weitere Anekdoten aus einem Bassethaus Arnie – keine Abkürzung

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…. weitere Anekdoten aus einem Bassethaus
Arnie – keine Abkürzung von irgendwelchen prominenten Namen, obwohl ich ihn manchmal
spaßhalber „Arnoldus“ nenne – ist seit einigen Jahren blind und nach einer doppelten
Zahnextraktion auch noch taub, – da hat wohl etwas mit der Narkose (oder dem Narkotiseur) nicht
gestimmt! Vor drei Monaten kam eine totale Appetitlosigkeit mit Erbrechen bzw. Durchfall dazu;
beim Tierarzt H. wurde nach einigem Herumtasten eine akute Pankreatitis festgestellt, das hat er
sich wohl in der besonders unhygienischen Hundezone, die bodenmäßig eher einer schlechten
Karikatur der Sahelzone ähnelt, geholt. Höchste Alarmstufe! Er lag am Boden der Tierklinik total
leblos, aber mit heftiger Herzfrequenz; einem der Ärzte fiel was ein, das Mittel wirkte, und was
eigentlich fast schon als Abschiedsritual vorgesehen war – er durfte mal wieder im Bett schlafen,
obwohl seine chronische Inkontinenz mich lange davor abgeschreckt hatte – wurde zum Auftakt
eines allmählichen Heilungsprozesses: Jeden Tag ging’s um Facetten besser, bis er sogar wieder
etwas zu sich nahm. Er hatte ja schon einige Kilos verloren, war nur mehr um die 25 Kilo leicht,
nachdem er in seiner Glanzzeit schon ca. 33 Kilo gewogen hatte. Zuerst ein Croissant, um den
Appetit festzustellen, und das wurde verschlungen; teures, italienisches Trockenfutter wurde heftig
negiert, elegantes, als supreme gelobtes Dosenfutter ebenso abgelehnt; da fiel mir aber eine billige
Dosensorte ein, die zwar keinen so guten Ruf hat, aber aus dicken Brocken besteht, die er in seiner
Glanzzeit auch oft gegessen hatte, und siehe da: Ol‘ Arnie stürzte sich drauf wie ein
ausgehungerter Rekrut. Auch seine Leckerli nahm er wieder gnädig in Empfang. Und die
Lebenskräfte kehrten zurück: Er lag nicht nur am Küchenboden herum, sondern inspizierte wieder
alle Räumlichkeiten, die er finden konnte, und es ist erstaunlich und beneidenswert, wie ein blinder
(tauber) Hund sich den Weg zurechtlegt. Sein Herz pumpert nach wie vor heftig, er hustet wegen
seiner Herzerkrankung mit Flüssigkeit in der Lunge und muss wegen der täglichen
Entwässerungstabletten bald alle zwei Stunden pinkeln, das Stiegensteigen fällt ihm schwer –
hinunter wird er zumeist von mir getragen.
Es ist immer wieder aufregend zu sehen, wie er auf das ihm gebotene Menü reagiert. In der Früh
ließ er sich heute das Dosen-Spezialfutter gefallen, aber auch nur wenn ich ihm ein paar
Hundekekse hineinbrösele. Während einer kurzen Zeit mochte er auch seine Gelenk-Aktivsnacks
nicht mehr essen, aber das war nur Schein. Schmackos isst er immer gern, also lag es auf der
Hand, ihm die Gelenk-Aktivs als eine Art Sandwich mit den Schmackos zu verabreichen, und siehe
da: er nahm’s, sich wahrscheinlich dabei denkend, dass „die Menschen uns Bassets mit ihren Tricks
noch immer überlegen sind.“ Zu Mittag lehnte er – wie oben erwähnt – sein Futter ab; wir gingen
die zwei Stockwerke hinunter zum Pinkeln (er, natürlich) und nachher ging er’s an… bis zur Hälfte
des Futternapfs. Er wollte einfach nicht mehr davon essen. Da dachte ich mir, Hunger müsste er ja
noch haben, also: her mit den Keksen. Ca. 10 Stück etwas zerbröselt hinein, und der Appetit war
wieder da, als ob er nichts gegessen hätte: Innerhalb weniger Minuten war alles weg! Mein Tierarzt
sagt ja kategorisch, dass das eben keine Hunde sind, diese Bassets… (im Übrigen ist dies keine
gewerbliche Einschaltung für eine bestimmte Hundefuttermarke, aber wie soll ich denn sonst die
kleinen Details berichten?)
