Stück

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1
1. AKT
(Waldlichtung mit tiefschwarzen
Bäumen und Blick in ein nebliges
Tal.)
(Von einer SENSEN-FRAU mit erhobener Sense
angeführt keuchen 10 Männer stöhnend mit
choreographiertem Schritt über die Bühne.)
RENTNER
(zusammen und durcheinander)
Au, ah...
SENSEN-FRAU
Höher bitte. Die Beinchen? Ja. So.
VON HENNEN
(krümmt sich choreographiert)
Au. Ah.
SENSEN-FRAU
Und noch etwas höher bitte. Die Arme und die Beinchen.
Ja. So.
(steckt ihre Sense auf ihren Rücken in
Vorrichtung)
RENTNER
(zusammen und durcheinander)
Au. Ah...
VON HENNEN
Ah!
FÜCKSEN
Also so `n Sportunterricht habe ich noch nie mitgemacht.
BANDER
Jetzt hör auf zu quaken.
FÜCKSEN
Was is` `n das für `ne Sportlehrerin?
Buslov
Ich glaube, es handelt sich hier mehr um eine
Ballettlehrerin.
FÜCKSEN
Eine Ballettlehrerin?
2
Buslov
Ja. Sie hat angedeutet, wir alle würden heute noch ein
großes Ballett tanzen.
FÜCHSEN
Ein Ballett? Wie soll das denn gehen? Da kommen ein paar
direkt aus der Intensiv? Die können doch die Leute nicht
aus der Intensiv raus und Ballett tanzen lassen? Was ist
denn das für ein Kurheim?
SENSEN-FRAU
Höher bitte!
RENTNER
(zusammen und durcheinander)
Au. Ah...
BANDER
Endlich mal eine die uns richtig ran nimmt.
VON HENNEN
Au, ah, ah...
FÜCHSEN
(zu BANDER)
Du, der Hennen kann nicht mehr?
BANDER
Der soll sich nicht immer so anstellen.
FÜCHSEN
Der ist frisch operiert? Das ist der nicht gewöhnt?
BANDER
Das sind wir alle nicht gewöhnt.
SENSEN-FRAU
Und mehr Koordination mit den Armen bitte! Und alles mehr
dramatisch! Mehr wie ein Ballett!
BECKBROT
So wie beim Karneval?
SENSEN-FRAU
Nein. Nicht wie beim Karneval. Die Arme und die Beinchen.
Gleichzeitig. Ja. So.
(VON HENNEN fängt an zu Boden zu sinken.)
SENSEN-FRAU
Sie fühlen sich leicht wie eine Feder. Sie schweben...
3
BECKBROT
(überschneidend und unterbrechend))
Sie? Frau ahm?
(BECKBROT zeigt auf VON HENNEN. SENSEN-FRAU
hält ein ohne sich umzudrehen.)
BECKBROT
Wie heißt sie noch mal? Hallo?
(SENSEN-FRAU wendet sich und steht über
VON HENNEN.)
SENSEN-FRAU
Herr...?
BECKBROT
Hennen.
SENSEN-FRAU
Herr Hennen,
VON HENNEN
(einwerfend)
Au, von Hennen bitte, au, ah...
SENSEN-FRAU
Wie bitte?
BECKBROT
Von Hennen.
SENSEN-FRAU
Ah. Ich entschuldige mich. Beide Kniechen anwinkeln, Herr
von Hennen, bitte. So wie ich das erklärt habe.
BECKBROT
Er kann dieses Knie nicht anwinkeln. Er sagt, er habe
einen Nerv eingeklemmt.
FÜCHSEN
Und außerdem ist er frisch operiert.
BANDER
Der soll sich nicht so anstellen.
SENSEN-FRAU
Sie haben einen Nerv eingeklemmt.
VON HENNEN
Au. Ah...
4
SENSEN-FRAU
Dann werden wir den kurz mal ausklemmen. Augenblick.
(VON HENNEN bekommt von SENSEN-FRAU ein
Knie angewinkelt.)
VON HENNEN
Ah!
Buslov
Sie müssen sich mehr entspannen während der Behandlung.
(SENSEN-FRAU winkelt VON HENNENS Bein
nochmals an.)
VON HENNEN
Ah!
Buslov
Entspannen. Das wird Ihnen auch jeder Arzt sagen.
FÜCHSEN
Entschuldigung. Wir sind Kurgäste. Wir sind hier zur
Erholung. Das ist ja die reinste Tortur was Sie hier mit
uns machen. Sie bringen uns ja alle noch um?
(zu RENTNERN)
Die war gerade richtig brutal mit dem.
BANDER
Den musst `e so ran nehmen.
VON HENNEN
(krümmt sich auf Boden)
Au. Ah.
FÜCHSEN
Der hat Wahnsinns Schmerzen?
BANDER
Die weiß was sie tut. Die Frau ist top professionell.
FÜCHSEN
Wie bitte?
BANDER
Mir ist diese Frau sympathisch.
FÜCHSEN
Du, ich glaube bei dir kommt jede Hilfe zu spät.
SENSEN-FRAU
Die Kniechen!
5
FÜCHSEN
Also das ist die letzte Kur die ich mitmache.
SENSEN-FRAU
Anwinkeln!
FÜCHSEN
Das kann ich schwören.
SENSEN-FRAU
Herr?
FÜCHSEN
Füchsen.
SENSEN-FRAU
Herr von Füchsen,
FÜCHSEN
(unterbrechend)
Füchsen, bitte. Nur Füchsen. Das reicht.
SENSEN-FRAU
Herr Füchsen,
ALBRECHT
As at i?
SENSEN-FRAU
Herr Füchsen,
FÜCHSEN
(zu ALBRECHT)
Wie bitte?
ALBRECHT
As at i?
FÜCHSEN
(zu BANDER)
Du verstehst ihn besser.
ALBRECHT
O in ir?
BANDER
Wie bitte?
ALBRECHT
O in ir?!
6
FÜCHSEN
Er will wissen wo wir hier sind?!
SENSEN-FRAU
Herr Albert,
Buslov
(einwerfend)
Albrecht.
SENSEN-FRAU
(schließt kurz die Augen und holt Luft)
Danke sehr.
Herr Albrecht,
ALBRECHT
(einwerfend)
Oktor.
SENSEN-FRAU
Wie bitte?
ALBRECHT
Oktor.
SENSEN-FRAU
Was meint er?
FÜCHSEN
Herr Dr. Albrecht!?
SENSEN-FRAU
(nach kurzer Pause)
Herr Dr. Albrecht,
FÜCHSEN
(zu BANDER)
Und schwerhörig is` se auch noch.
(zu SENSEN-FRAU)
Er will wissen wo wir hier sind?!
SENSEN-FRAU
Herr Dr. Albrecht und auch Herr von, und auch Herr
Füchsen: ein kleiner Rat von mir: bitte sparen Sie Ihre
Energie. Sie werden diese heute noch gebrauchen.
BECKBROT
Für wann `s dann richtig losgeht.
7
SENSEN-FRAU
Ja. "Für wann `s dann richtig losgeht." Ich plane für
heute nämlich noch ein großes Ballett. Sie dürfen heute
alle noch tanzen.
FÜCHSEN
Ja aber das tun wir doch schon die ganze Zeit.
BECKBROT
Aber noch nicht richtig.
SENSEN-FRAU
Nein. "Noch nicht richtig."
PRENZLAFF
Sie plant was?
SENSEN-FRAU
Ein Ballett.
PRENZLAFF
Ein Ballett? Und was müssen wir da tun?
SENSEN-FRAU
Tanzen.
BECKBROT
So wie beim Karneval?
SENSEN-FRAU
Nein. Nicht wie beim Karneval.
PRENZLAFF
Habt ihr das mitbekommen?
ALBRECHT
As is os?
SENSEN-FRAU
Herr Dr. Albrecht? Können Sie mich hören?
ALBRECHT
A, a.
Buslov
Er meint ja.
SENSEN-FRAU
(schaut BUSLOV kurz und scharf an)
Gut.
Sie sind hier im Kurhaus Weiteau. Zur Kur. Ich plane für
heute noch ein Ballett. Sie dürfen heute alle noch tanzen.
8
ALBRECHT
Ahm?
SENSEN-FRAU
Ja. Im Kurhaus Weiteau.
BANDER
Beim Pflichtprogram. Sagen Sie das mal dem.
SENSEN-FRAU
Ja. Beim Pflichtprogram. Im Kurhaus Weiteau. Ah, warum
muss ich immer alles hundert mal sagen?
(herunterleiernd)
Bitte sparen Sie ihre Energie. Ein kleiner Rat von mir.
Sie werden diese heute noch gebrauchen.
BECKBROT
Für wann `s dann richtig losgeht.
SENSEN-FRAU
Ja. "Für wann `s dann richtig losgeht." Alle Fragen
abgeklärt? Gut. Achtung: es geht weiter. Die Knie! Und
auch das recht Kniechen: Herr Von Hennen, bitte.
VON HENNEN
(steht unter Schmerzen auf)
Au. Ah...
SENSEN-FRAU
Gut. Sehr gut. Und nun die Arme weiter nach oben. Höher.
(ALLE stehen auf einem Bein mit den Armen
weit nach oben gestreckt.)
FÜCHSEN
Also ich gehe seit Jahren in die Kur. Aber so was habe ich
noch nie mitgemacht.
SENSEN-FRAU
Und noch etwas höher bitte.
BANDER
Sei froh, dass dich jemand mal richtig ran nimmt.
SENSEN-FRAU
Es herrscht hier zu viel Unruhe.
FÜCHSEN
(zu VON HENNEN)
Warum greifen Sie nicht mal hier ein?
(zu BANDER)
Der hat doch sonst immer so eine große Klappe.
9
BECKBROT
Die hat den doch gerade fast schon mal umgebracht.
FÜCHSEN
Ja. Genau.
(zu VON HENNEN)
Das würde ich mir an Ihrer Stelle nicht bieten lassen.
SENSEN-FRAU
Und nun...
VON HENNEN
(unterbrechend)
Entschuldigung.
SENSEN-FRAU
Und nun werden wir...
VON HENNEN
(unterbrechend)
Entschuldigung. Ich habe eine Beschwerde.
SENSEN-FRAU
(nach kleiner Pause)
Herr von Hennen, eventuelle Beschwerden sind bitte
schriftlich bei der Kurverwaltung einzureichen.
BUSLOV
(freundlich erklärend)
Beim Kuramt. Und nicht Kurhaus. Kurheim.
SENSEN-FRAU
Ja. Danke sehr.
HEINRICHSEN
Heinrichsen. Angenehm.
SENSEN-FRAU
Ja. Die Knie!
FÜCHSEN
Jetzt lassen Sie sich nicht so abfertigen.
SENSEN-FRAU
Anwinkeln!
VON HENNEN
Entschuldigung.
SENSEN-FRAU
Und alles mit viel mehr Stil.
10
VON HENNEN
Entschuldigung.
SENSEN-FRAU
Mit viel mehr Allegrissimo!
VON HENNEN
Entschuldigung.
SENSEN-FRAU
Herr von Hennen, von nun an werde ich kein weiteres Wort
mehr von Ihnen hören. Und auch ich werde von nun an kein
weiteres Wort mehr von mir geben.
FÜCHSEN
Na das freut mich zu hören. Und auch ich habe eine
Beschwerde. Und ich habe noch eine viel bessere Idee: ich
werde mich direkt an meine Krankenkasse wenden.
SENSEN-FRAU
Herr von Füchsen, ich bin von Natur aus nicht dominant.
Ich bin sehr tolerant. Ich bin voller Sensibilité. Und das
ist auch der Grund warum ich den Tanz so liebe. Das
Ballett. Die Kunst. Sie hatten großes Glück, dass sie mir
anvertraut wurden. Ich bin geduldig. Sehr geduldig. Aber
ich warne Sie:
(nimmt ihre Sense vom Rücken)
RENTNER
(weichen zurück)
Ah...
SENSEN-FRAU
Ich kann auch anders.
(schwingt elegant ihre Sense)
RENTNER
(weichen nochmals zurück)
Ah...
SENSEN-FRAU
So, und das war hoffentlich die letzte große Rede die ich
hier heute zu halten habe.
SCHNEIBER
Ja, und das war auch so als wir mal, da haben wir alle das
Gleiche getan.
Was sie getan hat. Und er hat ihr das dann nachgemacht.
Und dann haben wir ihr das alle nachgemacht.
Was sie getan hat.
Auch ich.
Nicht nur er.
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(BANDER packt SCHNEIBER am Kragen.)
BANDER
Schnauze.
SCHNEIBER
Ah.
SENSEN-FRAU
Herr?
BANDER
Bander.
SENSEN-FRAU
Von oder zu oder irgendwas? Nein? Gut. Herr Bander, ich
erwarte, nein, ich bestehe auf Stil. Ich bestehe auf gutes
Benehmen. Ich bestehe auf Niveau. Und hier mache ich
keinen Kompromiss. Wir alle haben einen Mund und keine...
Habe ich mich da deutlich ausgedrückt?
BANDER
Ja, Frau?
SENSEN-FRAU
Frau E. Sie dürfen mich Frau E nenne. So? Habe ich mich
Ihnen gegenüber deutlich ausgedrückt?
BANDER
Ja, Frau E.
SENSEN-FRAU
Ich drücke mich Ihnen gegenüber gerne noch etwas
deutlicher aus. Falls Sie so wünschen. Soll ich?
BANDER
Nein, Frau E.
SENSEN-FRAU
Nein, wissen Sie was: ich glaube, ich muss mich Ihnen
gegenüber noch etwas deutlicher ausdrücken.
(hält ihre Sense in die Höhe)
VON HENNEN
Sie sind dazu verpflichtet...
SENSEN-FRAU
(unterbrechend)
Ja!
(schwingt unbeabsichtigt ihre Sense)
12
RENTNER
(weichen zurück)
Ah.
SENSEN-FRAU
Und wie Recht Sie haben! Herr von Hennen! Ich bin dazu
verpflichtet eine gewisse Disziplin hier aufrecht zu
erhalten! Und da habe ich bisher versagt! Da haben Sie
ganz Recht! Ich danke, dass Sie mich darauf aufmerksam
gemacht haben!
VON HENNEN
Sie sind dazu verpflichtet mir mitzuteilen wo genau ich
mich über Sie beschweren kann.
BANDER
Das hat Sie Ihnen bereits gesagt.
SENSEN-FRAU
Ja!
(schwingt unbeabsichtigt ihre Sense)
BUSLOV
(zu BECKBROT)
Vorsicht.
BECKBROT
Ah.
(springt zur Seite)
SENSEN-FRAU
Das hat sie ihm bereits gesagt!
ROBERTS
May I? Darf ich?
(ROBERTS nimmt SENSEN-FRAU Sense ab und
arrangiert diese auf deren Rücken.)
ROBERTS
How do you do?
BUSLOV
Herr Roberts kommt aus England.
SENSEN-FRAU
Sie kommen aus England?
ROBERTS
Yes.
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BUSLOV
(zu SENSEN-FRAU)
Der Kurort Weiteau bemüht sich zur Zeit gerade auch um den
Britischen Markt.
FÜCHSEN
Hat se nicht mitbekommen. Das geht nicht mal hier rein.
ROBERTS
How do you do?
SENSEN-FRAU
I am very well, thank you. Mir geht es gut. Und wie geht
es Ihnen?
ROBERTS
Absolutely spendid.
BUSLOV
Er sagt, es würde ihm ausgezeichnet gehen.
SENSEN-FRAU
Das freut mich zu hören. Ihr erster Besuch in Deutschland?
Your first visit to Germany?
ROBERTS
Yes. And I am absolutely loving it. Splendid Country.
BUSLOV
Er sagt, das sei sein erstes Mal in Deutschland und es
gefalle ihm hier bei uns sehr gut.
SENSEN-FRAU
Das freut mich zu hören.
BUSLOV
Ich meine aber eine gewisse Ironie entdeckt zu haben. In
der Betonung. In seiner Betonung. Sie verstehen was ich
meine?
SENSEN-FRAU
Ja. Natürlich.
ROBERTS
Darf ich?
(ROBERTS nimmt SENSEN-FRAU Sense aus der
Hand und will diese auf deren Rücken
arrangieren.)
SENSEN-FRAU
Thank you.
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VON HENNEN
Entschuldigung. Sie haben mir noch nicht mitgeteilt wo
genau ich mich über Sie beschweren kann.
(SENSEN-FRAU nimmt ROBERTS Sense aus der
Hand.)
SENSEN-FRAU
(wutentbrannt, mit erhobener Sense)
Herr von Hennen!
ROBERTS
May I?
(ROBERTS nimmt SENSEN-FRAU Sense aus der
Hand und arrangiert diese auf deren Rücken.)
SENSEN-FRAU
Thank you.
Herr von Hennen, dank Ihnen herrscht hier eine zu große
Unruhe. Herr von Hennen, dank Ihnen herrscht hier eine zu
große Disziplinlosigkeit. Ich mache Sie und ausschließlich
Sie für diese Unruhe und Disziplinlosigkeit
verantwortlich.
FÜCHSEN
Das einzige, das er wissen will...
BANDER
(unterbrechend)
Jetzt lass sie mal ausreden.
SENSEN-FRAU
Danke sehr.
Herr von Hennen, bitte glauben Sie mir: ich kenne meine
Schwächen. Ich bin zu sensibel. Zu überschwänglich. Zu
lebensfroh. Ja, zu lebensfroh. Das wirft mir sogar mein
eigener Mann vor. Herr von Hennen, ich verspreche, ich
werde mich zu bessern versuchen: Sie werden heute noch
tanzen; Ekstatisch; Und ohne Unterbrechung; Bis Ihnen die
Luft ausgehen wird und Sie keine Energie mehr haben werden
sich beschweren zu wollen.
(holt tief Luft)
So, und das war nun endgültig meine letzte, nein, meine
allerletzte große Rede die ich für heute hier halten
werde. Die Knie anwinkeln. Achtung. Los.
(RENTNER setzten sich Bewegung.)
SENSEN-FRAU
Nein. Stopp.
15
(RENTNER stoßen mit SENSEN-FRAU zusammen.)
BANDEER
(zu FÜCHSEN)
Mensch, jetzt pass mal auf wo du hintrittst.
(zu SENSEN-FRAU)
Entschuldigung.
SENSEN-FRAU
Nein. Ich habe eine bessere Idee. Es wird nun gejoggt.
Ohne Rast und ohne Pause.
BANDER
(zu FÜCHSEN)
Siehst `e, das hast de jetzt davon.
FÜCHSEN
(zeigt auf VON HENNEN)
Er hat sie auf die Palme gebracht. Nicht ich.
SENSEN-FRAU
Sie haben es nicht anders gewollt. Achtung. Es wird nun
gejoggt. Achtung: Los!
(SENSEN-FRAU joggt ab mit FUDU.)
SCHNEIBER
Und das war auch so als wir mal alle zusammen und da war
auch ich dabei.
Da waren wir wieder alle zusammen dabei.
Nicht nur die. Auch er.
Außer mir.
(BANDER packt SCHNEIBER.)
SCHNEIBER
Ah.
FÜCHSEN
Schau mal. Das sieht so aus als ob die fliegt. Der Köder
kommt kaum mit.
(VITELA rennt von allen unbemerkt SENSENFRAU hinterher ab.)
BROTBECK
Du, die fliegt wirklich. Und der Köder auch. Das ist der
erste fliegende Hund den ich je gesehen habe.
FÜCHSEN
Der ist vorher schon mal geflogen.
16
VON HENNEN
Nein?
FÜCHSEN
Doch.
VON HENNEN
Wir müssen hinterher.
SCHNEIBER
Frau!? Hallo!? Halloo!?
VON HENNEN
Hallo!
BECKBROT
Halloo! Frau Ee!
PRENZLAFF
Die hat doch keine Ahnung was sie tut. Die hat das Ganze
nicht richtig in der Hand.
BANDER
Aber sie bemüht sich. Und darauf kommt es an.
FÜCHSEN
So, und ich drehe jetzt um.
(SENSEN-FRAU kommt von allen unbemerkt
zurück mit FUDU. SCHNEIBER will etwas sagen.
BANDER packt ihn.)
SCHNEIBER
Ah.
FÜCHSEN
Ich gehe zurück ins Kurhaus. Weil um elf habe ich heute
Kurkonzert. Und da werde ich nicht noch einmal verpassen.
Und dann habe ich meine Anwendungen und dann noch einen
ganz wichtigen Termin.
BANDER
Mit dem Oberschlächter.
FÜCHSEN
Mit Chefarzt von Krausen. Ja.
(zu ROBERTS dann zu allen)
Bye, bye. Ihr könnt eure Kniechen anwinkeln so lange Ihr
wollt. Aber ohne mich. Ich drehe um.
17
(FÜCHSEN will abgehen. Er läuft in SENSEN
FRAU ´S - von ihr mit beiden Armen geöffnete
Kutte.)
SENSEN-FRAU
Nicht so schnell, Herr Füchsen.
(SENSEN-FRAU schließt ihre Kutte. Nur noch
FÜCHSENS Kopf schaut aus Kutte hervor.)
FÜCHSEN
Entschuldigung: und nun hören Sie mir bitte gut zu. Punkt
elf habe ich heute Kurkonzert. Und das werde ich dank
Ihnen nicht noch einmal verpassen. Und dann haben ich
meine Anwendungen.
BUSLOV
Und um elf hat Herr Füchsen einen wichtigen Termin; mit
Chefarzt von Krausen.
FÜCHSEN
Nein! Um elf habe ich Kurkonzert?
VON HENNEN
Entschuldigung. Eine Frage möchte ich abgeklärt wissen.
Ach, aber zuerst: meinem eingeklemmten Nerv geht es etwas
besser. Vielen Dank. Ihre Behandlung hat genützt. Das
haben Sie wunderbar gemacht. Ich fühle mich um so viel
besser. Vielen, vielen Dank. Ich werde Sie
weiterempfehlen. Seit Jahren habe ich mich so wohl
gefühlt. Und falls möglich würde ich gerne ein paar
private Behandlungen bei Ihnen buchen.
Besteht diese Möglichkeit?
SENSEN-FRAU
Ja. Ich glaube, das lässt sich arrangieren.
VON HENNEN
Aber was ich fragen wollte: wann tanzen wir das Ballett?
Dieses Ballett? Von dem Sie sprachen.
BANDER
(zu FÜCHSEN)
Mensch, sag dem, er soll endlich mal die Klappe halten.
SENSEN-FRAU
(überschneidend und übertönend)
Diskussion abgeschlossen. Die Kniechen anwinkeln. Achtung:
Los.
18
FÜCHSEN
Entschuldigung. Herr von Hennen hat Ihnen eine Frage
gestellt. Da muss zuerst noch etwas abgeklärt werden.
BUSLOV
Sie sagten wir würden heute noch ein Ballet tanzen.
SENSEN-FRAU
Ja, ich weiß was ich gesagt habe.
FÜCHSEN
Ja aber anscheinend können Sie sich nicht mehr daran
erinnern.
PRENZLAFF
Und wo tanzen wir das Ballett bitte? Gibt `s da `ne Bühne?
Das muss doch alles organisiert werden? Prenzlaff,
angenehm. Und proben wir vorher? Das muss doch alles
vorher geprobt werden? Ich habe noch nie in meinem Leben
Ballett getanzt?
FÜCHSEN
Und was tragen wir? Irgendein Kostüm?
(FÜCHSEN öffnet und tritt aus SENSENFRAU ´S
Kutte und haut ihr dabei mit Hand
ausversehen ins Gesicht.)
SENSEN-FRAU
Ah.
FÜCHSEN
Weil in dem Aufzug trete ich nicht auf.
BUSLOV
Und an was für Musik haben Sie gedacht? Tanzen wir etwas
Klassisch -oder etwas mehr Modernes? Ich persönlich neige
mehr zum Klassischen und bin was die Musik betrifft sehr
anspruchsvoll. Ich könnte Sie diesbezüglich beraten. Ich
hatte schon immer sehr feines Gehör. Aber für mich nur
eine etwas mehr kleinere Rolle. Ich bin angehalten mir
meinen Energiehaushalt ökonomisch einzuteilen. Das wurde
mit von meine Ärzten strengstens empfohlen.
VON HENNEN
Über welchen Energiehaushalt reden Sie?
BUSLOV
Über den bio-genetischen.
VON HENNEN
Über den bio-genetischen?
19
HEINRICHSEN
Ja.
PRENZLAFF
Mensch, euch hamm se zu viel Quatsch erzählt im Kurheim.
(SCHNEIBER will etwas sagen. BANDER packt
ihn.)
SCHNEIBER
Ah.
SENSEN-FRAU
Ruhe! Es herrscht hier eine zu große Disziplinlosigkeit!
(ironisch)
Bitte denken Sie an Ihren Energiehaushalt.
BUSLOV
Meinen Sie den bio-genetischen Energiehaushalt? Oder den
optimal-genetischen? Reden wir da über das Gleiche.
SENSEN-FRAU
Ja, den meine ich, den biogenetisch und den anderen. Und
alle. So: und nun wird gejoggt. Ohne Rast und ohne Pause.
