Wir müssen bei den Männern anfangen - Berlin

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Land ohne Leute?
Ein deutsches
Dilemma
Die Klage über fehlenden Nachwuchs beherrscht die Republik –
obwohl die Geburtenraten nicht erst seit gestern, sondern schon
seit Jahrzehnten sinken. Lange verpönt, wird
«Bevölkerungspolitik» zum Generalschlüssel für die
unterschiedlichsten Fragen: Familie, Rente, Integration,
Gesundheit und nicht zuletzt die
Geschlechterrollen. Jan Engelmann hat neue Bücher zum Thema
Demografie gelesen und wundert sich über den alarmierten Ton
einer Debatte, die immer neue Schuldige für schrumpfende
Kinderzahlen und bröckelnde Sozialsysteme benennt. Im
LiteraturenGespräch diskutieren die Kulturwissenschaftlerin Barbara
Vinken, der Soziologe Hans Bertram, der Medientheoretiker
Norbert Bolz und der Demograf Reiner Klingholz darüber, ob und
wie Gesellschaft und Familie, Kinder und Beruf zusammenpassen. Martina Meister erklärt, warum die Flut von MütterRatgebern das spezifisch Deutsche dieses Dilemmas ans Licht
bringt. Und während Europa sich in Nachwuchs-Nabelschau übt,
wachsen auf fernen Kontinenten andere Sorgen. Die HongkongFotografien von Michael Wolf zeigen, wie das Gegenteil einer
schrumpfenden Stadt aussieht: Wohn-Waben fürs Humankapital
Wir müssen bei den Männern anfangen»
Sind Frauen Familientiere, Männer Arbeitstiere? Verstößt die alte
Arbeitsteilung der Geschlechter gegen das Grundgesetz? Ist die
Krippe für Kinder wirklich das Beste? Und was macht die
Gesellschaft aus der Familie?
Ein Literaturen-Gespräch mit Barbara Vinken, Hans Bertram, Norbert
Bolz und Reiner Klingholz
Literaturen Politiker aller Couleur, Massenmedien und SachbuchAutoren sprechen gegenwärtig über Bevölkerungspolitik: Die
Gesellschaft altert und schrumpft. Wie kommt es zu dieser ThemenKonjunktur? Warum sollte uns eine wackelnde
Bevölkerungspyramide Angst einjagen?
Reiner Klingholz Wenn in einer Gesellschaft über ein Phänomen,
das sich seit den frühen siebziger Jahren abgezeichnet hat,
jahrzehntelang kaum gesprochen wird, dann bricht die Diskussion
irgendwann mit umso heftigerer Vitalität aus. Der Anlass dafür war
vermutlich die Krise der Sozialsysteme. Beim Thema
Bevölkerungsentwicklung – und dazu gehören auch die Migration,
die Integration, Bildung, Arbeit, Beschäftigung – hatte sich so viel
angestaut, dass mit einem Mal alles auf den Tisch kam. Und das
wird unter dem Riesenlogo «Demografie» subsumiert.
Literaturen Wie gehen Sie an das Thema heran, Herr Bolz, als
Medienwissenschaftler oder als Privatmann? Ihr neues Buch heißt
«Die Helden der Familie», und in der Vorbemerkung lesen wir: Sie
sind Vater von vier Kindern, Ihre Frau gibt auf amtliches Befragen
«Hausfrau» als Beruf an.
Norbert Bolz Ich bin, wenn ich diese Anekdote erzählen darf, auf
das Thema gekommen, als mich die «Westdeutsche Allgemeine»
einmal zu Weihnachten um einen Artikel über die Heilige Familie bat.
Daraufhin schrieb ich über die Entheiligung der Familie im rotgrünen Zeitalter. Der Text wurde dort nicht veröffentlicht, es hatte
einen Riesenkrach in der Redaktion gegeben, einige waren
leidenschaftlich für den Artikel, andere leidenschaftlich dagegen.
Gleichzeitig gab es eine Anfrage der «FAZ», die den Artikel dann
unter dem Titel «Produktion und Reproduktion» druckte, obwohl
auch hier die Redaktion sich zerstritten hatte. Daraufhin dachte ich,
dass etwas dran sein muss an dem Thema, und ich verfolgte es
weiter. So ist das Buch entstanden.
