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POS Kinder
Ein Zusammenfassung der ehem. Internetseite: inuco.ch/pos/
POS-Kinder sind anders ( Psychoorganisches Syndrom)
POS-Kinder sind anders. Sie sind nicht krank, und sie sind keineswegs minderbegabt. Doch in ihrem Lern- und
Sozialverhalten unterscheiden sie sich von ihren Kameradinnen und Kameraden. Worin zeigt sich ihr AndersSein?
Ablenkbarkeit - Konzentrationsschwäche
POS-Kinder sind sehr aufmerksam. Doch können sie ihre Aufmerksamkeit nicht aktiv steuern. Sie wird
vielmehr passiv angezogen von jeder kleinsten Veränderung in ihrer Umwelt. Das Fehlen oder Hinzukommen
von Gegenständen in ihrer gewohnten Umgebung kann sie bereits ungewöhnlich irritieren. Jede Bewegung,
jedes Geräusch, jedes Geschehen in ihrem Wahrnehmungsfeld zieht wie ein starker Magnet ihre
Aufmerksamkeit an: Ein Knistern, ein Rascheln, ein Flüstern, ein Räuspern lenkt sie ab. Ein Bleistift, der zu
Boden fällt, ein Vogel, der sich auf dem Sims niederlässt, erregt ihre gespannte Aufmerksamkeit so stark, dass
sie alles andere um sich herum vergessen können. Das POS-Kind kann nicht gut aufpassen und darum
beispielsweise dem Schulunterricht nur schwer folgen, weil es seine latente Aufmerksamkeit nicht bewusst
zusammenfassen und an eine bestimmte (vom Lehrer verlangte) Stelle lenken kann. Es kann sich schlecht
konzentrieren.
Ungesteuerte emotionale Reaktionen
Das POS-Kind kann sein Sozialverhalten oft kaum steuern: Es wird von äusseren Geschehnissen wie von
inneren Gefühlsbewegungen weitgehend beherrscht. Zur Wut gereizt, wird es manchmal unkontrolliert um
sich schlagen. Allerlei Ängste können es ganz lähmen. Aber auch in seiner Freude kennt es häufig keine
Grenzen und überbordet leicht.
Schwankungen in der Leistungsfähigkeit
Die schulische Leistungsfähigkeit beim POS-Kind schwankt enorm. Es kann gute Stunden und Tage geben
und "handkehrum" sehr schlechte. Am späten Nachmittag, etwa ab 17 Uhr, sind viele POS-Kinder zu keinerlei
Schulleistung mehr fähig. Ihre geistige Energie ist dann völlig erschöpft. Manche POS-Kinder sind auf
Wetterumschlag, auf Föhn oder Gewitter sehr empfindlich und dann kaum leistungsfähig.
Rasche Ermüdbarkeit - verminderte Belastungsfähigkeit
Die Leistungskurve eines POS-Kindes sinkt meist schon nach wenigen Minuten bedenklich ab und erreicht
gegen den Schluss einer üblichen Schulstunde den Nullpunkt. In solchem Ermüdungszustand verliert es oft
vollends die Kontrolle über sein Verhalten. Es stört dann den Unterricht durch sein unbeherrschtes Schwatzen
oder Sticheln. Nicht selten gerät es vor dem scheinbar unüberwindlichen Berg von Aufgaben in Panik und
Verzweiflungsausbrüche. Von sich und der Welt enttäuscht, kommt es zu aggressiven oder depressiven
Reaktionen.
Das POS-Kind kann nicht so, wie es gerne möchte
Meist fehlt es durchaus nicht am guten Willen. Das POS-Kind möchte gut sein, möchte perfekte Leistung
erbringen. Es möchte Erfolg haben und gelobt werden, wie die anderen. Aber es kann nicht so, wie es gerne
möchte. Seine Hirnfunktions-Unreife hindert es daran, sich so zu verhalten und so zu arbeiten, wie es die
Erzieher, der Lehrer und es selber haben möchten. Beim Schreiben beispielsweise geraten nur wenige Zeilen
einigermassen korrekt, dann beginnt die Schrift zu zerfallen, die Buchstaben kommen über und unter die Linie
zu stehen, die Rechtschreib- und Rechenfehler häufen sich.
