BERATUNG FÜR ELTERN

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BERATUNG FÜR ELTERN
BEI KINDLICHEN
VERHALTENSAUFFÄLLIGKEITEN
Vordiplomarbeit
am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Fulda
Rahmenthema: Beratung
vorgelegt von
Kerstin Russ
Matrikel – Nr. 180302
[email protected]
Erstgutachter:
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Zweitgutachterin:
Prof. Dr. Waltraud Hackenberg
Fulda, Dezember 2002
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung...................................................................................................... 3
2. Erklärung von Grundbegriffen.................................................................. 5
2.1 Zum Begriff Verhaltensauffälligkeiten ........................................................ 5
2.1.1 Die Feststellung von Verhaltungsauffälligkeiten, Ursachen und Symptome........... 6
2.2 Zum Begriff Beratung .................................................................................. 8
2.2.1 Das Beratungsgespräch................................................................................ 9
2.2.2 Die Erziehungsberatung............................................................................... 10
2.3 Kommunikationspsychologische Grundlagen am Beispiel Rogers und
Schulz von Thun........................................................................................... 11
3. Veränderung der Lebenswelt von Kindern als Ursache für
Verhaltensauffälligkeiten............................................................................
3.1 Von der Industriegesellschaft zur „Risikogesellschaft“...............................
3.2 Umweltbelastungen und ihre Auswirkungen................................................
3.3 Soziale Ungleichheiten.................................................................................
3.4 Einflüsse der heutigen Wohnumwelt............................................................
3.5 Familiäre Veränderungen.............................................................................
3.6 Außerfamiliäre Institutionen.........................................................................
3.7 Fehlformen in der Erziehung........................................................................
13
14
14
15
16
16
17
17
4. Methodik des Beratungsverlaufs...............................................................
4.1 Grundsätzliches zur Situation der Eltern......................................................
4.2 Die Frei(will)igkeit der Erziehungsberatung................................................
4.3 Der Meldeanlass...........................................................................................
4.4 Der Einstieg in die Beratung........................................................................
4.4.1 Die Rolle des Kindes..................................................................................
18
18
20
21
21
22
4.5 Das erste Gespräch....................................................................................... 23
4.5.1Wichtige Informationen............................................................................... 23
4.5.2 Einfühlung gegenüber Distanz...................................................................... 24
4.6 Problemanalyse mit den Eltern....................................................................
4.7 Diagnose über das Verhalten des Kindes.....................................................
4.8 Gemeinsame Problemdefinition...................................................................
4.9 Die Zielsetzung.............................................................................................
4.10 Die Möglichkeiten der Veränderung durch Therapie.................................
24
25
27
28
29
5. Reflexion und Abschlussbetrachtung ........................................................ 31
6. Literaturverzeichnis
33
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
3
1. Einleitung
In meiner alltäglichen Arbeit als Erzieherin in der pädagogischen Praxis mit Schulkindern,
beobachte ich immer wieder, das einige Kinder ein Verhalten zeigen, welches verglichen
mit anderen Kindern auffallend ist. Denken wir z.B. an ein Kind das ziellos und
unmotiviert weg läuft, das Jähzornsausbrüche bekommt, das alles sammelt, vom Apfelkern
bis zum Silberpapier, das alles säubert, auch wenn es längst sauber ist, das undifferenziert
und ohne Genuss in bedauernswerter Gier verschlingt, das stiehlt, was auch immer ihm
gerade in die Quere kommt oder an Kinder, die kaum in die Gruppe zu integrieren sind,
das Gruppengeschehen ständig stören und sich an keinerlei Regeln halten. Dies sind nur
ein paar Beispiele für auffallendes Verhalten, denn dieses äußert sich sehr unterschiedlich
und in sehr differenten Situationen. Diese vermehrten Beobachtungen gaben mir den
Anlass mich intensiver mit diesem Themengebiet auseinander zu setzen.
Zunächst aber müssen einige Fragen angeschlossen werden. Wie lässt sich auffallendes
Verhalten definieren? Woran kann Verhalten gemessen werden? Warum zeigen immer
mehr Kinder diese Verhaltensweisen? Ein Zeichen unserer Zeit?
In einer nationalen Untersuchung zur Häufigkeit von psychischen Störungen bei Kindern
und Jugendlichen in Übereinstimmung mit internationalen Studien las ich, dass mindestens
jeder zehnte Minderjährige in Deutschland eine psychische Störung aufweist. Hinzu
kommt das die Familie, die das eigentliche Zentrum des Geschehens ist, oft für die
Probleme der Kinder verantwortlich gemacht wird. Aus diesem Grund sind Eltern auch
schnell bereit, biologische Erklärungen für das Fehlverhalten ihrer Kinder zu akzeptieren:
Sie fürchten, dass man ihnen die Schuld zuschiebt und sie dann mit dem Problem alleine
lässt, das ihrer Ansicht nach längst außer Kontrolle geraten ist. Doch ist die Krise des
Kindes in der Familie, nicht nur ein Teil der größeren Krise der Familien in der
Gesellschaft? (vgl. Pohl Oktober 2002; in „Psychologie Heute“, S. 46)
In der Praxis gestalten sich die Kontaktaufnahmen und Gespräche mit Eltern über die
Veränderungen im Verhalten ihrer Kinder oft sehr schwierig. Oftmals fühlen sich Eltern
durch die Ansprache persönlich angegriffen und möchten mit keinem Fremden über ihre
aktuelle Familiensituation sprechen. Häufig wird der Standpunkt vertreten Familie ist
„Privatsache“! Beratung wird z.B. auch wegen einer fehlenden positiven Folgeerwartung
abgelehnt. Für mich warf diese Situation folgende Fragen auf: Wie kann man Eltern mit
der Problematik vertraut machen? Wie kann ein Gespräch mit Eltern aussehen?
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
4
Um in meiner Arbeit die unterschiedlichen Fragestellungen zu bearbeiten, beginne ich im
1. Kapitel mit der Klärung wichtiger Grundbegriffe, die zur Bearbeitung der Thematik von
Bedeutung sind. Im 2. Kapitel möchte ich mich dann, mit der veränderten Lebenswelt von
Kindern und Jugendlichen beschäftigen. Danach werde ich überleiten in das 4. Kapitel den
Hauptteil meiner Arbeit, indem es besonders um das methodische Vorgehen beraterischer
Tätigkeit gehen soll. Abschließen möchte ich die Arbeit mit dem 5. Kapitel der Reflexion
und Abschlussbetrachtung.
Das Gespräch und die Zusammenarbeit mit den Eltern sehe ich als wichtigste
Voraussetzung, um eine positive Veränderung der Situation für alle daran Beteiligten zu
bewirken.
Besonders bedanken möchte ich mich bei der Kinder- und Elternberatungsstelle
Lauterbach. Sie unterstützte mich mit einem sehr interessanten Gespräch über ihre Arbeit,
und bestätigten damit meine bisherigen Erkenntnisse, dass die Theorie sich der Praxis
weitgehend angleicht.
„Vielleicht der größte gesellschaftliche Dienst, der dem Land und der
Menschheit erwiesen werden kann, ist, Kinder aufzuziehen.“ (George
Bernard Shawn)
5
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
2. Erklärung von Grundbegriffen
Für die Bearbeitung der Thematik ist es mir zunächst wichtig, in diesem Kapitel die
bedeutensten Begriffe zu erläutern und relevante Sichtweisen verschiedener Autoren
darzulegen.
2.1 Zum Begriff Verhaltensauffälligkeiten
Ist von einer Verhaltensauffälligkeit die Rede, muss man zunächst zwei Arten von
Auffälligkeiten unterscheiden. Auf der einen Seite die von einer angeborenen Behinderung
stammende Auffälligkeit und auf der anderen Seite eine Auffälligkeit, die im Lauf des
Lebens erworben bzw. erlernt worden ist. Mit letzterer Auftrittsform werde ich mich in
dieser Arbeit beschäftigen.
Nach Schepping spiegeln sich seelische Probleme im Verhalten der Kinder wider. „Kinder,
die Schwierigkeiten machen, haben Schwierigkeiten“ (Schepping 1995, S. 9). Genauer
kann
gesagt
werden,
das
alle
Erlebens-
und
Verhaltensweisen
als
Verhaltensauffälligkeiten1 zu bezeichnen sind, die über einen längeren Zeitraum hinweg
erheblich von der Norm abweichen, so dass es für den Betroffenen und/oder seine
Umgebung zu Einschränkungen im sinnvollen Lebensvollzug kommt und besondere
pädagogische bzw. psychologische Maßnahmen erforderlich sind. Diese Abweichungen
sind nicht direkt auf organische Ursachen zurück zu führen (vgl. Hobmair 2002, S. 362).
Ergänzen lässt sich dies durch Bittners Aussage, das die seelische Störung sozusagen aus
zwei Teilen besteht: auf der einen Seite aus einem Mangel, einem Zuwenig und auf der
anderen Seite aus einem Zuviel, einer Neubildung, die normalerweise nicht vorgefunden
wird. Bei fast allen seelischen Krankheiten wird eine normale Funktion gehemmt und
zugleich eine anormale Ersatzfunktion neu gebildet (vgl. Bittner 1996, S. 14).
Anstelle des Wortes „Verhaltensauffälligkeit“ werden oft auch andere Begriffe verwendet wie z.B.
Verhaltensstörung, soziale Fehlanpassung, Verhaltensbesonderheit, emotionale Störung,
Verhaltensschwierigkeit, Verhaltensbeeinträchtigung oder Erziehungsschwierigkeit. Diese Begriffe geben
unterschiedliche Sichtweisen wieder (vgl. Hobmair 2001, S. 362).
1
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
6
2.1.1 Die Feststellung von Verhaltensauffälligkeiten, Symptome und Ursachen
Bei der Feststellung einer Verhaltensauffälligkeit, spielt die Norm2- und Wertvorstellung3
der Beurteilenden eine wichtige Rolle. Deshalb wird für diese Feststellung der
„Normalität“ immer ein Maßstab benötigt, an dem das Erleben und Verhalten eines
Individuums gemessen werden kann. Um nun eine Verhaltensauffälligkeit festzustellen
wird eine Person also bewertet, beurteilt und verglichen. Normalität meint hierbei die
relative Übereinstimmung des Erlebens bzw. Verhaltens mit den Normen des Beurteilers
(vgl. Hobmair 2002, S. 363).
Es lassen sich drei Arten von Normen unterscheiden:
Abb. aus Hobmair 2002, S. 364
Wird eine Auffälligkeit im Verhalten festgestellt, kann dies möglicherweise auch ein
Hinweis auf eine unerkannte Wahrnehmungsstörung sein. Um dies zu unterscheiden, ist es
sinnvoll, Auffälligkeiten im Verhalten, die länger andauern und sich eher sogar verstärken,
ganz gezielt zu beobachten.