Literaturen Frau Vinken, Sie haben ein Buch mit dem Titel «Die
deutsche Mutter» geschrieben, eine Art Ideologiekritik des zähen
deutschen Mutterbildes. Beobachten Sie in der gegenwärtigen
Debatte einen Rückfall in überkommene Vorstellungen der
Geschlechterrollen?
Barbara Vinken In Deutschland glaubt man dogmatisch daran –
und darin ist dieses Land einzigartig in Europa –, dass «Mutter
werden» oder «Karriere machen» zwei einander ausschließende
Möglichkeiten seien. Erledigt sind die alten Rollenmodelle leider
keinesfalls. Ich glaube aber, dass es einen ganz langsamen
Mentalitätswandel gibt. Und wenn der nicht bald deutlicher wird,
sieht es mit der Geburtenrate noch ein bisschen weniger gut aus.
Literaturen Woran liegt es denn, dass so wenige Kinder geboren
werden?
Hans Bertram Eine Vorbemerkung: Das Thema Familie war
politisch immer virulent. Der «Tod der Familie» war schon in den
siebziger Jahren ein ganz heißes Eisen. Die Bücher, die damals
geschrieben wurden, hatten extrem hohe Auflagen. Das Muster war,
sich gegen die konservative Familie zu stellen. Das vergessen wir
manchmal, und das hängt auch mit der deutschen
Wiedervereinigung zusammen: Bestimmte Themen sind nach 1989
weggerutscht, weil man eine ganz neue Gesellschaft konstruieren
musste. Heute knüpfen wir da an, wo wir in den achtziger Jahren
gestanden haben.
Klingholz Allerdings: die heutige Diskussion hätte damals so nicht
stattfinden können, weil das gesellschaftliche Umfeld ganz anders
war. Familie war in der Nach-68er-Zeit etwas, das man loswerden
wollte. Kinder spielten in den neuen Lebensmodellen eine
zweitrangige Rolle. Erst seit etwa zwei Jahren hat eine gewisse
Entideologisierung stattgefunden, heute kann man über viele Dinge
offener sprechen.
Bertram Um auf die Frage nach dem Geburtenrückgang zu
kommen: der ist nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa
massiv. Dazu gibt es zwei Hypothesen. Die pessimistische besagt:
Geburtenraten hängen auch von der Größe der Familien ab, in denen
Kinder aufgewachsen sind. Bin ich mit vielen Geschwistern
aufgewachsen, dann entscheide ich mich selbst eher für mehrere
Kinder. Demnach läuft gerade ein Schrumpfungsprozess, den man
gar nicht stoppen kann. Die optimistische Variante klingt natürlich
sympathischer: Wir müssen den richtigen Politik-Mix finden, um
sicherzustellen, dass das Projekt Kind in die Lebensperspektiven von
jungen Männern und Frauen hineinpasst.
Literaturen Ist nicht auch die gegenwärtige Situation das Ergebnis
von politischen Maßnahmen – oder Unterlassungen? VinkenIn
Deutschland hat man immer auf die Einverdiener-Familie gesetzt
und nie auf eine aushäusige Kinder-Betreuung. Deutschland ist in
dieser Hinsicht ein Entwicklungsland: Bloß keine Kinderkrippen, wir
wollen hier unser Ehegatten-Splitting, wir wollen, dass die Männer
weiterhin das Geld machen und dass die Frauen, sagen wir, halbtags
in einer Galerie arbeiten. In Frankreich gibt es achtzig Prozent
Frauen, die ganztags arbeiten.
Bertram Das muss man etwas anders sehen: Die Berufstätigkeit ist
in Deutschland teilweise höher als in Frankreich. Frankreich ist in
dem Punkt ein schlechtes Beispiel. Denn dort ist die Erwerbsquote in
den großen Städten zwar sehr hoch, aber in den ländlichen
Regionen, wo es viele Kinder gibt, ist die Erwerbsquote eher gering.
