Im Frühsommer habe ich damit angefangen, als erstes

Werbung
Im Frühsommer habe ich damit angefangen, als erstes die Werkstatt und Scheune aufzuräumen. Ich
habe das Moped repariert, damit ich einkaufen fahren kann. Den Sommer über kam viel Besuch.
Freunde aus Hamburg, Berlin und Stuttgart. Sommerfrischler, Wandervögel, Kunststudentinnen und
Alleinerziehende mit ihren Kindern. Ich war fast nie allein im Haus. Der Sommer war ja
außergewöhnlich heiß. Die meiste Zeit haben wir im Haus verbracht, während der Mittagsstunden uns
hingelegt, gebadet oder gegrillt und uns so lasziv verhalten, als wären wir in Südfrankreich.
Jetzt merke ich wie alles sehr historisch in diesem Haus ist. Ich koche auf einem alten Küchenherd mit
Holz, die Holzböden sind schief, so dass sich der Staub in einer Ecke des Zimmers sammelt. Man
bohrt ein Loch in die Wand und stößt auf Versteinerungen, in der Werkstatt ist der Boden aus
Kopfsteinpflaster, alle Steine stehen der Länge nach in der Erde, der Kopf schaut raus. Das Haus ist
sehr schief. Es wird aber noch 20 Jahre halten, bevor es zusammenbricht.
Ich habe den Sommer über die meiste Zeit renoviert und geschwitzt, um das Haus winterdicht zu
bekommen. Mauslöcher und Mauerritzen zugemauert, Türen isoliert, Fenster gestrichen. Bücher
gekauft, Internetanschluß bestellt, Musikzimmer eingerichtet, Schnaps und Most bevorratet.
Kontakt zu den Leuten im Dorf habe ich noch wenig. Alle grüßen mich. Spannend wird es erst, wenn
sie anfangen mit mir zu reden und mir ihre Geschichten erzählen.
Wenn ich Kontakt suche, chatte ich im Internet, führe Ferngespräche mit meinen Freunden oder fahre
nach Stuttgart. Meist habe ich dazu keine Lust, weil ich was Interessanteres hier zu tun finde.
Leider nicht am großen Werk weiterarbeiten, wieso ich ja eigentlich hergekommen bin, ein Drehbuch
zu schreiben, sondern in der Werkstatt basteln, obwohl ich überhaupt kein Handwerkertyp bin, oder
aus dem Fenster schauen und die Natur beobachten. Meist wenn ich eine Zigarette rauche, bleibe ich
noch länger am Fenster, weil ich gerade ein Tier, das Wetter, den Bach oder sonst was beobachten
muß.
Ich schätze das werden auch die Geschichten aus Grünbach.
Jetzt wird es Herbst, alles geht den Bach runter. Das Laub staut sich im Bach. Die Landschaft
verändert sich komplett. Jetzt sind wir schon bei Stufe Gelb. Wenn die Blätter dann alle unten sind,
wird alles anders aussehen.
Sonntag, 12.Oktober 2003
"Was machst du denn jetzt so?" fragte ein Freund. "Führst du ein Tagebuch?"
Und so mache ich heute meine erste Eintragung. Ich bin hier her gekommen, um allein zu sein und
raus aus Hamburg.
Hier im Haus gibt es eine alte Werkstatt, in der die Zeit stehengeblieben ist. Das wäre im Grunde der
richtige Raum zum Schreiben. Rostige Ketten hängen noch an den Wänden und die Mauern sind aus
schiefen Natursteinen. Der Boden ist gestampfte Erde, mit der Spitze eingelassene Steine, sodass der
Kopf herausschaut. Ein Freund erklärte mir, dass daher das Wort Kopfsteinpflaster kommt. Hier stehe
ich nun in meinem Schreibe-Raum, den ich in der kalten Jahreszeit wohl nicht als solchen nutzen
werde und denke mir, dass hier dann eben mein Museums-Folterkeller wird, ein mittelalterlicher
Funroom. Die Spinnen dürfen nicht gestört, der Fußboden nicht gekehrt und mit Holz darf er auch
nicht zugestellt werden.