Weil seelische Leiden oft auch nicht so direkt weh tun, sind die Kriterien für seelische
Gesundheit schwer zu fassen und schwanken im Lauf der Geschichte. Heute hat sich das
psychiatrische Verständnis von Krankheit weiter entwickelt, denn es war aufgefallen, dass
ein Patient möglicherweise von jedem Psychiater eine andere Diagnose gestellt bekam.
Als Antwort auf diese Misere wurden von der Weltgesundheitsorganisation und von der
Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft zwei recht ähnliche diagnostische Systeme,
2
Die Norm ist eine mehr oder weniger verbindliche, allgemein geltende Vorschrift für menschliches
Verhalten (vgl. Schäfers 2001, S. 255).
3
Werte sind Vorstellungen davon, was eine Gesellschaft für wünschenswert bzw. erstrebenswert hält und
bilden allgemeine Orientierungsmaßstäbe für das Verhalten von Menschen in einer Gesellschaft. (vgl.
Hobmair 2002, 194).
7
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
das DSM4 und das ICD5 entwickelt. Diese beiden Klassifikationssysteme bedienen sich
verschiedener
Begrifflichkeiten
und
nehmen
sehr
unterschiedliche
Einteilungen
psychischer Störungen vor (vgl. Bittner 1996, S.23).
Der Versuch, psychische Störungen zu klassifizieren, ist komplex und umstritten. Jede
Klassifikation steht unter dem Einfluss der jeweiligen Theorie über psychische Probleme,
und kein theoretischer Ansatz wird von allen geteilt, die auf dem klinischen Sektor
arbeiten. Es ist deshalb unwahrscheinlich, dass irgendein diagnostisches System jemals
allgemeine Anerkennung finden wird (vgl. Zimbardo 1995, S.610).
Verhaltensauffälligkeiten können in verschiedenen Bereichen und Intensitäten auftreten.
Die Bereiche sollten jedoch nicht unabhängig voneinander betrachtet werden:
Abb. aus Hobmair 2002, S. 365
Die Ursachen (werden im 3. Kapitel näher beschrieben) für Verhaltensauffälligkeiten sind
unterschiedlich, und es ist kaum möglich das nur eine Ursache allein verantwortlich ist.
Meist entsteht sie durch ein Zusammenspiel mehrerer Bedingungen. Nicht jedes Kind, bei
4
DSM Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (z. dt. Diagnostisches und Statistisches Manual
Psychischer Störungen) näheres dazu siehe Davison/Neale 2002, S. 56 – 66.
8
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
dem
solche
möglichen
Ursachen
vorliegen,
entwickelt
zwangläufig
eine
Verhaltensauffälligkeit. Um zu erklären, warum eine oder mehrere dieser Ursachen zur
Ausbildung einer Verhaltensauffälligkeit führen, müssen die durch die Ursachen
ausgelösten Prozesse untersucht werden. Dazu ist man auf die Erklärung von Theorien der
Verhaltensentstehung bzw. –änderung6 angewiesen. Ist eine Verhaltensauffälligkeit ein
Folgesymptom
einer
Behinderung
spricht
man
von
einer
sekundäre
Verhaltensauffälligkeit. Ist sie unabhängig von einer Behinderung, spricht man von einer
primären Verhaltensauffälligkeit (vgl. Hobmair 2002, S. 366).
Sollten Eltern bei ihrem Kind eine Verhaltensauffälligkeit vermuten, können sie sich an
eine Erziehungsberatungsstelle wenden. Hier wird im Zusammenarbeit mit Fachleuten
festgestellt ob wirklich eine Verhaltensauffälligkeit vorliegt oder ob mögliche andere
Ursachen in Frage kommen.
2.2 Zum Begriff Beratung
Nach Belardi meint Beratung in ihrer ursprünglichen Form konkrete Ratschläge und
Hilfestellungen, in Erziehungsfragen und Lebensentscheidungen. Die Beratung soll den
Betroffenen helfen die allgemeinen Problemen der menschlichen Existenz zu meistern.
Wenn dies das Nahumfeld nicht mehr meistern kann ist berufsmäßige Beratung angesagt.
Im Gegensatz zur Alltagsberatung hat die sozialpädagogische Beratung folgende
Merkmale:
 Professionalität
 Erreichbarkeit
 Uneigennützigkeit
 Nichtverstrickung sowie
 Vermittlungsmöglichkeiten bezüglich weiterer Hilfsquellen.
In den letzten Jahren sind viele Beratungsstellen darum bemüht, die Zugangsbarrieren oder
Hemmschwellen möglicher Ratsuchender zu ihnen zu verringern. Diese müssen sich nicht
unbedingt anmelden, können auch unverbindlich kommen, und teilweise gehen die Berater
auch zu den Betroffenen („Geh-Struktur“). In diesem Falle spricht man von
niedrigschwelliger Beratungsarbeit (vgl. Belardi u. a. 2001, S. 37 f).
5
ICD International Classification of Diseases (z. dt. Diagnoseschlüssel und Glossar psychiatrischer
Krankheiten) näheres dazu siehe Davison/Neale 2002, S. 66 – 69.
6
Lern- und kognitive Theorien näheres dazu siehe z.B. Hobmair 2002, Kapitel 6
9
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
So ist die Beratung als eine freiwillige, meist kurzfristige, oft nur situative soziale
Interaktion7 zu verstehen, die nicht körperlich krankheitsbedingt ist (vgl. Lexikon der
Psychologie 2002, Beratung). Dieser Kommunikations- und Interaktionsvorgang, zwischen
Berater und Klienten findet in einen dafür vorgesehen Rahmen statt. In diesem Prozess ist
der Berater bestrebt, vertraulich die Probleme des Klienten zu verstehen und ihm
Anregungen und Hilfen zur Selbsthilfe zu vermitteln. Die Beratung schließt Diagnose,
Beschaffung von Informationen, Gesprächsführung zur Sicherung des Verständnisses,
Ermutigung und Ratschlag ein. Der Berater weist Gesichtspunkte auf, die für eine
Problemlösung wesentlich sind, hilft bei der Definition der Problemlage und orientiert aus
seinem Wissen über die zu erwartenden Folgen verschiedener Lösungsmöglichkeiten (vgl.
Kaller 2001, S. 57).
2.2.1 Das Beratungsgespräch
Ein wichtiges Grundelement der Beratung ist das Beratungsgespräch, es erfordert in seiner
Anwendung die Berücksichtigung wesentlicher Voraussetzungen.
1. Vorbedingungen zum Beratungsgespräch, räumliche, organisatorische.
2. Alternative
Möglichkeiten
der
Auswahl
zu
Formen
und
Inhalten
der
Gesprächsführung.
3. Klientenorientierte Techniken des Beraters, unter Berücksichtigung von Bedürfnissen,
Motiven, sowie sozialer Herkunft der Ratsuchenden.
4. Zielsetzung des Beratungsgesprächs vor oder während des Dialogs zwischen Berater
und Klient unter Aspekten
a) der Informationsvermittlung,
b) der Hinführung zur Erkenntnis der Problematik mit dem Ziel einer
Problemlösung im Alltag,
c) Beratung für Integration8 (Reintegration) oder Segregation9 des Klienten in
oder aus bestehenden Situationen, Gruppierungen, Handlungssystemen
Verhaltensweisen. Zu unterscheiden ist zwischen Inhalt, Form und
7
Soziale Interaktion meint die Beziehungen zwischen Personen und Situationen, die bei den Partnern von
sozialer Integration spezifische Reaktionen, Verhaltensweisen, Handlungen sowie Änderungen in
Verhaltens- und Handlungsbereitschaften einseitig oder wechselseitig hervorrufen (vgl. Kaller 2001, S. 190f)
8
Integration gilt in der Soziologie als Bezeichnung für soziale Prozesse der Annäherung, Anpassung von
Individuen oder sozialen Gruppierungen an Werte, Normen sowie Handlungsstrukturen in einer bislang
fremden Alltags- und Lebenswelt (vgl. Kaller 2001, S. 187).
9
Segregation meint das räumliche Abbild sozialer Ungleichheit in einer Gesellschaft (vgl. Schäfers 2001, S.
302).
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
10
wahrnehmbaren Übertragungen von Stimmungen, Gesprächsinhalten und
Reaktionsweisen (vgl. Kaller 2001, S. 59).
Im weiteren folgt Beratung als professionelle Handlungsform einem systematischen
Handlungsablauf, dass aufeinander folgende, miteinander vernetzte Beratungsstufen
fordert. Wesentlicher Bestandteil ist dabei: Gesprächseröffnung und Orientierungsphase,
Problembearbeitungsprozess bzw. Klärungs- und Veränderungsphase, Gesprächsabschluss
bzw. Bewertungs- und Abschlussphase (vgl. Lexikon der Psychologie 2002, Beratung).
2.2.2 Die Erziehungsberatung
Der Beginn der institutionelle Erziehungsberatung wird von einigen Autoren auf den
Anfang des 20. Jahrhunderts geschätzt. Jedoch waren die Hintergründe und Funktionen
noch wenig bekannt. Im Laufe der Zeit wurde die Kindheit als eigenständiger
Entwicklungsabschnitt anerkannt und bekam mehr Aufmerksamkeit. Allerdings darf dabei
die Zeit des Nationalsozialismus nicht vergessen werden, in der Beratungsstellen eher
Selektionsaufgaben hatten und daher mit Namen wie z.B. „Psychopathensprechstunde“
benannt wurden. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Erziehungsberatung Teil der
amerikanischen Umerziehungsprogramme. Zu Beginn der 50er Jahre hatte dann die WHO
die Entwicklung der Erziehungsberatung in den europäischen Ländern zum Thema
gemacht. Sie forderten eine Erziehungsberatung mit einem Team von 4-5 Fachkräften für
jeweils 45.000 Einwohner. In den Nachkriegsjahren bis in die 80er Jahre hinein erfolgte
daraufhin ein enormer Ausbau der institutionelle Erziehungsberatung (vgl. Hundsalz 1995,
S. 23). Heute ist sie eine Leistung der Jugendhilfe bzw. eine Hilfe zur Erziehung, die durch
den § 27 KJHG definiert wird. Darin heißt es, das die Erziehungsberatung das Ziel hat, die
Personensorgeberechtigten in ihrer Erziehungsverantwortung zu unterstützen, um eine dem
Wohl des Kindes entsprechende Erziehung sicher zu stellen. Nach dem Kinder- und
Jugendhilfegesetz sollen Erziehungsberatungsstellen (und andere Beratungsdienste)
Kinder, Jugendliche und andere Erziehungsberechtigte
 bei der Klärung und Bewältigung individueller und familienbezogener Probleme
und der zugrundeliegenden Faktoren,
 bei der Lösung von Erziehungsfragen
 sowie bei Trennung und Scheidung unterstützen (§ 28 KJHG)
(vgl. Hundsalz 1995, S. 15)
11
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
Durch die Vielfalt von Fragestellungen, wird diese gesetzlich vorgegebene Definition
ergänzt und präzisiert, mit denen sich Ratsuchende an Erziehungsberatungsstellen wenden.