Allerdings arbeiten in Frankreich die Frauen, die älter sind als 45, zu
einem höheren Prozentsatz. In ganz Europa gibt es dieses Muster:
Wenn die Kinder sehr klein sind, wählen die meisten Frauen eine
Konstruktion, die es ihnen erlaubt, bei den Kindern zu sein. Der
Punkt ist, dass die anderen Länder es in den Siebzigern geschafft
haben, die Lebens- und Erwerbsverläufe so zu konstruieren, dass
man die Unterbrechungsphasen, die Kinder in allen europäischen
Ländern bewirken, anders bewältigen kann.
Vinken Jedenfalls haben in Frankreich genau diejenigen Frauen
Kinder, die in Deutschland keine Kinder bekommen – die
Akademikerinnen. Im Pariser Raum haben die Leute zwei bis drei
Kinder, und die Frauen sind alle vollzeitig berufstätig. Genauso in
Amerika. Bei uns ist das Problem: Wer investiert in die Zukunft? Ich
finde es interessant, dass in Deutschland ganze Schichten darauf
verzichten, sich in ihrer Lebensart fortzupflanzen. Ich denke, das
hängt damit zusammen, dass wir ein besonders unglückliches,
unerotisches Geschlechterverhältnis haben. Und es erscheint mir
besonders witzig, dass Leute, die im Erwerbsleben stehen – also die
meisten Männer – die herrschenden Verhältnisse auch noch
ausbauen wollen.
Bolz Diese Diskussion verläuft so wunderbar steril wie alle
Diskussionen, die ich dazu bisher erlebt habe. Die kritischsten
Geister rasten bei diesem Thema sofort ein – in die
regierungsoffizielle Perspektive: Es geht ums Benchmarking der
Nationen, Optimierung des Arbeitsmarktes und die Frage, ob man
die Frauen dem deutschen Arbeitsmarkt vorenthalten kann. Den
Diskurs, der uns von der politischen Klasse ununterbrochen
eingehämmert wird, übernehmen die Intellektuellen, ohne mit der
Wimper zu zucken. Und zwar aus Angst, bei diesem Thema über
fundamentale Fragen nachzudenken. Etwa: wie unterscheidet sich
Deutschland von diesen vergötterten skandinavischen Ländern? Man
vergleicht Deutschland mittlerweile mit Island in diesen Dingen!
Oder ein anderes Thema: Solche Diskussionen schließen von
vornherein die Frage aus, ob es Kindern überhaupt gut tut, in einem
frühen Entwicklungsstadium «aushäusig» betreut zu werden. Ich
habe mir eine Testfrage zurechtgelegt an diejenigen, die das
fordern: Wie war’s eigentlich bei dir? Bist du auch mit drei Monaten
in eine Kinderkrippe gekommen? Alle Leute, die ich persönlich kenne
– eine rein empirische Beobachtung –, sind von ihrer Mutter
großgezogen worden.
Vinken Dann kennen Sie niemanden aus dem Osten.
Bolz Ich nenne das einen der späten Siege der DDR. Alle Leute, die
ich befragt habe, sind praktisch erst mit dem Studium aus dem Haus
gegangen. Freud hat erklärt, wie enorm das Selbstbewusstsein von
einer liebevollen Betreuung durch die eigene Mutter abhängt. Ich
sage ja nicht: Kinder müssen von ihrer eigenen Mutter möglichst
lange erzogen werden. Sondern nur: man darf das gar nicht mehr
diskutieren.
Literaturen Was kann denn die Mutter, was der Vater nicht könnte?
BolzEs geht mir nicht um ein Zurück zur klassischen Familie; ich
sage nur, unsere Diskussion ist so angelegt, dass diese Fragen tabu
sind.
Vinken Das scheint mir im Gegenteil die Hauptfrage, die
hierzulande ausdauernd diskutiert wird: Wie, Sie haben ein Kind und
einen Beruf? Und Ihren Kindern geht es gut, Sie sind nicht gestresst,
und der Beruf macht Ihnen Spaß? Kann doch gar nicht sein. Dabei
ist die Forderung nach der Erziehung der Kinder im Schoß der
Familie eine moderne Entwicklung. Schauen Sie sich etwa die
Aristokratie in Frankreich bis zum 18. Jahrhundert an: Man hat die
Kinder nie in der Familie erzogen. Vor Rousseau hatten die Kinder
Hauserzieher, und dann kamen sie ins Kloster und mit 16 meistens
zurück. Das Kloster hat darauf bestanden, dass man diese Mütter
mit ihrer Zärtlichkeit aus der Erziehung heraushält. – Was Sie
verlangen, Herr Bolz, ist protestantische Pädagogik, urdeutsche
Mutterpolitik.
