vielleicht bald nur noch in Druckbuchstaben.
Süddeutsche Zeitung,
Das große Buchstaben-Rätsel
Nr.210, 11. September 2010 , Seite 22 [Ressort: Wissen]
Schreiben zu lernen ist eine der schwierigsten Aufgaben für Kinder - und eine der wichtigsten.
Experten antworten auf die häufigsten Fragen zum Schulbeginn
CHRISTOPHER SCHRADER, NICOLA SCHMIDT, CHRISTIAN WEBER
Gut 700000 aufgeregte Kinder erleben in diesen Wochen ihren ersten Schultag - als Letzte kommen
am Dienstag die Erstklässler in Bayern dran. 'i-Männchen' werden sie gern genannt, weil früher der
Unterricht im Schreiben oft mit diesem Buchstaben anfing. Wie lernen Kinder heute Schreiben?
Die Vielfalt der Lehrmethoden in Deutschland ist kaum kleiner als die Zahl der Schulklassen: Die 16
Bundesländer haben 13 verschiedene Lehrpläne, viele überlassen den Kollegien oder gar einzelnen
Lehrerinnen die letzte Entscheidung, wie Kinder Lesen und Schreiben lernen. Es existieren drei
etablierte Handschriften-Systeme und diverse Druckschriften. Es gibt Dutzende Fibeln, Sammlungen
von Arbeitsblättern, Hefte verschiedener Lineaturen sowie Stifte jeder Art und Größe. Es kann
passieren, dass ein Kind in Sachsen-Anhalt in der zweiten Woche seiner Schulzeit mit dem Füller
ganze Zeilen mit einzelnen Schönschrift-Buchstaben füllt, während Erstklässler in Bayern mit dem
Bleistift Blockschrift-Lettern nachzeichnen. In Stuttgart oder Bremen erleben befreundete Elternpaare
womöglich, wie ihre Kinder in benachbarten Schulsprengeln andere Schreibschriften erlernen.
Es ist Zeit, Übersicht in diesen Buchstabensalat zu bringen und einen Überblick zu geben, wie Kinder
in den ersten Schuljahren das Schreiben erlernen.
Fast alle Bundesländer sehen als erste Schrift eine Druckschrift aus unverbundenen Buchstaben vor,
einzig Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt lassen das offen. Druckschrift hat einige Vorteile, sagen
Pädagoginnen. 'Die Kinder sehen im Alltag vor allem Druckschrift', sagt Christina Mahrhofer-Bernt,
die an einer Sonderschule in Landshut arbeitet und einen Lehrauftrag an der Universität München hat.
'Sie können das Erlernte also schneller anwenden.' Außerdem fällt ihnen bei unverbundenen
Buchstaben der grundsätzliche Lernschritt am Anfang des Schreiben-Lernens leichter, ergänzt Eva
Lang vom bayerischen Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) - dass nämlich
einzelne Zeichen für einzelne Klänge stehen. 'Wörter nach Lauten zu untergliedern, ist für Kinder
schwierig. Wenn sie diese Laute durch Buchstaben darstellen sollen, ist eine unverbundene Schrift
einfacher zu verwenden.'
Eine verbundene Schreibschrift folgt meist erst in der zweiten Klasse. In deutschen Schulen sind drei
verschiedene Varianten verbreitet. Die traditionelle lateinische Ausgangsschrift (LA) mit ihren
großzügigen Schwüngen an Großbuchstaben, die in den 1970er-Jahren im Westen entwickelte
Vereinfachte Ausgangsschrift (VA) und die in der DDR entworfene Schulausgangsschrift (SAS). In
jedem Fall sollen Schüler daraus eine individuelle Handschrift entwickeln, daher die Bezeichnung
'Ausgangsschrift'.
Welche der drei Schriften wo vorgeschrieben, bevorzugt oder empfohlen wird, hat jahrzehntelangen
Streit bis in die Schulkollegien ausgelöst. Besonders an der VA schieden sich im Westen die Geister.
Sie opfert die vielen Erwachsenen vertraute Ästhetik geschwungener Handschrift der einfacheren
Erlernbarkeit. Fast alle Buchstaben beginnen und enden oben an der Mittellinie der Heftzeile. Bei
beiden Konkurrenzprodukten variiert das, so dass Kinder neben den Lettern auch noch deren
Verbindungen lernen müssen - bei der LA waren es fast so viele, wie es Buchstaben gibt.