Dies können sowohl akute Krisen und Probleme als auch dauerhafte Beeinträchtigungen
sein z.B. soziale Verhaltensauffälligkeiten (Kontaktschwierigkeiten, Aggressivität,
Geschwisterrivalität usw.) (vgl. Hundsalz 1995, S. 15).
Zusammenfassend lässt sich die Erziehungsberatung als eine Beratung verstehen, die es
zum Ziel hat, durch eine zeitlich begrenzte, professionelle und strukturierte Hilfe, die
Lösung eines Problems herbeizuführen.
2.3 Kommunikationspsychologische Grundlagen
In diesem Abschnitt möchte ich nur kurz die Grundlagen der Kommunikation ansprechen.
Für einen intensiveren Einstieg über verschiedene Kommunikationsmodelle möchte ich auf
weiterführende Literatur verweisen10. Hier zitiere ich Schulz von Thun und Rogers.
Für
mich
zählt
die
Kommunikationspsychologische
Grundlage
als
wichtigstes
Handwerkzeug eines Beraters. Da die Kommunikation bzw. die Interaktion zwischen
Klient und Berater als das helfende Medium angesehen wird. Denn letztlich ist sie auch
das alleinige Medium, über das Beratung wirksam werden kann. Und das bedeutet, dass
der Erfolg von Beratung ausschließlich auf Erfahrungen beruht, die Klienten in der
Beratungssituation machen und die die Berater hier vermitteln; Erfahrungen, die im
günstigen Falle dazu führen, dass die Ratsuchenden mit Problemlagen im Alltag zurecht
kommen (vgl. Flügge 1991, S. 17).
Kommunikation ist ein allgegenwärtiges Phänomen. Gespräche finden in vielen Varianten
statt, unterscheiden sich nach Zielsetzung und Inhalt aber ganz erheblich. Die Theorien zur
Gesprächsführung, die Kommunikation in pädagogischen und helfenden Berufen, sowie
den partnerschaftlichen und familiären Bereich usw. betreffen, sind vor allem durch die
Überlegungen von Carl Rogers beeinflusst und geprägt worden. Auch gehören die drei
wichtigen Elemente der Beratungsbeziehung von Rogers dazu: Einfühlung (Empathie),
10
Als weiterführende Literatur sind z.B. zu nennen: Argyle, M (1979). Körpersprache & Kommunikation.
Paderborn: Junfermann.
Graumann, C. F. (1972). Interaktion und Kommunikation. In C. F. (Hg.) Sozialpsychologie. Handbuch der
Psychologie.
Watzlawik, P. (1969). Menschliche Kommunikation. Bern: Huber.
Tausch, R. & Tausch, A. (1990). Gesprächspsychotherapie (9. Aufl.). Göttingen : Hogrefe (vgl. Lexikon der
Psychologie 2002, Kommunikation).
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
12
Wertschätzung und Echtheit (Kongruenz), die eng miteinander zusammen hängen (vgl.
Leupold 1995, S. 23).
Bei der Kommunikation geht es um die Übermittlung von Informationen. Die einzelne
Informationsübermittlung von einem Sprecher an sein Gegenüber ist die kleinste AnalyseEinheit und lässt sich an folgendem Modell darstellen.
Abb. aus Leupold 1995, S. 30
Um den komplizierten Prozess von Kommunikation besser erfassen zu können, hat man
versucht, verschiedene Bestandteile einer Botschaft herauszufiltern. So entstand das
Modell des „Kommunikationquadrates“. Es besagt, dass jede sprachliche Mitteilung vier
Seiten hat.
1.
2.
3.
4.
Sachinhalt (oder: Worüber ich informiere)
Selbstoffenbarung (oder: Was ich von mir selbst kundgebe)
Beziehung (oder: Was ich von dir halte und wie wir zueinander stehen)
Appell (oder: Wozu ich dich veranlassen möchte)
(vgl. Schulz von Thun 1998, S. 26 ff).
Abb. aus Schulz von Thun 1998, S. 30
Weiter können Botschaften, explizite oder implizite Nachrichten enthalten. Explizit heißt:
ausdrücklich formuliert. Implizit heißt: ohne dass es direkt gesagt wird, steckt es doch drin
oder kann zumindest „hineingelegt“ werden. Für implizite Botschaften wird oft der nichtsprachliche Kanal bemüht: Über die Stimme, über Betonung und Aussprache, über
begleitende Mimik und Gestik werden teils eigenständige und teils „qualifizierende“11
Botschaften vermittelt (vgl. Schulz von Thun 1998, S. 33).
11
qualifizierend meint: Die Botschaften geben Hinweise darauf, wie die sprachlichen Anteile der Nachricht
„gemeint“ sind.
13
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
„Man kann nicht nicht kommunizieren“ (Watzlawick 1969; in Schulz von Thun 1998, S.
34). Dieses „Grundgesetz“ der Kommunikation ruft uns in Erinnerung, dass jedes
Verhalten Mitteilungscharakter hat (vgl. Schulz von Thun 1998, S. 34).
Eine Nachricht heißt kongruent, wenn alle Signale in die gleiche Richtung weisen, wenn
sie in sich stimmig ist. Analog zu den vier Botschaften, die ein Sender mit seiner Äußerung
übermittelt, muss der Empfänger die Mitteilung des Senders auf vier verschiedenen
Ebenen entschlüsseln. Er muss, bildlich gesprochen, mit vier Ohren hören.
1.
2.
3.
4.
Hören mit dem Sach-Ohr
Hören mit dem Selbstoffenbarungs-Ohr
Hören mit dem Beziehungs-Ohr
Hören mit dem Appell-Ohr
(vgl. Schulz von Thun 1998, S. 44).
Aktives Zuhören bedeutet ein Akzeptieren der Sichtweisen und Gefühle des anderen, nicht
unbedingt Zustimmung. Fühlt sich der Gesprächspartner angenommen und verstanden und
muss sich nicht verteidigen, werden für ihn leichter neue Sichtweisen möglich (vgl.
Leupold 1995, S.56).
Zusammenfassend bin ich der Meinung, dass jeder Mensch sich und seine Situation am
besten kennt und für sich und sein Handeln selbst verantwortlich ist. Darum sind vom
Betroffenen selbst entwickelte Lösungsansätze auch überwiegend angemessener und
durchsetzbarer als Vorschläge von außen.
3. Veränderung der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen
In diesem Kapitel möchte ich die möglichen Ursachen der Entstehung von
Verhaltensauffälligkeiten beschreiben. Es soll um verschiedene Fragestellungen gehen wie
z.B.: Womit hängen die aktuellen Schwierigkeiten von Familien zusammen? Auf diese
Frage kann man keine allgemein gültige Antwort finden, denn das Bedingungsgefüge von
individuellen und familiären Störungen ist äußerst komplex (vgl. Hundsalz 1995 S. 38).
Weiter gibt es heute meist kein geschlossenes Bild der Familie mehr, sondern eine Vielfalt
gemeinsamer
Lebensformen.
Deshalb
ist
für
den
Berater
selbst,
auch
eine
Auseinandersetzung mit den eigenen Werthaltungen mit persönlichen, gesellschaftlichen
und familiären Leitbilder erforderlich, da diese den therapeutischen Prozess beeinflussen
können.
14
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
3.1 Von der Industriegesellschaft zur „Risikogesellschaft“
„In ihrer Stellungnahme zum 8. Jugendbericht (BMJFFG 1990) hebt die Bundesregierung
hervor, dass die Lebensverhältnisse der Kinder und Jugendlichen in der Bundesrepublik
Deutschland positiv zu bewerten sind, und stellt fest, ,,... dass der größte Teil von ihnen am
wachsenden Wohlstand und an den verbesserten Lebenschancen teilhat „ (S. III).
Gleichzeitig muß aber die Bundesregierung einräumen, dass die Situation der Kinder und
Jugendlichen heute durch zahlreiche Risiken geprägt ist, die ihr Leben unmittelbar
betreffen und stimmt der Kommission zu, ,,... dass trotz gestiegener Chancen und
Entwicklungsmöglichkeiten für junge Menschen in unserer Gesellschaft die veränderten
Lebensbedingungen auch Risiken und Gefährdungen für sie beinhalten“ (BMJFFG 1990,
S. V; in Hundsalz 1995, S. 40).
Ich denke das hier als Lebensbedingung, die Veränderungen der klassischen
Industriegesellschaft zur Risikogesellschaft gemeint sind. Denn der Machtgewinn des
technisch - ökonomischen Fortschritts wird immer mehr überschattet durch die Produktion
von Risiken, die nicht mehr nur als Nebenwirkungen zu kennzeichnen sind, sondern
weitere Auswirkungen mit sich bringen, die sich in einer nicht umkehrbaren Gefährdung
des Lebens von Pflanze, Tier und Mensch zeigen. Diese Entwicklung ist auch nicht mehr
begrenzt auf bestimmte Klassen oder Schichten, sondern sie ist allumfassend und weltweit
bedrohend (vgl. Beck 1986, S. 17 f; in Hundsalz 1995, S. 40). Auch Familien sind
aufgrund der veränderten wirtschaftlichen Bedingungen (z.B. Arbeitslosigkeit) und den
erweiterten Vernichtungskapazitäten der atomaren Arsenale und dem deutlich werdenden
Raubbau, den unsere Industriegesellschaft an Natur und Umwelt betreibt, betroffen (vgl.
Hundsalz 1995, S. 40). Dazu fügt Hurrelmann an, dass die meisten der sozial, psychisch
und physiologisch abweichenden Verhaltensweisen als Symptome für Stress angesehen
werden müssen, und ein Signal für die nicht befriedigend gelingende Auseinandersetzung
mit den Anforderungen, die sich ihnen stellen sind (vgl. Hurrelmann 1991, S. 21 f; vgl. A.
Hurrelmann und Engel 1992; in Hundsalz 1995, S. 41).
3.2 Umweltbelastungen und ihre Auswirkungen
Übereinstimmend
berichten
verschiedenen
Autoren
über
eine
Zunahme
von
umweltbedingten Krankheiten bei Eltern und Kindern wie z.B. von Unfruchtbarkeit,
vorgeburtlichen Erkrankungen, Atemwegs- und Krebserkrankungen, wie ebenso über eine
Zunahme von umweltbedingten psychischen und psychosomatischen Erkrankungen, wozu
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
15
auch eine Vielzahl von Störungen eingeschlossen werden, wie Lust- und Interesselosigkeit,
Konzentrationsschwächen und Schulleistungsprobleme, aggressives Verhalten (vgl. BKfE
1994b, in Hundsalz 1995, S. 42). Der Zusammenhang von Umweltbelastung und solchen
Störungen ist schwierig, zu komplex ist das Zusammenspiel von Mensch, Tier und
Umwelt. Gleichwohl können die genannten Zusammenhänge laut Hundsalz kaum in Frage
gestellt werden (vgl. Hundsalz 1995, S. 42).