Sonntag, 19.Oktober 2003
Heute nacht gab es den ersten Frost. Alles ist weiß bis die Sonne kommt. Der erste Frost bricht den
empfindlicheren Pflanzen nun vollends das Genick. Die Blätter werden ab jetzt in Massen fallen. Aber
noch viele Blätter sind grün. Auch am Boden liegen viele grüne Blätter. Wahrscheinlich verfärben sich
nicht alle Arten. Die alten Mostbirnen ums Haus jedenfalls leuchten in einer Pracht, als würden sie von
einer Feuersbrunst verschlungen werden.
Hinterm Haus lag auf der weißen Wiese frisch gebuddelte Erde. Ich glaube, die Hasen, die hinterm
Haus leben, haben ihren Bau in der Erde noch ein bißchen vertieft. Im Sommer hatten sie dort ihre
Jungen zur Welt gebracht und jetzt hat in einer Nacht ein Marder zehn von den kleineren ins Genick
gebissen und das Blut ausgesaugt. Am nächsten Tag lagen überall verstreut Hasenleichen wie auf
einem Schlachtfeld.
Heute konnte ich den Holzspreisen endlich aus meiner Hand herausziehen. Der ärgerte mich schon
seit 6 Wochen. Durch die Entzündung in der Handfläche konnte ich nicht richtig zupacken und mußte
immer dran herumspielen. Jetzt ist er von allein durch die dicke Hornhaut rausgekommen.
Meine Kalkulation mit dem Holzverbrauch stimmt nicht. In diesen großen Haufen Holz hat sich in 2
Wochen schon ein viel zu großes Loch gefressen, und wenn jetzt der Frost kommt, muß ich auch die
unteren Zimmer heizen, damit die Wasserleitungen nicht zufrieren. Das heißt morgen Holz holen. Ich
will gut vorbereitet sein, wenn der Winter kommt. Soll er ruhig kommen.
Dienstag, 21.Oktober
Es herrscht ein Nebel, dass ich nicht mal bis zum Waldrand hoch sehen kann. Rings ums Haus die
Abhänge der Alb. Knapp 50 m über meinem Haus hängt die Wolkendecke drüber wie ein Topfdeckel.
Die Temperaturen sind knapp über null. Genau so wie ich mir die schlimmste Zeit hier vorgestellt
habe. Die Vögel haben nichts mehr zu fressen oder einfach nichts zu tun, denn jetzt kommen sie
jeden Morgen und treiben sich vor dem Haus herum. Es sind Meisen und Spatzen, die dieses Jahr
geboren sein müssen, weil sie sich sehr übermütig benehmen und sogar bis zum Fenstersims
kommen, wenn ich ihnen Brot hinlege. Es scheint sich um eine Meisen-Clique und eine Spatzen-Gang
zu handeln, die miteinander rivalisieren. Mutproben und ein Riesengeschrei.
Am Nachmittag habe ich das ganze Holz im Haus und am Bach zusammengetragen und es zersägt.
Es ergab 12 Bananenkartons.
Mein Nachbar Werner aus Degenfeld war kurz zu Besuch. Er wohnt auch in einem alten Haus und hat
mir von einem Typ erzählt, der ein Abbruchunternehmen hat und froh ist, wenn er Bauholz oder
Dachplatten nicht entsorgen muß. Er erzählte von einem Aldi-Supermarkt in der Gegend, bei dem er
die neuen Dachplatten ersetzen muß, weil sie nicht die richtige Farbe hatten. Die könnten wir haben.