Bolz Ich stimme Ihnen zu, es ist eine Seltenheit in der Evolution,
wenn Sie so wollen: ein Ausnahmezustand, dass Familien als
Kernfamilien konstituiert sind, in denen die Mutter eine enorm lange
Zeit die Kinder betreut. Aber ist das ein Argument gegen dieses
Modell? Es könnte ja eine evolutionäre Errungenschaft sein. Und was
wir jetzt erleben, ist ein Verlust. Für diejenigen, die sie ergreifen
wollen, sollte man wenigstens die Option für diese Errungenschaft
offen halten – ohne die Leute zu denunzieren. VinkenIn Deutschland
ist das von Ihnen vorgeschlagene Modell der Einverdiener-Ehe das
steuerlich am höchsten subventionierte. Sie liegen ganz im
Mainstream. Übrigens empfinden die deutschen Frauen den
neuesten Umfragen zufolge, dass man Beruf und Kinder nicht
vereinbaren kann – sowohl die Frauen, die sich gegen, als auch die
Frauen, die sich für Kinder entscheiden. Auch hier treffen Sie also
den Konsens.
Literaturen Das Leitbild zumindest des sozial-liberalen
Mainstreams, schreibt Norbert Bolz in seinem Buch, sei die allein
erziehende Mutter, die einem Beruf nachgeht – nicht mehr die
intakte Kleinfamilie.
Bolz Ich habe gesagt, dass die Heldin des rot-grünen Alltags die
allein erziehende Mutter ist. Diese polemische These bezieht sich auf
das Verhältnis von Staat und Familie. Ich wollte darauf hinweisen,
dass wir es mit einer Ideologie zu tun haben, die ich auf die Formel
«Verstaatlichung der Kinder» bringe: Der Staat hat ein massives
Interesse daran, den Eltern die Erziehung abzunehmen. Ich bin der
Erste, der für mehr Kinderkrippen plädiert – solange das als Angebot
verstanden wird. Aber es geht hier um eine familienpolitische Norm,
die durchgesetzt wird.
Vinken Meiner Erfahrung nach sieht die Sache vollkommen anders
aus. Es war sehr schwer, in München einen Hortplatz für meinen
Sohn zu bekommen. Wenn Sie in Paris wohnen, ist das kein
Problem. In Frankreich, wenn man es historisch betrachtet, löste die
Republik die Kirche ab. Die Kinder waren nie in der Familie, um es
ganz hart zu sagen. Erst hatte die Kirche die Kinder, dann hat die
Republik um sie gekämpft, und sie hat sie bekommen.
Bolz Genau das sollte uns erspart bleiben. Ich bin kein Etatist, ganz
einfach. Ich finde, der Staat sollte sich zurückhalten aus allem, was
privat ist.
Vinken In Deutschland dagegen haben wir mit Luther die Familie
inthronisiert: Der Staat wurde abgelöst, und die Familie wurde zum
heiligen Raum. Ich finde eine Politik sehr viel glücklicher, in der
Gesellschaft und Familie nicht als Antipoden gesehen werden,
sondern sich in einem gegenseitigen Vertrauensverhältnis entwickeln
können. Das ist durch den Faschismus zugegebenermaßen nicht
eben erleichtert worden. In den fünfziger Jahren haben sich die
Deutschen als Reaktion darauf regressiv für die Restauration der
patriarchalischen Kleinfamilie entschieden. Ich finde das Misstrauen
gegen den Staat, wie Sie es formuliert haben, völlig überflüssig. Wie
man in unseren Nachbarländern sieht, kann das sehr viel
harmonischer und produktiver sein. Diese Polarisierung zwischen
Familie und Gesellschaft ist unglücklich – ebenso die Rolle, die der
Mutter dabei zugeschoben wird. Wie sagte Paul Kirchhof so schön:
die Mutter als das Residuum des Humanen. Was soll denn an der
Gesellschaft so inhuman sein? BolzEr hat Recht.