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Soziale Isolierung
Wen wundert es, dass das POS-Kind unter solchen Umständen an sich selber zu zweifeln beginnt? Wenn es,
anstatt ermuntert und getröstet zu werden, nun etwa gar von unverständigen Lehrpersonen und grausamen
Mitschülern blossgestellt, ausgelacht und verspottet wird, dann verliert es alles Vertrauen in sich selber und die
Mitwelt. Es fühlt sich minderwertig und zieht sich zurück in sein seelisches Schneckenhaus. Oder es wird
zunehmend bockig und aggressiv, um damit seine Lebensangst und Unsicherheit zu überspielen. So kommt es
bald in die Rolle des "schwarzen Schafes" und des Sündenbocks, dem sowohl daheim als auch in der Schule
alles, was schief geht, in die Schuhe geschoben wird.
Bewegungsunruhe - fehlende Körperbeherrschung
Meistens fallen POS-Kinder auch dadurch auf, dass sie immer in Bewegung sind, kaum stillstehen und ruhig
sitzen können. Sie müssen ihre Körperhaltung immer wieder verändern, sie sitzen krumm und schief, scharren
mit den Füssen, ihre Finger beschäftigen sich dauernd mit irgendwelchen Objekten, ohne dass es ihnen
bewusst ist. Wird so ein Zappelnd zur Ruhe gemahnt, kann es einem solchen Gebot nur für kurze Zeit
nachkommen. Dazu besteht sehr oft eine ausgesprochene manuelle Ungeschicklichkeit. POS-Kinder haben oft
"zwei linke Hände". Darum sind exakte Bastelarbeiten, Scherenschnitte, genaues Ausmalen oder Zeichnen fast
unmöglich. Mit den Augen können die POS-Kinder durchaus die Unvollkommenheit feststellen, doch
gehorchen die Finger ihrem Willen nicht. Dadurch kommt es bald zum Verleider, und darum hassen die
meisten POS-Kinder feine Bastelarbeiten und drücken sich darum, wo sie nur können. Dafür lieben sie es um
so mehr, mit Trottinett oder Velo draussen herum zu rasen oder Fussball zu spielen. Der Fachmann nennt dies
"Ausweichen in die Grobmotorik".
Der passive, bewegungsarme Typus
Es gibt auch eine seltenere Art des POS-Verhaltens, bei welchem die Bewegungen allgemein verlangsamt und
gehemmt sind. Solche POS-Kinder sind im Gegensatz zu den hyperaktiven sehr passiv, sie sind nicht
zugreifend, sondern zurückhaltend und scheu. Sie leiden an Antriebsmangel und Kontaktarmut, im Gegensatz
zur oberflächlichen Kontaktfreudigkeit der hypermotorischen POS-Kinder. Meistens ist das Körperwachstums
des passiven oder " Rückzugs-Typus" auffällig beschleunigt. Die Ursache besteht dann in funktionellen
Unreifen tiefer situierter Strukturen des Mittelhirns ("limbisches System").
Teilweise mangelnde Hirnfunktionsreife als Ursache
Durch Zirkulationsstörungen im Gehirn des Neugeborenen, sei es vor, während oder kurz nach der Geburt,
durch vorübergehende Stoffwechselstörungen wie Blutunterzuckerung oder -übersäuerung, können bestimmte
Hirngebiete des Kindes in ihrem Ausreifungstempo gestört werden. Dieser Störung liegt also kein Untergang
von Hirngewebe zugrunde, sondern eine mögliche Verlangsamung des Entwicklungstempos und der
Ausreifungsqualität der entsprechenden Hirnregion. So kann es zur Verzögerung und Behinderung des
Spracherwerbs kommen, wenn eine Reifungsbehinderung die - zukünftige Sprachregion betrifft. Eine
Beeinträchtigung der visuellen Gestaltwahrnehmung resultiert aus der Reifungsverzögerung bestimmter
Sehrindenfelder. Den umschriebenen und an ganz verschiedenen Stellen des Gehirns wirksamen
Beeinträchtigungen entsprechen Jahre später feststellbare "Teilleistungsschwächen". Ausgesprochene POSErscheinungen werden von der eidgenössischen lnvalidenversicherung als "Geburtsgebrechen" anerkannt,
sofern sie vor dem 9. Geburtstag des Kindes ärztlich festgestellt und eine entsprechende Behandlung
eingeleitet wurde. Die IV übernimmt in solchen Fällen notwendige medizinische und pädagogischtherapeutische Massnahmen.