FÜCHSEN
Die hat doch keine Ahnung was sie tut.
PRENZLAFF
Das sage ich doch schon die ganze Zeit.
BANDER
Jetzt höre endlich mal auf herumzumeckern.
FÜCHSEN
Ich glaube, die kennt sich nicht mal aus wo wir hier sind.
BECKBROT
Und wo haben Sie den anderen gelassen?
SENSEN-FRAU
So, und von nun an herrscht hier Disziplin.
BECKBROT
Da fehlt doch einer.
BANDER
Der fehlt schon die ganze Zeit?
SENSEN-FRAU
Absolute Disziplin.
20
VON HENNEN
Ja?
BECKBROT
Herr Vitela ist weg.
PRENZLAFF
Das merkt ihr erst jetzt? Der ist doch sofort
verschwunden. Der war doch kaum hier.
SENSEN-FRAU
Es geht weiter! Die Kniechen anwinkeln!
ROBERTS
(salutiert)
Zu Befehl.
PRENZLAFF
Du das war jetzt aber gerade hart an der Grenze. Der regt
mich jetzt bald noch mehr auf als die.
ROBERTS
Achtung: Los!
(SENSEN-FRAU joggt ab mit FUDU, BECKBROT und
SCHNEIBER.)
BANDER
(humpelt hinterher, zu FÜCHSEN)
Es geht weiter.
HENNEN
(zu FÜCHSEN)
Kommen Sie jetzt endlich?
ALBRECHT
As is os?
FÜCHSEN
Nein Danke. Ich gehe zurück ins Kurheim. Und ich Kurheim,
das kann ich garantieren, da wird es Beschwerdebriefe
hageln.
VON HENNEN
Wir müssen uns korrekt benehmen. Ich möchte keinen Ärger
mit meiner Krankenkasse bekommen.
(SENSEN-FRAU kommt zurück mit FUDU auf dem
Arm.)
21
FÜCHSEN
Da is` se wieder. So, und jetzt seht ihr mal wie das
gemacht wird.
(zu ROBERTS)
Attention.
(FÜCHSEN nimmt SENSEN-FRAU FUDU aus dem Arm
und setzt ihn auf den Boden.)
FÜCHSEN
Sind Sie - nein, der sitzt da gut - Was für
Qualifikationen haben Sie? Sitz!
ALBRECHT
it ollertlich.
FÜCKSEN
(zu BANDER)
Du kannst ihn besser verstehen.
ALBRECHT
it ollertlich.
FÜCKSEN
Ja. Um im Kurheim Weiteau arbeiten zu können braucht man
vollwertig -ärztliche Qualifikationen. Im Kurheim Weiteau
ist sogar das Putzpersonal ärztlich qualifiziert oder wie
man da sagt. Darauf haben wir Anspruch. Das ist
Vorschrift.
(BECKBROT und SCHNEIBER kommen zurück.
SCHNEIBER will etwas sagen. BANDER packt
ihn.)
SCHNEIBER
Ah.
FÜCHSEN
Für das haben wir bezahlt.
BUSLOV
Sind Sie ein Privatpatient?
FÜCHSEN
Das ist ganz egal was ich bin.
BANDER
Er ist halb halb.
22
SENSEN-FRAU
So, und ich sage das nun zum allerletzten Mal: die Knie
anwinkeln. Und das ist meine letzte, nein meine
allerletzte Warnung. Es geht weiter. Achtung. Los!
(rennt ab)
PRENZLAFF
Ja wie? Was jetzt? Wo rennt die schon wieder hin?
VON HENNEN
Sie will, dass wir hinterher rennen.
FÜCHSEN
Da hat sie nichts davon gesagt.
BROTBECK
Schau mal: wie die fliegt?
(Überschall Knall, dann Knalle)
BECKBROT
Die fliegt Überschall.
Die is` sauer mit uns und reagiert sich jetzt ab; das
kenne ich von meiner Frau.
(BERSTEIGERIN tritt auf - gefolgt von
SENSEN-MANN - und seilt sich ab.)
PRENZLAFF
Und da sitzt ihr Köder.
BECKBROT
Den hat sie vergessen.
BANDER
Hat dich Frauchen sitzen lassen?
FÜCHSEN
Das ist doch die von Hannen.
VON HENNEN
Wie bitte?
FÜCHSEN
Nein, die van Hannen, die holländische Ärztin. Und da ist
schon wieder so `ne Type?
(SENSEN-MANN haut Seil mit Sense durch)
BERGSTEIGERIN
Ah...!
23
FÜCHSEN
Nein. Oh Gott. Die ist die ganze Steilwand runter.
Nein. Schaut nicht.
BANDER
Was muss die auch so `n Blödsinn machen.
FÜCHSEN
Er hat sie umgebracht. Hab ihr das nicht gesehen?
BANDER
Komm, du siehst Gespenster. Das ist alles.
(FÜCHSEN betastet SENSEN-MANN)
FÜCHSEN
Das ist kein Gespenst.
ALBRECHT
As is os? As is os?!
(ALBRECHT betastet SENSEN-MANNS Gesicht.
SENSEN-MANN holt nach ALBRECHT aus. ROBERTS
stellt sich zwischen die beiden.)
ROBERTS
How do you do?
(SENSEN-MANN holt mit Sense nach ROBERTS
aus.)
ROBERTS
(ohne mit der Wimper zu zucken)
I am so pleased to meet.
(SENSEN-MANN lässt Sense leicht sinken.)
BUSLOV
Darf ich vorstellen: Herr Roberts ist aus England.
FÜCHSEN
Was aus England? Der bekommt doch den ganz falschen
Eindruck von unserem Land?
BUSLOV
(zu SENSEN-MANN)
Heinrichsen, angenehm. Herr Roberts sagt, er freue sich
Sie kennen zu lernen.
BANDER
Den haben die ganz schön wieder aufgepäppelt. Ihr hättet
den sehen sollen als er hier ankam.
24
(SENSEN-MANN holt wieder mit Sense nach
ROBERTS aus.)
ROBERTS
What a charming day we `r having; and what a splendid
view.
BUSLOV
Er sagt, wir hätten heute sehr schönes Wetter. Und die
Sicht sei sehr schön.
(SENSEN-MANN lässt Sense leicht sinken.)
ROBERTS
We will become very good friends. I feel we are very good
friends already.
BUSLOV
Er sagt, Sie seien ihm sehr sympathisch und er sei sicher,
Sie würden schnell Freundschaft schließen und gute Freunde
werden. Das war jetzt sehr frei übersetzt.
FÜCHSEN
Fragen Sie den mal wo wir hier sind. Please ask...
BANDER
(unterbrechend)
Du bist hier zur Kur. Kapitschko? Dir soll das Saufen
abgewöhnt werden.
FÜCHSEN
Musst du immer gleich so ausfällig werden. Ich leide unter
emotionellen Problemen.
(SENSEN-MANN holt wieder mit Sense aus.)
BANDER
Nein, du säufst zu viel.
(SENSEN-FRAU kommt zurück.)
SENSEN-FRAU
Ottmar?
(SENSEN-MANN schaut Richtung SENSEN-FRAU.
ROBERTS rennt von SENSEN-FRAU ungesehen Kopf
voraus auf SENSEN-MANN zu und stößt ihn über
die Bergkuppe.)
SENSEN-FRAU
Otti? Wo ist mein Mann hin?
25
ROBERTS
Ihr Mann? What is` passiert?
(SENSEN-MANNS Kopf erscheint über
Bergkuppe.)
SENSEN-FRAU
Otti?
FÜCHSEN
Entschuldigung.
(SENSEN-FRAU und SENSEN-MANN schauen auf
Füchsen.)
FÜCHSEN
Sie sind mir noch eine Antwort schuldig. Was für
Qualifikationen haben Sie?
(ROBERTS gibt SENSEN-MANN einen Fußtritt.)
SENSEN-MANN
Au!
SENSEN-FRAU
Otti.
ROBERTS
Goodness. Was ist passiert? Hier, nehmen Sie meine Hand.
BECKBROT
Ahm, do you speak English?
BUSLOV
Können Sie Englisch?
SENSEN-FRAU
Was soll ich denn sonst noch alles können?!
(ROBERTS rennt zum zweiten Mal von SENSENFRAU ungesehen mit Kopf voraus auf SENSENMANN zu und stößt ihn über die Bergkuppe.)
ROBERTS
Help. Hilfe. Ihr Mann.
SENSEN-FRAU
Otti?
26
ROBERTS
(ins Tal)
Hello?
(zu SENSEN-FRAU)
Ich wollte nur helfen.
PRENZLAFF
Wo kommt der noch mal her?
BECKBROT
Hab ich nicht mitbekommen.
FÜCHSEN
Aus England!? Entschuldigung, so und nun sagen Sie mir
bitte augenblicklich: was für Qualifikationen haben Sie?
Entschuldigung. Hier geht `s weiter. So, und in genau 5
Minuten habe ich meine Anwendungen. Im Kurhaus. In
Weiteau.
(SCHNEIBER will etwas sagen. BANDER packt
SCHNEIBER.)
SCHNEIBER
Ah.
FÜCKSEN
In genau 5 Minuten. Und ich warne Sie: wenn ich nicht in
genau 5 Minuten im Kurhaus Weiteau bin, dann ist Ihre
Karriere dort beendet. Fristlos. Das kann ich garantieren.
BECKBROT
Und wann dürfen wir das Ballett tanzen?
BANDER
Halt die Klappe.
(SENSEN-MANNS Kopf erscheint über
Bergkuppe.)
ROBERTS
Ihr Mann!
SENSEN-FRAU
Otti.
ROBERTS
Goodness. Du armer Junge. Hier nehmen Sie meine Hand.
SENSEN-MANN
Halte mir diese Type vom Hals. Was ist das für ein Köder?
27
SENSEN-FRAU
Ottmar, dieser Köder heißt Fudu. Fudu hat symbolische
Bedeutung. In der klassisch-griechischen Sagenwelt bewacht
der Totenhund Ono oder Bono oder so ähnlich das
Totenreich.
SENSEN-MANN
Dieser Köder könnte keine Kokosnuss bewachen. So, und
diese Type knöpfe ich mir jetzt vor.
(SENSEN-MANN packt ROBERTS.)
SENSEN-FRAU
Nein. Ich werde mich um Herrn Roberts kümmern.
SENSEN-MANN
(holt mit Sense aus)
Kopf schön hoch halten. Head more up.
SENSEN-FRAU
Ottmar, ich warne dich. Herr Roberts ist ein Kurgast in
Weiteau. Und darum bin ich zuständig für Herrn Roberts.
Und zwar ausschließlich. - Wir machen hier eine kleine
Pause! Aber nur eine kleine! - Sir Roberts ist aus
England.
Und wie gefällt es Ihnen in Germany?
ROBERTS
Absolutely splendid. Wonderful country.
BUSLOV
Er sagt, Deutschland sei ein wunderbares Land und es würde
ihm hier bei uns sehr gut gefallen.
ROBERTS
Weiteau. Bavaria.
BECKBROT
Er meint wir sind in Bayern.
SENSEN-FRAU
Nein. Schwarzwald. Black Forest.
ROBERTS
Schwarzwälder Kirschtorte.
SENSEN-FRAU
Ja!
(lacht)
28
(RENTNER lassen sich erschöpft zu Boden
sinken. SENSEN-MANN stellt ROBERTS an den
Abgrund.)
SENSEN-MANN
Wie lange arbeitest du schon an denen herum?
(holt mit Sense aus)
Good bye, Mr. Roberts.
SENSEN-FRAU
Ottmar, ich befehle dir...
(SENSEN-MANN will zuschlagen. FÜCHSEN drängt
sich zwischen SENSEN-MANN, SENSEN-FRAU und
ROBERTS.)
FÜCHSEN
(zu SENSEN-MANN)
Vorsicht. Jetzt passen Sie gefälligst mal `n bisschen auf.
(zu SENSEN-FRAU)
Entschuldigung. Und ich sage das jetzt zum letzten, nein,
zum allerletzten Mal: in genau 5 Minuten habe ich meine
Anwendungen. Im Kurhaus. In Weiteau.
SENSEN-FRAU
Nein, Herr Füchsen, auf Ihrem Program heute steht...
FÜCHSEN
(unterbrechend)
Stopp. Ich bin noch nicht fertig. Und dann habe ich einen
Vortrag. Und dann einen wichtigen Termin. Mit Chefarzt von
Krausen persönlich. So, haben Sie das verstanden?
Kapitschko? Sie nix sprechen Germany? Ja? Wenn die nicht
richtig quaken kann, dann muss man ihr das beibringen.
Dank Ihnen werde ich nicht noch einmal das Kurkonzert
verpassen. Was Sie vielleicht nicht wissen ist, dass Musik
ist so wichtig für die geistige und seelische und das
wirkt sich auch auf... na, Sie sollten mal zu so `nem
Vortrag im Kurhaus. Sie haben `s nötiger als ich. So, und
dann habe ich heute noch mal Anwendungen. Die tun mir
immer so gut. Nach diesen Anwendungen bin ich gestern ins
Bett geschwebt.
BECKBROT
"Es herrscht hier eine furchtbare Disziplinlosigkeit."
Jetzt kommt Se bestimmt gleich wieder damit raus.
SENSEN-FRAU
Es herrscht hier eine furchtbare Disziplinlosigkeit.
29
SNESEN-MANN
Na das kannst de laut sagen. So: und jetzt werde ich dir
mal vormachen wie man das macht. Good bye, Mr. Roberts.
(holt mit Sense aus)
SENSEN-FRAU
Unterstehe dich! Es geht auch ohne rohe Gewalt. Ja,
Ottmar, ich weiß: Flugzeugabstürze, Erdbeben, Bazillen,
(schüttelt sich)
ah, das kann ich alles nicht. Aber Niveau, Sensibilité,
die Liebe für die Kunst, den Tanz, das Ballett, das kannst
du alles von mir lernen.
Attention. Alle aufstehen bitte. Sir Robert, please.
ROBERTS
Sie sind sehr freundlich.
SENSEN-FRAU
Danke sehr.
RENTNER
(stehen auf und helfen sich dabei
gegenseitig, durcheinander)
Au. Nein. Ah...
SENSEN-FRAU
Und es liegt in Ihrem Interesse sich von nun mir gegenüber
kontinuierlich und ohne Unterbrechung um eine interaktive,
positiv-konstruktive Einstellung zu bemühen.
BECKBROT
(unterbrechend)
Und wann machen wir endlich mal eine richtige Pause?
SENSEN-FRAU
Wir hatten gerade eine Pause.
BECKBROT
Nein. Eine richtige Pause. Ich habe schon seit 2 Tagen
nichts zu essen bekommen.
VON HENNEN
Und ich schon seit über zwei Wochen. Vor zwei Wochen
habe ich 3 Teelöffel Tee eingeflößt bekommen. Und seither
nichts mehr.
BECKBROT
Sie wurde doch bestimmt künstlich ernährt.
VON HENNEN
Ja aber das haben Sie auch abgestellt?
30
SENSEN-FRAU
Es sind keine weiteren Pausen vorgesehen.
BECKBROT / SENSEN-FRAU
(gleichzeitig)
Ich wäre dafür... / In Anbetracht der durch Sie
verursachten...
BECKBROT
(übertönend)
... eine weitere Pause einzulegen! Ich weiß: wir stimmen
ab.
SENSEN-FRAU
Achtung!
(zu ROBERTS)
Attention.
(zu ALLEN)
Es geht weiter. Und es werden keine weiteren Pausen
eingelegt. Achtung. Es geht los. Nein. Wir werden nicht
joggen. Wir werden nun fliegen. Ja, wir werden nun alle
fliegen. Achtung. Los.
(rennt mit erhobenen Armen)
(Alle RENTNER rennen los mit erhobenen
Armen.)
SENSEN-MANN
Nein. Der bleibt hier.
(SENSEN-MANN packt ROBERTS.)
SENSEN-FRAU
Stopp!
PRENZLAFF
Stopp! Zurück!
(Alle RENTNER außer VON HENNEN halten an.
VON HENNEN schießt fliegend ab.)
BANDER
(zu FÜCHSEN)
Mensch, jetzt pass mal auf.
BECKBROT
Was is` jetzt schon wieder.
PRENZLAFF
Wie soll ich das wissen? Die Frau ist das totale Chaos.
Die hat das Ganze nicht richtig in der Hand. Aber so sind
Frauen. Ich weiß, das darf man heute nicht mehr sagen:
31
PRENZLAFF
(fortgesetzt)
aber Frauen sind einfach inkompetenter als Männer. Die
Frau ist doch das klassische Beispiel für Inkompetenz.
SENSEN-FRAU
Ottmar.
SENSEN-MANN
Ja, Elvira?
SENSEN-FRAU
Otti.
(ROBERTS nimmt SENSEN-MANN Sense aus der
Hand und schlägt ihm mit Sensenstil auf den
Kopf. SENSEN-MANN wendet sich langsam
Richtung ROBERTS.)
ROBERTS
Now look dear Chap... let `s all stay reasonable.
BUSLOV
Er meint, wir sollen alle vernünftig bleiben.
(SENSEN-FRAU stellt sich zwischen SENSENMANN und ROBERTS.)
SENSEN-FRAU
Ottmar, Ich bin für Herr Roberts zuständig. Herr Roberts
kommt daher mit mir. Herr Roberts wird wie alle mir
anvertrauten Kurgäste seine Kur mit Stil und Niveau
beenden. Herr Roberts wird heute noch die Hauptrolle in
meinem Ballett tanzen.
ROBERTS
Excuse.
(bringt Sense auf Sensen-Manns Rücken an.)
BECKBROT
Nein, die Hauptrolle tanze ich.
PRENZLAFF
Wer die Hauptrolle tanzt, das wurde noch nicht
entschieden.
BUSLOV
Doch. Ich glaube, Sie sagte, dass Herr ROBERTS...
PRENZLAFF
(unterbrechend)
Wer die Hauptrolle tanzt, da haben wir mitzureden.
32
SENSEN-MANN
Elvira? Diese Tanzerei? Das ist doch der totale Blödsinn?
SENSEN-FRAU
Der Tanz, die Kunst, das Ballett, Ottmar, ist kein
Blödsinn.
SENSEN-MANN
Ich habe heute bereits den dritten Bergsteiger...
SENSEN-FRAU
(unterbrechend)
Musst du immer über deine Arbeit reden?
SENSEN-MANN
Zwei Bergsteiger...
SENSEN-FRAU
(einwerfend)
Hast du mir sonst nichts zu sagen.
SENSEN-MANN
... und eine Bergsteigerin.
SENSEN-FRAU
Gibt es kein anders Thema für dich?
SENSEN-MANN
Ich habe heute bereits drei...
SENSEN-FRAU
(unterbrechend)
Ja gut. Alles Holländer. Das ist auch ein leichterer Job.
SENSEN-MANN
Das waren nicht alles Holländer. Die gerade war
Holländerin. OK. Aber die anderen zwei... und, und da war
sogar ein Steilwandchampion dabei.
SENSEN-FRAU
Na so was. Wie interessant.
SENSEN-MANN
Und was hast du fertig gebracht?
(klopft BECKBROT auf die Schulter)
Wir kennen uns. Nordwand. Seilriss. Mach ich immer so.
BUSLOV
Ich glaube, wir können uns wieder setzen.
33
SENSEN-MANN
Elvira? Der Typ war bereits klinisch tot. Dank mir. Und
das habe ich ganz nebenbei gemacht.
SENSEN-FRAU
Du bist in meinen Aufgabenbereich eingedrungen.
SENSEN-MANN
Er wollte die Nordwand rauf. Ohne das das Kurheim darüber
was wusste. Und darum bin ich verantwortlich für...
SENSEN-FRAU
(einwerfend)
Herrn Brotbeck.
BUSLOV
Beckbrot
SENSEN-FRAU
Ja. Danke sehr.
Und da ich für Herrn Beckbrot verantwortlich bin wird Herr
Beckbrot wie alle mir anvertrauten Kurgäste seine Kur mit
Stil und Kultur beenden.
SENSEN-MANN
(zu BECKBROT während er auf Verband haut)
Calvaria fractura duplicis.
BROTBECK
Au.
(ALLE RENTNER außer ROBERTS lassen sich
wieder auf Boden nieder. ROBERTS versucht
"sich aus dem Staub zu machen".)
SENSEN-MANN
Du, die Kletterausrüstung hat ihm seine Frau zu
Weihnachten geschenkt.
(SENSEN-MANN Richtung nach ROBERTS.)
SENSEN-FRAU
Ich wiederhole: Herr Beckbrot ist Kurgast in Weiteau und
darum... Ottmar! Ich rede mit dir!
SENSEN-MANN
Hier geblieben. Du falsche Krücke.
(SENSEN-MANN packt ROBERTS und lässt ihn
nicht mehr los.)
34
SENSEN-MANN
Wie lange willst du die mal wieder tanzen lassen?
SENSEN-FRAU
Kannst du nicht mal was anderes abspielen?
SENSEN-MANN
Wie lange?
SENSEN-FRAU
Ich habe eben meinen eigenen Stil?
SENSEN-MANN
Ach? Ach was? Na, das ist jetzt mal was ganz anderes. Du
hast Stil. Und wer hat dir diese Flause in den Kopf
gesetzt? Du bist hier um zu arbeiten und nicht um um Stil,
um um...
SENSEN-FRAU
(unterbrechend)
Bitte stottere nicht vor mir herum. Das macht dich noch
unattraktiver als du schon bist.
SENSEN-MANN
Elvira? Die Hälfte von denen sollte bereits beigesetzt
sein?
SENSEN-FRAU
Nein, nicht die Hälfte. Höchstens ein oder zwei.
SENSEN-FRAU
Und dieser Engländer? Der sollte bereits überführt sein?
Seine Beisetzung wurde bereits zum zweiten Mal verschoben?
Familienmitglieder Herrn Roberts sind bereits zum zweiten
Mal vergeblich zu seiner Beisetzung angereist?
SENSEN-FRAU
Ja und? Dann sollen sie eben zu dritten Mal anreisen?
ROBERTS
I am most frightfully sorry. Entschuldigung. It all has
been the most frightful misunderstanding between friends.
BUSLOV
Er sagt, was da passiert soll sein zwischen Ihnen, das sei
ein Missverständnis gewesen. Ein Missverständnis unter
Freunden.
(SENSEN-Mann stellt ROBERTS an den Abgrund
und holt mit Sense nach ihm aus.)
35
SENSEN-FRAU
Ah, warum habe ich mich nur mit so einem billigen,
primitiven Mann eingelassen? Warum?!
SENSEN-MANN
(lässt Sense leicht sinken)
Weiter. Komm Schon außer Atem?
(SENSEN-MANN holt mit Sense aus)
SENSEN-FRAU
Wie konnte ich nur so dumm sein?
SENSEN-MANN
(lässt Sense leicht sinken)
Weiter. Komm.
(holt mit Sense aus)
SENSEN-FRAU
Weißt du was? Du solltest dir an ihm ein Vorbild nehmen.
SENSEN-MANN
Ich soll mir? Diese Type...?
SENSEN-MANN
Ja. Du solltest dir an Herrn Roberts ein Vorbild nehmen.
Herr Roberts hat Humor. Er hat Stil. Er hat Charme. Etwas
das ich an dir total vermisse.
SENSEN-MANN
Er hat mir einen Tritt verpasst? Und eine über die Rübe
gezogen?
SENSEN-FRAU
Das war ein Missverständnis?
SENSEN-MANN
Ich flog zwei Mal den Abhang runter?
SENSEN-FRAU
Das war ein Missverständnis? Das hat Herr Roberts dir doch
gerade zu erklären versucht? Ah, warum musst du dich immer
herumstreiten mit mir? Das ist das einzige, dass du mit
mir anzufangen weist. Und ich weiß auch warum. Du liebst
mich nicht mehr. Ich bin dir gleichgültig. Aufstehen!
Die Beine anwinkeln. Es wird nun gejoggt. Diese Krücke,
die ist doch nur im Weg.
(SENSEN-FRAU nimmt BANDER seine Krücke weg
und wirft diese zur Seite.)
36
SENSEN-FRAU
Höher, Herr von Hennen. Sie sind hier nicht im
Kindergarten.
VON HENNEN
Au. Ah.
SENSEN-FRAU
Gut. Warum nicht gleich so? Wir haben nichts gemeinsames.
Das war schon immer unser Problem.
(BANDER hat seine Krücke erreicht. SENSENFRAU befördert Krücke mit Fußtritt weg von
ihm.)
SENSEN-FRAU
Oder zu viel gemeinsames. Ah...
SENSEN-MANN
Elvira? Weiteau ist ein Kurort mit internationalem Ruf?
SENSEN-FRAU
Ich habe eben meinen eigenen Stil.
SENSEN-MANN
Elvira?
SENSEN-FRAU
Ottmar:
SENSEN-MANN
Elvira?!
SENSEN-FRAU
(sehr beherrscht)
Ja, ich weiß. Du kannst lauter schreien als ich.
SENSEN-MANN
Elvira? Die Hälfte von denen war bereits klinisch tot?