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In der Vereinfachten Ausgangsschrift lassen sich Buchstaben wie in einer Druckschrift aneinander
schieben; umgekehrt können die Kinder die Lettern im Wort einfacher erkennen. Außerdem verlangt
diese Schrift weniger Wechsel in der Bewegungsrichtung und weniger Deckstriche, bei denen die
Schüler, etwa beim 'c' einen Bogen zweimal deckungsgleich entlang fahren müssen.
Diese Argumente für die VA hatten nach ihrer Veröffentlichung viele Lehrer überzeugt, doch Belege
dafür, dass die Schrift den Kindern tatsächlich Vorteile bringt, gibt es nicht. Ohnehin fällt strenge
Empirie in der Grundschule schwer. In Bayern zum Beispiel wurde im Jahr 2000 mit der
Vereinfachten Ausgangsschrift auch eine neue Didaktik eingeführt, so dass sich der Einfluss der
Schrift allein kaum nachweisen ließe.
Bayern ist das einzige Bundesland, das diese Schrift vorschreibt; Schleswig-Holstein und Hessen
weisen ihr Vorrang zu, in Baden-Württemberg sollen sich die Lehrerkollegien zwischen VA und LA
entscheiden. Hingegen legen sich Hamburg, das Saarland, Sachsen und Sachsen-Anhalt auf die
Schulausgangsschrift fest. Die anderen Länder machen entweder keine Vorgabe oder sagen, die
Handschrift der Kinder solle sich aus der zuerst erlernten Druckschrift entwickeln.
Von der Verbindung der Buchstaben zum durchgeschriebenen Wort erwarten sich die Experten
zweierlei: erstens eine flüssige, routinierte Schrift und zweitens ein erhöhtes Schreibtempo. Christina
Mahrhofer-Bernt wirbt jedoch dafür, auch Zwischenräume innerhalb der Wörter zu akzeptieren.
'Erfahrene Schreiber verbinden nie mehr als zwei oder drei Buchstaben, bei denen die
Bewegungsrichtung gut zusammenpasst, bevor sie den Stift vom Papier heben und eine kleine Pause
machen.' Das beuge dem Verkrampfen der Hand vor.
Fast alle Bundesländer haben ihre Lehrpläne im vergangenen Jahrzehnt überarbeitet. 'Bei der
Neuentwicklung von Lehrplänen werden nicht mehr die einzelnen Lernschritte vorgeschrieben,
sondern die Kompetenzen definiert, die die Kinder bis zum Ende der zweiten oder vierten Klasse
erreicht haben sollen', sagt Susanne Grupp-Robl vom ISB in München. Die Wege dahin werden
zunehmend freigegeben.
Lesen und Schreiben sind dabei eng verwandte Techniken, die im Gleichschritt gelernt werden. Dabei
kann sich der Fortschritt an beiden Gebieten ausrichten. Eher lese-orientiert ist der Unterricht, sagt Eva
Lang vom ISB, wenn die Kinder die Buchstaben der Reihe nach erarbeiten und einüben, beginnend oft
mit dem 'i' und dem 'm'. Das schränkt anfangs die Auswahl sinnvoller Wörter stark ein. 'Mimi ist ein'
steht dann in der Fibel, und dahinter die Zeichnung eines Schuhs. Auch wenn Kinder an solchem
Unsinn viel Freude haben, bremst dieser Ansatz diejenigen, die schon mehr Buchstaben gelernt haben
und sie noch nicht benutzen dürfen.
Eher schreib-orientiert ist der Umgang mit der Anlauttabelle. Jeder Buchstabe wird hier mit zwei
Bildern von Tieren oder Gegenständen verbunden. Die Kinder sprechen sich ein gesuchtes Wort
immer wieder vor, lauschen auf die Laute und suchen nach Entsprechungen. Eine 'Pflaume' können sie
sich so mit Hilfe von Fisch, Löwe, Auto, Mond und Esel zusammensetzen - und verkürzen dabei oft
das schwer zu hörende 'Pf'.
