Die Braunschweiger Galerie auf Zeit wagt etwas

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Galerien haben es im Allgemeinen mit Kunstwerken der bildenden Kunst zu tun. Die
Braunschweiger „Galerie auf Zeit“ hält sich in schöner Regelmäßigkeit nicht an diese
funktionelle Engführung, insofern sie sich auch als Ort für literarische Lesungen und
musikalische Performances versteht.
Jetzt
geht
man
dort
einen
Schritt
weiter,
wagt
Neues.
Eine
Musik
-
Veranstaltungsreihe mit festen Terminen. Es geht dabei nicht um eine Verknüpfung
von Musik und Bildern, wie es das Schweizer Jazzquartett um Matthias Tschopp
unlängst hier in Braunschweig vorführte: Es ließ sich bei den Kompositionen und
der Improvisation von Bildern Mirós inspirieren. Auch geht es nicht um eine JazzLyrik-Performance, wie sie Aki Takase und Yoko Tawada in der Bartholomäuskirche
zu Braunschweig gestalteten.
Das neue Projekt der Galerie auf Zeit ist ganz anders angelegt. Es geht um Musik
pur. Musiker aus der Braunschweiger Region unter der Federführung des
Saxophonisten Marcel Reginatto kommen immer am ersten Mittwoch eines Monats
in den Galerieräumen zusammen, um frei zu improvisieren. Ein erster Auftritt fand
bereits am 3. Juni statt. Nach dem Konzert ergab sich die Gelegenheit für Gespräche
zur Intention des Ganzen mit Galeriechef Hans Gerd Hahn und Marcel Reginatto
Herr Hahn, wie kamen Sie auf die Idee, eine musikalische Improvisationsreihe in der Galerie
zu etablieren?
Mich interessieren kreative Vorgänge, egal, ob in der Malerei, der Literatur oder eben
der Musik. Nicht das, was schon bekannt ist, gehört in die „Galerie auf Zeit“. Wir
sind kein Museum. Improvisierte Musik, aus dem Moment heraus geborene Musik,
ist faszinierend. Und im Saxofonisten Marcel Reginatto fand ich gleich einen
gleichgesinnten Partner.
Aber, dass jemand an freier Improvisation Gefallen findet und sie etablieren will, das ist eher
ungewöhnlich.
Naja, das hat wohl etwas mit meiner Biographie zu tun. Ich stamme, wenn man so
will, aus dem Ursprungsort des deutschen Free Jazz. Remscheid. Dort ist auch Peter
Brötzmann, der große alte Mann der freien Improvisation geboren und in Wuppertal
dann aktiv gewesen,. Ebenfalls Peter Kowald. In Berlin war ich dann oft beim „Total
Music Meeting“. Kowald und Brötzmann sind übrigens auch stets offen für andere
Künste gewesen, haben als Maler, Grafiker, Objektkünstler usw. gewirkt. Kowald hat
mit Pina Bauschs Tanztheater kooperiert.
Marcel, ihr habt euch bei eurem Auftritt Anfang Juni an der Arbeit des Art Ensemble of
Chicago orientiert. Warum das?
Das Art Ensemble hat zum einen die Musik geöffnet für andere Künste, also Tanz,
Literatur, Theater. Sie haben aber auch die Musik von formalen Fesseln befreit. Free
Music: Lösung von harmonischen und melodischen Regeln, Einbeziehung von
Geräuschen, die tonal nicht notierbar sind. Andererseits aber auch Rückgriffe auf
viele Traditionen. Also ein spannendes Geflecht aus Regelverletzung und Beachtung
traditioneller Vorgaben.
Free Jazz hat aber den Ruf eher ungenießbar zu sein und vor allem völlig willkürlich,
gesetzlos im Zusammenspiel. Jeder Depp könne das mitmachen und behaupten, Musiker zu
sein.
Naja, das wirft man ja den „bildenden“ Künstlern auch vor. „Das kann ja jeder!“
Denk an Jackson Pollock. Es gab da sicherlich auch den einen oder anderen
Auswuchs. Aber das war nicht die Regel. Worauf es beim freien Improvisieren
ankommt, ist ja das Interplay, die Kommunikation miteinander. Ein Laie, der
musikalisches Können vortäuscht, kann nicht auf die anderen Musiker reagieren.
Das kann man dann schnell merken.
Aber: Wenn das nicht alles Subjektivismus, Zufall oder Hirnlosigkeit sein soll, dann
beschreib doch mal, was bei eurem freien Improvisieren abläuft.
Jemand beginnt, mit einer Tonfolge etwa. Die muss er fortsetzen. Die Mitspieler
müssen darauf reagieren. Wenn man Harmonien erkennt – was setzt man ihnen
entgegen? Wie erweitert oder verengt man sie? Gelangt man zu harmonischen
Grenzfällen, also Kreuzwegen, die man so oder so fortsetzen kann? Dass man in
ganz andere tonale Gefilde kommt. Dann können zwei Wege zugleich beschritten
werden. Man kann natürlich auch destruktiv vorgehen. Harmonien zerstören. Wie
aber reagieren dann die anderen Musiker darauf? Das ist sehr komplex und
schwierig und hat nichts mit unstrukturiertem Chaos zu tun.
Ja, auffällig war, dass Heinrich Römisch oft ostinate Figuren auf seinem Bass unterlegte,
quasi das Fundament für das Spiel von Jose Gaviras Flötenspiel und deinem Saxofon- bzw.
Walter Kuhlgatz‘ Trompetenspiel lieferte.
Wir haben kein Schlagzeug dabei, da hilft der Bass dann. Aber es ist eben auch eine
Möglichkeit, alle zu einer musikalischen Reaktion zu zwingen. Andererseits: wenn
alle diese Bassfigur variiert aufnehmen, kann es zu schönen harmonischen
Momenten führen.
Herr Hahn, soll es denn bei dieser Orientierung am Art Ensemble bleiben?
Nein, überhaupt nicht. Das war ein Einstieg. Es wurde ja auch nicht deren Musik
gecovert, sondern nur ihr musikalischer Ansatz aufgegriffen. Es geht überhaupt
nicht darum, irgendwelche Songs nachzuspielen. Uns schwebt vor, dass sich immer
wieder andere Musiker aus unserer Region zusammen tun und ihre Wege des freien
Improvisierens beschreiten. So kann man die ganze Bandbreite musikalischer
Kreativität erfahren. Das ist doch spannend! Und man kann dann doch als Zuhörer
mit den Musikern reden und eventuell Einfluss auf die Musik nehmen, Ideen
vortragen. Die Zuhörer sind ja nicht passive Konsumenten. Es gibt z.B.
Überlegungen,
die
Jazzsängerin
Britta
Rex
mit
anderen
Sängerinnen
Vokalimprovisationen versuchen zu lassen. Aber alles das ist offen, nicht ein
organisiertes Konzert. Wer weiß, was sich da noch an Möglichkeiten ergibt.
Das nächste Mal wird also am 1. Juli improvisiert. Man darf gespannt sein.
Klaus Gohlke
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