Schulverweigerung: Schulangst -Schulphobie

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Schulverweigerung
Schulangst – Schulphobie Schulschwänzen
Dr. med. O. Niethammer
FA. für Kinder und Jugendpsychiatrie und psychotherapie
Gliederung
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16.05.2016
Definition und Klassifikation
Ätiologie und Pathogenese
Diagnostik
Therapie
Vortrag 25.03.2009
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nicht psychisch
bedingt
(Krankheit,
Hilfe im elterlichen Betrieb, etc.)
depressive
Episode
Abwesenheit von
der Schule
Störung des
Sozialverhaltens
“Schulschwänzen”
Schizophrene
Psychosen
Anpassungs- und
Belastungsstörungen
Schulverweigerung
Trennungsangst
„Schulphobie“
Agoraphobie
Panikstörung
Spezifische Phobie
Soziale Ängstlichkeit
Generalisierte Angststörung
„Schulangst“
Differentialdiagnose der Schulverweigerung
Schulphobie
Schulangst
Schulschwänzen
Angst in der
Schulsituation
Latent
Vorhanden,
wechselnde Intensität
Fehlt
Somatisierung
Stark
Wechselnd
Fehlt
Persönlichkeit
Ängstlich, sensitiv,
depressiv
Ängstlich, sensitiv
Aggressiv, dissozial
Intelligenz
Durchschnittlich bis
hoch
Durchschnittlich,
heterogenes Profil
Durchschnittlich bis
erniedrigt
Lernstörung
Fehlen
Häufig vorhanden
Häufig vorhanden
Elternverhalten
Überprotektiv,
bindend
Unspezifisch
Vernachlässigend
Schulbesuch
Mit Wissen der
Eltern chronisch
unterbrochen
Mit Wissen der Eltern
sporadisch
unterbrochen
Ohne Wissen der
Eltern sporadisch /
chronisch
unterbrochen
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Vortrag 25.03.2009
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Differentialdiagnose der Schulverweigerung
Schulphobie
Schulangst
Schulschwänzen
Symptomgenese
Trennungsangst
und Verschiebung
auf das Objekt
Schule
Ausweichen vor
Schulsituationen aus
Angst vor Kränkung
und Demütigung
Vermeiden
unlustgetönter
Situationen durch
Überwechseln in
lustbetonte
Verhaltensweisen
Pathogene
Faktoren
Elterliche
Überfürsorge,
ängstlicher
kindlicher Charakter
Psychische oder
physische
Insuffizienz
-Teilleistung
-psych. Stg.
-Überforderung
-“Mobbing“
-Lehrerverhalten
Erziehungsdefizite,
mangelnde
Gewissensbildung,
Aber auch
Teilleistungsstörungen
und psych. Stg.
Diagnosen nach
ICD-10
F93.0
F93.1, F93.2, F40.x,
F41.x, F80.x
F91.x, F80.x
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Vortrag 25.03.2009
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Diagnostische Klassifizierung
nach ICD-10
• F93.0: Störung mit Trennungsangst des
Kindesalters
• F93.1: Phobische Störung des Kindesalters
• F93.2: Störung mit sozialer Ängstlichkeit des
Kindesalters
• F40.0: Agoraphobie
• F40.1: Soziale Phobie
• F40.2: Spezifische (isolierte) Phobie
• F41.0: Panikstörung
• F41.1: Generalisierte Angststörung
• F41.3: Angst und Depression gemischt
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Vortrag 25.03.2009
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Emotionale Störung mit
Trennungsangst des Kindesalters
(F93.0)
Schulphobie
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Vortrag 25.03.2009
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Emotionale Störung mit Trennungsangst
des Kindesalters (F93.0)
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Unrealistische, vereinnahmende Besorgnis über mögliches Unheil,
das Hauptbezugspersonen zustoßen könnte, oder Furcht, dass sie
weggehen und nicht wiederkommen könnten.