Schreiben ist eine Aufgabe für die Feinmotorik der Handgelenke und Finger; es gilt unter Forschern
als eine der feinsten Koordinationsleistungen des Menschen. Die deutsche Schrift führt von links nach
rechts und von oben nach unten. Schon um dieses Konzept umsetzen zu können, müssen Kinder in der
Lage sein, einen Raum - oder ein Blatt Papier - zu strukturieren.
Wer seinen Nachwuchs darauf vorbereiten möchte, schicke ihn hinaus zum Toben, das schult die
Motorik. Wenn Kinder bei der Einschulung nicht rückwärts gehen, auf einem Bein stehen oder hüpfen
können, wirkt sich dies unmittelbar darauf aus, wie schwer sie sich im Umgang mit Stift und Papier
tun. Schon Babys lernen beim Spiel mit den eigenen Füßen, ihre Hände zu benutzen und sich im Raum
zu orientieren. Balancieren oder Kneten - das alles bereitet Gehirn und die Auge-Hand-Koordination
darauf vor, später den komplexen Schreibprozess zu bewältigen. Das Kind lernt zu unterscheiden,
welchen Druck seine Hand ausübt. Richtungen im Raum können Kinder im Prinzip zwischen dem
dritten und sechsten Lebensjahr zuordnen.
Doch immer mehr Kindern fallen schon einfache Bewegungsabläufe schwer. Bei einer Forsa-Umfrage
im Auftrag der Krankenkasse DAK gaben Kinderärzte an, dass sie vor allem bei Drei-bis-Fünfjährigen
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zunehmend Koordinationsschwierigkeiten, mangelnde Beweglichkeit und Probleme mit dem
Balancieren, Rückwärtslaufen oder Fangen eines Balles beobachten.
Menschen lernen Bewegungsabläufe von 'proximal nach distal', sagen Gehirnforscher, also von den
großen Gelenken zu den kleinen. Schreibanfänger bewegen daher vor allem das Handgelenk und
weniger die Finger. Geben die Schreibhefte kleine Buchstaben vor, führt dies häufig zu Problemen,
weil die Koordination von kleinräumigen Fingerbewegungen noch nicht ausreichend ist.
Das erste Schreibgerät ist meist ein Bleistift. Das hat vor allem pragmatische Gründe: Anfangs können
die Kinder den Druck auf den Stift nicht gut regulieren, was beim Bleistift am wenigsten Probleme
macht. Er verbiegt nicht, außerdem fließt aus ihm keine Farbe nach, wenn das Kind mitten im
Buchstaben oder zwischen den Lettern eine Pause macht. Füller werden meist erst in der zweiten
Klasse eingesetzt. Die Kinder machen dann oft einen 'Füllerführerschein', und sind sehr stolz, einen
weiteren Meilenstein der Bildung genommen zu haben. 'Die Verwendung des Füllers setzt bereits eine
flüssige Handschrift voraus. Wegen der Ausrichtung der Feder gängelt er die Hand zudem stärker',
sagt Eva Lang vom ISB.
Die Kinder experimentieren aber mit vielerlei Geräten. Geht es bei einer Übung eher um die Form
eines Buchstabens, können sie ihn auch mit dem Radiergummi auf den Tisch malen oder mit dem
Finger auf den Rücken eines Mitschülers. Hier kann die erhöhte Reibung zwischen Stift und Unterlage
die Kontrolle über die Bewegung verbessern. Sollen die Kinder lernen, den Schreibdruck zu
regulieren, sind vielleicht Filzstifte eine gute Wahl, weil die Kinder sie als wertvollen Besitz ansehen
und bewahren wollen. Ist schließlich die Automatisierung der Schreibbewegung das Ziel, sollte der
Stift leicht über das Papier gleiten können.
Linkshändige Kinder müssen eine andere Schreibhaltung einnehmen als Rechtshänder, um das
Geschriebene sehen zu können und Tinte nicht zu verwischen. 'Sie sollten das Blatt nach rechts kippen
und die Hand unterhalb der Zeile halten', rät Johanna Sattler, Psychotherapeutin und Leiterin der
Ersten deutschen Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder in München. Auf keinen Fall
dürfen diese Kinder die 'Hakenhaltung' lernen, bei der sie um die Zeile herumgreifen und den Stift von
hinten auf das Papier drücken. Dies kann zu Verspannungen führen.