Gegend abend am Drehbuch geschrieben. Donnerstag, 23. Oktober 2003
Ich bin müde und habe Muskelkater. Ich habe heute 5 Raummeter Holz geholt und in meinen
Schuppen gelagert. Ich habe jetzt genügend Holz für den Winter. Bin zufrieden und müde, das
Holzproblem ist gelöst. Heute einen Frosch fast überfahren, die roten Milane gesehen, von denen man
sagt, sie bräuchten ein Revier von 30 mal 30 km und einen Graureiher gesehen, der stand nur
gelangweilt am Strassenrand. Morgen fahr ich zu Ikea. Körbe kaufen. Ich denke, die sind gut und
billig. Einen Katzenkorb für mein Kätzchen. Eigentlich wollte ich ja einen Körbe flechten-Kurs hier in
Grünbach veranstalten, weil es so viele Weiden am Bach gibt. Kommt noch, nur später. Zuerst allein.
Jule, eines meiner Ziehkinder, denkt, Ikea wäre ein Freizeitpark.
Eine Häsin hat jetzt noch Junge gekriegt. Das habe ich erst heute entdeckt. Sie sind 6 Wochen alt.
Hoffentlich überleben sie den Winter.
Heute abend habe ich zum ersten Mal Stimmen gehört. Ich konnte aber nichts verstehen. Es klang
wie wenn die Gruppe Walker, die regelmäßig am Haus entlang walken, vor meinem Haus stehen
bleiben würden und sich unterhalten. Es war aber niemand zu sehen, es war auch schon dunkel. Ich
freute mich, und dachte ich hätte jetzt eine nächsthöhere Daseinsform erreicht. Vielleicht die
Dutzende, wenn nicht Hunderte von Menschen, die in diesem Haus geboren und gestorben sein
müssen im Lauf von 450 Jahren, würden Kontakt zu mir aufnehmen.
Es war aber das Feuer im Wohnzimmer.
Freitag, 24.Oktober 2003
Eine alte Freundin aus Berlin meldete sich bei mir und als wir die letzten Jahre im Schnelldurchlauf
besprochen hatten, fragte sie mich, ob ich mich jetzt also mit der Krise des modernen Menschen
beschäftigen würde. Ich habe das gar nicht kapiert. Was soll mein Landaufenthalt mit der Krise des
modernen Menschen zu tun haben? Meint sie ich als moderner Mensch bin in der Krise? Oder ist die
Krise des modernen Menschen das Hin- und Hergerissensein zwischen Stadt und Land?
Aber was denkt sie denn? Ich gehe durch die Natur, beobachte die Dinge, die eben bloß da sind und
bin doch eben ein moderner Mensch. Ich lebe normalerweise in einer Großstadt und beobachte dort
eben auch meistens nur die Dinge, die da sind. Es sind verschiedene Dinge, aber man kann sie nicht
getrennt voneinander betrachten. Ich kam von einem Spaziergang zurück und habe wilden
Schnittlauch und Pfefferminze gesammelt. Von den Bäumen erntete ich noch Äpfel und Birnen. Als ich
mit meinen gesammelten Früchten nach Hause ging, sah ich einen Nachbarn seine Einkäufe in Tüten
aus dem Auto ins Haus tragen. In Kofferraum entdeckte ich einen Topf Schnittlauch und mußte
lachen. Ich erzählte ihm, dass auf der Wiese oberhalb vom Dorf wilder Schnittlauch wächst und zeigte
ihm mein Bündel. Das fand er dann auch lustig. Aber nicht, weil er etwas gekauft hatte, was um die
Ecke wächst, sondern eher, weil ich extra zum Schnittlauch sammeln so weit zu Fuß gegangen bin.
Ich fühle mich jetzt nicht besser als mein Nachbar, auch wenn mein Schnittlauch mit Sicherheit besser
und intensiver schmeckt. Der Mann muß schließlich den ganzen Tag arbeiten und will nach
Feierabend nicht auch noch einen Berg erklimmen, nur um Schnittlauch zu bekommen. Ich denke
dennoch, dass es absurd ist, wie er auf dem Land zu leben und nicht mal ein paar wenige
anspruchslose Küchenkräuter im Garten zu halten.