In diesem Zusammenhang macht Beck darauf aufmerksam, dass die Umweltzerstörung
zwar gesamt wirkt, aber eine neue soziale Ungleichheit daraus entsteht. Dies macht sich an
der gefüllten Geldtasche bemerkbar, die sich nur einige leisten können, um z.B. Gemüse
aus kontrolliertem Anbau zu kaufen (vgl. Beck 1986; in Hundsalz 1995, S. 43). Für Berater
ist es aus den Gründen, der wachsenden ökologischen Katastrophe und deren
Konsequenzen für die Menschheit wichtig, auf Bedrohungsgefühle und Ängste, vor allem
von Kindern und Jugendlichen, einzugehen und der Umwelt mehr Bedeutung und Raum in
Beratung einzuräumen (vgl. BKfE 1994b, S. 27; in Hundsalz 1995, S. 43).
3.3 Soziale Ungleichheiten
Im Vergleich zwischen Ost- und Westdeutschland kommt der Armutsbericht des DGB und
des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zusammenfassend zu dem Ergebnis, dass fast 10%
der Bevölkerung in Deutschland in Einkommensarmut leben, und davon überwiegend
Ostdeutsche betroffen sind. Dies spiegelt sich in vielen Lebensbereichen wider: z.B. in den
Faktoren Wohnen und Arbeitslosigkeit. Bereits der 8. Jugendbericht hatte einräumen
müssen, dass ein nicht unerheblicher Teil der Kinder und Jugendlichen erhöhten sozialen
Belastungen ausgesetzt sind. Jedoch ruft die Arbeitslosigkeit nicht nur äußere
Veränderungen hervor, sondern sie verändert auf der einen Seite die familiäre Situation
und es entstehen psychischen Belastungen und auf der anderen Seite haben diese
Veränderung auch Einfluss auf die Schulleistungen der Kinder. Oftmals erhöhen dann
Eltern und Kinder ihre Anstrengung, um den schulischen Abschluss zu verbessern (vgl.
Hundsalz 1995, S. 44).
In einer Zusammenstellung entsprechender Untersuchungsergebnisse stellt Kieselbach
(1988) die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf Kinder dar.
„Die Kinder waren
 emotional labilisiert und brauchten nach längerer Arbeitslosigkeit in stärkerem
Maße therapeutische Hilfe,
 sie entwickelten häufiger und schwerwiegendere nervöse Symptome,
Überempfindlichkeit und funktionelle Störungen,
16
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
 sie engagieren sich häufiger in antisozialen Aktivitäten wie Betrügereien oder
Diebstählen und ihre schulischen Leistungen ließen nach, wobei die Auswirkungen
bei Kindern mit sehr guten Schulleistungen und bei Mädchen am größten waren“
(Kieselbach 1988, S. 59; vgl. a. Geyer 1992; Osterhold 1988, S. 192; in Hundsalz 1995, S.
46).
3.4 Einflüsse der heutigen Wohnumwelt
Die Auswirkungen der Wohnsituation auf die Familie und die Sozialisation der Kinder ist
verhältnismäßig gut nachgewiesen. Ungünstigere Wohnbedingungen haben einen
nachhaltigen negativen Einfluß auf die familiäre Situation (Vaskovics 1988, S. 39 ff; in
Hundsalz 1995, S. 46). Für Kinder hat sich die wichtige Sozialisationsbedingung, die
Wohnumwelt verändert. Heute fehlen gegenüber Früher, Freiflächen und Einrichtungen
zum Spielen mit Gleichaltrigen außerhalb der eigenen Wohnung. Auch deshalb stellten
einige andere Autoren eine Verlagerung des Spieles von draußen nach drinnen fest. Was
wohl hauptsächlich auch damit zu erklären ist, dass die Straße als Folge des zunehmenden
Verkehrs für die Kinder als Spielplatz weitgehend verloren geht (vgl. Klug und Roth 1992,
S. 9; in Hundsalz 1995, S. 47).
3.5 Familiäre Veränderungen
Wenn sich Familien verändern wird Beratung in Anspruch genommen. Erziehungsberater
werden
dabei
mit
einer
Vielzahl
von
Familienbildern,
Familienidealen
und
Familienwirklichkeiten konfrontiert. Dabei stellt sich zunächst die Frage, was ist denn
überhaupt Familie? In Beantwortung dieser Frage muss man eine neue Definition für
Familie finden z.B. die „gelebten Beziehungen miteinander verwandter Personen“. Mit
dieser Aussage wird sich von einem Verständnis der Familie als Kernfamilie abgegrenzt
und der Bedeutungsverlust der Familie kritisch hinterfragt. Denn hier kann man nicht von
einem Bedeutungsverlust sprechen, sondern von einem Wandel. Auch kann man heute
nicht grundsätzlich von einer Isolation der Familie ausgehen, denn es zeigt sich eine
Vielfalt von verwandtschaftlichen Netzwerken, die sich in Notlagen gegenseitig
unterstützen. Weiter hat sich durchschnittliche Kinderzahl pro Familie mit momentan 1,3
Kindern verändert, statistisch gesehen weist sie einen deutlichen Rückgang an Kindern pro
Ehe auf. Hat diese Entwicklung des geringeren Kinderwunsches mit der egoistischen
Grundhaltung der Erwachsenen zu tun? Insgesamt wird zwar ein Wertewandel festgestellt,
womit aber nicht zwangsläufig ein Bedeutungsverlust des Kinderwunsches verknüpft ist
(vgl. Bertram 1991b, S. 431; in Hundsalz 1995, S. 49). Tendenziell ist die Realisierung des
17
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
Kinderwunsches heute zumindest mit einer bewußteren Entscheidung der zukünftigen
Eltern verknüpft (vgl. Schütze 1988, S. 104; in Hundsalz 1995, S. 50).
Ein weiteres zentrales Thema vieler Familien, ist die Trennung und Scheidung von Eltern,
welchem ein sehr hohen Stellenwert für psychologische Beeinträchtigungen zugeschrieben
wird (vgl. Hundsalz 1995; S. 54). Die Konsequenzen einer Scheidung für z.B. die
betroffenen Kinder ist somit wichtiger Gegenstand der empirischen Scheidungsforschung.
Lange Zeit ging man davon aus, dass Scheidungskinder mehr mit psychischen Problemen
zu kämpfen hätten als andere Kinder. Jedoch konnte dies in einer breit angelegten Meta –
Analyse12 relativiert werden. Es wurden zwar negative Scheidungsfolgen in z.B. der
schulischen
Leistung
festgestellt,
wobei
sich
die
Unterschiede
zwischen
den
Scheidungskindern und den Kindern aus vollständigen Familien insgesamt gesehen eher
als geringfügig erwiesen (vgl. Oerter/Montada 1998, S.1104).
3.6 Außerfamiliäre Institutionen
Häufig wird die These vertreten, dass die Familien heute an Einfluss auf die Sozialisation
der Kinder verloren hat. In zunehmendem Maße sind Erziehungsaufgaben an
außerfamiliäre Erziehungsinstanzen delegiert worden (vgl. Lempp 1986; in Hundsalz
1995, S. 50). Welche Auswirkungen diese Situation auf die Entwicklung der Kinder hat, ist
kaum
untersucht.
Nicht
gerechtfertigt
erscheint
es
jedenfalls,
eine
pauschale
Benachteiligung von Kindern auf dem Hintergrund einer wachsenden Bedeutung
außerfamiliärer Instanzen zu unterstellen. Weiter findet Erziehung durch außerfamiliäre
Institutionen auch in hohem Maße durch die Medien statt. Die zunehmende Brutalisierung
und Sexualisierung von Fernsehsendungen bleiben nicht ohne Auswirkung auf das
Verhalten von Kindern und Jugendlichen. Hinzu kommen die Auswirkungen von zu
häufigem und zu langem Fernsehkonsum auf die Konzentrationsfähigkeit und auf
körperliche Aktivitäten. Eine Auseinandersetzung mit Medien wird damit zu einer
wichtigen Erziehungsaufgabe (vgl. Hundsalz 1995, S. 51).
3.7 Fehlformen in der Erziehung
Die drei Persönlichkeitsinstanzen, das ICH, das ES und das ÜBER-ICH wirken bei einem
gesunden Menschen zusammen. Dabei ist das ICH imstande, die Anforderungen des ES
18
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
und des ÜBER-ICH unter einen Hut zu bringen und im Rahmen der realistischen
Möglichkeiten
zu
erfüllen.
Ein
Gleichgewicht
zwischen
den
einzelnen
Persönlichkeitsinstanzen und Realitäten ist vorhanden. Stehen jedoch die einzelnen
Persönlichkeitsinstanzen zueinander in einem Ungleichgewicht, so das dass Individuum
Abwehrmechanismen einsetzt, die die bedrohlichen und angstauslösenden Erlebnisinhalte
abwehren, unbewusst machen sollen, kann dies nach psychoanalytischer Lehrmeinung zu
seelischen Störungen führen.
Auch Fehlformen in der Erziehung wie z.B. Vernachlässigung, Überbehütung, mangelnde
emotionale Zuwendung, inkonsequente oder widersprüchliche Erziehungseinstellungen
und -maßnahmen eines oder beider Elternteile, auf das Kind, begünstigen ein
Ungleichgewicht der einzelnen Persönlichkeitsinstanzen zusammen mit der Realität einer
ICH - Schwäche und bewirkt ein Auftreten von unangemessenen Ängsten und einen
übertriebenen Einsatz von Abwehrmechanismen. Beides führt zu Leugnung, Verzerrung
und Verfälschung der Realität, realitätsunangepasstem Verhalten und hat eine seelische
Fehlentwicklung zur Folge (vgl. Hobmair 2001, S. 125).
Zusammenfassend kann gesagt werden, das es viele verschiedene Ursachen gibt, die eine
Verhaltensauffälligkeit verursachen können. Es ist deshalb notwendig die Möglichkeiten
im Beratungsprozess zu berücksichtigen.
4. Methodik des Beratungsverlaufs
Im Hauptteil meiner Arbeit möchte ich nun darstellen wie ein Gespräch mit Eltern
zustande kommt und wie der Prozess an einem Fallbeispiel methodisch verläuft. Zu
beachten ist dabei, das in den meisten Fällen die Kinder und Jugendlichen zu Klienten
gemacht werden, indem sie von den Bezugspersonen, meist einem Elternteil, zur Beratung
anmeldet werden, dies geschieht oft ohne das Wissen der Kinder. Jedoch ist der Zugang
zur Erziehungsberatung nicht allein aus dem Verhalten der Kinder zu erklären, man muss
sich zunächst näher mit der Rolle der Anmelder, der Eltern, beschäftigen.