Viele linkshändige Kinder würden lieber Spiegelschrift schreiben. Die Schüler schreiben daher häufig
einzelne Buchstaben oder ganze Worte spiegelverkehrt, dies sollte sich aber im Laufe der ersten
Klasse legen. Lehrpläne verbieten ausdrücklich, die Händigkeit der Kinder zu korrigieren. Denn dies
löst eine Reorganisation im Gehirn aus. Eine Studie von Stephan Klöppel von der Universität Freiburg
hat gezeigt, dass umgeschulte Linkshänder ihre Hirnaktivitäten zwar auf die andere Seite verlagern,
jedoch viel mehr Aufmerksamkeit aufwenden müssen, um ihre Hände zu koordinieren, weil die
Planungsprozesse in der ursprünglichen Hemisphäre bleiben. Bei vielen Umgeschulten sind
Konzentrationsstörungen oder Probleme mit der Feinmotorik die Folge.
Eltern können schon oft bei ein- bis zweijährigen Kindern feststellen, ob sie Linkshänder sind. Die
Kinder greifen häufiger mit der linken Hand nach Gegenständen, essen oder malen mit links. Das
sollten Mütter und Väter unterstützen, indem sie zum Beispiel für Spielzeug sorgen, das sich von
beiden Seiten gut bedienen lässt. Auch im Kindergarten sollten sie darauf achten. 'Oft gibt es hier
keine guten Linkshänder-Scheren, alle Bastelvorlagen sind besser von rechts herauszuschneiden und
so weiter', sagt Sattler. 'Das linkshändige Kind wird benachteiligt und manche Kinder schulen sich
dann von selbst um, ohne dass man es wirklich merkt.'
Auf vielen Elternabenden beschweren sich erboste Väter oder Mütter über die schlechte
Rechtschreibung ihrer Kinder: Warum korrigiere niemand die Fehler in den Schulheften? Die Lehrerin
muss dann erklären, dass sich das Schreibenlernen innerhalb einer Generation stark verändert hat:
Heute geht es vor allem darum, dass die Kinder vom ersten Schultag an erfahren, dass sie ihre eigenen
Wörter lautgetreu schreiben können. 'Kinder dürfen anfangs phonetisch schreiben', sagt Eva Lang vom
ISB. 'Wenn sie verstanden haben, dass meist ein Buchstabe für einen Laut steht, lernen sie die
Ausnahmen, zum Beispiel, dass manche Laute durch zwei oder drei Buchstaben verschriftet werden.'
Korrigiert wird im ersten Schuljahr kaum. Je nach Leistungsstand des Kindes werden dann die Regeln
zum Richtigschreiben nur langsam vermittelt, oft wenn Texte für die öffentliche Präsentation
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überarbeitet werden. Eltern sollten nicht versuchen, dem vorzugreifen und Rechtschreibung pauken.
Damit richteten sie eher Unheil an, so Pädagogen, weil Kinder durch ständige Kritik und Belehrung
den Spaß am Schreiben verlieren.
Im Alltag haben elektronische Geräte mit Tastatur die Handschrift weitgehend verdrängt: Statt Briefe
schicken Erwachsene E-Mails, SMS ersetzen zu Hause hinterlassene Notizen. Schon in der
Grundschule tritt darum der Computer neben das Schreibheft, in Klassenzimmern wie im Lehrplan.
Dennoch hat die Handschrift noch klare Vorteile. 'In verbundener Schreibschrift können die Schüler
flüssiger und schneller schreiben als in Druckschrift oder auf einer Tastatur', sagt Eva Lang vom ISB.
Aus dem Computer eine anfassbare Kopie des Geschriebenen zu bekommen, erfordert außerdem
zusätzliche Ausrüstung und Spezialwissen, das auch mit Lernspielen vertrauten Kindern oft fehlt. Und
verglichen mit der Vielfalt von Tastaturen, mit denen man auf Computern, Handys oder sonstigen
Geräten Text produziert, ist die verwirrende Auswahl von Schreibschriften doch äußerst homogen.
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung,
Schreibschrift, ade
Nr. 33, 22.08.2010, Seite 55
Welche Schrift sollen Grundschüler lernen? Während darüber noch gestritten wird, fordern
Wissenschaftler und Pädagogen das Ende des Schönschreibens.