Vor 15 Jahren kam er also zu uns, dieser Arnie, als er noch Asterix hieß, aber obwohl ich ein
Asterix-Fan war, sah ich wenig Ähnlichkeit zwischen einem kleinen Gallier und einem (noch)
kleinen Basset. Unser erster Basset, Aldo, war schon fünf als dieses Baby zu uns kam, was dem
Aldo zunächst lustig erschien, weil er der Meinung war, das sei ein Spielpartner, der ja eh bald
wieder aus unserer 160m²-Wohnung verschwinden würde. Man konnte es Aldo aber förmlich im
Gesicht ansehen, dass er nicht gerade erfreut war, als er feststellte, dass es sich beim kleinen Gast
um einen neuen Wohnungsinsassen handelte, der wohl auch die Aufmerksamkeit seiner
Adoptiveltern reklamierte würde und mit dem er das Futter teilen musste. Aber das gewöhnte bald.
Aldo war die in einen Basset verwandelte Hundeliebe, der uns unerwartet über den Weg lief, aber
schon im frühesten Alter leider alle Symptome der Katzenkrankheit aufwies, nach deren mühsamen
Überwindung er verschiedenste Knochen- und Gelenkprobleme hatte. Er hatte einfach ein steifes
Rückgrat – das ist sicher nicht der entsprechende Veterinärausdruck, er ging eben die Stiege
schwer hinauf. Ein Tierarztschnösel war einmal so aufmerksam um uns zu erzählen, das dieser
Hund (recte Basset!) „keine fünf Jahre alt werden würde“, aber da hatte er ohne den Basset
gerechnet: Aldo wurde gute zwölf! Seine Rückgratprobleme fielen aber nicht einmal so sehr auf, bis
Arnie erschien und wie ein mit Hydropneumatik ausgestatteter Citroen DS in Hundeformat die
Treppe hinaufraste, zeigend wie’s wirklich geht.
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Hundeballspiel – ein Symbol für Vitalität
Einige Wochen sind vergangen, Arnie hat sein beliebtes Ballspiel wieder aufgenommen. Als kleiner
Hund (ich weiß, es ist ein Basset, aber zuweilen muss man ja auch auf Synonyme ausweichen)
brachte ich ihm das Balli-Apportieren bei: Wir haben ein lang gestrecktes Vorzimmer, wo ich einen
kleinen roten Ball zur Türe hin rollte, und Klein-Arnie wie ein Asterix im Zaubertrankrausch
hinterher! Da zeigten sich schon früh seine besonderen Eigenschaften, die bestimmt auch
genetisch bedingt sind; immerhin wurde sein Bruder Aristide, der in Budapest bei beider Mutter
blieb, ein bekannter internationaler Champion. Arnie entwickelte ein besonderes Verhältnis zu
seinem Balli; allein schon bei der Erwähnung dieses Zauberwortes in Sätzen wie „Wo ist dein
Balli?“, begab er sich emsig auf die Suche nach besagtem Objekt, und nachdem das Ballwerfen in
der Wohnung als zu gefährlich für seine Glieder eingestuft wurde – er musste ja immer sehr abrupt
vor der Wohnungstüre stehen bleiben -, entwickelte er den Brauch, auf dem Ball zu kauen und
gleichzeitig ein virtuelles Loch in einem seiner Liegepölster zu graben. Mit der Zeit wurde das eine
Gewohnheit, die er vor jeder Mahlzeit zu tun pflegte: Kaum sah und hörte er, dass Futter im
Kommen war, fing er an zu wühlen. Seit er nicht mehr sehen und auch nicht mehr hören kann,
verlässt er sich wohl auf seinen immer noch exzellenten Geruchssinn, oder ist es gar seine
Intuition, spürt er die Unruhe der anderen nur noch zwei Bassets? Apropos Geruchssinn: Von einer
Freundin, die u.a. Hundeausbildnerin bei der Polizei war, wurde uns bestätigt, dass Arnie ein
großartiger Polizeihund gewesen wäre.
Während seiner letzten Pankreas-Erkrankung, als eigentlich fast all seine Sinnesorgane streikten,
wurde das Ballritual vergessen, sein Balli verschwand in die Truhe aller Spielsachen und ward lange
nicht mehr gesehen. Er wollte ja auch nichts mehr fressen, seine Appetitlosigkeit zeigte uns ja
schon wie schlecht es um ihn gestellt war. Denn wenn ein Basset nichts frisst, ist er schwer krank.
Nun, wie vorhin gesagt, er hat sich mirakelgleich erholt, vor einigen Tagen habe ich ihm das Balli
wieder einmal vor die Nase gelegt, und prompt fing wieder ein sanftes Graben an. Dabei ist ein
weder ein echter Ball noch irgendeiner: Es ist der Unterteil eines roten michelin-artigen Etwas aus
Hartgummi, das beim Aufprallen in alle möglichen Richtungen springen kann, das schon so lange
be-kaut wurde, dass eben der Unterteil sich wie eine Raketenstufe vom gesamten Konstrukt gelöst
hat und übrig geblieben ist. Wehe, man gibt ihm einen anderen Teil oder einen neuen „Ball“ – er
lehnt ihn kategorisch ab – er ist ja kein Hund… Sein Balli hat den bestimmten Geruch, und den will
er haben.