SENSEN-FRAU
Nein. Nicht die Hälfte. Musst du immer gleich so
übertreiben?
SENSEN-MANN
Und einen hast du mit, der sollte gar nicht hier sein.
Du hast den falschen mit?
(VON HENNEN fliegt sich drehend quer über
die Bühne.)
37
SENSEN-FRAU
Ich muss mich um Herrn von Hennen kümmern.
SENSEN-MANN
Elvira, Weiteau ist ein Kurort. Ein ganz exklusiver
Kurort. Weiteau ist der exklusivste Kurort Deutschlands.
Hast du das verstanden? Weiteau ist ein Kurort mit
internationalem Ruf?
SENSEN-FRAU
Nur weil ein Engländer dort rumspringt heißt das lange
noch nicht, dass sie international sind. Ich liebe einfach
den Tanz. Ich liebe die Kunst. Ich bin sehr sensibel. Ich
bin sehr überschwänglich. Ich bin sehr lebensfroh. Ja, ich
bin lebensfroh. Ich bin einfach anders. Und ich bestehe
darum auf etwas Freiraum. Auf etwas Freiraum zur
persönlichen und künstlerischen Selbstentfaltung. Und
gerade auch während der Arbeit.
SENSEN-MANN
Elvira? Das letzte Mal das in Deutschland jemand zu Tode
getanzt wurde, das war vor über 480 Jahren?
SENSEN-FRAU
Ach, bist du aber intelligent.
SENSEN-MANN
Was du machst ist streng verboten.
SENSEN-FRAU
Seit wann hast du dich schon mal um ein Verbot gekümmert.
Dieses "Skifahrer jagen". Dein neues Hobby. Höchstens ein
Prozent aller Todesfälle in Weiteau sollten Skifahrer
sein. Seit du in Weiteau bist sind es 2 Punkt 3 Prozent?
Ich habe das nachgeschaut.
SENSEN-MANN
Und du? Du hast gestern in Weiteau 200tausend Euro
Sachschaden verursacht und ein Verkehrschaos zur
Hauptgeschäftszeit.
SENSEN-FRAU
Ja. Ich habe eine Rentnerin unter einen Linienbus. Das war
alles.
SENSEN-MANN
Ja. Aber dann haben ses bis in die Intensiv geschafft.
SENSEN-FRAU
Ja. Die warten dort auf mich. Ich brauche eine Ballerina
für mein Ballett.
38
SENSEN-MANN
Für dein Ballet? Was ist das jetzt schon wieder für ´ne
Flause? Du kannst doch nicht Rentner Ballett tanzen
lassen? Tagelang? Das geht doch nicht?
SENSEN-FRAU
Doch. Natürlich geht das. Warum soll das nicht gehen?
Rentner können auch Ballett tanzen.
SENSEN-MANN
Ja. Aber deine liebe Rentnerin wird nicht mittanzen
können.
Schon wieder außer Lebensgefahr.
Kommt Morgen schon wieder aus der Intensiv.
SENSEN-FRAU
(nach kurzer Pause)
Ah, nein. Das sind diese neuen GeschwindigkeitsBegrenzungen.
SENSEN-MANN
Du hättest den Krankenwagen verunglücken lassen sollen.
SENSEN-FRAU
Ich habe doch keine Kompetenz über den Verkehr?
SENSEN-MANN
Warum machst du dann den Blödsinn mit diesem Linienbus?
SENSEN-FRAU
Der kam gerade so praktisch.
SENSEN-MANN
Elvira? 200tausend Sachschaden. Und das Ergebnis? Eine
Rentnerinnen eine Nacht in der Intensiv. Da stimmt die
ganze Relation nicht?
Fußgänger, Autofahrer; Skifahrer; überall haben sie dir
die Kompetenz bereits entzogen. Das einzige an das Sie
dich noch ranlassen sind Herzpatienten und missglückte
Operationen. Und Alkoholiker. Und kleine Idioten.
(SENSEN-MANN hat BECKBROT auf die Kopf.)
BECKBROT
Ah!
SENSEN-MANN
Und warum hast du die gestern auch noch vor dem Kurpark?
Die Rentnerin?
SENSEN-FRAU
Vor dem Kurpark?
39
SENSEN-MANN
Ja. Die Abgaswerte in Weiteau lagen - an einem
Sonntagnachmittag - 3 Stunden lang 10% über den zulässigen
Werten. Die Kurverwaltung hat eine Verwarnung aus dem
Gesundheitsministerium erhalten? Aus dem
Gesundheitsministerium in Berlin?
SENSEN-FRAU
Mein Gott, so ein Theater zu machen wegen ein paar
Abgaswerten.
Ja gut, ich bin nicht perfekt. Und ich bin auch froh, dass
ich nicht perfekt bin. Und das mit dieser Rentnerin tut
mir leid. Du hast auch schon Fehler gemacht. Du hast mal
einen ganzen Reisebus aus Versehen. Einen ganzen Reisebus?
SENSEN-MANN
Du ich sag dir was: wenn du auch noch hier ausfliegst,
dann gehst du allein. Ohne mich.
Sag mal? Wer ist auf die Idee gekommen dich auf ´n Kurort
loszulassen? Und auch noch auf den exklusivsten Kurort
Deutschlands? Was ist hier schiefgelaufen?
(nach kurzer Pause)
Ohne dich könnte ich schon im schönsten Erdbebengebiet
arbeiten.
SENSEN-FRAU
(nach kurzer Pause)
Dann geh doch!!
Aber du bist immer noch hier. Und ich weiß auch warum.
Weil du mich immer noch liebst. Ja, ich habe meine Fehler.
Ich weiß. Aber ich weiß, dass du mich gerade wegen meine
sensiblen Seite liebst.
(SENSEN-FRAU umarmt SENSEN-MANN. Nach kurzer
Pause fängt SENSEN-MANN leidenschaftliche zu
küssen an. Beide sinken zu Boden.)
FÜCHSEN
Das ist keine Sportlehrerin.
BANDER
Das hat sie auch nie gesagt.
FÜCHSEN
Das ist auch keine Ballettlehrerin. So benimmt sich keine
professionell ausgebildete Lehrkraft.
SENSEN-MANN
Nicht hier.
SENSEN-FRAU
Doch. Hier. Vor allen.
40
(VON HENNEN fliegt sich drehend von Allen
unbemerkt über die Bühne. SENSEN-MANN steht
auf.)
SENSEN-FRAU
Was ist los?
SENSEN-MANN
Ich muss zuerst noch in ´nen Autotunnel.
SENSEN-FRAU
In einen Autotunnel?
SENSEN-MANN
Ja. Zwei Schwerlastwagen. 1500 Hühner.
SENSEN-FRAU
Hühner?
SENSEN-MANN
Ja. Aber dann bin ich zurück.
SENSEN-FRAU
Ja, ich weiß. Deine Arbeit ist dir wichtiger als ich.
Ein paar Hühner sind dir wichtiger als ich.
SENSEN-MANN
1500 Hühner.
SENSEN-FRAU
Ah, Entschuldigung. 1500. 1500 Hühner.
SENSEN-MANN
Elvira, jetzt bitte bleibe für ein Mal vernünftig.
SENSEN-FRAU
Ach? Soll das heißen, dass ich unvernünftig bin?
SENSEN-MANN
Du bist unvernünftig, inkompetent und uneinsichtig.
SENSEN-FRAU
Unvernünftig und inkompetent und uneinsichtig. Aber
ansonsten hast du nichts an mir auszusetzen. So, und jetzt
werde ich mal mit dir anfangen. Was ich an dir auszusetzen
habe: du bist eindimensional. Eindimensional und
phantasielos. Du bist ohne jeglichen Stil. Du hast keinen
Humor, du...
SENSEN-MANN
(unterbrechend)
Gott sei Dank, dass ich keine Humor habe!
41
(SENSEN-KIND kommt auf die Bühne gerannt.)
SENSEN-KIND
Ahm, Papi, die Skifahrer sind zu schnell.
SENSEN-MANN
Wie viele hast du geschafft?
SENSEN-KIND
Ahm, die sind zu schnell, Papi?
SENSEN-FRAU
Hans Theodor?
SENSEN-KIND
Hallo, Mami.
SENSEN-MANN
Wie viele, Hans Theodor?
SENSEN-FRAU
Entschuldigung, Hans Theodor begrüßt gerade seine Mutti.
Hans Theodor!
(SENSEN-FRAU küsst Hans Theodor.)
SENSEN-FRAU
Schau wie Fudu sich freit. Du musst auch Fudu ein Küsschen
geben.
SENSEN-KIND
Ah.
(wischt sich den Mund)
SENSEN-FRAU
Hans Theodor, warum hilfst du heute nicht mal deiner Mutti
ein bisschen?
SENSEN-MANN
Nein, Hans Theodor darf heute seinem Vati helfen. Hans
Theodor darf jetzt gleich seinem Vati helfen eine Lawine
zu machen. So macht man das.
SENSEN-FRAU
Hans Theodor, du könntest ruhig auch einmal deiner Mutti
etwas helfen.
SENSEN-MANN
Hans Theodor wird heute noch seiner Mutti helfen. Hans
Theodor darf nachher ganz alleine auf die Intensiv. Da
wartet eine schöne Rentnerin auf dich.
Das `s ´ne gute Übung für den.
42
SENSEN-KIND
Eine Rentnerin? Aber da ist nicht richtig schwierig? Das
kann ich schon?
SENSEN-MANN
Dann darfst du nachher deinem Vati zeigen wie gut du das
kannst.
SENSEN-FRAU
Ottmar, Hans Theodor geht nicht ganz alleine auf die
Intensiv. Du wirst ihn begleiten. Das Kind ist
hypersensibel und überaktiv.
SENSEN-MANN
Der is` weder über noch unter. Der is` stink normal.
(VON HENNEN fliegt Kopf runter, sich drehend
über die Bühne.)
SENSEN-FRAU
Oh, nein. Ich muss mich um Herrn von Hennen kümmern.
SENSEN-KIND
Und wann gehen wir in den Autotunnel?
SENSEN-FRAU
Du willst den Jungen mitnehmen? In diesen Autotunnel?
SENSEN-KIND
Ja. Zur Hauptverkehrszeit.
SENSEN-FRAU
Ottmar, Hans Theodor geht nicht alleine auf die Intensiv.
Und er kommt mir in keinen Autotunnel. Schon gar nicht zur
Hauptverkehrszeit.
SENSEN-KIND
Papi hat heute schon drei Bergsteiger und da war sogar ein
Champion dabei. Ein Steilwand Champion.
SENSEN-FRAU
Du kannst stolz auf deinen Vati sein. Und ich hoffe, dass
du auch ein bisschen stolz auf deine Mutti bist. Weißt du,
die Menschen sind in vielem so wie wir.
SENSEN-MANN
Jetzt bring dem Kind kein so ´n Blödsinn bei. Deine Mutter
redet manchmal viel Blödsinn raus. Komm, du darfst die
Lawine ganz alleine machen.
SENSEN-KIND
Nein, ich will zuerst in den Autotunnel.
43
SENSEN-MANN
Nein, Zuerst die Skifahrer, dann die Intensiv, und dann
erst der Autotunnel.
SENSEN-KIND
Warum nicht anders rum?
SENSEN-MANN
Ich bestimme hier.
SENSEN-FRAU
Ja, dein Vater weiß immer alles besser. Daran musst du
dich gewöhnen.
SENSEN-MANN
Du hast noch viel zu lernen, Hans Theodor. Und deine Mutti
hat auch noch viel zu lernen.
SENEN-KIND
Mutti kann nicht alles?
SENSEN-FRAU
Nein, deine Mutti kann nicht alles. Sie kann deinem Vati
nichts beibringen. Er lässt sie nicht. Dabei könnte er so
viel lernen von deiner Mutti. Hans Theodor, Mutti hat ganz
viele Kurgäste hier. Aus dem Kurheim. In Weitau.
SENSEN-KIND
Aber die sind ja alle schon halb tot?
SENSEN-FRAU
Das kommt daher da das heute alles Rentner sind. Und weißt
du, einer hat die durchschnittliche Lebenserwartung schon
seit vielen, vielen Jahren überschritten. Und heute tanzen
wir alle zusammen noch ein Ballett.
SENSEN-KIND
Ist da ein Steilwand Champion dabei?
SENSEN-FRAU
Nein. Vielleicht möchtest du gerne mittanzen? In meinem
Ballett. Das wär doch schön. Wir machen eine kleine
Ballerina aus dir. Ja?!
SENSEN-KIND
Ich geh lieber in den Autotunnel.
SENSEN-MANN
Komm, verabschiede dich von deiner Mutti.
SENSEN-KIND
Tschüss, Mutti.
44
SENSEN-MANN
Solange du nur Blödsinn machst bleibt der Junge bei mir.
Komm, gib Mutti ´n Küsschen.
SENSEN-KIND
(küsst schnell)
Papi, der neue Jumbo hat 780 Plätze plus Bordpersonal.
Wenn wir diesen Jumbo auf das Kurheim abstürzen lassen
oder wo die immer ihr Kurkonzert haben...
SENSEN-FRAU
(nachrufend und überschneidend)
Das geht nicht, Hans Theodor. Und warum nicht?
SENSEN-KIND
Weil Weitau ein Kurort ist.
SENSEN-KIND
Mit?
SENSEN-KIND
Mit internationalem Ruf.
SENSEN-FRAU
Ja.
SENSEN-MANN
Und das muss von dir kommen. Das ist doch die reinste
Tortur was du mit denen machst.
SENSEN-FRAU
Ach? Und diese Skifahrer? Dieses Skifahrerjagen? Und jetzt
soll sogar der Junge da noch mitmachen?
SENSEN-MANN
Komm, Hans Theodor, wir gehen jetzt sofort in den
Autotunnel.
SENSEN-KIND
Au ja, Vati!
(im Abgehen)
Ahm, Vati, hast du schon mal etwas von einer Atombombe
gehört?
(SENSEN-KIND und SENSEN-MANN gehen ab.)
SENSEN-FRAU
Die Knie!
FÜCHSEN
Kurheim Weitau, also nein...
45
BANDER
(einfallend)
Jetzt meckere nicht immer an allem herum. Ich habe soweit
keine Beschwerdegründe.
SENSEN-FRAU
Achtung, Attention. Und von nun an dulde ich keine
Widerrede. Von nun an bestehe ich auf absolute Disziplin.
Was soll diese Krücke? Sie brauchen diese Krücke nicht.
(wirft und kickt Krücke)
FÜCHSEN
Das is` ´ne richtige Giftziege.
(nachäffend)
Ich habe soweit keine Beschwerdegründe.
BECKBROT
Komm, das ist eben `ne Frau. So sind Frauen eben. Meine
war noch viel schlimmer.
SENSEN-FRAU
Achtung. Los.
ROBERTS
Excuse.
(hebt Sensen-Frau ´s Sense auf)
SENSEN-FRAU
Ah. Thank you.
ROBERTS
You ´r welcome. Mit Ihrer Erlaubnis.
(ROBERTS arrangiert Sensen-Frau ´s Sense
auf deren Rücken.)
SENSEN-FRAU
Your are very kind. Sie sind sehr freundlich.
ROBERTS
It is a pleasure.
SENSEN-FRAU
Was hat er gesagt?
BUSLOV
Es sei eine Freude Ihnen zu helfen.
ROBERTS
Let`s come on chaps. Achtung? Los? Wir fliegen!
46
SENSEN-FRAU
Ja!
(rennt mit erhobenen Armen los)
(ROBERTS und SENSEN-FRAU rennen lachend
nebeneinander. Alle RENTNER außer FÜCHSEN
folgen mit erhobenen Armen.)
FÜCHSEN
(versperrt den Weg mit Armen)
Stopp!
Hier muss zuerst noch was abgeklärt werden. Jetzt bin ich
noch mal an der Reihe. So, und jetzt habe ich schon wieder
das Kurkonzert verpasst. Aber in genau einer Minute habe
ich meine Anwendungen. Und die werde ich noch einmal
verpassen. Und das ist Ihre letzte Warnung. Wenn ich nicht
in einer Minute zurück im Kurhaus bin dann ist Ihre
Karriere dort beendet. Fristlos. Das kann ich garantieren.
Mit Quittung und Beleg.
(SENSEN-FRAU geht nach kurzer Pause daran
ihre Sense von Ihrem Rücken zu nehmen.
Gleichzeitig tritt in formaler Aufstellung
SENSEN-PRÄSIDENTIN auf angeführt von HERRN
GERSTER auf gefolgt von 4 GEFOLGS-PERSONEN.
HERR GERSTER führt HERRN VITELA an der
Hand.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Frau E.
SENSEN-FRAU
Herr Füchsen,
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Frau E.
BECKBROT
Frau E,
(zeigt auf Sensen-Präsidentin)
SENSEN-FRAU
Ruhe! Herr Füchsen, wir joggen nun los.
FÜCKSEN
Sie dürfen Ihre Kniechen anwinkeln solange Sie wollen.
Aber ohne mich.
SENSEN-FRAU
Wir joggen nun los. Wir alle.
47
FÜCKSEN
Nein.
SENSEN-FRAU
Gut. Dann bleiben Sie eben hier. Dann gehe ich alleine.
FÜCKSEN
Nein. Sie bleiben hier. Jetzt bestimme ich mal hier.
SENSEN-FRAU
Bitte treten Sie zur Seite.
FÜCKSEN
(mit ausgebreiteten Armen)
Nein. Nur über meine Leiche.
(SENSEN-FRAU holt mit Sense aus.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Frau E.
Herr Gerster, bitte.
BECKBROT
Da will jemand was von Ihnen. Und Herr Vitela ist wieder
da.
(HERR GERSTER gibt mit aufgeregten und
meistens nicht zu definierenden Arm -und
Handbewegungen Anweisungen.)
SENSEN-FRAU
Ruhe!
(holt wieder mit Sense aus)
HERR GERSTER
Bitte bleiben Sie vernünftig.
(SENSEN-FRAU sieht HERRN GERSTER, dann
SENSEN-PRÄSIDENTIN. GEFOLGS-PERSONEN nehmen
ihr ihre Sense ab. Sie geht auf die Knie mit
tiefer Verbeugung - Kopf auf die Erde - vor
SENSEN-PRÄSIDENTIN.)
SENSEN-FRAU
Frau Präsidentin.
(bleibt kniend)
HERR GERSTER
(zu VITELA, sehr freundlich)
Sie gehen da rüber. Sie gehören nicht zu uns.
48
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Frau E, ich mache mir Sorgen um Sie.
SENSEN-FRAU
Ich habe alles unter bester Kontrolle.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Herr Gerster.
(zeigt auf Sensen-Frau ´s Sense.)
HERR GERSTER
(sieht Union Jack Socken)
Ha.
(HERR GERSTER entfernt Union Jack Socken,
übergibt diesen einer GEFOLGS-PERSON und ist
dann beschäftigt sich die Finger anzusehen
und zu reiben und zu putzen. GEFOLGS-PERSON
wirft Socken von der Bühne.)
FÜCSHEN
So und jetzt übernehme ich. Achtung. Los! Wir flüchten!
(Alle RENTNER außer VITELA rennen ab.
ROBERTS mit Herrn Gerster ´s Sense.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Ihnen nach! Herr Gerster!
HERR GERSTER
Ihnen nach. Schnell.
(GEFOLGS-PERSONEN rennen ab.)
HERR GERSTER
(von der Bühne)
Schneller!
VITELA
(zu Sensen-Frau)
Ich habe nach Ihnen gesucht.
(GEFOLGS-PERSONEN bringen alle RENTNER außer
ROBERTS und VON HANNEN unsanft - Fußtritte,
Hände auf den Rücken, Ohrfeigen - zurück.)
FÜCHSEN
Ich protestiere.
(HERR GERSTER gibt RENTNERN Handzeichen.)
49
BUSLOV
Ich glaube, wir sollen uns in einer Reihe aufstellen.
HERR GERSTER
(mit viel Hand -und Armbewegungen)
Ja, so. Noch ein bisschen. Ja.
PRENZLAFF
Wir sollen mit dem Kopf auf den Boden?
(ROBERTS schleicht sich mit Herrn Gersters
Sense auf die Bühne stellt sich von HERRN
GERSTER ungesehen hinter diesen.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Herr Gerster?
ROBERTS
How do you do?
HERR GERSTER
(sieht ROBERTS und erschrickt)
Ah.
BUSLOV
Herr Roberts kommt aus England.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Sie haben keine Kompetenz für Engländer. Herr Gerster.
(zeigt auf Sense)
HERR GERSTER
May I; meine Sense. Was heißt das auf Englisch?
(ROBERTS holt im Spaß mit Sense aus.)
HERR GERSTER
Ah.
ROBERTS
Just joking.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Herr Gerster
HERR GERSTER
Ahm, please.
(ROBERTS übergibt Sense)
HERR GERSTER
Thank you.
50
ROBERTS
You `r welcome.
(kniet zusammen mit anderen Rentnern)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Frau E, diese Sense hat rein symbolische Bedeutung
heutzutage. Da bin ich auch nicht ganz einverstanden
damit; aber es wurden nun eben mal neue, der heutigen Zeit
entsprechende Richtlinien erlassen an die wir uns zu
halten haben.
BANDER
Siehst de, das hat überhaupt nichts gebracht.
FÜCHSEN
Ich protestiere.
(FÜCHSEN wird von GEFOLGS-PERSONEN unsanft
auf Boden gepresst.)
FÜCHSEN
Au. Vorsicht.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Frau E, ich komme gerade aus der Intensivstation Weiteaue.
BUSLOV
Weiteau.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Danke sehr.
Frau E, über den Verkehr haben Sie keine Kompetenz. Dieser
Linienbus gestern...
SENSEN-FRAU
(einwerfend)
Der kam gerade so praktisch.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Nicht praktisch genug.
SENSEN-FRAU
Au, meine Knie.
(steht auf)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Frau E, ich halte nichts von diesen althergebrachten
symbolischen Unterwürfigkeits-Gesten. Solche Gesten stören
direkt mein Konzept von moderner Teamarbeit. Aber in Ihrem
Fall muss ich leider eine Ausnahme machen.
51
(HERR GERSTER gibt Handzeichen. SENSEN-FRAU
geht wieder auf die Knie.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Frau E, Sie haben gestern in Weiteau 200tausend Euro
Sachschaden verursacht und ein Verkehrschaos in Sichtweite
des Kurparks. Die Abgaswerte lagen an einem
Sonntagnachmittag, 3 Stunden lang 10% über den zulässigen
Werten. Die Kurverwaltung hat eine Verwarnung aus dem
Gesundheitsministerium erhalten.
HERR GERSTER
Aus dem Gesundheitsministerium in Berlin.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Danke sehr, Herr Gerster.
Der Kurverwaltung liegen bereits verschiedene von
Rechtsanwälten abgefasste Beschwerden vor.
HERR GERSTER
Von den renommiertesten internationalen Rechtsanwälten;
abgefasst.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Danke sehr, Herr Gerster.
HERR GERSTER
Die Schadenersatzforderungen von Kurgästen werden sich auf
hundertausende von Euros belaufen.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Ich sagte: "Danke sehr", Herr Gerster.
Frau E, Weiteau ist der exklusivste Kurort Deutschlands.
Weiteau ist ein Kurort mit internationalem Ruf.
SENSEN-FRAU
Ja, ich weiß.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Und Sie haben keine Kompetenz über den Verkehr.
SENSEN-FRAU
Ja, das weiß ich.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Ach? Das wissen Sie auch. Frau E, es handelt sich bei
dieser Rentnerin um Privatpatienten aus Dänemark.
HERR GERSTER
Kurheim Weiteau bemüht sich zur Zeit gerade auch sehr um
den dänischen Markt.
52
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Ja, Herr Gerster. Ich bin darüber informiert.
SENSEN-FRAU
Ich hätte besser aufpassen sollen. Gestern. Mit dieser
Rentnerin. Das wird nicht wieder vorkommen. Das kann ich
Ihnen versichern.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Und warum gerade diese Rentnerin? Diesen Kurgast aus
Dänemark?
SENSEN-FRAU
Ich weiß nicht.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Ach das wissen Sie nicht. Sie verursachen 200hundertausend
Euro Sachschaden und wissen nicht warum. Aber ich glaube
ich kann Ihnen diesbezüglich
(schaut auf Füchsen, geistesabwesend)
weiterhelfen. Sie meinten, Sie bräuchten eine Ballerina
für Ihr Ballett. Und darum kam diese Dame aus Dänemark
unter diesen Linienbus.
(zu FÜCHSEN)
Name?
FÜCHSEN
Füchsen.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Sind Sie sicher?
FÜCHSEN
Sagen Sie mal? Wer ist hier senil? Sie oder ich? Ich werde
doch noch meinen eigenen Namen wissen?
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Wo ist Herr Faqua, Frau E? Herr Faqua, Zimmer 23.
SENSEN-FRAU
Zimmer 23. Das ist Herr Faqua. Nein, das ist... das
verstehe ich nicht.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Aber ich verstehe es. Sie haben den falschen mit
SENSEN-FRAU
Nein. Ich war auf Zimmer 23. Ich bin sicher.
FÜCHSEN
Ja und da war ich ja auch.