VON GEORG RÜSCHEMEYER
"Tres digiti scribunt et totum corpus laborat" - "Drei Finger schreiben, aber der ganze Körper arbeitet",
klagten schon die zum Kopieren von Büchern abgestellten Mönche des Mittelalters über ihren
kräftezehrenden Beruf, der die Augen trübe, die Lenden breche, den Nacken krumm werden und
überhaupt alle Glieder leiden lasse.
Der Spruch passt auch auf so manchen modernen Abc-Schützen, der sein Heft unter höchster
Konzentration mit schnörkeligen Buchstaben füllt. Auch wenn dabei nicht gleich der Nacken krumm
wird: Vor allem das Einüben der sogenannten Lateinischen Ausgangsschrift (LA) ist für viele Kinder
eine feinmotorische Herausforderung. Seit dem Jahr 1953 wurde diese Schrift in den meisten
deutschen Volksschulen unterrichtet und löste die seit den zwanziger Jahren gebräuchliche
Sütterlinschrift schnell ab.
Anfang der siebziger Jahre entwickelte dann der Göttinger Grundschullehrer Heinrich Grünewald eine
Variante dieser Schrift, die Vereinfachte Ausgangsschrift (VA). Vor allem eine starke Annäherung der
Großbuchstaben an die Druckschrift, der einheitliche Beginn der Kleinbuchstaben an der Mittellinie,
sowie eine geringere Zahl abrupter Wechsel der Schreibrichtung sollen den Kindern das
Schreibenlernen erleichtern. Zudem soll die stärkere Gliederung der Buchstaben dem Kind helfen,
Wörter analytisch in ihre Einzelteile zu zerlegen und so ihre Schreibweise besser zu verstehen.
Grünewald ging für seine Schrift von der Analyse von Erwachsenenhandschriften aus, die zumeist
ebenfalls mit Druck-Großbuchstaben schreiben. Das Entwickeln einer individuellen Handschrift ist im
Konzept jeder "Ausgangsschrift" durchaus gewollt und unterscheidet sie von Normschriften wie dem
Sütterlin, das im Idealfall ein Leben lang in immer gleichen Formen geschrieben werden sollte.
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Grünewalds VA breitete sich in den Achtzigern an westdeutschen Schulen aus und hat heute die
barocke LA an vielen Schulen verdrängt. Mit der Wiedervereinigung ging schließlich noch die 1968 in
der DDR eingeführte Schulausgangsschrift (SAS) ins Rennen. 1994 forderte die
Kultusministerkonferenz lediglich eine verbundene Schrift (im Gegensatz zur aus einzelnen Lettern
bestehenden Druckschrift), überließ die Wahl einer der drei Ausgangsschriften aber den Ländern, von
denen viele ihren Schulen wiederum mehr oder minder viel Wahlfreiheit gewähren. Damit war die
heutige Schriftenverwirrung perfekt, die Schülern vor allem nach einem Schulwechsel erheblich zu
schaffen machen kann.
Welche der drei Schriften am leichtesten zu erlernen ist und später zur flüssigsten und leserlichsten
Erwachsenenschrift wird, ist dabei vor allem eine Glaubensfrage. "Es gibt dazu in Deutschland einen
erstaunlichen Mangel an Empirie", sagt Sigrun Richter, Professorin für Grundschulpädagogik an der
Universität Regensburg. Einer der wenigen Versuche, die Vorteile einer Schrift in Sachen
Leserlichkeit, Schreibgeschwindigkeit und Rechtschreibung mit wissenschaftlicher Genauigkeit zu
vergleichen, stammt von Heinrich Grünewald selbst. Im Rahmen eines Schulversuchs verglich er
Anfang der siebziger Jahre sechs Klassen, die in der LA unterrichtet wurden, mit ebenso vielen
Klassen, die seine VA erlernten. Grünewald schloss, dass seine VA sowohl Leserlichkeit,
Schreibtempo und Rechtschreibung begünstige. Damit war die VA auch wissenschaftlich abgesegnet,
wenn es auch schon damals nicht unbedingt guter Stil war, dass der Entwickler sein Produkt selbst
evaluiert.