Schulversagen durch POS müsste nicht sein
Die geschilderten Symptome, insbesondere die Ablenkbarkeit, Konzentrationsschwäche und enorme
Ermüdbarkeit der POS-Kinder führt oft schon bei der Einschulung zum Leistungsversagen und unter
Umständen zu inadäquaten Massnahmen der Schulbehörde. Da POS-Kinder anders sind und auch eine anders
strukturierte Intelligenz haben, und da ihre Zahl in der Bevölkerung sehr gross ist- etwa jedes zwanzigste Kind
ist ein POS-Kind sollten sie nicht dazu gezwungen werden dürfen, sich unserem Schulsystem anzupassen, was
sie ja auch nicht können. Die Schule sollte sich vielmehr dem Lern und Leistungstempo und den besonderen
Bedürfnissen der POS-Kinder anpassen, um ihnen die Chance eines ungebrochenen Schuldurchlaufes zu
gewährleisten. Dazu gehört das Üben an der individuellen Leistungsgrenze und die liebevolle
Berücksichtigung der unsicheren und oft verlangsamten Feinmotorik. Jede Überforderung ist ebenso schädlich
wie die Unterforderung, indem zum Beispiel ein solches an sich intelligentes Kind wegen seines
verlangsamten Lern- und Leistungstempos einfach einer Klasse für Minderbegabte zugeteilt wird. Solche heute
noch möglichen Verletzungen der legitimen Rechte des Kindes auf adäquate Schulung sollten wir durch die
Humanisierung des Schulbetriebes verunmöglichen. Jede normale Schulklasse sollte ein bis zwei POS-Kinder
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"verkraften" und ihnen ohne Diskriminierung mitmenschlich entgegenkommen. Nur einzelne von ihnen
benötigen wegen der Intensität ihrer besonderen Lern und Verhaltensstörungen eine Sonderklasse oder
Sonderschulung.
POS-Kinder fordern uns heraus
POS-Kinder fordem Eltern, Erzieherlnnen und Lehrerlnnen gleichermassen dazu heraus, jeden pädagogischen
Formalismus zu überwinden, und trotz seinem Anders-Sein das POS-Kind liebevoll zu akzeptieren und ihm in
jeder Situation vor allem mit mitmenschlicher Wärme zu begegnen. Nur ein Kind, das sich geliebt weiss, ist
lernfähig und lernwillig. Dies gilt für alle Kinder, doch für die POS-Kinder ganz besonders.
Symptome
1. Die enorme Ablenkbarkeit und die damit zusammenhängende Konzentrationsunfähigkeit.
2. Eine rasche Ermüdung der geistigen Funktionen.
3. Motorische Unruhe.
4. Gestörte Feinmotorik und Graphomotorik.
5. Oft noch ganz kleinkindliches figurales Zeichnen
6. Ungenügendes "Körperbewusstsein (mangelhaftes Körperschema)
7. Reizüberempfindlichkeit
8. Leistungsinkonstanz
9. Auffälligkeit im Sozialverhalten
10. Frustrations-Intoleranz
11. Diskrepanz zwischen (reifem) Intelligenzverhalten und (unreifem) Emotionalverhalten
12. Diskrepanz zwischen (altersgemässen) Dualverhalten und (unreifem) Gruppenverhalten
13 Zeichen zentraler (cerebral bedingter) Sprachschwäche (fakultativ)
14. Zeichen zentraler (cerebraler) visueller Verarbeitungsstörung (fakultativ)
15. Zeichen zentraler (cerebraler) Merkfähigkeitsstörung für Reihen(fakultativ)
16. Linkshändigkeit
17. Neigung (Disposition) zu Lese-Rechtschreib-Schwäche und Rechenschwäche
Prognose
Vielfach wird in der Literatur angegeben, daß die Prognose des frühkindlichen psychoorganischen Syndroms
gut sei (Walton 1977). In der Tat sind grobe Funktionsausfälle im Erwachsenenalter kaum mehr nachweisbar.