Vinken Ich halte das für falsch. Und das sage ich nicht, weil ich
denke, dass die Familie geschwächt werden soll, sondern weil diese
Gegenüberstellung von Menschlichkeit in der Familie und
Unmenschlichkeit in der Gesellschaft unsinnig ist. Ich finde nicht,
dass ich in einem unmenschlichen Beruf arbeite, ich finde nicht, dass
meine Arbeitsbedingungen unmenschlich sind. Der gesellschaftliche
Raum kann sehr erfüllend sein, und dagegen muss man die Familie
nicht schützen.
Literaturen Haben Sie, Herr Klingholz, immer noch den Eindruck,
dass die Debatte ohne Ideologie auskommt? KlingholzWas ich
meine, ist, dass in der Politik eine gewisse Entideologisierung
stattgefunden hat. Sonst wären CDU und CSU nicht bereit, darüber
zu diskutieren, dass Kinderbetreuung in Bayern und BadenWürttemberg heute so möglich sein könnte wie in anderen
Bundesländern auch. Gleichwohl gibt es eine große
Emotionalisierung. Aber jeder, der betroffen ist, weil er selber Kinder
hat oder selbst mal eins war, glaubt natürlich, mitreden zu können.
Das ist ähnlich wie beim Fußball. Nochmal zur allein erziehenden
Mutter, ernsthaft: Die allein erziehende Mutter ist für alle Beteiligten
nicht gerade ein Glücksfall. Das ist schrecklich aufwändig. Kinder
finden es toll, wenn auch mal ein Vater da ist. Vater, Mutter, Kind
oder Kinder – das ist eine Gemeinschaft, die allen Beteiligten,
solange sie funktioniert, Spaß macht. Und wenn man einen Teil
rausnimmt, fehlt was.
Bolz Das trauen Sie sich zu sagen?
Klingholz Das kann man doch recht ideologiefrei so sagen. Das
Familienmodell, bei dem alle «klassischen» Beteiligten
zusammenleben, ist schon erstrebenswert – das hat ja mit
«Heimchen am Herd» gar nichts zu tun. Weil alle damit zufrieden
sind, die es so machen. In den 68er-Zeiten und danach wurde das
infrage gestellt. Das war ein Experiment, das nicht gut gegangen ist.
LiteraturenSind womöglich die Väter das Problem – beziehungsweise
die Nicht-Väter, diejenigen, die gar keine Familie wollen? Sind
Männer vom Umbau der klassischen Rollenbilder überfordert?
Bertram Wenn man über Familie nachdenkt, muss man sich ja klar
machen, dass die heutigen jungen Erwachsenen häufig Familie,
Haushalt und Kindererziehung als gemeinschaftliches Projekt
verstehen. Dann muss man fragen: Wie sieht die gesellschaftliche
Realität aus, um so ein Gemeinschaftsprojekt durchzusetzen?
Erstens: die Einkommensdifferenzen zwischen Mann und Frau sind
bei jungen Familien so, dass die Frage, wer zu Hause bleibt,
verhältnismäßig leicht zu entscheiden ist – es gibt auf dem
Arbeitsmarkt eine strukturelle Benachteiligung für Frauen, was das
Einkommen angeht. Das sind gesellschaftliche Mechanismen, die
steuernd wirken. Zweitens: wenn Sie als junger Mann sagen «Ich
möchte jetzt meine Kinder betreuen», dann müssen Sie sich
überlegen, wie Ihre Vorgesetzten mit Ihnen umgehen, weil so etwas
in der Erwerbswelt nicht vorgesehen ist. Die Konsequenz ist: Jeder,
der das machen will, verhält sich, sozialpsychologisch gesprochen,
abweichend. Die Hauptaufgabe wäre die Veränderung der weiblichen
Rollen, vor allem aber der männlichen Rollen. Wie können wir in
männliche Berufsrollen und Ausbildungen Fürsorge einbauen, so
dass sie für Männer genauso selbstverständlich wird wie für Frauen?