1996 nahm der Oldenburger Erziehungswissenschaftler Wilhelm Topsch die Studie denn auch gehörig
auseinander: Sie sei voller Fehler, widersprüchlicher Daten und unbewiesener Behauptungen. Ein
Beispiel: 56 Prozent der Schüler in der VA-Gruppe waren Mädchen, in der LA-Gruppe waren es
jedoch nur 44 Prozent. Da Mädchen generell bessere Schreibleistungen zeigen, verfälsche allein dies
die Ergebnisse erheblich zugunsten der VA, so Topsch, der die Nachlässigkeiten seines Kollegen für
"skandalös" hält.
In einer weiteren Studie, welche die Leistungen von in VA und LA unterrichteten Kindern verglich,
konnte seine Regensburger Kollegin Sigrun Richter 1997 denn auch keinen Vorteil der vereinfachten
Version ausmachen. "Im Gegenteil, die Leistungen der Kinder in der LA-Gruppe waren sogar etwas
besser", sagt Richter. Das hänge sie aber nur ungern an die große Glocke, weil sie sich nicht vor den
Karren jener Eltern und Lehrer spannen lassen wolle, welche die Schnörkel der LA wieder zum
Standard erheben wollten. "Die Frage ist doch vielmehr: Brauchen wir heute überhaupt noch eine
verbundene Ausgangsschrift?"
Damit gehört sie zur wachsenden Zahl von Pädagogen, die den Streit um die richtige Schönschrift
beenden wollen, indem sie sie komplett abschaffen. Unter dem Motto "Schluss mit dem SchriftenWirrwarr!" hat im Mai der deutsche Grundschulverband eine Initiative zur Abschaffung der drei
gebräuchlichen Ausgangsschriften gestartet. Die Alternative ist simpel: Man solle es einfach bei der
handgeschriebenen Druckschrift belassen, in der heute Erstklässler im ganzen Land ohnehin Lesen und
Schreiben lernen, bevor sie dann in der zweiten Jahrgangsstufe zu den geschwungeneren
Ausgangsschriften angehalten werden. Als didaktischen Kunstfehler bezeichnet der Verband diesen
Sprung "zurück auf null" des Schrifterwerbs. "Neben dem Frust für Kinder kostet das auch sehr viel
Unterrichtszeit, die dann all den anderen Bildungsaufgaben der Grundschule abgeht", sagt Maresi
Lassek, Vorsitzende des Verbandes.
Der Grundschulverband propagiert nun die sogenannte Grundschrift, handgeschriebene
Druckbuchstaben, die zum Teil für den besseren Anschluss mit einem kleinen Wendebogen enden.
Diese Grundschrift soll aber nicht wie gestochen kopiert werden, sondern lediglich als Vorlage zum
Entwickeln einer eigenen Handschrift dienen, die, wie es die Lehrpläne fordern, auch durchaus
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verbunden sein soll. Nur dürfen die Kinder unter Anleitung ihrer Lehrerinnen verstärkt selbst
ausprobieren, wo beispielsweise eine Buchstabenverbindung sinnvoll ist und wo man stattdessen eher
einen "Luftsprung" einlegt.
Vom drohenden Verlust deutschen Kulturguts könne angesichts der kurzen Geschichte der heutigen
Ausgangsschriften keine Rede sein, meint Lasseks Stellvertreter Ulrich Hecker, Leiter der
Regenbogen-Grundschule in Moers. "Die sind einfach nur anachronistischer Ballast für den
Unterricht." Die Befürworter der drei gängigen Schriften führen neben ästhetischen Argumenten die
kindliche Feinmotorik an, die zu verkümmern drohe und fürchten einen unterbrochenen Schreibfluss.
Die wenigen empirischen Vergleichsdaten, die es gibt, widersprechen dem aber. So machte die
Münchener Erziehungswissenschaftlerin Christina Mahrhofer-Bernt in einer 2002 beendeten
Vergleichsstudie gute Erfahrungen mit einer eigens entwickelten, der Grundschrift recht nahe
kommenden Schrift und dem dazugehörigen Unterrichtskonzept, das diese Schrift nur als
unverbindliche Empfehlung ansah.