Im Laufe der Jahre, insbesondere während der Pubertät, reift das Kind nach, sei es, daß ehemals unreife
funktionelle Hirnorgane effektiv einen altersentsprechenden Entwicklungsstand erreichen, sei es, daß
Umgehungsstrategien gefunden werden. Denn je älter das Kind wird, desto mehr hilft einem intelligenten POSKind vor allem eine gute Assoziationsfähigkeit, Störungen zu umgehen. Wenn es beispielsweise sprachlich gut
entwickelt ist, kann es mittels Verbalisieren Aufgaben aus dem visuell-räumlichen Bereich, die ihm an sich
Schwierigkeiten bereiten würden, lösen. Wenn es visuell gut entwickelt ist und sprachlich Schwierigkeiten hat,
wird es mit seiner visuellen Auffassungsgabe vieles erfassen, was sich andere sprachlich erarbeiten ("erkennen",
wie ein Apparat funktioniert, anstatt die Gebrauchsanleitung zu lesen). Auch wird es kaum einen Beruf erwählen,
bei dem seine Schwächen im Vordergrund stehen. Denn Schwächen bleiben zurück. Jeder Untersucher, der
ehemalige POS-Kinder differenziert nachuntersucht, bestätigt dies (Weiss u. Mitarb. 1979, Minde 1982, Corboz u.
Cuenod 1983, Schonhaut 1984, Hellgren 1994). Überall dort nämlich, wo genetisch oder exogen bedingte
strukturelle Veränderungen vorlagen, entwickeln sich biologisch von der Norm abweichende funktionelle
Hirnorgane, sei es, daß andere Systeme, welche für diese Aufgabe weniger gut ausgerüstet waren, diese Funktion
übernehmen mußten, sei es, daß es nach einer Läsion zu fehlerhafter Axonaussprossung mit fehlerhafter
Synapsenbildung kam.
Ehemalige POS-Kinder haben also wahrscheinlich (mit Ausnahme jener hypothetischen Gruppe, bei der eine
reine Reifungsverlangsamung vorlag) im Erwachsenenalter ein von der biologischen Norm leicht abweichendes
Gehirn.
Diese biologischen Normabweichungen zeigen sich im Erwachsenenalter in manchen diskreten
Auffälligkeiten. Auf pathologische Bewegungsmuster der Hände wurde bereits hingewiesen. Auch andere
neuromotorische Auffälligkeiten können bestehen bleiben. So können die Bewegungen noch im Erwachsenenalter
unbeholfen oder überhastet sein (Gubbay u. Knuckey 1983), und die Schrift kann unregelmäßig und unreif bleiben,
was zu unverdient schlechten graphologischen Gutachten führen kann. Auch Minderleistungen im
Wahrnehmungsbereich können noch nachweisbar sein, insbesondere die Schwierigkeit, gleichzeitig vieles zu
verarbeiten (verminderte Kanalkapazität). Dies führt zu einer generell verminderten Belastbarkeit, sei dies nun im
arbeitstechnischen oder im psychischen Bereich. Auch der Typ des "zerstreuten Professors" ist wahrscheinlich auf
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diese Schwierigkeit zurückzuführen. Manchmal bleibt auch die Fähigkeit, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu
unterscheiden,
vermindert,
desgleichen
bleiben
Mühe
mit
Umstellungen(Sturheit)
und
Hypothesenverwerfungsstörungen mit Tendenz zu sprunghaftem Denken und unüberlegtem Handeln bestehen.