Er ist ein Mensch, der mit Natur einfach nichts anfangen kann. Er geht nie spazieren. Ich sehe ihn nur
in seinem Auto vorbeifahren, dann geht das elektrische Garagentor auf und er verschwindet in der
Garage, die direkt mit dem Haus verbunden ist. Es ist als würde er auf einem unwirtlichen Planeten
leben und sein Auto ist eine Art Shuttle, das ihn von hier wegbringt zu den anderen Punkten zu denen
er hin muß.
Sonntag, 26. Oktober 2003
Ich habe eine kleine Katze. Ab dem Moment als sie hier war, war die Stimmung im Haus komplett
verändert. Es ist jetzt jemand da. Abends bin ich nicht mehr allein. Ich spiele mit ihr. Sie ist noch klein
und muß viel gestreichelt werden. Dann legt sie sich auf meinen Bauch, schließt die Augen und
schnurrt. Sie fällt ins Säuglingsstadium zurück. Abends spielt sie mit allem was sie findet. Klopapier
wird abgerollt, Tabakbeutel werden gekickt und oft fängt sie unsichtbare Fantasiewesen.
Heute habe ich eine Wanderung gemacht. Das Wetter war mild, die Sonne ging glutrot unter. Durch
die schwarzen Bäume schien der Wald zu brennen.
Bei einer Herde junger Bullen machte ich Halt. Sie waren sehr scheu, bis sie sich endlich streicheln
ließen. Das dauerte über eine Stunde, aber ich hatte Zeit und wollte wissen, wer von uns schneller
das Interesse verliert, oder besser gesagt, wer dämlicher ist und länger stehen bleibt. Ich hatte Zeit sie
mir im einzelnen anzuschauen. Die Viecher erinnerten mich an meine Bekannten, der eine Bulle hatte
ein rötliches, stark gelocktes Fell wie ein Freund aus Berlin, er war auch so stämmig und gutmütig im
Vergleich zu den anderen. Einer fing an zu muhen, ein anderer muhte zurück. Sie kannten kein
Pardon, einer rammte dem andern die Hörner in die Seite. Ich überlegte mir wie ich mich ihnen im
Falle einer Verständigung vorstellen würde. Ich könnte am Anfang gleich zugeben, dass ich einer von
denen bin, der so was wie sie gern isst. Entsprechend abweisend haben sie mich dann behandelt. Sie
wußten, dass ich sie durchschaut hatte. Das war der Punkt gegen den sie nichts mehr sagen konnten,
nur noch sowas wie, ja, das ist unser Schicksal.
Montag, 27.Oktober 2003
Morgen fahre ich zu Daniel nach Hamburg. Zurück, wo von ich weg gegangen bin. Mit Daniel
verbindet mich das Interesse auf dem Land zu leben. Er kommt aus einem kleinen Dorf im
Schwarzwald und studiert Kunst in Hamburg. Obwohl eine Stadt-Land Diskussion ja eigentlich obsolet
ist, mache ich mir doch viele Gedanken. Ich komme nicht unbedingt zu neuen Ergebnissen. Aber im
Detail betrachtet finde ich Dinge heraus, die ich früher nur daher gesagt habe.
Ein Freund gab mir ein Buch mit auf meine 1jährige Entdeckungsreise. Es ist von einem englischen
marxististischen Schriftsteller in den 70er Jahren geschrieben worden, der für eine Weile in den
französischen Alpen gelebt hat. Seine Geschichten haben keinerlei Romantik, sondern gehen von
einem harten Überlebenskampf der Bauern aus. Er beschreibt die Situation der ländlichen
Bevölkerung, die sehr hart arbeitet und mit ähnlichen existenzialistischen Fragen konfrontiert ist, wie
ich das aber in Hamburg war.