12
In der Meta – Analyse wurden 92 Studien mit insgesamt über 13.000 Kindern berücksichtigt und von
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
19
4.1 Grundsätzliches zur Situation der Eltern
Nach Leupold sollten die Eltern natürlich bei all dem Engagement für das Kind, nicht aus
den Augen verloren werden. Deshalb muss zunächst die eigene Haltung wie z.B. „Wie
können Eltern so gedankenlos sein“, kritisch reflektiert werden. Denn ohne diese wird es
nicht gelingen wirkungsvoll zusammen zu arbeiten. Natürlich ist diese Forderung nicht
immer leicht zu erfüllen besonders wenn man Kinder als Opfer des Fehlverhaltens von
Erwachsenen vor sich hat. In erster Linie bedeutet dies nämlich den Eltern Bereitschaft und
Offenheit entgegenzubringen und sich auf den individuellen Gesprächspartner einzulassen.
Dieses Bemühen kann ein Stück weit erleichtert und unterstützt werden, wenn man sich
erst einmal einige grundsätzliche Gedanken zur Situation macht (vgl. Leupold 1995, S.
98).
Eltern wollen das Bestmögliche
Eltern wollen bis auf wenige Ausnahmen, das Beste für ihr Kind bzw. das, was sie aus
ihrer Sicht und im Rahmen ihrer Erfahrung und Lebenskonzepte für das Beste halten.
Deshalb wird der Nachwuchs vieler ehrgeiziger Eltern schon früh zur Erfüllung einer
Vielzahl von Leistungsansprüchen gezwungen. Überdies bemühen sich Eltern, auch wenn
es nicht immer gelingt, Fehler der eigenen Eltern zu vermeiden (vgl. Leupold 1995, S. 99).
Eltern sind verunsichert
Eltern unterwerfen sich in der Erziehung einer Reihe von Wert- und Normvorstellungen,
entstanden aus den eigenen Erfahrungen, mit denen sie in ihrem Leben und in dieser
Gesellschaft konfrontiert worden sind. Demgegenüber betonen Psychologie und Pädagogik
vielfach ganz andere Werte. Eltern müssen mit diesen Widersprüchen ebenso leben wie
mit der starken Verwissenschaftlichung der Erziehung. Erziehungsratgeber, sicher alle
wohlmeinend, scheinen die Bedenken und Zweifel dabei eher zu schüren als zu
vermindern. So erklären sich die doch recht erheblichen Unterschiede in den
Erziehungsvorstellungen und im Erziehungsverhalten in den einzelnen Familien (vgl.
Leupold 1995, S.99).
Eltern gestehen sich Versagen nicht gerne ein
Niemand gesteht sich Versagen und Niederlagen gerne ein, am allerwenigsten, wenn es um
die Erziehung der Kinder geht. Je größer der allgemeine Erfolgszwang, um so schwerer
Amato und Keit relativiert (vgl. Oerter/Montada 1998, S. 1104).
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
20
wird es, Fehler zuzugeben. So wehren Eltern ärgerlich alle Hinweise auf Schwierigkeiten
beim Kind ab, um sich gegen Beschuldigung und Bloßstellung zu schützen (vgl. Leupold
1995, S. 101).
Eltern unterliegen sozialem Druck
Der Erfolgszwang in der Kindererziehung und die Tendenz, Schwierigkeiten der Kinder
mit einem Versagen der Eltern zu verknüpfen, verstärken das Bestreben, vor der Umwelt
einen „guten Eindruck“ machen zu wollen. Überdies unterliegen Probleme im psychischen
oder zwischenmenschlich - familiären Bereich, anders als körperliche Krankheiten,
vielfach einer verschämten Geheimhaltung (vgl. Leupold 1995, S. 102).
4.2 Die Frei(will)igkeit der Erziehungsberatung
An dieser Stelle müssen nun zuerst die Frage geklärt werden warum melden sich Eltern zur
Beratung an und eventuell durch wen sind sie auf die Möglichkeit aufmerksam geworden?
Denn Ratsuchende sollen ja hier, ihre innere Welt thematisieren, die sie vor anderen oft
auch vor sich selbst verschlossen halten, deshalb braucht es eigentlich eine besondere auf
freiwilliger Basis aufgebaute Beziehung, um sich einem im Grunde fremden anderen
Menschen anzuvertrauen (vgl. Flügge1991, S.75).
„Mit dem Grundsatz der Freiwilligkeit der Inanspruchnahme hängt der Grundsatz des
freien unmittelbaren Zugangs zur Erziehungsberatung zusammen: Jeder Ratsuchende kann
die EB-Stelle seines Vertrauens unmittelbar aufsuchen. Dies trägt – wie der Grundsatz der
Schweigepflicht – dazu bei, die Vertraulichkeit der Beratung abzusichern“ (Jans, Happe,
Saurbier 1994, S. 15; in Hundsalz 1995, S. 170).
Das heißt für die Motivationsklärung ist es wichtig zu erfahren, ob die Eltern wirklich auf
Eigeninitiative, Empfehlung oder Überweisung einer anderen Institution erscheinen. Ich
denke, dass Beratung nicht immer freiwillig wahrgenommen wird. Auch Lehrer,
Erzieherinnen und Mitarbeiter des ASD geben nicht immer nur unverbindliche Hinweise
auf Beratung, sondern machen deutlich, dass die ausbleibende Veränderung im Verhalten
der Kinder, Konsequenzen haben kann. Solche Voraussetzungen sind weder für die
Ratsuchenden selbst noch für den Berater eine günstige Ausgangslage. Auch gibt es eine
ganze Reihe von Gründen, wie vorher benannt, warum Ratsuchende Zugangsbarrieren zur
institutionellen Beratung haben. Dazu kommt z.B. die Meinung, dass Alltagsprobleme
keine Probleme sind oder die Distanz zum Berater – der praxisferne Akademiker (vgl.
Belardi u.a. 2001, S. 59 f). Jedoch braucht Erziehungsberatung als Arbeitsgrundlage die
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
21
unmissverständliche Bejahung der Beratung durch den Ratsuchenden. Sollte dies nicht so
sein bietet es sich an die Eingangsbedingungen zum Thema der Beratung zu machen um so
eine Eigenmotivation herbei zu führen.
4.3 Der Meldeanlass
Bei der Frage nach den Meldeanlässen ist zu bedenken, wie schon vorher erwähnt wurde,
dass die Schwierigkeiten des Kindes auch immer etwas mit den Problemen der gesamten
Familie zu tun haben. Deshalb spricht man beim vorgestellten Kind auch vom
Symptomträger innerfamiliärer Spannungen. Laut der Bundesstatistik13 suchen zu 59,3%
der Mütter eine Beratungsstelle auf, wenn ein Kind Beratung benötigt. Dabei ist einer der
häufigsten Beratungsanlässe, die Entwicklungsauffälligkeit (38%). Meist haben diejenigen
die sich bei einer Beratungsstelle anmelden, bereits einen längeren Leidensweg hinter sich
und die Situation „brennt“. Aus diesem Grund sollte Beratung ohne längere Wartezeiten
möglich sein (vgl. Hundsalz 1995, S. 233).
4.4 Der Einstieg in die Beratung
Schon bei der Anmeldung (telefonisch o. persönlich) sollten einige wichtige Abklärungen
erfolgen, nämlich:
-
um welche Problematik handelt es sich
von wem geht der Beratungswunsch aus
Termine werden abgesprochen
Wichtig ist nach Flügge, dass die Klienten auf die voraussichtliche
Dauer des Gesprächs vorbereitet werden.
(vgl. Flügge 1991, S. 94 f)
Fiktives Beispiel: Frau M. eine alleinerziehende Mutter 38 J. mit zwei Kindern, meldet
sich wegen ihrem ältern Sohn 9 J., der Verhaltensauffälligkeiten (Clownerien,
Konzentrationsschwächen) zeigt, in einer Beratungsstelle an. Sie bekommt einen Termin.
Bereits bei diesen ersten Abklärungen, beginnt die Kooperation zwischen dem
Ratsuchenden und dem Berater. Weiter müssen noch folgende Überlegungen
angeschlossen werden:
-
13
Wer kommt zur Beratung bzw. wer hat sich angemeldet?
Wer wird benötigt, um das Problem zu lösen?
(vgl. Flügge 1991, S. 94f)
Die Bundesstatistik klassifiziert grob nach Beratungsanlässen und Anmeldern. Die Berater dürfen auf dem
Personalbogen (s. Anhang) mehr als einen, aber höchstens zwei Beratungsanlässe und Anmelder ankreuzen
(vgl. Hundsalz 1995, S. 233).
22
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
Dieser erste Kontakt sollte nicht als eigentlicher Beginn angesehen werden, trotzdem wird
ihm von vielen Autoren ein wichtiger Stellenwert beigemessen. Denn in den ersten
Kontakt gehen bereits Vorinformationen ein, aus denen sich für den Berater eine Reihe von
Hypothesen ableiten lassen, die im späteren Beratungsprozess der Überprüfung bedürfen,
und gleichzeitig eine wichtige Hilfe für die Vorbereitung des ersten Gesprächs sind. Auch
die Ratsuchenden erkundigen sich vorher über Beratung oder sogar über den jeweiligen
Berater. Mindestens haben sie aber Mutmaßungen und Phantasien darüber (die erheblichen
Einfluss auf das konkrete Verhalten im Erstgespräch haben), was sie im Rahmen des
Erstgespräches
erwarten
wird.
Deshalb
hat
die
Klärung
von
Erwartungen,
Vorinformationen und Zugangswegen im Erstgespräch, sowie die Zuständigkeit und
Aufgabenverteilung in Hinblick auf das angesprochene Problem eine besondere
Bedeutung. Unter der Voraussetzung des Einverständnisses der Sorgeberechtigten kann es
sinnvoll sein, die für den Prozess wichtigen Personen oder Institutionen (Erzieher, Lehrer,
Therapeuten usw.) bereits im Erstgespräch einzubeziehen und in die Beratungsarbeit zu
integrieren. Wenn dies gelingt, sind wichtige Bündnispartner auf dem Weg zur Lösung des
Problems gewonnen. Es kann natürlich auch sein, dass Eltern erst einmal alleine mit dem
Berater sprechen möchten (vgl. Hundsalz 1995, S. 196).
Fiktives Beispiel: Frau M. wurde von der Schule auf die Beratungsstelle verwiesen. Sie
möchte sie erst einmal alleine mit dem Berater sprechen. Der Berater kann jetzt schon aus
diesen wenigen Informationen einige Hypothesen entwickeln.
4.4.1 Die Rolle des Kindes
Eine besondere Rolle kommt dem Kind oder Jugendlichen in der Beratung zu. Denn einige
Autoren fordern dazu auf, Kinder ihrem Alter gemäß aufzuklären, sie an den für sie
wichtigen Entwicklungen teilhaben zu lassen und ihre Zustimmung einzuholen. Damit
wird nichts anderes gefordert als das Gesetz, welches in § 8 KJHG festlegt, dass die Kinder
und Jugendlichen an allen sie betreffenden Entscheidungen entsprechend ihrem
Entwicklungsstand zu beteiligen sind. Deshalb sollte sich die Wahl der eingebundenen
Bezugspersonen daran orientieren, wie sinnvoll es gelingt das Kind stärker in den
therapeutischen Prozess einzubeziehen, allerdings muss dabei bedacht werden, wie und in
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
23
welcher Weise das Kind hiervon profitieren kann bzw. wie und in welcher Weise dem
Kind durch die Einbeziehung in die Beratung geschadet wird (vgl. Hundsalz 1995, S. 201).