53
SENSEN-FRAU
Nein. Sie sind nach Ihren Anwendungen "ins Bett
geschwebt". Zimmer...?
FÜCHSEN
2B.
SENSEN-FRAU
Ja.
FÜCHSEN
Ja aber das war Mittags. Abends war ich bei Herrn Faqua.
Zimmer 23. Nach dem Vortrag über den biogenetischen
Energiehaushalt lud er mich zu einer Wodka-Kur ein. Ich
wollte ja noch zurück auf mein Zimmer. Aber dann bin ich
umgekippt. Wodka vertrage ich einfach nicht.
BANDER
Ja ´ne ganze Pulle davon würde ich auch nicht vertragen.
FÜCKSEN
Sie hat den falschen mit. Ich habe heute meine
Anwendungen. Und dann noch mal `n Vortrag. Endlich klärt
sich das auf. Gott sei Dank.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Gut. Das ist sehr einfach. Dann macht Herr Faqua heute
eben Ihr und Sie sein Programm. Frau E,
FÜCHSEN
(unterbrechend)
Nein? Stopp. Jetzt wart mal. Und mein Vortrag? Ich muss
unbedingt zu diesem Vortrag heute. Ich muss am Ende der
Kur ein Prüfung machen. Neue Vorschriften der
Krankenkasse. Was glauben Sie was ich da noch büffeln
muss?
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Herr Gerster.
(HERR GERSTER gibt Zeichen. FÜCHSEN wird
unsanft zu anderen Rentnern geführt.)
FÜCHSEN
Wenn ich durch die Prüfung rassle, dann bekomme ich doch
nie mehr `ne Kur verschrieben.
(wird auf Boden gepresst)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Frau E, ich mache mir Sorgen um Sie.
54
SENSEN-FRAU
Ich habe alles unter bester Kontrolle.
(VON HENNEN fliegt bewusstlos über die
Bühne.)
SENSEN-FRAU
Herr von Hennen.
Ich wollte mich gerade um ihn kümmern.
(HERR GERSTER gibt Anweisungen. Zwei
GEFOLGS-PERSONEN gehen ab.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Frau E, bitte legen Sie Ihren Umhang ab.
(SENSEN-FRAU trägt buntes Kleid. GEFOLGSPERSONEN kommen mit VON HENNEN zurück und
legen ihn ab.)
SENSEN-FRAU
Immer nur schwarz; schwarz steht mir einfach nicht.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Frau E, Sie haben es mir zu verdanken, dass die strengen
Kleidungsvorschriften etwas gelockert wurden. Sie dürfen
heutzutage auch dezente Grautöne tragen.
Frau E, habe ich mich einmal beschwert über Sie? Sie
verursachen 200tausend Sachschaden, ohne nennenswertes
Resultat; diese Ihnen anvertrauten Kurgäste sollten alle alle ohne Ausnahme - ihre Kur bereits beendet haben; drei
dieser Kurgäste sollten bereits beigesetzt sein; Herr
Roberts bereits überführt. Familienmitglieder Herrn
Roberts sind bereits zum zweiten Mal vergeblich zu seiner
Beisetzung angereist? Die Unkosten für zwei stornierte
Überführung -bezw. Beisetzungen belaufen sich bereits auf
tausende von Pfund.
HERR GERSTER
Auf über 10tausend Fund. Plus 5tausend Euro für zwei
stornierte Überführungen für die das Kurheim Weitau
aufzukommen hat oder der deutsche staatliche
Gesundheitsdienst. Das ist noch in der Schwebe.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Danke sehr, Herr Gerster.
Unkosten die - da Herr Roberts 35tausend Schulden auf 3
Kreditkarten verteilt hinterlässt - von den Angehörigen
Herrn Roberts getragen werden müssen.
Sie sehen wie eine Vogelscheuche aus; und jetzt fangen Sie
auch noch an dieses Tier mit sich herumzuschleppen?
55
SENSEN-FRAU
Das ist Fudu. Er hat rein symbolische Bedeutung. Er
symbolisiert Ono oder Bono oder so ähnlich. In der
klassisch, griechischen Mythologie, vor dem Totenreich
bewacht der Totenhund, zusammen mit...
SENSEN-PRÄSIDENTIN
(unterbrechend
Ich bin darüber informiert.
SENSEN-FRAU
Ono oder Bono oder Fudu wie ich ihn nenne...
SENSEN-PRÄSIDENTIN
(unterbrechend)
Das ist ein Hund aus dem Hundeheim Weiteau.
SENSEN-FRAU
Ja. Natürlich. Er, Fudu, er hat ja auch nur ahm
symbolische Bedeutung.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Frau E,
SENSEN-FRAU
(einwerfend)
Fudu,
SENSEN-PRÄSIDENTIN
(unterbrechend)
Frau E!
Frau E, bitte glauben Sie mir: ich kann Sie verstehen. Ich
fühle oft genau wie Sie diese innere Leere. Diese
Eintönigkeit. Diese Routine. Diese immerwährende, -endlos
-erbarmungslose Routine. Mit meinem Verständnis, mit
meiner Geduld, mit meinem Mitgefühl Ihnen gegenüber werde
ich daher nie am Ende sein. Aber in meiner professionellen
Kapazität werde ich bald eine Entscheidung treffen müssen.
SENSEN-FRAU
Und wo soll ich dieses Mal hin versetzt werden? In ein
Krematorium?
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Sie werden nicht mehr versetzt, Frau E. Alle
diesbezüglichen Disziplinmaßnahmen sind in Ihrem Falle
bereits voll ausgeschöpft. Da es sich in Weitau um den
exklusivsten Kurort Deutschlands handelt lassen Sie mir
keine andere Möglichkeit als eventuell entschieden handeln
zu müssen: Die nächste Sie betreffende Disziplinmaßnahme
wird Liquidation sein. Sterblich werden Sie noch ein paar
56
SENSEN-PRÄSIDENTIN
(fortgesetzt)
Jahre herumirren. Strafverschärfung in besonders extremen
Fällen.
SENSEN-FRAU
Ich möchte einfach ein bisschen Spaß.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Spaß?
SENSEN-FRAU
Ja. Spaß und Freude. Und gerade auch während der Arbeit.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Frau E? Weiteau ist ein Kurort mit internationalem Ruf.
Sie sind dazu verpflichtet ein gewisses Dekorum
einzuhalten.
SENSEN-FRAU
Ja. Und das tue ich ja auch.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Nein! Das tun Sie nicht! Seit Monaten schon lassen Sie
alle Ihnen anvertrauen Kurgäste sich tagelang,
erbarmungslos zu Tode tanzen. Ich bin darüber informiert.
Und - es wurde mir zugetragen...
(schaut auf HERRN GERSTER)
(HERR GERSTER verneigt sich leicht)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
... dass sie nun sogar planen bereits klinisch tote
Kurgäste künstlerisch und physisch anspruchsvolle Ballette
aufführen zu lassen. Frau E, Weiteau ist ein Kurort mit
internationalem Ruf? Weiteau ist der exklusivste Kurort
Deutschlands?
SENSEN-FRAU
Ja. Und darum bestehe ich ja auch immer auf Stil. Ich
bemühe mich immer um höchstes Niveau und künstlerische
Ausdruckskraft.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Frau E, Kurgäste aus Weiteau tagelang einen schwedischen
Volkstanz aufführen zu lassen, was hat das mit Niveau zu
tun?
SENSEN-FRAU
Nichts! Absolut nichts! Da stimme ich Ihnen zu. Auch ich
musste eine Lernkurve durchgehen. Aber ich kann Ihnen
57
SENSEN-FRAU
(fortgesetzt)
versichern, - und ja, sie haben Recht - ich habe mir
vorgenommen meine Kurgäste ab heute nur noch
anspruchsvolle, niveauvolle Ballette aufzuführen zu
lassen.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
"Ab heute" werden keine weiteren Kurgäste mehr zu Tode
getanzt. Ab heute werden Sie sich streng an die
Vorschriften halten. Herr Gerster.
HERR GERSTER
Zu Befehl.
Privatpatienten und Kassenpatienten bitte trennen.
Privatpatienten hier bitte.
(Zu Füchsen)
Sind Sie Kassen -oder Privatpatient?
FÜCHSEN
Das sage ich nicht.
BANDER
Er ist halb halb.
PRENZLAFF
Dann brauchen wir für den eine extra Kategorie.
Dann bleiben Sie hier stehen.
(GEFOLGS-PERSON übergibt auf HERRRN GERSTERS
Anweisung SENSEN-FRAU Pillendöschen.)
HERR GERSTER
Mit einem Schluck Wasser. Kann auch gelutscht werden.
(hinter vorgehaltener Hand)
Aber mit Wasser ist besser. 4 1/2 Minuten.
Durchschnitt.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Für die Kassenpatienten werden Sie ihre Sense benützen.
SENSEN-FRAU
Das ist verboten.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Sie haben meine ausdrückliche Erlaubnis dazu.
Frau E, Sie wissen was Sie zu tun haben. Herr Gerster.
(SENSEN-PRÄSIDENTIN, GEFOLGS.PERSONEN und
HERR GERSTER stellen sich formal auf und
gehen ab. VON HENNEN kommt zu sich.)
58
VON HENNEN
Wo bin ich?
BECKBROT
In Weiteau. In der Kur. Sind Sie Kassenpatient?
VON HENNEN
Ja. Aber ich habe eine Privatversicherung.
PRENZLAFF
Dann müssen hier da hin. Extra Kategorie.
VON HENNEN
Ja.
PRENZLAFF
So, jetzt organisiere ich das man ´n bisschen.
FÜCHSEN
Sagen Sie mal? Joggen, tanzen, tanzen, Joggen. Fliegen?
Das sollten wir doch heute auch schon mal? Nein, ja, ja,
nein. Was ist denn das für eine Arbeitsweise? So
unorganisiert. Und unkoordiniert. Sie sind hier nicht in
Griechenland. Oder Italien? Sie sind hier in Deutschland.
Sagen Sie mal wo kommen Sie eigentlich her? Das sind wir
hier nicht gewöhnt?
VON HENNEN
Ich hatte furchtbare Alpträume.
(ROBERTS hilft SENSEN-FRAU ihre Sense von
ihrem Rücken zu nehmen.)
SENSEN-FRAU
Thank you. Sie sind sehr freundlich. You are very kind.
ROBERTS
At your service.
SENSEN-FRAU
Thank you.
ROBERTS
Your `s welcome.
VON HENNEN
Ich bin aus einem Jumbo gesprungen. Weil er abgestürzt
ist. Und dann bin ich mit einem Fallschirm geflogen. Aber
anstatt runter immer weiter rauf. Bis auf den Mond. Und
dort bin ich in einem Supermarkt. Aber die wollten mir
nichts geben. Die haben keine Euros akzeptiert. Die
wollten mich verhaften. Die sagten, das sei Falschgeld.
59
BECKBROT
Er hatte ganz schlimme Alpträume.
BANDER
Über den Euro. Ja, das hatte ich auch schon.
VON HENNEN
Haben Sie zufällig ein paar organische Schmerztabletten?
BUSLOV
Ja. Und für mich auch bitte. Für mich, das muss aber nicht
unbedingt organisch sein.
SENSEN-FRAU
Nein. Habe ich nicht. Weder noch. Tut mir leid. Dazu bin
ich nicht zuständig. Aber für die Privatpatienten habe ich
etwas anderes Gutes. Privatpatienten bitte.
BECKBROT
Bekommen wir nicht alle das Gleiche?
SENSEN-FRAU
Nein.
HERR GERSTER
Neue Vorschriften der Krankenkasse.
BECKBROT
Na das ist mal wieder typisch. Und wann tanzen wir da
Ballett?
SENSEN-FRAU
Wir werden unser Ballett nicht tanzen.
BROTBECK
Nein?
SENSEN-FRAU
Nein.
BROTBECK
Oh, jetzt habe ich mich schon so gefreut. Sie haben es
versprochen.
SENSEN-FRAU
Ja, das habe ich. Aber es tut mir leid, wir... ich...
(steht mit erhobener Sense vor
Kassenpatienten)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
(von hinter der Bühne)
Frau E!
60
(SENSEN-PRÄSIDENTIN,GEFOLOGS-PERSON und
HERR GERSTER treten formal auf.)
FÜCHSEN
Ich glaube, ich gehe lieber dort rüber.
(GEFOLGS-PERSON verstellt FÜCHSEN den Weg.)
BANDER
Siehst du, das ist jetzt zu spät. Das hättest du dir
früher überlegen sollen.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
(nach Pause)
Frau E.
SENSEN-FRAU
Ja?
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Was macht ihr Sohn unbeaufsichtigt auf der Intensivstation
Weiteau?
BUSLOV
Ich glaube wir können uns wieder setzen. Es ist noch nicht
ganz so weit.
RENTNER
(lassen sich nieder)
Ah...
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Frau E,
SENSEN-FRAU
(einwerfend)
Das kann ich alles erklären!
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Frau E, ihr Sohn, Hans Theodor, hat die gesamte
Intensivstation Weiteau hingemetzelt einschließlich des
Pflegepersonals.
SENSEN-FRAU
Das kann ich alles erklären. Mein Mann, Hans Theodor, dies
Rentnerinnen, aus Dänemark, die die gestern unter diesen
Linienbus...
SENSEN-PRÄSIDENTIN
(einfallend)
Ich hatte mich um diesen Kurgast bereits persönlich
gekümmert. Frau E, die Todesrate in Weiteau wurde auf 3
61
SENSEN-PRÄSIDENTIN
(fortgesetzt)
Punkt 6 festgelegt. Dank Ihres Sohnes, Hans Theodor, ist
die Todesrate auf 3 Punkt 9 gestiegen.
SENSEN-FRAU
Ich sagte zu meinen Mann, er solle Hans Theodor...
SENSEN-PRÄSIDENTIN
(unterbrechend)
Frau E? Weiteau ist ein Kurort mit internationalem Ruf?
Frau E, ihr Sohn, Hans Theodor, würde es fertigbringen die
gesamte Menschheit auszurotten.
SENSEN-FRAU
Hans Theodor würde nie so etwas tun!
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Frau E,
SENSEN-FRAU
(einwerfend)
Da nehme ich ihn in Schutz! Mein Mann...
SENSEN-PRÄSIDENTIN
(unterbrechend)
Nein! Nicht Ihr Mann! Für das Benehmen Ihres Sohnes mache
ich Sie und ausschließlich Sie verantwortlich.
SENSEN-FRAU
(steht auf)
Das werden Sie zurück nehmen!
(HERR GERSTER macht aufgeregt Zeichen zu
SENSEN-FRAU die daraufhin wieder auf die
Knie geht.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Frau E, ihr Mann ist bekannt für seine Diskretion, seine
Verlässlichkeit, für sein Pflichtbewusstsein; für seine
Professionalität.
SENSEN-FRAU
Da kann man auch anderer Meinung sein.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Nein, das kann man nicht.
Frau E, Sie wissen was Sie zu tun haben.
(GEFOLGS-PERSONEN stellen sich auf HERRN
GERSTER Anweisung formal auf. HERR GERSTER
und SENSEN-PRÄSIDENTIN reihen sich ein.)
62
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Frau E, ich werde bald eine Entscheidung treffen müssen
was Ihre Zukunft betrifft.
SENSEN-FRAU
Ich habe alles unter bester Kontrolle.
(HERR GERSTER, GEFOLGS-PERSONEN und SENSENPRÄSIDENTIN wollen abgehen. VITELA will
formal mit abgehen.)
HERRR GERSTER
Stopp.
(zu VITELA, sehr freundlich)
Nein, Sie müssen da rüber. Sie gehören nicht zu uns.
(ROBERTS nimmt GERSTER Sense von seinem
Rücken.)
ROBERTS
Hello!
(HERR GERSTER wendet sich zu ROBERTS)
ROBERTS holt mit Sense aus.)
HERR GERSTER
Ah!
(weicht zurück)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Herr Gerster.
HERR GERSTER
(zu Roberts)
Please.
(ROBERTS übergibt Sense.)
HERR GERSTER
Thank you.
(HERR GERSTER, GEFOLGS-PERSONEN und SensenPRÄSIDENTIN gehen ab.)
SENSEN-FRAU
Aufstehen bitte. Privatpatienten mit Wasser nehmen oder
lutschen. Kassenpatienten...
(holt mit Sense aus)
ROBERTS
Good bye. Ich habe mich gefreut Sie kennen zu lernen.
63
SENSEN-FRAU
Ja. Ich mich auch. Me too.
ROBERTS
I hope we meet again.
BUSLOV
Er hofft, dass sie sich wieder einmal sehen.
ROBERTS
We had such fun together.
BUSLOV
Er meint, sie solch einen Spaß zusammen gehabt.
SENSEN-FRAU
(lachend)
Ja.
(nachdenklich)
Ja.
Nein. Doch. Nein. Nein. Ich muss.
(holt mit Sense aus)
Nein.
(lässt Sense sinken)
Nein. Sie werden Ihre Kur mit Stil und Niveau beenden.
Die Beine anwinkeln. Es geht weiter.
Die Pillen wegwerfen.
ROBERTS
Zu Befehl.
PRENZLAFF
Was is` los?
ALBRECHT
As is os?
FÜCHSEN
Ich glaube, wir tanzen heute doch noch.
SENSEN-FRAU
Höher, Herr von Hennen. Sie sind hier nicht im
Kindergarten. Und bitte machen sie sich schon Gedanken
über was sie zum Abschluss dann tanzen möchten. Ich bin
offen für Vorschläge.
VON HENNEN
Au. Ah...
BECKBROT
Nicht nehmen. Wegwerfen. Die Pillen?
64
VON HENNEN
Die habe ich schon geschluckt.
BECKBROT
Ausspuken. Helft mal.
(Alle helfen VON HENNEN - hauen ihm auf den
Rücken... - bis er die Pille aus spukt.)
SENSEN-FRAU
Achtung. Los!
FÜCHSEN
Ja. Aber in diese Richtung. Komm, wir flüchten!
(Alle außer BANDER rennen ab mit Geschrei.
ROBERTS mit Sensenfrau ´s Sense.)
SENSEN-FRAU
Nein. Stop.
BANDER
Wartet auf mich.
(humpelt ab.)
SENSEN-FRAU
Nein. Sie bleiben hier. Alle hier her zurückkommen! Das
ist ein Befehl! Wo ist meine Sense? Ah.
(sinkt mit Nervenzusammenbruch zu Boden)
(Vorhang)
65
2. AKT
(Bühne: Nebelschwaden dann
schwärzliche Beleuchtung.
Vegetation.)
(ROBERTS bahnt mit Sense einen Weg durchs
Digicht. Alle folgen ihm.)
PRENZLAFF
Warum gehen wir dem hinterher?
BANDER
Weil er sich hier auskennt.
PRENZLFAFF
Der weiß genau so wenig wie wir? Und wir haben keine
Ahnung wo wir sind. Ergo, also logischerweise...
FÜCHSEN
(unterbrechend)
Nein. Ich weiß jetzt wo wir sind.
PRENZLAFF
Und wo sind wir bitte?
FÜCHSEN
Da kommt jetzt gleich der Kurpark.
BANDER
Der Kurpark? Bist du sicher?
FÜCHSEN
Ja, ganz sicher. Wir haben sie abgehängt.
(Überschall Knalle)
BECKBROT
Nein. Die ist hinter uns her.
(ALLE horchen).
BECKBROT
Die fliegt Überschall.
FÜCHSEN
Ruhe.
PRENZLAFF
Wir machen keinen Krach. Die macht den Krach.
(Kleine Knalle. ALLE horchen)
66
BROTBECK
Das ist der Hund. Der fliegt auch Überschall.
(BUSLOV sinkt zu Boden.)
FÜCHSEN
Sie müssen durchhalten.
BUSLOV
Ja.
FÜCHSEN
Wir sind jetzt gleich zurück. Im Kurheim.
BECKBROT
Und was sagen wir wenn wir ankommen?
FÜCHSEN
Dann erzählen wir ganz genau was sich zugetragen hat?
BANDEER
Aber sage nichts von dem Hund.
FÜCHSEN
Warum nicht?
BANDER
Besser nicht.
BUSLOV
Sie gehen weiter. Ohne mich.
(zieht sich Kleidung über seinen Kopf)
BANDER
Mensch, sagt dem, der soll den Blödsinn lassen.
FÜCHSEN
Herr Heinrichsen, wir haben es gleich geschafft. Nur noch
um die Ecke und da kommt jetzt gleich der Kurpark. Und von
da nehmen wir ein Taxi.
(Musik: Coda, Herold "Zamba". Füchsen horcht
auf. BUSLOV versucht etwas zu sagen.)
BANDER
Was meint er? Sagt dem mal er soll positiv denken. Mein
Gott, jetzt rede ich auch schon so Blödsinn raus.
(BROTBECK hält Ohr an BUSLOV ´S Mund.)
67
BECKBROT
Herr Buslov möchte wissen wie weit es noch bis zum Kurpark
ist.
FÜCHSEN
Ruhe. Da. Ich kann schon das Kurkonzert hören.
BANDER
(nach kurzer Pause)
Kann irgendjemand was hören?
PRENZLAFF
Was ist los?
BANDER
Können Sie Musik hören.
PRENZLAFF
(nach kurzer Pause)
Nein. Totenstille
ALBRECHT
As is os?
FÜCHSEN
Da. Ganz deutlich.
ALBRECHT
As is os?!
BANDER
(nach kurzer Pause)
Was wird denn gespielt?
FÜCHSEN
Ah ich komme jetzt nicht drauf.
Aber das liegt mir auf der Zunge.
BANDER
Aber sie spielen irgendwas?
FÜCHSEN
Ja! Das spielen sie oft morgens um elf. Beim Kurkonzert.
BANDER
Sing ´s doch mal.
FÜCHSEN
So:
(lallt und tanzt)
Lalalala, lalalala.
68
BANDER
Und das kannst du hören?
FÜCHSEN
Ja. Ganz deutlich.
(Musik stoppt)
BANDER
Du, wenn wir zurück sind im Kurheim nimmst du sofort deine
Tabletten.
FÜCHSEN
Jetzt hat `s aufgehört. Es war himmlisch.
SCHREIBER
Nein, wir haben nämlich, ich weiß, das geht nämlich, so
jetzt.
(fängt an im Kreis zu gehen)
PRENZLAFF
Jetzt geht dem mal hinterher. Auf geht´s. So, ja. Jetzt
bestimme ich mal. Ansonsten passiert überhaupt nichts mehr
hier.
(ALLE gehen SCHREIBER hinterher.)
BANDER
Wir drehen uns im Kreis.
PRENZLAFF
Jetzt lass den mal.
(ALLE gehen nochmals in Kreis. BANDER packt
Schneider.
SCHNEIBER
Ah.
PRENZLAFF
Jetzt lass den doch mal.
BANDER
Herr Roberts, Sie scheinen sich hier auszukennen. Could
you... ahm, könnten Sie uns bitte führen.
BUSLOV
Could you please show us the way.
ROBERTS
Aber natürlich. It it ´s a pleasure.
69
PRENZLAFF
Nein. Also dem liefen wir lange genug hinterher.
(BUSLOV sinkt zu Boden.)
BANDER
Ja hat vielleicht jemand einen besseren Vorschlag?
Herr BUSLOV: aufstehen. Keine Müdigkeit vortäuschen.
BUSLOV
Nein. Ah...
(BANDER stellt BUSLOV auf die Beine.)
BUSLOV
Danke sehr.
BANDER
Und schon wieder auf den Beinen. So schnell geht das.
BUSLOV
Ja.
BANDER
Ihr nehmt ihn.
(zeigt auf ALBRECHT)
Herr Roberts, please.
PRENZLAFF
Und warum gehen wir jetzt plötzlich in diese Richtung?
FÜCHSEN
Weil von da die Musik kam. Es war himmlisch.
BANDER
Ja. Musik so wichtig für die geistige und seelische und
das wirkt sich auch auf... wir haben das alle gelernt.
Da hätten Sie eben besser aufpassen sollen.
(RENTNER gehen langsam - ALBRECHT mit sich
führend - mit Schmerzenstönen hinter ROBERTS
her der mit Sense wieder und dieses Mal
humorvoll und malerisch den Weg durchs
Digicht bahnt. SENSEN-FRAU wartet sitzend,
die Beine baumelnd mit FUDU auf RENTNER.)
VON HENNEN
Ah, diese Schmerzen.
BECKBROT
Mir tut plötzlich überhaupt nichts mehr weh.
70
VON HENNEN
Und diese Schwindelanfälle die ich immer habe.
BECKBROT
Schwindelanfälle?
(zu Bander)
Das hört sich nicht gut an. Ich dachte, es geht Ihnen so
gut.
VON HENNEN
Ja, das dachte ich ja auch? Und diese Seite, das ist alles
ganz abgestorben. Und jetzt habe ich auch noch so
Schüttelfrost.
BECKBROT
Schüttelfrost?
VON HENNEN
Ja. Ganz schlimm.
BANDER
Sagen Sie, sind Sie überhaupt noch am Leben?
VON HENNEN
Und ich habe auch immer noch diese Albträume.