Es ist vergleichbar mit der Einstellung, die mir der alte Bauer vermittelt, der seinen Schnaps immer
selber brennt und trinkt. Er hat den Kampf aufgegeben. Er ist der letzte in seiner Reihe. Den Betrieb
auf seinem Hof lässt er langsam auslaufen, die Milchkühe hat er schon verkauft. Für ihn hat das
Landleben keinerlei Romantik. Ich denke, er hatte auch nie Zeit, sich damit zu beschäftigen. Er sagt,
nicht er hätte als Bauer gegen den Überlebenskampf mit der Natur gewonnen, sondern die moderne
Landwirtschaft hätte ihn überflüssig gemacht. Das wissen wir alle.
Ich habe ihn besucht und wir haben am Esstisch Schnaps getrunken. Zum Auffüllen der Flasche ist er
in den Mostkeller gegangen, zu einem kleinen Nebenhäuschen. Ich wartete am Fenster und habe
seine Wohnung angeschaut. Von der Decke hängt einfach eine Glühbirnenfassung mit toten Fliegen.
Überhaupt hat es in seinem Haus Fliegen, obwohl schon Oktober ist. Auf dem Esstisch ist keine
Tischdecke. Essensreste und Brotkrümel liegen herum und das Holz ist zerschnitten, weil er die Wurst
wahrscheinlich auf dem Tisch schneidet. Es riecht nach saurer Milch und Schnaps. Das Wohnzimmer
ist ganz kahl. Keine Bilder an der Wand und vor dem Fernseher stehen zwei Stühle. Eine Katze
schläft auf dem Fernseher, die anderen liegen neben dem Holzofen herum. Das sieht gemütlich und
schön aus, aber sie liegen da nicht, weil es ein hübsches Bild ist, sondern, weil der Ofen sie wärmt.
Das ist die Falle, in die ich hier auf dem Land trete. Ich denke, etwas wäre aus ästhetischen Gründen
so gemacht, dabei hat es schlicht einen praktischen Grund.
Er kommt nach einer Ewigkeit zurück und wir trinken noch einen Schnaps. Er erzählt mir, dass seine
Frau vor 20 Jahren gestorben ist und er jetzt als 70Jähriger wohl keine mehr finden wird. Einmal wäre
noch eine da gewesen, aber die wäre nur auf Sex ausgewesen, gegen was er eigentlich nichts hatte,
aber auf dem Hof hätte sie nichts mitgearbeitet.
Seinen Kampf wird er zu Ende bringen. Solange er sich noch auf den Beinen halten kann, wird er
weiter machen. Ich sehe ihn von meinem Fenster aus, wie er Äpfel aufsammelt. Ihm gehört die Wiese
gegenüber meinem Haus. Dort stehen mindestens 50 alte Apfelbäume. Jeden Tag wird er von Hand
die Äpfel auflesen und die vollen Säcke auf einen Anhänger hieven. Dann kettert er hinauf und verteilt
sie, auf Knien, inmitten seiner Millionen Äpfel. Pro Zentner bekommt er 3 Euro, ein Zentner sind ca.
400 Äpfel. Er schafft pro Stunde einen Zentner, verdient also 3 Euro. Aber so kann man das nicht
rechnen.
Samstag, 8. November 2003
Ich bin zurück aus Hamburg. Nach den eigentlich gar nicht so wilden Tagen dort greift die Leere hier
nach mir. Als wäre überhaupt nichts passiert. Es war egal, dass ich weg war. Ich fange nicht nur
wieder da an, wo ich aufgehört habe, sondern ein Stück weiter hinten. Am Anfang. Zurückgeworfen in
meiner Forschung und in meinem Interesse. Ich denke schon, das alles hier schnell hinter mich zu
bringen. Das Experiment fertig zu kriegen, Film recherchieren und alle weiteren Schritte von wo
anders aus. Aber von wo?
Großes Jammertal.
Morgen fahre ich nach Holland, um eine Death Metal Band zu filmen. Wir fahren aber in der Nacht
wieder zurück.