Neuere Daten kommen aus der Schweiz, wo im Kanton Luzern seit 2006 neben der althergebrachten,
der LA stark ähnelnden Schweizer Schulschrift, auch eine weitgehend den Druckbuchstaben
angeglichene "Basisschrift" zugelassen ist. Forscher der Pädagogischen Hochschule der
Zentralschweiz in Luzern verglichen in einer im Juni veröffentlichten Studie die schreibmotorischen
Leistungen von 93 Viertklässlern, die etwa je zur Hälfte in einer der beiden Schriften unterrichtet
worden waren. "Dabei bestätigte sich, dass in der Basisschrift unterrichtete Kinder schneller und
trotzdem leserlicher zu schreiben vermögen als mit der alten Schnürlischrift", sagt Studienleiterin
Sibylle Hurschler. Zudem war der sonst deutliche Unterschied zwischen Mädchen und Jungen in den
Schreibleistungen bei der Basisschrift verschwunden.
"Die Schweizer Ergebnisse sind ein guter Beleg dafür, dass es einer ‚Zwei-Schriften-Didaktik' nicht
bedarf", meint die Regensburger Professorin Richter. Ähnliche Studien seien auch zur Evaluierung der
Grundschrift vonnöten, um der traditionell sehr von Behauptungen lebenden Pädagogik ein
empirisches Fundament zu geben.
Der Grundschulverband allerdings bewertet die bisherigen Erfahrungen an inzwischen rund 50
Grundschulen auch ohne streng wissenschaftliche Auswertung so positiv, dass man in der kürzlich
gestarteten Kampagne nun bundesweit Lehrer zum Erproben der Grundschrift ermutigen will. Anfang
kommenden Jahres sollen in einer Tagung auch die Grundschulreferenten der Länder für die
Grundschrift begeistert werden. Denn noch empfehlen viele Lehrpläne explizit eine der drei
Ausgangsschriften. Ulrich Hecker sieht das aber schon jetzt nicht als Hindernis: Nach dem in der
Grundschrift wirkenden Prinzip "Ausprobieren statt vorschreiben" gebe es ja kein Argument dafür, in
der zweiten Klasse nicht auch mal eine der herkömmlichen Ausgangsschriften auf praktische
Schreibweisen abzuklopfen und so zumindest den Buchstaben des Lehrplans zu befolgen.
Die große Frage, die sich im Zeitalter von E-Mails, SMS und Kleinkindern mit voller Kontrolle über
die Menüstruktur des elterlichen Laptops stellt, ist allerdings: Wozu sollen die erwachsenen User von
morgen überhaupt noch die Kulturtechnik der Schreibschrift beherrschen? Tastaturen haben das
Schreiben von Hand im Alltag vieler Menschen auf Nischen wie Einkaufszettel oder Postkarten
verdrängt, für Bewerbungen werden kaum noch handschriftliche Lebensläufe verlangt und selbst
offizielle Anschreiben kann man neuerdings per E-Postbrief komplett papier- und stiftfrei versenden.
Neben dem ohne Notar nur handschriftlich rechtsgültigen Testament bleiben eigentlich nur noch
Prüfungen an Schule und Universität als eine der letzten Domänen der Handschrift - vorerst.
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Trotzdem glaubt die Lernforscherin Sibylle Hurschler nicht, dass die Schreibschrift bald überflüssig
werde. "Dafür sind Bleistift und Zettel in zu vielen Situationen einfach zu praktisch." Und Ulrich
Hecker führt Studien an, nach denen erst die Verknüpfung des motorischen Programms mit den
dazugehörigen Buchstaben im Gehirn ein tieferes Verständnis für den Aufbau von Buchstaben und
Wörtern erzeugt.
Auch Sigrun Richter sieht in der Handschrift eine unverzichtbare Grundlage des Schreibenlernens.
Doch das Schreiben am Computer müsse für einen zeitgemäßen Schreibunterricht viel mehr in die
Lehrpläne integriert werden. "Wir haben das mal in einer Studie ausprobiert: Ab der dritten Klasse
kommen die Kinder mit ganz normalen Tastaturen bestens klar."
bildung & wissenschaft
Juni 2010 Seite 15
Ein neuer Weg zum besseren Schreiben?