Was zeichnet diesen Methusalem unter den Bassets noch weiter aus? Arnie war nie ein
Schmusetier, obwohl wir zwei – er und ich - jahrelang am frühen Abend miteinander die Couch im
TV-Zimmer geteilt haben, da lag er in voller Länge neben mir und wartete darauf, dass wir uns ins
Schlafzimmer zurückzogen.
Das bringt nebenbei auch noch das Thema „Hund im Bett?“ zur Sprache. Ich bin dagegen,
eindeutig, aber er ist ja ein Basset… Der darf. Als unser erster Basset Aldo gerade erst bei uns war,
wahrscheinlich noch vor seiner Katzen-Erkrankung, musste er in der Küche schlafen. Das tat er
anstandslos, aber machte in der Nacht immer ein Lackerl, obwohl er wusste, dass wir mit ihm
schimpfen würden. Als er dann ins Schlafzimmer eingelassen wurde, war seine Protestreaktion
vorbei. Daher durfte auch Arnie mit ins Allerheiligste unserer Gemächer. Aber „anschmiegsam“ war
er eigentlich nie richtig. Unsere „späteren“ Bassets, die aus Tierschutzheim und Tötungsstation
kamen bzw. von der Straße gerettet wurden, wo man sie angebunden hatte, lechzen nach wie vor,
nach Jahren in unserer Obhut, nach Anerkennung oder einem freundlichen Blick auf der Straße,
unter dem Motto: „Bin ich nicht süß?“. Als Arnie, als Ergebnis einer einmaligen Zucht, von seinem
ersten Zuhause abgeholt wurde, ging er als 6-Wöchiger unerschrocken meiner Frau entgegen, die
gerade ausprobierte, ob er Operngesang mochte; er schien von ihrer kurzen Arie sehr angetan,
und schon wurde er angenommen. (Noch ein Apropos: Kurze Zeit danach wurde meine Frau von
unseren neuen ungarischen Freunden eingeladen, im Budapester Musikverein ein Neujahrskonzert
zu singen – „Arnie hat mir einen Auftritt ermöglicht“, sagte sie damals.
Er war und ist sich seiner noblen Herkunft immer sehr bewusst. Als Aldo mit 12 Jahren starb,
glaubte Arnie sofort, dass er jetzt die Nummer 2 – nach mir! – im Haus war, bis meine Frau ihn
eines Besseren belehrten konnte. Folgsam war er eigentlich immer, aber als Macho hatte er sie
einfach übersehen. Ich kam einmal nach einigen Stunden von einer Einkaufstour nach Haus zurück,
und da saß er vor der Tür, also hinter der Tür, natürlich, in der Wohnung. Da war er noch relativ
jung. Meine Frau berichtete, dass er sich nicht von der Tür wegbewegt habe, seit ich weg war. Für
mich war das etwas erstaunlich, aber auch wieder logisch. Ich erzählte ihr, dass ich Arnie beim
Weggehen gesagt hätte: „You stay here, I’ll be back!“ (Englisch ist unsere lingua franca), und das
hatte er wörtlich genommen.
15 Jahre eines Bassetlebens sind eine lange Zeit, die meisten Menschen-Ehen halten nicht so
lange. Anekdoten gibt es zahlreiche, aber das Bemerkenswerte an Arnie ist und bleibt seine starke
Konstitution. Vor einigen Jahren wurde ein Herzklappenfehler bei ihm festgestellt, aber er war
eigentlich immer der Gesündeste all unserer Tiere. Das hat ihm sicher geholfen, als wir schon
glaubten, dass es zu Ende ging, vor ca. drei Monaten. Seit damals aber staunen wir nur noch über
sein Alter, die wieder erlangten Lebenskräfte, die Lust zu leben. Natürlich geht er wie ein alter
Mann, ist ziemlich inkontinent, aber kann sich beherrschen, wenn die Intervalle nicht zu lang sind.
Nur bei seiner Entladungen bleibt er nie stehen, sodass in unserem Bezirk auf manchen Gehsteigen
sehr schöne Pinkelmuster zu bewundern sind, die sich über einige Meter erstrecken können. Bei
„groß“ ist das problematischer, aber wir haben das auch „im Griff“.
Bald ist er 15 ½, wenn er noch ein bisserl mitmacht. Er schluckt einige Herztabletten 2x am Tag,
wie es seinem Alter – von ca. 95 Menschenjahren – entspricht. Jeder Tag ist ein Geschenk, das
sagen die Tierärzte, das wissen wir. Aber auch da unterscheiden sich Menschen nicht allzu sehr von
Bassets. Es ist schön, dass er da ist, unser Methusalem. Viva Arnie!
Wien, Feber 2012
© Jan A. van der Brugge
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