Fiktives Beispiel: Frau M. entschließt sich ihren Sohn beim ersten Gespräch nicht
mitzunehmen. Sie erhofft sich einen Rat durch den Berater wie sie mit dem Verhalten ihres
Sohnes umgehen kann.
4.5 Das erste Gespräch
Dann treffen sich Berater und Ratsuchender zum ersten Mal und es kann sich langsam eine
Beratungsbeziehung entwickeln.
4.5.1 Wichtige Informationen
Dies bedeutet, dass der Berater zunächst wichtige Informationen hinsichtlich der
Lebensumstände und der Problemlage der Ratsuchenden sammelt. Zu beachten ist dabei,
dass sich der Berater auf das Sprachniveau seines Gegenüber einstellt (vgl. Flügge 1991, S.
19). In der Regel wird ein kurzer Personalfragebogen14 ausgefüllt, der Vorgeschichte und
allgemeine Daten aus der Familie erfragt. Weiter gehören hier wichtige Informationen über
die Rahmenbedingungen der Beratung wie Freiwilligkeit, die Verpflichtung des Beraters
zur Verschwiegenheit (denn hier kommen Dinge zur Sprache, über die sonst nicht
gesprochen wird), und über etwaige Kosten, dazu. Ferner sollten die Klienten aufgeklärt
werden, wie Beratungen im allgemeinen in groben Zügen verlaufen soll und etwas über
ihre Rolle im Beratungsprozess, z.B. über die Angewiesenheit des Beraters auf ihre aktive
Mitarbeit. Zum Schluß sollten die Klienten die Erwartungen des Beraters kennenlernen,
z.B. was die Termineinhaltung und gegebenen falls die Rechtzeitigkeit von Absagen
betrifft (vgl. Flügge, 1991, S. 92).
Fiktives Beispiel: Der Berater erfährt das der Arbeitsplatz von Frau M. gefährdet ist und
sie möglicherweise bald arbeitslos wird. Hinzu kommen Beziehungsprobleme mit ihrem
derzeitigen Freund. Seit dieser Zeit häufen sich die Probleme ihres Sohnes, die ihr zu
Hause auch aufgefallen sind. Der auslösende Schritt Beratung aufzusuchen war, ein
Gespräch mit der Lehrerin in der Schule. Sie gab der Mutter zu verstehen, dass die
Versetzung gefährdet sie, wenn sich nichts am Verhalten des Sohnes ändere.
14
Personalfragebogen siehe Anhang
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
24
4.5.2 Einfühlung gegenüber Distanz
Wie nun die weitere Strukturierung und Form der Beratung im ersten und in den weiteren
Gesprächen aussieht, hängt maßgeblich vom Berater selbst und der eigentlichen Situation
ab. Wendet der Berater eine sehr weitgehende, weisende Gesprächsstruktur an (z.B.
anhand von vorbereiteten Fragen) kommt vielleicht die Einfühlung, Mitschwingung und
das „szenische Verstehen“15 (Argelander 1970, Lorenzer 1970; in Hundsalz 1995, S. 202)
zu kurz. Identifiziert er sich jedoch zu sehr mit dem Problem des Ratsuchenden birgt das
die Gefahr der mangelnden Distanz und damit mangelnder Erkenntnis in sich.
Ungereimtheiten in den Aussagen wahrzunehmen ist jedoch wichtig für die
Informationsgewinnung. Dabei sollten die von den Ratsuchenden vermiedenen Themen
nicht ebenfalls umgangen werden. Nach Hundsalz soll also die Bewegung zwischen den
Polen Verstehen und Distanz dynamisch sein, da der Erkenntnisgewinn aus dieser
Spannung entsteht. Werden noch die daraus resultierenden Gefühle zugelassen und
analysiert kann verstanden werden, was vorher unverständlich war (vgl. Hundsalz 1995, S.
202).
4.6 Problemanalyse mit den Eltern
Bei der Problemanalyse befinden sich die Eltern in einer schwierigen Doppelrolle. Da sie
sowohl Betroffene als auch vielleicht an der Problematik ursächlich Beteiligte sind.
Deshalb kommt es darauf an, gemeinsam mit den Eltern aus ihrer subjektiven Sichtweise
die relevanten Sachverhalte, die das in Frage stehende Verhalten des Kindes betreffen,
herauszufiltern. Dabei können dann schon wichtige Informationen über das Kind, wie auch
über Einstellungen und Verhalten der Eltern eingehen. Leitende Fragen können bei der
Problemanalyse zur Aufschlüsselung der Problemsicht der Eltern, helfen z.B.:
 Wie nehmen die Eltern das in Frage stehende Verhalten und Befinden des
Kindes bzw. seine Situation wahr?
(Eltern sollten das betreffende Verhalten so konkret wie möglich beschreiben oder
sogar vormachen.)
 Wie ordnen die Eltern das in Frage stehende Verhalten ein? Als was nehmen
sie es wahr?
15
In dem Begriff szenisches Verstehen liegt die Vorstellung zugrunde, dass die Konflikte von Ratsuchenden,
ihre – möglicherweise vor sich selbst verborgenen – eigentlichen Anliegen und die Beziehungen der
Familienmitglieder zueinander sich in „Szenen“ verdichten, (z.B. eingenommene Sitzordnung) (vgl.
Hundsalz 1995, S. 202).
25
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
(Ist es in ihren Augen z.B. spontane Aggressivität oder eine Reaktion auf Provokation
durch andere?)
 Wie beurteilen die Eltern das in Frage stehende Verhalten?
(Vergleiche mit anderen Kindern.)
 Wie bewerten sie das betreffende Verhalten? Was bedeutet es für sie? – Welche ich
oder kind-bezogenen Ziele liegen den Bewertungen zugrunde
(Die Bewertungen führen oftmals schon zu Soll-Analysen.)
 Wie erklären sich die Eltern das problematische Verhalten? Welche Folgen
schreiben sie ihm zu?
(Ursachen und Folgenanalyse)
 Was haben die Eltern bisher versucht? Welche Erfahrungen haben sie dabei
gemacht?
(Analyse der bisherige Wege)
(vgl. Flügge 1991, S. 98 ff).
Fiktives Beispiel: Frau M. berichtet, das ihr Sohn es kaum schafft seine Hausaufgaben zu
erledigen ohne dabei mehrmals aufgestanden zu sein und sich von anderem ablenken zu
lassen. Manchmal habe sie den Eindruck, dass er sie mit diesem Verhalten provozieren
möchte. Sie müsse sich dann zu ihm setzen, sonst würde er die Arbeit nie beenden.
Außerdem habe er immer das letzte Wort und wäre das ganze Gegenteil von seinem
kleinen Bruder. Sie äußert weiter, „das er es später einmal besser haben soll“. Deshalb
brauche er auch einen guten Schulabschluss. Sie glaubt, dass dieses ganze Verhalten auch
mit ihrem derzeitigen Freund in Verbindung stehen könnte.
4.7 Diagnose über das Verhalten des Kindes
Der diagnostische Prozess besteht aus mehreren Schritten, der erste ist nach Hinweisen auf
Fehlentwicklungen oder Entwicklungsrückstände im geistig - seelischen und sozialen
Bereich zu fragen. Der zweite ist der Problembewältigungsaspekt für die Eltern. Dazu
bedarf, der Bildung von Hypothesen, welche Bedingungen
für die problematischen
Sachverhalte verantwortlich sein könnten und zum anderen der Überprüfung, ob die in den
Annahmen genannten Bedingungen tatsächlich vorliegen . Die Hypothesenüberprüfung
läuft also wieder auf eine feststellende, beurteilende und bewertende Diagnostik hinaus.
Die gründliche und sorgfältige Hypothesenbildung hat für den weiteren Fortgang der
26
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
Beratung eine weichenstellende Bedeutung. Werden hier wesentliche Bedingungen
ausgeblendet und legt man sich vorzeitig auf bestimmte Störungsursachen fest, so können
daraus ein gänzlich ungeeigneter Beratungsansatz und vermeidbare Umwege resultieren.
Deshalb sollten für die Gewinnung der Daten im wesentlichen drei Informationsquellen
bedacht werden (vgl. Flügge 1991, S. 108 f).
1. Die Anamneseerhebung
Da
nach
tiefenpsychologischem
Störungsursachen
im
Vordergrund
Verständnis,
stehen,
bei
sollte
frühkindliche
der
Verlauf
Konflikten
der
frühen
Entwicklungsphasen möglichst genau erörtert werden. So kommen Informationen
zustande, welche Kompetenzen und Gewohnheiten bisher ausgebildet werden konnten.
Die Anamnese gibt vor allem Aufschluss über mögliche Bedingungen des problematischen
Sachverhaltes. Zusätzlich informiert sie über die jetzigen Lebensumstände (vgl. Flügge
1991, S.113 ff).
2. Die Verhaltensbeobachtung
Die Methode der Verhaltensbeobachtung vor Ort, bietet eine weitere Möglichkeit,
insbesondere das interaktionale Verhalten, der am Problem beteiligten Bezugspersonen
(z.B. Kindergartengruppe, Geschwister...) zu beobachten. Grund für die Anwendung dieses
Verfahrens ist die Situationsabhängigkeit von Verhalten. Allerdings müssen bei dieser
Methode auch vielerlei Fehlerquellen (z.B. Anwesenheit des Beobachter) bedacht werden,
die die Situation maßgeblich verändern können (vgl. Flügge 1991, S. 117 ff).
3. Der psychologische Test
Ein anderer Teil der Informationsgewinnung bzw. Diagnostik sind psychologische Tests,
auf die ich hier kurz eingehen. Nestmann will trotz seiner scharfen Kritik den Einsatz
psychologischer Tests nicht ausschließen und empfiehlt einen sinnvollen Einsatz.
Zurückhaltung scheint seiner Meinung nach immer dann angebracht, wenn Tests zur
Legitimation einer Entscheidung, z.B. im Rahmen der Schullaufbahn dienen sollen.
Sinnvoll erscheinen sie dagegen, wenn sie eine Hilfe für neue Beratungswege und für die
Entdeckung von Ressourcen bilden können (Nestmann 1984, S. 109ff; in Hundsalz 1995,
S. 206). Das Testergebnis selbst sollte in einem gemeinsamen Auswertungsgespräch
besprochen und im Hinblick auf seine Gültigkeit eingeschätzt werden. Psychologische
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
27
Tests können also durchaus als Informationsquelle dienen, um neue Beratungswege zu
entdecken. Sie sollte jedoch nicht überbewertet werden (vgl. Hundsalz 1995, S. 207).