Wegen intermodalen Minderleistungen kann es Schwierigkeiten bereiten, Erfahrungen in einem Gebiet auf ein
anderes zu übertragen, was dazu führt, daß an einer eingefahrenen Arbeits- oder Lebensweise pedantisch
festgehalten wird. Seriale Störungen führen zu einer verminderten Antizipation, zur Schwierigkeit, das Resultat des
eigenen Handelns vorauszusehen. Auch psychische Unreifezeichen können persistieren, so etwa eine gewisse
Geschwätzigkeit, eine unkritische Haltung den eigenen Leistungen gegenüber, eine verminderte
Konzentrationsfähigkeit und eine erhöhte Erregbarkeit mit Dekompensation in Stresssituationen (manchmal ein
Grund für militärische Dienstuntauglichkeit!). Auch eine gewisse Hyperaktivität kann im Erwachsenenalter noch
vorhanden sein und sich im Bewältigen eines übermäßigen Arbeitspensums bzw. in häufigem Stellenwechsel und
betriebsamer Freizeit niederschlagen. Ebenso bleibt die Neigung zu impulsiven Frustrationsreaktionen oft
lebenslang erhalten.
Dies alles schliesst Spitzenleistungen in Teilgebieten nicht aus, manchmal auf intuitiver Basis. Ein biologisch
andersartiges Gehirn zu haben, muss nicht bedeuten, ein minderwertiges Gehirn zu haben. Im Gegenteil, ehemalige
POS-Kinder sind im Erwachsenenalter oft diejenigen, welche den sog. Normalen vieles voraushaben. Mit ihrer
kindlichen Begeisterungsfähigkeit und ihrem erfrischenden Neugierverhalten bringen sie Leben in den grauen
Alltag. Mit ihrer wohl oder übel antrainierten Fähigkeit, Umgehungsstrategien zu finden, lösen sie Probleme, vor
denen andere längst resigniert hätten. Wegen einer Hypothesenverwerfungsstörung oder wegen
Figurhintergrundproblemen werden sie zu originellen Problemlösern, weil bei ihnen haften bleibt, was andere mit
ihren regulären Denkvorgängen eliminiert haben. Mit ihrer Sturheit nehmen sie unverdrossen immer wieder Dinge
in Angriff, die andere längst aufgegeben haben. Ihre Sensibilität läßt sie empfindsam (und verletzlich) reagieren,
wo andere gefühlsarm sind. Wenn sie in ihrer Jugend mit ihren Schwierigkeiten nicht alleingelassen wurden, haben
sie als Erwachsene oft ein besonderes Verständnis für schwierige und leidende Menschen und wählen nicht selten
einen entsprechenden Beruf. Schließlich sind ehemalige POS-Kinder ihren Mitmenschen im Erwachsenenalter in
einem wesentlichen Punkt überlegen: Sie sind in ihren Forderungen dem Leben gegenüber oft bescheidener, sie
sind demütiger und mit weniger Glück zufrieden. Nachuntersuchungen von Erwachsenen, bei denen im Kindesalter
die Diagnose POS gestellt worden war, zeigen denn auch ein erfreuliches Bild. Die soziale Integration gelingt mit
zunehmendem Alter recht gut, wenn auch der soziale Status von Familienangehörigen in der Regel nicht ganz
erreicht wird (Borland u. Heckmann 1976, Minde u. Steinhausen 1977, Siebter 1981). Spätere Delinquenz ist selten
(Frostig1981). Allerdings ist in Betracht zu ziehen, daß es sich bei diesen Nachuntersuchungen immer um
Menschen handelt, deren Schwierigkeiten seinerzeit diagnostiziert wurden und denen beigestanden wurde. POSKinder, die in ihrem Leben nur auf Unverständnis gestoßen sind, haben wahrscheinlich eine viel schlechtere
Prognose (Bellak 1979), wie das aufmerksame Lesen der Anamnese von vielen "schwererziehbaren" Jugendlichen
zeigt. Nicht ohne Grund nennt man heute Schwererziehbare besser "mißerfolgsorientierte Jugendliche".
© Frau Dr. med. L. Ruf-Bächtiger
Therapiemöglichkeiten
Je jünger das Kind ist, d.h. je weniger ausgereift seine Hirnorgane sind, desto grösser sind die Reserven,
welche durch eine Therapie für die Reorganisation der gestörten Funktionen mobilisiert werden können.
Therapeutisch bestehen grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Einesteils kann versucht werden, beeinträchtigte
Funktionen nach zu entwickeln, andernteils können dem Kind Wege gezeigt werden, wie es kompensatorisch gut
entwickelte Fähigkeiten zum Ausgleich der Schwächen einsetzen kann (Umgehungsstrategie). Je älter das Kind ist,
desto mehr ist der Erfolg nur noch mit der zweiten Methode zu erwarten.