Unrealistische, vereinnahmende Besorgnis, dass irgendein
unglückliches Ereignis das Kind von einer Hauptbezugsperson
trennen werde – beispielsweise, dass das Kind verlorengeht,
gekidnappt, ins Krankenhaus gebracht oder getötet wird.
Aus Furcht vor der Trennung (mehr als aus anderen Gründen, wie
Furcht vor Ereignissen in der Schule) resultierende, überdauernde
Abneigung oder Weigerung, die Schule zu besuchen.
Anhaltende, unangemessene Furcht, allein oder tagsüber ohne
eine Hauptbezugsperson zu Hause zu sein.
Wiederholte Alpträume über Trennung
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Emotionale Störung mit Trennungsangst
des Kindesalters (F93.0)
• Wiederholtes Auftreten somatischer Symptome (wie
Übelkeit, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Erbrechen) bei
Trennung von einer Hauptbezugsperson, z.B. beim
Verlassen des Hauses, um in die Schule zu gehen.
• Extremes wiederkehrendes Unglücklich sein (z.B. Angst,
Schreien, Wutausbrüche, Apathie oder sozialer Rückzug) in
Erwartung von, während oder unmittelbar nach der
Trennung von einer Hauptbezugsperson.
• Mindestens drei der aufgelisteten Symptome treten für eine
Dauer von mindestens vier Wochen auf. Alter unter 18 Jahre
und erste Symptome vor dem 6. Lebensjahr.
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Spezifische Phobie (F40.2)
Schulangst
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Spezifische Phobie
• Phobien sind abnorm intensive, auf bestimmte
Objekte oder Situationen bezogene Ängste, die
– Situationsunangemessen sind,
– von den betroffenen Personen nicht erklärt oder
rationalisiert werden können,
– nicht unter willentlicher Kontrolle stehen,
– zu einer Vermeidung der gefürchteten Objekte oder
Situationen führen.
– Allein die Vorstellung, dass die phobische Situation
eintreten könnte, erzeugt Erwartungsangst.
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Schulangst
• Angstsymptome klinischen Ausmaßes, die
spezifisch durch schulische Erfahrungen
begründet sind.
• Schulverweigerung
• Keine organische Grunderkrankung
• Kritik an ICD-10: berechtigte Ängste
werden nicht klassifiziert
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Vortrag 25.03.2009
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Ätiologie und Pathogenese
• Vulnerabilitätsmodell
• Multifaktoriell bedingt
• Interaktion biologischer und
psychosozialer Faktoren
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Vortrag 25.03.2009
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Ätiologie und Pathogenese
Schulphobie
• Vulnerabilität (biologische Faktoren)
– Temperament
– Ängstliche Disposition
• Lerneinflüsse aus dem familiären Zusammenleben
– Wechselseitige Ängste
– Mangelnde Abgrenzung zwischen Eltern und Kind
– Modelleinflüsse der Eltern
– Familiäre Erziehungseinflüsse (Überbehütung, sozial
unauffällig)
– Bewertung körperlicher Beschwerden
• Psychische oder körperliche Erkrankungen in der Familie,
„schicksalhafte zufällige“ Lebensereignisse
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Ätiologie und Pathogenese
Schulphobie
• Kognitive und biologische
Begleiterscheinungen der
Angstreaktion gelten wiederum als
angstauslösend und angsterhaltend
(die Trennungsangst wird autonom).