Dann wird es hoffentlich wieder eine zusammenhängende Geschichte. Aber vielleicht ist gerade der
Gedanke falsch, eine zusammenhängende Geschichte sehen zu wollen. Im Grunde ist die
zusammenhängende Geschichte das Problem. In Hamburg war ich mit Geschichten und Situationen
konfrontiert, die gerade der Grund waren von dort wegzugehen. Alte Zusammenhänge von denen ich
mich lösen wollte. Ich habe meine Eltern besucht, die hier in der Nähe leben. Hier sind die
Zusammenhänge noch viel älter. Ein Haufen an Geschichte.
Montag, 10. November 2003
Gestern war ich in der Kirche bei einem gemeinsamen Konzert von 5 verschiedenen Chören. Es war
mit der ganzen Akustik und den alten religiösen Bildern wieder ein Sturz in die eigene Geschichte. Ich
mußte als Kind jeden Sonntag in die Kirche. Von der Messe blieb nichts mehr in Erinnerung, aber die
Bilder kannte ich bis ins Detail auswendig. Ich wußte zwar als Kind nicht, dass die weißen Blumen
neben Maria Lilien hießen, aber ich kannte sie auswendig. Es sind vielleicht für mich die eindeutigsten
Bilder, die ich kenne. Zwei Dinge laufen hier für mich zusammen. Dass ich jetzt anfange, wieder mit
Musik als Fluchtmöglichkeit für Leute und Heavy Metal als spezielle Flucht, zu tun zu haben, ist
seltsam. Gleichzeitig finde ich hier sehr viele Leute, die in diesem christlichen System drin sind.
Und mir erscheint diese gleichzeitige Anwesenheit von death metal und traditionellem christlichen
Verhaltensweisen bizarr. Mir scheint, da werden ganz alte Urtümer aufrechterhalten. Ich habe den
Eindruck, alle glauben hier an den christlichen Gott, selbst die, die im death metal Betrieb im Dorf
arbeiten. Und Metal stellt die Fluchtmöglichkeit gegenüber diesem omnipräsenten Christlichen, noch
als Jugendbewegung funktionierend aber auch für später, wenn man schon Haus, Frau und Kinder
hat. Metal spielt die Rolle des anderen in dieser tradierten Welt. Man ist dagegen, man man es auch
so deutlich, dass man Satansbilder und alles bildhaft Böse benutzen will, um sein Dagegensein zu
zeigen.
Also schon wieder ein alter Zusammenhang von Vorstellungen von gut und böse. Heaven and Hell.
Sonntagsbraten und Satansbraten.
Mittwoch, 12.November 2003
Wenn mich jemand fragen würde, welche Ansprüche ich hier habe, dann würde ich sagen, es werden
immer weniger. Ich brauche Holz, eine Telefonverbindung, einmal die Woche einen Einkauf, etwas
Geld für Strom und Wasser.
Ich habe keinen Fernseher und bekomme nicht viel von der Außenwelt mit. Gelegentlich Nachrichten
und ein paar schlechte Sensationen, wenn ich nicht schnell genug die Startseite im Internet wegklicke.
Ich habe hier keine Ansprüche an die Gesellschaft oder an die Natur.
Alles ist wie es ist. Es ist dennoch alles Gegenwart. Alles verändert sich langsam, fast so, dass man
es nicht wahrnehmen kann. Wenn ich Fotos von meinen Lieblingsausblicken aus dem Fenster
machen würde, könnte man die Veränderungen sehen.
Man wird zu einem einfachen Ding, neben den anderen einfachen Dingen. Vielleicht ist das zu einfach
betrachtet, aber man wird auf eine bloße Daseinsform zurückgeworfen, wie ich es eigentlich das letzte
mal in meiner Kindheit erlebt habe. Es ist nicht so, dass ich mich nun dauernd an das Vergangene
erinnern würde, ich denke auch nicht so sehr an die Zukunft. Ich weiß, dass irgendwann das Geld
ausgehen wird und ich wieder arbeiten gehen muß. Ich denke nicht, dass ich meinen Ausgaben so
verringern werde, nur um nicht arbeiten gehen zu müssen. Aber der Gedanke ist weit weg, wie bei
einem Urlaub, der gerade erst begonnen hat.
