Handout - Prof. Hans Geser

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Universität Zürich
Soziologische Institut
Prof. Dr. Hans Geser
FS 2008
Seminar Soziologie der politische Parteien
10. April. 2008
Joel Bedetti
Scheuregger, Daniel; Spier, Tim: Working-class authoritarianism und die Wahl rechtspopulistischer
Parteien. Eine ländervergleichende Untersuchung für Westeuropa.
Paper für die Konferenz „Politische Herausforderungen im Verhältnis von Bürgern und Politik.
Aktuelle Fragen der Wahl- und Einstellungsforschung.“
Tagung des Arbeitskreises „Wahlen und politische Einstellungen“ der DVPW am 9. und 10. Juni 205
an der Universität Mannheim.
1. Forschungskontext
Im Kontext des Aufstiegs populistischer Rechtspartei in Europa seit rund zwanzig
Jahren wollen Scheuregger und Spier einen Forschungsbeitrag leisten in der Frage,
ob die überproportionale Partizipation der Arbeiterschichten an den Wahlerfolgen
populistischer Parteien darauf zurückzuführen sei, dass in diesen Schichten
überproportional autoritäre Weltbilder vorherrschen.
Anstoss dieser Forschungsrichtung war das Modell von Seymour Lipset (1959), der
annahm, dass sich unter die Lebenswelt der Arbeiterklasse autoritäre Einstellungen
begünstigen würde, aufgrund des niedrigen Bildungsstands, der sozialen
Unsicherheit, der räumlichen und sozialen Isolation und autoritärer
Erziehungsmuster.
Diese These wurde von verschiedenen Forschern aufgenommen und
weiterentwickelt. Die Schwächen des Ansatzes von Lipsets Konzeption waren die
unklaren Begriffsdefinitionen, die ungenügende empirische Untersuchung und die
Tatsache, dass er den Einfluss des Arbeitsplatzes auf die Arbeiter nicht in Betracht
zog.
Untersuchungen, welche Lipsets These überprüften, schränkten sie insofern ein,
dass autoritäre Einstellungen eher auf den niedrigen Bildungsgrad denn die
Berufsgruppe zurückzuführen seien (Dekker/Ester 1987), und dass die Gruppe der
Selbstständigen und der Bauern einen noch höheren Autoritarismus-Grad haben als
die Arbeiter (Scheeper, Felling, Peters 1990).
2. Fragestellung
Scheuregger und Spier versuchen nun, Lipsets Theorie nochmals einer Überprüfung
zu unterziehen, und wollen im Gegensatz zu den vorangegangenen Forschungen
auch noch herausfinden, ob die erhöhte Wahl rechtspopulistischer Parteien in der
Arbeiterschicht auf den erhöhten Grad an Autoritarismus zurückzuführen ist.
Hypothesen:
Hypothese 1: Rechtspopulistische Parteien werden im Vergleich zu anderen Klassen
signifikant häufiger von Mitgliedern der Arbeiterklasse gewählt.
Hypothese 2: Mitglieder der Arbeiterklasse sind autoritärer als die Mitglieder anderer
Klassen.
Hypothese 3: Die im Vergleich signifikant häufigere Wahl rechtspopulistischer
Parteien durch Mitglieder der Arbeiterklasse vermittelt sich über ihren Autoritarismus.
3. Methodik
Datenbasis sind nationale Subsamples aus dem European Social Survey 2002/3.
Ausgewählt wurden sechs Nationen, welche über einen ähnlichen sozialen,
wirtschaftlichen und kulturellen Hintergrund verfügen und mindestens eine
rechtspopulistische Partei aufweisen: Dänemark, Norwegen, Schweiz, Österreich,
Niederlande, Belgien.
Begriffe:
Rechtspopulistsche Parteien definieren Scheuregger/Spier mit durch folgenden
Stichworten: Charismatische Führer, simple Lösungen, Kampf für den „kleinen
Mann“ gegen das „Establishment“, Abgrenzung gegenüber Minderheiten.
Als Klassenschema verwenden sie ein siebenteiliges EGP-Schema. Klasse definiert
sich nach Scheuregger und Spier nicht nur durch sozioökonomische Indikatoren,
sondern auch durch ähnliche Sinnhorizonte der Akteure.
Unter Autoritarismus verstehen sie ein Wertekonglomerat, das im Gegensatz zu den
Werten Moderne steht: Liberalismus, Pluralismus, Individualismus.
4. Empirie
Hypothese 1 wird nicht bestätigt. Zwischen Klassenzugehörigkeit und Wahlentscheid
gibt es in diesem Kontext keine Signifikanz.
Die Hypothese 2 wird bestätigt, auch wenn die Signifikanzen zu gering sind, um
Erklärungskraft zu haben. Bei der Arbeiterklasse sind im Schnitt 3-10% höhere
autoritäre Dispositionen als beim Mittel zu finden. Bei den autoritären Einstellungen
liegen Arbeiter zwischen 1-6% über dem Mittel.
Hypothese 3 kann deshalb nicht bestätigt werden. Die Parameter Bildung und
psychischen Dispositionen korrelieren zwar mit der Wahl von rechtspopulistischen
Parteien, nicht jedoch mit der Klassenzugehörigkeit.
5. Resultat
Die überproportionale Rechtswahl in der Arbeiterklasse muss auf andere Faktoren
als auf den Autoritarismus zurückgeführt werden.
6. Kritik
Die These, dass in der Arbeiterklasse autoritäre Einstellungen überproportional
vorhanden sind, erscheint grundsätzlich plausibel, gerade wenn man bedenkt, dass
bei de Selbstständigen, welche die Arbeiter ja beschäftigen, ebenfalls hohe
Autoritarismus-Werte festgestellt worden sind.
Es erscheint eher fraglich, ob Scheuregger/Spier die Studie auf eine kluge Weise
durchgeführt haben.
Problematisch ist beispielsweise die Begriffsdefinition von Arbeiterklasse, ohne dass
eine genauere Einteilung gemacht wird. Wenn man beispielsweise unterschieden
hätte zwischen einem ländlichen Arbeitermilieu mit kleinen Betrieben und direkten,
charismatisch geprägten Beziehungen von Arbeitern zu den Vorgesetzten und
einem urbanen Arbeitermilieu in den grossen Fabriken, wo die Beziehung zu den
Vorgesetzten stark durch die Gewerkschaft vermittelt wird, hätte man vielleicht
durchaus Unterschiede feststellen können.
Auch die Methode, aufgrund sechs geschlossenen und sehr allgemeinen Fragen aus
einem Survey tiefgehende Mentalitäten und psychische Dispositionen von Akteuren
erforschen zu wollen, ist sehr fragwürdig
>Um diese Fragestellung zu erforschen wären Fallbeispiele und eine ergänzende
Untersuchung
mit
einer
teilnehmender
Beobachtung/Interviews
wohl
erkenntnisreicher gewesen.
7. Literatur
Dekker, Paul/Ester, Peter, 1987: Working-Class Authoritianism – A Re-Examination
of the Lipset Thesis, in: European Journal of Political Research, Bd. 15, H. 4, S. 395415.
Lipset, Seymour M., 1959: Democracy and Working-Class Authoritianism, in:
American Sociological Review, Bd. 24, H. 4, S. 482-501.
Scheepers, Peer/ Felling, Albert/ Peters, Jan, 1990: Social Conditions,
Authoritianism, Ethnocentrism – A Theoretical Model of the Early Frankfurt School
Updated and Tested, in: European Sociological Review, Bd. 6, H. 1, S. 15-29.
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