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Vortrag 25.03.2009
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Ätiologie und Pathogenese
Schulangst
• Vulnerabilität (biologische Faktoren)
– Temperament
– Ängstliche Disposition
• Negative Erfahrungen im Zusammenhang mit
dem Schulbesuch
–
–
–
–
–
–
Hänseleien
Misshandlungen
Schlechte Leistungen
Teilleistungsstörungen
Bloßstellungen durch Lehrer
Lernlücken durch Schulversäumnisse
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Vortrag 25.03.2009
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Vorfeld
allgemeine Ängste, Unbehagen mit der Schule und
mit der Trennung von zu Hause, wenig
Freundschaften, Erwartungsangst vor der Schule,
soziale Unsicherheit (betrifft ca. 10-12% der Kinder)
Auslöser
Belastende Einflüsse auf den Schulbesuch und
typische Auslöser für Verweigerung:
Umzug, Schulwechsel, Scheidung,
Trennungserfahrung, Überforderung, geringe soziale
Kontrolle und mangelnde familiäre Unterstützung,
Mißerfolg in der Schule, Konflikt mit
Klassenkameraden und Lehrern
Symptom
Formen der Schulverweigerung
Schulphobie – Schulangst – Schulschwänzen
(betrifft ca. 5-8% der Kinder)
Häufigkeiten
•
•
•
•
Angststörungen insgesamt: 10-15%
Soziale Ängste: 1 – 4,6%
Stg. mit Trennungsangst: 1-5 %
Panikstg.: 0,6 – 4,7 %
• Häufige Komorbidität mit verschiedenen
Angststörungen und depressiven
Episoden, aber auch mit ADHS und Stg.
des Sozialverhaltens.
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Häufigkeiten
• Schulverweigerung: 5%
– Zwei Altersgipfel: 5-6Jahre / 10-11Jahre
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Adaptive multimodale Diagnostik
und Therapie
Adaptiv – woran ?
• An die individuelle Problematik
– Schweregrad
– Komorbide Störungen
• An die Rahmenbedingungen
–
–
–
–
–
Alter / Problemeinsicht Patient, Bezugspersonen
Motivation Patient, Bezugspersonen
Kompetenzen Patient, Bezugspersonen
Ressourcen Familie, Schule, Umfeld
Ressourcen des diagnostisch-therapeutischen Angebots
• An die individuellen Erwartungen
– Des Patienten
– Seiner Bezugspersonen
• An den Verlauf
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Adaptive multimodale Diagnostik
und Therapie
Multimodal – worin?
• In der Diagnostik
– Verschiedene Ebenen, Methoden,
Beurteiler
• In der Therapie
– Psychoedukation
– Psychologische Interventionen
– Pharmakotherapie
– Fallmanagment
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Eingangsdiagnostik
• Exploration von Kind/Jugendlichem, Eltern,
Lehrer/Erzieher
• Verhaltensbeobachtung während Exploration und
während anderer Untersuchungen
• Fragebogen-Screening
• Testdiagnostik
• Internistisch-neurologische Abklärung
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Exploration
•
•
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•
•
•
Aktuelle Symptomatik, Ausmaß der Beeinträchtigung
Komorbiditäten / Differentialdiagnosen
Stärken/Interessen/Hobbys (Ressourcen)
Störungsspezifische Entwicklungsgeschichte
Medizinische Anamnese
Familienanamnese
Bedrohliche Erkrankungen oder Konflikte bei
Bezugspersonen
• Bedingungen Kindergarten/Schule/Gleichaltrigengruppe
• Therapien/bisherige Bewältigungsversuche
• Störungskonzept/Erwartungen/Ziele/Motivation
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Testdiagnostik
• Intelligenztestung
• Testung von schulischen
Teilleistungen bei Hinweisen auf
Probleme
• Konzentrationstests bei Hinweisen
auf Probleme
• Persönlichkeitstests
• Projektive Tests
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Formen der Schulverweigerung
Schwerpunkt im
therapeutischen Vorgehen
Wer neben
dem
Schulverweiger
er in erster
Linie
involviert?