BROTBECK
Albträume? Da ist der Hund.
SENSEN-FRAU
Nicht so schnell...
ALLE RENTNER
(erschrecken)
Ah...
SENSEN-FRAU
... meine Herren. Sie haben es zu eilig. Bitte denken Sie
an Ihren Energiehaushalt. So und von nun an werde ich
meine Taktik ändern. Sie haben meine gutmütige, meine
kompromissbereite, meine sensible Seite kennen gelernt.
Von nun an werden Sie meine andere Seite keinen lernen. Wo
ist meine Sense? Was haben Sie mit meiner Sense getan?
ROBERTS
May I? Darf ich?
(ROBERTS arrangiert Sense auf SENSEN-FRAUS
Rücken während Albrecht bewusstlos zu Boden
sinkt.)
71
SENSEN-FRAU
Thank you.
ROBERTS
You ´r welcome.
SENSEN-FRAU
Achtung. Los. Ohne Pause. Ohne Rast. Ab sofort benehmen
wir uns mit Disziplin und ohne Widerrede. Und das gilt
auch für Herrn Roberts. Nein. Das gilt gerade auch für
Herrn Roberts. Achtung. Los.
BECKBROT
Der Albrecht.
FÜCHSEN
Kurheim Weiteau. Du also nie wieder.
BANDER
Jetzt meckere nicht immer an allem herum. Man muss alles
mal mitgemacht haben. Das erweitert den Horizont.
SENSEN-FRAU
Ich sagte: Achtung, los.
BECKBROT
Nein. Ohne den Albrecht gehen wir nicht.
BANDER
Genau. Das wollte ich gerade auch sagen. Und er auch.
(packt Schneiber)
SCHNEIBER
Ah.
BANDER
Sehen Sie. Gut gesprochen, Herr Schneiber.
(packt Schneiber nochmals)
SCHNEIBER
Ah.
BECKBROT
Oder es sollen die die mit ihr gehen möchten mit ihr gehen
und die anderen bleiben hier bis es ihm wieder besser
geht.
VON HENNEN
Ja. Das finde ich eine gute Idee. Dem stimme ich zu. Dann
kann jeder für sich selber entscheiden.
(stellt sich zu Sensen-Frau)
Also ich gehe dann mit Ihnen.
72
(ROBERTS nimmt Sense von SENSEN-FRAU Sense
Rücken und rennt mit Indianergeschrei ab.
VITELA folgt.)
PRENZLAFF
Sagt mal, was ist mit dem los? Was ging da daneben? Das
beobachte ich schon die ganze Zeit.
BECKBROT
Herr Roberts ist aus England. Und sie hat keine
Qualifikationen für Engländer. Haben Sie das nicht
mitbekommen?
PRENZLAFF
Nein. Aber wundern tut mich das nicht. So, jetzt kommen
also schon die Engländer und nehmen uns die Kurplätze weg.
BECKBROT
Ich glaube, er ist ein Privatpatient.
PRENZLAFF
Das ist kein Privatpatient. Sieht der etwa nach einen
Privatpatient aus?
BANDER
(aufgebracht)
Und wie bitte schön soll ein Privatpatient aussehen?
BECKBROT
Den haben die ganz schön wieder aufgepäppelt. Ihr hättet
den sehen sollen als er hier ankam.
BANDER
(zu BECKBROT)
Schau mal was der dort macht.
(BECKBROT geht ab.)
SENSEN-FRAU
Ja, mein Mann hat Recht. Ich habe immer nur versagt.
Ich habe immer nur versagt. In meiner Ehe. Im beruflichen.
Ja, mein Mann hat Recht. Ich bin unprofessionell. Ich bin
durch und durch unprofessionell. Es ist einfach falsch
Rentner tagelang tanzen zu lassen. Die haben es nicht
verdient ihre Kur mit Stil noch Niveau zu beenden! Ah, Ich
weiß nicht mehr was ich tun soll.
(schluchzt)
(ROBERTS und VITELA und BECKBROT bringen
Äste. ROBERTS trägt kaputte Sense.)
73
ROBERTS
(zu SENSEN-FRAU)
Excuse.
(ROBERTS nimmt SENSEN-FRAU ihren schwarzen
Gürtel ab und macht Bahre.)
BANDER
(gibt Anweisungen)
Jetzt helft mal mit. So, und jetzt den hier drauf.
(ALBRECHT wird auf Bahre gelegt.)
BANDER
Sie können ja noch.
BUSLOV
Ja. Aber nicht mehr lange.
BANDER
Aber Sie können noch. Gut. Sehr schön.
(mit Sense und abgebrochenen Sensenstil in
der Hand)
Sie, das tut uns furchtbar leid. Was da passiert ist.
(BANDER arrangiert Sense auf SENSEN FRAU `S
Rücken.)
BANDER
Das ist dann nur ein bisschen kürzer. Und das können Sie
ja so in die Hand nehmen. Und ihr nehmt jetzt den
Albrecht. Und es wird nicht gejoggt. Und auch nicht
getanzt. Und schon gar nicht geflogen. Wir gehen, langsam,
ruhig und gemächlich. Und zwar in diese Richtung.
PRENZLAFF
Und warum in diese Richtung.
BANDER
(hinter vorgehaltener Hand)
Weil von da die Musik kam.
Musik ist so wichtig für die geistige und seelische und
das wirkt sich auch... hat man Ihnen das nicht beigebracht
im Kurheim? Wir haben das alle gelernt. Achtung. Los.
(Alle setzen sich in Bewegung.)
ALBRECHT
As is os?
SENSEN-FRAU
Nein. Stopp. Halt.
74
BANDER
Wartet kurz. Sie will uns anführen.
ALBRECHT
As is os?!
BANDER
Herr Dr. Albrecht, es wird alles wieder gut. Wir haben
alles unter Kontrolle. Achtung. Los.
(Alle setzten sich in Bewegung.)
BECKBROT
Schaut mal. Der Albrecht.
(Alle halten ein.)
BECKBROT
Er probiert ein Knie anzuwinkeln.
PRENZLAFF
Der Albrecht is` zäh. Das habe ich schon mitbekommen.
BANDER
Sehr schön, Herr Dr. Albrecht. Sehr schön.
(Alle setzen sich in Bewegung.
Nebelschwaden.
RITTER und SCHNEWITTCHEN tauchen auf und
verschwinden wieder im Nebel.)
FÜCHSEN
Schneewittchen. Das war mal mein Lieblingsmärchen. Und
dann wollte ich ein Ritter werden. Ich habe mal eine
richtige Burg gebaut und die habe ich dann verteidigt. Du,
und gerade habe ich ganz viele Ritter gesehen. Und auch
Schneewittchen.
BANDER
Und auch Schneewittchen?
FÜCHSEN
Ja.
BANDER
Und die sieben Zwerge? Waren die auch dabei?
FÜCHSEN
Da habe ich jetzt nicht richtig aufgepasst.
75
BANDER
Du, sobald wir im Kurheim sind nimmst du sofort deine
Tabletten. Und keine Wodka-Kuren mehr. Sonst siehst du
auch noch die Witwe Bolte.
(FÜCHSEN gefriert)
BANDER
Was is`?
VON HENNEN
Au. Ah.
BUSLOV
Sie müssen durchhalten. Wenn ich es kann dann können Sie
es auch.
BANDER
Ruhe.
FÜCHSEN
Da ist wieder die Musik.
BANDER
(zu PRENZLAFF)
Er hört wieder was.
Spielen sie immer noch das Gleiche?
FÜCHSEN
Nein. Da singt jemand. Etwas aus einer Oper.
BANDER
Er hört Opernmusik.
Und singen sie schön?
(Nebelschwaden lichten sich: sonnige
Landschaft mit griechischen Tempel.)
ALBRECHT
As is os? As is os?!
VON HENNEN
Ah, die Sonne kommt raus. Wenn die Sonne rauskommt bin ich
immer ein ganz anderer Mensch. Ach und diese Sicht!
BANDER
Und alles tut schon viel weniger weh. Schön, sehr schön,
Herr von Hennen.
VON HENNEN
Schaut mal dieses Naturschauspiel. Also das hat sich
gelohnt. Das kann ich weiterempfehlen.
76
(Alle scharen sich um VON HENNEN)
VON HENNEN
Die Paläontologie gibt uns Auskunft über den FossilienInhalt dieses sedimantaren Gesteins.
BANDER
Er hat mal als Reiseleiter gearbeitet.
VON HENNEN
Die Paläontologie auch Oryktologie genannt...
SENSEN-FRAU
(unterbrechend)
Wir schauen weder rechts noch links. Wir sind hier nicht
um die Natur zu genießen.
BECKBROT
Also die muss immer ihren Senf dazugeben zu allem.
(BACHUS mit Weinflasche in der Hand tritt
singend auf.)
BACHUS
"Quanto é bella quanto é cara...
(SENSEN-FRAU lallt mit)
SENSEN-FRAU
La la la la la...
(BACHUS legt sich SENSEN-FRAU in den Weg und
fängt deren Beine zu küssen.)
FÜCHSEN
Da ich hatte Recht. Das ist aus irgend einer Oper. Aus was
ist das denn?
BANDER
Ja aber singen kann der überhaupt nicht.
PRENZLAFF
Und die noch weniger.
ALBRECHT
As is os?
BECKBROT
Und wer ist das?
BANDER
Das geht uns nichts an.
77
FÜCHSEN
Also ihr Mann ist das auf keinen Fall. Weil den haben wir
ja schon kennen gelernt.
PRENZLAFF
War das vorher ihr Mann?
FÜCHSEN
Ja. Haben Sie das nicht mitbekommen?
PRENZLAFF
Nein. Was, das war ihr Mann vorher? Mein Gott, der kann
einem leidtun.
BECKBROT
Ich fand, die passten irgendwie zusammen.
PRENZLAFF
Wer? Die zwei vorher?
BECKBROT
Ja.
PRENZLAFF
Die passten überhaupt nicht zusammen. Es gab doch fast
Mord -und Totschlag zwischen den beiden.
SENSEN-FRAU
Wir sind angekommen!
BECKBROT
Und da war doch noch dieses schreckliche Kind. Dieses
kleine Monster.
(BACHUS Kopf verschwindet unter
Sensen-Frau ´s Kutte.)
FÜCHSEN
Das ist keine Ballettlehrerin. Und auch keine
Sportlehrerin. So benimmt sich keine professionell
ausgebildete Lehrkraft?
BECKBROT
Ja? Wir haben seit Tagen nichts zu essen bekommen? Ihm
haben sie irgendwann mal 3 Teelöffel Tee eingeflößt und
seither nichts mehr?
VON HENNEN
Die haben uns vielleicht auf eine neue Diät gesetzt.
78
PRENZLAFF
Ja. "Immer mal was neues." So sind die. Das ist die Devise
von denen.
VON HENNEN
Weitau ist führend bei der praktischen Anwendung neuer
medizinischen Erkenntnisse. Ja? Wir sind vielleicht auf
einer neuen Diät?
BECKBROT
Wir sind auf keiner neuen Diät. Wir sind auf einer NullDiät. Sie sehen doch schon wie ein Skelett aus. Und dieser
Hund? Was ist mit dem Hund los? Hunde fliegen nicht?
VON HENNEN
Vielleicht haben wir uns auch versehen.
FÜCHSEN
Nein. Ich bin 100% sicher: der ist vorher geflogen.
BANDER
Fängt das Gemecker schon wieder an?
BECKBROT
Und sogar Überschall.
SENSEN-FRAU
Ah. Wir müssen vorsichtig sein.
(BACHUS schaut von unter Kutte hervor.)
SENSEN-FRAU
Mein Mann, er ahnt von nichts. Aber Mondgesicht ist hinter
mir her.
(BACHUS überreicht Weinflasche.)
SENSEN-FRAU
Ich trinke aber nur ein Schlückchen heute. Ich muss
nüchtern bleiben. Es muss heute ganz schnell gehen.
(trinkt aus Flasche und gibt diese zurück)
Ich kann sie heute nur ganz kurz tanzen lassen.
Wir machen eine kleine Pause; vor dem Ballett! Aber nur
eine kleine!
(RENTNER lassen sich erschöpft nieder.
HEINRICHSEN zieht sich wieder Kleidung über
sein Gesicht. BACHUS küsst sich an
Sensen-Frau `s Bein hinauf.)
79
SENSEN-FRAU
Ah. Mondgesicht lässt mich nicht aus dem Auge. Sie sagt,
sie weiß Bescheid über meine Ballette. Sie sei darüber
informiert. Sie wisse das schon seit Monaten. Sagt sie.
Warum dann jetzt dieses Theater plötzlich? Sie hat mir
verboten weiterhin Kurgäste sich zu Tode tanzen zu lassen.
Da werde ich mich natürlich nicht daran halten. Und einmal
hat sie mir sogar mit Liquidation gedroht. Liquidation mit
Strafverschärfung. Aber dann ist sie wieder sehr
freundlich zu mir. Sie sagt, sie habe Verständnis für
meine Situation. Ich versuche einfach meine Arbeit etwas
künstlerisch zu gestalten. Ja mein Gott, man kann doch
auch mal `n Auge zudrücken und mir etwas Freiraum geben.
Mein Mann, er hat mal - aus Versehen - einen ganzen
Reisebus; einen ganzen Reisebus? Irgend so ´n berühmten
Chor. Fahrer, Beifahrer, Reiseleitung, peng: alle weg. Und
sie weiß das. Er hat das Nummernschild nicht richtig
gelesen. Aber das wird einfach so still schweigend
übergangen. Er kann tun und lassen was er will. Sie
vergöttert ihn.
FÜCHSEN
Entschuldigung. Darf ich kurz unterbrechen?
SENSEN-FRAU
Einen Augenblick bitte, Herr Füchsen.
(Bar kommt hereingefahren. ROBERTS fängt an
sich zu bedienen.)
SENSEN-FRAU
Ah, wenn du wüsstest was ich mitgemacht habe. Das ist Ono
oder Bono oder so ähnlich. Ich sage Fudu zu ihm.
(BACHUS gibt auf und kommt von unter Kutte
hervor und überreicht Weinflache.)
SENSEN-FRAU
Er symbolisiert... ich muss nüchtern bleiben heute.
(trinkt aus Flasche)
Komm, gib dem Onkel ein Küsschen.
(SENSEN-FRAU drückt BACHUS FUDU ins
Gesicht.)
SENSEN-FRAU
Sie haben nun Gelegenheit sich kurz zu entspannen! Vor dem
Ballett!
Ah, wenn nur mein Mann etwas von dir hätte.
ALBRECHT
As is os?
80
BUSLOV
Entspannen, Herr Dr. Albrecht. Wir sollen uns entspannen.
FÜCHSEN
Und dann? Was dann?
BANDER
Jetzt einfach mal alles auf sich zukommen lassen.
FÜCHSEN
Ja und dann sollen wir einfach zu tanzen anfangen?
SENSEN-FRAU
Ja, Herr Füchsen.
FÜCHSEN
Aber das sage ich Ihnen: wenn was wir da nachher tanzen,
wenn das unter meinem Niveau ist, dann tanze ich da nicht
mir. Das kann ich Ihnen garantieren.
ROBERTS
Cheers!
(ROBERTS krakölt Melodie: "In München steht
ein Hofbräuhaus...")
SENSEN-FRAU
Cheers! Auf Ihr Wohl!
(trinkt
Das ist Herr Roberts.
Adel. So was sehe ich
hätte keine Kompetenz
aus Weinflasche)
Sir Robert ist ganz alter
sofort. Sie sagt natürlich, ich
für Engländer.
BANDER
Schau dir diese versoffene Type an. Und gegen so was
verlieren wir den Krieg.
(BACHUS fängt zu küssen an.)
BECKBROT
Im Kurheim war er zu keinem einzigen Vortrag.
PRENZLAFF
Der kann den Blödsinn doch gar nicht verstehen. Der quakt
doch nur Englisch.
ROBERTS
Cheers!
81
FÜCHSEN
Das wird doch heutzutage alles übersetzt, Herr
Intelligent. Jeder Vortrag im Kurheim wird übersetzt. Im
alle europäischen Sprachen. Das ist Vorschrift.
BUSLOV
Ein paar Worte Deutsch kann er.
VON HENNEN
Als ausländischer Kurgast muss er keine Prüfung machen am
Ende seiner Kur.
PRENZLAFF
Ja. Und darum ist das ganz egal ob der den Blödsinn
versteht oder nicht.
FÜCHSEN
Was? Nur weil er Privatpatient ist muss er keine Prüfung
machen am Ende der Kur?
VON HENNEN
Ausländische Kurgäste und Privatpatienten sind von dem
neuen Prüfungsgesetzt ausgenommen. Und haben daher auch
keine Anwesenheitspflicht bei den Vorträgen.
FÜCHSEN
Na also das ist wieder mal typisch. Da sollten A: die
gleichen Gesetze europaweit gelten. Und B: auch für
Kassenpatienten sollten die gleichen Gesetzte gelten.
Jeder Kurgast sollte gleich behandelt werden. Da bin ich
dafür. Warum sollen wir büffeln müssen und die nicht? Das
unsere Regierung so etwas zulässt.
(BACHUS Kopf verschwindet unter
Sensen-Frau ´s Kutte.)
BECKBROT
Das haben die doch ausgeheckt? Da steckt der... dahinter.
SENSEN-FRAU
Ah. Alles aufstehen bitte! Ah...
SENSEN-FRAU
Wir werden nun mit unserem Ballett beginnen! Herr
Albrecht, bitte.
FÜCHSEN
Herr Albrecht braucht jetzt strikte Ruhe. Er kann jetzt
kein Ballet tanzen.
SENSEN-FRAU
Bitte treten Sie zur Seite.
82
FÜCHSEN
Herr Albrecht bleibt liegen.
ALBRERCHT
As is os?
SENSEN-FRAU
Bitte treten Sie zur Seite.
FÜCHSEN
Nur über meine Leiche.
(SENSEN-FRAU bewegt sich abrupt um entfernt
ihren Stoffgürtel von der Bahre zu
entfernen. BACHUS kommt zum Vorschein. )
ALBRECHT
As is os?!
SENSEN-FRAU
(zu BACHUS)
Entschuldigung. Ich habe nur Probleme mit denen.
Herr Füchsen, einen Augenblick bitte.
(nimmt Füchsen unter ihre Kutte)
FÜCHSEN
Aber nur einen Augenblick.
SENSEN-FRAU
Ich kann Ihnen versichern: ein Augenblick wird genug sein.
Es tut mir leid, ich werde nun wie mein Mann handeln
müssen. Auch Sie hätten Ihre Kur mit Stil und Niveau
beenden können. Aber Sie haben anders entschieden.
(SENSEN-FRAU geht mit FÜCHSEN ab.)
FÜCHSEN
(zurückrufend)
Ich bin gleich zurück!
ALBRECHT
Ier. Ier.
BANDER
Jetzt gebt dem Albrecht mal was?
VON HENNEN
Entschuldigung, haben Sie Lemonade. Ich trinke keinen
Alkohol.
(ALBRECHT bekommt von BECKBROT aus Flasche
etwas eigeflößt.)
83
ALBRECHT
Ier. Ier.
BECKBROT
Was will er?
BANDER
Er will keinen Sekt. Er will Bier.
(BACHUS pinkelt vor und nur von ROBERTS
bemerkt in eine Flasche und schenkt ein.)
ROBERTS
Oh?
(BACHUS überreicht HENNEN Glas und schenkt
ein.)
VON HENNEN
Danke sehr.
ROBERTS
(riecht)
Oh?
VON HENNEN
It `s a health drink. It is very healty. Sehr gesund.
ROBERTS
Ich bin sicher, Sie haben Recht. Zum Wohl.
(VON HENNEN trinkt ohne Reaktion. SENSENFRAU kommt zurück ohne Gürtel, atmet tief
ein und aus und fängt sich. BACHUS geht ihr
entgegen und überreicht Weinflasche.)
SENSEN-FRAU
(trinkt ausgiebig)
Ah, ich würde so gerne etwas anders machen. Etwas ganz,
ganz anderes.
(BACHUS flüstert SENSEN-FRAU ins Ohr.)
SENSEN-FRAU
Als Ärztin? Ob ich als Ärztin arbeiten möchte. Ja? Ja?!
Nein. Das wäre doch etwas zu ganz anderes. Nein. Ich
möchte auf einen ganz anderen Planeten. In ein ganz anders
Universum. In eine ganz andere Galaxie. Du ich weiß gar
nicht was eine Galaxie ist. Das habe ich jetzt nur so
gesagt.
(lacht)
84
SENSEN-FRAU
(fortgesetzt)
Ich habe einen Witz gemacht. Du musst jetzt lachen,
(lacht)
Ah, es ist so viel passiert seit ich hier war das letzte
Mal. Ich habe gestern 200tausend Sachschaden verursacht.
Und ein Verkehrschaos. Die Abgaswerte, ah, sehr wichtig.
Die Abgaswerte. Das Theater das die immer machen. Nur weil
das ein Kurort ist. Und weist du wie lange man
Privatpatienten jetzt noch lässt? 4 1/2 Minuten. Die
bekommen anscheinend jetzt alle irgend so `ne neue
Wunderpille. Die habe ich doch irgendwo? Ah, nein! Doch.
Nein. Doch! Hier. Und stell dir vor, das
Gesundheitsministerium hat eine Verwarnung geschickt oder
eine Beschwerde. Nach Weiteau. Es kam anscheinend
irgendwas offizielles aus Berlin. Und das hätte ich
ausgefressen.
(SENSEN-FRAU legt Pillen auf Boden. BACHUS
legt sich die Pille auf die Zunge.)
SENSEN-FRAU
Vorsicht Darling.
(streichelt)
Ich werde dich ab jetzt immer Darling nennen.
(SENSEN-FRAU nimmt BACHUS die Pille von der
Zunge und liest während dieser neue Flasche
holt.)
SENSEN-FRAU
"Zehn Minuten" steht hier? Wie komme ich dann auf 4 1/2?
Nein. "Bis zu... Im Augenblick des Todes Euphorie-Zustände
und während des Lebens erarbeitete religiöse Visionen."
Verstehe ich nicht; das muss ich mir mal in Ruhe
durchlesen.
SENSEN-FRAU
Merci.
(trinkt)
Jetzt erzähl mir doch mal was über dich!
BACHUS
Du, ich habe n paar ganz...
SENSEN-FRAU
(unterbrechend)
Nein, es sind nicht diese Kurgäste. Nein. Es ist meine
Arbeit. Nein. Es ist nicht meine Arbeit.
(BACHUS küsst sich an SENSEN-FRAU `S Bein
hinauf.)
85
SENSEN-FRAU
Es ist meine ganze Existenz. Ich fühle mich oft so
eingeengt. Privat. Und beruflich. Warum sich nicht mehr
auf da Pflegepersonal konzentrieren? Auf die Verwaltung?
(BACHUS Kopf verschwindet unter
SENSEN-FRAU `S Kutte.)
SENSEN-FRAU
Aber nein, die da oben wissen immer alles besser. Und sagt
man was macht man sich nur unbeliebt. Du und jetzt pass
mal auf. Ich habe eine Neuigkeit für dich: Weiteau ist ein
Kurort mit internationalem Ruf. Mein Gott, wie oft ich das
heute schon wieder gehört habe. Nur weil da ein Engländer
rumspringt - und vielleicht noch jemand aus Dänemark schimpfen sie sich international und meinen sie seine
Wunder was. Hans Theodor. Nein! Was hat er schon wieder
angestellt. Das muss ich dir erzählen.
(BACHUS gibt auf und kommt von unter Kutte
hervor.)
BANDER
Wo ist der Füchsen?
SENSEN-FRAU
Da, es geht schon wieder los.
BANDER
Was haben Sie mit dem Füchsen angestellt?
SENSEN-FRAU
Ich habe keine Minute Ruhe mit denen. Und gestern, was mir
da passiert ist? Ich habe doch keine Kompetenz für den
Verkehr. Jetzt habe ich da eine vor dem Kurpark für die
ich auch keine und die war auch noch aus Dänemark. Eine
Privatpatientinnen. Verstehst du? Weiteau bemüht sich
anscheinend zur Zeit auch sehr um den dänischen Markt.
Jetzt sagt mein Mann, er kümmere sich um die. Aber meine
Vorgesetzte hatte sich um die bereits gekümmert. Und jetzt
lässt mein Mann unseren Hans Theodor auf die Intensiv.
Unbeaufsichtigt. In Weiteau. Die ganze Intensivstation
einschließlich des Pflegepersonals hätte er
"hingemetzelt"; wie sie sich ausgedrückt hat. Mein Gott,
es handelt sich um Null Komma irgendwas Prozent?
(nachdenklich)
Hans Theodor; er geht ganz nach seinem Vater.
Ah, warum erzähle ich dir das alles? Jetzt erzähle mir
doch mal ein bisschen über dich!
BACHUS
Du, ich habe ein paar ganz...
86
SENSEN-FRAU
(überschneidend und unterbrechend)
Ah, du bist so romantisch. Und danke, dass du mir immer
zuhörst. Das findet man so selten: ein Mann der zuhören
kann. Ja, ein Mann der die Kunst liebt; und den Tanz, so
wie du, das findet man so selten. Ja eigentlich überhaupt
nie.