An konventionellen Therapien stehen für POS-Kinder heute zur Verfügung: psychomotorische Therapie und
(bei entsprechender Ausbildung des Therapeuten) eventuell Physiotherapie für grob- und feinmotorische
Koordinationsstörungen, Ergotherapie für feinmotorische Koordinationsstörungen, Logopädie für Sprech- und
Sprachstörungen, Legasthenie- und Dyskalkulietherapie für entsprechende Leistungsdefizite in der Schule.
Wünschenswert wäre natürlich ein Universaltherapeut für alle Hirnfunktionsstörungen, welcher bei jedem
POS-Kind Schwerpunkte setzen, aber auch die anderen gestörten Funktionen in seiner Therapie berücksichtigen
könnte. In der Praxis ist es durchaus so, daß erfahrene Therapeuten, welcher Fachrichtung auch immer, in der
Regel auch andere Bereiche mit einbeziehen. Insbesondere die Legasthenietherapeuten, die wahrscheinlich am
intensivsten mit der Schulnot der POS-Kinder konfrontiert werden, setzen sich in beeindruckender Weise in
Weiterbildung und praktischer Tätigkeit mit den Schwierigkeiten der POS-Kinder auseinander. Grundsätzlich gilt
für alle Therapiearten als oberstes Gebot, dass das, was mit dem Kind erarbeitet wird, für das Kind eine Bedeutung
haben muss.
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Nur was Bedeutung hat, kann wirklich wahrgenommen werden und zu Lernfortschritten führen. Der
Misserfolg vieler Übungsbehandlungen beruht darauf, daß zwar der Therapeut, nicht aber das Kind, den Sinn dieser
Übungen erkennt. Sinngebung bedeutet nicht, dass dem Kind z. B. als Ziel von Artikulationsübungen eine bessere
Sprache oder als Ziel von Rechtschreibübungen eine bessere Deutschnote in Aussicht gestellt wird, sondern dass
das Kind die Bedeutung eines Wortes durch Spiel und eigenes Erleben derart erfasst, dass es das Wort gar nicht
mehr falsch aussprechen bzw. schreiben kann. Ungeachtet der Verbesserung der gestörten Funktionen haben alle
diese Therapien einen weiteren unschätzbaren Wert: Hier findet das POS-Kind oft einen Menschen, vor dem es
sich seiner Schwächen nicht schämen muss, der es so, wie es ist, akzeptiert und der auch ermessen kann, wie
schwerwiegend es durch seine Hirnfunktionsstörungen in seiner Schullaufbahn behindert ist.
Die Voraussetzung jeder erfolgreichen Therapie ist allerdings, dass sich Therapeut und POS-Kind mögen.
Wenn sich der Therapeut durch die Verhaltens- und Lernschwierigkeiten des Kindes bedroht fühlt und sich nicht
mit ihm gegen seine Schwierigkeiten solidarisieren kann, und wenn sich das POS-Kind vom Therapeuten nicht
wirklich innerlich akzeptiert fühlt, dann wird auch eine methodisch richtige Therapie nicht zum Ziel führen. Wenn
es sich also ergeben sollte, dass Therapeut und Kind nicht harmonieren, soll man sich nicht scheuen, einen
Therapeutenwechsel vorzunehmen.
Eine weitere Möglichkeit therapeutischer Intervention bildet die medikamentöse Therapie. Zahlreiche
Arbeiten der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass mit stimulierenden Substanzen der Amphetamingruppe
günstige Wirkungen erzielt werden können. Der positive Effekt dieser Medikamente besteht in einer Verminderung
der Antriebs- und Konzentrationsstörungen sowie in einer Verbesserung der Selbststeuerung. Die Kinder werden
ausgeglichener und sind weniger extremen Stimmungsschwankungen unterworfen. Sie können sich länger
konzentrieren, ermüden in der Schule weniger und zeigen allgemein ein reiferes Verhalten Falls sie hyperaktiv
waren, werden sie motorisch ruhiger. Falls sie verlangsamt reagierten, arbeiten sie zügiger. Was sich nicht ändert,
sind ihre effektiven Wahrnehmungsstörungen. Was sich mit Medikamenten ebenfalls nicht ändern lässt, ist die
Fernprognose. Nachuntersuchungen zeigen ( Weiss 1975 ), dass Methylphenidat die Kinder in der Schule und
Elternhaus umgänglicher macht, dass aber das Verlaufsergebnis nach 5Jahren nicht beeinflusst wurde.