Wir haben auf der einen Seite ein klares, hartes Männerbild und
spiegeln dagegen ein bestimmtes Frauenbild. Erst wenn wir dieses
Männerbild knacken, ändert sich auch das Frauenbild.
Bolz Alle am Tisch – mit mir als Ausnahme – gehen natürlich davon
aus, dass das wünschenswert ist. Wieso eigentlich? Bertram Es ist
schlicht und einfach unsere Verfassung, die das gebietet. Ganz
einfach.
Bolz Die Verfassung verbietet sexuelle Arbeitsteilung? Kann ich mir
nicht vorstellen.
Bertram Paragraph 6 Grundgesetz sagt eindeutig: Es ist Pflicht und
Recht der Eltern, die Kinder zu erziehen. Das heißt, die Kinder haben
einen individuellen Rechtsanspruch auf Erziehung durch den Vater.
Die Verfassung differenziert nicht zwischen Mutter und Vater. Das
Verfassungsgericht urteilt seit 1957 ganz eindeutig in dieser Linie:
Man hat damals zunächst die traditionelle Arbeitsteilung zwischen
Mann und Frau aufgebrochen. Die Verfassung gebietet, dass beide
Elternteile ihre Kinder erziehen. Jetzt haben wir Sie, Herr Bolz, bei
Ihrer Ideologie erwischt. Heute wissen wir aus der modernen
Psychologie, dass die ersten Lebensjahre eines Kindes besonders
wichtig sind. Also müssen wir sicherstellen, dass die Väter sich auch
in dieser Phase an der Erziehung beteiligen können. Die
Partnerschaftsmonate, die die Regierung gerade einzuführen
versucht, haben nichts damit zu tun, wie die Eltern miteinander
umgehen – sondern man versucht, den Rechtsanspruch der Kinder
gegenüber den Eltern zu realisieren. LiteraturenWas soll nun eine an
Vermehrung der Bevölkerung orientierte Politik unternehmen? Etwa
neue Leitbilder schaffen, was Geschlechterrollen angeht?
Bertram Man muss die Vereinbarkeit unterschiedlicher
Lebensprojekte sowohl im beruflichen wie im privaten Bereich
möglich machen. Die Integration der Frauen ins Erwerbsleben führt
dazu, dass wir zwar eine enorme wirtschaftliche Entwicklung haben,
aber wir reduzieren die Möglichkeiten für Fürsorge – und zwar nicht
nur für Kinder, sondern für Fürsorge überhaupt, weil die Zeit dafür
fehlt. Und das Problem lösen wir eben nicht durch das Festhalten an
dem alten Rollenbild. In der gegenwärtigen Diskussion geben wir
den Müttern nur eine Chance: Werdet wie die Männer, dann könnt
ihr beruflich erfolgreich sein und euch in diesem System bewähren.
Wir haben in unserer Berufswelt bisher keine Phasen für Männer, in
denen sie Fürsorge leisten können. Wenn wir nicht in die männliche
Berufsrolle solche Elemente einbauen, vermindern wir die
gesellschaftliche Kapazität für Fürsorge.
Klingholz Eine wichtige politische Maßnahme wäre die Entzerrung
der Lebensphasen. In die Lebensphase von 25 bis 40 ist heutzutage
verdammt viel reingepackt: Ende der Ausbildung, Einstieg ins
Berufsleben, Karrierebeginn, Partnersuche, Familiengründung – das
ist mehr, als es früher war. Bei der steigenden Lebenserwartung
haben wir jetzt absurderweise das Phänomen, dass wir mit etwa
sechzig aufs Altenteil geschoben werden, obwohl die
Leistungsfähigkeit viel länger da wäre. Das heißt: Wir müssen vorne
den Druck rausnehmen und hinten was dranhängen. Und man muss
einfach eine veränderte gesellschaftliche Situation akzeptieren:
Frauen sind heute, was die Ausbildung anlangt, mindestens so gut
qualifiziert wie die Männer. Was wollen sie mit der Ausbildung?
Natürlich das Gleiche wie die Männer, weil es attraktiv ist, einem
ansprechenden Beruf nachzugehen.