Schulangst wegen
Leistungsdefiziten / Überforderung
Schul- oder Klassenwechsel,
angemessene
Leistungsanforderungen,
pädagogogische Maßnahmen
Schule + Eltern
Schulangst bei Lernblockaden
(ohne Überforderung),
Prüfungsängsten, Ängsten vor
Situationen in der Schule
verhaltenstherapeutisches
Vorgehen
TherapeutIn
Schulphobie
Sofortmaßnahme:
TherapeutIn +
Wiederherstellung des
Eltern
Schulbesuchs unter Abbau der
Widerstände durch pädagogische
und verhaltenstherapeuttische
Maßnahmen. Flankierend, später
intensiver: bezogene
Interventionen zur Bearbeitung
der engen Beziehungsmuster,
tiefenpsychologische und
analytische Ansätze, um
neurotische Widerstände,
Selbstwertprobleme und innere
Konflikte zu lösen
Schulschwänzen
Pädagogische Maßnahme, unter
Umständen Einbeziehung der
Jugendhilfe
Schule + Eltern +
Jugendhilfe
Allgemeine Behandlungsprinzipien der
Schulphobie
• Aufklärung, Verständnis für die Art der Störung gewinnen
• Möglichst schnelle Wiedereingliederung in die Schule. Je
länger die Schulverweigerung andauert, umso häufiger
kommt es in der Familie zu einem sekundär pathogenen
Zirkel. Familie ermutigen Trennungserfahrungen einzuleiten
• Herausarbeitung, dass keine körperliche Erkrankung
besteht. Anerkennung, dass körperliche Beschwerden
tatsächlich gegeben sind, aber einer anderen Bewertung
bedürfen (kognitive Neubewertung)
• Bestärkung der Eltern klare und durchsetzbare
Entscheidungen zu treffen und diese auch konsequent
umzusetzen. Kinder und Jugendliche in die Absprachen mit
einbeziehen.
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Allgemeine Behandlungsprinzipien der
Schulphobie
• Koordination der Maßnahmen mit allen
involvierten Stellen.
• Hilfe durch andere Bezugspersonen
• Trennungsängste auf Seiten der Eltern sind zu
berücksichtigen
• Behandlungssetting: je nach Schweregrad und
Beeinträchtigung sowie vorhandener Ressourcen
/ Compliance ambulant, teilstationär oder
vollstationär.
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Therapeutische Interventionen
•
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•
•
•
Kognitive Verhaltenstherapie, analytische Kinderund Jugendlichenpsychotherapie, systemische
Therapie, ...
Gruppentherapie / Training sozialer Kompetenzen
medikamentöse Therapie (v. a. Antidepressiva) in
Kombination mit Psychotherapie
Familienbezogene Interventionen
Psychosoziale und schulbezogene Interventionen
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Interventionen
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•
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Psychoedukation
Selbstbeobachtung
Expositionsbehandlung
Entspannungsverfahren
Kognitive Umstrukturierung
Modelllernen
Belohnung
Einbezug der Familie
Einbezug der Schule
Zusammenarbeit mit anderen Professionen
Therapie der Eltern
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Therapeutische Interventionen - VT
Vorgehen bei angstbedingter Schulverweigerung (Modell)
Sorgfältige Erfassung aller relevanten Faktoren (Kind, Familie, Schule,
professionelles Helfersystem)
Sorgfältige Erfassung der kindlichen Fähigkeiten und der
Symptomatik
Identifikation prädisponierender, auslösender und
aufrechterhaltender Faktoren
Besprechung der Ergebnisse der Diagnostikphase mit allen
relevanten Personen (incl. Psychoedukation)
Unterschiedliche Strategien wählen, je nach individueller Problematik
Bei Trennungsangst v. a. Lockerung der Eltern-Kind-Beziehung
und Selbstwirksamkeitserfahrung beim Kind fördern
Therapeutische Interventionen -VT
Unterschiedliche Strategien wählen, je nach individueller Problematik
Bei Furcht vor Mitschülern, Mobbing, Viktimisierung durch
Lehrkräfte  Gemeinsame Gespräche mit allen relevanten
Personen zur Klärung, Begleitung der Konfliktklärung usw., ggf.
Klassen- oder Schulwechsel
Bei Angst vor Schulversagen (Leistungsversagen) Förderung
der schulischen Ressourcen (auch ggf. Nachhilfe), Wechsel der
Schule bzw. des Schultyps, Förderung von Selbstwert,
Kontaktfähigkeit, sozialen Kompetenzen und der
Frustrationstoleranz
Gute Planung des Rückkehrprozesses in die Schulsituation
Ggf. Einführung eines Belohnungssystems (Schaffung von Anreizen,
um die vor allem zu Anfang auftretenden Ängste besser zu tolerieren)
Rückfallprävention (besonders erster Schultag, nach Wochenenden,
nach Krankheitsphase, nach Ferien)
Therapeutische Interventionen – Familientherapie
Wichtige Aspekte
kontxtuelle Veränderungen so begleiten, dass sie von Schüler und
Familie nicht als Kränkung, sondern als Chance zum Neuanfang erlebt
werden können: Jeder muss sein Gesicht wahren können.