Methylphenidat (® Ritalin ) ist das gebräuchlichste Medikament der Amphetamingruppe. Die Dosierung
muss individuell angepasst werden, wobei mit einem einschleichenden Therapiebeginn Nebenwirkungen wie
Appetitlosigkeit vermieden werden.
Folgendes Vorgehen hat sich bewährt:
3 Tage morgens 2,5 mg, 3 Tage morgens und mittags je 2,5 mg, 3Tage morgens 5 mg und mittags 2,5 mg,
anschliessend morgens und mittags je 5 mg, vorerst während 2 Wochen. Nach dieser Zeit können die Eltern ( und
oft auch das Kind selbst ) beurteilen, ob das Medikament die gewünschte Wirkung zeigt.
Mit Vorteil wird auch der Lehrer zu Rate gezogen, der nicht vom Therapiebeginn orientiert, der aber von den
Eltern befragt werden soll, ob ihm in den letzten 2-3 Wochen Veränderungen im Verhalten des Kindes aufgefallen
seien.
Oft hat der Lehrer in der Tat bemerkt, dass das Kind weniger trödelt, genauer arbeitet, ruhiger geworden ist
und sich besser beherrschen kann.
Wenn Methylphenidat die gewünschte Wirkung zeigt, empfiehlt es sich, die Therapie währen eines halben
Jahres ohne Unterbrechung weiterzuführen.
Anschliessend soll während eines Monats ausgesetzt werden, wiederum ohne vorher den Lehrer zu
informieren. Wenn nach Ablauf diese Monats Eltern und Lehrer keine Leistungs- und Verhaltensverschlechterung
konstatieren, was nicht selten der Fall ist, hat sich das Kind offenbar, vergleichbar mit Verhaltenstherapie, eine
bessere Selbststeuerung "angewöhnt" oder das Kind ist mittlerweile genügend nachgereift.
Andernfalls ist die Therapie für ein weiteres halbes Jahr wieder aufzunehmen und nach dieser Zeit erneut
eine Unterbrechung zu machen.
Kinder, welche das Medikament über mehrere Jahre brauchen, sind selten.
Probleme mit dem Absetzen des Medikamentes, auch bei den wenigen Kindern, die jahrelang therapiert
wurden, hat sich bis jetzt noch nie ergeben. Bei Erwachsenen kann das Medikament, wie alle
Amphetaminpräparate, zur Sucht führen, indem es eine angetriebene Hochstimmung ohne Müdigkeitsgefühle
bewirkt. Es wird deshalb allgemein empfohlen, Methylphenidat bei Pubertätsbeginn endgültig abzusetzen.
Es kommen noch weitere Medikamente für die Behandlung eines frühkindlichen POS in Frage: Pyritinol (
Encephabol), Pyracetam (Nootropil), Meclofluoxat (Lucidril) und andere.
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Verschiedentlich wurden in den letzten Jahren Stimmen laut, welche das Hyperaktivitätssyndrom auf
Nahrungsbestandteile, insbesondere Phosphate, zurückführen wollten und mit entsprechenden Diäten Heilung
erhofften. Kontrollierte Studien widerlegten jedoch diese Hypothese ( Steinhausen 1982, Walther 1982 ). Dies
schliesst nicht aus, dass bei einzelnen POS-Kinder tatsächlich eine Überempfindlichkeit auf Nahrungsbestandteile
besteht, und sie von einer Diät, die diese Nahrungsbestandteile eliminiert, profitieren können. Es ist aber
unwahrscheindlich, dass diese Pathogenese für sämtliche POS-Kinder gilt.