4.8 Gemeinsame Problemdefinition
Auf der Basis der Erfahrungen der Eltern und den Erkenntnissen des Berater, die durch die
Ergebnisse der Gespräche, der Ergebnisse evtl. durchgeführter Tests und der gebildeten
Hypothesen erworben wurden, kann die Problemdefinition erfolgen. Dafür sollte als
Voraussetzung eine realitätsgerechte Sicht der Eltern vom Kind, erarbeitet worden sein.
Manchmal kann die Problemdefinition dann ganz reibungslos erfolgen. In anderen Fällen
gibt es größere Schwierigkeiten, wenn das gemeinsame Verständnis über Entstehung und
Hintergründe der eigentlichen Problematik nicht klar ist. Sie ist zuvor zwischen den Eltern,
dem Berater und evtl. anderen beteiligten Personen zu erreichen. In der Praxis ist dies ein
sehr komplizierter Prozess, dem viel Zeit eingeräumt werden sollte. Sind Eltern nämlich
ursächlich am Problemverhalten durch z.B. Fehlformen in der Erziehung verantwortlich
und werden darauf angesprochen kann dies offene und verdeckte Schuldgefühle
hervorrufen. Für die Eltern sind die Unterschiede zwischen ursächlichem Zusammenhang
und Schuldzuschreibung schwer zu trennen. Sie sind dann besonders sensibel und
verletzbar. Deshalb ist es hier die Anforderung an den Berater äußerst sensibel vorzugehen,
dabei aber nicht „drum herum“ zu reden. Dies ist nur ein Beispiel für evtl. Schwierigkeiten
bei der Problemdefinition, denn es können sich noch weitere Schwierigkeiten zeigen.
Um auf diese Schwierigkeiten zu reagieren, muss der Berater versuchen, bei den Eltern,
Einsichten oder Einstellungsänderungen zu erreichen und dazu an ihren ganz persönlichen
Erfahrungen anknüpfen (vgl. Flügge 1991, S. 129 ff). Die Problemdefinition sollte dabei
nicht der Versuchung erliegen, alle genannten Konfliktthemen zu beschreiben, sondern sie
sollte eine zentrale Thematik herausgreifen und diese in den Mittelpunkt stellen (vgl.
Hundsalz 1995, S. 207 f).
Fiktives Beispiel: In Beispiel von Frau M. fallen natürlich mehrere Dinge auf die an der
Problementstehung ursächlich beteiligt sein könnten. Gemeinsam mit dem Berater arbeiten
sie verschiedene Ansätze heraus: - Mutter hat wenig Zeit steht unter Druck, - die
Beziehung ist im Wanken, - Leistungsansprüche sind sehr hoch, - unstrukturierter
Tagesablauf, - Kind muss Bezugsperson mit dem neuen Freund und seinem kleineren
Bruder teilen (nimmt sehr viel Aufmerksamkeit in Anspruch).
28
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
4.9 Die Zielsetzung
Das oben genannte sollte zu einem realistischen Ergebnis zwischen allen Beteiligten
geführt haben, ob bei dem Kind eingegriffen werden soll, oder nicht. Ferner sollten
Prinzipien darüber entwickelt worden sein, die die Ursachen des in Frage stehenden
Verhaltens des Kindes erklären. Daraus können dann Ziele formuliert werden, die als
nächstes beim Kind erreicht werden sollen. Dazu muss überlegt werden, welche
Bedingungen zur Erreichung hergestellt, oder beseitigt werden müssen (vgl. Flügge 1991,
S. 140). Zu erreichen sind veränderte Perspektiven und Änderungen in Teilbereichen des
Verhaltens
mit
der
Erwartung,
dass
diese
Veränderungen
auch
in
andere
Verhaltensbereiche übernommen werden (vgl. Schrödter 1995, S. 7; in Hundsalz 1995, S.
209). Dabei kommt es auch besonders darauf an die Ressourcen in der Familie zu stärken,
die aufgrund der Vielfalt von Lebenslagen und möglichen Lebensentwürfen, oftmals
geschwächt sind. Sie sollen darin befähigt werden, notwendige Entscheidungen selbst
treffen zu können, die sich angesichts unklar gewordener Ziele und brüchig gewordener
Normen, ständig neu orientieren müssen (vgl. Rauschenbach 1992, S. 51; in Hundsalz
1995, S. 210).
Die eigentliche Zielsetzung und Planung der Beratung sollte den Eltern nicht übergestülpt
werden, sondern mit ihnen in einem ständigen gemeinsamen Klärungsprozess ausgehandelt
werden, der Korrekturen zulässt. Dabei sollen besondere Wünsche der Eltern
berücksichtigt werden. Dies bedeutet allerdings nicht, dass der Berater diesen Wünschen
kritiklos folgt (vgl. Hundsalz 1995, S. 210).
Wichtige Gesichtspunkte sind dabei, die kindgerichteten Ziele. Sie sollten:
-
mit den Erklärungen des Problemverhaltens und mit dem
Kindkonzept der Eltern stimmig und in sich widerspruchsfrei sein.
-
vor allem an seinen Fortschritten, die es im Verhältnis zum
früheren Entwicklungsstand gemacht hat, gemessen werden.
-
auf der Ebene des Tuns ausformuliert werden
-
müssen positive Alternativen zum unerwünschten Verhalten
anbieten.
(vgl. Flügge 1991, S. 140 ff).
Diese Ausformulierungen sind wichtig, weil es
29
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
1. den Eltern leichter gelingt eindeutige Aufforderungen und Verbotssituationen
herzustellen
2. erleichtert wird funktionalere Reaktionen auf das Verhalten des Kindes
anzuwenden (vgl. Flügge 1991, S. 142).
Wenn es möglich ist sollten an der Zieldefinition alle beteiligten Personen teilnehmen, um
ein möglichst aufeinander abgestimmtes vorgehen zu erreichen. Außerdem sollten
besonders die Eltern über Grundprinzipien von Lernvorgängen aufgeklärt werden.
In diesem Sinne entsteht von Anfang an eine lebendige Beziehung, in der nicht nur die
Eltern, sondern auch der Berater als Person mit Konturen und Überzeugungen und einer
institutionellen Identität in Erscheinung tritt, die den Eltern über den Weg von Einfühlung,
Nachfragen, eigenen Gedanken und Konfrontation zu einer veränderten oder präzisierten
Problemsicht verhilft. Allerdings sollten die Eltern auch darauf hingewiesen werden, dass
die Erprobung der Wege im Alltag mit einer ganzen Reihe von realen Risiken mit sich
bringt (vgl. Flügge 1991, S. 142 ff).
Fiktives Beispiel: Berater und Mutter einigen sie darauf, dass sie zunächst die
Beziehungskrise mit ihrem Freund klärt. Dann soll ein Belohnungssystem eingeführt
werden: Erledigt das Kind seine Hausaufgaben in vorgegebener Zeit (mit anfangs
Hilfestellung) bekommt es eine Belohnung z.B. ein Kärtchen. Hat das Kind mehrer
Kärtchen zusammen, bekommt es z.B. etwas Süßes. Es soll damit erreicht werden, dass das
Kind lernt, je eher es fertig ist, desto länger hat es Freizeit.
4.10 Die Möglichkeiten der Veränderung durch Therapie
Manchmal können in diesem Prozess auch therapeutische Zwischenphasen erforderlich
sein. Auf der einen Seite können dies Maßnahmen für die Eltern sein, auf der anderen Seite
Maßnahmen für das Kind. Denn für das Kind ist es einfacher, sich zu ändern, wenn
synchron auch Veränderung bei den Eltern stattfinden (vgl. Flügge 1991, S. 146 ff).
1. Förder- und Therapiemaßnahmen mit dem betroffenen Kind
Bei
schweren
Verhaltensauffälligkeiten
ist
therapeutischer Maßnahmen notwendig.
 Verhaltenstherapie und Verhaltensmodifikation
häufig der
Einsatz
pädagogisch
–
30
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
 Nicht – direktives Gespräch
 Spieltherapie und psychoanalytische Therapie
 Selbstentspannung, Meditation und Hypnose
 Systemische Familientherapie
 Psychomotorische Behandlung und Mototherapie
 Wahrnehmungstraining
(vgl. Hobmair 2002, S. 367).
2. Elternberatung und Elterntraining
Wie ich bereits erwähnt habe sind Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern häufig ein
Ausdruck
innerfamiliärer
Spannungen.
Deshalb
werden
Eltern
angeleitet,
die
Verhaltensweisen ihres Kindes auch als Folge ihrer bisherigen Erziehungspraxis zu
verstehen und ihr eigenes Erzieherverhalten gegebenen falls zu verändern. Eine
Möglichkeit hierzu sind verschiedene Formen des Elterntrainings (vgl. Hobmair 2002,
S.368).
3. Schule für Verhaltsauffällige/Heimunterbringung
Eine Einweisung in eine Förderschule zur Erziehungshilfe oder in ein Heim kann erfolgen,
wenn die vorliegende Verhaltensauffälligkeit im familiären und sozialen Umfeld nicht
abgebaut werden kann. In diesen Institutionen wird häufig im Sinne einer der genannten
psychologischen Richtungen gearbeitet (vgl. Hobmair 2002, S. 368).
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
31
5. Reflexion und Abschlussbetrachtung
In der Reflexion und Abschlussbetrachtung werde ich zu Beginn, meine Arbeit kurz
zusammenfassen. Dabei nehme ich Stellung zu den in der Einführung gestellten Fragen
zum Thema Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten. Danach werde
ich meine persönlichen Schlüsse darstellen, die für meine weitere pädagogische Arbeit von
Bedeutung sind.
Ich habe in meiner Arbeit die verschiedenen Arten von Verhaltensauffälligkeiten ihre
Symptome und Ursachen dargestellt. Bewusst wird hier, dass eine ganze Reihe von
Verhalten bereits als Auffälligkeit eingestuft wird. Gemessen wird die Auffälligkeit an der
Norm des Betrachters, das heißt, so wie er das Verhalten beurteilt, vergleicht und bewertet.