•dass kontextuelle Veränderungen auch von Lehrkräften,
Jugendamtsmitarbeitern, behandelnden Ärzten etc. annähernd als
Win-Win-Prozess angesehen werden können
•mit Kind und Familie Sichtweisen erarbeiten, die die Schule für deren
Empfinden „einfacher, erfolgversprechender, annehmbarer machen“
•
Therapeutische Interventionen – Familientherapie
Bei Schulangst und Schulphobie bewährte Therapie-elemente
Kontextualisierung des schulverweigernden Verhaltens
Wo, wann, wie ist Schulverweigerung aufgetreten?
Wie haben die Familienmitglieder und andere darauf reagiert?
Wie gehen Eltern, Partner, Geschwister mit Gefühlen der Angst
um?
Welche Lösungsstrategien wurden bisher erfolgreich / nicht
erfolgreich eingesetzt.
Auftragsklärung
Was kann die Therapie leisten, was nicht?
Unmögliche Aufträge oder einseitige Aufträge an Therapeut
zurückweisen und alle mit einbeziehen.
Therapeutische Interventionen – Familientherapie
Bei Schulangst und Schulphobie bewährte Therapie-elemente
Die „guten“ Gründe für schulverweigerndes Verhalten
Wofür kann die Schulverweigerung nützlich sein?
Wo, wann und für wen kann das Verhalten sinnvoll und nützlich
sein?
„Angenommen, die Schulangst wäre für etwas gut und wichtig,
wofür könnte das sein?“
„Angenommen, es gäbe gute Gründe für Schulangst, welche
könnten dies sein?“
Visionen – die Schulverweigerer in 5 Jahren
„Angenommen, wir würden einen Sprung in die Zukunft machen,
wie werden Sie, jeder einzeln und Sie als Familie in zwei/in fünf
Jahren leben?“
„Was ist Ihre Vision von der Zukunft?“
Therapeutische Interventionen – Familientherapie
Bei Schulangst und Schulphobie bewährte Therapie-elemente
Ressourcenaktivierung – Was die Familienmitglieder hinsichtlich der
Schulangst tun können
Es empfiehlt sich, den Lösungs- und Bewältigungsraum
der Familienmitglieder ausführlich zu explorieren ... 
Information über vorhandene (evtl. verschüttete)
Problemlösungskompetenzen ...
Wie wurden ähnlich Krisen in der Vergangenheit
bewältigt?
Wenn das Kind früher oder zwischenzeitlich
ausnahmsweise in die Schule ging, was war dann anders?
„Angenommen, Sie würden heute ein gutes Gespräch
führen, was würden Sie ggf. am Ende des Gespräches
anders machen, was die Schulangst betrifft?“
VT-Interventionen als flankierende Maßnahmen
Familieninteraktionstypen
Schulverweigerer innerhalb verstrickter Familieninteraktion  Abhängigkeit,
Überbehütung, abwesender oder depressiver Vater Trennungsangst oder
negative Trennungserfahrungen
•Schulverweigerer innerhalb konflikthafter Familieninteraktionen hohes
Konfliktniveau, Streit und Feindseligkeit bis hin zur Gewalt
•Schulverweigerer innerhalb isolierter Familieninteraktionen Familie mit
wenig sozialen Kontakten zur Aussenwelt, wenig Inanspruchnahme von
Helfern, Misstrauen gegenüber Helfern und Institutionen
•Schulverweigerer innerhalb gesunder Familieninteraktionen nicht immer
liegen auffällige familiäre Strukturen oder Interaktionen vor oder zugrunde,
meist liegen dann aber auch einfachere und leichter lösbare Formen der
Schulverweigerung vor ...