Ich denke viel über die bloßen Dinge nach, die ich hier beobachte. Ich weiß nicht, ob es einen Punkt
im Leben gibt, an dem man anfängt religiös zu werden oder sich mit Gott zu beschäftigen. Bis jetzt
habe ich da immer einen klaren Bogen herum gemacht, weil ich nur bigotte Kirchengänger von früher
kenne oder Leute aus dem entfernten Bekanntenkreis, die nach Jahren des herben Exzesses plötzlich
nur noch die Religiosität als Rettung gesehen haben und besonders nach Entziehungskuren in RehaKliniken äußerst geklärt wieder aufgetaucht sind.
Ich spüre schon einen inneren Frieden und glaube mit all meinen romantischen Vorstellungen an die
Beseeltheit der Natur. Das kann ich ja jeden Tag sehen. Eine Aura oder Allmacht umgibt hier die
Dinge. Habe in den Tagebüchern von Thoreau einen Satz gefunden: Lass nichts zwischen dich und
das Licht.
Samstag, 15. November 2003
Ich habe mich erkältet, weil diese Woche so viel los war. Geburtstag in Stuttgart, Freunde treffen,
Deathmetal Konzert filmen in Frankfurt und Party und Freunde treffen im Eisenbahnwaggon in der
Stadt. Viele Einzeldinge, die aber meine Unzufriedenheit auch nicht aufmuntern konnten. Ich war
jeden Tag bis spät in die Nacht unterwegs. Meine Katze habe ich nur eine Stunde täglich gesehen,
wenn ich zurückkam, mich umziehen und gleich wieder gehen mußte. Habe ich mich etwa schon so
schnell an einen Landrhythmus gewöhnt, dass mir jede andere Aktivität wie unnötiger Stress
vorkommt?
Ich nehme mir jetzt vor ein paar Tage wirklich überhaupt nichts zu arbeiten. Ich muß diesen Druck,
was ich denn machen könnte aus meinem Kopf rauskriegen. Heute morgen habe ich damit
angefangen. Ich bin nach Geislingen gefahren zum Media Markt und habe mir einen DVD Player
gekauft. Von meinem Nachbarn Werner kopiere ich jetzt sämtliche DVD Filme und stell mir eine
Sammlung zusammen. Er hat diese ganzen neuen japanischen Spielfilme.
Ich war heute wandern auf dem Kalten Feld. Es war sehr mild. Dort oben ist ein alter Flugplatz, den
die Nazis für Geheimflüge nutzten, jetzt ist es eine Flugschule. Ich blieb am Rand der Landebahn eine
Weile stehen und schaute mir die Natur und die verstreuten rot-weißen Markierungen an. Ein
Flugzeug hat dreimal hintereinander direkt über meinem Kopf zur Landung angesetzt und ist sobald
es auf dem Boden war sofort wieder gestartet.
Montag, 17.November 2003
Heute herrschen die Motorsägen. An allen Ecken und Enden hört man Geräusche von Motorsägen
und umkrachenden Bäumen.
Dienstag, 25. November 2003
Ich war fast eine Woche weg. Wir haben fast jeden Abend irgendwo eine Death Metal Band gefilmt.