Immer wieder wird nach der Notwendigkeit einer Psychotherapie gefragt, insbesondere von Lehrern. Oft sind
die Vorstellungen, was diese Psychotherapie bewirken soll, recht diffus. Hirnfunktionsstörungen und reaktive
Störungen werden vermengt, und es werden von der Psychotherapie die Beseitigung aller störenden Symptome
erwartet. Aus dem bisher Gesagten ergibt sich, dass grundsätzlich nur reaktive Störungen, nicht aber
Hirnfunktionsstörungen psychotherapeutisch beeinflußbar sind, und daß also bei der Indikationsstellung die beiden
Störungsbereiche streng auseinanderzuhalten sind.
"Verhaltensstörungen" eines POS-Kindes wie unreife Affektsteuerung, Ablenkbarkeit und verminderte
Ausdauer können erschreckend erscheinen, sind aber für ein infantiles POS sozusagen physiologisch und
verschwinden mit fortschreitender Hirnreifung von selbst, ganz anders als wenn dieselben Symptome
beispielsweise Ausdruck einer frühkindlichen Deprivation und damit ein Hilfeschrei des seelisch geschädigten
Kindes sind. Es ist deshalb auch unumgänglich nötig, daß bei einem Problemkind die richtige Diagnose gestellt
wird. Bei einem frühkindlichen POS ist das Prozedere ganz anders als bei einer psychoreaktiven Störung. Das heißt
mit anderen Worten, man kann bei einem POS-Kind ungleich zuversichtlicher einfach zuwarten, denn seine
"Verhaltensstörungen" sind vorwiegend der Ausdruck seiner Hirnunreife sowie der konsekutiven Überforderung;
sie gehen somit mit zunehmendem Reifegrad des Gehirns spontan zurück, weil sich mit den Jahren das
Leistungsvermögen des POS-Kindes immer mehr demjenigen hirngesunder Kinder angleicht und die pathogene
Ursache somit verschwindet.
Sieber (1981)fand, daß jüngere hirngeschädigte Kinder deutlich höhere Neurotizismuswerte haben als
hirngesunde Kinder, daß sich diese Werte im Laufe der Pubertät jedoch denjenigen der gesunden Kinder nähern.
Hirnfunktionsstörungen und ihre Auswirkungen sind somit niemals eine Indikation für (analytisch orientierte)
psychotherapeutische Interventionen, allenfalls kann mit einer Verhaltenstherapie dem Kind in Teilbereichen
geholfen werden. Wenn jedoch reaktive Störungen dem POS-Kind jede Lebensfreude nehmen und durch einfache
Beratungen das ungünstige Milieu nicht beeinflusst werden kann, dann ist Psychotherapie, sei es ( idealerweise) als
Familientherapie oder als Einzeltherapie die einzige Möglichkeit, das Kind davor zu bewahren, seelisch entgültig
zu verkümmern.
Psychiatrische Hilfe sollte also dann gesucht werden, wenn die Eltern aufgrund ihrer eigenen Problematik
dem POS-Kind nicht gerecht werden können. Wobei darauf hinzuweisen ist, dass vor einer permissiven, keinerlei
Grenzen setzenden "Psychotherapie" hyperaktiver POS-Kinder zu warnen ist.
Ob und welche dieser Behandlungsmethoden im Einzelfall angezeigt ist, kann nur nach Erstellung des
Entwicklungsprofiles eines Kindes entschieden werden. Da ein POS- Kind mehrere gleichzeitige Therapien in der
Regel nicht bewältigen kann, soll dort eingegriffen werden, wo der Rückstand und die Störung am grössten sind.
Die Kostenvergütung ist in den Ländern verschieden geregelt. In der Schweiz übernimmt die
Invaliedenversicherung in der Regel die Therapie, sofern das infantile POS vor dem 9.Geburtstag diagnostiziert
und in Behandlung genommen wird; andernfalls sind die Gemeinden zuständig, für Physio- und Ergotherapie
eventuell auch Krankenkassen.
© Mit freundlicher Genehmigung von Frau Dr. L. Ruf- Bächtiger
Zusammenzug der Internetseite www.home.inuco.ch/pos (die Seite ist leider nicht mehr auf dem Netz):
Felix Kühne, Dipl. Psychomotorik-Therapeut ASTP, Hubstr. 24, 9500 Wil, Schweiz
mailto:kuehne@psymo.ch
Download von Seite: http://www.psymo.ch/
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