•In der Praxis oft Mischformen der o. g. Typen!
•
Kasuistik
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Vortrag 25.03.2009
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Kasuistik
• Weiblich, 9 Jahre, 4. Kl. Grundschule
• Vorstellungsgrund: Auf Initiative der Eltern wegen
seit ca. 3 Wochen bestehender Angst vor der
Schule. Sie habe große Angst das ihr etwas
zustößt, das sie krank sei und sterben müsse, sie
mache sich viele Gedanken, stehe zu Hause vor
dem Kreuz und bete. Müsse schnell weinen,
berichte von Schwindel und Bauchschmerzen in
der Früh, schlage sich dann selber gegen den
Kopf, damit der Schwindel weg gehe.
Kasuistik
• Frühkindliche Entwicklung unauffällig
• Kiga: keine Trennungsangst, sozial isoliert,
wenig Kontakt mit Gleichaltrigen.
– Dies sei auch heute noch der Fall. Außerhalb der
Schule habe sie wenig Kontakt zu Gleichaltrigen,
sei jedoch in den Freundeskreis der älteren
Schwester integriert.
• Regelrechte Einschulung im Alter von 6 Jahren
in die Grundschule. Dort gutes Sozialverhalten,
gutes Lern- und Arbeitsverhalten sowie gute
Leistungen. In den Zeugnissen finden sich keine
Auffälligkeiten.
Kasuistik
• Ende letzten Schuljahres habe es eine Situation gegeben, in
der Isabel hyperventiliert habe, Angst und Panik geäußert
habe sowie stark geweint habe. Sie dann auch zur
Überwachung ins Krankenhaus gekommen.
• Die erste Schulwoche sei positiv verlaufen. Ab der 2.
Schulwoche sei sie krank gewesen, zunächst mit einem
Krupp-Husten, danach mit einer sich über 2 Wochen
hinziehende Magen-Darm-Grippe, mit Übelkeit, Erbrechen
und Diarrhoe. Seit 2 Wochen organisch, körperlich wieder
gesund, jedoch weiterhin morgens Bauchschmerzen und
Schwindel, wolle nicht in die Schule gehen, gebe an Angst
zu haben in der Schule zu spucken oder dass es ihr übel
werde. Aktuell sei die Situation in der Früh sehr schwierig,
Isabel wolle nicht in die Schule gehen, weine, klage über
Bauchschmerzen und Schwindel. Es dauere eine 1/2 bis 3/4
Stunde bis die Mutter sie dazu überreden könne in die
Schule zu gehen.
Kasuistik
• Familiäre Situation:
– Isabel lebt gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer 1996
geborenen Schwester Chantal in MM. Die Eltern sind
getrennt seit 2001, die Scheidung erfolgte 2002. Von
2004 bis 2005 erfolgte ein erneutes Zusammenleben der
Eltern. Ab 2005 endgültige Trennung der Eltern.
Regelmäßige Besuchskontakte zum Vater alle 14 Tage
sowie jeden Mittwoch Nachmittag. Hinsichtlich der
Kinder klare Absprachen zwischen den Eltern.
– Die Mutter hatte eine weitere Partnerschaft zwischen
2001 bis 2004 unterbrochen durch das Zusammenleben
mit dem Vater von Isabel von 2004 bis 2005 und danach
erneut von 2005 bis Februar 2008. Der Vater hatte
bisher keine neue Partnerschaft. Aktuell bahnt sich
jedoch eine neue Partnerschaft an, dies weiß Isabel seit
ca. 4 Wochen.
Kasuistik
• Psychische Erkrankungen in der Familie:
– Dies wird von den Eltern zunächst verneint.
Nach Nachfrage ob es Depressionen, Ängste
oder Phobien gegeben habe, berichtet der
Vater zunächst, das er 2002 nach der
Trennung wegen einer depressiven Reaktion
für ca. 1/2 Jahr Beratungsgespräche in
Anspruch genommen hat. Die Mutter berichtet
auf Hinweise durch den Vater von einer
depressiven Reaktion 1994 im Rahmen
schwieriger Lebensumstände mit einer
früheren Partnerschaft.