Bertram Das hergebrachte Mutterbild entlastet ja massiv von der
Notwendigkeit gesellschaftlicher Veränderungen. Wenn ich es den
Frauen auflade, dass das mit den Kids gut geht, dann können alle
anderen gesellschaftliche Bereiche sagen: Wunderbar, die sind gut
organisiert, sollen die das doch hinkriegen. Solange wir die Mutter
als Idealfigur konstruieren, haben die Ver.di-Leute keine Probleme,
die GEW-Leute, die Schulverwaltungen...
Bolz Was mir eine Sackgasse in der Diskussion zu sein scheint, ist
der Erwerbsarbeits-Fetischismus. Gesellschaftliche Anerkennung
läuft nur über Erwerbsarbeit, und dies lässt sich tatsächlich nicht mit
einem Zauberspruch beseitigen. Dahinter steckt ein gewaltiges
Problem: Die Nicht-Erwerbsarbeit wird nicht anerkannt, vielmehr
versucht man diese Arbeit abzuschieben. Entweder möchte die Frau
die Drecksarbeit wenigstens zum Teil auf den Mann abschieben,
oder man wälzt sie auf andere Leute ab, die man dann lobt: «Meine
tolle Polin, ohne die käme ich überhaupt nicht mehr über die
Runden.» Unsere Perspektive auf die klassische Familie ist dadurch
geprägt, dass wir zum einen völlig absurde Vorstellungen von der
Würde der Arbeit haben, die dort getan wird. Zum anderen
übersehen wir: Das, was wir eigentlich zu suchen behaupten –
nämlich ein interessantes, komplexes Leben –, ist im Privaten viel
leichter zu finden als im Berufsleben. Die Menschen suchen nicht
etwa Komplexität, sondern fliehen sie, indem sie in den Beruf
einsteigen. Immer mehr Leute bleiben freiwillig so lange wie möglich
im Büro. Das heißt, sie ersparen sich das Chaos und die
Komplexität, die auf sie warten, wenn sie nach Hause kommen. Mein
Plädoyer ist nicht nur eines für den Spaß, den ein geglücktes
Familienleben bereiten kann, sondern auch dafür, diese Komplexität
zu akzeptieren und zu würdigen, die in diesem privaten Leben
steckt. Es ist viel, viel schwerer, ein Familienleben zu führen als
einen Krieg. Deshalb führen so viele Leute Krieg.
LiteraturenHerr Klingholz, in Ihrer Studie «Die demografische Lage
der Nation» finden sich auch Handlungsempfehlungen für die Politik.
Macht die Bevölkerungswissenschaft auch Bevölkerungspolitik?
Klingholz Ich mag das Wort Bevölkerungspolitik nicht, es ist
vergangenheitsbelastet. Ich finde, man sollte im einen Fall von
Familienpolitik reden und im anderen Fall von Generationenpolitik
oder sozialer Nachhaltigkeit. Um überhaupt eine Zukunft denken zu
können, braucht eine Generation eine nächste Generation. Wir
haben in der ganzen Diskussion um Nachhaltigkeit, die ja aus der
ökologischen Ecke kommt, gelernt: Wir müssen die Welt für unsere
Kinder und Enkel bewahren. Wir haben aber vergessen, diese
nächste Generation auch in die Welt zu setzen, das ist die
Schizophrenie. Notwendig ist eine Generationenpolitik. Man sollte
den Menschen ihre Familienwünsche ermöglichen. Der Staat hat die
Aufgabe, Familien gleichzustellen mit Kinderlosen; und diesem
Anspruch wird er im Moment nicht gerecht. Er belastet Familien, weil
Familien im Rahmen eines wirklich perpetuierenden
Generationenvertrags etwas auf eigene Kosten leisten, von dem alle
profitieren. Man kann nicht von Familienförderung reden, solange
man keine Gleichbehandlung hat.
Bolz Das kann allerdings auf keinen Fall mit Zwang gehen, nicht
über Regulierung. Man müsste es den Leuten schmackhaft machen,
Kinder zu bekommen. Und das kann man kaum erreichen, wenn
man immer wieder sagt: «Wisst ihr, wenn ihr euch Kinder anschafft,
das ist gar nicht so schlimm, ihr könnt die sofort wieder
wegschieben und selber weiterarbeiten wie bisher.»