(BACHUS fängt an sich an SENSEN FRAU `S Bein
hinauf zu küssen.)
SENSEN-FRAU
Du, das habe ich dir noch überhaupt nicht gesagt.
(springt zur Seite und dreht sich)
(BACHUS fällt zur Seite auf den Rücken.)
SENSEN-FRAU
Ich werde meine Kurgäste ab heute nur noch anspruchsvolles
klassisches Ballett tanzen lassen. Was hälst du davon?
Kannst du dich erinnern? Meine Vorgesetzte, sie hat
beanstandet, diesen schwedischen Volkstanz? die, die da
drei Tage lang? Sie finde das geschmacklos, und ohne Stil.
Und da muss ich ihr auch etwas Recht geben. Ah, ich bin
schon so gespannt auf die heute? Komm Schnuckiputzi, sag
du auch mal Hallo. Gib dem Onkel noch Mal `n Küsschen.
(SENSEN-FRAU drückt BACHUS FUDU ins
Gesicht.)
SENSEN-FRAU
Ah, und dann ist mir noch mal ein ganz schlimmer Fehler
unterlaufen. Ich habe den falschen mit. Einmal kurz nicht
aufgepasst und peng. Und das musste ich büßen. Das kann
ich dir sagen. Dieser Füchsen; und die merkt das natürlich
sofort. Mein Mann, er hat mal den total falschen Reisebus;
einen ganzen Reisebus? Fahrer, Beifahrer, Reiseleitung,
peng, alle weg. Das war irgendein berühmter Chor. Die
wollten einen anderen Chor treffen. So ein gemeinsames
Konzert. In einer ganz historischen Kirche. Das kam sogar
im Fernsehen. Arte oder irgend wo was.
(BACHUS fängt an sich an SENSEN-FRAU `S Bein
hinauf zu küssen.)
SENSEN-FRAU
Er hat sich versehen. Er hat das Nummernschild nicht
richtig gelesen. Und kam was raus? Nein. Mondgesicht merkt
nichts. Oder sie tut so als ob sie nichts merkt. Aber
passiert mir mal das kleinste Fehlerchen... mein Gott, was
sind schon 200tausend Euro heutzutage. Ja, ich bin nicht
87
SENSEN-FRAU
(fortgesetzt)
perfekt. Und ich bin auch froh, dass ich nicht perfekt
bin.
Du was hältst du davon? Ich wurde strafversetzt. Von Ihr.
Von Mondgesicht. Aber strafversetzt in den exklusivsten
Kurort Deutschlands? Das passt doch irgendwie nicht
zusammen?
(BACHUS Kopf verschwindet unter
Sensen-Frau ´s Kutte.)
SENSEN-FRAU
Ah, ich komme mir manchmal so einsam vor. So unverstanden.
(BACHUS gibt auf.)
SENSEN-FRAU
Ah, Entschuldigung. Das muss doch so langweilig sein für
dich. Ich rede immer nur über meine Arbeit und über mich.
Entschuldigung. Jetzt erzähle mir doch mal irgendwas über
dich. Wie war deine letzte Woche? Was hast du getan?
BACHUS
Du ich hab ein paar ganz...
SENSEN-FRAU
(unterbrechend)
Hast du an mich gedacht?
BANDER
Was haben Sie mit dem Füchsen angestellt?
SENSEN-FRAU
Bitte keine Aggressivität.
(BANDER geht ab. ROBERTS steht auf der Bar
und krakölt. RENTNER stellen sich auf und
winkeln ein Bein an wollen losgehen.)
SENSEN-FRAU
Nein. Stopp! Jetzt schau dir das mal an. Zuerst bekomme
ich sie nicht vom Fleck und dann... du, ich habe sogar
einen Engländer. Sir Robert. Wie ich zu ihm sage. Sir
Robert ist ganz alter englischer Adel. So was sehe ich
sofort. Sie sagt natürlich, ich hätte keine Kompetenz für
Engländer.
(kurz in sich kehrend)
Die Kompetenz für den Verkehr haben sie mir entzogen
einschließlich für Fußgänger.
Zu so Hinrichtungen wollten sie mich abkommandieren.
88
SENSEN-FRAU
(fortgesetzt)
Aber da habe ich nein gesagt.
Ah, ich würde so gerne in Hollywood arbeiten. Oder in der
Politik. Houses of Parliament. Ah, ich wäre schon mit dem
Reichstag zufrieden. Und weißt du was sie gesagt hat? Ich
sehe wie eine Vogelscheuche aus. Dieses Walross!
Ah, du hast auf mich gewartet. Und ich habe auch oft an
dich gedacht. Nein. Immer. Jeden Tag. Jede Stunde. Jede
Minute. Jetzt erzähl mir doch mal was von dir!
(RENTNER fangen an zu rauchen.)
BACHUS
Du ich habe ein paar ganz tolle...
SENSEN-FRAU
(unterbrechend)
Was? Was hast du?
BACHUS
Ich habe ein paar ganz...
SENSEN-FRAU
(unterbrechend)
Du, das Gesicht von der solltest du mal sehen. Wie so ´ne
Wassermelone. Ah, wenn nur mein Mann etwas von dir hätte.
Mein Mann, unsere Ehe... wir haben einfach nichts
Gemeinsames. Und über was hat sie mit mir geredet? Neue
Richtlinien. Und weist du was sie zu mir gesagt hat?
Mitten ins Gesicht? Ich sehe wie eine Vogelscheuche aus.
(BACHUS übergibt Weinflasche.)
SENSEN-FRAU
Ah, nur noch mal ein kleines Schlückchen. Dir zuliebe.
(trinkt ausgiebig)
Du weißt, du kannst alles mit mir tun. Alles.
(BACHUS küsst sich an SENSEN-FRAU `S Bein
hinauf.)
SENSEN-FRAU
Und das sollte ich besser für mich behalten. Ich weiß. Ja,
so dumm bin ich. Aber so bin ich nun mal. Ich bin
emotionell. Voller Überschwank. Das ist meine Schwäche.
Und auch meine Stärke. Dieses Walross. Ja, wie so ´ne
Wassermelone mit ´nr Dalle drin. In 5 Monaten, weißt du
wie oft ich beim Kurkonzert war: ein Mal. Alleine. Mein
Mann, wo will er mich hinschleppen? Zum Autorennen. Und
Autorennen hat für mich nichts mit Kultur zu tun. Ach,
warum haben wir uns nicht viel früher getroffen. Warum?
89
(BACHUS Kopf verschwindet unter
SENSEN-FRAU ´S Kutte.)
SENSEN-FRAU
Aber das Universum hat anders entschieden. Die
undurchdringlichen Gesetze des Universums.
(BACHUS gibt auf.)
SENSEN-FRAU
Warum haben wir uns nicht viel früher getroffen? Aber es
ist nie zu spät. Nie. Ah, jetzt spritze mich doch nicht
mit dem Wein an.
BACHUS
Das war kein Wein.
SENSEN-FRAU
Kein...? Ah, nein! Nein! Nicht noch mal.
(lacht)
BROTBECK
Was ist das hier? Der von Hennen will das wissen.
SENSEN-FRAU
Ist das? Ja. Das ist Kokain.
BROTBECK
Und das hier?
SENSEN-FRAU
LSD? Ja? Ach, ich finde das so toll, dass du so mit der
Zeit gehst. Aber das hast du mir zu verdanken. Das musst
du zugeben.
BROTBECK
Was? Kokain? Und LSD? Das nimmt der bestimmt nicht.
SENSEN-FRAU
Sagen Sie ihm, das sei alles organisch.
(BACHUS Kopf verschwindet unter
SSENSEN-FRAU ´s Kutte.)
SENSEN-FRAU
Hans Theodor, er wird schon wie sein Vater.
(BACHUS gibt auf.)
90
SENSEN-FRAU
Mein Mann entfremdet mir mein eigenes Kind. In ein paar
Jahren... und ich werde Hans Theodor für immer verloren
haben. Er wird auf seine Mutter herabschauen.
BANDER
(kommt keuchend zurück)
Schnell. Der Füchsen.
(BANDER eilt ab gefolgt von ROBERTS und
PRENZLAFF und BECKBROT)
VON HENNEN
(nachrufend)
Gehen Sie nicht zu weit! Wir sollten alle zusammen
bleiben!
ALBRECHT
Ier. Ier.
VON HENNEN
Herr Dr. Albrecht möchte gerne ein Bier.
(BANDER kommt keuchend zurück.)
SENSEN-FRAU
Irgend eine bestimmte Marke bitte, Herr Dr. Albrecht?
Nein, jetzt gibt es kein Bier. Jetzt gibt es etwas anderes
Gutes. Zunge raus. Ja, so.
BANDER
Entschuldigung, wir brauchen Ihre Bahre.
ALBRECHT
As is os?
(ROBERTS kommt angerannt.)
ROBERTS
I am frightfully sorry. I am sure you don ´t mind.
(ALBRECHT wird von BANDER und ROBERTS von
der Bahre gerollt.)
ALBRECHT
As is os? As is os?!
(BANDER und ROBERTS eilen mit Ästen und
Stangen ab. VITELA folgt. BACHUS eilt ein
paar Schritte hinter ihnen her und schaut
dann fragend zurück auf Sensen-Frau.)
91
SENSEN-FRAU
Lass sie. Komm. Die wollen den retten. Jetzt lass sie
halt. Komm, setz dich zu mir. Es tut mir so gut mich mal
mit jemandem unterhalten zu können.
(BACHUS küsst sich an SENSEN-FRAU `S Bein
hinauf.)
SENSEN-FRAU
Auf gleicher Wellenlänge mit jemandem zu sein. Nach
England, das würde mich reizen. Ah, jetzt rede ich schon
wieder über meine Arbeit.
(BACHUS Kopf verschwindet unter
Sensen-Frau ´s Kutte.)
SENSEN-FRAU
Ah, weißt du was? Ich möchte mich so gerne selber kennen
lernen.
(BACHUS gibt auf.)
SENSEN-FRAU
Ich, ah, das habe ich noch niemandem erzählt. Ich bin
sogar schon selber zu Vorträgen. Im Kurheim.
(lacht, schüttelt den Kopf)
Eine ganze Woche lang. Ich habe kein Wort verstanden. Das
war alles Bio-Chinesisch für mich. Bio-Chinesisch!
(lacht)
Du musst jetzt lachen. Ich habe einen Witz gemacht.
Ach, mit dir kann man wenigstens reden.
(FÜCHSEN wird von BANDER und ROBERTS auf
Bahre zurück gebracht.)
VON HENNEN
Wie geht es ihm?
FÜCHSEN
Wo bin ich?
BECKBROT
In der Kur. In Weiteau.
FÜCHSEN
Ja. Musik ist so wichtig für die geistige und seelische
und das wirkt sich auch auf...
(lallt Auber Coda/Ouvertüre/Auber: "Zamba")
92
SENSEN-FRAU
Ach jetzt schau dir das mal an. Sie haben ihn gerettet.
Die versuchen sich immer zu retten gegenseitig. Das ist
nicht überall so. Aber in Weitau ist es ganz extrem.
(BANDER reißt sich einen Streifen Kleidung
ab und betupft damit FÜCHSEN.)
VON HENNEN
Haben Sie eine Erste Hilfe? So ein kleines Kästchen.
SENSEN-FRAU
Ob ich eine Erste Hilfe habe. Jetzt höre dir das an. Und
auch noch so ein kleines Kästchen? Ist das nicht zum
todlachen?
(BACHUS hält SENSEN-FRAU einen Joint hin.)
SENSEN-FRAU
Zu einem kleinen Joint sage ich nie nein.
(riecht)
Mh, was brasilianisches. Achtung. Attention, es wird nun
getanzt! Ah, früher, da würden regelmäßig riesige Ballette
aufgeführt. Früher hatte alles viel mehr Stil. Früher nahm
man sich zu allem viel mehr Zeit. Früher war die Welt viel
bunter.
BECKBROT
Nehmen sie das. Das ist ganz toll. Einfach so auf die
Zunge.
(BECKBROT tut FÜCHSEN etwas in den Mund.)
BANDER
Gib ihm zwei davon. Der verträgt das.
SENSEN-FRAU
Wer von Ihnen hat professionelle Tanzerfahrung?
Wie? Niemand?
BANDER
Tanzen kann von den keiner.
ALBRECHT
As is os?
SENSEN-FRAU
Wie? Niemand von Ihnen hat irgendwelch professionelle
Tanzerfahrung? Wer von Ihnen hatte regelmäßigen
Ballettunterricht?
Niemand?
93
SENSEN-FRAU
Tanzstunde? Aerobic? Pilates?
Schuhplattler?
(BECKBROT hebt Hand mit ausgestreckten
Finger)
SENSEN-FRAU
Ja bitte.
BROTBECK
Wir haben alle Krankengymnastik gemacht.
SENSEN-FRAU
Krankengymnastik.
BECKBROT
Ja.
Ich habe eine Idee.
SENSEN-FRAU
Aber nur etwas mit Stil bitte. Auf Stil und Niveau bestehe
ich. Und hier mache ich keinen Kompromiss.
BECKBROT
Wir ziehen uns alle aus und springen nackt herum. Aber mit
Musik!
(zieht sich aus)
SENSEN-FRAU
Nein. Stopp. Halt! Stopp!
(SENSEN-FRAU verbirgt BECKBROT hinter ihrer
Kutte.)
SENSEN-FRAU
Sie ziehen sich sofort an. Sofort.
PRENZLAFF
Ich war mal in der Kur. Und da haben wir ein Ballett
aufgeführt.
SENSEN-FRAU
Sie haben ein Ballett aufgeführt?
PRENZLAFF
Ja. Wir waren alles tanzende Nonnen.
BUSLOV
Wir müssen aber vorher proben. Ansonsten erreichen wir
nicht künstlerisch professionelle Niveau.
94
PRENZLAFF
Ja. Alle raus. Und dann kommen wir wieder rein. Jetzt wart
mal. Jetzt weiß ich nicht mehr wann wir reingekommen sind.
ALBRECHT
As is os?
BECKBROT
Wir kommen rein wenn die Musik anfängt. Ihr nehmt ihn.
(ALLE RENTNER rennen ALBECHT stützend und
FÜCHSEN auf der Bahre tragend.)
ALBRECHT
As is os?!
SENSEN-FRAU
Nein. Nein! Stopp! Keine tanzenden Nonnen bitte. Und keine
schwedischen Volkstänze. Auf ein Minimum von Niveau
bestehe ich.
BANDER
Ich habe auch mal im Ballett getanzt.
SENSEN-FRAU
Im Staatsballett?
BANDER
Nein. Beim Karneval. Wir müssen aber vorher proben. Sie
müssen die Augen zumachen. Sie dürfen uns nicht beim
Proben zuschauen.
SENSEN-FRAU
Ich habe die Augen ganz fest zu.
FÜCHSEN
(steht von Bahre auf, tanzend)
La la la la, la la la la.
BANDER
Nein nicht so.
(zu SENSEN-FRAU)
Entschuldigung. Ich werde dafür sorgen, dass das alles
Stil und Niveau hat.
FÜCKSEN
Ich tanze aber nur wenn ich die Hauptrolle tanzen darf.
BECKBROT
Nein, die Hauptrolle tanze ich.
95
FÜCHSEN
Sie sagten, Sie könnten überhaupt nicht tanzen?
BECKBROT
Und Sie sollten überhaupt nicht hier sein? Ah, sie hat
gespickt.
SENSEN-FRAU
Nein, ich habe nicht...
BECKBROT
(unterbrechend)
Doch!
BANDER
Alle mit mir mit! Ich werde dieses Ballett
choreographieren. Und das wird alles Stil und Niveau
haben. Das kann ich garantieren. Da können unbesorgt sein.
Alle raus!
(BANDER nimmt SENSEN-FRAU ihre Sense ab.)
BANDER
Raus! Alle raus?
(scheucht mit Sense)
(SENSEN-FRAU lacht. Alle RENTNER rennen ab.
ROBERTS gibt dabei eine kleine Show.)
BECKBROT
(hereinschauend, zu ROBERTS)
Kommen Sie jetzt endlich?
(BROTBECK geht ab gefolgt von ROBERTS.)
SENSEN-FRAU
Ich hatte immer einen Traum. Nur einmal in einem großen
Ballett mitzutanzen. Das ist mein größter Wunsch. Ich
hätte selbst solch Talent zum Tanz.
(BACHUS flüstert SENSEN-FRAU ins Ohr.)
SENSEN-FRAU
Ich soll mittanzen? Nein. Nein. Da ist es zu spät. Nein.
(Geschrei von hinter den Kulissen. SENSENFRAU will nachschauen.)
BECKBROT
(schaut auf die Bühne)
Nein. Nicht schauen. Das soll eine Überraschung werden.
96
SENSEN-FRAU
Bitte schau du nach was die da anstellen?
Nein? Doch. Nein. Doch. Vielleicht? Ja. Du, die versuchen
vielleicht zu flüchten?
(Musik: Karnevalsmarsch)
SENSEN-FRAU
Schau mal was die anstellen.
(BACHUS will abgehen.)
SENSEN-FRAU
Augenblick. Wo hast du...?
(BACHUS zeigt.)
SENSEN-FRAU
Ah.
(riecht)
Viel besser als das holländische Zeug. Schau mal was die
machen. Nicht das die doch schon wieder flüchten wollen.
(lacht)
(BACHUS geht ab. SENSEN-FRAU raucht Joint,
zieht ihre Kutte als Stola an und dreht sich
ein wenig im Kreis. Karnevalsmarsch. SENSENFRAU hält ein und horcht.)
BACHUS
(rennt auf die Bühne)
Sie kommen!
SENSEN-FRAU
Als tanzende Nonnen? Sie alle angezogen? Du, wenn die
jetzt alle gleich splitternackt hier reinkommen, dann...
(hält ein)
(Musik: "Pas de trois Walzer, La Bayadere,
3. Akt." 2 1/2 minütiges Ballet.
Alle RENTNER außer PRENZLAFF treten auf. Sie
tragen romantisch, langes weises
Ballerina Kostüm. PRENZLAFF tritt als
Ballerino auf. BANDER tanzt die Hauptrolle.)
SENSEN-FRAU
Ah, so romantisch.
BACHUS
(unterbrechend, mit Zeigefinger)
Psst.
97
(Ende Ballett)
SENSEN-FRAU
Ah, ein bisschen Kultur, das tut einem so gut.
(RENTNER trinken und rauchen.)
BUSLOV
Ich würde nun gerne die Hauptrolle tanzen. Ich bin sicher,
es gibt diesbezüglich keine Einwände.
BANDER
(wieder an Krücken)
Herr Buslov, bitte denken Sie an Ihren Energiehaushalt.
BUSLOV
Soll das ein Einwand gewesen sein?
ROBERTS
I ´m born for the stage.
VON HENNEN
Ich glaube, er sagt, er möchte nun...
BANDER
(unterbrechend)
Nein, das ist mein Ballett, und darum...
VITELA
(unterbrechend)
Wie bitte? Das ist nicht Ihr Ballett. Das ist unser
Ballett. Ich werde hier wie Luft behandelt.
BANDER
Ich habe dieses Ballett choreographiert. Und darum ist das
mein Ballett.
SENSEN-FRAU
Ruhe. Meine Herren. Bitte. Sie dürfen heute alle noch die
Hauptrolle tanzen.
(Musik/Ballett beginnt von Neuem mit
HEINRICHSEN in der Hauptrolle.)
BANDER
Schnell.
BUSLOV
Lasst mich noch mal kurz ziehen.
(VITELA übergibt BUSLOV Joint.)
98
SENSEN-FRAU
Du machst mich so glücklich. Du wärst der perfekte Mann
für mich.
BECKBROT
Nein! Hier her, Herr Dr. Albrecht!
(SENSEN-FRAU und BACHUS küssen sich
leidenschaftlich.)
SENSEN-FRAU
Ah, warum kann ich nicht immer so glücklich sein.
FÜCHSEN
Hier her, Herr Dr. Albrecht.
(BACHUS flüstert SENSEN.FRAU ins Ohr.)
SENSEN-FRAU
Eine Orgie?
(ROBERTS kommt angetanzt und macht
Verbeugung vor BACHUS und SENSEN-FRAU.
BACHUS zeigt auf ihn.)
SENSEN-FRAU
Den? Nein. Um Gottes Willen.
(BACHUS gibt ROBERTS einen Fußtritt und
zeigt auf BECKBROT.)
SENSEN-FRAU
Den? Nein!
(lacht)
Ich finde diesen Füchsen mehr und mehr interessant.
BECKBROT
Vorsicht, Herr Dr. Albrecht!
(ALBRECHT tanzt ab. BACHUS wirft FÜCHSEN
unsanft in den Tempel. SENSEN-FRAU, BACHUS
und FUDU gehen ab in den Tempel.)
BECKBROT
Stopp!
(Musik stoppt)
BECKBROT
Schnell! Der Albrecht tanzt den Abhang hinunter. Herr
Albrecht! Nein! Stopp! Nicht weiter!
99
(BECKBROT und ROBERTS rennen ab.)
BUSLOV
Ich werden nun die Hauptrolle tanzen.
BANDER
Herr BUSLOV...
BUSLOV
(unterbrechend)
Keine Widerrede.
BANDER
(nach kurzer Pause)
Herr Buslov, aber bitte merken Sie sich: mein Ballett zu
ruinieren ist verboten.
(Musik/Ballett beginnt.)
PRENZLAFF
Was? Schon wieder?
BECKBROT
(hereinschauend)
Ihr könnt schon anfangen. Wir kommen gleich nach. Wir
haben ihn.
(SENSEN-MANN und SENSEN-KIND treten auf.)
SENSEN-KIND
Papi, was machen die?
SENSEN-MANN
Die tanzen.
(SENSEN-FRAU und BACHUS lachen lallen
zusammen: "Quanto é bello...")
SENSEN-KIND
Tanzt Mutti auch mit?
SENSEN-MANN
Das würde ihr gleich sehen.
SENSEN-KIND
Papi...
SENSEN-MANN
(unterbrechend)
Ruhe.
(horcht)
100
SENSEN-KIND
Und warum tanzen die?
SENSEN-MANN
Deine Mutter. Sie ist sehr sensibel. Und kunstliebend. Und
lebensfroh.
BUSLOV
Entschuldigung. Ich muss zählen.
(BACHUS und SENSEN-FRAU lachen von hinter
den Kulissen. BUSLOV verpasst seinen
Auftritt.)
BANDER
Stopp!
(Musik stoppt)
BANDER
Herr Buslov. Ihr Auftritt. Aufwachen bitte.
(zu PRENZLAFF)
Ich habe mir doch gleich gedacht, dass das nicht klappt
mit dem.
BUSLOV
Natürlich. Ich sollte dort sein. Warum bin ich dann hier?
Er hat mich ganz durcheinander gebracht.
(zu SENSEN-MANN)
Runter von der Bühne!
(SENSEN-KIND hebt seine Sense.)
SENSEN-MANN
Lass ihn.
VON HENNEN
Herr Füchsen fehlt. Er fehlt schon die ganze Zeit. Er hat
gar nicht mitgetanzt.
BROTBECK
Er hat Schneewittchen gesehen? Und noch anderen Blödsinn
geredet? Und Musik hat er auch gehört?
BANDER
Ja.
Ich habe immer gesagt, er solle mit der Sauferei aufhören.
Die haben sogar schon während der Vorträge gesoffen. Im
Kurheim. Wodka.
VON HENNEN
Nein?
101
BANDER
Ja. Während dem Vortrag über den Biogenetischen
Energiehaushalt war der Füchsen total besoffen. Und darum
jetzt ja auch die Panik; das er durch die Prüfung rasselt.
Und nie mehr eine Kur verschrieben bekommt.
Ich weiß wo der Füchsen ist.
(BANDER flüster VON HENNEN ins Ohr)
VON HENNEN
Auf dem Weg zurück ins Kurheim? Nein. Das schafft er doch
nie alleine.
BANDER
Doch. Der schafft das. Wenn es jemand schafft dann der.
Und mir geht es dem Ende zu. Das spüre ich.
VON HENNEN
Sie müssen versuchen positiv zu bleiben. Sie müssen
positiv denken. Nicht negativ. Ausschließlich positiv.
Ich versuche nie das negative sondern immer nur
ausschließlich das positive von allem zu sehen.
BUSLOV
Herr Bander, darf ich bitte versuchen mein Talent noch
einmal unter Beweis zu stellen.
Ich bitte Sie. Das bedeutet sehr viel für mich.
BANDER
(nach kurzer Pause)
Herr Buslov, aber wenn Sie mein Ballett noch einmal
ruinieren, dann kann ich sehr unfreundlich werden.
BUSLOV
Ich werde Sie nicht enttäuschen. Das verspreche ich.
BANDER
(scheucht mit Sense)
Raus. Alle Raus!
(RENTNER werden ab gescheucht.)
SENSEN-KIND
Bist du auch sehr sensibel, Vati? Mutti ist sehr sensibel.
Und lebensfroh.