Kasuistik
• Hypothesen der Eltern:
Aufmerksamkeitssuche; auf Grund
der Krankheit, Eltern verstärkt um sie
herum; Wunsch nach erneutem
Zusammenleben der Eltern; vor 4
Wochen Isabel mitbekommen, dass
der Vater eine Bekannte hat, seither
starke Fixierung auf die Mutter.
Kasuistik
• Psychischer Befund:
– Wache und bewusstseinsklare Patientin, die zunächst
sehr schüchtern, aber freundlich in Kontakt geht, dann
aber sehr offen über ihre Familie und ihre Probleme
berichtet und dabei auch sehr vertrauensvoll Gründe für
ihre Probleme erfragt. Die Patientin berichtet
Bauchschmerzen und Übelkeit vor dem Unterricht.
Patientin verhält sich angepaßt, berichtet Ängste vor den
Lehrerinnen in ihrer Klasse und Schulverweigerung;
anfänglich Antrieb leicht reduziert und Stimmung
gedrückt, später aber ungestört; Aufmerksamkeit,
Ausdauer und Impulskontrolle ungestört; kein Anhalt für
psychotisches Geschehen oder Zwangssymptomatik;
kein Hinweis auf Suizidalität.
Kasuistik
• Diagnostik:
– CFT 20-R: überdurchschnittliche
Intelligenz
– CBCL / TRF / FBB-DES / FBB-ANZ
– AFS / DIKJ / PFK
– Selbstbild, Baum , FiT
– Psychoedukation
– Kognitive Umstrukturierung (Wochenplan,
„Wettkampf der Gedanken“)
Kasuistik
• Bei guter Begabung, aber sozialen Defiziten zeigt die
Patientin regressives Verhalten, indem sie starken Kontakt
zur Km und Schwester herstellt und nicht wie ihre
Altersgruppe zu Gleichaltrigen. Diese Tendenz werde auch
in dem Berichten von körperlichen Beschwerden deutlich,
die zu Zuwendung durch die Ke führe. Die nicht erfüllte
Entwicklungsaufgabe führe schließlich auch zu depressiven
Verstimmungszuständen und reduziertem Antrieb und
Aktivität. Dringende Empfehlung, die Patientin in einen
Verein, evtl. Sportverein zu integrieren.
• Des Weiteren boten wir einen erneuten Kontakt an mit Ke
und Isabel, um den weiteren Verlauf zu beobachten sowie
ein SKT, um die sozialen Defizite zu reduzieren. Adäquaten
Umgang beim Berichten körperlicher Beschwerden
besprochen.
• Anamnestisch bestätigt die Km zwanghafte Tendenzen bzgl.
Ordnung und Sauberkeit.
Kasuistik
• Nach drei Wochen Rückfall
• Familiendynamik wird sichtbar:
– KM hatte sich wieder Hoffnungen auf Partnerschaft mit
KV gemacht, Enttäuschung über dessen Partnerschaft.
– Pat. hat auch Wunsch nach erneuter Partnerschaft der
Eltern.
• Mit der Km wurde besprochen, dass die körperlichen
Beschwerden nicht mit der Schule in Zusammenhang
gebracht werden, sondern dass es eher darum geht,
dass sich die Patientin nicht von den Ke trennen
möchte aufgrund einer Verlustangst und Enttäuschung
der Hoffnung, dass die Ke wieder zusammen ziehen
könnten, die sich mit der neuen Partnerin des Kv
zeigte.
Kasuistik
• Klärung mit den Eltern
• Klärung mit Eltern und Pat.
• Wh. aufklärende und strukturierende Gespräche
mit den Eltern
• Positive Verstärker
• Ressourcenorientierte und aufklärende
Einzelarbeit mit Pat.
• Autogenes Training, Malschule
• Kurzfristige Überlegung einer antidepressiven
Medikation wegen gereizt-dysphorischer
Stimmung
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