Ich bin da in etwas Seltsames hinein gerutscht. Wir fahren am Nachmittag los, kommen am frühen
Abend an und filmen, manchmal gleich alle fünf Bands an einem Abend. Nach dem Konzert fahren wir
wieder los und ich bin am frühen Morgen zuhause. Während der Konzerte ist man wie
weggeschossen, weil es doch unglaublich laut ist und ziemlich catchy von den Emotionen ist. Es
macht einfach Spass in der südeutschen Provinz herumzufahren und immer unterwegs zu sein. Die
ganzen Benimmregeln sind auch klar. Es wird ge-headbangt bei den Solos und Faustzeichen und
Satanszeichen gibt's wenn es gut war. Und dann sind es natürlich meist Wölfe in Schafpelzen. Alle
sind irgendwie nett. Wie immer. Sexismus und Machismus hin und her, hier werden sie als Überreste
hochgefeiert, weil jeder weiß, dass es sie eh nicht mehr gibt. Sie sind alle lieb zu ihren Frauen, und
nennen sie Regierung. Und in der Freizeit darf der Papa auch zum Todesmetall. Das sind meine
neuen Freunde.
Hier hat seit einigen Tagen ein sehr mildes Wetter eingesetzt. Es hat 20 Grad in der Sonne und ein
Busch vor dem Haus hat angefangen auszuschlagen. Der Irre. Ich habe gestern beim
Geschichtsverein mich wegen meines Hauses erkundigt. Es gibt leider kein Foto oder Zeichnungen
von früher. In einem Buch ist aber die ganze Geschichte des Hofes aufgeführt. Die erste Datierung ist
von 1523. Das heißt, mein Hof ist nicht 450 sondern 480 Jahre alt. Ich denke, dass ich natürlich
schnell dieses Jahr noch eine 480-Jahr-Feier machen sollte. Ich stelle mir vor, wenn mein Haus in 20
Jahren 500 Jahre alt sein wird. Ich bin dann 53. Mon dieu.
Das eigentliche ist ja sich vorzustellen, was in den 480 Jahren bis jetzt alles passiert ist. 1523 war ja
schon mitten im Dreißig Jährigen Krieg, und da ging es ja besonders in der Gegend hier sehr ab. In
jedem Dorf finden sich ja 2 Kirchen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass mein Haus im Krieg
gebaut worden ist, in dem Buch geht man davon aus, dass damals das Haus urkundlich von jemand
übernommen wurde. Überhaupt hat das Haus im 17.Jhdt. oft seine Besitzer gewechselt. Es gehörte
zum Teil noch irgendwelchen Grafen, die es als Lehen an Bauern gegeben haben. Wenn ich mir
ausrechne, dass in den 480 Jahren ungefähr 16 Generationen in diesem Haus gelebt haben. Jede
mehrere Kinder hatte, und die Großeltern ja auch immer noch unter demselben Dach gelebt haben,
dann haben in dem Haus sicher über 100 Menschen gelebt, sind geboren worden oder drin
gestorben.
Mir wird etwas unheimlich, wenn man bedenkt wieviel Geister hier herumirren könnten, zumal das
Haus so oft seinen Besitzer gewechselt hat.
Aber ehrlich gesagt konnte ich, zumindest von bösen Geistern, noch keine entdecken. Dass es
beladen ist mit einem Haufen an Geschichte und viele Menschen hier gelebt haben, ist ja
offensichtlich. Der Eichenbalken, der als Türschwelle zur Scheune rüber fungiert ist so ausgetreten,
wie irgendeine Heiligenstatue an einem Wallfahrtsort, die von Tausenden von Pilgern berührt wird.
Ich frage mich, wieso ich dennoch immer sehr viel im Haus umhergehn muß oder viel zu lang in
irgendwelche Ecken oder Fluchtpunkte starren muß. Ist es, weil so wenig passiert, dass ich die
kleinste Regung im Haus doch mitkriegen will. Ich merke wie ich immer mehr versessen darauf bin,
irgendwelche Gedanken in meinem Kopf weiter spinnen zu wollen und die das auch tun. Ich überlege
mir, wer sich wohl bei einer bestimmten Sache, ein Fenstersims oder eine Mauer, die mal dünn, mal
doppelt so dick ist, wer sich dabei was gedacht hat.
Herunterladen