Grundschule: „Damit Kinder besser schreiben lernen“ – unter diesem Motto startete der
Grundschulverband im Mai eine Initiatiative für einen kindgemäßeren Schreibunterricht und
fordert statt dem „Schriften-Wirrwarr!“ aus Druck- und Schreibschrift eine einheitliche
„Grundschrift“.
Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass Kinder und Jugendliche auch im Computerzeitalter eine gut
lesbare, leicht und flüssig schreibbare Schrift brauchen. Als erste Schrift im Anfangsunterricht hat sich
inzwischen eine handgeschriebene Druckschrift durchgesetzt.
Sie erleichtert den Kindern das Lesenlernen und ermöglicht frühzeitig eigene Schreibversuche
in der Schriftart, in der auch die Lesetexte gedruckt sind. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen
Kinder mit Druckschrift lesen und gleichzeitig eine komplizierte Schreibschrift erlernen mussten.
Doch nach wie vor müssen Kinder eine zweite Schrift lernen. „Druckschrift und eine verbundene
Schrift schreiben“ lautet die Vorgabe des Bildungsplans Grundschule von 2004. Das
Kultusministerium wollte damals die Vereinfachte Ausgangsschrift (VA) verbindlich machen, was auf
erheblichen Widerstand in Lehrerkreisen stieß.
Die Fachgruppe erreichte dann, dass die Schulen die Entscheidung über die Schreibschrift selbst
treffen. Nach wie vor hat die lateinische Ausgangsschrift (LA) in Baden- Württemberg ihre Anhänger.
Sie war 1951 nicht unter schreibmotorischen, sondern unter ästhetischen Gesichtspunkten entwickelt
worden: mit Aufstrichen, vielen Drehrichtungswechseln und komplizierten Buchstabenverbindungen.
Das führte in den siebziger Jahren zur Entwicklung einer Schrift, die einfacher zu erlernen
war, eben der vereinfachten Ausgangsschrift (VA). Mit der Wende 1989 hielt dann auch die
Schulausgangsschrift (SAS) der früheren DDR Einzug in westdeutsche Schulstuben. Die mitunter fast
ideologisch geführte Auseinandersetzung um die beste Ausgangsschriftart
hat sich entspannt, weil sich die Druckschrift als erste „Schreibschrift“ durchgesetzt hat.
Die sinnvolle Einsicht: Kinder sollten mit einer Schrift Lesen und Schreiben lernen. Inzwischen hat
sich die Diskussion in Fachkreisen längst weiterentwickelt. Die Fragestellung ist: Müssen Kinder
überhaupt noch eine zweite „Schreibschrift“ erlernen oder lässt sich nicht aus der Druckschrift viel
leichter eine verbundene Schreibschrift entwickeln, eben die Grundschrift.
Dr. Horst Bartnitzky, der Vorsitzende des Grundschulverbandes: „Die in Deutschland bisher
verwendeten Ausgangsschriften sind historisch überholt. Eine Schrift zum Lesen und Schreibenlernen
ist genug, denn aus ihrer ersten Schrift können Kinder eine flüssige und lesbare
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Handschrift entwickeln – die Schrift, die sie in Schule, Ausbildung und Beruf brauchen.“ Mit der
„Grundschrift“ präsentiert der Grundschulverband eine Schrift, die alle Anforderungen an eine
Schreibschrift erfüllt: Sie ist besonders formklar und deshalb gut lesbar.
Sie ist funktional für alle Verwendungen der Textproduktion. Sie ist mit zunehmender Schreibübung
geläufig schreibbar. Sie kann bei weiterem Gebrauch zur individuellen Handschrift weiterentwickelt
werden.
Das aktuelle Heft 110 der Zeitschrift des Grundschulverbandes „Grundschule aktuell“ vom Mai
2010 enthält das „Grundschrift-Abc“ sowie Hintergründe, Materialien, Erkenntnisse der
pädagogischen Forschung und Erfahrungen aus der Schulpraxis. Weitere Informationen finden sich auf
der Homepage des Grundschulverbandes www.grundschulverband.de. Die Fachgruppe Grundschule
hält es für sinnvoll, sich an der Erprobung dieser Materialien im Schreibunterricht zu beteiligen und
ruft zur Mitarbeit und zum Erfahrungsaustausch auf.
Bernd Rechel für die Fachgruppe Grundschule
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