Dazu stehen verschiedene Klassifikationssysteme zur Verfügung, die bei der Einstufung
des Verhaltens helfen. Sind Eltern mit dem Verhalten ihres Kindes überfordert, können sie
sich an eine Erziehungsberatungsstelle wenden. Hier wird mit Hilfe kommunikativer
Möglichkeiten versucht, eine Lösung für das vorliegende Problem zu finden. Warum
allerdings immer mehr Kinder diese Verhaltsweisen zeigen, ist vielleicht zum einen mit
den veränderten Lebensbedingungen vieler Familien zu erklären, die sich von
gesellschaftlichen Bedingungen wie z.B. Arbeitslosigkeit und damit verbundene Armut
bedroht sehen und oftmals innerfamiliäre Spannungen auslösen. Solche Einflüsse gelten
als ursächlich an der Entstehung von Verhaltensauffälligkeiten beteiligt. Zum anderen
können auch Fehlformen in der Erziehung zu einer Auffälligkeit führen. Meist suchen
Eltern dann selbst nach einer möglichen Ursache und bleiben schnell bei biologischen
Erklärungen des Verhaltens stehen (in diesem Zusammenhang möchte ich auf den Text
von DeGrandpre „Der Verlust der Langsamkeit“; in „Psychologie Heute“, S. 44 im
Anhang verweisen), und sehen aus diesem Grund keinen Anlass, eine Beratungsstelle
aufzusuchen. Kommt es dann doch zu einer Beratung, liegt es am Berater, sehr einfühlsam
und behutsam darauf einzugehen, dass die Eltern in den meisten Fällen sowohl Betroffene
als auch ursächlich Beteiligte an der Situation sind. Dabei ist das Zusammenspiel vieler
persönlicher Einstellungen und Lebenserfahrungen zu beachten. Auch bedarf es einer
bewussten Entscheidung, über den Nutzen der Beteiligung des Kindes in diesem Prozess.
Der eigentliche Beratungsprozess ist nicht ganz einfach, in ihn fließen viele Faktoren der
subjektiven Wahrnehmung der Eltern ein. Deshalb ist es manchmal nötig, dass der Berater
sich selbst ein Bild von diesem Verhalten macht. Oftmals entsteht durch Beratung ein
neuer Blickwinkel auf das ursächliche Problem, durch das es verständlicher wird und eine
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
32
Besserung der Situation bewirkt werden kann. In anderen Fällen kann es auch nötig sein,
weitere Maßnahmen einzuleiten (Therapie usw.).
In meiner pädagogischen Arbeit möchte ich Kinder in ihrer Entwicklung und in ihren
Fortschritten begleiten und unterstützen. Hierbei sollten sie als eigenständige
Persönlichkeiten mit individuellen stärken und schwächen angesehen werden. Durch den
Kontakt entwickelt sich meist eine enge emotionale Bindung zwischen Erzieher und Kind,
die zu einem starken Gefühl der Verantwortlichkeit und Engagement führt. Infolge dessen
wird es für uns wahrnehmbar, wenn Kinder durch ihr Verhalten Hilferufe aussenden, und
es unbedingt notwendig wird mit den Eltern darüber in Kontakt zu treten. In der fachlichen
Ausbildung zum Erzieher haben wir gelernt, die Ursachen dieses Verhaltens zu deuten. Es
entsteht dann oftmals der Wunsch zu helfen, der dabei bei den Eltern häufig auf
Unverständnis und Empörung stößt. Wichtig ist, dass sich das Engagement für das Kind
mit einem Verständnis für die Eltern verbindet. Durch die Bearbeitung der Thematik
wurde mir klar, dass die eigenen Gefühle zunächst Anlass sind für eine Initiative, dann
jedoch sehr gefiltert werden müssen. Von entscheidender Wichtigkeit ist die Gestaltung
der ersten Ansprache der Eltern. Sie ist prägend für den Verlauf des weitern Kontaktes und
den Veränderungsmöglichkeiten. Dabei bildet das Wissen um menschliche Motivationen
und Verhaltensweisen, um die Eingebundenheit der Eltern in soziale und gesellschaftliche
Zusammenhänge und um die Verwobenheit der Familienmitglieder in ihrem System die
Grundlage für eine realistische Einschätzung der Kooperationsmöglichkeiten mit Eltern.
Als Erzieherin kann man die Eltern nicht verändern oder sie zu etwas bewegen, was sie
nicht selbst wollen, aber man kann auf dem Hintergrund einer verständnisvollen
Grundhaltung klar sein, im eigenen Standpunkt und in den Aussagen. Dazu gehört das
Handeln mit persönlichem Engagement und professioneller Distanz. Das bedeutet den
Eltern Beobachtungen mitzuteilen, Entwicklungstendenzen zu verdeutlichen, Gefahren
aufzuzeigen, Hilfsmöglichkeiten anzubieten. Dabei sollte man aber vermeiden, sich
sozusagen als die bessere Mutter oder der besser Vater zu fühlen und den Eltern mit dieser
Haltung gegenüberzutreten. Es gilt, die Grenzen der Familie zu sehen und zu akzeptieren
und gleichzeitig zu wissen, in welchen Situationen eine gezielte, wohlüberlegte
Grenzüberschreitung möglich, unter Umständen sogar unumgänglich notwendig ist.
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
33
6. Literatur und Quellenverzeichnis
Baacke, Dieter (1995). Die 6- bis 12jährigen: Einführung in Probleme des Kindesalters, 6.
Auflage, Beltz Verlag, 1995.
Belardi, Nando u.a. (2001). Beratung: Eine sozialpädagogische Einführung, 3. Auflage,
Beltz Verlag, 2001.
Bittner, Günther (1996). Problemkinder: Zur Psychoanalyse kindlicher und jugendlicher
Verhaltensauffälligkeiten, 2. Auflage, Sammlung Vandenhoeck, 1996.
Davison, Gerald C./ Neale John M. und Hautzinger, Martin (Hrsg.) (2002). Klinische
Psychologie: Ein Lehrbuch, 6. Auflage, Beltz Verlag, 2002.
Dietrich Georg (1983). Allgemeine Beratungspsychologie: Eine Einführung in die
psychologische Theorie und Praxis der Beratung, Verlag für Psychologie, 1983.
Dietrich, Georg (1987). Spezielle Beratungspsychologie, Verlag für Psychologie, 1987.
Flügge, Ingrid (1991). Erziehungsberatung: Zur Theorie und Methodik, 2. Auflage,
Verlag für Psychologie, 1991.
Hackney, Harold/ Cormier L. Sherilyn (1998). Beratungsstrategien, Beratungsziele, 4.
Auflage, aus dem Amerikanischen von Werner Moosbauer; Isabella Bruckmaier, Ernst
Reinhardt Verlag, 1998.
Hobmair, Hermann (Hrsg.) (2002). Pädagogik, 3. Auflage, Bildungsverlag EINS – Stam,
2002.
Hundsalz, Andreas (1995). Die Erziehungsberatung: Grundlagen, Organisation, Konzepte
und Methoden, Juventa Verlag, 1995.
Kaller, Paul K. (Hrsg.) (2001). Lexikon Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Sozialrecht,
Quelle und Meyer, 2001.
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
34
Leupold, Eva Maria (1995). Handbuch der Gesprächsführung: Problem- und
Konfliktlösung im Kindergarten, 6. Auflage, Herder Verlag, 1995.
Oerter, Rolf/ Montada, Leo (Hrsg.) (1998). Entwicklungspsychologie: Ein Lehrbuch, 4.
Auflage, Beltz Verlag, 1998.
Reifarth Wilfried/ Scherpner Martin (1993). Der Elefant: Texte für Beratung und
Fortbildung, Eigenverlag des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge,
1993.
Rogers, Carl R. (1998). Entwicklung der Persönlichkeit: Psychotherapie aus der Sicht
eines Therapeuten. Aus dem Amerikan. übers. von Jacqueline Giere, 12. Auflage, Klett –
Cotta, 1998.
Schäfers, Bernhard (Hrsg.) (2001). Grundbegriffe der Soziologie, 7. Auflage, UTB
Verlag, 2001
Schepping, Johanna (1995). Verhaltensauffälligkeiten in Kindergarten und Hort: Wie wir
helfen können, 8. Auflage, Ludwig Auer Verlag GmbH, 1995.
Schmidbauer, Wolfgang (1996). Helfen als Beruf: Die Ware Nächstenliebe, Rohwolt
Taschenbuch Verlag GmbH, 1996
Schulz von Thun, Friedemann (1998). Miteinander reden 1: Störungen und Klärungen &
2: Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung, einmalige Sonderausgabe, Rohwolt
Taschenbuch Verlag GmbH, 1998
Weinberger, Sabine (1998). Klientenzentrierte Gesprächsführung: Eine Lern- und
Praxisanleitung für helfende Berufe, 8. Auflage, Beltz Verlag, 1998.
Zimbardo, Philip G. (1999). Psychologie, 7. Auflage, Springer Verlag, 1999.
Lexikon der Psychologie CD – Rom (2002). Spektrum Verlag, 2002.
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
35
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Kinder und Jugendhilfe
(Achtes Buch Sozialgesetzbuch)
„Psychologie Heute“ (2002). Heft 29, Beltz Verlag Okt. 2002.
Berichte:
Paulus, Jochen, „Mutter kümmert sich. Vater auch“, S. 10.
Gründler, Elisabeth C., „Eine Pille gegen die Überforderung“, S. 40.
Hüther, Gerald, „Kindergehirne sind keine Maschinen“, S. 42.
DeGrandpre, Richard, „Der Verlust der Langsamkeit“, S. 44.
Pohl, Peter, „Wer hilft Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen in dieser
Gesellschaft?“, S. 46.
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
36
Anhang
_________________________________________________________________________
 Abkürzungsverzeichnis
 Informationsblatt der Jugend- und Elternberatungsstelle Lauterbach
 Personalbogen der Jugend- und Elternberatungsstelle Lauterbach
Berichte aus „Psychologie Heute“:
 Paulus, Jochen, „Mutter kümmert sich. Vater auch“, S. 10.
 Gründler, Elisabeth C., „Eine Pille gegen die Überforderung“, S. 40.
 Hüther, Gerald, „Kindergehirne sind keine Maschinen“, S. 42.
 DeGrandpre, Richard, „Der Verlust der Langsamkeit“, S. 44.
 Pohl, Peter, „Wer hilft Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen in
dieser Gesellschaft?“, S. 46.
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
Abkürzungsverzeichnis
Aufl.
= Auflage
bzw.
= beziehungsweise
evtl.
= eventuell
f.
= folgende
ff.
= fortfolgende
Hrsg.
= Herausgeber
o.
= oder
s. A.
= siehe Anhang
S.
= Seite(n)
u.a.
= unter anderem(n)
usw.
= und so weiter
vgl.
= vergleich(e)
z.B.
= zum Beispiel
z. dt.
= zu deutsch
ASD
= Allgemeiner sozialer Dienst
WHO
= Weltgesundheitsorganisation
DSM
= Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (z. dt.
Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen).
ICD
= International Classification of Diseases (z. dt. Diagnoseschlüssel und
Glossar psychiatrischer Krankheiten).
KJHG
= Kinder- und Jugendhilfegesetz
DGB
= Deutscher Gewerkschaftsbund
BKfE
= Bundeskonferenz für Erziehungsberatung
37
Beratung für Eltern bei kindlichen Verhaltensauffälligkeiten
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Eidesstattliche Versicherung
Hiermit versichere ich, dass ich die vorliegende Arbeit selbständig verfasst und keine
anderen als die angegebenen Hilfsmittel verwendet habe. Die Stellen der Vordiplomarbeit,
die anderen Werken im Wortlaut oder dem Sinn nach entnommen sind, habe ich unter
Angabe der Quellen kenntlich gemacht.
Wartenberg, 09. Dezember 2002
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