SENSEN-MANN
(überschneidend)
Hans Theodor, da macht eine Jugendgruppe eine Wanderung.
Mindestens einen. Besser zwei.
102
SENSEN-KIND
Ich bin ein bisschen müde, Vati.
SENSEN-MANN
Du arbeitest heute die Nacht durch. Das muss dein Vati
auch oft.
(Ballett-Musik)
SENSEN-MANN
Und da trainiert eine Spezialeinheit der Bundeswehr.
Bundesgrenzschutz. Mindestens einen.
SENSEN-KIND
(Mitleid erregend))
Ja, Papi.
SENSEN-MANN
Und getraue dich nicht früher zurück.
SENSEN-KIND
Ja, Papi.
(geht ab)
(Gelächter aus Tempel. SENSEN-MANN geht ab
in den Tempel. Stimmen der RENTNER von
hinter den Kulissen. Musik stoppt. SENSENMANN kommt aus Tempel gestürmt, gefolgt von
SENSEN-FRAU gefolgt von BACHUS.)
SENSEN-FRAU
(trägt Höschen von Bachus)
Und was erwartest du. Wenn dir jeder Skifahrer wichtiger
ist als ich?
BUSLOV
(kommt auf die Bühne gerannt)
Mein Schleier.
(rennt mit Schleier ab)
(BACHUS kommt mit Sektglas aus Tempel.)
SENSEN-FRAU
Hier steht der perfekte Gastgeber.
SENSEN-MANN
Gastgeber.
SENSEN-FRAU
Ja. Und in jeder Hinsicht. Komm, du bist auch eingeladen.
Wir wollten schon lange mal etwas mehr mit unserer
Sexualität experimentieren.
103
SENSEN-MANN
Du wolltest.
SENSEN-FRAU
Und du auch. Das haben wir ausdiskutiert. Bachus. Mein
Mann: Ottmar. Und ihr zwei benehmt euch jetzt.
(BACHUS übergibt SENSEN-MANN Sektglas.
MUSIK/BALLETT)
SENSEN-FRAU
Zum Wohl. Warum immer gleich so eine Szene machen?
SENSEN-MANN
(trinkt, spukt aus)
Ah! Das ist das letzte Drecksschwein.
SENSEN-FRAU
Musst du immer gleich so intolerant sein?
SENSEN-MANN
Ich gehe und du kommst mit?
SENSEN-FRAU
Nein. Jetzt bestimme ich mal. Ich habe heute mit meinem
Mann eine Orgie zusammen.
SENSEN-MANN
Und die? Was machen die?
SENSEN-FRAU
Die tanzen. Und nachher tanzen wir beide vielleicht sogar
noch ein bisschen mit.
SENSEN-MANN
Elvira?
(SENSEN-MANN, SENSEN-FRAU und BACHUS gehen
ab in den Tempel.)
BANDER
Stopp!
(Musik stoppt.)
BANDER
Herr Buslov.
BUSLOV
(schaut auf die Bühne)
Ja.
104
BANDER
Sie tanzen die Hauptrolle. Und das Ballet ist fast vorbei.
Dürften wir Sie bitten wenigstens kurz mal
vorbeizuschauen. Das wäre sehr freundlich.
BUSLOV
Natürlich. Ich sollte dort sein. Warum bin ich dann hier?
BANDER
Herr Buslov, Sie haben ihr Talent nicht nur ausführlich,
Sie haben es auch endgültig unter Beweis gestellt und
werden sich ab nun in das Corps de Ballet einreichen. Ihre
Karriere als Solotänzer ist beendet. Raus. Alle raus!
(scheucht mit Sense)
RENTNER
Ah...
BROTBECK
Sie sind viel zu undiplomatisch.
(ALLE RENTNER gehen ab. ROBERTS singend und
tanzend durch die in formaler Formation
auftretenden GEFOLGS-PERSONEN, HERRN
GERSTER und SENSEN-PRÄSIDENTIN die SENSENKIND an der Hand führt.)
SENSEN-KIND
20tausend Hühner waren das.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
20tausend?
SENSEN-KIND
Ahm, vielleicht waren es auch ein paar weniger. Die waren
alle für ´s Kurheim. Das waren alles Bio-Hühner. Die sind
alle ganz gesund. Aber jetzt sind se tot und gesund.
(lacht)
Ich habe einen Witz gemacht. Du musst jetzt lachen. Vati
meint, ein paar Bio-Hühner würden es vielleicht aus dem
Tunnel schaffen und sich hier ansiedeln und dann hier wild
leben.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
(geistesabwesend)
Und diese zwei Schwerlastwagen? Das hast du ganz alleine
fertiggebracht?
(SCHNEIBER tritt tanzend auf.)
105
SENSEN-KIND
Vati hat mir ein bisschen dabei geholfen. Aber nicht viel.
Einen Fahrer kann man nur noch am Gebiss identifizieren.
(BANDER tritt auf und packt SCHNEIBER)
SCHNEIBER
Ah.
(BANDER führt SCHNEIBER ab. HERR GERSTER
schaut um sich.)
SENSEN-KIND
Das kann man heute. Das hat mir Vati erklärt.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Was geht hier vor?
HERR GERSTER
Das Ballett.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Ah ja, das Ballett.
SENSEN-KIND
Aber die zwei Schüler habe ich ganz alleine geschafft.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Schüler?
SENSEN-KIND
Ja, das waren so Sonderschüler. So straffällige
Jugendliche. Die sind auf einem Ausflug hier; aus dem
Knast. Und ich habe zwei davon. Und einen ganz toll.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Frau E? Wo ist Frau E, Herr Gerster.
HERR GERSTER
Sie muss irgendwo hier sein.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Irgendwo. Ja.
SENSEN-KIND
Aber die vom Bundesgrenzschutz habe ich noch nicht
geschafft.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Bundesgrenzschutz?
106
SENSEN-KIND
Ja. Ich darf einen vom Bundesgrenzschutz, sagt Vati. Einen
oder zwei. Aber nicht mehr.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Hans Theodor, in deinem Alter darf man höchstens einen
Fußgänger...
(SENSEN-PRÄSIDENTIN hält ein da SENSEN-FRAU
von hinter den Kulissen lacht.)
SENSEN-KIND
Fußgänger sind so langweilig!
(HERR GERSTER flüstert SENSEN-PRÄSIDENTIN
ins Ohr.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Speed? LSD? Kokain?
(HERR GERSTER nickt und schaut dann in den
Tempel.)
SENSEN-KIND
Hast du schon mal von einer Atombombe gehört?
SENSEN-MANN
(von hinter den Kulissen)
Nein, Elvira, das mache ich nicht.
SENSEN-FRAU
(von hinter den Kulissen)
Jetzt stelle dich nicht immer so an.
SENSEN-MANN
(von hinter den Kulissen)
Nein. Au. Elvira? Au!
SENSEN-FRAU
(von hinter den Kulissen)
Nein. Jetzt experimentierst du einmal ein bisschen.
SENSEN-MANN
(von hinter den Kulissen)
Au!
SENSEN-KIND
Vati hat heute schon drei Bergsteiger. Und da war sogar
ein Steilwand Champion dabei. Und ich habe heute sogar
eine Nonne. Auf der Intensiv. Eine Pflegerin. Die war 97.
(Musik)
107
HERR GERSTER
Da spielt Musik.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Ja, Herr Gerster. Das Ballett.
(Musik stoppt)
SENSEN-KIND
Die ist ausgerutscht. So richtig peng. Sie hatte ein
Tablett, das is´ so rückwärts und sie ist so bum! nach
vorne. Die ganze Treppe runter. Und dann hat sie noch eine
halbe Stunde lang geschrien.
SENSEN-MANN
(von hinter den Kulissen)
Au!
SENSEN-KIND
Aber nicht so laut. Nur so ganz leise. So: "Hilfe, Hilfe".
Und darum hat man sie nicht gehört. Weil sie konnte ja
nicht mehr laut schreien. Weil sie war ja schon halb tot.
SENSEN-MANN
(von hinter den Kulissen)
Au! Ah. Nein Elvira! Das mache ich nicht!
(HERR GERSTER flüstert SENSEN-PRÄSIDENTIN
ins Ohr.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Eine Orgie?
SENSEN-KIND
Ich bin schon sehr weit für mein Alter. Das hat Papi
gesagt.
(HERR GERSTER flüstert SENSEN-PRÄSIDENTIN
nochmals ins Ohr.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
(geschockt)
Eine Orgie? Mit einem Kurgast? Aus Weiteau?
(HERR GERSTER nickt.
MUSIK/BALLETT beginnt mit ROBERTS in der
Hauptrolle.)
SENSEN-KIND
Ich möchte einmal im interplanetaren Flugverkehr arbeiten.
Vati hat gesagt, da sei eine Wachstumsbranche.
108
HERR GERSTER
Die tanzen?
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Ja. Das Ballett.
SENSEN-KIND
Und Mutti tanzt gleich mit.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Sie tanzt gleich mit? Gut. Dann werden wir hier auf Frau E
warten. Auf ihren letzten großen Auftritt.
HERR GERSTER
(übergibt Sektglas)
Hier. Das tut immer gut. Ein ganz edles Tröpfchen.
(ROBERTS tritt auf.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Danke sehr.
(trinkt, spukt aus)
Ah, schnell. Ein Glass Wasser. Nein. Einen Whisky.
HERR GERSTER
Einen Whisky. Schnell. Vorhang.
(ROBERTS entblößt seinen Popo.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Nein.
SENSEN-KIND
(hebt seine Sense)
Soll ich ihn?
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Nein. Herr Gerster!
(HERR GERSTER macht aufgeregt Arm -und
Handzeichen und übergibt SENSEN-PRÄSIDENTIN
Glas.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
(gurgelt und spukt aus)
Danke sehr.
(ROBERTS übergibt sich über SensenPräsidentin ´s Kutte.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Ah.
109
(Vorhang schließt sich langsam. HERR GERSTER
versucht ROBERTS hinter seiner Kutte zu
verbergen.)
SENSEN-FRAU
(von hinter den Kulissen)
Ah, nein!
(lacht)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
(drohend mit Faust)
Frau E.
(Vorhang)
110
3. AKT
(Bühnenbild wie im 2. Akt)
(Musik. Vorhang.
Gleiches Ballett wird getanzt mit ROBERTS in
der Hauptrolle. RENTNER sind leichenblas,
ihre Kostüme sind zerrissen und zerfetzt.
SENSEN-PRÄSIDENTIN schläft. HERR GERSTER
und GEFLOGS-PERSONEN schauen sich sitzend
das Ballett an. ROBERTS tritt auf.)
HERR GERSTER
Bravo.
(HERR GERSTER applaudiert. GEFLOGS-PERSONEN
machen es ihn nach. ROBERTS entblößt seinen
Popo.)
HERR GERSTER
Bravo!
(HERR GERSTER lacht. GEGOLGS-PERSONEN machen
es ihm nach. SENSEN-PRÄSIDENTIN wacht auf.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Nein. Stopp!
(HERR GERSTER springt auf und gibt
Anweisungen.)
HERR GERSTER
Festhalten.
BANDER
Weitertanzen!
HERR GERSTER
Festhalten.
(GEFOLGS-PERSONEN versuchen als Teil des
Balletts ROBERTS festzuhalten.)
HERR GERSTER
Stopp.
(Musik/Ballett stoppt.)
BANDER
Weitertanzen.
111
BUSLOV
Nein. Ohne Musik tanze ich nicht.
BANDER
Herr Buslov, können Sie überhaupt hören? Haben Sie
vielleicht 100% Hörschaden?
HEINRICHSEN
Ich habe das feinste Gehör der Welt.
BANDER
Und ich sage: Musik ist an Ihnen verschwendet.
HERR GERSTER
(zu GEFLOGS-PERSONEN)
Sie nehmen ihn an den Beinen. Vorsicht.
BUSLOV
Das werden Sie zurücknehmen!
(ROBERTS schlägt in Windeseile alle GEFOLGSPERSONEN außer einer KO und wird von dieser
von hinten gepackt.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Herr Gerster!
HERR GERSTER
Ahm, please.
(ROBERTS holt kurz mit Sense aus.)
HERR GERSTER
(duckt sich)
Ah.
(ängstlich und sehr vorsichtig)
Please.
(ROBERTS übergibt nach ausgiebiger Pause
HERRN GERSTER Sense.)
HERR GERSTER
Thank you.
ROBERTS
You ´r welcome.
(GEFOLGS-PERSONEN stehen auf Anweisung HERRN
GERSTERS auf und stellen sich formal auf.)
112
BANDER
Wir fangen noch mal an.
(zu SENSEN-PRÄSIDENTIN)
Bitte entschuldigen Sie. Herr Roberts ist aus England.
Herr Heinrichsen, Sie werden in meinem Ballett nur noch
als Statue auftreten. Als bewegungslose Statue im
Hintergrund.
BECKBROT
Was Herr Bander meint: Sie sollten vielleicht etwas mehr
an Ihren Energiehaushalt achten.
BUSLOV
Ich habe so viel Energie wie nie.
BANDER
Herr Buslov, wir spielen hier nicht Shakespeare. Wir
tanzen Ballett. Da haben Sie etwas missverstanden. Raus!
Alle raus!
(scheucht mit Sense)
BECKBROT
Sie sind viel zu undiplomatisch.
BANDER
Raus!
SENSEN-FRAU
Herr Gerster, ich hatte Ihrem Nachsuchen gemäß eine
weitere Aufführungen dieses Ballettes gestattet. Aber nur
eine weitere Aufführung. Wie oft wurde dieses Ballett
nochmals aufgeführt?
BANDER
Ein oder zwei - oder drei Mal; vielleicht.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Wie oft, Herr Gerster?
HERR GERSTER
Zwischen ein -und zweihundert Mal.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Kontinuierlich. Und Sie finden das unterhaltsam.
HERR GERSTER
(drucksend)
Mit Einschränkungen.
113
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Des Weiteren hatte ich strikte Anweisung gegeben: Sir
Robert hat Auftritts-Verbot. Herr Gerster, warum werden
meine Anweisungen nicht befolgt?
HERR GERSTER
Ahm, wir haben ihn von der Bühne entfernt. Das hier ist
die Bühne. Bis hier her. So haben sie entschieden. Das war
aber eine lange Diskussion. Und in der Tiefe...
SENSEN-PRÄSIDENTIN
(unterbrechend)
Herr Gerster, Sie haben sich meinen Anordnungen
wissentlich widersetzt.
(SENSEN-PRÄSIDENTIN beschaut sich im
Spiegel, erschrickt und versucht sich ein
schmäleres Gesicht zu ziehen.)
HERR GERSTER
Ich, ahm, nein, nicht wissentlich.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Sie meinen, ich hätte nicht die Autorität mich Ihnen
gegenüber durchzusetzen.
HERR GERSTER
Nein. Ich, ahm, ich meine, Sie sind viel intelligenter als
ich.
Und sehen viel besser aus.
Sie sind eine große Inspiration.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Danke sehr.
HERR GERSTER
Für uns alle.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
(überschneidend)
Ich sagte: "Danke sehr", Herr Gerster. Wo ist das Kind?
HERR GERSTER
Ahm, Sie meinen den Kleinen? Er sagte, ihm gefalle kein
Ballett.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Wo ist das Kind, Herr Gerster?
HERR GERSTER
Ahm; wir haben ihn aus den Augen verloren.
114
(HERR GERSTER schaut Richtung Tempel und
erschrickt.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Ist er dort rein.
HERR GERSTER
Nein. Ahm, er sagte, sein Onkel sei immer sehr lieb zu
ihm.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Sein Onkel? Um Gottes Willen. Das Kind. Hans Theodor.
(SENSEN-KIND kommt mit zwei Mützen in der
Hand auf die Bühne.)
HERR GERSTER
(unterbrechend)
Da ist der Kleine!
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Hans Theodor? Wo warst du?
(HERR GERSTER nimmt SENSEN-PRÄSIDENTIN seine
Sense aus der Hand.)
SENSEN-KIND
Die haben getanzt und du bist eingepennt. Da, das ist für
dich.
(übergibt Mützen)
Bundeswehr. Bundesgrenzschutz. Ich hab die einen
Wasserfall runter. Da ist ein Fluss, da unten. Das hat mir
Vati gezeigt. Aber auf den Wasserfall bin ich ganz von
selber gekommen.
(HERR GERSTER und GEFLOGS-PERSONEN schauen
lächelnd und liebevoll auf SENSEN-KIND.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Bundeswehr?
SENSEN-KIND
Ja, Bundesgrenzschutz. Da war ganz schwierig.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Und auch noch gleich zwei.
SENSEN-KIND
Ja. Aber einer hat überlebt.
Er ist immer noch in Lebensgefahr.
Aber es wurde schon ein bisschen besser.
115
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Hans Theodor, in deinem Alter...
SENSEN-KIND
(unterbrechend)
Ich bin schon sehr weit für mein Alter.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Hans Theodor? Möchtest du das nicht lieber deiner Mutti
schenken?
SENSEN-KIND
Nein.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Nein?
SENSEN-KIND
Das gefällt Mutti nicht.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Oh, das ist aber nicht schön von deiner Mutti. Das ihr das
nicht gefällt. Wenn du ihr so etwas Schönes schenken
möchtest. Du hast bestimmt eine ganz liebe Mutti?
SENSEN KIND
(nach kurzer Pause)
Mutti will mich ins Ballett schicken.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Nein. Das möchte deine Mutti bestimmt nicht. Das hast du
ganz falsch verstanden. Weißt du, deine Mutti meint es nur
gut mit dir.
SENSEN-KIND
(nach kurzer Pause)
Ja; ich hab auch noch mal eine von der Jugendgruppe. So
´ne straffällige Jugendliche aus ´em Knast. Ich hab die in
so ´ne Tierfalle. Die lebt aber noch. Aber nicht mehr
lange.
(Musik/Ballett mit ROBERTS in der
Hauptrolle.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Hans Theodor, hat dir deine Mutti nicht beigebracht, dass
man sich immer streng an die Vorschriften zu halten hat.
SENSEN-KIND
Ja. Und Vati auch. Aber ich tu ´s einfach nicht.
116
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Hans Theodor, du hast heute die gesamte Intensiv in
Weiteau hingemetzelt. Du hast eine 97 Jahre alte Nonne die
Treppe runter... und dann auch noch eine halbe Stunde lang
schreien lassen.
SENSEN-KIND
Hätt ich die nicht schreien lassen sollen?
SENSEN-PRÄSIDENTN
Hans Theodor, du hättest diese Nonne, mit 106 oder 107...
SENSEN-KIND
(einwerfend)
Die Treppe runter.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Nein. Das Fenster leicht geöffnet, ein kleiner Luftzug,
eine kurze schwere Erkältung...
SENSEN-KIND
Und erst mit 107?
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Ja, Hans Theodor. Du hast alle auf der Intensiv erwürgt.
SENSEN-KIND
Ja. Denen blieb die Luft weg.
(lacht)
Ich habe einen Witz gemacht. Du musst jetzt lachen.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Hans Theodor, Weitau ist ein Kurort mit internationalem
Ruf. Hat dir das deine Mutti nie beizubringen versucht?
Hans Theodor, du wirst vielleicht bald eine andere Mutti
bekommen. Mutti wird weit weggehen. Sehr weit.
SENSEN-KIND
Und wir gehen nicht mit?
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Nein.
SENSEN-KIND
Und auch einen anderen Vati?
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Einen anderen...?
SENSEN-KIND
(einfallend)
Bekomme ich auch einen anderen Vati?
117
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Nein. nein, nein.
(Auftritt ROBERTS. Er entblößt sich von
Neuem.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Herr Gerster!
HERR GERSTER
Halten sie ihn.
SENSEN-KIND
(zu GEFLOGS-PERSONEN)
Haltet ihn! Stopp!
(Musik/Ballett stoppt. ROBERTS wird von
GEFOLGS-PERSONEN festgehalten und
präsentabel gemacht. SENSEN-KIND steht mir
erhobener Sense vor ROBERTS.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Nein, Hans Theodor. Nicht mit deiner Sense. Und warum
nicht?
SENSEN-KIND
Weil Weiteau ein Kurort ist.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Mit?
SENSEN-KIND
Mit internationalem Ruf.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Ja, Hans Theodor. Herr Gerster, bitte.
HERR GERSTER
Soll ich...?
(zeigt auf Roberts, Handbewegung: "Kopf ab")
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Ja bitte. Herr Roberts wird seine Kur augenblicklich
beendet und überführt werden auf das seine Angehörigen
endgültig und ohne weitere Unkosten ihm ihren letzten
Respekt erweisen können.
HERR GERSTER
Zu Befehl, Frau Präsidentin.
(gibt Anweisungen)
118
(Eine GEFOLGS-PESONE hält ROBERTS fest, eine
andere übergibt HERR GERSTER Flasche.)
HERR GERSTER
Danke sehr.
Ich werde diese Flasche benützen.
(Pause)
SENSEN-PRÄSIDENTINB
Herr Gerster, bitte.
HERR GERSTER
Ja. Als Kranz nehme wir nur ganz schlichte weise und rote
Rosen. Nein, nur eine weise und eine rote. Das ist
schlicht aber effektvoll.
(zu Roberts)
Just one white and one red rose.
BECKBROT
Schaut mal. Für den Roberts wird ´s ernst.
PRENZLAFF
Ja. So muss de mit Engländern umspringen. Alles andere hat
überhaupt keinen Wert.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Herr Gerster, bitte.
BANDER
Zu Befehl.
(holt mit Flasche aus)
Sir Roberts, I am terrible sorry.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Nein. Stopp. Sie werden Ihre Sense benützen.
HERR GERSTER
Das ist verboten.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Sie haben meine ausdrückliche Erlaubnis dazu.
(HERR GERSTER bekommt von GEFOLGS-PERSONEN
seine Sense überreicht und hält diese in die
Höhe vor ROBERTS.)
HERR GERSTER
I am terrible sorry.
Einen Augenblick bitte.
119
(HERRR GERSTER übergibt Sense einer GefolgsPerson und krempelt sich die Ärmel rauf und
arrangiert seine Kutte)
BANDER
Stopp. Alle herhören. Wir werden nun ein anderes Ballett
tanzen.
VON HENNEN
Das finde ich keine gute Idee.
BECKBROT
Ich wäre auch dafür nichts neues einzustudieren.
BANDER
Was wir hier machen, das passt jetzt nicht mehr.
VON HENNEN
Ich meine, was wir hier machen das reicht.
BANDER
Herr Heinrichsen, in meinem neuen Ballett gibt es
vielleicht eine wunderschöne Rolle für Sie.
BUSLOV
(leicht begeistert)
Ja?
BANDER
Gut. Also wenn mein Talent so gefragt ist, dann werde ich
eben klein beigeben und ein weiteres Ballett
choreographieren. Raus! Alle Raus!
(scheucht mit Sense)
BUSLOV
Und an welche Musik haben Sie gedacht?
BANDER
Da habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.
BUSLOV
Haben Sie schon irgend eine Idee für Ihr Ballett?`
BANDER
Nein. Keine Ahnung. Raus!
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Herr Gerster? Wir warten?
(HERR GERSTER bekommt von GEFLOGS-PERSON
SENSE überreicht.)
120
HERR GERSTER
Danke sehr.
I am terrible sorry. Ich führe nur Befehle aus. I am only
obeying orders.
ROBERTS
(Rückenschmerzen)
Ah.
HERR GERSTER
Sie werden sich gleich viel besser fühlen.
(holt mit Sense aus)
ROBERTS
No. Germany gut!
(HERR GERSTER dreht Sense um und schlägt
ROBERTS mit Sensenstil KO.)
HERR GERSTER
Befehl erfolgreich ausgeführt.
(ROBERTS kommt zu sich befreit sich, gibt
SENSEN-KIND Kinnhaken. SENSEN-KIND fliegt
über Bühne und bleibt bewusstlos liegen.)
HERR GERTER
Oh Gott. Er lebt noch.
(ROBERTS steht mit Sensen-Kind ´s
erhobener Sense vor SENSEN-PRÄSIDENTIN.)
HERR GERSTER
(zu Gefolgs-Personen mit Handgestik)
Halt. Stopp.
Sir Robert, ich appelliere an Ihre Vernunft.
(steht auf)
Und Ihre Einsicht. Sie können diesen Kampf nicht gewinnen.
(hält Hand aus)
Please.
(ROBERTS übergibt HERRN GERSTER SENSE.)
HERR GERSTER
Thank you.
Ihr letzter Tanz, bitte. Your last dance.
ROBERTS
Thank you.
(geht ab)
121
HERR GERSTER
(nachrufend)
Hals -und Beinbruch!
(HERR GERSTER gibt GEFOLGS-PERSONEN
Anweisungen sich wieder formal aufzustellen.
SENSEN-KIND kommt zu sich.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Hans Theodor.
SENSEN-KIND
Au, ah, da tut alles weh.
(zeigt)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Du hättest vorsichtiger sein sollen. Sir Roberts ist aus
England.
Herr Gerster, Sie waren unfähig meinen Befehl auszuführen.