Vinken Das wäre in der Tat der falsche Sprechakt. Der französische
ist der richtige: die ganzen süßen Babyplakate in der Metro! Sie
müssen Lust auf Kinder machen und den Frauen sagen: Es geht
wirklich gut, du brauchst deine Karriere nicht wegen der Kinder
aufzugeben.
Klingholz Herr Bolz hat natürlich Recht, wenn er sagt, die
Ökonomisierung der Debatte erhöht nicht gerade den emotionalen
Kinderwunsch. Wenn ich an die Renten der künftigen Generation
denke, gehe ich nicht anschließend mit meiner Partnerin ins Bett.
Die deutsche Gesellschaft ist in einer schwierigen Lage: Weil sie sich
seit 35 Jahren an diese wenigen Kinder gewöhnt hat, geht eine
gesellschaftliche Erfahrung verloren. Viele Menschen finden ein
Leben ohne Kinder inzwischen völlig normal. Wir haben viele
Einzelkinder, die keine Tanten, Cousinen haben. Wie eine
Gesellschaft die Erfahrung von Familienleben wieder erlernen kann,
dafür gibt es meines Wissens historisch keine Vorbilder. In
Frankreich, in den Vereinigten Staaten sind Kinder alltägliche
Begleitfaktoren im Leben. Deswegen ist eine Debatte, die das Leben
mit Kindern normaler macht, ganz wichtig.
Literaturen Gibt es Ihrer Meinung nach ein optimales
Lebensmodell, um Kinder großzuziehen?
Bolz Ich bin nicht der Meinung, wir sollten uns gesellschaftsweit
darauf einigen, wie eine ideale Familie auszusehen hat oder wie man
leben soll. Wir müssten wahrhaft liberal sein gegenüber
unterschiedlichen Lebensentwürfen. Ich vermisse diese Liberalität.
Der Staat überlegt am Ende – und das ist für mich die einzige
Position, die der Staat einzunehmen hat –, wie er unterschiedliche
Lebensentwürfe prämiert. Es würde meines Erachtens völlig
genügen, wenn niemand mehr ein schlechtes Gewissen haben
müsste, in einer klassischen Familie zu leben; wenn
Spießbürgerlichkeit akzeptiert wäre.
Literaturen Verliert man beim Liberalismus, den Herr Bolz
eingefordert hat, nicht aus dem Blick, dass die Gesellschaft immer
schon reguliert ist – dass man ohne Regulierungen nicht auskommt?
Klingholz Die Gesellschaft organisiert sich nicht von allein: Die
Verglasung der Fenster, wo wir auf der Straße parken dürfen, dass
unsere Kinder zur Schule gehen, das ist alles reglementiert. Wir
leben in einer nahezu vollständig reglementierten Gesellschaft. Und
ausgerechnet im sozialen Bereich, wo es um das Wohlergehen von
Familien geht, soll überhaupt nichts reguliert werden? Im Moment
jedenfalls greift der Staat massiv in das Thema Familie ein, indem er
zu wenig für sie tut. BertramDie Geschlechterrollen, die wir heute
haben, sind natürlich Bild dieser Industriegesellschaft, die auf
Arbeitsteilung setzt. Aber das heißt ja nicht, dass wir sie für immer
beibehalten müssen. Wir haben es schließlich auch geschafft, beim
Übergang von einer ländlichen Gesellschaft zur Industriegesellschaft
ganz andere Geschlechterrollen zu konstruieren.
Vinken Entscheidend ist doch: Das männliche Leitbild muss sich so
ändern, dass Fürsorge und Männlichkeit kombiniert werden können.
Man muss das symbolische System der Geschlechter umorientieren.
Insofern stimme ich Herrn Bertram zu: Man muss bei den Männern
anfangen. Und dann können wir nur hoffen, dass es etwas lustvoller
wird und vielleicht mehr Kinder geboren werden.
Die Fragen stellten René Aguigah, Jan Engelmann, Sigrid Löffler und
Jutta Person
Literaturen 06//2006
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