Des weiteren hat Sir Roberts hat Auftrittsverbot. Sie
haben Ihr Kompetenz gerade gleichzeitig über -und
unterschritten. Ich werde auch was Sie betrifft in Kürze
eine Entscheidung treffen müssen.
(SENSEN-FRAU kommt aus Tempel. Sie trägt das
Höschen von Bachus. SENSEN-PRÄSIDENTIN hält
ihren Umhang vor SENSEN-KIND.
Musik: Mozart Adagio.)
SENSEN-FRAU
Tanzen! Hallo? Ich sagte: Tanzen!
SENSEN-MANN
(kommt aus Tempel mit Frauenslip bekleidet)
Elvira? Der soll mir meine Klamotten geben.
SENSEN-FRAU
Nein. Das steht dir. Ich möchte dass du etwas mit deiner
femininen Seite in Kontakt kommst.
(SENSEN-FRAU umarmt SENSEN-MANN und küsst
ihn.)
SENSEN-MANN
Elvira?
(befreit sich, eilt ab in den Tempel)
SENSEN-FRAU
Ottmar? Jetzt sei nicht immer so prüde.
(eilt ab in den Tempel)
(Musik stoppt)
122
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Hans Theodor,
HERR GERSTER
(unterbrechend)
Einen Augenblick. Ich regle das.
(List: Klavierkonzert Nr. 1.
Alle halten ein und horchen.)
HERR GERSTER
Hans Theodor, da kommt gleich jemand mit einem
Privatflugzeug an. In Weitau.
SENSEN-KIND
Zur Kur?
HERR GERSTER
Ja, Hans Theodor. Aus Russland.
SENSEN-KIND
Aus Russland? Von so weit her?
HERR GERSTER
(während er Sensen-Kind ´s Kutte zurecht
zupft)
Ja. Weitau bemüht sich zur Zeit gerade auch sehr um den
russischen Markt.
(VITELA kommt mit Hupferchen auf die Bühne
und bleibt mit beiden Armen und Gesicht nach
oben streckend regungslos stehen. Er trägt
knappen, schwarzen Sportslip.)
HERR GERSTER
Meinst du, du schaffst das? Diese Privatmaschine? Es darf
aber über Weitau keine Explosion geben.
SENSEN-KIND
Weil es ein Kurort is´.
HERR GERSTER
Ja, Hans Theodor.
SENSEN-KIND
Wir könnten die Benzinzufuhr unterbrechend. Ich weiß wie
das geht. Dann gibt ´s keine Explosion. Ich habe das mit
Vati schon mal gemacht.
HERR GERSTER
Dann schnell, Hand Theodor.
123
SENSEN-KIND
Die Benzinzufuhr.
HERR GERSTER
Ja.
(SENSEN-KIND geht ab.)
SENSEN-PTÄSIDENTIN
Danke sehr, Herr Gerster.
(Herr Gerster macht leichte Verbeugung.)
BANDER
(schaut auf die Bühne)
Herr Vitela? Um Gottes Willen. Wir sind noch am Proben.
Ich habe Ihre Rolle doch noch gar nicht choreographiert?
Stopp.
(Klavierkonzert stoppt.)
BANDER
Und wir hatten uns gegen dieses Kostüm ausgesprochen.
(BANDER führt VITELA ab. SENSEN-FRAU kommt
einen Joint rauchend aus dem Tempel gefolgt
von SENSEN-MANN.)
SENSEN-MANN
Elvira, komm hier rein.
SENSEN-FRAU
Relax.
SENSEN-MANN
Dann zieh dir wenigstens was über.
SENSEN-FRAU
Relax. No problem.
SENSEN-MANN
Und wo sind jetzt die anderen?
SENSEN-FRAU
Wer?
SENSEN-MANN
Deine Kurgäste?!
SENSEN-FRAU
Relax.
124
(Klavierkonzert)
SENSEN-FRAU
Da. Die tanzen. No problem.
SENSEN-MANN
Und sage nicht immer: "No problem".
(HERR GERSTER räuspert sich. SENSEN-MANN
sieht SENSEN-PRÄSIDENTIN und kniet sofort.)
SENSEN-FRAU
Ottmar.
(lacht)
(SENSEN-FRAU wirft sich über knienden
SENSEN-MANN, stürzt ihn um und liegt dann
neben ihm auf dem Rücken.)
SENSEN-MANN
Elvira?
SENSEN-FRAU
Otti.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
(über Sensen-Frau stehend)
Frau E.
SENSEN-FRAU
Frau Präsidentin.
(SENSEN-FRAU und SENSEN-MANN knien. HERR
GERSTER macht aufgeregt Arm, -und
Handzeichen. EINE GEFOLGS-PERSON geht ab in
den Tempel. RENTNER kommen aus
verschiedenen Richtungen mit Sprüngchen auf
die Bühne und bleiben in Pose - mit Armen
und Gesicht nach unten - regungslos stehen.)
BANDER
Nein. Das sieht unmöglich aus. Stopp!
(Musik stoppt)
BANDER
Alle raus.
(zu Sensen-Präsidentin)
Entschuldigung. Das taug noch überhaupt nichts.
(Alle RENTNER gehen ab.)
125
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Speed, LSD, Kokain...
SENSEN-FRAU
(einwerfend)
Ich habe nur einen kleinen Joint... und ein bisschen was
getrunken.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Ich rede über die Ihnen anvertrauten Kurgäste. Frau E,
Weiteau ist ein Kurort mit internationalem Ruf?
SENSEN-FRAU
Das sind alles schon wandelnde Apotheken. Das ist was ich
immer sage.
(Klavierkonzert.
RENTNER kommen mit Sprüngchen auf die Bühne
und bleiben in bewegungsloser Pose - mit
einem Arm und mit Gesicht nach oben
streckend - stehen.)
BANDER
Nein. Unmöglich. Stopp!
(Musik stoppt)
BANDER
Alle raus. Das taugt immer noch nichts.
(zu Sensen-Präsidentin)
Entschuldigung. Wir sind noch nicht ganz so weit. Aber
gleich geht ´s los.
HERR GERSTER
Soll ich...?
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Nein. Weiter tanzen lassen.
HERR GERSTER
(leicht salutierend)
Zu Befehl.
(BANDER gefriert)
BROTBECK
Herr Bander?
PRENZLAFF
Herr Bander?
(berührt BANDER)
126
BECKBROT
Er hat sich schon vorher einmal nicht besonders wohl
gefühlt.
Er sagte, es gehe dem Ende zu mit ihm. Herr Bander?
(berührt)
BANDER
Raus!
BROTBECK
Ah.
(weicht zurück)
BANDER
Alle raus. Schnell. Ich habe eine Inspiration.
(RENTNER gehen ab. FÜCHSEN wird von GEFOLGSPERSON auf Bare auf aus Tempel getragen.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Herr Füchsen.
FÜCHSEN
Musik ist so wichtig für die geistige und seelische und
das wirkt sich auch auf ahm der bio-geo-logoogelste
(hält ein)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Über was redet er?
HERR GERSTER
Über den biogenetisch -beziehungsweis optimal-genetischen
Energiehaushalt, so nehme ich an.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Ja. Natürlich.
(Klavierkonzert.
RENTNER außer VITELA kommen auf die Bühne
gerannt und werfen sich mit ausgestreckten
Armen flach auf den Boden.)
BANDER
Nein. Stopp.
(Musik stoppt)
BANDER
Eine Blamage.
(zu Füchsen)
Und wo warst du bitte?
127
FÜCHSEN
Ich war auf eine Orgie.
BANDER
Wir tanzen hier schon stundenlang?
Du hast uns gefehlt?
Wo warst du?
FÜCHSEN
Ich war auf einer Orgie.
BANDER
Ah ja. Und Schneewittchen war auch da. Jetzt aber Schluss
damit. Ich choreographiere gerade ein neues Ballett.
PRENZLAFF
Herr Oberkünstler, war die Blamage gerade diese
Inspiration? Oder kommt sie erst noch? Oder ist sie
vielleicht hängen geblieben irgendwo? Unterwegs? Die
Inspiration.
BECKBROT
Oder will sie heute nicht so richtig?
BANDER
Noch einen Ton von irgendjemandem und ich werfe ich den
ganzen Bettel hin. Ich rackere mich hier ab. Was hilft mir
die größte Inspiration
(zu Sensen-Präsidentin)
wenn ich es mit Trampeltieren zu tun habe.
Raus. Alle raus!
(ALLE RENTNER sind stöhnend und sich
stützend im Abgehen begriffen wenn VITELA
auf die Bühne gerannt kommt und sich mit
ausgestreckten Armen flach auf den Boden
wirft.)
BANDER
Herr Vitela!!
BUSLOV
An Ihrer Stelle würde ich mir meinen Energiehaushalt
ökonomischer einteilen. Und das wird Ihnen auch jeder Arzt
sagen. Positiv denken das macht einen Unterschied. Einen
gewaltigen Unterschied.
Ich spreche da aus Erfahrung.
BANDER
Alle raus!
(Alle RENTNER gehen ab; ROBERTS tanzend)
128
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Frau E, diese, alle diese, jeder einzelne Ihnen
anvertraute Kurgast sollte seine Kur bereits beenden
haben. Drei dieser Kurgäste sollten bereits beigesetzt,
Herr Roberts bereits überführt sein. Angehörige Herrn
Roberts sind bereits zum zweiten Mal vergeblich zu seiner
Beisetzung angereist. Die Unkosten für zwei stornierte
Beisetzungen belaufen sich auf über 10tausend Pfund. Teile
dieser Unkosten müssen wie es scheint sogar vom Deutschen
Steuerzahler beglichen werden.
Ich hatte Ihnen streng verboten weiterhin Kurgäste aus
Weiteau sich zu Tode tanzen zu lassen.
SENSEN-FRAU
Ich bestehe einfach auf etwas Freiraum. Freiraum...
SENSEN-PRÄSIDENTIN
(einfallend)
Zur künstlerischen Selbstentfaltung.
SENSEN-FRAU
Ja!
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Frau E, und heute begingen heute mit einem Kurgast
flagrante delicto. Nein, dieser Kurgast nahm sogar an
einer Ihrer Orgien teil.
SENSEN-FRAU
(einwerfend)
Vier sind noch keine Orgie.
Das war keine richtige Orgie. Es war mehr...
SENSEN-PRÄSIDENTIN
(weiterhelfend)
Ein pas de Quatre. Ja.
Und diese Orgien, nein, Entschuldigung, sagen wir lieber:
ihr phantasievolles Sexualleben - ist dieses ihr
phantasievolles Sexualleben auch Teil Ihrer künstlerischen
Selbstentfaltung? Und ich glaube es ist hier angebracht
Sie auch noch einmal an den von Ihnen in Weiteau
verursachten Sachschaden plus Verkehrschaos zu erinnern.
SENSEN-FRAU
Die Abgaswerte. Ja. Sehr wichtig.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Frau E, Weiteau ist ein Kurort mit internationalem Ruf.
SENSEN-FRAU
(schnippisch/ironisch)
Ach wirklich? Zum ersten Mal das ich das höre.
129
SENSEN-FRAU
(fortgesetzt, leidenschaftlich)
Ich liebe einfach den Tanz! Und die Kunst. Und darum
versuche ich meine Arbeit...
SENSEN-PRÄSIDENTIN
(einfallend)
Künstlerisch zu gestalten. Ja. Natürlich.
(HERR GERSTER gibt Anweisungen. EINE
GEFLOGS-PERSON geht ab in den Tempel.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Ich verstehe. Bitte übergeben Sie mir Ihre Sense.
SENSEN-FRAU
Ahm?
HERR GERSTER
Einen Augenblick. Ich regle das gerade.
(GEGOLGS-PERSON kommt zurück mit
Sensenstücken und FUDU. SENSEN-PRÄSIDENTIN
schaut scharf auf SENEN-MANN. SENSEN-MANN
schaut scharf zurück.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Ah, Ihre Sense. Und alle Teile davon. Oder fast alle.
(HERR GERSTER gibt Anweisungen. Sensen-Teile
werden vor SENSEN-FRAU abgelegt außer einem
Teil den SENSEN-PRÄSIDENTIN in die Hand
nimmt.)
SENSEN-RÄSIDENTIN
Mit dieser symbolischen Handlung...
(SENSEN-FRAU nimmt SENSEN-PRÄSIDENTIN das
Stück Sense aus der Hand, wirft dieses zur
Seite und befördert mit Fuß die restlichen
Sensenstücke seitwärts und nimmt FUDU zu
sich.)
SENSEN-MANN
Elvira.
(Klavierkonzert.
SCHNEIBER läuft auf die Bühne und wird von
BANDER sofort von der Bühne gezogen.)
SCHNEIBER
Ah.
130
(Musik stoppt)
SENSEN-FRAU
Ich kenne mein Schicksal. Und du kennst es auch. Sie weiß
wirkliches Talent nicht zu schätzen. Wirkliches Talent ist
heutzutage nicht mehr gefragt. Aber es wird eine Zeit
kommen wenn man sich an mich erinnern wird. Ich werde über
sie triumphieren. Gibt mir deine Hand.
(SENSEN-FRAU nimmt SENSEN-MANN `S Hand.
SENSEN-MANN schaut auf HERRN GERSTER der
Anweisung gibt: aufstehen. SENSEN-MANN steht
auf.)
SENSEN-FRAU
Zusammen in den Tod gehen. Der Tod, der raison d´etre
unserer Existenz. Ja, zusammen werden wir in den Tod
gehen. Für immer werden wir ab heute zusammen sein. Für
immer...
(Klavierkonzert.
Ballett beginnt: Alle RENTNER kommen von
verschiedenen Richtungen mit Sprüngchen auf
die Bühne mit beiden Armen nach unten und
Gesicht nach oben.)
SENSEN-FRAU
... Bis in alle Ewigkeit. Du und ich. Zusammen werden wir
in den Tod...
SENSEN-MANN
(unterbrechend)
Jetzt wart mal. Nicht ganz so schnell. Sie hat nichts von
mir gesagt.
SENSEN-FRAU
Du willst deine eigene Frau alleine in den Tod schicken?
Ohne ihr zu folgen.
SENSEN-MANN
Ich muss mich um Hans Theodor kümmern.
(Beginn erster Tanzszene)
SENSEN-FRAU
Du dich um den Jungen kümmern? Er hat unter deiner
Aufsicht die ganze Intensiv in Weiteau hingemetzelt?!
SENSEN-MANN
Du hast hier eine Orgie arrangiert ...
131
SENSEN-FRAU
(einwerfend)
Vier sind noch keine Orgie!
SENSEN-MANN
(übertönend)
... anstatt dich um eine dir anvertrauten Kurgäste
angemessen zu kümmern! Und der Hund war auch immer dabei!
SENSEN-FRAU
Ach? Ich habe? Bla bla bla. Du hast dich ganz schön
amüsiert mit Bachus zusammen.
SENSEN-MANN
Ach nein? Das ist wieder mal typisch. Zuerst arrangierst
du eine Orgie und dann habe ich mich daneben benommen.
SENSEN-FRAU
Das habe ich nicht gesagt.
SENSEN-MANN
Und was hast du dann gesagt?
VITELA
Runter von der Bühne!
(SENSEN-MANN und SENSEN-FRAU gehen streitend
an den Rand der Bühne. HERR GERSTER und
GEFOLGS-PERSONEN folgen Ihnen tanzend als
Teil des Balletts.)
SENSEN-FRAU
Ich habe nur festgestellt, dass du dich mit Bachus oft
mehr abgegeben hast als mit mir.
(GEFLOGS-PERSONEN werden von HERRN GERSTER
tanzend in formale Aufstellungen dirigiert.)
SENSEN-MANN
Ja und? Ich soll doch "etwas mit meiner femininen Seite in
Kontakt kommen."
SENSEN-FRAU
Aber mit Niveau bitte.
SENSEN-MANN
Ach? Ich habe mich auf deiner Orgie daneben benommen? Na
so was? Und wie bitte schön benimmt man sich auf einer
Orgie? Er hat sich mit mir abgegeben. Und an dich bin ich
ja kaum mal rangekommen. Wegen deinem Kurgast.
132
SENSEN-FRAU
Musst du immer mit mir herumstreiten? Hast du mir sonst
nichts zu sagen?
Ich warte?
(HERR GERSTER reiht sich solo in das Ballett
ein.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Herr Gerster. Herr Gerster!
HERR GERSTER
Ah. Entschuldigung.
(HERR GERSTER geht weniger und weniger
tanzend zur Seite und bleit dort mit
GEFOLGS-PERSONEN in malerischer Pose
stehen.)
SENSEN-FRAU
Und? Hast du mir sonst nichts zu sagen. Ich warte immer
noch, Ottmar.
(Flugzeuglärm)
SENSEN-MANN
Du hast dir die Suppe eingebrockt, jetzt löffelst du sie
auch aus.
(Explosion)
SENSEN-FRAU
Hans Theodor.
HERR GERSTER
Vielleicht ein Feuerwerk? Ein Kurkonzert mit
anschließendem Feuerwerk?
SENSEN-MANN
Das war kein Feuerwerk.
(SENSEN-KIND kommt angeflogen.)
SENSEN-KIND
Hallo Papi.
SENSEN-MANN
Das war gerade so ´ne Privatmaschine.
SENSEN-KIND
Aus Russland. Ja.
133
SENSEN-MANN
So ´ne Privatmaschine von ´nem Kurgast. Und du hast
versucht die Benzinzuführ abzudrehen. Warum hat das nicht
geklappt?
SENSEN-KIND
Ahm...
(hält ein)
SENSEN-MANN
Du musst mehr aufpassen, Hans Theodor, wenn ich dir was
erkläre.
SENSEN-KIND
Nein, du musst mehr aufpassen, Vati. Schau mal. Da. Ich
mach mit der Privatmaschine gerade eine Lawine. Und mit
der Lawine krieg ich ´n Skifahrer. Da. Jetzt. Bum!
SENSEN-MANN
(zu Sensen-Präsidentin)
Er ist schon sehr reif für sein Alter.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Ja. Sehr reif. Herr Ottmar, ich glaube es wird Zeit, dass
jemand einen mäßigenden Einfluss auf Ihren Sohn ausübt.
SENSEN-KIND
Hände hoch!
(Beginn Sterbeszene der RENTNER mit
jeweiligem Solo.)
SENSEN-MANN
Wo hast du die Knarre her?
SENSEN-KIND
Das sage ich nicht.
SENSEN-MANN
Von wo? Von wo, Hans Theodor?
SENSEN-KIND
Das is ´n Geheimnis.
SENSEN-MANN
Von der Spezialeinheit. Bundeswehr. Mh?
SENSEN-KIND
Ja.
(zeigt)
134
SENSEN-MANN
Und was willst du mit dem Ding tun?
SENSEN-KIND
Das sage ich nicht.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Hans Theodor. Dein Vater möchte gerne wissen was du mit
dieser Schusswaffe vorhast. Und ich auch.
SENSEN-KIND
Den Revolver will ich so ´nem ganz frustrierten Pfleger im
Kurheim geben.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
(unterbrechend)
Hans Theodor! Das darf man nicht. Und warum nicht?
SENSEN-KIND
Weil Weiteau ein Kurort ist.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Mit?
SENSEN-KIND
Mit internationalem Ruf.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Ja. Weiteau ist der exklusivste Kurort Deutschlands.
SENSEN-KIND
Und wo darf man das dann tun?
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Das wirst du noch alles lernen.
SENSEN-KIND
Und wann?
SENSEN-PRÄSIDENTIN
In ein paar Jahren.
SENSEN-KIND
In ein paar Jahren?! Warum nicht jetzt gleich?!
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Herr Ottmar, Sie haben Führungs -und andere Qualitäten.
Sie sind ein Mann wie es ihn selten gibt. Sie sind ein
Mann der schnell versteht. Und schnell handelt.
SENSEN-MANN
Da haben Sie Recht.
135
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Ich habe immer Recht.
(RENTNER bleiben einer nach dem anderen, das
Gesicht mit schwarzem Tuch bedeckt auf der
Bühne liegen; FÜCHSEN auf Bahre.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Ah, Ihre Augen: wie ein Tiger. Bevor er einem die Kehle
durchbeißt. Und meine Augen?
SENSEN-MANN
Wie eine Schlange bevor sie einen...
(hält ein)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Erwürgt?
SENSEN-MANN
Ja.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Ah, Ottmar.
SENSEN-KIND
Aber so richtig international sind die gar nicht. Da war
nur ein Engländer.
SENSEN-MANN
(überschneidend)
Das darfst du uns ein anderes Mal erzählen.
SENSEN-KIND
Warum nicht jetzt?
SENSEN-FRAU
Hans Theodor.
SENSEN-KIND
(sieht Sensen-Frau)
Mutti?
(SENSEN-PRÄSIDENTIN hält SENSEN-KIND
zurück.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Hans Theodor, deine andere Mutti hat jetzt keine Zeit.
Deine andere Mutti geht jetzt gleich weit weg.
SENSEN-FRU
Sie Walross! Mit Ihrer Zuckerrüben-Visage!
136
(Tanzszene ALBRECHT)
SENSEN-MANN
Hans Theodor das ist deine neue Mutti. Komm, gib Mutti ein
Küsschen.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Hans Theodor.
(SENSEN-PRÄSIDENTIN umarmt und küsst Hans
Theodor.)
SENSEN-MANN
(bückt sich)
Und warum hat das vorher nicht geklappt? Mit dem Flugzeug?
Die Explosion?
(HERR GERSTER schaut scharf von hinten auf
den sich bückenden SENSEN-MANN.)
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Das hat alles wunderbar geklappt. Da haben die
wahrscheinlich in der Maschine irgendwas probiert. Komm zu
mir, Hans Theodor. Dein Vati darf nicht mit dir böse sein.
Das erlauben wir ihm nicht.
HERRR GERSTER
Mein neuer Master.
(verbeugt sich leicht mit Kopf vor Sensen
Mann, zu Sensen-Kind)
Ich werde gut auf deinen Vati aufpassen.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Kein Kurgast wird ab heute noch in einem Deutschen Kurort
zu Tode getanzt werden.
(HERR GERSTER gibt Anweisungen und reiht
sich dann hinter GEFOLGS-PERSONEN und hinter
SENSEN-RÄSIDENTIN; SENSEN-MANN und SENSENKIND formal ein. SENSEN-FRAU flüstert
SENSEN-MANN ins OHR. SENSEN-MANN will
daraufhin SENSEN-FRAU FUDU wegnehmen.)
SENSEN-FRAU
Nein.
SENSEN-MANN
Gibt den Köder her.
(FUDU wird etwas hin -und hergezogen.)
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SENSEN-PRÄSIDENTIN
Den wird mein kleiner Hans Theodor als Kampfhund
abrichten.
SENSEN-KIND
Aus dem wird nie ein Kampfhund.
SENSEN-MANN
(überschneidend)
Das is ´ne tolle Idee.
SENSEN-KIND
Aus dem wird nie ein...
SENSEN-MANN
(unterbrechend)
Hans Theodor.
SENSEN-KIND
Ja?
SENSEN-MANN
Ja, Mutti.
SENSEN-KIND
Ja, Mutti.
SENSEN-MANN
Man widerspricht seiner Mutti nicht.
SENSEN-KIND
Nein, Vati. Vati mir hat jemand meine Knarre geklaut.
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Ich muss sie liquidieren. Sie hat den Kurort Weitau in
Verruf gebracht.
SENSEN-KIND
Vati?
SENSEN-PRÄSIDENTIN
Sie hätte es fertig gebracht die gesamten deutsche zu
Kurindustrie ruinieren.
(GEFOLGS-PERSONEN, HERR GERSTER, SENSENPRÄSIDENTIN, SENSEN-MANN und SENSEN-KIND und
FUDU gehen ab.)
SENSEN-KIND
Vati, mir hat...
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SENSEN-MANN
(unterbrechend)
Ruhe. Deine neue Mutti möchte nicht, dass du so viel
redest.
(Ende Klavierkonzert. Beginn: konstante
Klaviernote.)
SENSEN-FRAU
Hans Theodor.
(SENSEN-FRAU hebt Schleier auf unter dem
FÜCHSEN auf Bahre liegt.
Schuss.
RENTNER richten sich alle zusammen auf.
Letzte Tanzszene.)
SENSEN-FRAU
Sir Robert.
BROTBECK
Der Roberts hat sich eine Kugel durch den Kopf gejagt.
BANDER
Also irgend was ham se, die Engländer. Das musst ´n
lassen.
SENSEN-FRAU
Sir Robert.
(SENSEN-FRAU beugt sich über ROBERTS.)
SENSEN-FRAU
Weg. Ah. Sie Robert. Ja, ich habe mich verliebt in ihn. Er
wäre der perfekte Mann für mich gewesen. Er hatte solch
Stil, solchen Humor, ein so perfektes Benehmen.
(SENSEN-FRAU rollt Füchsen von unter großer
Anstrengung von der Bahre und legt Roberts
darauf. Sie zieht ROBERTS auf Bahre mit
choreographierten Schritt hinter sich her.
RENTNER bleiben auf Bühne liegend zurück.
BACHUS kommt aus Tempel. Er lacht und geht
mit letzter Klaviernote in Pose.)
(Vorhang)
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